Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
2 Die fortschreitende
Evolution des Menschen
Man kann durchaus
sagen, daß das menschliche Individuum innerhalb des Prozesses, in
den es gegenwärtig verwickelt ist, psychologisch unterentwickelt ist.
Es muß nicht extra erwähnt werden, daß die Geschichte
seit jeher ein Prozeß der Wandlung ist, der in sich nicht nur die
menschliche Spezies umfaßt, sondern die gesamte Schöpfung, wobei
nicht einmal die physikalischen Elemente ausgenommen sind, die das astronomische
Weltall bilden. Obwohl der analytische Verstand dazu imstande ist, überall
in der Natur den Prozeß der Wandlungen zu beobachten, hindert ihn
die eigentümliche Struktur des psychischen Organs daran, sich dieser
Tatsache bewußt zu sein, und läßt ihn in der Vorstellung,
die sich wandelnden Dinge seien dennoch beständig, ein Gefühl
der Selbstzufriedenheit empfinden. Häufig ist man sich des Phänomens
der Veränderung jedoch überhaupt nicht bewußt. Man könnte
sagen, daß sich der Geist des Menschen in einem Zustand der Illusion
befindet, solange er dazu unfähig ist, sich den Erfordernissen der
im Weltall stattfindenden Veränderungen anzupassen, die wir für
gewöhnlich Evolution nennen, und solange er sich auf ein einzelnes
Merkmal des sich stets Verändernden konzentriert, in dem er Beständigkeit
erblickt und auf Grund dessen er sich, wie auch immer, mit einem Band der
Liebe oder des Hasses an Personen und Dinge bindet. Eine solche Situation
nannten die Alten Samsara oder die Verwicklung in die irdische Existenz.
Eine philosophisch
orientierte wissenschaftliche Denkhaltung erklärt die Ursache für
das eigene blinde Festhalten an der Vorstellung von der Beständigkeit
der Objekte dieser Welt sowie die Unfähigkeit unseres Geistes, allen
Wandel und alle Veränderung als Tatsache zu akzeptieren - was ja die
Ursache für Emotionen, Anhänglichkeit, Abneigungen und dergleichen
ist - damit, daß es sich hierbei um einen Kompromiß handelt,
den der Geist mit einer Menge von Schwingungs- und Kräftesequenzen
in einem Akt der Wahrnehmung eingeht, wobei er für seine Zwecke nur
bestimmte Aspekte der Kraftmerkmale auswählt und andere Aspekte, die
seinen eigenen persönlichen Zielen nicht dienlich sind, zurückweist.
Die Tatsache, daß dieser Wahrnehmungsakt nur durch die Übereinstimmung
jener Frequenzen möglich ist, die sowohl in der Bewegung des menschlichen
Geistes als auch in jener Kraft vorherrschen, die die äußeren
Objekte bildet, beschert uns inmitten der Vergänglichkeit der Objekte
die Illusion von deren Beständigkeit. Diese Art der Übereinstimmung
und des Kompromisses zwischen Verstand und Wahrnehmungsobjekt findet man
beispielsweise, wenn auch auf andere Art, in der Wahrnehmung eines “laufenden”
Kinofilms. Die Struktur der optischen Organe, durch die der Verstand währenddessen
arbeitet, befindet sich hier in der Illusion einer Beständigkeit der
auf die Leinwand projizierten, sich bewegenden Bilder, obwohl sehr wohl
bekannt ist, daß der laufende Film mindestens sechzehn Bilder
in der Sekunde projiziert. Dies ist eine Tatsache, die der Verstand jedoch
auf Grund seiner Zuordnung zu den Organen der Augen und auf Grund seiner
Abhängigkeit von ihnen nicht erfassen kann. Obwohl wir wissen, daß
keines der erzeugten Bilder des sich bewegenden Filmes in sich statisch
ist, täuschen uns die Augen und lassen uns glauben, daß eine,
wenn auch vorübergehende Statik in ihnen vorhanden sei. Obgleich in
diesem Phänomen ein Widerspruch zwischen dem Verstand und der Sinneswahrnehmung
vorliegt, läßt der Verstand es zu, von der Wahrnehmung der Augen
getäuscht zu werden, und versorgt uns mit diesem falschen Glauben,
so daß durch das ungerechtfertigte Akzeptieren dieser Täuschung
seitens des Verstandes das gesamte Lebensmuster und -programm einer Person
in völlig andere Bahnen gelenkt werden kann. Ein ähnlicher Sachverhalt
würde unsere Wahrnehmung von den beständigen Objekten dieser
Welt erklären. Die Wahrheit, die Buddha vor Jahrhunderten verkündete,
daß alles unbeständig ist, wird heute durch die Beobachtungen
der modernen Physik bestätigt, die innerhalb eines scheinbar statischen
Objekts Partikel und Kräfte tanzen sieht, welche die eigentliche Grundsubstanz
jenes Objektes bilden. Die Persönlichkeit des Menschen ist von der
Wirkung dieses Gesetzes nicht ausgenommen, und man kann durchaus sagen,
daß sich jede Zelle unseres Körpers in jedem Moment verändert.
