Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
18 Die individuelle
Natur
Das Individuum
ist auf Grund seiner Lage innerhalb der Schöpfung in jeglicher Hinsicht
unzulänglich. Seine Reaktionen können einen gewissen Grad an
Fehlerhaftigkeit nicht unterschreiten. Jede individuelle Erfahrung ist
zu einem gewissen Prozentsatz fehlerhaft, auch wenn der einzelne Fehler
im Absoluten zu einem Element der Vollkommenheit wird. Das Lebensziel des
Individuums besteht darin, den Drang zu überwinden, organisch auf
die äußerlich wahrnehmbaren Objekte zu reagieren, und sich selbst
im allumfassenden Absoluten zu transzendieren, der essentiellen Wirklichkeit
aller Individuen. Diese Reaktionen zwischen den Individuen finden entweder
bewußt oder unbewußt statt. Die unbewußten Triebe werden
Instinkte genannt; als bewußte Triebe gelten jene, die rationale
Prozesse im Individuum bilden. Jenseits dieser beiden Reaktionsmöglichkeiten
befindet sich das höchste integrierende Prinzip, nämlich die
Intuition und die direkte Verwirklichung der höchsten Essenz der Erfahrung.
Die instinktiven
Triebe sind mächtig, und da sie in die Konstitution des Individuums
verwoben sind, wehren sie sich energisch dagegen, unterworfen zu werden.
Die mächtigsten jener unfreiwilligen und unbewußten Triebe sind
die der Selbsterhaltung und der Fortpflanzung. Der Selbsterhaltungstrieb
wird manchmal fälschlicherweise als “Nahrungssuche-Instinkt” bezeichnet.
Nahrung ist jedoch nicht das vom Individuum angestrebte Ziel, sondern nur
ein Mittel dazu, um den Lebenswillen oder die Liebe zum Leben zu befriedigen,
die einem jeden angeboren sind und die das wahre Ziel darstellen. Man begehrt
eine Mahlzeit nicht um ihrer selbst willen. Der wahre Zweck von Speise
und Trank liegt darin, mit ihrer Hilfe als individuelle und körperliche
Persönlichkeit überleben zu können. Dieser Trieb liegt außerhalb
der Kontrolle des Wachbewußtseins und übertrifft die anderen
Triebe in der Intensität seines Ausdrucks. Er offenbart sich in verschiedenen
Formen und hat mehrere Unterarten, die mit ihm primär und sekundär
in Verbindung stehen. Er bindet das Individuum an das körperliche
Leben und vereitelt alle gewöhnlichen Versuche, ihm kein Gehör
schenken zu wollen. Dieser Instinkt, dieses Verlangen zu leben, diese Liebe
zur individuellen Persönlichkeit, kann nur durch ein höheres
Verständnis und Empfinden überwunden werden, das aus einer tiefgreifenden
Erfahrung entspringt, die die grobe Körperlichkeit und die gestörte
psychische Persönlichkeit überschreitet. Wenn man die tiefere
Bedeutung dieses Triebs nicht richtig versteht, kann jeder unüberlegte
Eingriff in ihn dazu führen, daß er Amok läuft und das
Individuum dabei ruiniert, das ihn zu kontrollieren versucht. Bevor man
irgendeine Methode zur Überwindung der Instinkte aufgreifen darf,
sollte man auch die Natur des Fortpflanzungstriebs analysieren, der sehr
eng mit dem Selbsterhaltungstrieb verbunden ist.
Der Fortpflanzungstrieb
wird oft fälschlich als “Geschlechtstrieb” bezeichnet. Dieser Trieb
hat in Wahrheit jedoch nur wenig mit der geschlechtlichen Persönlichkeit
als solcher zu tun. Die geschlechtliche Persönlichkeit ist nur ein
Mittel zur Verbreitung der Gattung, und es ist genau dieser Drang zur Zeugung
eines neuen Individuums der eigenen Gattung, der die Geschlechtlichkeit
als Werkzeug benutzt. Was zum Objekt der Begierde wird, ist nicht das Geschlecht,
sondern der Genuß, der durch die Befreiung von der Anspannung verursacht
wird, die ihrerseits von dem Drang hervorgerufen wird, ein Instrument für
die Zeugung eines neuen Individuums zu sein. Homosexueller Verkehr und
eine Fixierung auf Objekte, die der tatsächlichen Vermehrung der eigenen
Gattung nicht dienlich sind, sind nichts anderes als widernatürliche
Neigungen oder Rückentwicklungen dieses ursprünglichen Triebes,
was entweder auf einen Defekt in der Gestaltung der Geschlechtsdrüsen
zurückzuführen ist oder aber auf Frustration und Nichterfüllung.
