1. Ausgabe 2006: Auflage 500.
Herausgegeben vom Bund der Yoga-Vidya-Lehrer e.V
.
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Inhaltsverzeichnis:
Die Bhagavad Gita ist eins der meist gelesenen Bücher in Indien. Viele Inder tragen sie immer bei sich, um darin zu lesen und die Wahrheit zu verinnerlichen. Es ist die Bibel der Hindus. Sie gilt als eine der wichtigsten Schriften im Yoga und hilft uns besonders, den Alltag bewusst zu leben und zu spiritualisieren. Seit Jahrhunderten wird sie immer wieder neu interpretiert und ist heute im Westen ein oft kommentierter klassischer Yogatext.
Mein Anliegen in diesem Kommentar ist es, diese jahrhundertealte Weisheit für den Menschen von heute neu zu erschließen und sie ihm durch viele Beispiele, Anekdoten und Geschichten nahe zu bringen.
Das Wort „Bhagavad Gita“ heißt „Göttlicher Gesang.“ Es ist das Zwiegespräch eines Lehrers, der Gottinkarnation Krishna, mit seinem Schüler Arjuna.
Arjuna stellt seinem Lehrer immer wieder praktische und philosophische Fragen zum Yoga und zum Leben. Das Wort „Yoga“ heißt „Einheit, Vereinigung.“ Yoga ist ein systematisches Übungssystem, welches alle Aspekte der Persönlichkeit entfaltet. Yoga gibtÜbungen, die auf drei Ebenen wirken:
Es gibt verschiedene Weisen, das Yogasystem zu unterteilen. Ich unterscheide gerne
sechs Aspekte des Yoga, die sich gegenseitig ergänzen und zusammen ein großartiges
Ganzes bilden:
Jnana Yoga, der Yoga des Wissens. Er beruht auf der Selbstbefragung: Wer bin ich?
Er hat als Mittel die philosophische Analyse, die tiefe Reflexion und die Meditation
Raja Yoga, der Yoga der Geistesbeherrschung
Bhakti Yoga, der Weg der Hingabe zu Gott
Karma Yoga, der Yoga der Tat, bestehend aus selbstlosem Dienst und Spiritualisierung
des ganzen Lebens
Hatha Yoga, der Yoga der Körperschulung. Dies ist der im Westen bekannteste Yoga und
besteht vor allem aus Körperübungen (asanas), Atemübungen (pranayama),
Tiefenentspannung (shavasana) und Ratschlägen zur richtigen Ernährung
Kundalini Yoga, der Yoga der Energie
Die Bhagavad Gita ist der Yogatext zu Karma und Bhakti Yoga schlechthin. Es geht darum, alle Handlungen im Alltag zu spiritualisieren, um so Gotterkenntnis zu erreichen und selbstverwirklicht zu werden. Und obgleich die Bhagavad Gita hauptsächlich Karma und Bhakti Yoga behandelt, findet man an vielen Stellen auch ausgezeichnete Hinweise für die anderen Aspekte des Yoga.
Die Bhagavad Gita als Schrift verspricht uns nicht, wie das Yoga Sutra, übernatürliche
Kräfte oder besondere Fähigkeiten. Sie verspricht uns auch nicht wie die Hatha Yoga
Pradipika, unendliche Energie oder die Fähigkeit alles verändern zu können. Die
Bhagavad Gita will uns schlicht und einfach lehren, wie wir die Selbstverwirklichung
erreichen können. Trotz dieser hohen Zielsetzung funktioniert das sehr einfach im
Alltag, denn die Bhagavad Gita hat einen Vorteil gegenüber anderen Schriften: Sie lehrt
uns wie wir so handeln können, dass wir das tägliche Leben, Beruf, Alltag, Familie und
was auch immer wir tun, spiritualisieren und auf das Göttliche ausrichten, ohne dafür
mehr Zeit im Alltag aufbringen zu müssen. Wir brauchen nicht etwas Anderes zu tun,
als wir normalerweise tun. Wir sollten was wir tun nur mit einer anderen Einstellung
tun. Dann transformiert sich unser Leben. Es wird erfüllt und glücklich. Um das zu tun,
was die Hatha Yoga Pradipika empfiehlt, brauchen wir viel Zeit. Da muss man viele
Stunden am Tag Asanas, Pranayama und Meditation üben. In den Yoga Sutras gibt uns
Patanjali eine Meditationstechnik nach der anderen. Damit die Techniken richtig wirken,
müssen wir meditieren. In der Bhagavad Gita gibt es zwar auch ein Kapitel, das sechste,
in dem Krishna uns dazu rät zu meditieren und dann auch noch Kurzanleitungen
zur Meditation gibt. Aber hauptsächlich ist die Bhagavad Gita Anleitung für
Spiritualisierung und Transformierung unseres Alltags in spirituelle Handlungen.
Ich stehe in der Tradition von Swami Sivananda und Swami Vishnu-devananda. Swami
Sivananda ist einer der größten Yogameister des 20. Jahrhunderts und eine der
Yogagrößen, welche im 20. Jahrhundert die Renaissance des Yoga einleiteten. Geboren
1887 im Süden Indiens, praktizierte er viele Jahre als Arzt in Krankenhäusern in
Malaysia. 1923 verließ er Malaysia und ließ sich in Rishikesh an den Vorbergen des
Himalayas nieder, um intensiv Yoga zu praktizieren. Es wird angenommen, dass er das
Ziel des Yoga, asamprajnata samadhi, die Selbstverwirklichung, Anfang der 30er Jahre
erreichte. Angezogen von seiner Ausstrahlung kamen Scharen von Aspiranten, um
seinen Rat zu suchen. Die von ihm gegründete Divine Life Society wurde eine der größten
Yogabewegungen Indiens. Als Swami Sivananda 1963 seinen Körper verließ, hatte erüber 200 Bücher geschrieben und zahllose Schüler in die ganze Welt geschickt.
Einer seiner Schüler war Swami Vishnu-devananda (1927-1993), den wir liebevoll meist nur „Swami Vishnu“ oder „Swamiji“ nannten. Swami Vishnu lebte zehn Jahre im Sivananda Ashram in Rishikesh und wurde 1957 von Swami Sivananda auf Vortragsreise in den Westen geschickt. Als er sah, wie viel Interesse die westlichen Menschen am Yoga hatten, blieb er gleich in Nordamerika, machte sich selbständig und gründete die von ihm so genannten „Sivananda Yoga Vedanta Zentren“ und Ashrams auf der ganzen Welt. Zwölf Jahre lernte, lebte und diente ich in seinen Zentren und habe ihm unendlich viel zu verdanken. Ende 1991, während Swami Vishnu die Leitung seiner Zentren an seine Nachfolger weitergab, verließ ich die von ihm gegründeten Zentren und legte nach einer Indienreise Mitte 1992 die Grundlage für den Yoga Vidya e.V. in Deutschland. Mehrere Yoga Vidya Zentren und das „Haus Yoga Vidya“, ein Seminarhaus und Yoga Ashram im Westerwald, so wie das Haus Yoga Vidya Bad Meinberg sind seitdem entstanden. Die meisten Beispiele und Anekdoten in diesem Buch stammen aus meinen persönlichen Erfahrungen und den Erfahrungen von Kursteilnehmern bei meinen Kursen in diesen Zentren.
Dieses Buch ist aus einer Vortragsreihe im Rahmen einer Intensiv-Weiterbildung für Yogalehrer entstanden. Eine der Teilnehmerinnen nahm meine Vorträge auf und brachte sie zu Papier. Diese wurden dann weiter bearbeitet und an die Bedürfnisse eines breiteren Publikums angepasst. Dieses Buch ist daher nicht als Einführung ins Yoga gedacht, obgleich ich der Überzeugung bin, dass auch Yoganeulinge viel Nutzen daraus ziehen können.
Dieses Buch hat als Schwerpunkt die Kapitel 1-4 der Bhagavad Gita. Die Kapitel 5-9 behandele ich sehr viel kürzer und Kapitel 10-18 nur auszugsweise. Es ist geplant, in Fortsetzungsbüchern auch die weiteren Kapitel genauer zu behandeln.
Die einzelnen, der Kommentierung zugrunde liegenden, Verse habe ich für dieses Buch aus der „Shrimad Bhagavad Gita“ mit Kommentaren von Swami Sivananda aus dem Mangalam Verlag entnommen. Dieses Buch bietet meiner Meinung nach eine hervorragende Übersetzung der Sanskritverse. Ich bin nur an einigen wenigen Stellen in der Übersetzung abgewichen. Ich selbst habe in diesem Buch auf die Übernahme der Sanskritverse verzichtet, weil ich keine neue Bhagavad Gita schreiben wollte. Es geht mir vielmehr darum, diese wunderbaren Weisheitslehren vielen interessierten, spirituellen Menschen zugänglich zu machen.
Vielen Dank an Sumitra Shang, den Inhaber des Mangalam Verlags, für die Erlaubnis,
die Verse abdrucken zu dürfen. Am besten ist es, neben diesem Buch die „Srimad
Bhagavad Gita“ mit Text und Erläuterung von Swami Sivananda aus dem Mangalam
Verlag zu lesen.
Die Vorteile dieses Buches sind:
westlich geprägten Aspiranten des 21. Jahrhunderts.