Diese Tatsache,
die uns dabei hilft herauszufinden, in welchen Verstrickungen sich die
menschliche Natur befindet, zeigt uns, wie notwendig es ist, sowohl die
Position des Menschen innerhalb der Komplexität des Universums richtig
einzuschätzen als auch den Funktionscharakter, der dem Menschen in
der Anordnung der Dinge abverlangt wird. Dies birgt jedoch das Problem
in sich, daß der Mensch nicht in der Lage ist, die Wirklichkeit hinter
den Erscheinungen zu kennen, da die Verstandesfähigkeit des Menschen
unentwirrbar in die Struktur der Erscheinungen verwoben ist. So schränken
zum Beispiel die Bedingungen von Raum, Zeit und Schwerkraft die Freiheit
des Verstehens ein, da diese weit tiefgreifendere Verwicklungen enthalten,
als dies an der Oberfläche erscheint, die sowohl die bloße Existenz
der menschlichen Persönlichkeit als auch jenes mysteriöse Etwas
kontrollieren, das wir im Aufbau der Dinge für gewöhnlich als
Kausalität bezeichnen. Diese Schwierigkeit bedeutet jedoch noch nicht
das Ende aller Weisheit, auch wenn sie in der Tat ein anscheinend unlösbares
Problem darstellt. Schließlich dirigiert sie den Verstand gleichzeitig
auch zur Erkenntnis eines fundamentaleren Sachverhalts, nämlich dem,
daß es keine Erscheinungen geben kann, wenn es keine Wirklichkeit
hinter ihnen gibt, die sie trägt.
Das Resultat
dieser Analyse sind somit folgende zwei Entdeckungen: (1) daß sich
hinter den Veränderungen der Oberflächenexistenz der Dinge irgend
etwas Beständiges befinden muß, und (2) daß die bloße
Tatsache, die es dem Verstand ermöglichte, zu dem Schluß zu
gelangen, daß es hinter den Erscheinungen eine “Wirklichkeit” gibt,
ausreichender Beweis dafür ist, daß der Verstand, obwohl er
in die Welt der Erscheinungen verwickelt ist, auch in der Wirklichkeit
verwurzelt ist. Andernfalls hätte er nicht zu einer derartigen Schlußfolgerung
wie der Existenz einer “Wirklichkeit” kommen können. Der Mensch ist
somit sowohl phänomenal als auch nominal. Er ist sterblich und unsterblich
zugleich. Wie ein Philosoph es humorvoll bezeichnete, ist der Mensch Knotenpunkt
von beiden - von Gott und Tier.
Trotz der
unvermeidlichen Schwächen, die wir durch unsere Verwicklung in die
Erscheinungen haben, sieht es so aus, als könnten wir unser Ziel dennoch
erreichen, da wir ja eine Verbindung zur Wirklichkeit haben. Und vielleicht
können wir sogar Gott, das Absolute, erreichen, da Er uns mindestens
so nah ist, wie uns dies in Beziehung zu irgend etwas in der Welt überhaupt
möglich sein kann. Ja, vielleicht ruhen wir enger und näher an
Seinem Busen, als wir ahnen, denn wie könnte das Konzept der “Wirklichkeit”
in uns auftauchen, wenn wir nicht selbst in der Wirklichkeit verwurzelt
wären?
