Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
4 Die Stufenleiter
der erzieherischen Methoden
Die Tatsache,
daß das menschliche Individuum die Welt immerzu als ein außerhalb
seiner selbst befindliches Objekt betrachtet und sich ihr in vielfältiger
Weise beinahe hoffnungslos ausgeliefert fühlt, nötigt es dazu,
sie zu studieren, ihre Struktur und ihren Aufbau zu erforschen und seine
Beziehung zu ihr begreifen zu lernen. Das Subjekt (Adhyatma) steht dem
Objekt (Adhibhuta) als einer unbegreiflichen Größe gegenüber,
von dem es manchmal unterhalten wird, indem dieses seine Bedürfnisse
befriedigt und seine Sehnsüchte erfüllt, und das immer dann mit
schrecklichen Konsequenzen droht, wenn sich das Subjekt nicht an die Gesetze
hält, nach denen das Objekt wirkt. Diese unsichere Situation des Menschen
in der Welt hat ihn dazu gezwungen, die Welt in all ihren Erscheinungen
zu studieren, und dies ist es, was wir für gewöhnlich den Vorgang
der Erziehung oder Bildung nennen.
Was tun wir,
wenn wir in eine schulische Institution eintreten? Direkt von den Frühstadien
der Kindheit an bis hinauf zu dem, was wir als die volle Reife des Geistes
erachten, wird der Schüler in eine Reihe von Studien und Untersuchungen
eingeführt, deren Themenbereiche laut Lehrplan in einer stufenweise
zunehmenden Komplexität und Tiefgründigkeit methodisch durchlaufen
werden. Für gewöhnlich beginnen die Eltern bereits zu Hause mit
der Erziehung des Kindes, bevor es in die Schule kommt, indem sie ihm das
Grundwissen über die Umwelt und deren direkte soziale Bedeutung für
den täglichen Ablauf zu Hause vermitteln, wie zum Beispiel die Namen
der sieben Wochentage sowie die Verbindung dieser Tage mit den sieben Planeten
, die diesen Tagen vorstehen; die Namen der zwölf Monate des Jahres
und ein grobes Wissen über die Familienbräuche, Familientraditionen
und die generellen Beziehungen zu den Nachbarn im Ort, in der Stadt und
so weiter. In orthodoxeren Kreisen, wo die Menschen in einer religiösen
Tradition aufgezogen wurden, erzählt man dem Kind, daß es Götter
gibt, die die Welt regieren und denen man täglich Gebete darbringen
muß, um materiellen Nutzen wie Speise, Kleidung, Behausung, Gesundheit,
langes Leben, Schutz vor Schwierigkeiten und Unglück daraus zu ziehen.
Ein tägliches Gebet, das Singen einer Gebetsformel oder Hymne, entweder
in der klassischen Sprache des eigenen Landes oder in Mundart, die jeden
Tag zu einer festgelegten Zeit rezitiert werden soll, sind Grundzüge,
die das Kind in bestimmten Familien sogar schon vor seinem Schuleintritt
lernt. Mehr weltlich orientierte Menschen mit moderner Einstellung ziehen
ihre Kinder in einer rein materiellen Atmosphäre des Komforts, der
sozialen Verhaltensregeln und der Etikette auf, ohne dabei jedoch die anderen
Elemente gebührend zu berücksichtigen, die vielleicht keine direkte
Beziehung zur körperlichen Bequemlichkeit und Befriedigung oder der
sozialen Würde und Anerkennung haben mögen.
