Raja Yoga Kommentar
von Sukadev Volker Bretz
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Zweites Kapitel Sadhana Pada – Spirituelle Praxis
1. Tapah-svâdhyâyeshwara-pranidhânânikriyâ-yogah Das zweite Kapitel hat vier Hauptthemen: Das erste Thema ist Kriya Yoga und Kleshas, das zweite die Samkhya-Philosophie,
die Antworten auf Fragen gibt wie: „Was ist das Universum?“, „Was
ist Bewußtsein?“, „Was ist der Mensch?“ Das dritte Thema ist
Karma. Die beiden letzteren hängen eng zusammen und definieren
die Lebenseinstellung des Yogis. Und das vierte Thema sind die acht
Stufen des Raja Yoga, die Ashtangas, wobei Patanjali die ersten fünf
im zweiten Kapitel behandelt und die letzten drei im dritten Kapitel. 1.Tapah-svâdhyâyeshwara-pranidhânânikriyâ-yogah tapah = Enthaltsamkeit, Strenge, Askese; svâdhyâya = Selbststudium; ishwara-pranidhânâni = Hin-gabe an Gott, Selbstaufgabe; kriyâ-yogah = Yogapraxis Selbstzucht, Selbststudium und Hingabe an Gott bilden den Kriya Yoga. Der Ausdruck Kriya heißt Handlung, ähnlich wie Karma. Beide stammen vom selben Wortstamm. Kriya Yoga ist der Yoga der Handlung, d. h., es geht um Techniken und Methoden, die jeder ausführen kann; etwas, was man aktiv tun kann. Im Hatha Yoga sind die Kriyas die Reinigungsübungen. Im Kundalini Yoga werden manchmal kombinierte Energietechniken als Kriyas bezeichnet. Wenn man zum Beispiel in Paramahamsa Yogananadas Autobiographie von der Einweihung in den Kriya Yoga liest, dann sind in diesem Zusammenhang nicht Reinigungstechniken wie Neti (Nasenspülung) oder Shank Prakshalama (Magen–/Darmreinigung) gemeint, sondern das sind die kombinierten Energietechniken, wobei meist eine bestimmte Art der Atmung verbunden wird mit Bandhas wie Beckenbodenverschluß, Zungenverschluss sowie mit einem Mantra. Kriya ist zunächst einmal etwa Grobstoffliches, zu dem keine Konzentrationsfähigkeit und kein höheres Bewußtsein notwendig sind. Denn es ist schwer, kosmische Liebe zu empfinden oder die Gegenwart Gottes zu spüren. Es ist leichter, Anweisungen für bestimmte Techniken zu folgen, wie zum Beispiel: „Zieh‘ die Beckenbodenmuskeln zusammen, erzeuge den sanft hörbaren Ujjayi–Klang, wiederhole geistig: lam, lam, lam und visualisiere dir dabei eine Glasröhre in der Wirbelsäule, in der Licht vom unteren Ende der Wirbelsäule nach oben strömt.“ Das kann man irgendwie machen. Im alten klassischen Bhakti Yoga sind die Kriyas bestimmte Rituale, die ein indischer Hausvater, ein Grihasti, ausführt, also bestimmte Pujas (Verehrungsritual), Ahnenverehrung, Almosen, Spenden, Feuer entzünden, u.s.w.. Dort sind fünf Kriyas, Handlungen, für einen Haushalter vorgeschrieben; sie werden bei Brahmanen auch heute noch praktiziert. Und im Raja Yoga sind die drei Kriyas Tapah, Swadhyaya und Ishwara Pranidhana. · Tapas = Askese (im eigentlichen Wortsinn) 2. Samâdhi-bhâvanârthah klesha-tanû-karanârthash cha Samâdhi = überbewußter Zustand; bhâvanârthah
= um herbeizuführen; klesha = Kummer; Er vermindert Leiden und führt Samadhi herbei. Kriya Yoga schafft ârtha bhâvana, das rechte, innige Gefühl, das Samadhi herbeiführt. Indem wir Kriya Yoga praktizieren, entsteht die emotionelle Grundhaltung, bhâva, welche uns in die Lage versetzt, Sa-madhi zu erreichen. Kriya Yoga vermindert die Kleshas. Die Kleshas sind die Ursachen (karanârthas) des Leides. Was sind nun die Kleshas? Das wird im folgenden erklärt. 3. Advidyâsmita–râga–dveshâbhiniveshah kleshah avidyâ = Unwissenheit; asmitâ = „Ich-Sein“, Egoismus; râga = Anziehung, Zuneigung; dvesha = Ab-neigung; abhiniveshâh = Anhaften (am Leben), Todesfurcht; kleshah = Schmerzen, Ursachen der Lei-den Unwissenheit, Egoismus, Anziehung und Abneigung sowie Furcht vor dem Tod sind die Leiden, die Schmerz verursachen. Die fünf Kleshas heißen · Avidya – Nichtwissen, Unwissenheit Wir gehen zunächst näher auf die Kleshas ein, dann wird