Dies markiert
den Beginn sowohl der wissenschaftlichen als auch der philosophischen Abenteuerreise
bis hin zur spirituellen Erleuchtung. Wir schreiten von der Wissenschaft
zur Philosophie und von dort aus zur Spiritualität voran, eine Bewegung,
die man im großen und ganzen als die Stufenleiter unseres Aufstiegs
im Prozeß der Evolution bezeichnen kann. Diese Evolution verläuft
normalerweise progressiv, obwohl es auf Grund von falschen Vorstellungen
und mangelnder Weitsicht zu gelegentlichen Rückschlägen oder
Rückschritten kommen kann, die die menschlichen Bemühungen in
ihrer Suche nach der Wahrheit konfrontieren und sich ihnen entgegenstellen.
Die wissenschaftliche
Annäherung, die die erste Phase darstellt, beschäftigt sich vorrangig
mit den äußeren Beziehungen des Menschen und studiert die physikalischen,
chemischen, biologischen, psychologischen, sozialen, politischen und kulturellen
Bedeutungen des Lebens, die die Grundlagen des menschlichen Fortschritts
und dessen Errungenschaften darstellen. Die Physik entdeckt, daß
das Universum ein materielles Gefüge aus anorganischer Substanz ist,
die sich als die Grundlage der Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, wie
auch als Grundsubstanz des gesamten Sonnensystems, des kosmischen Staubes,
der Sonne, des Mondes, der Sterne und Milchstraße durch den unendlichen
Raum hindurch ausdehnt. Die Newtonsche Physik behauptete, daß “Raum”
als eine Art Behälter für materielle Substanzen wie Sonne, Planeten
und dergleichen dient und daß es eine sogenannte Anziehungskraft
gibt, die zwischen diesen Objekten wechselseitig wirkt und die Objekte
in ihrer Position und in ihren Umlaufbahnen hält, und daß diese
Kraft darüber hinaus bis zu einem gewissen Grad auch deren Charakter
und vielleicht auch ihre Zusammensetzung bestimmt. Nach Newton begannen
physikalische Entdeckungen das Wirken von Tatsachen anzukündigen,
die vom Newtonschen Konzept sehr weit abweichen und es transzendieren.
Ihnen zufolge ist “Raum” kein Behälter für Dinge, die mit ihm
nicht in Verbindung stehen, sondern eher eine Art unendliches elektromagnetisches
Feld, das in die bloße Struktur und Funktion aller materiellen Objekte
eingetreten ist. Diese Entdeckung führte darüber hinaus zu den
noch komplizierteren Theorien der Quantenmechanik, der Wellenmechanik und
so weiter, und schließlich zur Relativitätstheorie, die uns
lehrt, daß Dinge nicht nur als Kräfte in einem elektromagnetischen
Feld miteinander verbunden sind, sondern daß sogar das Konzept von
Kraft oder Energie für ein rechtes Verständnis der wahren Natur
des Universums ungeeignet ist. Man berichtet uns, daß es keine Dinge
gibt, sondern nur Ereignisse, daß es keine Objekte gibt, sondern
nur Prozesse, so daß wir uns in einem fließenden Universum
eines vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums befinden, in dem die Relativität
das oberste Prinzip ist. Das Prinzip der Relativität reduziert alles
zu einer wechselseitigen Abhängigkeit sämtlicher struktureller
Anlagen und Raum-Zeit-Ereignisse, so daß das Universum eher einer
lebenden organischen Ganzheit gleicht, in dem die Idee der Kausalität,
wie sie für gewöhnlich verstanden wird, ausgeschlossen ist. In
einer organischen Struktur sind die Teile nämlich derart in einer
internen engen Beziehung miteinander verbunden, daß jedes Teil gleichermaßen
Ursache wie auch Wirkung ist, da hier alles von allem anderen mitbestimmt
wird. Man könnte sogar sagen, daß alles überall ist. Es
ist nicht nötig, in dieser großartigen wissenschaftlichen Doktrin
in tiefere Details vorzudringen, da den Schülern der Philosophie und
des spirituellen Lebens statt dessen ein tiefgründiges Studium von
Texten wie der Yoga-Vasishtha empfohlen werden kann, die ihnen die
praktischen Möglichkeiten der sogenannten Relativitätsphänomene
gewinnbringend vor Augen führen.
