Yoga und Sexualität
von Sukadev Bretz
Inhalt:
1. Kundalini Yoga:
Das Konzept der Sublimierung der
sexuellen Energie
2. Die 4 Purusharthas:
Das Konzept der sattwigen Bedürfnisbefriedigung
3. Das Konzept der
Enthaltsamkeit - Brahmacharya
4. Das Konzept der
vier Lebensstadien
5. Das Konzept des
roten Tantra
In der Yogaliteratur und bei den
verschiedenen Yogameistern findet man unterschiedliche Ansätze, wie
Spiritualität und Sexualität zusammen gehen oder auch nicht und
wie man damit umgehen kann. Ich möchte hier fünf Hauptansätze
vorstellen und auch versuchen, aufzuzeigen, dass sie sich nicht widersprechen,
sondern das Thema jeweils nur aus einem anderen Blickwinkel heraus angehen.
Es geht dabei nicht um Wertungen oder Moral – manchmal entsteht ja aus
dieser Thematik das Vorurteil, aus yogischer bzw. spiritueller Sicht sei
Sexualität etwas „Schlechtes“ -, sondern um eine Präsentation
verschiedener Konzepte, Sichtweisen und Idealvorstellungen. Gleichzeitig
sollen Vor- und Nachteile der einzelnen Konzepte sowie mögliche Interpretationen
und Umsetzungen für den spirituellen Sucher der heutigen Zeit beleuchtet
werden.
1. Kundalini Yoga: Das Konzept
der Sublimierung der sexuellen Energie
Sexualität ist eine Form von
Energie. Im Yoga wird das prana, die Lebensenergie, in fünf hauptsächliche
Energieströme, vayus, unterteilt. Dabei ist zum Beispiel prana vayu
die Energie hinter dem Atemsystem und dem Überlebensinstinkt, apana
vayu die Energie hinter der Ausscheidung sowie der Sexualenergie und Arterhaltung.
Selbsterhaltung und Arterhaltung sind wohl auch die ausgeprägtesten
Instinkte.
Wenn apana vayu vom untersten Energiezentrum,
dem muladhara chakra aus aktiv wird, ist es die Energie hinter allen Ausscheidungsvorgängen.
Wirkt apana vayu vom zweiten, dem Swadhistana Chakra aus, dann manifestiert
diese Energie sich als sexuelle Energie. Aus yogischer Sicht ist das eine
sehr machtvolle Energie, nämlich die schöpferische Energie, mit
der neues Leben geschaffen wird und die letztlich hinter jeder kreativen
Leistung und auch hinter dem ganzen Universum, der Schöpfung als Ganzes,
steht. Diese Energie ist auch eine Manifestation von Liebe. Sie kann eine
Grundlage sein zur Entfaltung aller Aspekte von Liebe. Diese Energie kann
man nun entweder frei fließen lassen – in die Sexualität hinein
- oder man kann ihr eine Bahn vorgeben, in die sie fließen soll –
zum Beispiel in ein kreatives Kunstwerk oder die Entfaltung von Talenten
- oder man kann versuchen, sie vollständig für spirituelle Zwecke
umzuwandeln. Ein Ziel bei aller Energiearbeit ist ganz sicher, mindestens
einen Teil der Energie umzuwandeln in ojas (spirituelle transformierte
Energie). Denn wir brauchen viel von dieser spirituellen Energie, um den
Geist in andere Bewusstseinsebenen zu bringen, unsere wahre Seinsnatur
zu erkennen und schließlich zur Selbstverwirklichung zu kommen.
Apana vayu lässt sich zum Beispiel
umwandeln in ojas durch pranayama (Atemübungen), Mula bandha (Wuzelverschluß,
Zusammenziehen der Beckenbodenmuskeln), ashwini mudra (schnelles mehrfaches
Zusammenziehen und Loslassen der Anusschließmuskeln) sowie Umkehrstellungen,
längeres Halten der Stellungen, Meditation, Mantrawiederholung und
viele andere praktische Übungen aus dem Kundalini Yoga.
