Sukadev Bretz

Identifikation und Illusion – Wer bin ich ?

Die Schlange und das Seil

Die Vedanta-Philosophie sagt, unser grundlegendes Nichtwissen über die wahre Natur des Seins und unserer selbst ist unter anderem auf falsche Identifikationen zurückzuführen. Und natürlich kommt aus Identifikation mit äußeren Dingen auch Leid.

Identifikation mit Gegenständen

Dazu ein Beispiel: Wenn ich hier eine Uhr habe, kann ich zwar sagen: „Das ist meine Uhr. Ich habe sie gekauft, ich habe sie ausgesucht.“ Aber ich habe nicht die Macht über diese Uhr. Wenn ich mich mit ihr identifiziere und sehr an ihr als „meiner Uhr“ hänge, dann leide ich, weil sie irgendwann mal kaputt geht. Und so ist es mit allem: Das Auto muss regelmäßig gewartet, ab und zu repariert werden und irgendwann funktioniert es gar nicht mehr. Bei einem Haus muss man sich ständig um die Erhaltung und Erneuerung kümmern. Noch ein Beispiel auf der gleichen Ebene: Bin ich mein Lieblingshemd? Nein! Es mag sich sehr angenehm anfühlen, aus reinem, natürlichem Stoff sein, eine schöne Farbe haben. Wenn ich mich stark damit identifiziere, was passiert dann? Ich kann es immer wieder reparieren, Knöpfe wieder ansetzen, Knopflöcher erneuern, usw. Aber irgendwann geht es trotzdem einmal kaputt. Oder ich bleibe irgendwo hängen und es macht „krrr“ und zerreißt. Ist die Identifikation sehr stark, dann macht es auch emotionell „krrr“. Wenn wir uns dagegen nicht mit einem Gegenstand identifizieren, können wir uns trotzdem daran erfreuen, ihn pflegen und sorgfältig behandeln. Und wenn er kaputt geht, müssen wir uns halt um etwas Neues kümmern. 

Auch wenn wir etwas gekauft haben und es uns gehört, wird es uns irgendwann genommen. Entweder es geht kaputt, wir verlieren es, es wird gestohlen, es braucht sich auf, oder aber wir sterben und verlieren es spätestens dann. Wenn wir nun die Einstellung eines Verwalters den Dingen und dem Besitz gegenüber haben – selbst wenn uns etwas gehört -, dann wissen wir, wir können die Sache nutzen, gehen bestmöglichst damit um, aber irgendwann wird es uns wieder genommen – spätestens dann, wenn wir diesen physischen Körper verlassen. Und mit dieser inneren Einstellung kann man erheblich freudevoller leben. Man kann die Dinge genießen, mit ihnen umgehen, dankbar für sie sein, und wenn sie von einem weggehen, ärgert man sich nicht so sehr darüber. 

Es ist nicht so, dass man das, was einem selbst gehört, notwendigerweise besser behandelt als etwas, was einem anvertraut wurde. Im Gegenteil, wenn wir uns zum Beispiel ein Auto von jemandem ausleihen, bemühen wir uns, besonders sorgfältig damit umzugehen. Bei Gemeineigentum stimmt das allerdings nur bedingt. 

Auf ähnliche Weise können wir mit allen Gegenständen und Dingen im täglichen Leben umgehen. Sorgfältig, aber ohne die „Mein“-Identifikation. 

Natürlich, für viele ist gerade die Identifikation mit dem Auto sehr groß. In einem Artikel in „Psychologie Heute“ wurde vor einiger Zeit untersucht, wie groß die Identifikation von Menschen mit ihrem Auto ist, wie es zu ihrer zweiten Hülle wird. Für mich war und ist ein Auto immer ein Fortbewegungsmittel, ein notwendiges Übel, das zwar die Umwelt verpestet, das man aber eben manchmal braucht, wenn man hier mitten im Wald lebt und mal irgendwo hin muss, wo man nicht mehr ohne weiteres mit dem Fahrrad hinfahren kann. Einmal bin ich mit einem der Vereinsautos zur Waschanlage gefahren. Hinter mir war jemand mit dem gleichen Automodell, der sich gleich mit mir unterhalten hat: „Ah, Sie haben das gleiche Auto. Wieviel Liter hat es denn und wie viel Zylinder und.....“ Ich wusste zwar überhaupt nichts über all diese Dinge, aber allein dadurch waren wir sofort Freunde! 