Obwohl die
Wissenschaft in ihren fortgeschrittenen physikalischen Untersuchungen ihre
Schlußfolgerungen in Form solch gewaltiger Wahrheiten hervorbrachte,
wie sie von der Relativitätstheorie offenbart werden, konnte sie sich
nicht von der Vorstellung befreien, daß das Universum physikalisch
sei, trotz der Tatsache, daß einige der späteren Genies der
Wissenschaft tatsächlich über die Existenz eines universellen
Geistes oder Bewußtseins stolperten, welches das “Substrat” oder,
wie man es nennen kann, den “Beobachter” aller relativistischen Erscheinungen
darstellt. Das physikalische Universum wird als die Basis betrachtet, von
der aus die Evolution beginnt. Die indische Philosophie schloß die
Tatsache nicht aus, daß die Evolution des Lebens von der Stufe der
anorganischen Materie aus beginnt, obwohl sie zu den Höhen aufstieg,
einen bewußten, die Erscheinungen transzendierenden Schöpfer
des Universums anzuerkennen, um schließlich in ihrem System des Vedanta
zu dem Schluß zu kommen, daß das schöpferische Prinzip
vom erschaffenen Universum letztendlich nicht verschieden ist. Evolution
wurde als ein im empirischen Reich der Erfahrung gültiger Prozeß
akzeptiert, auch wenn das Ziel der Evolution die Verwirklichung des höchsten
Lebenszieles ist, nämlich die Einheit des Absoluten, und somit die
Existenz der Intelligenz des Schöpfungsprinzips in seiner untrennbaren
Beziehung zum Universum. Leben steht über der Materie, Verstand über
dem Leben und Intellekt über dem Verstand. Eine interessante und fesselnde
Beschreibung der modernen wissenschaftlichen Vorstellung vom Evolutionsprozeß
findet man in Samuel Alexanders Werk “Raum, Zeit und Gottheit”, in dem
er eine Evolutionstheorie auf der Grundlage der physikalischen Relativitätstheorie
einführt, wobei gemäß letzterer Raum-Zeit als Kontinuum
den Rahmen aller Erscheinungen bildet. Raum-Zeit produziert Bewegung und
Materie, die sich selbst in die physikalischen Elemente verdichtet, die
wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Physikalische Substanzen,
die auf diese Weise aus der Raum-Zeit-Bewegung hervorgegangen sind, sind
mit den sogenannten Primäreigenschaften wie Größe, Gewicht
und dergleichen ausgestattet. Man nimmt an, daß sie später durch
Sekundäreigenschaften wie Farbe, Klang und so weiter gekennzeichnet
werden, die das Ergebnis des Wahrnehmungsprozesses sind, der vom subjektiven
Bewußtsein des individuellen Beobachters oder Erfahrenden ausgeht.