Um die Lesbarkeit des Textes zu erhalten, habe ich in der Kommentierung meist die männliche Form gewählt. Wenn also im Text von „der Meister“, „der Schüler“, „der Aspirant“ die Rede ist, schließt das immer „die Meisterin“, „die Schülerin“, „die Aspirantin“ mit ein. Der/die Leser/in möge mir dies verzeihen, wenn das gegen sein/ihr Empfinden geht.
In Indien hat das Vermischen verschiedener philosophischer Systeme und spiritueller
Wege eine lange Tradition. Krsna verwendet in der Jahrtausende alten Bhagavad Gita
parallel Begriffe aus samkhya, purva mimamsa und vedanta. Mir geht es nicht um eine
historische Interpretation, sondern um die praktische Anwendung der in der
Bhagavad Gita dargelegten Weisheit. Das heutige Yogasystem beruht auf verschiedenen
großen Traditionen, die sich ständig gegenseitig befruchteten und miteinander vermischten.
Historisch gibt es in Indien sechs große darsanas, klassische Philosophiesysteme,
welche die klassischen Schriften und die Erfahrungen des Aspiranten in
unterschiedliche Begriffe brachten. Diese möchte ich zu Beginn kurz darstellen, da sie
wesentlich für das Verständnis der Bhagavad Gita sind. Danach werde ich dann über
die Bhagavad Gita und ihren Stellenwert unter den vier großen Schriften sprechen
sowie ihren Aufbau und die Hintergrundgeschichte. Daran anschließend beginne ich
mit der Kommentierung einzelner ausgewählter Verse.
Ich erwähne, insbesondere in den späteren Kapiteln, relativ häufig den Ausdruck„Gott“. Dies soll kein Bezug zu einer konkreten Religion sein. Ich habe versucht, diesen Ausdruck so neutral zu verwenden, dass er mit christlichen Vorstellungen, mit Vorstellungen anderer Religionen wie auch mit abstrakten Konzepten wie „das Absolute“, „die Kosmische Energie“, „der Schöpfer“, „die Urmutter“, vereinbar ist.
Ich möchte allen an diesem Buch Beteiligten herzlich danken: den Kursteilnehmerinnen
der Bhagavad Gita Weiterbildung, Rafaela Sauter und Nadine Keilbar für
die Niederschrift, die Bearbeitung und die Koordination, Ulrike Rübsamen für die
Korrekturen. Mein größter Dank geht an meine Meister Swami Sivananda und Swami
Vishnu-devananda, deren Segen allein mich zu diesem Buch inspirierte.
Ich wünsche allen Lesern, dass sie mit diesem Buch etwas Inspiration für ihren Weg
bekommen. Für Kommentare, Fragen, Erfahrungsberichte, Kritik und Anregungen
bin ich dankbar.
1.12.2006
Sukadev Bretz
Haus Yoga Vidya
Am Wällenweg 42
32805 Horn-Bad Meinberg
Fax 05234-872222
http://www.yoga-vidya.de
Email Sukadev@Yoga-Vidya.de
Zum besseren Verständnis der Bhagavad Gita kann es hilfreich sein, den Leser kurz in die sechs klassischen indischen Darshanas (Philosophiesysteme) einzuführen. Ich möchte den Leser jedoch warnen: Dieses Kapitel ist das schwierigste dieses Buches… Weniger philosophisch orientierte Leser sowie solche, die mit indischer Philosophie bisher wenig zu tun hatten, können auch gleich zum nächsten Kapitel springen…
Schon zu Krishnas Zeiten existierten sechs klassische Philosophiesysteme. Um seinem Schüler Arjuna seine Lehren zu verdeutlichen, wechselt Krishna in der Bhagavad Gita häufig die Standpunkte. Deshalb lassen sich auch die verschiedensten Strömungen in der Bhagavad Gita finden, auf die Krishna sich jeweils beruft. Diese Tatsache macht die Bhagavad Gita als Buch auch noch interessanter. Verschiedenste Vertreter unterschiedlicher philosophischer Richtungen, erheben den Anspruch, Krishna wäre in ihrer Philosophie verankert.
Die sechs klassischen Darshanas sind:
1. Die Purva Mimamsa Philosophie
Purva Mimamsa, „Purva“ bedeutet „vorherig“; „Mimamsa“ bedeutet „Erörterung/Reflexion“. Beides sind Sanskritausdrücke, die übersetzt soviel wie „Erörterung oder
Untersuchung des vorderen Teils der Veden“, bedeuten. Als der Begründer dieser
philosophischen Richtung gilt der Weise Jaimini.
Die Purva Mimamsa war zu Krishnas Zeiten das populärste Philosophiesystem in Indien. Auch bis heute ist es im indischen Volksglauben mit das Populärste. Da Arjuna in diesem Glauben aufgewachsen, und in ihm fest verwurzelt ist, nimmt Krishna immer wieder Bezug auf dieses System. Nur so kann er Arjuna erreichen. Krishna selbst steht dieser Philosophie recht ablehnend gegenüber.
Das Purva Mimamsa System besagt:
Ziel des Lebens ist, in den Himmel zu kommen, um dort ein schönes paradiesisches
Leben zu führen. Ein zweites Ziel ist es in jeder Inkarnation auf dieser Erde ein schönes,
angenehmes Leben zu leben.
Und um dorthin zu kommen müssen wir „Punyas“ ansammeln und „Papas“ vermeiden oder sühnen. „Punya“ kann man übersetzen als „Verdienst“ und „Papa“ kann manübersetzen als „Sünde“. Wahrscheinlich wäre es besser, „Vergehen“ zu sagen, da der christliche Sündenbegriff nicht ganz in Übereinstimmung mit dem Sündenbegriff in der Bhagavad Gita ist. Punya und Papa entstammen der Karmalehre.
Das ist das Grundprinzip der Purva Mimamsa Philosophie.
Weite Teile der Veden lehren diese Purva Mimamsa Philosophie. Insbesondere wird diese Lehre vom so genannten „Karma Kanda“ der Veden unterstützt. Im Karma Kanda wird beschrieben, welche Handlungen wir tun müssen, um gutes Karma zu erzeugen. Demgegenüber steht der „Jnana Kanda“. Im Jnana Kanda geht es darum, wie wir zum Wissen kommen. Die Veden selbst bestehen aus vier Teilen,
Die ersten drei zusammen formen den Karma Kanda. Der größte Teil der Veden wird also als Karma Kanda bezeichnet und ein kleiner Teil der Veden gehört zum Jnana Kanda.
Der Karma Kanda nun bildet die Grundlage der Purva Mimamsa Philosophie. Jede
Handlung hat eine Konsequenz. Welche Handlung welche Konsequenz hat, wird im
Karma Kanda nicht expliziert ausgeführt. Dies kann man besser in den Puranas nachlesen.
Dort steht in aller Ausführlichkeit geschrieben, welche Handlung in welchen
Himmel führt, welches Vergehen dich in welche Hölle bringt; was mit dir im nächsten
Leben passiert, wenn du in diesem Leben jemanden umgebracht hast; was du tun
musst, wenn du König werden willst; wenn du eine Frau heiraten willst; ein Brahmane
werden willst; wenn du über jemanden negativ gesprochen hast; wenn du gestohlen,
gelogen, geraubt, gemordet hast usw. Wer das nachlesen will, kann das in Swami
Sivanandas Buch „What becomes with the Soul after death“ oder Swami Vishnus Buch„Karma und Krankheiten“ nachlesen. Da ist einiges davon beschrieben.
Was gab es aber für Möglichkeiten, böse Taten zu sühnen? Im Karma Kanda werden uns
drei Mittel angeboten, etwas Konkretes zu erreichen, Punyas anzusammeln bzw. Papas
wieder gut zu machen. Diese sind:
Dana heißt gute Werke tun. Dana heißt geben. Indem wir eben einen Teil unseres Vermögens anderen zur Verfügung stellen, schaffen wir gutes Karma. Wenn wir jemandem etwas gestohlen haben, dann können wir es gut machen, indem wir ihm das wieder zurückgeben, vorzugsweise mit Zinseszins. Wenn man also Mal während seines Lebens feststellt, dass man so viele schlechte Dinge getan hat, dann kann man probieren, es wieder gut zu machen.
Tapas heißt Disziplin oder Askese. Tapas können wir machen, indem wir viel Fasten,
indem wir auf dem Boden schlafen, indem wir im Ganges im kalten Wasser stehen, in
dem wir ein Feuer anzünden und uns in die Mitte begeben, in dem wir in der heißen
Sonne sitzen und ähnliche Praktiken machen. Krishna lehnt jede extreme selbstquälerische
Praxis ab, und schimpft sogar an einigen Stellen in der Bhagavad Gita darüber.
Er äußert sich immer wieder abwertend über die Purva Mimamsa Philosophie. Er
möchte nichts mit ihr zu tun haben und unterstellt dieser Philosophie, sie hätte nichts
mit spirituellem Leben zu tun. Vor allem, weil es in diesem System auch furchtbare
Askesen gibt, die er gerade im 18. Kapitel und auch in anderen Kapiteln beschreibt.
Dazu zählen z.B. tagelang auf einem Bein stehen oder die Fingernägel nicht schneiden,
bis sie irgendwann so lang werden, dass sie durch die Hand hindurch wachsen im
Bogen. Es gibt ein sehr interessantes Buch „Das spirituelle Feuer“, erschienen im
Mangalam Verlag, was die Lebensgeschichte eines Asketen in Indien beschreibt.
