![]() |
||||||||||||||||||||||||||
| Video | ||||||||||||||||||||||||||
Hildegard von Bingen
Begegnung
mit dem Licht Zunächst: historisch Zuverlässiges wissen wir nur weniges über Hildegard von Bingen. Im Jahre 1098 geboren, entstammte sie dem Geschlecht Bermersheim, einer Familie, die zum fränkischen Hochadel gehörte. Der zeitgenössischen Vita gemäß hatte Hildegard neun Geschwister und wurde - was damals durchaus üblich war - in jugendlichem Alter der Einsiedlerin Jutta von Sponheim, die in einer Klause neben dem Mönchskloster auf dem Disibodenberg lebte, zur Erziehung und Ausbildung übergeben. Schon früh also wurde Hildegard durch den Lebensrhythmus der Benediktiner mit seinem Wechsel von Gebet und Arbeit, Studium und geistlicher Lesung, gemeinschaftlichem Leben und Einsamkeit entscheidend geprägt. Im Jahr 1136 starb Jutta und Hildegard übernahm die geistliche Leitung der kleinen Klostergemeinschaft, die sich im Laufe der Jahre aus der Klause entwickelt hatte. Bis zu ihrem 41.Lebensjahr vollzog sich Hildegards Leben im schlichten Gleichmaß normalen klösterlichen Alltags. Gleichwohl dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie sich in diesen ersten Lebensjahrzehnten eine profunde Bildung und Lehrweisheit angeeignet hat. Obwohl sie sich in ihren späteren Schriften immer wieder als ungelehrte Frau bezeichnete, - eine Tatsache, die sich wohl eher auf das Fehlen einer formalen Ausbildung in den klassischen Disziplinen der Dialektik, Rhetorik und Grammatik bezog - , besaß Hildegard umfangreiche biblische, theologische und philosophische Kenntnisse. Vor allem der Reichtum der biblischen Schriften, der sich ihr vor allem durch die Liturgie erschloß, und der Benediktusregel, ebenso aber die Lektüre der Kirchen- und Mönchsväter waren für sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und bildeten die Grundlage für ihr gesamtes Werk. Wissen und Weisheit, natürliches Erkenntnisvermögen und inspirierte Gelehrtheit schmolzen bei ihr zu einer untrennbaren Einheit zusammen. Himmel
und Erde als Spiegel der göttlichen Liebe Drei große theologische Werke hat Hildegard von Bingen verfaßt - nicht aus Freude am Schreiben, wie sie wieder und wieder betont, sondern aus der Verpflichtung heraus, das zu verkünden, was ihr die Erkenntnis der Schau vermittelt hat. Wie groß die Mühe, die sie das Schreiben kostete, und wie stark die inneren Widerstände waren, die sie zu überwinden hatte, schildert Hildegard im Vorwort zu ihrem ersten Hauptwerk "Scivias" (Wisse die Wege): "Erst als Gottes Geißel mich auf das Krankenlager warf, ... legte ich endlich Hand ans Schreiben..." Was dann in den nächsten Jahrzehnten in mühevoller Arbeit entstand, war eines der imponierendsten Weltpanoramen des Mittelalters - übrigens nicht selten als Vorwegnahme bzw. Grundlage von Dantes "Divina Commedia" bezeichnet. In ihrem ersten Werk "Scivias" schlägt Hildegard den großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung am Ende der Zeiten. Die ewige Geschichte von Gott und Mensch, das Drama von Abkehr und Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer, wird hier auf einzigartige Weise zur Darstellung gebracht. Dabei versucht Hildegard, das unsagbare Geheimnis Gottes in immer neuen Bildern anschaulich zu machen. Ihre Visionen, die alle in gleicher Weise komponiert sind (1: das geschaute Bild selbst; 2: die Erklärung des Bildes; 3: die theologische und spirituelle Deutung), faszinieren den Leser durch den souveränen Umgang Hildegards mit den Quellen, die sie völlig frei und schöpferisch in ihre Gesamtschau einfließen läßt. Ebenso beeindruckend aber ist die elementare Sprachgewalt der Bilder, die es allerdings dem heutigen Leser oftmals nicht leicht macht, Hildegards Gedanken und Deutungen zu verstehen. Entsprechend der inhaltlichen Fülle und Vielseitigkeit ihres Werkes verfügte Hildegard auch sprachlich über große Variationsmöglichkeiten: sie beherrschte den narrativen Stil ebenso wie den dramatischen, den wissenschaftlichen in gleicher Weise wie den lyrischen. Sie füllte alte Begriffe mit neuen Inhalten, schuf völlig neuartige Worte, komponierte Lieder und Hymnen und betätigte sich nicht zuletzt auch als Dramaturgin. Der
ewige Kampf zwischen Gut und Böse Seinen theologischen Niederschlag fand das Grundthema des Ordo Virtutum in Hildegards zweitem großen Hauptwerk, dem "Liber Vitae Meritorum" (Buch der Lebensverdienste). Auch hier geht es um die immer wieder zu treffende Entscheidung des Menschen zwischen Gut und Böse, zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Hinwendung zu und Abkehr von Gott. Tugenden und Laster begegnen einander - rhetorisch meisterhaft inszeniert - in argumentativen Streitgesprächen. Diese werden immer wieder unterbrochen durch die Worte des "vir" (= Gott), dessen Gestalt vom Himmel bis in die Tiefen des Abgrunds hinabreicht. Der Mensch, so Hildegards Grundanliegen, ist frei geschaffen und sein Leben lang in die Entscheidung gestellt, seiner in der Schöpfung grundgelegten Gottesebenbildlichkeit zu entsprechen. "Werde, was du bist", "Mensch, werde Mensch!" - beide Kurzformeln könnten nahtlos dem Denken Hildegards entnommen sein. Die