Das Ziel des Fortpflanzungstriebes ist es, die eigene Gattung zu erhalten,
und nicht, dem Individuum Vergnügen zu bereiten.
Jene Charakteristika
der geschlechtlichen Persönlichkeit, die für das andere Geschlecht
zur Quelle der Anziehung werden, sind nur äußere Anzeiger für
die Entwicklung geschlechtsspezifischer Hormone, die mit diesen äußeren
Anzeichen ihre Reife und Bereitschaft für den Zeugungsakt eines neuen
Individuums kundtun. Diese Anziehung ist nicht am Vergnügen der Individuen
interessiert, sondern stellt nur den Prozeß der Veräußerlichung
zellulärer und nervlicher Vibrationen dar, die den Verkehr mit dem
konstitutionellen Gegenstück des angezogenen Individuums suchen. Es
ist nicht das äußere Geschlechtsmerkmal oder die Form des anderen
Geschlechts, das die Quelle der Anziehung bildet, sondern vielmehr die
Bedeutung, die man in sie hinein liest. Dadurch, daß das Individuum
dieser Bedeutung einen besonderen Wert beimißt, wird es dazu gezwungen,
sich von diesem Wert anziehen zu lassen. Es ist die Suggestivkraft
und Ausdruckskraft der Form, die die Stimulation und die Vibration der
gesamten Konstitution in ihrem Gegenstück auslöst. Mit zunehmender
Bedeutung vergrößert sich der Wert einer Sache und um so stärker
ist auch das eigene Interesse daran. Dem anderen Geschlecht eine Bedeutung
beizumessen ist kein bewußter Akt des Individuums, sondern die Auswirkung
eines allgemeinen Drucks der Spezies, der sich im Individuum als unfreiwilliger
Instinkt materialisiert.
Alle Reize
versetzen den Organismus in Schwingung und stören sein Gleichgewicht.
Dabei kommt es zu einer Freisetzung von nervlicher Energie, die nicht nur
den Körper beeinflußt, sondern in großem Maß auch
das Denken. Der Genuß, den man in dem Moment erfährt, in dem
man von einem begehrten äußeren Objekt angeregt wird, ist in
Wirklichkeit nichts anderes als die Wärme und Zuneigung, die man erfährt,
wenn man einem inneren Befehl der körperlichen Natur nachgibt, wobei
im Organismus motorische sowie magnetische Reaktionen stattfinden. Was
die Persönlichkeit verzückt und sie zum Zeitpunkt einer wünschenswerten
und objektbezogenen Reaktion in der physischen Welt in Ekstase versetzt,
ist die vorausgehende Störung des seelischen Gleichgewichts und der
Friede, der als Konsequenz auf die Beendigung dieser Störung folgt,
nachdem der Zweck dieser Reaktion erfüllt ist. Die Harmonie, der Frieden
und das Glück, das man während des Auslebens seiner Instinkte
erfährt, ist letztlich nichts anderes als die Beseitigung von nervlichen
und psychischen Spannungen, die durch das Wirken des Instinkts verursacht
wurden und die sich lösen, sobald man die Absichten des Instinkts
erfüllt. Das Objekt ist hierbei nur ein Mittel zum Zweck.
Der Fortpflanzungstrieb
kann über den Selbsterhaltungstrieb erklärt werden, da es der
gattungsbezogene Lebenswille des Individuums ist, im physischen Universum
manifestiert zu sein, der sich im sogenannten “Fortpflanzungstrieb” ausdrückt.
Die Eltern werden dabei zum Medium für die Manifestation eines neuen
Individuums, was ja der Zweck ihrer körperlichen Natur ist. Das einzelne
Individuum hat keine Kontrolle über diesen Trieb, der ja nichts anderes
ist, als die Absicht der Gattung, die die natürlichen Kräfte
des Individuums bei weitem überschreitet. Der Wille, sich fortzupflanzen,
ist nichts anderes als der Lebenswille des zukünftigen Mitglieds des
physischen Universums. Die Erfüllung dieses Lebenswillens ist weder
zum Wohle noch für den Genuß irgendeines Individuums da. Vielmehr
ist sie die Absicht der Gattung, die umfangreicher ist als jedes Individuum.
