Swami Krishnananda im Dialog mit seinen Besuchern zu verschiedenen Themen des Leben.
55. Die Notwendigkeit eines Gurus
Besucher: Nach meinen für mich geltenden Erfahrungen und dem Interesse
am Leben von wirklich erleuchteten Menschen und Heiligen wie Krishnamurti,
Ramana Maharshi und selbst Buddha, haben diese keinen Guru gehabt....
Swamiji: Jeder hatte eine Führung. Niemand hatte ein plötzliches
Wachstum aus dem Nichts heraus. Sie alle hatten Lehrer und Führer,
gleichgültig, ob Du sie kanntest oder nicht. Selbst Ramakrishna
Paramahansa, der große Heilige aus Indien, hatte einen Guru. Warum
sollte er einen Guru haben, wo er doch selbst ein Meister und für
so viele Menschen ein Guru war? Dennoch hatte auch er aus gutem Grunde
einen Guru.
Besucher: Das ist richtig.
Swamiji: Selbst Christus hatte einen Guru, und Krishna ebenso. Sie
waren große Meister und wurden dennoch von einem Lehrer unterwiesen.
Wenn man bereits das Stadium der Vollkommenheit erreicht hat, ist natürlich
kein Guru mehr erforderlich; doch wer kann von sich behaupten, perfekt
zu sein? Jedermann befindet sich nur auf dem Weg, weshalb es besser
ist, jemanden über sich zu haben. Wer glaubt, daß sich niemand
in der Welt über ihm befindet, für den ist kein Guru erforderlich;
doch solange jemand der Meinung ist, daß es Menschen in der Welt
gibt, die höher stehen, dann werden diese die Gurus sein.
Besucher: Ja. Ich verstehe.
Swamiji: Wenn Du sagst, daß es niemanden gibt, der über
Dir steht, bist Du Dein eigener Guru. Doch niemand kann von sich behaupten,
daß er am höchsten steht; wie sollte das möglich sein?
Man muß ein bißchen demütiger sein. Es ist z.B. immer
gut, ältere Menschen zu respektieren, denn dadurch wird man eines
Tages gesegnet werden. Jeder kann Dir unter bestimmten Bedingungen helfen.
Es gibt niemanden, der nicht in der Lage wäre, ein bißchen
Hilfe zu leisten.
Auf diese Weise rettete einst eine Maus auch einen Löwen. Wie
kann eine Maus einen Löwen retten? Kannst Du das verstehen? Ein
Löwe schritt stolz einher, als ihm eine Maus begegnete. Die Maus
sagte: „Komm mir nicht zu nahe. Ich kann Dir bei passender Gelegenheit
sicherlich einmal behilflich sein.“
Der Löwe lachte: „Du Idiot, Du kleines Ding, wie willst
Du mir helfen? Welche Hilfe kannst Du mir angedeihen lassen?“
Der Löwe lachte, doch die Maus sagte: „Nein, warte ab, eines
Tages, wer weiß? Vielleicht kann ich Dir eines Tages bei irgendeiner
Gelegenheit helfen.“
So geschah es, daß sich der Löwe eines Tages in einem Netz
verfing. Es war sehr schwer für ihn, wieder heraus zu kommen. Der
Löwe bemühte sich den ganzen Tag und konnte das Netz nicht
zerreißen. Da kam die Maus: „Darf ich Dir helfen?“
„Selbstverständlich, wenn Du kannst!“ sagte der Löwe.
Die Maus arbeitete die ganze Nacht. Sie nagte fortwährend an vielen
Stellen an dem Netz, bis es sich löste. Der Löwe zerriß
es und war frei, - dann rannte die Maus fort.