2. Die 4 Purusharthas: Das Konzept
der sattwigen Bedürfnisbefriedigung
Die Funktion von apana vayu vom
Swadhistana Chakra her können wir auf sattwige (sattwig: rein, klar,
leicht, hell) Weise ausleben, im Rahmen einer auf gegenseitiger Rücksichtnahme
und Achtung basierenden Partnerschaft. Sexualität gehört zur
ersten der 4 Kategorien menschlicher Bedürfnisse, nämlich der
Kategorie der sinnlichen Bedürfnisse. Es wird empfohlen, die Bedürfnisse
aller 4 Kategorien auf sattwige, d.h. reine Weise zu leben, und auf rajassige
(egoistische, gierige) und tamassige (rücksichtslose, träge,
unwissende) Weisen der Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Und auch
bei sattwiger Lebensweise sollte man Identifikation und Anhaftung vermeiden.
Diese vier Bedürfniskategorien,
auf Sanskrit Purusharthas genannt, sind:
-
Kama: Wunscherfüllung, Befriedigung
der sinnlichen Bedürfnisse
-
Artha: Wunsch nach Wohlstand,
Wohlergehen, Macht, Einfluss in Beruf und Gesellschaft,
-
Dharma: Pflichterfüllung.
Seiner Verantwortung in Familie und Gesellschaft nachkommen, sich für
politische und/oder wohltätige Zwecke engagieren usw. Auch Selbstentfaltung
im westlich-humanistischen Sinn
-
Moksha: Befreiung
Eine ideale Partnerschaft hilft
erstens, Bedürfnisse auf sattwige Weise zu leben. Zweitens ermöglicht
sie es, Liebe auf allen Ebenen zu erfahren und zu geben. Drittens und letztendlich
dehnt sich die Liebe über Partnerschaft und Familie aus zur allumfassenden
Liebe aller Geschöpfe.
Im klassischen Indien ist die praktische
Umsetzung dieses Konzepts ähnlich wie in der christlichen Kultur,
nämlich in Form einer Ehe mit Kindern – mit dem Unterschied, dass
das Sakrament der Ehe nicht bis zum Tod gilt sondern bis ins hohe Alter,
wie wir später noch sehen werden. Von einem moderneren yogischen Standpunkt
wären, losgelöst von gesellschaftlichen Konventionen, auch andere
Formen des Zusammenlebens denkbar, auch z.B. homosexuelle Partnerschaft
oder andere Formen des Zusammenlebens.
Sexualität wird als Grundlage
einer Partnerschaft gesehen, die Liebe auf alle Ebenen des Seins ermöglicht.
Körperliche Liebe entwickelt sich weiter zu emotioneller, geistiger
und spiritueller Liebe. Liebe in der Partnerschaft wird schließlich
Grundlage für sogenannte selbstlose Liebe, wobei vielleicht unbedingte,
bedingungslose, unbegrenzte Liebe bessere Ausdrücke dafür wären.
Man soll lernen, sich für einen anderen zu öffnen, für einen
anderen auch Opfer zu bringen, für den anderen da zu sein. Idealerweise
ist das natürlich beidseitig. Wenn beide füreinander da sind,
ist das eine wunderbare Weise, das Ego etwas zu überwinden und an
sich zu arbeiten.
Hier zunächst ein paar Anregungen,
wie eine Partnerschaft der Bedürfnisbefriedigung bei allen vier Purusharthas
helfen kann.
Kama: Natürlich soll sie einmal
das Bedürfnis nach sexuellem Kontakt, aber auch nach Zärtlichkeit,
Geborgenheit usw. befriedigen und zwar auf eine sattwige Weise, das heißt,
dass man in dem anderen nicht nur das Sexualobjekt sieht, sondern auf seine
Wünsche und Bedürfnisse auf jeder Ebene eingeht.
Artha: Gleichzeitig ist eine Partnerschaft
auch irgendwie eine Wirtschaftsgemeinschaft, wobei jede Familie ihre Art
der Aufgabenteilung finden muß.