Dieser hielt z.B. die Arme immer hochgehoben, so dass sie nicht mehr durchblutet
wurden und die Hände vermoderten und er hat weitere extreme Formen von Tapas
praktiziert.
Dann gibt es auch „Puja“ und „Homa“. Puja und Homa sind Gottesverehrungs- und Feuerrituale. Beides sind die heute in Indien wohl verbreitesten Formen, um Papas zu vermeiden und Punyas anzuhäufen. Dana und Tapas werden nicht mehr so häufig ausgeführt. Wenn ihr in Indien zu einem Priester geht, sagt der vielleicht: „Ich will eine Puja für euch machen.“ Als westlicher spiritueller Aspirant findet man das irgendwie toll. Dann fragen sie, was für einen Wunsch du dafür hast. Für die Puja hat man einen bestimmten Wunsch. Durch die Puja sammelt man Punyas an und diese Punyas gehen dann (nach diesem Glauben) in die Wunscherfüllung hinein. Zum Schluss will der Priester dann natürlich auch noch eine Spende dafür haben, dass das alles funktioniert.
Arjuna ist nun in dieser Purva Mimamsa Philosophie aufgewachsen. Er argumentiert
aus ihr heraus, er glaubt an sie. Sie ist seine Weltanschauung, seine religiöse Überzeugung.
Arjuna kommt zu Beginn der Bhagavad Gita in einen großen ethischen Konflikt.
Er weiß nicht, was er tun soll. Er will vermeiden, Papa (Sünde) zu erzeugen. Er will
Punya erzeugen. Er ist aber in einer Zwickmühle: Egal, wie er sich entscheidet, schafft
er nach den Purva Mimamsa Prinzipien Papa: Kämpft er, werden Menschen sterben,
kämpft er nicht, werden ebenfalls Menschen sterben. Das ist eines der Grundprobleme
des menschlichen Lebens. Wir können nicht leben, ohne anderen Leid zuzufügen. Betrachten wir mal folgende Situation:
Du liegst im Bett und liest dieses Buch. Eigentlich nicht Schlimmes, könntest du meinen.
Du entspannst dich, du lässt dich von indischen Weisheiten inspirieren und tust
etwas für deine spirituelle Entwicklung, bist völlig versunken in diesen heiligen
Wahrheiten. Doch gleichzeitig tötet dein Körper Tausende von Bakterien. Du sitzt oder
liegst nur da, und Tausende von Lebewesen werden getötet. Es sterben Zellen im
Körper usw. Das Fazit ist, du kannst nicht leben, ohne irgendwelche Papa im engeren
Sinne zu begehen.
Auch in der christlichen Theologie kennt man das Problem. Dort spricht man von der Ursünde. Der Begriff der Ursache kann verschieden interpretiert werden. Zum einen spricht man von der so genannten „Urabsonderung“. Wenn wir uns von Gott getrennt fühlen, dann ist das die Ursünde, mit der jeder Mensch schon geboren wird. Zum anderen kann man es so sehen: Wir entfernen uns von Gott, weil wir Vergehen im Leben begehen. Und da wir nicht umhin kommen, gegen Gottes Gebote zu verstoßen, sind wir in der Ursünde befangen. Die christliche Theologie befasst sich sehr ausführlich mit diesem Problem, worauf ich hier aber nicht näher eingehen will.
Krishna wendet sich nun gegen diesen philosophischen Ansatz. Sein Ansatz der Spiritualität sieht so aus, dass es nicht darum geht Dinge zu tun, um Punyas anzuhäufen. Man sollte nicht Pujas oder Homas zelebrieren, um etwas Konkretes zu erreichen. Es ist nicht richtig Tapas zu tun, um etwas zu erreichen oder Spenden zu geben mit dem Hintergedanken, dann selbst mehr zu bekommen oder gutes Karma anzuhäufen. All diese Handlungen sind aus Wünschen heraus geborene Handlungen. Sie führen dazu, dass wir denken, wenn wir all das haben, dann werden wir glücklich werden. Letztlich bleibt die Purva Mimamsa im Egoismus verhaftet.
2. Die Vaiseshika Philosophie
Vaishesika ist eine materialistische Philosophie. Sie sagt, dass es das Ziel des Lebens
ist, irgendwie Vergnügen zu haben und glücklich zu sein. Nach dieser Philosophie sind
wir der physische Körper und haben keine unsterbliche Seele. Die Seele ist nur ein
Ausfluss des menschlichen Körpers. Es gibt keine höhere Macht im Leben und kein
Leben nach dem Tod. Wir sollten unsere Wünsche und unsere Bedürfnisse erfüllen, so
gut es geht. Dabei sollten wir aber aufpassen, dass wir mit anderen Menschen nicht zu
sehr in Konflikt geraten oder ethische und moralische Grenzen verletzen.
Sicherlich ist das die „offizielle“ Philosophie unserer heutigen Zeit - die Philosophie,
die in unseren Schulen und auch in einigen psychologischen Richtungen propagiert
wird. Wenn es uns gelingt, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen, ohne in
Konflikt mit anderen zu geraten, dann sind wir glücklich.
Viele Menschen stellen sich allerdings die Frage, wenn mit dem Tod wirklich alles zu Ende ist, warum soll ich mich dann an ethische Richtlinien halten? Wenn es das Ziel
des Lebens ist, Wünsche zu erfüllen und Bedürfnisse zu befriedigen, reich zu werden
und Ruhm zu erlangen, wozu brauche ich dann noch Ethik? Nach dem Tod hätte es ja
sowieso keine Konsequenz.
Eine Philosophie, die sicherlich von ihren Gründern her durchaus die Wichtigkeit ethischer Richtlinien propagiert, wird missbraucht von Menschen, die dieser Philosophie nur teilweise folgen. Ein ähnliches Beispiel, das den Unterschied zwischen Theorie und praktischer Anwendung verdeutlicht, ist der Kommunismus. In der Theorie war der Kommunismus etwas sehr Schönes. Es geht zwar auch um die Bedürfnis- und Wunscherfüllung aber er ist eben materialistisch. Marxismus/ Leninismus glauben an keine höhere Wirklichkeit. So hat er in den meisten bekannten Formen, wo er auf Materialismus beruht, zu Tyrannei und Menschenverachtung geführt. Wenn der Kommunismus auf spirituellen Prinzipien beruht hat, wie in Klöstern und spirituellen Gemeinschaften, hat er durchaus funktioniert.
Krishna wendet sich auch gegen die Vaishesika Philosophie. Im 16. Kapitel spricht erüber die „Suras“ und die „Asuras“, die „Engelswesen“ und die „Dämonen“. Er bezeichnet die Verfechter einer rein materialistischen Weltanschauung als „dämonisch“. Dies mag uns heute etwas übertrieben vorkommen. Ich komme später darauf zurück.
3. Die Nyaya Philosophie
Nyaya bedeutet „Logik“. Die Nyaya Philosophie gibt es in zwei verschiedenen
Ausprägungen, einmal in logikorientierter Ausprägung, ein anderes Mal in der bhaktiorientierten
Ausprägung.
Laut der logikorientierten Form werden Subjekt und Objekt der menschlichen
Erkenntnis aufgrund der Gesetze der Natur untersucht.
In der bhaktiorientierten Tradition hat Gott die Welt geschaffen, und der Mensch ist
auf ewig von Gott getrennt. Dies verursacht Leiden für den Menschen, welche er aber
durch spirituelle Praktiken und Hingabe an Gott mindern kann. Es ist die Philosophie
der Hingabe und des Loslassen, eine dualistische Philosophie, die im Unterpunkt
Uttara Mimamsa noch etwas näher beschrieben wird.
4. Die Sankhya Philosophie
Die Sankhya Philosophie ist eine dualistische Philosophie, die zwei absolute
Prinzipien - Purusha und Prakriti - postuliert. Purusha gilt als unsere wahre Natur,
unser wahres Selbst, als reines Bewusstsein. Prakriti ist etwas vom Selbst Getrenntes.
Prakriti ist unsere Natur, die aus den drei Gunas besteht. Laut Sankhya sind das zwei
verschiedene Dinge, die immer von einander getrennt bleiben. Purusha (das Selbst)
hat mit Prakriti (der Natur oder der Materie) nichts zu tun.
Sankhya ist ein sehr hoch interessantes Philosophiesystem, dazu könnte man ein ganzes Buch schreiben. Nach dem Sankhyasystem ist es unsere wichtigste Aufgabe, uns von der Identifikation mit der Prakriti zu lösen, uns vom Handeln zu lösen und nach und nach zu Purusha, unserer wahren Natur zu kommen und uns in ihr zu verankern. Aus diesem Grund gehört die Entsagung als ein wichtiger Bestandteil zur Sankhya Philosophie. Das Hineingehen in die Prakriti führt zur Verhaftung. Verhaftung führt zum Leiden. Leiden führt zur Wiedergeburt. Mit der Wiedergeburt inkarniert man sich in einen neuen Körper. Man macht neue Erfahrungen. Mit diesen Erfahrungen kann man sich wieder identifizieren. So beginnt der Kreislauf von neuem. Krishna argumentiert oft vom Standpunkt der Sankhya Philosophie aus und setzt diese sowohl dem Purva Mimamsa Philosophiesystem als auch dem Yoga gegenüber.