es noch leichter verständlich, warum Kriya Yoga hilft, Leiden
zu vermeiden. 4. Avidyâ kshetram uttareshâm prasupta-tanu-vicchhinnodârânâm avidyâ = Nichtwissen, fehlende Wahrnehmung der Wirklichkeit; kshetram = Feld, Quelle; uttareshâm = der Folgenden; prasupta = schlafend; tanu = abgeschwächt, dünn; vicchhina = verstreut, abwech-selnd; udârânâm = ausgedehnt Unwissenheit ist die Ursache (Quelle) von den oben erwähnten
Leiden, die ihr folgen, ob sie nun latent, schwach, unterdrückt,
oder akut sind. 5. Anityâshuchi-duhkânâtmasu nitya-shuchi-sukhâtmakhyâtir avidyâ anitya = nicht-ewig; ashuchi = unrein; duhkha = Leid,Elend; anâtmasu = nicht-Selbst; nitya = ewig; shuchi = rein; suhkha = Glück, Gutes; âtmâ = Selbst; khyâtih = Wissen, Bewußtsein; Avidyâ = Nicht-wissen Unwissenheit hält das Vergängliche, Unreine, Schmerzvolle und das Nicht–Selbst fälschlich für das Ewige, Reine, Gute und das Selbst. Der Körper zum Beispiel ist vergänglich, unrein. Chirurgen können einem bestätigen, daß die Lunge heut-zutage bei den meisten Menschen leicht schwarz ist. Und wenn jemand mal geraucht hat, ist sie ganz schwarz. Wenn man den Darm aufschneidet, dann stinkt das ganz furchtbar. Die Leber ist meist zerfres-sen. Der Körper ist voller Unreinheiten, schmerzvoll und nicht das Selbst. Aber wir denken: Ich bin der Körper. Und die wenigsten rechnen damit, daß sie sterben werden. Sie halten den Körper für rein, für gut, für ewig. Gemäß einer Studie nehmen die meisten Menschen an, daß sie nicht sterben. Wenn man sie fragt, ob sie lieber zu Hause oder im Krankenhaus sterben wollen, sagen die meisten: „Wenn ich schon sterben muß, dann lieber zuhause.“, als ob das die Frage wäre. Man muß irgendwann sterben. Wenn wir einmal pro Woche Shank Prakshalama (Magen-/Darmreinigung) machen, oft fasten, nur biolo-gisch-organisches Gemüse in optimalen Abstimmungen essen, jeden Tag Neti, Dhauti, Basti u.s.w.. ma-chen würden, würden wir zwar den Körper recht rein halten, aber irgendwann stirbt er trotzdem. Der Körper bemüht sich allerdings von Natur aus, rein zu bleiben. Durch verschiedene Reinigungspraktiken versuchen wir, ihn dabei zu unterstützen. Die meisten Menschen machen aber eher das Gegenteil. Sie muten ihrem Körper alle möglichen schlimmen Sachen zu und das führt eben zu Unreinheiten. Denn die Natur hat nicht vorgesehen, daß wir alle möglichen Konservierungs-, Geschmacks-, Aroma- und Farbstoffe zu uns nehmen; die Natur hat nicht vorgesehen, daß wir die Luft vergiften und sie dann einatmen; die Natur hat nicht vorgesehen, daß wir unseren Körper zum Grabmal von Tierleichenteilen machen. Das alles führt zu allen möglichen Unreinheiten. Und wie mit unserem Körper identifizieren wir uns auch mit unserer Persönlichkeit, mit unseren Talen-ten, Fähigkeiten, Neigungen: „So bin ich halt“. Man hält das Schmerzvolle für das Gute, Freudvolle. Alles Sinnliche ist letztlich nicht wirklich freudvoll, aber man denkt, dies oder jenes zu erreichen, müßte freudvoll sein. Das also ist Avidya, Unwissenheit, fälschliche Ansicht. 6. Drig-darshana-haktyor-ekâtmatevâsmitâ drig = Macht des Bewußtseins, Purusha, Seher; darshana-shaktyoh = Kraft des Sehens, Erkenntnis, Budhhi; ekâtmatâ = Identität, Verschmelzung; iv = als ob; asmitâ = „Ich-Sein“, Egoismus Egoismus ist die Identifikation des Sehenden mit dem Instrument des Sehens. Die tatsächliche Identifikation mit dem Körper, den
Gedanken, Gefühlen, Fähigkeiten ist der nächste
Schritt: Am Anfang steht Avidya, die fälschliche Ansicht,
und als nächstes sind wir Asmita , wir kommen zu einer Identifikation
unseres Ichs: „So bin ich, das bin ich“. sukha = Vergnügen, Glück; anushayî = begleitend, resultierend; râgah = Anziehung, Gefallen, Mögen Anziehung ist das, was sich mit Vergnügen beschäftigt. Wenn wir uns mit etwas identifizieren, halten wir etwas Bestimmtes
