Sukadev Bretz

Einführung in Vedanta

Inhalt:

Buddha hat sich geweigert überhaupt über Philosophie zu sprechen. Gut, er hat über Karma und Reinkarnation und ähnliches gesprochen, aber auf Fragen wie: „Was ist die Welt?“, „Wie ist sie entstanden?“, „Gibt es Gott?“ hat er nicht geantwortet. Stattdessen hat er gesagt: „Wenn du in einem brennendem Haus bist, dann ist es wichtiger, dass du schnell aus dem Haus hinausläufst, als dass du dir Gedanken über die Natur des Feuers machst.“ In einem solchen Fall wird man sich nicht lange damit aufhalten, zu fragen: „Was ist Feuer?“, „Wie entsteht Feuer?“, „Was sind die verschiedenen Kategorien von Feuer?“, sondern man will so schnell wie möglich hinaus. Und so ähnlich ist es auch mit der Selbstbefreiung. Wenn wir das Gefühl haben, wir leiden unter der Begrenztheit, unter dem Gefühl des Mangels, der Vergänglichkeit, dann wollen wir so schnell wie möglich aus dieser Begrenztheit herauskommen und sollten uns darauf konzentrieren, dies zu erreichen, ohne zu viel zu hinterfragen. Wenn wir es erreicht haben, wissen wir alle Antworten. Das ist das, was Buddha meint, wenn er sagt „Alles Leben ist Leiden“. Es gibt eine Ursache, und es gibt einen Weg hinaus. 

Es gibt sogar viele Wege hinaus. Man sagt, es gibt so viele Wege, wie es Pilger gibt. Aber letztlich führen sie alle zum gleichen Ziel, zum Gipfel, zum Höchsten. 

Nur, während man unterwegs ist, an Zwischenebenen arbeitet, ist es für den menschlichen Geist im Normalfall unbefriedigend, nicht wenigstens eine Vorstellung davon zu haben, worum es eigentlich geht und wohin der Weg führen soll. 

Buddha hat zwar gesagt, es ist das nirvana, das Nichts, oder sunyata, die Leere, zu der wir hinkommen wollen. Aber schon seine Nachfolger im Mahayana-Buddhismus haben ausgefeilte Philosophiesysteme entwickelt und gefragt: „Was ist die Wirklichkeit?“, „Was ist eigentlich dieses Nichts?“ 

So ist auch im Yoga die Vedanta-Philosophie die Philosophie, welche versucht, die Wirklichkeit zu beschreiben. Von ihr heißt es, dass sie aus einer höheren Erfahrung stammt, dem Intellekt nicht widerspricht und logisch nachvollziehbar ist. Aber sie ist eben ein Modell der Wirklichkeit, nicht die Wirklichkeit selbst. Es gibt andere Modelle, die ebenfalls versuchen, die Wirklichkeit zu beschreiben, wie es zum Beispiel in der Physik verschiedene Modelle gibt, um die Natur des Lichtes zu beschreiben. Modelle sind insofern hilfreich, als sie einem helfen, Experimente zu machen, technische Anlagen zu entwickeln usw.

Das Ende des Wissens

Vedanta heißt zum einen das „Ende des Wissens“ und das „Ende der Veden“. Es ist eine Philosophie, die Antworten gibt bezüglich der elementaren Grundfragen des Seins, wie zum Beispiel: „Wer bin ich?“, „Woher komme ich?“, „Wohin gehe ich?“, „Was ist wirklich?“, „Was ist unwirklich?“, „Was ist Glück?“ Und wenn man die Antwort auf diese Fragen weiß, also die Essenz der Vedanta -Philosophie selbst erfahren hat, dann weiß man alles – daher das „Ende des Wissens“, wonach es nichts mehr zu wissen gibt. Die Vedanta-Philosophie ist in den Upanishaden , die den Schlussteil der Veden   bilden, dargelegt – daher das „Ende der Veden“. Die Upanishaden sind meist aufgebaut als ein Zwiegespräch zwischen Schüler und Lehrer. Der Schüler geht zum Lehrer und fragt zum Beispiel: „O großer Meister, was ist das, nach dessen Erkenntnis nichts mehr zu erkennen ist?“ Oder: „O großer Meister, zeige mir den Weg zur Unsterblichkeit!“ Oder: „Zeige mir das, nach dessen Erfahrung alle Wünsche befriedigt sind!“ - Die hatten damals großartige Fragen und Wünsche. Und sie hatten auch den Mut, sie auszudrücken. 