5. Das Yoga Philosophiesystem
Yoga ist nun ein vielschichtiger Begriff und, wie so oft im Sanskrit, schwer zu definieren.
Was Yoga wirklich ist, ist äußerst schwer in Worte zu fassen.
Im indischen Sprachgebrauch wird das Wort „Yoga“ ganz unterschiedlich verwendet.
Vom Wortstamm kommt es von „Yug“. „Yug“ heißt „verbinden“. Somit heißt Yoga
Verbindung. Dies ist zumindest die wörtliche Bedeutung.
Wenn du jetzt im Sanskrit sagen würdest, stelle mal bitte eine Verbindung zwischen
einem Auto und seinem Anhänger her, dann hieße das Autoanhängersamyogaha.Übrigens ähnlich wie Lateinisch „jugare“. Beides sind ja indogermanische Sprachen.„Jugare“ heißt auch „verbinden“.
Yoga in einem Sinne als Philosophiesystem wird meistens bezogen auf Patanjali. Patanjali war der Autor des Yoga Sutra. Da die Bhagavad Gita aber sicher vor Patanjali datiert werden kann, kann sich Krishna nicht auf Patanjalis System bezogen haben. Trotzdem erwähnt Krishna ständig das Wort Yoga. Yoga ist ein praktisches System, welches dazu führen will, die individuelle Seele mit der kosmischen Seele zu verbinden bzw. diese Einheit herzustellen.
Wenn Inder, besonders in der heutigen Zeit, von Yoga sprechen bezieht es sich oft auf
das „Raja Yoga“. Besonders bei den intellektuellen Indern. In den 6 Philosophiesystemen
gilt Yoga als das Raja Yoga von Patanjali.
Wenn Krishna in der Bhagavad Gita einfach von Yoga spricht, meint er meistens den
Karma Yoga.
Ansonsten gebraucht er das Wort Yoga in Verbindung mit je einem anderem Wort:„Jnana Yoga“, „Sankhya Yoga“ etc. Insbesondere als Überschrift für jedes der 18
Kapitel der Bhagavad Gita wird immer das Wort „Yoga“ in Verbindung mit einem anderen
Sanskrit Begriff gebraucht. Eine einfache Definition von Yoga wäre:
Yoga ist ein praktisches System, um zur Einheit zu kommen.
6. Die Uttara Mimamsa Philosophie auch Vedanta genannt
„Uttara“ heißt „höchstes“, „herausragend“. Uttara Mimamsa gilt als das großartigste
aller Philosophiesysteme.
Uttara Mimamsa ist gleichbedeutend mit Vedanta. „Vedanta“ heißt das „Ende (Anta)
des Wissens (Veda)“. Uttara Mimamsa wurde von Shankaracharya (indischer Meister
788-820 n.Chr.) popularisiert in der Form von Kevala Adwaita Vedanta. Aus diesem
System stammen u.a. die Ausdrücke:
Brahman gilt als die höchste allumfassende Wirklichkeit, bei der Natur und Welt eins sind. Es gibt keine Dualität, wie im Sankhya System. Das Ziel des Lebens ist es, Wissenüber seine wahre Natur zu erreichen, nicht wie in der Purva Mimamsa Philosophie das Ansammeln von Punyas.
Maya bedeutet Illusion.
Iswhara gilt als eine Manifestation Brahmans.
Atman ist eins mit Brahman. In Shankaracharyas Philosophie heißt „Atman“ „dieses
Selbst, das unbewegt, ewig, unendlich und unveränderlich ist“.
Wenn Krishna nun von Atman spricht, ist aber nicht immer das höchste Selbst
gemeint. Oft ist darunter das Selbst im Sinne von „Ich“ zu verstehen.
Neben Kevala Adwaita Vedanta gab es in Indien besonders im Mittelalter eine Reihe von theistischen oder auch deistischen Bhaktiströmungen, wo die Verehrung eines persönlichen Gottes eine ganz persönliche Rolle spielt.
Bei den anderen vorherig beschriebenen Systemen ist es anders. In der Purva
Mimamsa gibt es zwar eine Verehrung Gottes. Aber Gott wird verehrt, um etwas von
ihm zu bekommen. In Vaishesika und Nyaya gibt es keinen Gott. Ebenfalls gibt es
keinen Gott in der Sankhya Philosophie. Es ist ein atheistisches System. Im Yoga gibt
es einen Gott. Allerdings wird er dort verehrt mit dem Ziel, mit ihm zu verschmelzen -
Yoga als Vereinigung. Im Uttara Mimamsa System ist Iswhara einfach eine
Manifestation von Brahman. Wir verehren Gott. Über die Verehrung Gottes kommen
wir zum höchsten Selbst.
So hat es dualistische Philosophiesysteme im indischen Mittelalter gegeben, die dann
entweder als „Nyaya Nr. 2“ oder auch als „Dwaita Vedanta“ bezeichnet werden. Diese Philosophiesysteme besagen, dass Gott die Welt geschaffen hat. Wir wissen nicht
genau, wie er sie geschaffen hat, aber er hat sie geschaffen. Er hat auch die Einzelseelen
geschaffen und steht letztlich hinter allen Handlungen. Die Ursache des Leidens ist,
dass wir uns von Gott entfernt haben und letztlich Gott nicht spüren. Das Ziel des
Lebens ist es, Gott nahe zu kommen und ständig in Gottes Gegenwart zu leben. Also
nicht eins zu werden mit Gott, sondern ihm sehr nahe zu sein. Das Mittel, um da hinzukommen,
ist Bhakti. Über Hingabe gelangen wir zu Gott. Jnana Yoga oder andere
Yogawege können auch noch helfen Gott nahe zu kommen. Aber das Hauptmittel um
Gott nahe zu sein ist Bhakti. Dies hat große Gemeinsamkeiten mit den modernen
christlichen Strömungen. Die sind oft eine gewisse Mischung aus Nyaya Nr. 2 und
einer materialistischen Weltanschauung. Manche sagen auch, dass Gott mit der Welt
nichts zu tun hat. Die Verehrung Gottes ist für uns persönlich gut, für die Öffnung
unseres Herzens, für unser Seelenheil. Bei den Dwaitas gibt es nicht die allumfassende
Wahrheit. Es ist nicht so, dass wir eins mit Gott sind, sondern wir sind von Gott auf
ewig getrennt und die Vorstellung mit Gott Einswerden zu wollen, gilt als Ausdruck von
Größenwahn. Das kann einem Yoga Übenden auch mal von einem Christen vorgeworfen
werden: Es sei Ausdruck von menschlichem Größenwahn, zu meinen, Gott und
Mensch seien eins. Etwas Ähnliches sagte auch ein indischer Meister namens Shri
Prabhupada, der Begründer der westlichen Hare Krishna Begründung, der ein Dualist
ist. Er nannte die Advaita Vedantins „Mayavadis“. Als Mayavadis gelten diejenigen
Menschen, die die Maya propagieren und behaupten, diese Welt sei Illusion und die
individuelle Seele sei eins mit Brahman.
Fazit:
Viele indische Schriften sind mehrdeutig interpretierbar. Auch die Bhagavad Gita zählt
dazu. Wenn sie nur von einem Standpunkt aus interpretierbar wäre, gäbe es nicht so viele Kommentare. Man kann sie vom Dwaita Standpunkt aus interpretieren und auch
vom Adwaita Standpunkt. Der Adwaita Standpunkt entspricht unserer Tradition. Als
Schüler von Swami Sivananda gehe ich in diesem Kommentar zur Bhagavad Gita von
der Kevala Adwaita Philosophie aus im Bewusstsein, dass man die Bhagavad Gita auch
von anderen Standpunkten aus interpretieren kann. Es gibt auch Mischungen von
Dwaita und Adwaita, auf die ich aber nicht näher eingehen möchte.
Die Erläuterung der philosophischen Hintergründe sollte dem Leser helfen, die
Bhagavad Gita differenzierter zu verstehen. Krishna nimmt auf die verschiedenen
Philosophiesysteme immer wieder Bezug. Er verdammt das Purva Mimamsa System in
relativ klaren Worten. Auch auf Vaishesika und Nyaya ist er nicht gut zu sprechen, er
bezeichnet sie als asurisch (dämonisch). Den Sankhyas billigt er zu, zur Verwirklichung
zu gelangen, betont aber gleichzeitig, dass der Weg der Sankhyas nur für sehr wenige
Leute ist. Sie sei hart und schwierig zu erreichen. Er postuliert Yoga als Weg der
Handlung, als Weg der Hingabe, auch als ein Erkenntnisweg. Schließlich spricht
Krishna von Brahman, Atman, Maya und dem höchsten Ziel der Einheit von Selbst und
von Brahman, also über Kevala Adwaita Vedanta.
Die Bhagavad Gita gilt als eine der wichtigsten Yogaschriften. Die vier bedeutendsten
Yogaschriften sind:
Aufbau der Bhagavad Gita
Die Bhagavad Gita selbst besteht aus 701 Sanskritversen, die in 18 Kapitel aufgeteilt
sind. Klassischerweise lässt sich die Bhagavad Gita in drei größere Teile einteilen:
Hintergrundsgeschichte der Bhagavad Gita
Die Bhagavad Gita ist ein Teil der Mahabharata. Die Mahabharata ist eine der beiden
Hauptitihasas (Epen). „Maha“ bedeutet „groß“. Bharata war ein indischer König. Ein
König, der ganz Indien vereint hat, der sehr spirituell war und im Alter die
Selbstverwirklichung erreicht hat. Es heißt, dass es nichts im Leben gibt, was nicht in
der Mahabharata geschrieben steht.