für wünschenswert. Diese bestimmte Sache bringt uns unserer
Meinung nach Vergnügen. Und was Vergnügen bringt, das
wollen wir haben. duhkha = Schmerz; anushayî = begleitend, resultierend; dweshah = Abneigung, Nichtmögen Abneigung ist das, was Schmerz zu meiden sucht. 9. Swarasawâhî vidusho ‘pi tathâ rûdho ‘bhiniveshah swarasawâhî = gestützt auf seine eigenen Kräfte, automatisch fliessend; vidushah = der Gelehrte, Weise; api = sogar; tathâ = auf diese Weise; rûdhah = reitend, beherrschend; abhiniveshah = Todes-furcht, starker Wunsch nach Leben Furcht vor dem Tod ist der fortgesetzte Wunsch zu leben, der sogar
im Geist von Weisen verwurzelt ist. Einen Selbsterhaltungstrieb hat letztlich noch der Weise. Jetzt könnte man sagen – und so argumentiert die westliche Psychologie –: Das mag ja alles schön und gut sein, da hat auch niemand etwas dagegen, aber so ist halt das menschliche Leben. Aber die Yogis sagen: „Das ist die Ursache des Leidens und man kann durchaus etwas dagegen tun.“ · Identifikation ist die Ursache des Leidens. Wir können das jetzt sehr abstrakt oder sehr konkret sehen. Nehmen wir die Sache mit dem Körper als Beispiel. Avidya, Nichtwissen: Wir vergessen, wer wir wirklich sind. Wir vergessen, daß wir das unsterbliche Selbst sind und identifizieren uns mit diesem Körper. Konsequenz davon ist Raga, wir mögen etwas und Dwesha, wir mögen etwas nicht. Der Körper hat bestimmte Wünsche, Appetite u.s.w.. Nun mögen wir dies und jenes und bestimmte andere Dinge mögen wir nicht. Dann mögen wir natürlich auch, daß der Körper schön aussieht, daß das Haar füllig ist, glänzt, glatt oder gelockt oder wie auch immer ist. Wir mögen es nicht, wenn wir wieder ein paar zusätzliche graue Haare haben im Bart oder an den Schläfen oder sonst irgendwo. Wir mögen es darüberhinaus, daß uns jemand sagt: „Siehst du aber gut aus!“ Wir mögen es nicht, wenn man uns sagt: „Du hast aber schlappe Ohren heute!“ oder sonst etwas Ähnliches. Nun passiert es aber mehr oder weniger häufig, daß das, was wir mögen, nicht eintritt und das, was wir nicht mögen, passiert. Das führt dann zu Leiden. Und schließlich Abhinivesha, wir identifizieren uns mit diesem Körper und haben Angst davor, ihn zu verlieren. Eines ist aber sicher: Wir verlieren den Körper irgendwann. Und manchmal hat man Krankhei-ten, schwere Krankheiten. Das bringt Menschen total durcheinander. Ihre ganze Lebensphilosophie muß sich ändern. Es geht aber auch noch anders. Manche Menschen identifizieren sich weniger mit ihrem Körper, zumin-destest eine ganze Weile, vielleicht bis er bedroht ist oder sich durch Schmerzen bemerkbar macht. Erst dann verstärkt sich bei ihnen die Identifikation mit dem Körper. Solche Menschen identifizieren sich mehr mit einem bestimten Teil ihres Geistes. Künstler zum Beispiel definieren sich über ihr Künstlertum, wie etwa ein Musiker, Dichter oder Maler: „Ich bin Musiker.“ Ein Musiker hat eine ganz bestimmte Persön-lichkeit und Identifikation. Er hat ein bestimmtes Mögen. Er macht zum Beispiel gern Musik. Und er spielt bestimmte Arten von Musik besonders gern. Er mag es, mit anderen Musikern zusammenzusein. Er mag es, für seine Musik gelobt zu werden. Wenn man einen Musiker, der sich sehr über seine Musik iden-tifiziert, dafür lobt, was für eine schöne Krawatte er trägt, dann interessiert ihn das nicht übermäßig. Wenn er aber von einem von ihm selbst geachteten anderen Musiker gelobt wird, wie gut er gespielt hat, dann wächst er. Findet jemand sein Spiel nicht gut, dann mag er das überhaupt nicht. Er hat auch Angst. Angst davor, kritisiert zu werden, nicht anerkannt zu werden, seine Musikalität zu verlieren. Ich kannte mal einen Hornspieler, der war