Der nächste Aspekt, Dharma,
bedeutet, auch für andere da zu sein. Eine Partnerschaft sollte sich
nicht exklusiv auf die Zweiterbeziehung beschränken. Das kann heißen,
Kinder zu bekommen und aufzuziehen. Das ist eine ausgezeichnete Weise,
das Ego etwas zu überwinden, selbstloser zu werden. Diese Grundliebe,
die man für einander und für die eigenen Kinder entwickelt, sollte
man dann weiter ausdehnen auf andere Menschen, auf Arme, Kranke, Bedürftige,
die Gesellschaft und sich für das Allgemeinwohl einsetzen. Eine Partnerschaft
wie auch das eigene Leben sind nicht erfüllt, wenn dieser Aspekt nicht
dabei ist. Es tut auch der Partnerschaft und der persönlichen Entwicklung
nicht gut, wenn man sich von allem abkapselt und sich nur aufeinander konzentriert.
Man erwartet dann von einem Menschen alles – und ein einziger Mensch kann
nun einmal nicht alles gleichzeitig sein.
Also nicht: „My home is my castle“,
und ich muss mich gegen alle Einflüsse von außen wehren, sondern
im Gegenteil: Mein Heim, meine Familie, ist die Grundlage für alles
andere, die Zelle, von der aus man wachsen und sich weiter entfalten kann.
Der vierten Aspekt, moksha, bedeutet,
dass Partnerschaft auf dem Weg zur Einheit, zur Befreiung, hilft. Indem
sich die Egos aneinander reiben, kommt das Tiefere zum Vorschein. Der eine
unterstützt den andern auf dem spirituellen Weg. Der eine ist der
Guru, der Lehrer, des anderen. Ideal ist es dabei natürlich, wenn
beide Partner bewusst auf dem spirituellen Weg gehen und sich gegenseitig
unterstützen. Wer eine solche spirituelle Partnerschaft hat, kann
sich glücklich schätzen. Auch dabei kann es Probleme geben: Zum
einen inspirieren sich die Partner nicht immer gegenseitig auf dem Weg,
sondern liefern sich Entschuldigungen, nicht zu praktizieren, oder machen
den anderen dafür verantwortlich, dass es auf dem Weg nicht so voran
geht. Zum anderen ist bei jeder Partnerschaft natürlich die Gefahr
einer starken Anhaftung an den Partner und statt einer Grundlage für
mehr Liebe kann auch die Grundlage für emotionelle Schwierigkeiten
geschaffen werden. Aber nichts im Leben ist immer einfach. Das Leben ist
vielmehr dazu da, dass wir lernen und wachsen.
Es ist eine besondere Herausforderung,
wenn nur einer der Partner bewusst auf dem spirituellen Weg ist. Der eine
wird regelmäßig seine Praxis machen wollen – Meditation, asanas,
pranayama - seine Ernährung umstellen, keinen Alkohol mehr trinken
wollen. Da wird es schon etwas schwierig, wenn der andere bei den bisherigen
Gewohnheiten bleibt. Aber ich kenne eine ganze Reihe gut funktionierender
Partnerschaften, die nach ein oder zwei Jahren die Anpassungsschwierigkeiten
überwunden hatten und auf einen guten Weg gekommen sind. So lange
der grundlegende Respekt, Liebe, Achtung und die Überzeugung da sind,
dass der andere auf seine Weise ein guter Mensch und eigentlich auch spirituell
ist, ohne es eben zu seinem Lebensstil zu machen, kann man miteinander
wachsen.
Für die meisten Menschen ist
eine Partnerbeziehung das Normale und Wünschenswerte.
3. Das Konzept der Enthaltsamkeit
- Brahmacharya
Das Gegenteil des Konzepts der sattwigen
Bedürfnisbefriedigung ist Brahmacharya, der totale Verzicht auf Liebe
und Zärtlichkeit in einer Partnerbeziehung, um so apana vayu vollständig
in ojas, reine spirituelle Energie, umzuwandeln. Frei von emotionellen
Bindungen und Verstrickungen kann der/die Enthaltsame seine/ihre ganze
Energie für den spirituellen Weg und den Dienst an der Menschheit
nutzen und diese so in höhere spirituelle Kraft umwandeln.