Die Bhagavad Gita nun, als Teil der Mahabharata, wurde von einem Weisen namens,
Vyasa, seinem Schreiber, Ganesha, um 3250 v.Chr. diktiert. Vyasa ist eine mythologische
Figur. Er gilt als Teilinkarnation von Vishnu. „Vyasa“ wörtlich übersetzt heißt„Sammler“. Von ihm heißt es, dass er verschiedenste Schriften gesammelt hat.
Nach mythologischer Überlieferung hatten die Menschen vor Beginn des Kaliyugas ein
fotografisches Gedächtnis. Sie brauchten nur etwas zu hören und konnten es dann
vollständig und korrekt wiedergeben. Zu Beginn des Kaliyuga änderte sich das. Den
Menschen wurde unterstellt, dass ihr Gedächtnis viel schlechter geworden ist. Deshalb
war es wichtig und notwendig, alles, was vorher mündlich überliefert wurde, jetzt schriftlich niederzulegen. Vyasa, der dies erkannte, sammelte die Veden, die Puranas
und auch die Überlieferung des Mahabharata und schrieb diese dann nieder. Dies
brauchte sehr viel Zeit, und da Vyasa beständig älter wurde, fiel es ihm zunehmend
schwerer, alles alleine aufzuschreiben. Deshalb wollte er für die Mahabharata einen
Schreiber engagieren. Zuerst konnte er keinen finden, da alle, die er fragte, wussten,
was für ein riesiges Werk das werden würde. Schließlich erklärte sich Ganesha dazu
bereit. Allerdings stellte Ganesha Vyasa eine Bedingung. Er sagte: „Ich will nicht so viel
Zeit mit dem Schreiben verlieren. Du musst mir das in einem Rutsch durchdiktieren.
Wenn du stoppst werde ich aufhören zu schreiben.“
Vyasa schluckte erst einmal und meinte dann: „Okay, aber ich habe auch noch eine
Bedingung. Du musst verstehen, was du niederschreibst. Wenn du etwas nicht verstehst,
dann musst du aufhören zu schreiben und solange überlegen, bis du es verstanden
hast. Dann kannst du weiter schreiben.“
Ganesha akzeptierte die Bedingung und Vyasa begann zu diktieren. Diese Bedingung
gilt als mythologische Erklärung dafür, dass die Mahabharata über längere Stellen sehr
einfach zu verstehen ist, und dann plötzlich wieder sehr schwer zu verstehen ist. Die
Verse haben dann so tiefe Bedeutung, dass man lange darüber nachdenken muss. Es
heißt, immer dann, wenn Vyasa in der Geschichte nicht mehr weiterkam, hat er ein
paar ganz schwierige Dinge in die Geschichte eingebaut. So musste Ganesha längerüberlegen. Vyasa konnte währenddessen in Ruhe überlegen, was als nächstes kommt.
Das ist der Mythos hinter der Mahabharata.
Die Geschichte der Bhagavad Gita
In der Bhagavad Gita selbst beschreibt Vyasa die Geschichte von einem
Herrschergeschlecht namens Bharata. Der Ahnherr der Bharatas, Bharata, galt als der
erste König, der ganz Indien vereint haben soll. Er galt als ein sehr tugendhafter und
großartiger König, der Hingabe an Gott, Tugend und Tapferkeit in sich vereinte. Und
weil er so großartig war, wird Indien auch als „Bharata Varsha“ bezeichnet, was übersetzt„das Land Bharatas“, heißt. *1.
*1. Die Inder verwandten oft andere Begriffe als die Europäer. Der Ausdruck „Inder“ z.B. ist ein Ausdruck, den die Inder
selbst nie gebraucht haben. Auch der Ausdruck „Hindu“ ist einer, den die Inder früher nicht kannten. Das kommt von
einem Fluss namens Sindhu. Dieser Fluss Sindhu wurde im griechischen als Indos bezeichnet Als Inder galten dann die
Menschen, die um den Fluss Indos und dahinter lebten. Das wäre so ähnlich, wie wenn die Spanier alle Osteuropäer als
Rheinländer bezeichnen würden. Alle, die am Rhein und östlich davon wohnen, wären die Rheinländer. Und bei den
Griechen waren alle, die um den Sindhu herum und östlich davon gewohnt haben, eben die Inder. Inzwischen nennen
sich die Inder auch Inder. Sie haben es irgendwie akzeptiert, dass sie vom Rest der Welt so genannt werden. Es gibt einige
Nationalisten, die versuchen den Namen „Bharata Varsha“ beizubehalten und sich nicht als Inder bezeichnen lassen,
sondern als „Bharatiyas“. Die Religion ist auch nicht „Hinduismus“, sondern „Sanatana Dama“
.„Sanatana“ heißt „ewig“ und „Dharma“ heißt „rechtmäßige Ordnung“. Also diejenigen, die der ewigen rechtmäßigen
Ordnung folgen und die Gesetze befolgen, sind die Anhänger von Sanatana Dharma. Aber Sanatana Dharma ist nicht so
eindeutig definiert wie andere Religionen, z.B. Jainismus, Buddhismus, Christentum oder Islam. Sanatana Dharma wird
in Indien oft nicht bewusst verstanden als Gegensatz zu anderen Religionen, sondern als umfassende Gesetzmäßigkeiten
hinter allen Religionen, letztlich als „Mutter“ aller Religionen.
Einer seiner Nachfahren war ein Herrscher namens Kuru. Auch er galt als besonders
großartig. Seine Nachkommen wurden als „Kauravas“ bezeichnet. Später kam es zu
Schwierigkeiten in der Abfolge der Dynastie. Normalerweise wurde der älteste Sohn
König. Das Problem war, sehr verkürzt dargestellt, folgendes: Es gab einen älteren
Sohn namens Dhritarashtra. Dhritarashtra allerdings war blind geboren. In der
Mahabharata heißt es, dass er nicht nur physisch, sondern auch geistig blind geboren
war. Er hat öfters weggeschaut und Dinge nicht gesehen. Nun gab es ein Gesetz, das die
Erbfolge in einem solchen Fall regeln sollte, und welches auch angewandt wurde. Es
besagt, wenn jemand schwer behindert ist, dann müssen die Großen des Landes, die
so genannten Würdenträger, schauen, ob derjenige fähig ist, das Land zu regieren oder
nicht. Die Großen des Landes müssen ihn dann für regierungsfähig erklären oder
einen neuen König wählen. Zuerst entschieden sie, dass Dhritarashtra nicht fähig sei,
das Reich zu regieren. Sie beriefen seinen Bruder Pandu in das Amt des Königs. Pandu
war einige Zeit lang ein guter und fähiger König, weshalb seine Nachkommen auch als„Pandavas“ bezeichnet wurden. Er verstarb aber sehr früh. Es stellte sich die Frage, wie
es weiter geht. Die Söhne von Pandu waren noch zu jung, um zu regieren. So haben sich
die Ältesten entschieden, Dhritarashtra zum König zu krönen. Wenn die Söhne dann
älter geworden sind, können sie erneut überlegen, wer als nächstes König wird.
Dhritarashtra war kein fähiger König. Er wollte durchaus Gutes, hatte aber schlechte Ratgeber. Er war ein schwacher König. Mit seinem Land ging es wirtschaftlich immer mehr bergab. Es kam zu Revolten im Königreich. Andere Könige wollten die Situation ausnutzen und sich Teile des Landes aneignen. So war es keine Zeit des Friedens. Es gab öfters Kriege und wirtschaftliche Misserfolge. Daneben gab es aber auch sehr fähige Mitarbeiter am Hof, die einiges auffingen.
Dhritarashtras Söhne aber galten als Inkarnationen von Asuras (Dämonen). Sie wollten
die Macht an sich reißen und nur Vergnügen haben. Sie waren rücksichtslos und
hielten sich nicht an Recht und Ordnung. Weil nun Dhritarashtra kein fähiger König
war, wurden seine Nachfahren auch nicht als die Dhritarashtras, sondern weiterhin als
Kauravas bezeichnet. Im weiteren Sinne waren auch die Nachfahren von Pandu
Kauravas. Aber weil Pandu ein großer fähiger König war, wurden seine Nachfahren als
Pandavas und die von Dhritarashtra einfach weiterhin als die Kauravas bezeichnet. Der älteste Sohn der Pandavas hieß Yudhishtira, der älteste Sohn der Kauravas hieß
Duryodhana. Es gab insgesamt fünf Pandavas und 101 Kauravas; das waren übrigens
101-linge, was man nicht unbedingt wörtlich nehmen darf.
Yudhishtira war der Älteste der fünf Pandavas. Er ist auch der Bruder von Arjuna, dem
Helden unserer Geschichte.
Jetzt kam es zu einem Erbfolgeproblem. Wenn nämlich Duryodhana irgendwann sterben
würde, wer sollte dann König werden:
Das war eine schwierige Entscheidung, wo es keine eindeutige Bestimmung als Richtlinie gab. Diese Entscheidung würden die Minister und Würdenträger des Königreichs später fällen müssen.