sogar ein Yogi. Er hat sich mit dem Hornspielen sehr stark identifiziert. Dann hatte er eine Zahnoperation, bei der anscheinend ein Nerv getroffen wurde, so daß er das Gefühl in den Lippen verloren hat. Er konnte nicht mehr Horn spielen. Das hat sein Leben total durcheinandergeworfen und er ist in eine ziemliche Krise hineingerutscht. Nicht in eine finanzielle Krise, denn seine Lippen waren hoch versichert. Von den Zinsen des Geldes, das er von der Versicherung be-kommen hätte, hätte er für den Rest seines Lebens sorgenfrei leben können. Er hätte sich jetzt sagen kön-nen: Gut, ich kann ja froh sein, ich brauche nie mehr im Leben etwas zu arbeiten, kann von den Zinsen leben und habe mehr Zeit für Asanas, Pranayama u.s.w.. Er war auch ein sehr spiritueller Mensch. Aber seine Identifikation kam über die Musik. Er hat dann Swami Vishnu um Rat gefragt, was er machen soll, ob er umschulen soll, sich eine Solokarriere als Sänger aufbauen zum Beispiel. Swami Vishnu hat ihm gesagt, er soll einfach weiter Horn spielen, mit oder ohne Gefühl in den Lippen. Und außerdem hat er ihm noch ein paar Rezepte gegeben, was er zu sich nehmen soll. Nach drei Wochen ist das Gefühl in den Lip-pen zurückgekommen. Kein Mediziner hat das für möglich gehalten. Nach dem heutigen Stand der Wis-senschaft würde man ein solches Vorgehen durchaus empfehlen, aber damals galt das als unmöglich. Man nahm an, ein durchtrennter Nerv sei nicht mehr regenerierbar. Swami Vishnu hat irgendwie intuitiv er-kannt, daß es in diesem Fall anders ist. Es kann uns auch mit unserer Yogapraxis so gehen: Wir identifizieren uns mit unserer Asanapraxis. Dann wollen wir natürlich auch ein Lob haben. Wir wollen auch den Skorpion können und wehe, er gelingt uns nicht. Oder wenn er gelingt, schaut der Yogalehrer gerade nicht hin. Oder wenn uns ein Arzt sagt, drei Monate lang darfst du keine Rückbeugen machen – und was ist da eigentlich dabei, dann macht man halt mal drei Monate lang etwas anderes. Oder ich kenne Leute, die jahrelang Yoga üben und plötzlich aus irgendwelchen Gründen, sei es ein Unfall, eine Verletzung oder sonst was, bestimmte Übungen nicht mehr machen können. Das wirft sie oft total aus der Bahn. Und es wirft uns auch aus der Bahn, wenn wir mal weniger Zeit haben zum Üben oder es mal nicht mehr so gut gelingt. Ebenso kann man sich mit jedem Beruf identifizieren. Ein Handwerker zum Beispiel möchte alles immer ordentlich und richtig machen. Intellektuelle Menschen identifizieren sich sehr mit ihrem Intellekt. Und dann mögen sie zum Beispiel intellektuelle Diskussionen mit anderen Menschen, die klug sind. Sie mögen es nicht, mit scheinbar dum-men Menschen etwas zu tun zu haben. Sie haben große Angst davor, daß die Schärfe ihres Intellekts nach-läßt. Ihre größte Angst wäre, Alzheimer oder eine ähnliche Krankheit zu bekommen. Alles andere wäre für sie vielleicht nicht so schlimm, aber wenn sie irgendwann einmal merken, sie haben etwas vergessen, sie verstehen irgendetwas nicht so schnell, das wirft sie total aus der Bahn. Oder sie haben Angst zu ver-blöden, wenn sie mit Menschen zusammen sind, die nicht so klug sind. Es gibt auch noch andere Identifikationen. Bis jetzt habe ich eigentlich eher positive Identifikationen als Beispiele genannt. Manche Menschen halten sich für unfähig, glauben, daß sie kaum etwas können und identifizieren sich damit. Sie mögen es, eher einfache Sachen zu tun. Und sie haben Angst vor vielen Auf-gaben und vor Kritik. Oder Menschen schätzen sich selbst so ein, daß sie wenig können. Sie wollen aber nicht, daß andere das merken. Und sie möchten gerne, daß andere sie in einer bedeutenden Situation respektieren. Sie haben Angst davor, die anderen könnten herausfinden, daß sie eigentlich wenig können oder glauben, wenig zu können. Solche