Sukadev Bretz

Jnana Yoga / Vedanta-Philosophie

Vijnanamaya Kosha

Die nächste Ebene ist die vijnanamaya kosha, die intellektuelle Hülle. Sie hat zwei Hauptfunktionen:

· Ahamkara, das Ego
· und Buddhi, der Intellekt im Sinne von Vernunft. Gemeint ist das logische Denken, wo auch Urteils-, Entscheidungs- und Willenskraft herkommen. 

Die vijnanamaya kosha ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, so wie die manomaya kosha das Tier von der Pflanze und die pranamaya kosha die Pflanze vom Mineral unterscheidet. Alles auf der Welt hat eine Ausstrahlung, auch ein Mineral hat sein prana, aber es steht nicht in lebendigem Kontakt mit der Außenwelt. Kommuniziert man hingegen mit Pflanzen, so wird man feststellen, dass da wirklich ein Energieaustausch stattfindet. Es gibt schon viele Versuche, die das belegen. Die Tiere haben eine manomaya kosha, das heißt, sie haben Emotionen, Gefühle, die sie auch ausdrücken wollen und die dazu führen, dass sie sich bewegen, auf die Umwelt einwirken wollen, aktiv sind. Ein Tier hat also manas (instinktives niederes Denkvermögen), chitta (Unterbewusstsein) sowie Sinnes- und Handlungsorgane. 

Der Mensch hat zusätzlich das sogenannte ahamkara, das Ego, das Selbstbewusstsein. Das heißt, er hat die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen als eine Person, die in Zeit und Raum begrenzt ist und er hat eine bestimmte Vorstellung von sich. Dieses Ich-Bewusstsein ermöglicht der buddhi, dem Intellekt, Dinge zu hinterfragen, sich selbst ein Urteil zu bilden und Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen wie: „Wer bin ich?“, „Woher komme ich?“, „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Gibt es etwas Höheres?“ Und es ist der Grund dafür, dass der Mensch nicht auf reine Reiz-Reaktionsketten beschränkt ist. Ein Tier kann konditioniert werden, man kann es erziehen und wenn man das richtig macht, wird das Tier glücklich sein und alles tun, was man ihm beigebracht hat. Der Mensch ist glücklicherweise nicht in dieser Art und Weise dressierbar. Es gab ja in der Menschheitsgeschichte und nicht zuletzt in diesem Jahrhundert ausreichend diktatorische Regime, die - zum Teil über mehrere Generationen - versucht haben, die Menschen umzuerziehen, umzuprogrammieren. Aber selbst bei systematischer Gehirnwäsche hat das langfristig nicht gewirkt. Der Mensch ist nicht so programmierbar wie das früher angenommen wurde.

Der Mensch hat ein Selbstgefühl, ein Ich-Wertgefühl. Das führt natürlich auch zu allen möglichen Problemen. Auf dem spirituellen Weg geht es ja zum großen Teil darum, unsere Identifikationen loszuwerden. Aber man muss auch wissen, dass das Ego evolutionsmäßig seinen Sinn hat. Nur dann, wenn wir uns als Einzelwesen sehen, können wir weitergehen und auf einer höheren Ebene zur Einheit zu kommen. Ein rein emotionales Einheitsgefühl ist etwas anderes als die volle Verwirklichung – Verwirklichung, die mit intellektuellem Verständnis, eigener Erfahrung und Bewusstheit dieser Erfahrung einhergeht. 

Buddhi, die Vernunft, ermöglicht uns, nicht selbst alle Fehler machen müssen, sondern wir können aus Fehlern lernen. Wir können uns entscheiden. Wenn wir merken, dass wir konditioniert sind, in einer bestimmten Situation immer das oder das zu tun oder uns in einer bestimmten Weise zu verhalten, können wir uns fragen: „Warum tue ich das überhaupt?“, „Will ich das tun?“, „Ist das gut für mich?“, „Macht es mich glücklich?“ 

Und natürlich können wir den Intellekt auch nutzen für logische Schlussfolgerungen. Die meisten Menschen benutzen den Intellekt hauptsächlich, Wünsche und Bedürfnisse aus dem Unterbewusstsein zu befriedigen. Ein ganz banales Beispiel, das auf alles Mögliche übertragbar ist: Man sieht zum Beispiel eine Reklame und will jetzt unbedingt dieses Auto haben. Also überlegt man, wie bekomme ich dieses Auto? Dabei stellt man fest, man braucht so und soviel Geld dafür. Als nächstes denkt man darüber nach, wo oder wie man das Geld beschaffen kann. Von welcher Bank? Mit welchem Kredit? Wie hoch sind die Zinsen? Wie kann ich mehr Geld verdienen? Usw. Also man denkt sehr logisch und systematisch darüber nach, wie man sich diesen Wunsch erfüllen kann. Wobei man, wenn man seinen Intellekt anders benutzen würde, vielleicht erkennen würde, das man es eigentlich gar nicht braucht. Swami Vishnu hat gern gesagt: „Westliche Zivilisation heißt, Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, mit Geld, das man nicht hat, um Menschen zu beeindrucken, die man nicht mag.“ Da liegt viel Wahres drin, obwohl es natürlich, wie alle Sprüche, übertrieben ist. Aber auf jeden Fall setzen wir unseren Intellekt sehr häufig dafür ein, Dinge zu kaufen oder zu bekommen oder zu erreichen, ohne vorher darüber nachzudenken, ob sie wirklich für unser Glück zuträglich sind. Und die wenigsten Menschen stellen sich heutzutage wirklich Fragen wie: „Wer bin ich?“, „Woher komme ich?“, „Was soll das Ganze?“, „Was ist wirklich?“, „Was ist unwirklich?“, „Was ist Glück?“, „Wie kann ich wirklich glücklich werden?“ - Das wäre die höhere Funktion der buddhi. Die buddhi ist durchaus auch die praktische Vernunft, die man braucht, um im Leben zurechtzukommen, seine Arbeit richtig machen zu können usw. Aber daneben gibt es auch die reine Vernunft. Und dort liegt die Fähigkeit des Menschen, aus vorgegebenen Bahnen auszubrechen. 

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