Über
der Materie steht das Leben. Das Leben zeichnet sich durch die Organisation
von Individualität aus, durch die Suche nach Vollständigkeit
im Zentrum des eigenen Wesens und durch die Tendenz zu dem, was wir “Bewußtsein”
nennen könnten - ein Phänomen, das in anorganischer Materie nicht
angetroffen werden kann. Das Pflanzenreich ist ein Beispiel für Leben
direkt über der Materie, wobei ihm die Denkfähigkeit fehlt, die
eine Funktion des Geistes ist. Das Denken steht über dem Leben. Tieren
ist außer dem Leben, das sie aus der niederen Stufe ererbten, auch
ein Denkorgan gegeben. Das tierische Denken ist jedoch nicht zielgerichtet
und hat weder die Fähigkeit logischer Beurteilung noch die Fähigkeit,
Entscheidungen zu treffen und rational zu verstehen. Diese letztgenannten
Merkmale sind im Verstand anzutreffen, der die Domäne des Menschen
ist. Die höchste menschliche Gabe ist der Verstand. Dies ist die Fähigkeit,
die ihn über das Tier- und Pflanzenreich stellt, ganz abgesehen von
den anorganischen Substanzen. Alexanders Analyse schlußfolgert die
Existenz einer Gottheit, die sich auf einer höheren Stufe als der
des menschlichen Intellekts befindet, auf einer Ebene, die es noch zu erreichen
gilt. Und in der Tat wird jede nachfolgende Stufe als die Gottheit der
vorangegangenen angesehen. Dennoch ist Alexanders Gottheits-Konzept den
tiefen Bestrebungen des Menschen gegenüber unangemessen. Diese werden
jedoch von den Upanishaden befriedigt, die im Kontext der Beschreibung
der Abstufungen innerhalb der angestrebten Seligkeit wesentlich weitreichendere
und umfassendere Ebenen andeuten als die der menschlichen Ebene. Es sieht
so aus, als gäbe es zwischen dem Intellekt und der höchsten
Wirklichkeit mehrere Zwischenstufen. Die Upanishaden beschreiben in diesem
Zusammenhang das Reich der Gandharva, das sich direkt über dem des
Menschen befindet, danach die Pitri-, Deva-, Indra-, Brihaspati-, Prajapati-
und Brahman-Ebene. Wir werden dahingehend unterrichtet, daß sowohl
das Bewußtsein als auch die Glückseligkeitserfahrung des Individuums
immer intensiver wird, je höher man sich über die menschliche
Ebene hinaus entwickelt. Und nicht nur das: Die Individualität wird
im Laufe ihres Aufstiegs auch immer transparenter und einschließender
und gewinnt an Fähigkeit zur wechselseitigen Durchdringung, bis die
Evolution schließlich die Stufe von Brahman (dem Absoluten) erreicht,
wo sich die Individualität mit der Universalität vereint. Alexanders
“Gottheit” ist zwar eine zukünftige Möglichkeit, muß aber,
da sie einen Effekt innerhalb der Evolution darstellt, bereits in ihrer
ursprünglichen Ursache, das heißt in der Raum-Zeit enthalten
sein.
Dem berühmten
deutschen Philosophen Hegel zufolge ist die niedrigste Stufe durch eine
Art urrudimentäres Bewußtsein gekennzeichnet, das von bloßer
materieller Substanz nicht getrennt werden kann. Die zweite Stufe ist das
darüberliegende, auf die Natur reagierende Selbsterhaltungsbewußtsein,
das im Pflanzenleben seinen Ausdruck findet und dort beobachtet werden
kann. Die dritte Stufe ist die der primitiven Suche seiner selbst in anderen,
die sich in der Form psychologischer Begierden, Bedürfnisse und einer
Liebe ausdrückt, die sich besonders im Fortpflanzungsbewußtsein
konzentriert. Als vierte Stufe folgt die des Selbstbewußtseins, das
ein spezielles Merkmal des Menschen ist, der sich oberhalb der Ebene bloßer
tierischer Befriedigung befindet, die sich durch Selbsterhaltung und Fortpflanzung
mittels Reaktion auf äußere Reize kennzeichnet. Trotzdem steckt
das menschliche Leben auch hier noch in den Kinderschuhen und ist noch
nicht voll entwickelt. Wir können die menschlichen Wesen in folgende
Bewußtseinsstufen einteilen: Zunächst den animalischen Menschen
(von dem man sagen könnte, daß er der vorher bereits erwähnten