Der “Wille” der Gattung oder der Art übertrifft jeden individuellen
Willen an Stärke und zwingt letzteren sogar unter seine Herrschaft.
Geschlechtliche Liebe und Schönheit hängt somit von einer Notwendigkeit
ab, die über das Individuum hinaus reicht, und ist deshalb auch stärker
als jede andere auf Erden bekannte Form der Liebe. Wenn man jedoch begreifen
würde, daß die Bedeutung des Fortpflanzungstriebs nicht im eigenen
Wohl oder Genuß liegt, sondern lediglich ein Dienst ist, den man
für eine mächtigere Natur leistet, die das Individuum als Sklaven
benutzt, dann würde niemand mehr in der Erfüllung dieses Triebes
schwelgen. Um dies jedoch zu vermeiden, vernebelt die Natur das Bewußtsein
des Individuums und versetzt es in den Glauben, daß der Zweck des
Triebes im Vergnügen des Individuums zu finden sei, indem der Verstand
daran gehindert wird, während der Trieberfüllung regulierend
zu funktionieren. Diese Illusion wird als “Geschlechtstrieb” bezeichnet.
Diese sich
in den Individuen ausdrückenden Energien haben eine gemeinsame Quelle,
eine ursprüngliche Form und ihre Summe ist zu allen Zeiten gleich.
Sie wächst oder schrumpft niemals; sie wird nur manchmal aufgrund
einer Störung des Gleichgewichts im Bewußtsein in ungleichen
Proportionen verteilt. Diese Gesamtsumme an objektivierter Energie ist
der Nährboden für alle irrationalen und rationalen Triebe. Und
da sie direkt im Prinzip der psychischen Individualität verwurzelt
sind, werden diese nach außen orientierten Triebe oder Tendenzen
nicht einmal vom Tod des physischen Körpers ausgelöscht. Sie
verebben erst dann, wenn sie vom universellen Bewußtsein aufgesaugt
werden, indem man über die essentielle Selbstheit aller in ihm befindlichen
Individuen meditiert.
Es gibt noch
verschiedene schwächer wirkende Instinkte, die weniger kraftvoll sind
als jene der Selbsterhaltung und der Fortpflanzung, aber dennoch einen
starken Einfluß auf die Persönlichkeit ausüben und diese
zu unfreiwilligen Handlungen zwingen. Der Selbstbehauptungstrieb ist einer
von ihnen. Dieser Instinkt wirkt entweder als Ausgleich für die eigenen
Minderwertigkeitsgefühle oder, um die eigene, von anderen vereitelte
Macht, Wichtigkeit und Besonderheit (die oft nur eingebildet ist) zu erhalten,
sowie, um das eigene Ego auszudehnen, indem man sich von außen her
(künstliche) Qualifikationen aneignet. Dieser Instinkt stellt die
angeborene Tendenz dar, den Komplex des eigenen psycho-physischen Organismus
zu erhalten. Der “Herdentrieb” ist ein anderer Drang, wo man sich mit einer
Gruppe identifiziert. Metaphysisch betrachtet scheint dies ein unbewußter
Ausdruck der Liebe zum eigenen größeren sozialen Selbst zu sein,
das alle Individuen in sich umfaßt. Diese Liebe ist jedoch keine
Tugend, wenn man sich der Existenz eines solchen größeren Selbst
nicht bewußt ist und man die Gesellschaft ohne dieses Verständnis
liebt. Der “Beschützerinstinkt” oder “Elterninstinkt” drückt
sich in der biologischen Anziehung des physischen Organismus (der natürlich
auch das Denken beeinflußt) zu seinem “Alterego” aus. Elterliche
Liebe ist eine der Manifestationen der biologischen Natur des Individuums,
die zum Zweck der Ausbreitung der Individuen einer Gattung aufgegriffen
wird.
Letztendlich
sind alle Triebe Symptome für den Ruf des Geistes nach dem Geist,
verborgen in der äußeren Bindung an Formen, Objekte, Gedanken
und Handlungen.
Das Verlangen
nach Wissen und Erkenntnis ist ein rationaler Trieb. Er nimmt verschiedene
Formen an, die über unterschiedliche Kanäle wirken und auf die
Erfüllung des Wunsches nach Erkenntnis hinzielen. Manchmal ist es
nur reine Neugier, zu anderen Zeiten wiederum eine aus Lebensproblemen
erwachsene Notwendigkeit, die im Individuum das Verlangen erweckt, zu verstehen.