Identifikation mit Menschen

Man sagt auch. „Das ist mein Sohn, meine Tochter“. Wir identifizieren uns. 

Aber das Kind ist nicht wirklich meines. Es ist eine Persönlichkeit, die sich entwickeln will. Man hat natürlich eine besondere Verantwortung für sein Kind, und wahrscheinlich ist es nicht möglich – und wohl auch nicht wünschenswert -, gar keine Identifikation mit seinem Kind zu haben. Aber wenn die Identifikation sehr stark ist, dann definiert man sich entweder über das Kind und vergisst sein eigenes Leben oder man projiziert sich selbst in das Kind hinein und will, dass das Kind das Leben lebt, das man selbst nicht leben konnte oder versäumt hat zu leben. Beides ist für Kinder nicht gut und für einen selbst auch nicht. 

Wenn ich in dem Kind dagegen vorwiegend eine Seele sehe, die mit meiner Hilfe in diese physische Existenz gekommen ist, auch schon ihr eigenes Karma mitgebracht hat, und der ich helfen will, sich zu entwickeln, dann kann ich meinen Pflichten und Aufgaben dem Kind gegenüber gelassener und nützlicher für das Kind nachkommen. 

Noch schwieriger wird es bei Identifikationen wie „mein Mann“, „meine Frau“, „meine Freundin“ usw. Auch hier wird natürlich eine gewisse Identifikation da sein, sonst hätte man wahrscheinlich gar nicht erst geheiratet. Aber das kann soweit gehen, dass man sich mit dem Bild identifiziert, das man von dem anderen hat. Und dann erwartet man von ihm oder ihr, so und so zu sein. Man nimmt den Partner nicht so, wie er ist, sondern erwartet, dass er dem Bild entspricht, das man sich von ihm/ihr macht. Oder man definiert sich ganz über den anderen, gibt sein eigenes Leben vollständig auf. 

Man sollte den anderen achten als eigene Persönlichkeit, mit einem eigenen Leben und seinem eigenen Karma. Gewisse Sachen hat man gemeinsam und macht man zusammen, man kann sich austauschen und zusammen wachsen, aber man weiss, irgendwann geht die Beziehung zu Ende. Wann nämlich? Wenn man Glück hat, beim Tod. Es heißt zwar, dass man sich später in der Astralwelt und im nächsten Leben in irgendeiner Form wieder findet. Aber zumindest eine zeitweise Trennung ist da, wenn ein Partner stirbt. Diese Einstellung der Nicht-Identifikation oder von weniger Identifikation ist gesünder und besser für einen selbst, für den Partner und für die Beziehung.


Identifikation mit dem Körper 

Bin ich die Hand? Ist die Hand ich, also Subjekt, oder ist sie etwas anderes, also Objekt? Kann ich die Hand sehen? Kann ich sie riechen? Schmecken, fühlen, hören? - Ja. Ich kann die Hand sehen, also bin ich nicht die Hand. Angenommen, ich verliere die Hand aus irgendwelchen Gründen. Bin ich dann nur noch zu neunzig Prozent da oder zu fünfundneunzig Prozent? Ich fühle mich weiter, ich bin ich, ich bin nicht fünfundneunzig Prozent, ich bin ich. 

Bin ich das Herz? – Nein. Angenommen mein Herz funktioniert nicht richtig, dann bekomme ich ein neues Herz. Dann bin ich immer noch ich. Nach neuen Erkenntnissen kann zwar der Charakter anscheinend beeinflusst werden, wenn man Organe von anderen Menschen bekommt – das kommt daher, dass diese Organe ihr eigenes prana, Lebensenergie, haben. Aber das Ich bleibt trotzdem weiter da.