Identifikationen gibt es. Neues zu lernen ist etwas Gutes. Der Wunsch nach Befreiung ist etwas Gutes. Und der Wunsch, für die Befreiung etwas zu tun, ist auch etwas Gutes. Nur, wir müssen uns auch hierbei vor Identifikationen hü-ten. Es kann auch mal ganz anders kommen, als wir erwarten. Immer wenn wir im Leben in einer bestimmten Situation sind – man ist zum Beispiel traurig, niederge-schlagen oder verärgert – dann ist die Ursache die Identifikation mit irgendetwas. Irgendwo hat man na-türlich sowieso sein Selbst vergessen, das ist Avidya und sich mit etwas identifiziert, was man nicht wirk-lich ist. Irgendwie hat man daraus ein Mögen und Nichtmögen gemacht und Angst entwickelt, etwas zu verlieren oder nicht zu können u.s.w.. Und dann ist etwas eingetreten, was dem widersprochen hat, was wir mögen. Es gibt Identifikationen verschiedener Grade. Zunächst haben wir einen Körper, einen Geist, eine Psyche, außerdem Fähigkeiten und Neigungen, mit denen wir uns identifizieren. Das ist eine Identifikation ersten Grades. Nun identifizieren wir uns aber nicht mit dem Körper, dem Geist und unseren Fähigkeiten, wie sie wirklich sind, sondern wir haben ein Bild davon, wie unser Körper, unser Geist, unsere Fähigkeiten und Neigungen, kurz unsere Persönlichkeit, sind. Das ist eine Identifikation zweiten Grades. Eine ganze Reihe von Menschen halten sich für zu dick, die medizinisch gesehen Normalgewicht haben. Sogar 40 % der Frauen, die medizinisch untergewichtig sind, halten sich für übergewichtig. Wir identifi-zieren uns mit unserem Selbstbild. Als drittes gibt es das Bild, das andere von uns haben. Und das vierte ist das Bild, von dem wir wollen, daß andere es von uns haben. Je mehr diese vier Bilder divergieren und je stärker sie verankert sind, desto mehr Spannungen gibt es. Zu Satya, Wahrhaftigkeit, gehört in diesem Sinne durchaus, authentisch zu sein und herauszufinden: Was sind meine Stärken und Schwächen, was ist meine Persönlichkeit? Und wir sollten uns so akzeptieren, dazu stehen und nicht versuchen, anders zu sein oder zu scheinen, als wir eigentlich sind. Auf diese Weise nähert sich auch das Bild, das die anderen von uns haben, unserem Selbstbild. Das hilft auch schon, inne-re Konflikte abzubauen. Das ist Asmita. Im Laufe der Zeit läuft die Yogapraxis typischerweise darauf hinaus, daß man ein authentischerer Mensch wird, daß man keine Angst davor hat, natürlich zu sein, zu seinen Schwächen zu stehen. Dabei hilft es natürlich auch, daran zu arbeiten, Avidya zu reduzieren und zu erkennen: Ich bin weder der Körper noch der Geist, eigentlich bin ich das unsterbliche Selbst. Dieser Körper und dieser Geist sind mein Instrument. Und dieses Instrument können die anderen ruhig so sehen, wie es ist. Und ich selbst kann es ruhig auch kennenlernen. Und ich kann es auch entwickeln, es ist ja nicht fest vorgegeben. Meine Fähigkeiten, meine Möglichkeiten sind nicht fest vorgeschrieben, ich kann vorhandene Stärken ausbauen und neue entwi-ckeln. Das fängt bei den Asanas an. Wenn ich das Gefühl habe, steif und unbeweglich zu sein, heißt das noch längst nicht, daß ich das auch ewig bleiben muß. Ich kann an den Asanas arbeiten und irgendwann werde ich flexibler. Dieses Schema der Kleshas kann man sehr oft anwenden. Wenn man feststellt, daß man sich irgendwie im Leiden befindet, kann man schauen: Wo habe ich mich fälschlicherweise identifiziert? Wo habe ich irgendwelche falschen Erwartungen gehabt? Wo ist etwas eingetreten, von dem ich gedacht habe, daß es nicht eintreten darf? Wo hatte ich Ängste? Dieses Analysie-ren und Zurückführen kann oft Leiden vermeiden, denn wenn wir etwas verstehen, können wir daran arbeiten und versuchen, es in Zukunft besser zu machen oder zu vermeiden. Das ist Swadhyaya, Selbst-studium, Selbsterforschung. Hier