vierten Stufe entspricht), dann den selbstsüchtigen Menschen, den
“guten” Menschen, den heiligen Menschen und den Gottmenschen. Die fünfte
Stufe ist diejenige, in der man sich der eigenen Getrenntheit von äußeren
Objekten bewußt wird und alle Veränderungen eher den Objekten
als sich selbst zuschreibt. Dies ist die Stufe, in der man die Fehler nur
bei den anderen sieht, aber nicht bei sich selbst, so daß das störende
Objekt zum Hindernis für das eigene bequeme Leben wird, und die Gegenwart
von Objekten, die nicht zur eigenen Befriedigung beitragen, nicht toleriert
werden kann. Die verborgene Einheit der Dinge setzt sich jedoch durch und
kann eine solch selbstsüchtige Einstellung wie die der völligen
Isolierung von Subjekt und Objekt nicht dulden. So weicht die selbstsüchtige
Vorstellung von der eigenen Isoliertheit, die sich in der fünften
Stufe manifestiert, dem Drang nach Einheit, indem man diesen in Form von
Liebe zu anderen und dem Hang, Autorität über andere auszuüben,
verzerrt, was der sechsten Stufe entspricht. Auf der siebten Stufe ist
man sich der eigenen negativen Abhängigkeit von anderen in Form von
Liebe und dem Verlangen nach Macht und dergleichen bewußt, so daß
man bestrebt ist, dieses Gefühl der sklavischen Abhängigkeit
entweder durch intensive Anhänglichkeit oder intensiven Haß
loszuwerden. In der Liebe manifestiert sich die Sehnsucht danach, das Objekt
ganz mit sich zu vereinen, um alleine leben zu können, und im Haß
besteht das Verlangen danach, das Objekt zu zerstören, so daß
man auch hier wieder die Chance erhält, alleine leben zu können.
Denn das “Alleinsein” - die Natur der Wirklichkeit - setzt sich irgendwie
und irgendwann auf ehrliche oder unehrliche Weise durch. Auf der achten
Stufe erkennt man, daß es unmöglich ist, mit diesem “Gesetz
des Dschungels” zu leben, da hier jeder eine Bedrohung für die Existenz
des anderen darstellt, so daß niemand in Sicherheit leben kann. Das
Bedürfnis, irgendwie zu überleben und das möglichst in Sicherheit,
zwingt den Menschen dazu, ein Leben der Kooperation und der gegenseitigen
Kompromißbereitschaft zu führen. Dies entspricht dem Bewußtsein
des sozialen Lebens, der humanitären Ideale und der Gesellschaft als
einer harmonischen Organisation auf der achten Stufe.
Diese Kooperation
und Kompromißbereitschaft basiert jedoch letztlich auf Selbstsucht
und auf dem Wunsch, sich selbst zu erhalten, so daß man auch im sozialen
Leben Unruhen und Regelverstöße beobachten kann, was ja nur
ein Zeichen dafür ist, daß die Grundlage dieser anscheinend
humanitären Ideale nicht wirklich menschenfreundlich ist, sondern
auf einer niedrigeren Stufe des Lebens aufbaut. Die Studien der Psychologie
und der Psychoanalyse offenbaren hier, daß die meisten Bemühungen
des Menschen nicht über seine biologischen Triebe wie das Verlangen
nach Nahrung, Sex, Schlaf und die Furcht vor äußeren Kräften
hinaus reichen, wobei diese zudem noch von den Sehnsüchten verstärkt
werden, andere zu beherrschen, Macht auszuüben, den eigenen Ruhm durch
die öffentliche Behauptung der eigenen Überlegenheit zu vergrößern
und begierig nach Reichtum zu streben.
All dies ist
das Ergebnis der empirischen Annäherung des menschlichen Denkens an
die Probleme des Lebens. Diese bietet jedoch wahrlich keine Lösung
der Probleme, und die Menschheit befindet sich heute in der selben Schwierigkeit,
Verlegenheit und Unsicherheit wie vor Jahrhunderten, was alles nur daran
liegt, daß sich diese Annäherung des Menschen an die Dinge in
ihrer Qualität und in ihrem Charakter nicht geändert hat, obgleich
der geschichtliche Zeitenlauf inzwischen Tausende von Jahren durchschritten
hat. Die alten Meister durchschauten diese bedrückende Situation und
sahen das einzig wirksame Heilmittel darin, eine “integrale Schau” zu entwickeln
und sich nicht auf eine rein empirische Wahrnehmung zu beschränken.