Wenn Schüler Swami Vishnu, meinen Lehrer, etwas gefragt haben, ging es meist darum: „Was kann ich gegen Rücken-, Kreuz- und Nackenschmerzen tun?“, „Was soll ich machen bei Beziehungsproblemen?“, „Ich habe Probleme im Beruf, bei der Arbeit, mit dem Magen, im Hals....“, usw. Aber die Schüler in den Upanishaden, die wollten es wissen. Und der Lehrer hat sie normalerweise zuerst auf die Probe gestellt, bevor er irgendeine Unterweisung gegeben hat. In einer Upanishade zum Beispiel kommt ein Schüler zum Lehrer und sagt: „O Meister, zeige mir den Weg zur Unsterblichkeit!“ Daraufhin sagt der Lehrer, dem gerade ein anderer Schüler Kühe als Geschenk gegeben hat: „Hier sind zweihundert abgemagerte Kühe. Kümmere dich um diese Kühe. Und wenn aus diesen achthundert wohlgenährte Kühe geworden sind, dann kommst du wieder.“ Und das dauert nun schon ein paar Jahre.... Gut, dieser Schüler war ein richtiger Schüler, ein Musterschüler, wie man ihn sich nur wünschen kann. Er hatte Vertrauen in den Lehrer und bedingungslosen Gehorsam, ohne etwas zu hinterfragen. Er weidete also die Kühe in der Überzeugung, damit seinem Lehrer zu dienen. Dabei musste er mit den Kühen in der Wildnis leben. Nun braucht man sehr viel Konzentration und Achtsamkeit, um sich ganz allein um zweihundert Kühe zu kümmern. Da gehört schon sehr viel Umsicht dazu. Auf diese Weise hat er eben Umsicht, Konzentration und Hingabe entwickelt. Als er die Kühe zählte und dabei auf achthundert kam, fing er an, die Herde zurückzutreiben. Und auf dem Weg zum Meister hat sich ihm die Wahrheit von selbst enthüllt. Die Vögel sprachen zu ihm, die Sonne, das Wasser und die ganze Natur. Und als er beim Meister ankam, begrüßte ihn dieser mit den Worten: „Ich sehe das Strahlen Brahmans in dir. Hast du die Selbstverwirklichung erreicht?“ Der Schüler berichtet ihm von seiner Erfahrung und der Meister bestätigt sie ihm dann nochmals. Und dieses Zwiegespräch, in dem der Schüler erklärt, was er erfahren hat und der Meister das noch genauer in Worte fasst, das ist der Hauptinhalt der Upanishade. 

In einer anderen Upanishade bittet ein Schüler den Lehrer: „O Meister, es heißt, wenn man Selbsterkenntnis hat, dann hat man die Einheit mit dem Höchsten und ist niemals mehr unglücklich. Bitte, zeige mir den Weg zur Selbstverwirklichung, zur Selbsterkenntnis.“ Und der Meister antwortet: „Bleib erst mal 25 Jahre lang hier und arbeite, dann sehen wir weiter.“ 

Die Upanishaden werden auch oft als „Geheimlehre“ bezeichnet, und nicht nur als Geheimlehre, sondern sogar noch als Geheimlehre der Veden, die ja an sich schon als höchstes Wissen gelten. Nicht deshalb, weil sie wirklich so geheim wären - die Upanishaden sind nach der Bhagavad Gita das meist kommentierte und meist verbreitete Werk in Indien. Die Veden gibt es nicht so oft, die Upanishaden gibt es in Hülle und Fülle. Aber sie gelten als Geheimlehre deshalb, weil sie nicht so einfach zu verstehen und noch weniger einfach zu verwirklichen sind. Man braucht jemanden, der einem die Aussagen darin erklärt, ihre wahre Bedeutung enthüllt. Das Wort „upanishad“ bedeutet eigentlich „sitzen zu Füßen“ - man sitzt zu Füßen des Lehrers und hört seiner Auslegung, seiner Unterweisung zu.