in diesem Zusammenhang werde ich den Kriya Yoga relativ weit interpretieren. Im Rahmen der Niy-amas sind die Kriyas (Handlungen) etwas enger definiert. Auch dort bedeutet Swadhyaya Selbststudium. Aber Selbststudium hat zwei verschiedene Aspekte. Der eine ist das Studium der Schriften, der andere ist Introspektion, Studium des eigenen Geistes. Swa = Selbst, Swadhyaya = Selbststudium. Es bedeutet im Sanskrit tatsächlich Studium des eigenen Selbst. Es bezieht sich auf die beiden Seiten. Letztlich helfen einem die Schriften, sich selbst zu verstehen. Swadhyaya ist eine Weise, wie wir Leiden vermeiden kön-nen. Das heißt noch nicht, daß wir es damit ganz auflösen, aber wir können es zumindest vermindern (ta-nukarana). Vieles wird allein schon vermindert, indem wir erkennen, wo die Kleshas gewirkt haben. Manchmal muß man dann über sich selbst lachen und damit ist die Sache vorbei. Manchmal erkennt man zwar die Ursa-chen, aber das hilft und nützt einem trotzdem nicht so viel. Aber es verhindert die Besessenheit, wie ich es nennen möchte. Manche Menschen sind besessen von ihrem Leid, der Vorstellung, daß sie dies und jenes brauchen, um irgendetwas zu erreichen, oder von der Vorstellung einer Kränkung, weil jemand sie nicht so behandelt hat, wie sie es ihrer Meinung nach verdient bzw. erwartet haben. Diese Besessenheit kann vermindert werden, wenn man die Ursachen erkennt. Auch den Begriff von Tapas, Askese, interpretiere ich jetzt etwas weiter. Tapas im weiteren Sinne bedeu-tet, bewußt Dinge zu tun, die man nicht mag. Das hilft, frei zu werden vor allem von Raga-Dwesha, Mögen und Nichtmögen. Man kann sich überlegen, welche Dinge mache ich nicht gerne und sie dann analysieren. Manches ist ja durchaus begründet, zum Beispiel, weil es gefährlich, ungesund oder nicht sattwig ist. Und das macht man dann natürlich nicht. Aber angenommen, man hat eine Abneigung gegen das Bügeln, dann sollte man bügeln. Gut, wenn man Kleidung hat, die nicht gebügelt werden muß, dann braucht man es sich auch nicht anzugewöhnen. Oder angenommen, man hat eine Abneigung gegen das Kochen. Dann sollte man kochen. Hat man eine Abneigung dagegen, Toiletten zu putzen, dann sollte man das gerade machen. Angenommen, man hat eine Abneigung dagegen, am Computer zu sitzen. Dann sollte man sich mal eine Weile damit beschäftigen. Es muß nicht für den Rest des Lebens sein, aber es sollte eigentlich nichts geben, gegenüber dem man eine Abneigung hat, es sei denn, aus ethischen oder gesundheitlichen Gründen. Denn manchmal oder meistens steckt hinter der Abneigung Angst. Wenn man es ein paar Mal gemacht hat, verschwinden Angst und Abneigung. Und es gibt einem ein Riesengefühl von Freiheit, wenn man sich überwunden hat und feststellt: Ich kann es irgendwie doch und es spielt eigentlich keine große Rolle! Das war mit das wichtigste Training, das ich von Swami Vishnu bekommen habe. Es gab manche Yoga-schüler, die wollten ein solches Training nicht. Die hat er dann auch in der Regel ihre Arbeit machen las-sen. Aber Menschen, bei denen er wußte, sie sind bereit und wollen wirklich lernen und Fortschritte ma-chen, die hat er alles machen lassen. Da konnte es sein, daß man mal ein paar Wochen in der Küche auf-geräumt hat, anschließend hat man Computerarbeit gemacht, dann Holz gehackt, komplizierte Organisa-tionsarbeiten erledigt und im nächsten Moment stand man auf der Bühne und hat vor 200 Leuten einen Vortrag gehalten oder eine Yoga-Vorführung gemacht. Ob man das gewollt hat oder nicht, hat dabei keine Rolle gespielt. Swami Vishnu hat seine Schüler nie gefragt, ob sie jetzt eine Yogavorführung machen wol-len oder nicht. Plötzlich irgendwann in seinem Vortrag, wenn er über Yoga-Asanas sprach, hat er auf ein paar Schüler gezeigt: „Du, du und du, kommt her und demonstriert ein paar Stellungen!