Diese umfassende Annäherung verlangt vom Menschen, das Leben als eine
einzige Gesamtheit zu begreifen, deren Teile nicht voneinander trennbar
sind. Die wohlbekannte Klassifizierung der menschlichen Werte oder Lebensziele
in Dharma (Verfolgung moralischer Werte), Artha (Verfolgung ökonomischer
Werte), Kama (Verfolgung vitaler Werte) und Moksha (Verfolgung eines unendlichen
Wertes) bildet hier den Grundriß jenes Fundamentes, auf dem man seine
Lebensperspektive aufbauen kann. All diese vier Werte müssen in einem
korrekten Verhältnis zueinander stehen, um eine einzige Gesamtheit
zu ergeben und nicht nur eine Ansammlung trennbarer Bestandteile. Dies
bedeutet, daß jede Ausübung, jeder Gedanke, jedes Wort und jede
Tat eines Menschen diese eine Absicht, nämlich eine gezielte Mischung
von Dharma, Artha, Kama und Moksha manifestieren sollte, was für den
uneingeweihten und ungeübten Menschen in der Tat eine schwierige Aufgabe
ist. Spiritualität ist jedoch kein Scherz, und ihre Praxis erfordert
ein größeres Ausmaß an Erziehung und Disziplin, als man
dies in einer gewöhnlichen Akademie oder in irgendeinem Lehrinstitut
der Welt erwarten würde. Diese Verbindung der vier Lebensziele in
einem einzigen Akt hat die Einführung der kooperativen sozialen Gruppen
notwendig gemacht, die für gewöhnlich unter der Bezeichnung Varna
bekannt sind - vier Klassen, die im allgemeinen Leben die spirituelle,
politische, ökonomische und körperliche Kraft ausüben und
somit eine vollständige Organisation des menschlichen Strebens und
Wirkens bilden. Diese Lebensbetrachtung führte auch zur Anerkennung
von vier Lebensabschnitten, die als Ashrama bekannt sind: (1) einem Leben
der Enthaltsamkeit und des Studiums, (2) einem Leben der gemäßigten
Selbstzufriedenstellung und der Ausübung von Pflichten in Übereinstimmung
mit der eigenen Stellung im Leben, (3) einem Leben der Losgelöstheit
von allen vergänglichen Werten und schließlich (4) einem Leben
der Konzentration auf den einzigen als dauerhaft erkennbaren Wert, die
letztendliche Wahrheit.
Die Antwort
auf die Frage, wie man diese Prinzipien in die Praxis umsetzen kann, ist
ein “Leben des Yoga”. Yoga ist die Vereinigung mit der Wahrheit in den
verschiedenen Stufen ihrer Manifestation, sowohl innerhalb der eigenen
Persönlichkeit als auch in den sozialen Beziehungen und im öffentlichen
Leben. Die Reichweite des Yoga ist für den Neuling schwer zu verstehen.
Um der Schwierigkeit zu begegnen, daß man diese Wahrheit kaum mit
einem Schlag erfassen kann, rieten Experten im Yoga zu einer gemäßigteren
Annäherung an das großartige Ziel, indem man den objektiven
(adhibhuta), den subjektiven (adhyatma) und den übernormalen (adhidaiva)
Gottheits-Aspekt der Wirklichkeit beachtet, wobei der letztgenannte sowohl
über die objektiven als auch über die subjektiven Seiten der
Erfahrung Aufsicht führt. Dieser dreifache Zugang zum Yoga wird es
erleichtern, noch weiter reichende Zuflucht zu den umfassenderen Wirklichkeiten
zu nehmen, die in der Fachsprache des Vedanta als Virat, Hiranyagarbha,
Ishvara und Brahman bekannt sind und die den vierfältigen Aspekt des
Absoluten andeuten, der für die eigenen Meditationen als äußerst
hilfreich anzusehen ist. |
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