Im Kindergartenalter
und in der Grundschule wird man erstmals in die Bereiche des Lesens, Schreibens
und Rechnens eingeführt. Man lernt, die Buchstaben des Alphabetes
zu schreiben, und übt deren Aussprache, außerdem auch die einfache
Addition und Subtraktion und etwas später dann die Multiplikation
und Division von Zahlen. Diese Übung wird nun für einige Zeit
fortgeführt, bis der junge Schüler in die bildhafte Darstellung
historischer Persönlichkeiten und in die geographischen Gegebenheiten
der näheren Umgebung des Wohnortes eingeführt wird. Langsam wächst
das Lehrsystem nun in interessante und fesselnde Geschichten von Personen
hinein, die allgemein als herausragend anerkannt werden, sei es auf Grund
ihrer Taten, ihres Charakters und Verhaltens, ihres Wissens oder ihrer
Macht, wobei die Erzählungen derart gestaltet sind, daß sie
die Neugier des Kindes stimulieren und seine Instinkte dahingehend erwecken
sollen, daß es Freude in jenen Dingen suchen möge, die seine
junge Persönlichkeit anregen, die dann später zu dem heranwächst,
was wir das Ego nennen. Lieder und Reime, Spiele und Theatervorführungen
in der Schule helfen dabei, diese Lehrinhalte anschaulicher zu gestalten,
indem sie diesen eine konkrete Form der Sichtbarkeit und Lebendigkeit verleihen.
In etwas höheren
Klassen wächst das Erziehungssystem in das einführende Studium
der Grundgrammatik der eigenen Sprache hinein. Oftmals beginnt zu diesem
Zeitpunkt auch das Studium einer Fremdsprache, wie es heutzutage üblich
ist, wenn die anfänglichen Studien der eigenen Muttersprache Hand
in Hand mit einer elementaren Einführung in Sanskrit oder Englisch
angeboten werden. In anderen Ländern außerhalb Indiens mögen
es je nach Vorliebe, Gewohnheit und Interesse des Landes Latein, Französisch
und dergleichen sein. Die Grammatik der Fremdsprache wird für gewöhnlich,
wenn auch in elementarer Form, als Notwendigkeit erachtet und kann Hand
in Hand mit einfachen Lesebuch-Geschichten gehen, wobei mit einzelnen Worten
begonnen wird, die später zu Sätzen führen. Sätze entwickeln
sich dann zu kleinen Abschnitten, beispielsweise aus Anekdoten, Geschichten
oder Beschreibungen vertrauter Umstände des sozialen Lebens. Solches
Lesen kann zu entsprechenden Schreiben entwickelt werden und dazu, das
Gelesene soweit wie notwendig ins Gedächtnis zu übertragen. Einfache
Mathematik wird natürlich in jeder Studienklasse zu einem unvermeidlichen
Fach. All diese Grundlagen entwickeln sich somit zu den Umrissen von Sprache,
Geschichte, Geographie und Mathematik. Bis zu diesem Niveau kann die gesamte
Struktur als Grundlagenbildung angesehen werden, die in den als Grundschulen
bekannten Institutionen vermittelt wird.
Auf den höheren
Ebenen der Erziehung gibt es zur Zeit vier verschiedene Abschlüsse,
die als Hauptschul-, Realschul-, Gymnasial- und Hochschulabschluß
bekannt sind. Über dem Grundschulniveau finden wir im ersten dieser
Erziehungsbereiche normalerweise eine Fortführung der anfänglichen
Methoden vor, wobei es zu einer Vertiefung jener Fächer kommt, mit
denen in der Grundschule bereits begonnen wurde. Die Themen ändern
sich zunächst nur unwesentlich, doch kommt es zunehmend zu einer Detaillierung
und einem Übergang zu fortgeschrittenen Studien der zuvor bereits
erwähnten Themenbereiche. Grammatik, Satzkompositionen, Erzählungen
und Geschichten, die dem doppelten Zweck der literarischen Anmut und der
historischen Information dienen, sind die Themen, in denen die Schüler
ausgebildet werden. Die hauptsächlichen Fächer sind hier die
Sprache in ihrer grammatikalischen und literarischen Struktur, Geschichte,
Geographie, Mathematik, eine Fremdsprache und die elementaren Naturwissenschaften,
die sich mit den Grundprinzipien der Botanik, Zoologie und Physiologie
befassen, und somit die groben Umrisse des Pflanzen-, Tier- und Menschenlebens
behandeln. In der zweiten Stufe nach dem Grundschulabschluß kommt
es zu einem weiteren Voranschreiten der früheren Lehr- und Studienmethoden.