Duryodhana wollte aber nicht so lange warten und verübte mehrere Mordanschläge auf
die Pandavas, um sie zu töten. Er versuchte sie zu vergiften, zu ertränken, oder auch sie
in einem extra für sie gebauten Palast zu verbrennen. Alle seine geschickt eingefädelten
Versuche scheiterten. Die Pandavas, als Inkarnationen des Gutes und des Tapferen,überlebten alle hinterhältigen Mordanschläge Duryodhanas. Irgendwann mischte sich
Yudhishtira ein und entschied: „So kann es nicht weitergehen. Lasst uns die Erbfolge
vorwegnehmen. Dhritarashtra bleibt der Oberkönig und wir teilen uns das Königreich
auf. Duryodhana kriegt die eine Hälfte und ich regiere die andere Hälfte. Duryodhana
kann sich aussuchen welche Hälfte er möchte.“
Alle Beteiligten waren von der Idee begeistert. Duryodhana bekam die Wahl. Er wählte
sich natürlich all die guten Teile des Königreiches aus, dort, wo Felder, wo Städte und
Straßen waren, wo es fruchtbar war. Yudhishtira überließ er den Urwald und die unbevölkerten
Teile.
Yudhishtira errichtete dann dort eine neue Hauptstadt namens „Indraprastha“, das heutige Delhi. Er war ein sehr fähiger König. Viele Menschen zogen zu ihm hin. Sie machten das Land urbar. Innerhalb kürzester Zeit wurde es ein sehr reiches Königreich. Es war wie eine Abstimmung mit den Füßen.*2
* 2. Ausdruck aus Zeiten des kalten Krieges. Da Menschen in Osteuropa nicht wählen durften, gab es die so genannte Abstimmung mit den Füßen. Sowie sie konnten, haben sie ihr Land verlassen, um woanders zu leben.
Viele Untertanen von
Duryodhana wechselten über in Yudhishtiras Königreich. Auch aus anderen
Königreichen kamen Menschen. Die Wirtschaft florierte, und Yudhishtira stellte auch
eine große Armee auf.
Das hatte zur Folge, dass aus allen kleinen Königreichen Indiens die Könige auf
Yudhishtira zukamen, und ihn um Unterstützung baten. Da sie sich ständig bekämpften,
sollte er ihnen helfen, indem er Großkönig über das ganze Land wird. So erhofften sie
sich dauerhaften Frieden. Yudhishtira lehnte zunächst ab. Wenn er sich zum
Großkönig oder Kaiser würde krönen lassen, dann bedeutete das, dass alle anderen
Könige ihn anerkennen mussten. Würde ein König seine Macht nicht anerkennen, so
müsste er mit diesem Krieg führen. Das wollte Yudhishtira zunächst nicht. Alle anderen
Könige flehten ihn aber immer wieder inständig an, es doch zu werden. „Wenn du
nicht unser Großkönig wirst, dann bekriegen wir uns ständig weiter. Wenn du unser
Großkönig wirst, so ist mehr Frieden im Land. Du bist neutral.“ Daraufhin befragte
Yudhishtira Krishna. Krishna riet ihm dazu, das Angebot anzunehmen. So wurde
Yudhishtira also Großkönig über alle Königreiche.
Duryodhana gefiel das natürlich gar nicht. Er wusste aber auch, dass er Yudhishtira nicht offen bekämpfen konnte. Deshalb ersann er eine List. Er lud Yudhishtira zum Würfelspiel ein. Yudhishtira hatte nämlich eine kleine Eigenart, ein Laster.*3
* 3. In der Mahabharata findet man nicht die rein Guten und rein Bösen. Man findet durchaus auch Stellen, wo der Duryodhana sehr großherzig und großartig ist und es gibt auch Stellen, wo der Yudhishtira schwach dargestellt wird.
Yudhishtiras Eigenart nun war, dass er eine Spielschwäche hatte. Wenn er einmal
anfing um Geld zu spielen, dann konnte er nicht mehr aufhören. Weil er das wusste,
gab es in seinem Königreich keine Spiele um Geld. Er selbst war sehr konsequent
darin, Spiele überhaupt gar nicht erst anzufangen, weil er wusste, dass das ausarten
würde. Demzufolge hatte er schon seit Jahren nicht mehr gespielt und war kein guter
Spieler mehr. Es gab aber folgende Regel: Wenn ein König den anderen König einlud,
dann musste der andere König kommen. Wenn er nicht erschien oder wenn er eine
Einladung ausschlug, dann galt das als Beleidigung, auf die normalerweise die
Kriegserklärung folgte. Da Yudhishtira keinen Krieg wollte, nahm er Duryodhanas
Einladung an. Und weil es in seinem Königreich nie Glücksspiel gegeben hat, konnte
er auch niemanden bitten an seiner Statt zu spielen. Duryodhana dagegen hatte einen
gewieften Falschspieler, nämlich einen Onkel namens Shakuni, der an seiner Stelle
spielte. Das hatte zur Folge, dass Yudhishtira ein Spiel nach dem nächsten verlor. Er
verlor erst etwas Kleines, dann etwas Größeres und dann immer mehr. Schließlich
verlor er alles an Geld und Besitztümern, was er hatte. Zuletzt spielte er auch noch um
seine Familie. Er verlor erst seine Brüder, dann sich selbst und zum Schluss auch noch
ihre gemeinsame Frau, namens Draupadi. Die fünf Pandavas hatten zusammen eine
Frau, nämlich Draupadi. Es gab mal eine Zeit, wo die Kauravas Mordanschläge auf die
Pandavas verübt hatten. Die Pandavas haben es überlebt und sich infolgedessen eine
Weile zurückgezogen und als Brahmanen verkleidet, um nicht erkannt zu werden.
Eines Tages gab es dann eine Brautschau bzw. Bräutigamschau. Die Braut sollte derjenige
bekommen, der einen Bogen spannen und dann mit diesem Bogen einen Pfeil
durch sieben hintereinander liegende Ösen hindurch schießen konnte. Arjuna schaffte
das mit Leichtigkeit. Freudestrahlend kam er dann am Abend nach Hause zur Mutter
und sagte: „Rat mal Mutter, was ich heute auf meinem Bettelgang bekommen habe.“
Seine Mutter antwortete: „Was auch immer es ist, teilt es unter euch fünfen auf.“ Für
die Pandavas galt das Wort der Mutter als heilig. Daher mussten alle fünf Draupadi heiraten.
Zunächst war es für alle etwas befremdend. Doch mit der Zeit gewöhnten sie sich
daran eine gemeinsame Frau zu haben. Neben Draupadi hatten die einzelnen Pandavas
aber auch Nebenfrauen gehabt. Arjuna z.B. hatte zwei oder drei Frauen gehabt, genauso
auch Bishma. Nur Yudhishtira war glücklich und zufrieden mit Draupadi als alleiniger
Frau. Daher verspielte er sie zuletzt. Duryodhana wollte nun seinen Triumph auskosten.
Er ließ Draupadi an den Haaren zum Königshof hinziehen. Sie wehrte sich dagegen
und erinnerte Duryodhana daran, dass Yudhishtira sie zuletzt verloren hatte. Zuerst
verlor Yudhishtira sich selbst in die Sklaverei, wodurch die Ehe automatisch annulliert
war. Draupadi gehörte nicht mehr zu Yudhishtira. Er hatte deswegen auch nicht das Recht sie zu verspielen. Das sagte Draupadi zu Duryodhana. Duryodhana erwiderte
aber, dass das keine Rolle spielt, und sie jetzt trotzdem seine Sklavin sei. Er befahl seinen
Hofangestellten: „Zieht sie aus und zeigt sie als Nackte hier vor dem Königshof zum
Zeichen, dass sie meine Sklavin ist.“ Draupadi wandte sich an die Adligen im Raum.
Da Duryodhana kein absoluter Herrscher war, hätte dieser, wenn alle Adligen dagegen
gestimmt hätten, keine Chance gehabt, Draupadi als Sklavin zu bekommen. Aber alle
Anwesenden waren wie gelähmt von der Tatsache, dass die Pandavas alles verloren hatten;
dass sie jetzt machtlos waren; dass alles vorbei war; dass Yudhishtira, jetzt am
Höhepunkt seiner Macht, alles verspielt hatte. Draupadi appellierte an die verschiedenenÄltesten, die dort versammelt waren. Aber keiner traute sich irgendetwas zu sagen.
Daraufhin wandte sich Draupadi an Krishna. Sie streckte die Arme in die Höhe und
sprach: „Krishna, Du allein bist meine Zuflucht.“ Krishna war zwar nicht im Raum
anwesend, aber Draupadi wusste, dass Krishna eine Inkarnation Gottes war und sich überall manifestieren konnte. Als Duryodhana erneut seinen Angestellten befahl
Draupadi zu entkleiden, folgten sie seiner Aufforderung. Sie nahmen ihr den Sari weg. *4
*4. Indisches Kleidungsstück. Ein paar Meter langes Tuch.