Am Anfang ist das begehrte Wissen nur ein Mittel für größere
und höhere Errungenschaften, doch später ist sie ein Ziel in
sich selbst. Außer der Sehnsucht nach höherem Wissen, das selbstexistent
ist, und dem Selbsterhaltungstrieb (solange er die Grenzen des tatsächlich
Notwendigen nicht überschreitet), sind alle Instinkte unnötige
Ventile für die Veräußerlichung von Energie hin zu Objekten,
die das Individuum für seine Entwicklung nicht benötigt.
Das Verlangen nach Wissen sollte jedoch als übernatürlicher Drang
bezeichnet werden, auch wenn es erst zum Schluß hin wirklich übernatürlich
wird und in den Anfangsstadien einige Mühe und Energie kostet. Das
Verlangen nach höchstem selbstexistentem Wissen ist kein wirklicher
Drang, sondern das Ziel des geringeren Wissens, wobei nur dieses letztere
unter die Triebe eingeordnet werden kann.
Das Wirken
des Wissensdurstes weist jedoch das spezielle Merkmal auf, daß sich
sein Wert nur auf die Ebene der Dualität beschränkt, so daß
dabei immer etwas Energie in Richtung eines außerhalb des Bewußtseins
befindlichen Objekts abfließt. Aus diesem Grund kann der Wissensdurst
unter die verschiedenen, im Individuum wirkenden Triebe eingeordnet werden,
auch wenn das Streben nach höherem Wissen, das kein Mittel zum Zweck,
sondern ein Ziel in sich selbst ist, nicht als individueller Drang bezeichnet
werden kann. Das höhere Wissen bezieht sich nicht auf ein außerhalb
seiner selbst befindliches Etwas, sondern existiert ausschließlich
in sich selbst. Was mit dem rationalen Trieb gemeint ist, ist deshalb nicht
das Streben nach selbstexistentem, unabhängigem und absolutem Wissen,
sondern das Streben nach Erkenntnis, das Verlangen nach Verständnis
und der Drang, über beschränktes Wissen hinaus zu wachsen.
Außer
dem Verlangen nach Wissen sollten alle Triebe und Instinkte kontrolliert
und in die vereinigende Energie des höheren Bewußtseins transformiert
werden, da diese natürlichen Triebe der körperlichen Natur nicht
mit dem höheren Streben nach der Einheit des Bewußtseins im
universellen Sein vereinbar sind. Die Kunst, diese der spirituellen Suche
entgegenstehenden Instinkte zu überwinden, besteht letztlich aus bestimmten
Prozessen, die mit der essentiellen Natur des Bewußtseins verbunden
sind. Da das Ziel die Erfahrung der höchsten Einheit ist, muß
auch der Weg, der zu dieser führt, in inniger Beziehung zu ihr stehen.
Für die
Erfahrung des Absoluten ist die Umwandlung der individuellen Konstitution
notwendig. Wie auf den letzten Seiten bereits ausführlich geschildert
wurde, kann diese Umwandlung erreicht werden, indem man die wahre Natur
der Beziehung zwischen dem Individuum und dem Absoluten begreift. Alle
Formen der Veräußerlichung von Energie, die man als Triebe,
Instinkte und dergleichen bezeichnet, sind Bewegungen des Bewußtseins
in Richtung eines “Nicht-Selbst”. Sobald das Bewußtsein damit aufhört,
auf diese Weise zu arbeiten, kann es keinen individuellen Drang mehr geben.
Folglich besteht der Weg der Selbstkontrolle aus dem Rückzug der Funktionen
des objektivierten, sich nach außen richtenden Bewußtseins
in ihren Ursprung, wobei diese Funktionen allmählich zusammenlaufen
und mit dem Absoluten verschmelzen. Nur eine bewußte Bemühung
des Individuums, über sich selbst hinaus zu wachsen und sich über
die Beschäftigung mit ablenkenden Einzelheiten zu erheben, kann diese
großartige Errungenschaft und tatsächliche Erfahrung herbeiführen.
Hierfür sind ein klarer Verstand, leidenschaftsloses Empfinden, Sehnsucht
nach Freiheit und außerordentliche Beharrlichkeit notwendig.
