Sukadev Bretz

Jnana Yoga / Vedanta-Philosophie

Die Geschichte vom Ring

Es war einmal ein Ehepaar, das schon längere Zeit verheiratet war. Beide waren berufstätig - wir machen daraus ein modernes Ehepaar -, beide haben sich auch um die Kindererziehung gekümmert, beide haben sich die Hausarbeit geteilt, haben auch ab und zu einmal gekocht – das ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein. 

Eines Tages bekam der Mann bei der Arbeit eine freudige Nachricht: Er war der beste Verkäufer im letzten Jahr gewesen und hatte eine hohe Geldprämie bekommen. Er überlegte, was er mit dem Geld machen sollte. Irgendwie hatte er das Gefühl, seiner Frau ginge es zur Zeit gerade nicht so gut und außerdem war sie gerade an dem Tag an der Reihe, zu kochen. Deshalb wollte er ihr gern eine Freude machen. Er erinnerte sich, dass beim Schaufensterbummel seine Frau öfter bei einem Juweliergeschäft stehen geblieben war und einen Ring angeschaut hatte. Sie hatte ihn sogar schon mal anprobiert. Aber sie waren nicht so reich und hatten für die Kinder gesorgt und für alles Mögliche gespart, deshalb hatte sie nie wirklich den Wunsch nach dem Ring geäußert. Aber der Mann wusste, sie mochte diesen Ring über alles. Also dachte er: „Jetzt kaufe ich diesen Diamantring, um sie richtig glücklich zu machen.“ 

Als er nach Hause kam, war die Frau schon da. Sie hatte einen anstrengenden Tag gehabt, Ärger mit dem Chef und jemand hatte eine Delle in ihr geparktes Auto gefahren, eines der Kinder brauchte Hilfe bei einer wichtigen Schularbeit und das Essen war angebrannt. Ihre Stimmung kann man sich also vorstellen. Der Mann kam freudestrahlend nach Hause, überreichte ihr das Päckchen und sagte: „Sei glücklich, Liebling.“ Die Frau öffnete es und sah den Diamantring. Sie schaute ihn fragend an. Er sagte: „Ja, ich habe eine Prämie bekommen und die soll nur für dich sein.“

Nehmen wir an, die Frau hat sich diesen Ring wirklich sehr gewünscht, sie hat davon geträumt und nichts mehr ersehnt als diesen Ring. Ist sie jetzt, gerade in diesem Moment glücklich? – Ja. In dem Moment, wo ein großer Herzenswunsch in Erfüllung gegangen ist, ist sie glücklich. Und warum ist sie in dem Moment glücklich? Denkt sie in dem Moment an den Chef, an das Auto, an die Schularbeit des Sohnes oder der Tochter oder die verbrannte Suppe? – Nein. In dem Moment denkt sie eigentlich an fast nichts. Ihr Geist ist ruhig und konzentriert auf den Ring. Natürlich spielt auch eine Rolle, dass sie aus dieser Geste sieht, dass ihr Mann sie liebt. Auf jeden Fall ist der Geist ruhig und nicht von anderen Wünschen oder Gedanken abgelenkt. Und wenn der Geist sehr ruhig ist, dann strahlt die Freude des Selbst durch. Es ist nicht wirklich der Diamantring und es ist auch nicht die Beziehung zum Mann, die das Glück auslöst. Wenn es so wäre, bräuchte sie in Zukunft nur noch ständig den Ring zu tragen und wäre immer glücklich. Oder sie bräuchte nur die ganze Zeit mit dem Mann Händchen zu halten, um immer glücklich zu sein. Wir wissen alle, dass dem nicht so ist. Zärtlichkeit und Liebe ist natürlich dem Glücklichsein zuträglich, aber es ist nicht etwas, was einen dauerhaft glücklich macht. Nur in dem Masse, wie sie unseren Geist ruhig und damit durchlässig machen für das Glück des Selbst, können äußere Handlungen und Dinge uns Glück schenken. 

Wenn wir dieses Spiel durchschauen, gibt uns das eine unglaubliche Freiheit. Wir sind dann immer noch nicht so weit, dass wir gleich auf Anhieb das innere Glück spüren können. Leider kann man das nicht willkürlich erzeugen: Augen zu, Gedanken still, Glückseligkeit. Aber wir erkennen wenigstens: Was ich für mein Glück brauche, ist nur eine Methode, eine Weise, meinen Geist zu konzentrieren und entspannt konzentriert zu halten. Dann kann das Glück des Selbst zum Vorschein kommen. Und das kann sich schrittweise in der Meditation, bei regelmäßiger Praxis, entfalten, auch wenn ich das Glück nicht gleich beim ersten Mal und auch nicht jedes Mal auf Knopfdruck erfahre. Mein Glück hängt nicht davon ab, dass ich dieses oder jenes Haus besitze. Mein Glück hängt nicht davon ab, dass ich diesen oder jenen Beruf ergreife. Mein Glück hängt auch nicht von etwas anderem ab. Was nicht heißt, dass es nicht hilfreich sein kann, sich Ziele zu setzen. Ziele setzen hilft, den Geist zu konzentrieren. Aber wir wissen: Mein Glück hängt nicht von irgendetwas ab, sondern ich selbst bin Glück. Und ich kann das Glück dann erfahren, wenn ich irgendwie meinen Geist dazu bringe, konzentriert zu sein. Wenn mein Herz bei einer Sache oder bei einem Menschen dabei ist, dann kann das Glück aus mir selbst heraus strahlen. 

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