Darunter war ein anderer Sari. Auch dieser Sari wurde entnommen. Wieder war ein
neuer Sari da. Als die Angestellten irgendwann ein paar Dutzend Saris von Draupadis
Körper genommen hatten, merkten sie, dass das irgendwie nicht mit rechten Dingen
zuging. Draupadis Hilferuf war von Krishna erhört worden. Auch hörten alle
Anwesenden noch verschiedene Omen, die Dhritarashtra als Oberkönig veranlassten
aufzustehen und zu verkünden:“Oh Draupadi, ich lass dich in die Freiheit und gewähre
dir auch noch zwei Wünsche.“ Draupadi entgegnete: „Lass nur meine Männer in die
Freiheit zurück, die werden dafür sorgen, dass ich bekomme, was ich brauche.“
Dhritarashtra, der die ganzen schlechten Omen gehört hatte, sagte zu Yudhishtira:„Oh, Yudhishtira, du bekommst deine Hälfte des Königreichs wieder, du bekommst
alles wieder zurück. Bitte verzeih meinem Sohn, dass er so schlimm gehandelt hat.
Möge Frieden herrschen in diesem Königreich.“ Yudhishtira antwortete: „Danke für
deine Großzügigkeit, kein Problem. Von meiner Seite ist alles vergessen.“
Duryodhana hingegen hatte nichts vergessen. Im Gegenteil, er kochte vor Wut darüber,
dass sein Vater, alles was er gerade gewonnen hatte, wieder zurückgegeben hatte. Aber
er war schlau und wusste, wie er weiter vorgehen konnte. Er lud Yudhishtira nach einiger
Zeit erneut zum Würfelspiel ein. Wieder verlor Yudhishtira eine Sache nach der
anderen. Zum Schluss spielten sie aber nicht um das ganze Königreich, weil
Duryodhana dachte, dann wird mein Vater ihm alles wieder zurückgeben. Er sagte zu
Yudhishtira: „Wer diesmal verliert, muss zwölf Jahre ins Exil gehen. Im 13. Jahr muss
er inkognito irgendwo sein. Wenn er erkannt wird in diesen zwölf Jahren, dann muss
er noch mal zwölf Jahre ins Exil gehen.“ Yudhishtira willigte ein. Und es kam, wie es
kommen musste: Shakuni, der Onkel von Duryodhana, gewann dieses Spiel wieder mit
den präparierten Würfeln. So gingen Yudhishtira und seine vier Brüder mit Draupadi
für zwölf Jahre ins Exil. Die fünf Pandavas waren sehr spirituelle Menschen. Und wasmachen spirituelle Menschen, wenn sie rbeitslos werden? Sie meditieren, machen
Asanas und Pranayama, gehen in einen Ashram und lernen von Meistern. Genau das
machten die fünf Pandavas und Draupadi für die nächsten zwölf Jahre.
Sie lebten und arbeiteten in Ashrams und in der Landwirtschaft. Besonders Arjuna
engagierte sich sehr im Dienen und im Durchführen spiritueller Praktiken und intensiven
Tapasübungen. Es wird in der Mahabharata berichtet, dass er tagelang die Luft
anhielt; seinen Körper in furchtbarste Verrenkungen brachte; nur von Früchten,
Kräutern und Wurzeln lebte; Asanas und Pranayama machte; von Rohkost lebte; lang
fastete und so Siddhis *5 bekam.
*5. Siddhis sind übernatürliche Kräfte.
Und insbesondere bekam er neue Waffen von Shiva,
welche ihn unbesiegbar machten. Nachdem die zwölf Jahre vorbei waren, verbrachten
die fünf Brüder zusammen mit Draupadi ein Jahr inkognito und wurden nicht erkannt.
Yudhishtira wurde zu jemandem, der dem König das Würfelspiel beibrachte. Arjuna
verkleidete sich als Eunuch, der dann irgendwo der Hüter eines Harems wurde, und
den Frauen das Tanzen beibrachte. Bhima wurde zum Koch. Sahadeva und Nakula
wurden zu Wagenlenkern. Sie hatten alle eine Arbeit, waren inkognito und wurden
nicht erkannt. Nach 13 Jahren schickten sie dann einen Boten zu Duryodhana und sagten:„Oh Duryodhana, wir haben die Bedingungen erfüllt. Jetzt wollen wir unsere
Hälfte des Königreichs wieder zurückbekommen.“ Duryodhana war in dieser Zeit nicht
untätig gewesen. Er hatte ein Terrorregime errichtet, in dem die Menschen unterdrückt
wurden. Eine Diktatur, in der die Menschen nicht mehr ihre Meinungen frei
äußern durften, wo Duryodhanas Günstlinge in den Hauptpositionen waren.
Es gab ein paar Gerechte im Reich. Diese dachten, wenn Duryodhana jetzt 13 Jahre das
Königreich regieren soll, dann ist es gut, dass er ein paar Leute hat, die gut und gerecht
sind. Deshalb haben sie sich darauf eingelassen, ihm zu dienen. Sie hatten einen Eid
auf ihn geschworen. Und jetzt waren sie gebunden durch diesen Eid. *6
*6. Das war ja auch die Schwierigkeit in der Nazi-Diktatur im Dritten Reich 1933-1945. Dort gab es eine Menge von
Leuten, die durchaus nicht schlecht waren und die in leitenden Positionen geblieben sind, obgleich sie, wie man aus
ihren Tagebüchern weiß, sehr gegen die Nazidiktatur waren. Sie gingen davon aus, dass wenn sie nicht da sind, dann
kommen alle schlimmen SS Leute in die Hauptpositionen. Sie wollten wenigstens helfen, dass es nicht zu schlimm wird.
Und dann haben sie den Eid geschworen. So auch einige Generäle, die Generäle geworden sind, um künftige Kriege zu
vermeiden, die durchaus, wie man heute weiß, gegen den Krieg gewesen sind, ihn dann aber doch geführt haben, weil
sie diesen Eid geschworen haben. Daraus ist eine große Lehre entstanden: Einem Diktator soll man nicht dienen. Auch
nicht, um das Schlimmste zu verhüten. Jemandem, der abgrundtief schlecht ist, darf niemand dienen.
Große Lehrer,
wie Bhishma, Drohna und andere dienten jetzt auf der Seite von Duryodhana.
Duryodhana lachte den Boten der fünf Pandavas aus und sagte: „Verschwindet wieder
in euren Wald, da ist sowieso der beste Platz für Euch. Ich regiere das Königreich weiter.“
Die Pandavas beratschlagten, was zu tun sei. Sie riefen Krishna zu Hilfe. Krishna war
ein König, der Dwaraka regierte. Er war mit seinem Volksstamm den „Yadavas“ ausgewandert
weil er nichts mit Kriegen zu tun haben wollte. Krishna hatte die Vision, einen
idealen Staat zu bauen. Einen materiell reichen Staat, wo die Menschen friedvoll miteinander
leben, wo alles ist, was die Menschen brauchen, wo die Spiritualität gelebt
wird und die Menschen meditieren. Krishna baute auch eine starke Armee auf, um zu verhindern, dass Menschen, die auf dem Festland neidisch waren, in den Staat eindringen
und ihn erobern konnten.
Jetzt war Krishna aber nicht nur ein König, sondern er war auch ein Freund von Arjuna.
Er hatte ihn schon vorher zu deren Jugendzeiten und im Exil öfters mal besucht. Aus
diesem Grund baten die Pandavas Krishna zu vermitteln. Und Krishna sagte zu
Duryodhana: „Wenn du ihnen nicht die Hälfte des Königreichs geben willst, dann gib
ihnen wenigstens einen Teil davon.“ Duryodhana lehnte das ab. Daraufhin überlegten
die Pandavas, was ihre Aufgaben sind. Ist es ihre Aufgabe für das Königreich Krieg zu
führen, oder ist es ihre Aufgabe wegzugehen und wieder im Exil zu leben? Sie beratschlagten
und kamen zu folgendem Ergebnis: „Gut, wir waren im Exil sehr zufrieden,
meditieren können wir dort genauso gut wie im Königreich. Wir bekommen alles was
wir brauchen. Gehen wir wieder ins Exil“. Doch als sie diesen Beschluss im Königreich
verkündet hatten, kamen alle Untertanen aus dem Königreich und sagten: „Das könnt
ihr uns nicht antun. Die 13 Jahre Tyrannei haben wir nur deshalb ausgehalten, weil wir
wussten, dass ihr zurückkommt und wieder regiert. Duryodhana hatte Angst davor,
dass ihr zurückkommt. Deshalb hat er sich auch etwas zurückgehalten. Wenn er weiß,
dass von euch keine Gefahr mehr droht -und es droht keine Gefahr der Rebellion
mehr, weil es keine Anführer mehr gibt- dann sterben wir.“ Nach diesen Worten
beratschlagten die Pandavas erneut und entschieden sich für ihr Recht zu kämpfen.
Letztlich nicht für sich, sondern für die Menschen, die sie dann regieren würden.*7
*7. Das ist eine schwierige Entscheidung, vor der immer wieder Menschen stehen. Die USA standen vor dieser
Entscheidung im 2.Weltkrieg. Sollten sie das alles geschehen lassen, sich ganz neutral verhalten oder sollten sie eingreifen.
Zuerst entschieden sie sich, nicht einzugreifen. Stattdessen haben sie Waffen und Kredite an die Engländer und die
Japaner gegeben. Anfangs gaben sie auch noch den Deutschen etwas, aber später nur noch den Engländern und den
Russen. Irgendwann sind sie dann von Japan gezwungenermaßen in den Krieg eingetreten. Wenn die Amerikaner nicht
eingetreten wären dann würde Hitler Russland besiegen und ganz Europa beherrschen.
Hier kann man sich nun die Frage stellen, war es die Aufgabe der Amerikaner in den Krieg einzutreten oder nicht?