Dieser Weg ist für Menschen,
die ein Bedürfnis nach partnerschaftlicher Beziehung nicht stark haben.
Sie können ganz darauf verzichten und bewusst den Weg der Enthaltsamkeit
und Entsagung wählen, zum Beispiel als Mönch, Nonne, Swami. Dieses
Konzept findet man in den meisten spirituellen Systemen auf der ganzen
Welt. Denn die oben beschriebene ideale Partnerschaft ist in der Realität
oft nicht immer eine Quelle von Kraft für alle anderen Aspekte des
spirituellen Lebens, sondern manchmal eine Quelle von Sich-Nicht-Wohlfühlen,
emotionellen Konflikten, Verzweiflung, Unzufriedenheit, bis hin zum Selbstmord.
Und wer keine starken sexuellen Bedürfnisse hat, kann sich sagen:
Um zur vollen Verwirklichung zu kommen, verzichte ich auf die geringen
Bedürfnisse, die ich auf dieser Ebene habe und widme mein ganzes Leben
Gott. Gott ist mein Partner. Statt meine ganze Energie auf einen Partner
oder die Familie zu richten, entwickle ich universelle Liebe zu allen Menschen
und Wesen.
Oft findet man da auch tatsächlich
Menschen, von denen eine große Herzenswärme ausgeht, die sich
nicht auf den engen Kreis beschränkt.
Aber für viele ist es nicht
damit getan, einfach zu sagen, jetzt verzichte ich auf die Bedürfnisse.
In dem Moment, wo sie das Gelübde ablegen, meinen sie es natürlich
ernst und diese Bedürfnisse sind auch nicht da. Aber nach einer Weile
können die Wünsche auch wieder kommen. Und manche müssen
sich dann distanzieren, um nicht in Versuchung geführt zu werden,
sind frustriert oder resigniert. Oder sie haben dann doch eine Freundin
oder einen Freund, was Gewissenskonflikte und Leid mit sich bringen.
Für einige wenige ist das Mönchtum
sehr leicht und sehr natürlich, für einige wenige ist die Partnerschaft
sehr leicht und ganz natürlich. Für die Mehrheit ist beides sehr
viel Arbeit. Man kann sich auf beiden Wegen bemühen, zur Verwirklichung
zu kommen und sollte gegenüber anderen tolerant sein.
Auch wer den Weg der Partnerschaft
geht, kann Gelegenheiten nutzen, brahmacharya im Sinne von Enthaltsamkeit
eine Weile lang zu erleben, z.B. wenn man aus beruflichen oder sonstigen
Gründen mal eine Weile vom Partner entfernt ist oder gerade nach einer
Trennung eine Weile allein lebt. Gefährlich für die Beziehung
kann es werden, wenn ein Partner auf Sex verzichten will und der andere
nicht. Manchmal kann während einer bestimmten Phase der spirituellen
Praxis die sexuelle Libido verschwinden, weil apana vayu vollständig
sublimiert wird. Dann muss man sehr einfühlsam sein, und keinesfalls
dem anderen sagen: „Ich bin über Sex hinausgewachsen und brauche es
nicht mehr“. Dies kann eine Partnerschaft zerrütten. Vielmehr sollten
man sich bewusst machen: Meist kommt die Libido nach ein paar Wochen oder
Monaten (manchmal auch erst nach 1-2 Jahren) wieder. Und eine vorübergehende
Unlust ist in einer guten Partnerschaft dem anderen sicherlich vermittelbar.
4. Das Konzept der vier Lebensstadien
Dieses klassische indische Konzept
der vier Stadien im Leben eines Menschen kombiniert Entsagung und sattwige
Bedürfnisbefriedigung. Es besagt, dass der Mensch verschiedene Lebensphasen
durchläuft, in denen verschiedene Dinge wichtig sind und erfahren
und gelebt werden wollen. Die vier Phasen sind:
- Brahmacharya, Schülerschaft
(10/14 bis 20/25 Jahre)
- Grihastya, Berufs- und Familienleben
(20/25 bis 50/60 Jahre)
- Vanaprastha, Vorruhestand (50/60
bis 70/75 Jahre)
- Sannyas, Entsagung (70/75 Jahre
bis zum Tod)
Brahmacharya
Das erste ist die sogenannte Brahmacharya,
die Schüler-Phase bei einem Lehrer. Sie beginnt im Alter von etwa
zehn bis vierzehn Jahren und dauert bis etwa zum 20. oder 25. Lebensjahr.