Angenommen, mir gefällt meine Hand nicht. Die Hand meines Nachbarn gefällt mir viel besser. Und der Nachbar sagt: „Das trifft sich gut, deine Hand gefällt mir auch besser, gehen wir zusammen zu einem Arzt...“ Gut, in Deutschland wird das keiner machen, aber es wird andere Länder geben, wenn man ausreichend dafür bezahlt, würde eine solche Operation gemacht werden. Kriege ich also die Hand meines Nachbarn und er meine. Danach habe ich einen Herzinfarkt und bekomme ein Herz von jemand anders. Mein Blut ist danach nicht ausreichend, also folgt eine Bluttransfusion. Dann gefällt mir meine Haarfarbe nicht und ich färbe meine Haare grün. Angenommen, ich hätte zuviel Alkohol getrunken, meine Leber funktioniert nicht richtig und man ersetzt sie durch eine Schweineleber – das wurde mal versucht, zum Glück für die Schweine hat es nicht geklappt... Angenommen, es hätte geklappt, dann habe ich also eine Schweineleber, vielleicht ein Affenherz und eine Ziegenniere - auch das wurde mal probiert -, und das Blut von einem Inder. Dann stelle ich fest, mein Geschlecht mag ich auch nicht, ich wäre viel lieber eine Frau. Es gibt viel mehr Yogaschülerinnen als Yogaschüler und es wäre viel praktischer, dann kämen viele Fragen gar nicht auf, z.B. „Es gibt doch nicht nur Meister. Gibt es nicht auch Meisterinnen?“ Also bin ich dann Sukadevi. Dann habe ich auch keine Lust mehr, ständig Yoga zu unterrichten und trete über zum Islam. Gut, wer bin ich jetzt? Ein islamischer Fakir weiblichen Geschlechts mit Affenherz, Ziegenniere, Schweineleber, grünen Haaren und der Hand meines Nachbarn. Aber ich bin immer noch ich, das gleiche Ich. 

Identifikation mit dem Gehirn

Bin ich das Gehirn? Das ist nicht so einfach zu beantworten. Angenommen, man würde in einem Teil des Gehirns einen Eingriff vornehmen, dann könnte sich das Ichgefühl tatsächlich ändern. Es könnte sogar so weit gehen, dass ich meine bisherige Persönlichkeit, ja, sogar alle meine bisherigen Identifikationen verliere. Trotzdem behaupten die Yogis, ich bin nicht das Gehirn, denn es ist möglich, den physischen Körper zu verlassen und von da aus die Welt wahrzunehmen. Es gibt eine Wahrnehmung ohne den Körper und ohne das Gehirn, zum Beispiel in der Meditation, in der Tiefenentspannung oder bei Nahtod-Erfahrungen. Man nimmt den Körper wahr, man nimmt das Gehirn wahr, man nimmt das Geschehen um einen herum wahr. Und alles, was ich irgendwie als von mir getrennt wahrnehmen kann, das bin nicht ich. Es mag ein Teil von mir sein, aber es ist nicht ich.

Identifikation mit der Lebensenergie

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Bin ich die Lebensenergien, das prana? - Nein. Warum nicht? Ich beobachte das prana und spüre, wie das prana da ist. Ich kann mich auch identifizieren mit meinem prana: „Ah, ich fühle mich so toll!“ Vielen geht es so nach einem Intensivseminar. Man ist so voller Energie, die Energie fließt und man identifiziert sich damit. Dann kommt man nach Hause und hat nicht mehr die Zeit, zwölf Stunden am Tag zu praktizieren. Dann kann es sein, die Energie nimmt wieder etwas ab und man ist traurig darüber. Wenn man sich aber nicht damit identifiziert, dann weiß man: Das war eine gute, euphorische Erfahrung, zu Hause werde ich nicht so viel Energie haben, aber immer noch mehr als vor dem Seminar! Nicht identifizieren! Denn sobald wir uns mit etwas identifizieren, ist die Konsequenz notwendigerweise Leiden. Die Dinge verändern sich, aber nicht immer so, wie wir es gerne hätten oder uns vorstellen. 