Studium, Reflexion
und Meditation sind die methodischen Prozesse der Selbsttranszendenz. Um
über die spirituelle Wirklichkeit meditieren zu können, sind
eine sorgfältige Analyse und das Studium der Natur von Wahrnehmung
und Erfahrung unter der Führung eines fähigen spirituellen Lehrers
unentbehrlich. Um die eigene Anhänglichkeit an äußere Formen
der Erfahrung zu lösen und um alle Energien auf das höchste Selbstbewußtsein
konzentrieren zu können, muß man erkennen, welche Probleme in
die relative Erfahrung verwickelt sind, und auch, daß alle relativen
Erfahrungen letztendlich in der Wirklichkeit des Absoluten zentriert sind
und auf sie reduziert werden können. Bevor irgendeine Bemühung
um Kontrolle instinktiver Reaktionen und blinder Triebe unternommen werden
darf, muß man deren Natur und Wesen klar verstehen. Keine Übung
kann von dauerhaftem Wert sein, wenn ihr nicht eine korrekte Kenntnis der
inneren Anatomie, der Bedeutung und Methode dieser Übung vorausgeht.
Man darf nur handeln, wenn man weiß, wie man zu handeln hat, warum
man überhaupt handelt und was die Handlung wirklich bedeutet. Handlung
muß somit auf Verständnis basieren. Dieses Verständnis,
auf dem alle spirituellen Praktiken basieren, ist der Vorläufer von
Leidenschaftslosigkeit gegenüber jeglicher Veräußerlichung
in Richtung von Dingen und Objekten. Wahre Entsagung ist nicht der Verzicht
auf irgendein “Ding”, sondern das Loslassen der “Dinghaftigkeit” in den
Dingen, der “Objektheit” in den Objekten, der “Äußerlichkeit”
in Erfahrungen und der “Projiziertheit” im Bewußtsein. Diese Entsagung
ist der Zustand der höchsten Erfüllung im Absoluten. Ohne die
totale Hingabe der Persönlichkeit und all ihrer Begleiterscheinungen
an dieses eine Ziel kann es keine Hoffnung auf diese ultimative Erfahrung
geben. Im selben Moment, in dem diese Hingabe stattfindet, verschwinden
die Anhänglichkeiten, der Geist entspannt sich, die Sinne werden von
den Formen zurückgezogen, Leidenschaften erlöschen, das Bewußtsein
wird konzentriert, Freude kommt auf und man empfindet eine gewaltige Kraft
in sich selbst. All dies sind Folgen, die sich ergeben, wenn sich Individuum
und Wirklichkeit in Harmonie befinden, wenn sich alle Kräfte mit der
Wirklichkeit vereinen und alle Unterschiede und Objektivität in ihr
auflösen. Durch diese Handlung zieht das Individuum vom universellen
Zentrum Unterstützung an und wird eins mit ihm. Eine tatsächliche
Erfahrung dessen ist durch intensive Meditation über dieses universelle
Zentrum möglich.
Jede Handlung
des eigenen Lebens sollte zu einem Ausdruck der bewußten Kontemplation
über das Absolute werden. Bevor nicht alle Handlungen auf diesem Bewußtsein
basieren, kann nicht der geringste Wert in ihnen enthalten sein. Das Absolute
ist das Lebensprinzip aller Dinge, Handlungen und Gedanken, so daß
in dessen Abwesenheit alles leblos und bedeutungslos ist. Spiritualität
ist ein Bewußtseinszustand und besteht nicht nur aus bestimmten Handlungsformen.
Wird das Bewußtsein dahingehend trainiert, in dieser Harmonie zu
existieren, dann werden alle Handlungen zu universellen Prozessen und hören
auf, individuelle Bemühungen zu sein, die in Richtung eines außen
liegenden Zieles ausgerichtet sind. Es ist eines jeden Pflicht, sich in
all seinen bewußten Zuständen um eine Vereinigung mit dem Absoluten
zu bemühen und den eigenen Verpflichtungen mit dem Bewußtsein
dieser Einheit nachzugehen. Ein Individuum, dem dies gelingt, ist ein Heiliger,
ja ein aufs höchste Gesegneter. Die bloße Gegenwart eines solchen
Wesens übt auf die gesamte Umgebung einen magnetischen spirituellen
Einfluß aus. “Dieses Universum ist sein, und wahrlich, er ist das
Universum selbst”, sagt die Upanishad. Dies ist die glorreiche Vollendung
des Lebens.
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