“ Wenn dann jemand gesagt hat: „Aber ich habe gerade gegessen!“, dann hat er gesagt „Das macht nichts.“ Gut, dann hat man halt die Asanas gemacht – meist nicht die, die man gerne gemacht oder besonders gut gekonnt hat, sondern er hat verschiedene Stellungen angesagt und man hat sie plötzlich auch gekonnt. Er hat na-türlich diese Kraft ausgestrahlt. Sowohl den Skorpion als auch später den Skorpion im Lotus habe ich während einiger Vorführungen gelernt. Irgendwann hat er mich eine Vorführung machen lassen: Kopf-stand, alle Kopfstandvariationen, dann Skorpion und Lotus-Skorpion. Ich habe gesagt: „Swamiji, ich kann nicht!“ Er hat nur gesagt: „Mach den Lotus. Hand auf den Boden, hebe den Kopf und jetzt bleibe dort!“ Gut, dann war ich im Lotus. Inzwischen wußte ich schon, wenn Swami Vishnu etwas sagt, dann geht es auch meistens. Und als er dann sagte: „Geh vom Skorpion in den Lotus.“, habe ich es halt gemacht und bin auch gestanden. Gut, nach einer Weile bin ich runtergefallen, das war aber auch nicht schlimm. Dies alles funktioniert natürlich nur, wenn man einen Meister hat, der das auch meisterlich macht. Auch bei Versetzungen wurden wir nicht unbedingt gefragt. Swami Vishnu hat mich zum Beispiel in ei-nem Center angerufen und gesagt: „Om Namah Shivaya, du bist nach Los Angeles transferiert.“ Ich habe gefragt: „Wie lange?“ Und er sagte: „Dauerhaft.“ „Wann?“ „Heute abend.“, nach dem Motto DIN = Do It Now. „Aber ich muß doch erst jemanden haben, den ich hier einarbeite. Das geht nicht so plötzlich.“ „Ok, dann morgen.“ Und das war dann wörtlich zu nehmen. Man hatte vielleicht noch 30 oder 36 Stunden, um jemanden einzuarbeiten. Schlaf gab es dann halt keinen. Es lief natürlich nicht immer so. Manchmal hatte ich auch eine Woche Zeit oder eine Versetzung war schon Monate vorher geplant. Als ich mein erstes Zent-rum in Wien übernehmen sollte, wußte ich das schon Monate vorher. Aber meist ging es relativ zügig. In neun Jahren war ich in zwölf verschiedenen Zentren und habe festgestellt, daß ich überall glücklich sein kann. Ob es mitten in der Großstadt oder auf dem Land ist, ständig Lärm oder vollkommene Ruhe, ob viele Schulden da sind oder nicht, ob viele Schüler da sind oder fast keiner, letztlich kann man überall glücklich sein. Und letztlich auch, ob ich große Verantwortung habe oder nicht, ich kann in jeder Situation glücklich sein. Wenn man aber das Gefühl hat, jemand anders bringt einen willkürlich oder aus purer Bösartigkeit in solche Situationen, wenn man sich hilflos ausgeliefert fühlt oder es als blindes Schicksal empfindet, dann sperrt man sich dagegen, ist unglücklich und lernt natürlich nichts daraus. Die innere Einstellung ist das wichtigste. Wenn wir erkennen: Das geschieht, damit ich mich weiterentwickle. Meine Aufgabe ist es, in jeder Situation glücklich zu sein und ich kann tatsächlich in jeder Situation glücklich sein. Dann hat es eine sehr grosse Wirkung, die man noch verstärken kann, indem man sich bewußt dafür bereiterklärt und bewußt Situationen sucht, die man nicht mag. Es muß die innere Bereitschaft da sein, daran zu wachsen. Ansonsten kann es sich auch ins Gegenteil verkehren und zu Depression oder Ärger führen. Das Schicksal hilft uns, öfter Dinge zu tun, die wir nicht mögen. Der Guru wird dafür sorgen, daß wir Din-ge zu tun haben, die wir nicht mögen. Und wir können sie selbst suchen. Daneben sollten wir es uns auch zur Aufgabe machen, die Dinge zu mögen, die wir zu tun haben. Der Dichter Tagore sagt: „In der Jugend dachte ich, das Leben sei zum Vergnügen da. Als Erwachsener dachte ich, das Leben sei für die Pflicht da. Jetzt weiß ich, Pflicht ist Vergnügen.