Brahmacharya hat verschiedene Bedeutungen. In einem Sinn ist brahmacharya
die sexuelle Enthaltsamkeit. Im Rahmen der fünf yamas (ethisch-moralische
Grundlegen im Zusammenleben mit anderen) bedeutet brahmacharya in etwa
die Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten. Im Rahmen der vier Ashramas
ist brahmacharya die Lernperiode, wo der Schüler sein Elternhaus verlässt
und beim Lehrer lebt – das kann man sich vorstellen wie eine Art Internat:
Der/die Brahmachari lebt beim Lehrer, arbeitet für ihn und lernt dabei
seinen Beruf, seine Berufung und die Grundlagen des spirituellen Lebens.
Dabei lebt der/die Brahmachari enthaltsam und wandelt so die Energie des
apana vayu in ojas, spirituelle Energie um.
Als spirituelle Hauptpraktiken in
dieser Periode galten pranayama, Atemübungen, asanas (Yogastellungen),
Rituale, Mantras und Karma Yoga, also dem Meister zu dienen und notwendige
Arbeiten in Haushalt, Garten und Landwirtschaft zu erledigen. Die Schüler
lernen auch zu meditieren, aber da der Geist in jungen Jahren sich nicht
so gut konzentrieren kann, ist Meditation in dieser Phase nicht die Hauptpraxis.
Grihastya
Mit etwa 20, 25 Jahren beginnt die
zweite Phase, das Berufs- und Familienleben. Der Schüler kehrt nach
Hause zurück und heiratet, wobei in Indien die klassische Heirat arrangiert
ist. Idealerweise werden die Lehrer (gurus) und Astrologen von den Eltern
zu Rate gezogen, um den geeigneten Partner/die geeignete Partnerin zu finden.
Und die beiden sollen sich auch mögen. Also müssen eigentlich
vier Seiten übereinstimmen. Da das realistischerweise selten zutrifft,
wurde in der Praxis der vierte Punkt weggelassen, und die arrangierte Heirat
überwog.
Dem liegt die Vorstellung zugrunde,
dass Liebe nicht zuerst da ist, sondern dass Liebe entwickelt werden muss.
Im Westen ist die Vorstellung, die Liebe müsse zuerst da sein und
dann müsse sie auch ewig halten. In Indien lernten die Schüler,
dass eine wichtige Aufgabe in der Beziehung ist, Liebe füreinander
zu entwickeln. Liebe ist etwas, was immer wieder wachsen kann, indem man
Arbeit und Energie hineinsteckt. Und das ist eine Aufgabe, die man systematisch
angehen muss.
Im Grihastya-Stand ist die Aufgabe,
ein sattwiges Leben zu führen. Das gilt sowohl für die Partnerschaft
als auch für das Berufsleben. Im Beruf soll man sein Bedürfnis
nach Anerkennung und seine Talente ausleben, auch nach Karriere, Geld,
Macht, Ansehen streben – also das, was man unter Selbstverwirklichung im
westlichen, humanistischen Sinn verstehen würde, sofern das im Beruf
auf eine sattwige Art und Weise möglich ist und es einem ein Bedürfnis
ist. Sattwig in diesem Zusammenhang heißt, es soll ethisch-moralisch
vertretbar sein, man soll nicht auf Kosten anderer vorankommen wollen,
soll sich dabei an die Einhaltung der yamas halten, also nicht lügen,
nichts für sich beanspruchen, was einem nicht zusteht, Rücksicht
auf andere nehmen usw.
Für manche Menschen ist der
Beruf einfach Broterwerb. So lange man dabei nichts Unethisches macht,
es einem nicht zu viel Energie raubt und man daneben noch genügend
Kraft hat zum Beispiel für soziales Engagement, seine Yogapraxis oder
sonstige sinnvolle Freizeitbeschäftigungen, ist das als Existenzgrundlage
vollkommen in Ordnung, sofern man sich dabei einigermaßen wohl fühlt.
