Sukadev Bretz

Jnana Yoga / Vedanta-Philosophie

Geschichten von Nasrudin

Es war einmal ein persischer Sufimeister namens Nasrudin – er lebte eigentlich bei Bagdad im heutigen Irak, aber damals gehörte das alles zu Persien. Er hat dadurch gelehrt, dass er sich unorthodox, anders, als man es erwartet, verhielt. So versuchte er, die Menschen wachzurütteln, zum Denken anzuregen. Die Geschichten und Witze, die im Iran und in der Türkei teilweise noch heute über ihn erzählt werden, klingen ein bisschen wie Eulenspiegel-Geschichten. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie viel da eigentlich drin steckt. 

Eines Tages wurde Nasrudin also gesehen, wie er draußen auf der Straße etwas suchte. Ein Nachbar kam und fragte ihn: „Meister, was suchst du?“ Nasrudin antwortete: Ich suche den Schlüssel zu meinem Haus. Sie suchten nun gemeinsam eine ganze Weile in der glühenden Sonne die Straße ab, ohne den Schlüssel zu finden. Schließlich sagte der Nachbar: „Meister, versuch’ dich doch einmal, daran zu erinnern, wo du den Schlüssel verloren hast.“ Nasrudin: „Drinnen im Haus.“ „Aber warum suchst du denn jetzt hier draußen?“ „Ja, mein Lieber, erstens ist das Schloss zugefallen und ich komme nicht hinein. Und zweitens ist es hier draußen viel heller und leichter, etwas zu suchen.“

Der Schlüssel symbolisiert den Schlüssel zu unserem Glück, den wir in uns verloren haben. Aber es ist schwer, nach innen zu gehen, denn es ist verschlossen. Wodurch ist es verschlossen? Die Knie tun weh, die Brust tut weh, es ist schwierig, den Geist nach innen zu richten, und wenn es uns einmal gelingt, den Geist nach innen zu richten, dann ist es dort entweder sehr dunkel oder Tausende von Gedanken sind da. Dennoch, den Schlüssel zum Glück finden wir tatsächlich nur innen. 

Und wenn wir analysieren, wie es ist und woher es kommt, wenn wir uns einmal wirklich glücklich fühlen, dann scheint es zwar so zu sein, als sei es durch ein äußeres Ereignis verursacht. Aber in Wirklichkeit hat der äußere Anlass - vielleicht die Erfüllung eines großen, langgehegten Wunsches -, nur bewirkt, dass der Geist in diesem Moment ganz ruhig und konzentriert ist, keine weiteren Wünsche und Ablenkungen mehr da sind. Und dann kann das innere Glück zum Vorschein kommen, durchscheinen. 

Ein paar Monate später sah man Nasrudin auf der Straße eine furchtbare Grimasse ziehen. Jemand fragte ihn: „Meister, was ist mit dir los?“ „Ach, ich habe solche Schmerzen an den Füßen.“ „Warum denn?“ „Weil meine Sandalen so eng sind.“ „Ja, warum trägst du denn so enge Sandalen?“ Da lachte Nasrudin verschmitzt und sagte: „Abends, wenn ich zu Hause bin und die Sandalen ablege, dann ist das ein so wunderbares Gefühl. Und dafür rentiert es sich, den ganzen Tag Schmerzen zu haben.“

Das klingt vielleicht verrückt. Aber wofür stehen die Sandalen? Ein zu enger Schuh symbolisiert neue Wünsche, die wir haben. Wir bilden uns ein, unser Glück hänge davon ab, dass wir dieses oder jenes haben oder mit einem bestimmten Menschen zusammen sind oder dass etwas ganz Bestimmtes geschieht. Somit sind wir abgeschnürt, geistig nicht mehr frei, und eine ganze Reaktionskette läuft ab. Wenn der Wunsch erfüllt ist, befreit uns das zunächst mal von dem engen Schuh. Vorerst sind wir dann erst einmal glücklich und es kann kurzfristig oder auch eine ganze Weile lang schön sein. Aber ist es ein dauerhaftes Glück? – Es dauert nicht lange, bis wir neue zu kleine Schuhe anziehen. 

Auf einer anderen Ebene steht die Geschichte natürlich auch dafür, dass wir uns oft das Leben selbst sehr kompliziert machen. Wir haben so viele innere Zwänge, Vorstellungen, was wie sein müsste, wie wir selbst sein müssten, wie andere sein müssten, wie die Gesellschaft und die Welt beschaffen sein müsste .... wenn wir diesen zu engen Schuh ablegen können, sind ist das tatsächlich eine große Erleichterung und Befreiung.

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