So ist es auch mit dem Körper. Der Körper verändert sich. Irgendwann werden die Haare immer grauer, bei manchen werden die Haare immer weniger, die Falten nehmen zu, die Wehwehchen nehmen zu, die intellektuelle Leistungsfähigkeit nimmt ab. Auf der spirituellen Ebene gewinnen wir hoffentlich alle mehr dazu. Und irgendwann geht der Körper, ist tot. Genauso verändern sich die Lebensenergien. 

Identifikation mit Gefühlen

Bin ich die Emotionen? - Nein. Warum nicht? Ich kann sie wahrnehmen, beobachten. Das nächste Mal, wenn du dich über etwas ärgerst, versuche, bewusst wahrzunehmen: „Wie ist der Ärger?“, „Wo ist der Ärger?“, „Wie fühlt er sich an?“, „Wie entwickelt er sich?“ usw. Es kann eine ganz interessante Erfahrung sein, zu beobachten, wie dieser Ärger sich entwickelt und was man dabei fühlt. Ich bin auch nicht die Angst, denn ich kann sie beobachten. Wenn wir uns mit unseren Emotionen identifizieren, dann führt das auch wieder zu Leiden. Zum einen, weil wir die Emotionen eventuell überbewerten und zum anderen, weil wir uns mit positiven Emotionen sehr identifizieren und den Wechsel - also dass auch mal weniger schöne Emotionen kommen -, nicht annehmen können. Wir versuchen, festzuhalten. In dem Moment, wo man Angst hat, dass eine schöne Empfindung vorübergeht, ist man ja schon im negativen Gefühl, in der Angst.

Wie ist es mit Liebe? Liebe an sich ist keine Emotion, sondern unsere wahre Natur. Reine Liebe ist ananda, denn Wonne und Liebe sind gleichbedeutend. Reine Liebe reflektiert sich auf allen Ebenen als ein Ausdruck reinen Seins. Aber es hängt von der Art der Liebe ab. Die Liebe oder Verliebtheit zu einem konkreten Menschen ist natürlich eine Emotion. Anhaften ist Begrenzung. Das heißt jetzt nicht, dass wir gar keine Anhaftungen haben dürften, denn auch die Anhaftungen bin ich nicht. Die Anhaftungen mögen da sein, aber ich brauche mich nicht mit ihnen zu identifizieren.

Identifikation mit der Persönlichkeit

Bin ich die Persönlichkeit? Menschen können introvertiert, intuitiv, künstlerisch begabt, intellektuell oder eher emotional sein. Und manche identifizieren sich nun sehr stark mit diesen Wesenszügen. Bin ich diese Persönlichkeit? - Nein. Warum nicht? Erstens kann ich sie beobachten und zweitens ändert sie sich auch bis zu einem gewissen Grad. Ein gewisser Kern scheint gleich zu bleiben. Auch Ayurveda (alte indische „Wissenschaft vom Leben“, Lehre von der Gesunderhaltung) geht ja davon aus, dass die prakriti, die Natur, die Grundanlage des Menschen, schon von Geburt an bestimmt ist, aber durchaus – auf dieser Grundtendenz aufbauend – variieren und sich letztlich auch entwickeln kann. Trotzdem, ich bin auch nicht die prakriti des Ayurveda, also das spezifische Mischungsverhältnis der verschiedenen Bioenergien.

Identifikation mit Gedanken

Bin ich die Gedanken? – Nein, denn ich kann meine Gedanken beobachten und analysieren und über sie nachdenken.  Bin ich der Intellekt? Auch nicht. 

Wer bin ich?