Für spirituelle Praktiken ist
naturgemäß in der Grihastya-Phase weniger Zeit. Man sollte aber
trotzdem täglich 1-2 Stunden asanas, pranayama und Meditation üben.
Und vor allen Dingen ist es wichtig, Spiritualität in den Alltag zu
bringen, über Beruf und Partnerschaft an seinem Charakter zu arbeiten,
seine Lektionen im Leben zu lernen, an den Aufgaben zu wachsen, für
andere da zu sein sowie das Göttliche immer mehr in allem zu sehen,
also Karma und Bhakti Yoga.
Vanaprastha
Die dritte Stufe, vanaprastha, folgt
etwa ab 50, 60 Jahren bis etwa 75. Es ist ein langsames Eintreten in den
Ruhestand. Dieser Übergang findet allmählich statt, nicht abrupt
wie im Westen, wo man bis 60 oder 65 seinen Acht-Stunden-Tag hat und danach
von einem Tag auf den anderen nichts mehr, was für viele Menschen
eine schwierige Umstellung ist. Klassischerweise zieht man sich in vanaprastha
langsam aus dem Beruf zurück, übergibt das Geschäft oder
den Hof an die Kinder oder die Nachfolger. Und man löst sich langsam
körperlich und emotionell aus der Partnerschaft, um sich später
ganz zu trennen und so im hohen Alter in sannyas, Entsagung, einzutreten.
Meditation fällt jetzt leichter,
man ist ruhiger, abgeklärter, man hat mehr Zeit für die spirituellen
Praktiken. In besonderem Maße wichtig sind jetzt wieder asanas und
pranayama. Denn wenn man das jetzt nicht praktiziert, verliert sich die
Lebensenergie relativ rasch und dann ist sannyasa, das Alter, nicht schön
und angenehm, sondern eine unangenehme Phase, wo einem die Energie fehlt,
wo man langsam krank wird und sich nicht mit der Selbstverwirklichung beschäftigen
kann, sondern nur noch mit seiner physischen Gesundheit. Daher sind gerade
in vanaprastha asanas und pranayama besonders wichtig. In manchen Teilen
von Indien gilt Hatha Yoga geradezu als Alte-Leute-Beschäftigung.
Wenn also jemand mit fünfzig anfängt, Hatha Yoga zu üben,
ist das durchaus im Sinne der klassischen Lehre. Natürlich ist es
auch im Sinne der klassischen Lehre, schon von Jugend an zu praktizieren.
In der Jugendzeit soll man viel üben, so dass man auch fortgeschrittene
Stellungen lernt. In grihastha reduziert man die Übung etwas, in vanaprastha
verbringt man mehr Zeit damit und ist dann für sannyas bereit.
Sannyas
Nach der allmählichen Lösung
in vanaprastha folgt in sannyasa die physische Trennung vom Partner sowie
die Lösung und Befreiung von allen Anhaftungen.
De fakto ist das in Indien selten
gemacht worden. Wenn zwei Menschen bis ins hohe Alter zusammen gelebt haben
und die Beziehung funktioniert hat, dann kam sannyasa erst, wenn ein Partner
gestorben war. Wenn die Beziehung nicht funktioniert hat, dann waren natürlich
beide recht froh, jetzt sannyas nehmen zu können. Früher war
das die einzig mögliche Weise der Trennung. Man konnte sich nicht
scheiden lassen, aber man konnte Swami werden.
In der Sannyas-Phase bereitet man
den Geist vor auf den Tod. Man versucht nicht – wie es bei uns üblich
ist -, die Jugend nachzuahmen, zweite Flitterwochen usw. zu erleben, sondern
langsam Abstand zu gewinnen, sich von der Welt zu lösen.
Die wichtigste Praxis in sannyasa
ist die Meditation.