Die vier Stufen des Jnana Yoga

Der Erkenntnisweg im Jnana Yoga (Yoga des Wissens, der Weisheit) beruht nicht auf rein intellektueller Erkenntnis, sondern ist – jenseits der Reinigung auf allen Ebenen und des Arbeitens am Ego, das bei der spirituellen Praxis und beim selbstlosen Dienen geschieht – ein Einschwingen auf den Meister. Das Lernen im Jnana Yoga vollzieht sich in vier Schritten: 

· Sravana, wörtlich „hören“, bezieht sich auch auf Lesen. Heutzutage gibt es mehr Bücher, früher gab es weniger. Also wir hören oder wir lesen. 
· Manana, darüber nachdenken, und das erstreckt sich auch auf Diskutieren. Im Jnana Yoga spielt blinder Glaube keine Rolle. Es geht nicht darum, etwas anzunehmen, sondern man hört sich an oder liest, was andere behaupten. Dann denkt darüber nach, diskutiert, stellt Fragen, äußert seine Zweifel, bemüht sich, seine Zweifel geklärt zu bekommen. 
· Nididhyasana, das heißt, man meditiert tief darüber. Und obgleich die Übergänge fließend sind, gibt es einen Unterschied zwischen Nachdenken und Meditieren.  Beispielsweise kann man sich zum Thema „Wer bin ich?“ erst einmal anhören, wie es die Meister erklärt haben. Dann denkt man darüber nach, manana, und schließlich meditiert man darüber: „Wer bin ich?“ Und in dieser Meditation beginnt man damit, erst einmal logisch, rational nachzudenken. Und plötzlich verlässt man die Ebene des rein Rationalen. Es ist dann mehr eine „Schau“, wie es manche ausdrücken, oder wie ein Hineingehen, eine Versenkung. Man geht ganz in diese Frage hinein, versenkt sich in sie hinein oder erhebt sich zu dieser Frage. Und wenn man so die Ebene des Intellektuellen verlassen hat und zu einer intuitiven Erkenntnis gelangt, das ist dann tatsächlich nididhyasana. Und dies führt zu 
· Anubhava, dem Gefühl der Einheit mit dem Absoluten. Manchmal wird es auch Brahmanubhava (Einheitsgefühl mit dem Absoluten) oder Atma Sakshatkara, direkte Verwirklichung des Selbst, genannt. Es bedeutet die intuitive Verwirklichung. Es gibt kleine Verwirklichungen und größere Verwirklichungen. Es kann passieren, dass man in der Meditation plötzlich verwirklicht, also intuitiv spürt und erkennt: „Ich bin nicht der Körper.“ Oder: „Ich bin nicht das Denken, ich bin noch nicht einmal die Emotion.“ Und dann gibt es natürlich die ganz großen Verwirklichungen: „Aham brahma asmi“ – „Ich bin Brahman, das Absolute“!
 

Philosophie der Einheit 
Der Makrokosmos

In der Sichtweise des Vedanta ist Brahman (das Absolute) das Einzige, was existiert. Vedanta gilt als Philosophie der Einheit, weil er behauptet: Es gibt nur eine allumfassende Wirklichkeit, nämlich Brahman. Alles ist Brahman, es gibt nichts anderes als Brahman. Und dieses unendliche Brahman, welches ungeteilt, ewig und unendlich ist, ist sat-chit-ananda. 
· Sat: Es ist reines Sein, das heißt, es ist nicht irgendwo, an einem bestimmten Ort, nicht hier oder dort, es ist einfach, es ist nicht größer oder kleiner, es ist einfach nur, ohne weiteres Attribut. 
· Es ist aber nicht nur ein abstraktes, unbewusstes Sein, sondern es ist auch chit, Bewusstsein. Bewusstsein an sich. In diesem Bewusstsein ist natürlich auch alles Wissen enthalten. 
· Und es ist ananda, reine unbegrenzte Wonne.

Dieses Brahman manifestiert sich als maya.  Maya heißt Illusion (nicht zu verwechseln mit „maya“ mit kurzem „a“, das an andere Worte angehängt wird und so viel bedeutet wie „gemacht aus“, z.B. Anamaya kosha, die Nahrungshülle, eine der 5 Hüllen des Körpers). Maya ist die Kraft der Illusion. Diese Kraft der Illusion ist ein Teil von Brahman. Durch sie wird das Absolute in Zeit und Raum gebracht, unterliegt in dieser Form der Veränderlichkeit und schafft so jagad, die Welt der Erscheinungen, die manifeste Welt. Über maya entsteht jagad aus brahman. Maya, die illusorische Kraft von brahman, schafft die Kategorien Zeit und Raum und lässt so brahman scheinbar zu einer vergänglichen, veränderlichen Welt werden mit verschiedenen Farben, Formen, Gestalten, Wesen, Objekten usw. 