· Wer oder was bin ich also? - Die Seele, das Selbst, der atman.
· Was ist die Seele? Was ist atman? Was ist brahman? - Gott.
· Was ist Gott? Nichts? Alles? Was ist alles? Was ist nichts? 

Und hier kommen wir zu einem Punkt, den wir intellektuell nicht mehr klar beschreiben können. 

Wir können aber trotzdem etwas sagen: Wir wissen, dass wir sind. Woher wissen wir, dass wir sind? Es gibt jemand, der etwas wahrnimmt, also muss da ein Ich sein. Es gibt ja die berühmte Aussage von Descartes : „Ich denke, also bin ich.“, die oft missverstanden worden ist. Eigentlich wird Descartes zu Unrecht als Begründer des materialistischen Weltbildes bezeichnet, denn sein Werk „Meditationes“, aus dem dieser Ausspruch stammt, ist eigentlich ein sehr vedantisches Gedankengebilde. Dabei handelt es sich jetzt nicht um Meditationsanleitungen. In der früheren westlichen Philosophie waren „Meditatones“ Erörterungen über ein Thema. Und dort sagt er: Wir können alles bezweifeln, wir wissen von nichts genau, ob es tatsächlich existiert, da wir es nur über die Sinne erfahren und die Sinne können der Täuschung unterliegen. Wir wissen nur eines: Es muss jemanden geben, der nachdenkt und der zweifelt, denn sonst könnte es gar keinen Gedanken geben: „Cogito ergo sum“ – „ Ich denke, also bin ich“. 

Also gibt es das reine Sein. Daher ist meine wahre Natur sat, Sein, reines Sein. 

Das ist aber nicht  einfach nur irgend ein Sein, sondern ein bewusstes Sein. Ich bin bewusst. Wenn ich nicht bewusst wäre, könnte ich jetzt nicht reden oder könnte ich nicht Dinge wahrnehmen. Also bin ich auch chit, reines Wissen, Bewusstsein. 

Und wenn ich das Gefühl habe, bei mir zu sein, ist es nicht nur ein bewusstes Bei-mir-sein, sondern es ist ein freudevolles Sein, daher kann man durch die Beobachtung intellektuell schließen, meine Natur muss ananda, Wonne, Freude, sein. Bin ich wirklich bei mir, ist Freude da; bin ich außer mir, dann ist die Freude nicht da. Daher die vedantische Aussage: Meine wahre Natur ist Sein, Wissen und Glückseligkeit, sat, chit, ananda. 

Wir identifizieren uns mit dem Körper und den Hüllen und das führt zu Leiden. Aber wir haben Körper und Hüllen als Instrumente, um auf dieser Welt zu wirken, um Erfahrungen zu machen, um zu wachsen, um Kanal zu werden in den Händen der göttlichen Kraft. 
Wir müssen uns nur von der Identifikation damit frei machen.

Vom yogischen Standpunkt aus haben auch eine Pflanze und sogar ein Stein Bewusstsein. Die Pflanze und der Stein denken natürlich nicht darüber nach. Aber Bewusstheit ist in allem Seienden, in allen Erscheinungsformen – in unterschiedlichen Ausprägungen und Abstufungen, aber sie ist da.

Was ist nun, wenn ich sterbe? Vom höchsten Standpunkt aus bin ich atman, das Selbst. Ich bin weder der physische Körper noch der Astralkörper noch der Kausalkörper. Aber solange ich mich identifiziere, verlasse ich zwar im Moment des Todes meinen physischen Körper, aber ich nehme den Astralkörper mit meiner Persönlichkeit und dem Karma mit. Das begleitet mich, denn die Identifikation mit dem Astralkörper und der Persönlichkeit hört normalerweise nicht mit dem Tod auf. Deshalb nehmen wir sie mit. Der Tod ist nicht gleichbedeutend mit der Selbstverwirklichung. Erst wenn wir alle Identifikationen und Anhaftungen überwunden haben, können wir jenseits von all dem gehen. Dann brauchen wir nicht mehr wiedergeboren zu werden.