Nun wird die wahre Grundlage dessen gelegt, was als Schulbildung bekannt
ist. Die behandelten Themen sind die gleichen wie in den vorangegangenen
Stufen, wobei die Umrisse der staatsbürgerlichen, sozialen und politischen
Beziehungen menschlicher Individuen bestimmter Nationalitäten hinzukommen,
sowie Moral und Ethik, wie sie für die unmittelbaren Belange des persönlichen
und sozialen Lebens anwendbar sind. In der Geographie werden nun relevante
Aspekte der Astronomie, wie etwa die Sonnen- und Planetensysteme und deren
Einfluß sowohl auf den Planeten Erde als auch auf das Leben im ganzen
angesprochen. Die Naturwissenschaften schreiten im Studium der Grundprinzipien
von Physik, Chemie und Biologie zu deren tieferen Bedeutungen voran. Bis
zu dieser Erziehungsstufe werden die Studien der vorangegangenen Bereiche
nicht ausgeschlossen, sondern mit immer detaillierteren und tiefgründigeren
Informationen stufenweise in den Lehrplan mit einbezogen.
Erst in den
Hochschulbereichen erhält das Erziehungssystem durch die stufenweise
Verringerung der Fächerzahl auf drei, zwei oder eines ein völlig
neues Gesicht, und die Spezialisierung hält in den gewählten
Fächern Einkehr. Die Studien umfassen die wichtigsten Themenbereiche,
die dem menschlichen Geist bekannt sind, wie zum Beispiel Literatur, Mathematik,
Astronomie, Geologie, Geographie, Physik, Chemie, Biologie, Psychologie
einschließlich Psychoanalyse, Medizin, bildende Künste, Ökonomie,
Ethik, Soziologie, Politik, Weltgeschichte, Weltkultur, Technik und all
deren Anwendungsbeieriche. All dies sind rein empirische Studien. Studenten
der Philosophie beschäftigen sich intensiv mit den Bereichen Logik,
Erkenntnistheorie, Metaphysik, Religion und Mystizismus, wobei die letzten
beiden Bereiche auch die Theorie und Praxis der als “Yoga” bekannten Techniken
beinhalten. Normalerweise greift man in seinen Studien nicht all dies Themenbereiche
auf. Vielmehr richtet man seine Aufmerksamkeit zur gleichen Zeit auf nicht
mehr als einen oder zwei davon, so daß sich das Studium zum Schluß
auf ein einziges Spezialgebiet konzentriert. Dies ist dann der letzte Schliff
auf dem Weg zur Spezialisierung und Dissertation. Eine spezielle Ausbildung
in Management, Technologie, Industrie, Ingenieurwesen, Wirtschaft, Landwirtschaft,
Militärwissenschaft und dergleichen kann das Interesse derjenigen
in Anspruch nehmen, deren Begabung dafür ganz speziell geeignet ist.
Diese Aufzählung sollte uns einen ausreichenden Überblick über
die Bestandteile jener menschlichen Unternehmung geben, die wir heutzutage
ganz allgemein als Bildung betrachten. Und es fällt schwer, sich unter
der modernen Definition des Begriffs “Bildung” irgend etwas anderes vorzustellen.
Nun ist es
für uns an der Zeit, erst einmal eine Weile darüber nachzusinnen,
was dem gebildeten Menschen eigentlich widerfahren ist, wobei unter “Bildung”
das Wissen all jener gewaltigen und menschlich vorstellbaren Themenbereiche
gemeint ist, die oben bereits angeschnitten worden sind. Was soll man mit
all diesem Wissen anfangen? Diese Frage ist kaum zu beantworten, und sie
lastet entsprechend schwer auf den Schultern aller modern ausgebildeten
Menschen. Was soll man nach dem Verlassen der Universität mit all
diesen Qualifikationen tun, die von der Menschheit als die krönende
Vollendung einer akademischen Karriere bewundert werden? Die unmittelbare
Antwort auf diese Frage wäre wohl, zunächst einmal eine Arbeit
oder eine Anstellung zu suchen, ein Geschäft zu eröffnen oder
wenigstens einem ökonomisch gewinnbringenden Gewerbe oder Beruf nachzugehen,
oder aber zu lehren. Angenommen, all diese Bestrebungen sind erfüllt.