Welt als Kunstwerk Gottes Ihren ganz besonderen Ausdruck haben die Kosmosvisionen in den farbenprächtigen Miniaturen gefunden, die die Visionen Hildegards exakt im Bild sichtbar werden lassen. Insgesamt sind 42 Miniaturen (davon 35 zum "Scivias" und sieben zum "Liber divinorum operum") überliefert. Sie alle sind wohl nicht mehr unter dem direkten Einfluß Hildegards, sondern erst kurz nach ihrem Tod entstanden. Unvergleichlich sind hier vor allem die Darstellungen des Menschen im Kosmosrad, der göttlichen Liebe in Gestalt einer Frau und die Darstellung der Trinitätsvision. Besonders auffallend ist die weit ausholende, der mittelalterlichen Ikonographie entnommene Farbsymbolik, deren sich Hildegard und in ihrem Gefolge die Miniaturen-Maler bedienen. Sie lenkt das Verständnis und die Interpretation immer neu auf das eine, große Grundanliegen des hildegardischen Werkes, das sie am Ende ihres dritten Hauptwerkes noch einmal zusammenfaßt: "Und wiederum sah ich das lebendige Licht und hörte ich eine Stimme vom Himmel, die mich diese Worte lehrte: Nun sei Gott Lob in Seinem Werke, dem Menschen! Um seiner Erlösung willen hat Er die gewaltigsten Kämpfe auf Erden gefochten"... Die
Einheit von Heil und Heilung Die
Wucht der ungeschminkten Wahrheit Was war es also, das die Menschen an dieser Frau so faszinierte und was den Namen Hildegard von Bingen noch heute so unverwechselbar und aktuell erscheinen läßt? War es ihre radikale Ehrlichkeit, ihr kompromißloses Eintreten für die Wahrheit, die sie im himmlischen Licht geschaut hatte und die im ausgehenden ersten Jahrtausend vermeintlich niemand mehr hören wollte? War es ihre kraftvolle und bildreiche Sprache, die es verstand, "alte" Wahrheiten den Menschen auf ganze neue Weise nahe zu bringen? War es ihre wahrhaft kosmische Theologie, die die untrennbare Einheit und Sinnhaftigkeit allen Lebens in ganz neuem Licht erstrahlen ließ? Hildegard war und ist ein ein Mensch, der uns wachrütteln kann, ein Stachel im Fleisch von Kirche und Welt. Sie war Prophetin im wahrsten Sinne: unerschrocken, klar, sich selbst verzehrend im Feuer radikaler Nachfolge. Bis zuletzt blieb sie Vorkämpferin für einen gelebten Glauben und Anwältin der Liebe und Gerechtigkeit. Das zeigt ein noch einmal ein Ereignis kurz vor ihrem Tod: Hildegard begrub den Leichnam eines jungen Edelmannes, der zwar exkommuniziert, aber vor seinem Tod durch den Empfang der Sakramente wieder in die Kirche zurückgekehrt war, auf ihrem Klosterfriedhof. Die Prälaten des Bischofs von Mainz, die von der Umkehr des Edelmannes keine Kenntnis hatten, forderten die Exhumierung des Leichnams, da dieser nicht in "geweihter Erde" habe beerdigt werden dürfen. Hildegard aber weigerte sich und verhinderte die gewaltsame Herausgabe, in dem sie den Friedhof umpflügen ließ und so das Grab des jungen Mannes unkenntlich machte. Die unbeugsame Haltung Hildegards wurde mit dem Interdikt bestraft. Die Klostergemeinschaft wurde ihres Herzstückes beraubt: sie durfte nicht mehr öffentlich das Gotteslob vollziehen und der Kommunionempfang wurde ihr verboten. Erst nach zwei Jahren zähen Ringens erreichte die Äbtissin vom Rupertsberg die Aufhebung des Interdikts. Der letzte Rest ihrer Lebenskraft war aufgezehrt. Hildegard starb am 17. September 1179. Schon wenige Jahre nach ihrem Tod, 1223, wurde der Heiligsprechungsprozeß eingeleitet. Warum dieser sehr bald buchstäblich im Sande verlief, ist bis heute nicht geklärt. Zuletzt versuchten die deutschen Bischöfe im Jahr 1978, Hildegard den Titel einer Kirchenlehrerin zu verleihen. Auch diesem Versuch aber war kein Erfolg beschieden, da Hildegard - so die Nachricht aus Rom - zunächst einmal heiliggesprochen werden müsse. Doch ob mit oder ohne amtliche Bestätigung: Hildegard von Bingen ist längst eine Lehrerin der Kirche geworden. Unzählige Menschen verehren sie als Heilige und pilgern auf ihren Spuren. Hildegards Ruf in die Zeit scheint also damals so aktuell gewesen zu sein wie heute. Es ist ein Ruf, der zu einer ganz persönlichen Antwort herausfordert - vor 900 Jahren ebenso wie auch heute - ein Ruf, der ungeahnte schöpferische Kräfte freisetzen könnte.
Zeittafel: 1098 ca.
1112 1136 1141-1151 1147/48 1150 zwischen 1158-1173 1165 1174/75 1178 17.9.1179 ca.1180-1190 ca.1223-1237 1632 1802 17.9.1904 1978-1994 |
||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||