Das ist die eine Seite der Gleichung behandelt: Wir sind nicht das, womit wir uns identifizieren in dem Sinne, dass es nicht unsere wahre Natur ist. Letztlich werden wir zu dem Schluss kommen, dass alles brahman, das Absolute ist. Und wenn wir alles sind, sind wir natürlich auch der Körper, die Sinne, der Geist, die Gedanken, die Emotionen. Aber nicht nur! Ich bin nicht begrenzt auf den Körper, ich bin nicht begrenzt auf die Emotionen, ich bin nicht begrenzt auf die Gedanken und meine Persönlichkeit.

Unsere wahre Natur erkennen

Solange wir uns identifizieren, sind wir jiva, die Einzelseele, und fühlen uns als ein individuelles Einzelwesen. Diese Identifikation ist eine Illusion, sie entsteht aus avidya, Unwissenheit. Ziel ist es, unsere wahre Natur zu erkennen. Und unsere wahre Natur ist die Wahrheit aller Wesen. Es kann nicht mehrere reine Sein an sich geben. Wenn meine wahre Natur reines Sein ist, dann ist es die gleiche Natur wie von allem anderen. Und damit ist mein wahres Wesen das gleiche Wesen wie das von allen und allem anderen. Und somit gibt es auf der Ebene des Bewusstseins keinen Unterschied zwischen Barbara, Ulrike und Max. Alle verschiedenen Namen sind nur Namen für die upadhis, die begrenzenden Attribute. Unsere wahre Natur ist jenseits davon.

Die Welt als Illusion – nur Brahman ist wirklich

Die Vedanta-Philosophie geht jetzt aber noch weiter und sagt: Dieses brahman, dieses Bewusstsein, dieses Selbst, ist nicht nur das Selbst aller Wesen, sondern die ganze Welt ist nichts anderes als Brahman. Es gibt eine berühmte Aussage von Shankaracharya, dem indischen Heiligen und Philosoph, der die nondualistische Vedanta-Philosophie begründet hat, die in lyrischer Übersetzung lautet: 

„In drei Sätzen sei es verkündet, was man in tausend Büchern findet:


Brahman allein ist wirklich, es gibt nur ein allumfassendes Bewusstsein. Die Tatsache, dass wir eine materielle Welt sehen und wahrnehmen, die von uns und vom Bewusstsein getrennt ist, ist nur eine Illusion. Die Welt ist nur scheinbar da, sie existiert nicht wirklich. Diese Illusion wird maya (Täuschung, Illusion) genannt und sie schafft die Vorstellung, dass hier jagat, eine Welt, ist. 

Um das besser zu verstehen, gibt es einige Analogien: 
Die Schlange und das Seil

Eine davon ist die Analogie von der Schlange und dem Seil. In Indien, wo es viele Schlangen gibt, kam abends ein Mann nach Hause. In seinem Vorgarten trat er auf eine Schlange, sprang zur Seite und merkte, dass die Schlange ihn gebissen hatte. Und da er wusste, dass es eine Giftschlange gewesen sein mußte, rief es sofort den Priester für die letzten Ölungen, die letzten Riten. Er spürte, wie seine Lebenskräfte ihn langsam verließen. Da kam eine alte Frau vorbei, die Dorfweise, und schaute sich die Wunde an. Dann nahm sie eine Lampe und ging hinaus in den Vorgarten. Und was sah sie dort? - Ein Seil. - Heutzutage wäre es vielleicht eher ein Schlauch, aber damals war es eben ein Seil.  Neben dem Seil wuchs ein Dornbusch. Als er erschrocken zur Seite gesprungen war, hatte der Mann sich an dem Busch die Wunde zugezogen und gedacht, es sei ein Schlangenbiss. Die Frau ging wieder hinein und rief dem Mann zu: „Du stirbst nicht. Das ist kein Schlangenbiss, das war nur ein Seil, und deine Wunde ist nur eine Dornenwunde.“ 

Die ganze Zeit war nur das Seil wirklich. Woher kam die Schlange? Die Schlange existierte nur in der Einbildung, in der Vorstellung. Brahman entspricht dem Seil, es ist immer da. Die Welt, so wie wir sie sehen, ist eine Einbildung, sie existiert nicht wirklich in dieser Form, wie wir sie wahrnehmen. Wir legen die Vorstellung einer Welt über das reine Bewusstsein darüber. Das Seil ist niemals zur Schlange geworden, Brahman ist niemals zur Welt geworden, sondern Brahman existiert immer weiter als reines Bewusstsein.  