Kann sich irgend jemand vorstellen, daß das Leben mit diesen Errungenschaften
bereits vollendet ist, oder fehlt in diesem Schema irgend etwas, auf Grund
dessen es sein kann, daß man trotz der eigenen Qualifikationen unglücklich
verbleibt? Die zentrale Frage lautet nämlich: Ist der gebildete Mensch
auch glücklich? Diese Frage muß man wohl mit “nein” beantworten.
Um diese Wahrheit zu demonstrieren, müssen wir nur eine repräsentative
gebildete Person herausgreifen und das Ausmaß ihrer Glücklichkeit
untersuchen. Wir werden überrascht sein, in welch einem Zustand sich
der moderne gebildete Mensch tatsächlich befindet. Es gibt Fragen,
die niemand so einfach beantworten kann, und diese Fragen werden sich dem
menschlichen Geist selbst nach der Errungenschaft der höchsten erzieherischen
Qualifikationen stellen. Die Probleme lauten etwa folgendermaßen:
Wir wissen nicht, wie viele Wünsche und ehrgeizige Ziele wir haben,
und selbst wenn wir einige von ihnen erkennen können, sieht es nicht
so aus, als ob wir sie in dieser Welt jemals alle befriedigen können.
Diese Tatsache macht uns niedergeschlagen und unglücklich. Es sieht
nicht so aus, als würde eine Sehnsucht oder ein ehrgeiziger Plan nach
seiner Erfüllung auch wirklich abklingen. Vielmehr wird dieser eher
noch angeregt und verlangt nach immer größerer Befriedigung,
was beweist, daß er nicht wirklich befriedigt werden konnte. Nach
einer Analyse des Sachverhalts wird man feststellen, daß dieser psychologische
Umstand niemals ein Ende findet. Nahezu für jedermann kommt irgendwann
einmal in seinem Leben der Tag, an dem er notgedrungen einsehen muß,
daß es in dieser Welt keine wahren Freunde gibt, und daß jede
Freundschaft bei der geringsten Berührung der eigenen Schwachpunkte
in einer Trennung enden kann, wobei die gesamte Lebensperspektive plötzlich
zusammenbricht und einem die eigene Bildung auch nicht mehr weiterhelfen
kann. Von den Objekten, die den Sinnen Befriedigung zu bringen scheinen,
erkennt man später, daß sie einen unweigerlich in Schwierigkeiten
verwickeln, so daß man sich in einem Sumpf wiederfindet, aus dem
es kein einfaches Entrinnen gibt. Darüber hinaus wird man von einem
beständigen Druck der Angst und Anspannung gequält, gepaart mit
einem wiederholt auftauchenden Gefühl der Unsicherheit, das von allen
Seiten auf uns einzudringen scheint. Zu guter letzt droht uns allen auch
noch der Tod, der selbst das großartigste Genie dieser Welt nicht
vom Wirken seiner Gesetze ausspart. Und niemand weiß, wann ihn der
Abruf ereilt!
Es gibt die
Sprichworte: “Wissen ist Macht” und “Wissen ist Tugend”. Die indische Metaphysik
verkündet darüber hinaus auf ihren höchsten Stufen, daß
“Wissen Glückseligkeit bedeutet”. Ist nun Bildung der Erwerb von Wissen?