Man hat ein befriedigendes Leben
gehabt, in grihastya seine Bedürfnisse und Wünsche ausleben,
seine Talente und Fähigkeiten entfalten können, bei der Bedürfnisbefriedigung
auch die Hohlheit der Welt erkannt und ist jetzt bereit, sich davon zu
trennen. Man hat Energien aufgebaut, den Geist sublimiert, gelöst
von allen Verhaftungen, jetzt kann man meditieren und die Selbstverwirklichung
erreichen. Und dazu gehört auch ein formelles Gelübde, dass man
allem entsagt.
In Amerika gibt es den Spruch: „Better
quit before you’re fired“ – also, lieber selbst kündigen, bevor einem
gekündigt wird. Wir bekommen irgendwann die Kündigung von diesem
Leben. Und deshalb ist es gut, sich darauf vorzubereiten, nicht mehr nur
den äußeren, vergänglichen Dingen nachzulaufen, bevor wir
aus diesem physischen Leben hinausgeworfen werden.
Natürlich sind diese vier ashramas
heute im Westen (und auch in Indien) nicht so einfach lebbar. Das Konzept
der vier ashramas verdeutlicht aber eines: Im Leben gibt es verschiedene
Lebensphasen, in denen die Spiritualität unterschiedlich gelebt werden
kann und muss. Gerade die Übergangsphasen erfordern eine bewusste
Neuanpassung des Lebens an die neuen inneren und äußeren Entwicklungen.
5. Das Konzept des roten Tantra
Tantra beruht auf der Shiva-Shakti-Philosophie,
wo Shiva für reines Bewusstsein steht und Shakti für die kosmische,
schöpferische Energie, die sich in allem Manifesten, in der ganzen
Schöpfung ausdrückt. Ziel ist es, diese Shakti wieder zurückzuführen,
symbolisch zu vereinen mit Shiva, dem reinen Bewusstsein und so den Schöpfungsprozess
für das Individuum quasi rückgängig zu machen, zum Zustand
des reinen Seins zurückzukehren. Im weissen Tantra macht man das zum
Beispiel mittels Atem- und Konzentrationsübungen. Im roten Tantra
soll über die körperliche Vereinigung eine transzendentale Einheit
erfahren und verwirklicht werden. Geschlechtsverkehr wird als spirituelle
Praxis verstanden. Das Ziel ist, dass die sexuelle Energie im Geschlechtsverkehr
nicht verloren geht, sondern bewahrt und umgewandelt wird. Dafür gibt
es bestimmte Atemtechniken, Mudras und Mantras, die beim Geschlechtsverkehr
Anwendung finden. Der Mann lässt es z.B. nicht zur Ejakulation kommen,
und auch die Frau zieht die Energien nach oben.
Klassische Yogis bezweifeln jedoch,
dass allein durch rot-tantrische Sexualität ein dauerhafter spiritueller
Fortschritt erzielt wird. Noch ist es für den spirituellen Fortschritt
notwendig, auf „normale“ Sexualität zu verzichten. Wenn beide Partner
das wünschen, können rot-tantrische Praktiken das Sexualleben
bereichern. Da ich kein Experte im roten Tantra bin, werde ich es bei diesen
wenigen Sätzen belassen.
Zusammenfassung
Es gibt im Yoga unterschiedliche
Modelle, wie Spiritualität und Sexualität in Beziehung stehen.
Letztlich gilt: Jede/r muss seine/ihre eigene yogische Lebensweise finden.
Dies gilt hier wie bei allen Aspekten des Yoga. Man sollte sich auch davor
hüten, Sexualität in Bezug auf Spiritualität überzubewerten.
Weder kommt man allein durch Enthaltsamkeit zur Selbstverwirklichung noch
führen tantrische Sexualpraktiken sofort zur Erleuchtung. Letztlich
muss der/die Suchende sich immer wieder fragen: Wie kann ich alle
Teile meines Lebens spiritualisieren bzw. so leben, dass sie meiner spirituellen
Entwicklung förderlich sind. Durch regelmäßige Übung
von asanas, pranayama und Meditation erreicht man dabei einen Zugang zur
inneren Intuition, die einen führen wird.
Sukadev
Volker Bretz
Yoga
Vidya e.V.
Gut
Hoffnungstal
57641
Oberlahr
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