Film, Leinwand und Handlung

Eine andere moderne Analogie ist die des Kinofilms. Wenn wir ins Kino gehen, gibt es nur eine Wirklichkeit, nur etwas, was wirklich da ist. Was nämlich? Die Leinwand. Es scheint aber, dass dort eine ganze Welt entsteht, mit Menschen, mit Dramen, mit Liebesbeziehungen, Verwicklungen, oder mit Verfolgungen und Gewalt usw. Es wird eine Illusion geschaffen. Sie entspricht jagat, der Welt. Und was führt dazu, dass die Filmhandlung wahrgenommen wird? Die Filmrolle – m?y?. Die Filmrolle nimmt einen Teil des Lichtes weg und deshalb entstehen dort verschiedene Farben und Formen und es scheint so, als fliege zum Beispiel ein Raumschiff durch das Universum. Da spielt sich jetzt aber nicht nur ein sinnloses Farbspiel ab, sondern das Ganze hat ja eine Logik, ein System, eine Handlung. Und diese Logik stammt letztlich vom Regisseur oder vom Autor der Handlung, der ishwara, dem persönlichen Gott, entspricht. Und wir, die wir im Kino sind, wir vergessen, dass wir eigentlich da sitzen und dass wir heute Probleme hatten – deshalb geht man ja ins Kino, um alles zu vergessen – ,wir gehen also ins Kino für avidya, um in Unwissenheit zu kommen. Wir wollen nicht wissen, was uns normalerweise bedrückt. Und dann identifizieren wir uns womit? - Mit der Hauptperson im Film, nicht mit dem ganzen Film, sondern typischerweise mit der Hauptperson oder einer der Hauptpersonen – und das kann sogar ein Verbrecher sein. Wir würden niemals im Leben das tun oder gutheißen, was diese Person im Film macht, aber die Person, über die wir am meisten wissen, mit der identifizieren wir uns. So entsteht ein jiva, ein individuelles Bewusstsein. Wir fühlen uns als diese Person, bangen mit ihr und hoffen, dass sie alle Schwierigkeiten gut übersteht usw. Und so ist es auch mit der ganzen Welt. Es gibt nur ein allumfassendes Bewusstsein, brahman. Maya, die Täuschung, blendet einen Teil des Bewusstseins aus und lässt es über Zeit und Raum abspielen. Und so erscheint es, als ob es jagat, die Welt, gäbe. 

Die Schwierigkeit ist jetzt aber, dass es nicht so ist, dass es gar keine Welt gibt. Aber es ist so, dass es nur brahman gibt. Und brahman ist in allem, als eigentliche Essenz von allem. Was es nicht gibt, sind voneinander getrennte Einzelteile. Dieser Teil ist Illusion. Aber die Welt als Ganzes und damit jedes einzelne Teil ist brahman, ist Bewusstsein an sich. So wie alles, was man im Kino sieht, letztlich Leinwand oder Licht ist. Nur, es erscheint so, dass dieses Licht gebrochen wird durch den Film von maya.

Das Universum löst sich nicht auf. Brahman bleibt immer brahman. An brahman ändert sich nichts. Nur die Zeit-Raum-Illusion, die entstanden ist und die uns dann brahman wahrnehmen lässt als verschiedene Farben und Formen, als voneinander getrennte Dinge und Wesen, diese verschwindet. Aber brahman als allumfassendes Bewusstsein ist immer gleich.

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