Kein vernünftiger Mensch würde daran zweifeln. Doch in welchem
Zustand befindet sich der gebildete Mensch der Welt heutzutage? Hat er
Macht? Ist er tugendhaft? Ist er glückselig? Anhand einer Untersuchung
würden wir entdecken, daß unsere Gebildeten nicht wirklich mächtige
Menschen sind. Auch sind sie nicht unbedingt tugendhaft. Und Glückseligkeit
scheint weit von ihnen entfernt. Wenn Ausbildung der Vorgang zum Erwerb
von Wissen ist, beziehungsweise wenn Bildung dasselbe ist wie Wissen, und
wenn Wissen auf die oben angeführte Weise definiert wird, wie ist
es dann möglich, daß zwischen Bildung und den durch sie erhofften
Früchten eine derartige Kluft besteht? Wir sehen, daß Machthaber
entweder politische Führer oder Besitzer von enormen Reichtümern
sind. Tugendhafte Menschen sind im allgemeinen arm, sei diese Armut nun,
wie im Falle einiger, freiwillig gewählt ,oder aber, wie in der Mehrzahl
der Fälle, von den Umständen aufgezwungen. Wir mögen sie
als Heilige, als Asketen oder ähnlich bezeichnen, jedenfalls sind
es meist Leute, die in der menschlichen Gesellschaft keinerlei Art von
Macht ausüben, zumindest keine Macht, wie sie üblicherweise verstanden
wird. Viele der guten Menschen auf Erden werden von äußeren
Umständen, der Apathie der Gesellschaft und der Unwissenheit der Öffentlichkeit
gequält, was alles nicht dazu beiträgt, eine tugendhafte Person
mit Macht auszustatten, die dann auf irgendeine Weise ausgeübt werden
könnte. Doch wer sind dann die glücklichen Menschen oder jene,
die sich der inneren Glückseligkeit erfreuen? Vielleicht kann niemand
diesen begehrten Zustand sein eigen nennen. Es ist völlig unnötig
einzuwenden, daß es Menschen gibt, die sich zufrieden oder glücklich
wähnen und an diese Tatsache auch selbst glauben. Nach einer genaueren
Überprüfung der Sachlage wird man jedoch leicht feststellen,
daß diese Einschätzung nicht mit der Realität übereinstimmt,
wobei es unwesentlich ist, ob jemand aufgrund einer Ironie des Schicksals
unglücklich ist, aufgrund des äußerlich vorherrschenden
Unrechts oder aufgrund der Sorgen, die von dem Gefühl herrühren,
seine Ziele im Leben nicht erreicht zu haben. Was auch immer die Ursache
sein mag, die Tatsache bleibt die gleiche.
Zusammenfassend
kann man wohl mit Recht behaupten, daß der Erziehungsprozeß
von einer ernsthaften Katastrophe befallen worden ist, es sei denn, wir
sind dazu bereit, zu dem Schluß zu kommen, daß Ausbildung nichts
mit Wissensvermittlung zu tun hat und daß der Schulungsprozeß
nicht der Weg dafür ist, Wissen zu erwerben. Wenn man jedoch behauptet,
wirkliches Wissen könne auf einem anderen Weg erworben werden als
über Bildung, bewegt man sich auf schwankendem Boden. Denn wie könnte
Wissen sonst erworben werden?
Die vorherrschende
Meinung ist, daß Wissen ein Mittel zum Zweck ist. Für einige
Menschen ist dieser Zweck ökonomischer Wohlstand und Reichtum in Form
von Geld oder gesellschaftlicher Macht. Dies ist denn auch der Grund dafür,
daß qualifizierte Personen Anstellungen in Instituten, Organisationen,
Firmen, der Regierung und dergleichen suchen. Dieses anvisierte Ziel beinhaltet
eine subtile Hoffnung auf einen gleichzeitigen Prestige- und Autoritätsgewinn
in der Gesellschaft. Eine Person in sozial hochangesehener Stellung wird
automatisch auch als “wertvolle” Person geachtet, egal ob die Art dieses
Wertes jedermann klar ist oder nicht. Warum aber sollte eine Person in
hoher Stellung auch ein hohes Ansehen genießen? Die Antwort darauf
ist sehr schwierig. Vielleicht verbirgt sich in den Köpfen der Leute
die unterschwellige Erwartung, daß man eine solche Person als “Mittel”
für irgendwelche anderen “Zwecke” benutzen kann. “Prestige” ist demnach
ein sehr zweifelhafter Wert, der einer genaueren Untersuchung nicht standhalten
kann. Der Grund dafür ist, daß das “Prestige” eine Form der
Eitelkeit ist, die für das menschliche Ego so charakteristisch ist,
dessen Natur an sich schon keine Überprüfung ertragen kann. Die
Selbstwertschätzung bildet den Hintergrund der allgemein üblichen
Form der Wertschätzung, die unter der Bezeichnung “Prestige” bekannt
ist. Und “Prestige” ist eines jener Ziele, die man mit Hilfe des Wissens
erwerben will, das man sich in Lehrinstituten aneignen kann.