Jagad hat dann drei verschiedene Dichtigkeitsstufen, nämlich: 


Auf allen drei Ebenen sind die drei gunas, die Eigenschaften der Natur, wirksam. Diese sind:


Diese Welt ist aber nun nicht eine willkürliche, in der hoffnungsloses Chaos herrscht. In dieser Welt manifestiert sich brahman noch einmal als ein besonderes Prinzip, nämlich als ishwara, der „persönliche Gott“ - nicht im Sinne von mein oder dein persönlicher Gott, sondern im Sinne von Gott als Person, als ein konkreter Aspekt des allumfassenden, absoluten kosmischen Prinzips, z.B. als 


Ishwara ist die Intelligenz hinter dem Universum. Man kann sich auch vorstellen, das ganze astrale Universum ist der Astralkörper von ishwara, das ganze physische Universum ist der physische Körper von ishwara, und alles in diesem physischen Universum ist ein Teil des Körpers Gottes und dieser Gott lenkt und steuert das ganze Universum, so wie wir die einzelnen Glieder unseres Körpers bewegen. Aber alles im ganzen Universum ist und bleibt nur eine Manifestation von brahman.  Wegen der illusorischen Kraft von maya erscheint die Vielfalt des Universums als etwas Getrenntes, aber in Wahrheit sind alle Erscheinungsformen nur Manifestationen des gleichen Prinzips, eben von brahman, und alles ist auf ewig mit allem verbunden.

Der Mikrokosmos

Wenn Brahman alles ist, ist es natürlich auch das Selbst, die wahre Natur, aller Wesen. Dieses Selbst im Einzelnen wird bezeichnet als atman. Maya manifestiert sich im Individuum als avidya, als Unwissenheit. Wir wissen nicht mehr, wer wir wirklich sind. Wir identifizieren uns mit einem Teil von hagad, dieser manifesten Welt, nämlich den sogenannten upadhis (Schleier, Verhüllungen, Begrenzungen), den begrenzenden Attributen. Diese Begrenzungen sind die drei Körper, die drei shariras:


Auch hier wirken natürlich die drei gunas. Die Konsequenz, die Folge ist jiva, die individuelle Seele. Wir fühlen uns als Individuum, als getrennt. Wir identifizieren uns mit unserem Körper, unserem Geist, unserer Persönlichkeit. Diese Identifikation, diese Begrenzung auf unsere Individualität führt zu Leiden, denn intuitiv wissen wir: Unsere wahre Natur ist sat-chit-ananda, unbegrenztes Sein, Wissen und Glückseligkeit ohne Anfang und ohne Ende. 

Aber wir erfahren kein unbegrenztes sat, sondern ein begrenztes Sein. Wir sind begrenzt auf ein Meter fünfundsiebzig oder siebenundsiebzig. Wir sind begrenzt auf bestimmte Fähigkeiten und Möglichkeiten und wissen, dass der physische Körper irgendwann stirbt. Da wir aber tief im Inneren wissen, dass wir eigentlich etwas anderes sind, strebt jeder Mensch unbewusst oder bewusst nach Ausdehnung des Seins, indem er zum Beispiel


Aber all das befriedigt niemals unser intuitives Streben nach Unbegrenztheit. Denn in Wirklichkeit sind wir unbegrenzt. 

Genauso haben wir ein begrenztes Bewusstsein und begrenztes Wissen. Das befriedigt uns nicht. Wir wollen mehr und mehr wissen, lernen. Das kommt daher, dass wir tief im Inneren fühlen, wir sind reines, intuitives Wissen (chit). Alles Wissen liegt von Anfang an in uns.

Und schließlich haben wir begrenzte Freuden und Vergnügen, die uns nicht befriedigen. Wir wollen unendliche Wonne (ananda) haben, wir streben nach beständigem, anhaltendem, unvergänglichem Glück, weil wir intuitiv wissen, so sollte es eigentlich sein, weil das unsere wahre Natur ist. 

Und so begeben wir uns irgendwann auf den spirituellen Weg.

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