Roosevelt hatte sich dafür entschieden. Er hätte Hitler weder durch einen gewaltlosen Widerstand noch durch einen
Handelsboykott bezwingen können. Auch den Polen wäre es nicht gelungen, Deutschland durch gewaltlosen Widerstand
zu bezwingen. Einzig die Deutschen hätten mit dieser Maßnahme Hitler besiegen können. Doch die Zahl derjenigen
Deutschen, die gewaltlosen Widerstand leisteten, war zu gering, so dass sie umgebracht wurden. Der gewaltlose
Widerstand Gandhis gegenüber den Engländern in Südafrika hingegen war sehr erfolgreich. Auch in Indien wurden die
Engländer durch gewaltlosen Widerstand bezwungen.
Martin Luther King war erfolgreich mit seinem gewaltlosen Widerstand in Amerika, einem Land, das theoretisch der
Demokratie verpflichtet war, praktisch aber Bevölkerungsteile ausgegrenzt und unterdrückt hatte und in dem die öffentliche
Meinung eine große Rolle spielte.
In einer echten Diktatur stellt sich immer die Frage, ob dort gewaltloser Widerstand funktionieren würde. In
Ostdeutschland hat er funktioniert und zum Zusammenbrechen des Kommunismus geführt. Aber wäre er auch in anderen
Diktaturen erfolgreich? Und gibt es überhaupt eine Rechtfertigung für Gewalt? War es richtig, dass die Amerikaner
in den zweiten Weltkrieg eingestiegen sind oder hätten sie sich raushalten sollen, wie die Mehrheit der Amerikaner das
1940 eigentlich wollte? War es richtig, dass die Amerikaner in Bosnien eingegriffen haben oder hätten sie weiterhin die
Kriegsparteien sich umbringen lassen sollen, insbesondere die Serben die anderen? War es richtig in den Kosovo einzumarschieren?
War es richtig in Afghanistan einzumarschieren? War es richtig, im Irak einzumarschieren? Da kann
man dann unterschiedlicher Meinung sein. Und diese Frage stellt sich in der Bhagavad Gita auch. Sie stellte sich vor der
Bhagavad Gita und sie stellt sich dann natürlich in der Bhagavad Gita.
Einige Könige aus den umliegenden Gebieten sicherten den Pandavas ihre
Unterstützung zu. Ebenfalls wechselten einzelne alte Heeresführer aus dem alten
Reich, die Duryodhana keinen Treueschwur geleistet hatten, zu den Pandavas über.
Die Mehrheit des Heeres verblieb jedoch bei Duryodhana und weil das Heer augenscheinlich
größer und mächtiger war, wollten auch mehr Leute in dieses Heer eintreten.
Sie wollten auf der Seite der Gewinner stehen. Da es offensichtlich erschien, dass
Duryodhana gewinnen würde, dachten viele, wir helfen ihm. Er wird uns nachher dafür
belohnen. Die Königreiche der Könige, die die Pandavas unterstützen, werden nach
deren Niederlage aufgeteilt und Duryodhana wird uns mit Sicherheit etwas von den
Reichen abgeben. Nachdem die Überlegungen abgeschlossen waren, formierten die
beiden Armeen sich und trafen sich auf dem Schlachtfeld, dem so genannten
Kurukshetra. *8
8. Kshetra heißt wörtlich übersetzt Feld. Damit kann jedes Feld gemeint sein. In dieser Geschichte ist das Schlachtfeld damit gemeint. Kuru bezieht sich auf die Nachfahren des Kurus. In der Überlieferung der Bhagavad Gita heißt es, das Kurukshetra sei eigentlich ein heiliges Feld. Auf diesem Feld standen sich nun die Kauravas und die Pandavas gegenüber.
Karna, als stärkster Krieger des Heerführers Bhishma, kämpfte an vorderster Front für
seinen König Duryodhana. Arjuna, als stärkster Krieger, kämpfte an vorderster Front
unter der Führung Bhimas für seinen König Yudhishtira.
Die Heerführer agierten mehr aus dem Hintergrund und waren nicht in Lebensgefahr.
Arjuna hatte jedoch noch eine ganz besondere Unterstützung, nämlich Krishnas.
Krishna diente als Wagenlenker für Arjuna. Eigentlich war das eine Erniedrigung von
Krishna. Arjuna war lediglich ein mittelloser Prinz, währenddessen Krishna ein
Herrscher über eines der größten und bedeutungsvollsten Königreiche war. Wie war es
dazu gekommen?
Arjuna ging zu Krishna und bat ihn um Hilfe. Und Krishna sagte: „Eigentlich will ich
mit diesen Kämpfen auf dem Festland nichts zu tun haben. Du hast jetzt die Wahl. Du
kannst entweder meine Armee haben und ich bleibe hier. Oder du kannst mich haben.
Aber ich werde waffenlos sein und werde nicht kämpfen. Was wählst du?“ Manchmal
stehen wir vor schwierigen Entscheidungen. Manchmal können wir wählen zwischen
Gott oder dem Heer Gottes. Die ganze Welt ist letztlich von Gott geschaffen. Wir sollten
uns bewusst machen, ob die Alternative, vor der wir stehen, eine solche ist. Gott selbst
ist ohne Waffen. Es erscheint so als ob man erst mal, wenn man Gott wählt, größere
Nachteile hat. Am Ende stellt sich aber heraus, dass Arjuna und die Pandavas durch
Krishnas Ratschläge gewonnen haben.
Arjuna wählte Krishna. Krishna fragte dann Arjuna: „Jetzt hast du mich gewählt, was
hast du eigentlich davon?“ „Ich werden nicht kämpfen“, sagte Arjuna. „Oh Gott, wenn
es dir nichts ausmacht, werde bitte mein Wagenlenker dann bist du immer bei mir.“
Und dazu gehört auch Bescheidenheit. Gott selbst ist bereit, unser Wagenlenker zu sein.
Beide Heere zogen also auf Kurukshetra, das Schlachtfeld. Dhritarashtra als blinder
alter Mann, Großkönig ohne Regierungsbefugnis und Vater von Duryodhana, blieb
zurück in der Hauptstadt. Dhritarashtra hatte eine ganzen Söhne, sein ganzes Heer,
die Hauptstadt verlassen sehen. Sein Wunsch war es nformiert zu bleiben, was mitdiesen auf dem Schlachtfeld passieren würde. Da jeder Mann auf dem Schlachtfeld
gebraucht wurde, konnte noch nicht einmal ein Bote hin und her gehen und ihm
Informationen bringen. Dhritarashtra beklagte sich bei Vyasa darüber. Vyasa bot ihm
an, das dritte Auge zu öffnen, was Dhritarashtra aber ablehnte. Damit hätte er zwar aus
der Entfernung sehen können, was auf dem Schlachtfeld passierte. Aber Dhritarashtra
sagte: „Ich habe Zeit meines Lebens nichts gesehen. Das erste was ich dann sehen
würde, wäre wie meine geliebten Kinder sich mit meinen geliebten Neffen gegenseitig
umbringen. Das will ich nicht sehen.“ Nun hatte Dhritarashtra einen Berater namens
Sanjaya. Und Vyasa bot Dhritarashtra an, Sanjayas drittes Auge zu öffnen, damit er ihm
berichten könnte. Dhritarashtra nahm das Angebot an. So konnte Sanjaya mitverfolgen,
was bei dem ganzen Heer so passierte. Dhritarashtra konnte sich aber zunächst nicht überwinden Sanjaya zu fragen. Ihn quälte es sehr im Herzen. Er hatte natürlich auch
ein schlechtes Gewissen. Er wusste, dass seine Söhne das Falsche machten. Was sie
taten, war falsch und ethisch nicht zu rechtfertigen. Ihm war klar, dass er eigentlich
seine Söhne hätte davon abhalten müssen. Er hätte die Möglichkeit dazu gehabt, war
aber zu feige gewesen und so war er ein Häufchen Elend mit schlechtem Gewissen und
traurigem Herzen mit dem Wissen, dass der Kampf ins Verderben führen würde.
Irgendwann kam dann doch mal ein Bote vorbei, der Dhritarashtra die Nachrichtüberbrachte, dass sein Heeresführer Bhishma im Sterben liegt. Jetzt musste
Dhritarashtra fragen. Er wollte wissen, wie es dazu kommen konnte, dass sein mächtiger
Heeresführer im Sterben liegt? Und daraufhin erzählte Sanjaya, wie es dazu kam.
Die folgenden 18 Kapitel der Erzählung von Sanjaya gelten als „Bhagavad Gita“, als „Gesang Gottes“. Sie bestehen hauptsächlich aus den Worten Krishnas, Manifestation
Gottes, unterbrochen von Fragen Arjunas, eingeleitet durch die Frage von
Dhritarashtra an Sanjaya und die Worte Sanjayas.
Die Bhagavad Gita ist im so genannten Slokaversmaß geschrieben. Jeweils zwei Halbverse ergeben eine Sloka. Es gibt längere und kürzere Slokas. Im ersten Kapitel z.B. sind alle Slokas kurz, wohingegen im zweiten Kapitel ab Vers 70 ein längerer Vers vorkommt und danach noch mehrere Langverse in der Gita folgen. Speziell im 11. Kapitel treten Langverse gehäuft auf.
So beginnt also das erste Kapitel der Bhagavad Gita.