Warum wollen
wir überhaupt gebildet sein? Warum wird der “Bildung” ein so hoher
Wert beigemessen? Sollten wir in unserem Versuch, diese Frage zu beantworten,
bis zu den Wurzeln der Angelegenheit vorstoßen wollen, so stehen
wir einigen Problemen gegenüber. Es sieht nämlich so aus, als
suchten wir alle etwas, ohne zu wissen, was wir suchen und wofür wir
es überhaupt suchen. Folgen wir damit einfach dem Herdentrieb, der
kein rationales Fundament unter den Füßen hat? Vielleicht sollten
wir an dieser Stelle erst einmal etwas Zeit und Muße dafür aufwenden,
in dieses für unsere Betrachtungen äußerst interessante
Thema tiefer vorzudringen.
Bevor wir
versuchen wollen, eine einigermaßen zufriedenstellende Antwort auf
dieses Problem zu finden, täten wir gut daran, uns mit dem Kummer
auseinanderzusetzen, den der große Weise Narada dem mächtigen
Sanatkumara präsentierte, wie wir es im 7. Abschnitt der Chandogya-Upanishad beschrieben finden:
“O Herr, bitte
lehre mich!” - mit dieser Bitte kam Narada zu Sanatkumara. Dieser antwortete
ihm: “Sage mir zuerst, was du bereits weißt, dann werde ich dir weitere
Unterweisung erteilen.” Narada zählte all sein umfangreiches Wissen
auf, indem er erwiderte: “O Großartiger! Ich habe den Rig-Veda, den
Yajur-Veda, den Sama-Veda, den Artha-Veda, altertümliche Geschichte
und Religion, Grammatik, die Kunst der Befriedung der Verstorbenen, Mathematik,
Wahrsagen und Zeichendeuten, Chronologie, Logik, Politik, die Wissenschaft
von den Himmelswesen, die Wissenschaft von der heiligen Erkenntnis der
übernatürlichen Reiche, Dämonenlehre und Physik, Verwaltung
und militärische Wissenschaften, Astronomie und Astrologie, die Wissenschaft
von der Schlangenzähmung und alle schönen Künste gemeistert.
Herr, all dies weiß ich.”
“O Edler!
Doch obwohl ich all diese Künste und Wissenschaften beherrsche, kenne
ich doch die Wahrheit nicht! Von solchen, die wie du sind, o Großartiger,
habe ich gehört, daß derjenige, der die Wahrheit kennt, das
Leiden hinter sich läßt. Ich leide so sehr, o Edler! Steige
herab, o Herr, um mich, der ich so elendiglich bin, zu lehren, wie man
auf die andere Seite jenseits allen Leides gelangt!”
Sanatkumara
antwortete ihm: “Wahrlich, was auch immer du gelernt hast, sind nur leere
Worte und Vorstellungen.”
Doch wie können
all diese Studien, all diese Künste und Wissenschaften als eine bloße
Angelegenheit von leeren Worten und Vorstellungen angesehen werden? Gibt
es dafür eine Erklärung? Vielleicht finden wir hier einen Hinweis
auf die Lösung der Menschheitssorgen.
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