“ Also lernen, das zu mögen, was zu tun ist. Tapas im engeren Sinn ist Askese, zum Beispiel fasten, auf Süßigkeiten oder auf Salz verzichten, auf dem Boden schlafen, auf einem Bein stehen, in einem kalten Fluß auf einem Bein stehen – manches davon kann schädlich für die Gesundheit sein. Solche Formen von Tapas gibt es natürlich auch. Und auch sie helfen, den Geist stärker zu machen, indem wir Dinge lassen, die wir mögen und Dinge tun, die wir nicht mögen. Und schliesslich Ishwara Pranidhana, Hingabe an Gott, Vertrauen zu Gott. Wenn wir denken, ich kann nur glücklich sein, wenn diese und jene Situation eintritt, werden wir immer unglücklich sein, denn meistens geschieht es anders als wir wollen – glücklicherweise. Wenn wir aber das Gefühl haben, alles tritt ein, so wie es Gott gerne hat und wie es für uns richtig ist, sind eigentlich die meisten Kleshas mit einem Schlag verschwunden. Das sollten wir uns immer vor Augen führen: Was ge-schieht, ist irgendwie von Gott gelenkt. Gott gibt mir die Aufgaben, die notwendig sind. Gott gibt mir das, was ich brauche. Er weiß besser als ich, was ich brauche. Wir können zu Gott beten und sagen: „Bitte, gib mir das, was ich brauche. Gib mir die Lektionen, die ich zu lernen habe und jeden Morgen und jeden A-bend können wir uns daran erinnern. Das machen wir ja auch jeden Morgen und jeden Abend beim Arati (Lichtzeremonie): Twameva mata chapita twameva Oh Gott, du bist alles für mich Das schließt zwei Interpretationen ein. Zum einen: Du bist mein physischer Vater, meine physische Mutter, in denen ich Gott sehe. Aber manch-mal hat man das Bedürfnis nach Vater und Mutter und sie sind nicht da. Die Mutter steht für Liebe, Zu-neigung, Annahme, mütterliche Fürsorge – das alles ist Gott für uns. Vom Vater wünscht man sich viel-leicht Anerkennung, Lob – Männer wollen von ihren Vätern anerkannt werden, aber oft tun die Väter das nicht oder nicht genügend. Dann können wir uns an Gott wenden. Gott hilft uns zu wachsen. Gott gibt uns alles, was wir brauchen. Gott liebt uns. Alles ist da. Und alles, was wir tun, können wir Gott opfern. Das ist der zweite Teil: Gott gibt uns, was wir brauchen und alles, was wir tun, opfern wir Gott. So verschwinden Ego, Raga, Dwesha, Abhinivesha alle zusammen. Auf diese Weise hilft dieser Aspekt des Kriya Yoga auch wiederum, die Kleshas zu verdrängen. Tapas im engeren Sinne ist Askese. Swadhyaya im engeren Sinne ist Selbststudium, sowohl Studium der Schriften als auch Introspektion. Ishwara Pranidhana ist Verehrung Gottes oder Hingabe an Gott. In ihrer weitesten Bedeutung stehen diese drei Aspekte für drei produktive Weisen, mit allen Arten von Problemen umzugehen. Wenn wir irgendeine Schwierigkeit, irgendein Problem haben, gibt es drei Dinge, die wir tun können: Zum einen, und hier weiche ich von der Reihenfolge von Patanjali ab, können wir versuchen, das Problem zu verstehen, die Ursache herauszufinden, also Swadhyaya anzuwenden. Zweitens können wir versuchen, etwas zu ändern, Tapas. Und drittens können wir loslassen und versuchen, die Situation anzunehmen so wie sie ist, also Ishwara Pranidhana. Das läuft letztlich auf den Mystikerspruch hinaus: „Lieber Gott, gib mir den Mut und die Kraft, Dinge zu verändern,
die ich ändern kann, Das ist gar nicht so einfach. Ich habe einmal Swami Chidananda, einen der Nachfolger von Swami Siva-nanda, gefragt, woran man erkennen kann, ob man die Situation ändern kann oder ob man sie annehmen muß. Er hat geantwortet, man müsse zuerst einmal versuchen, sie zu ändern. Wenn mehrere Änderungs-versuche nichts bewirken, dann ist es ein Zeichen, sie anzunehmen, Hingabe zu üben, loszulassen und zu sagen: „ Gott, Dein Wille geschehe!“ Nehmen wir einmal an, wir befinden uns in einer Situation, die uns ärgert. Dann können wir zuerst über-legen: Wie stellt sich die Situation dar, warum ärgert sie mich, warum bin ich jetzt unglücklich? Das ist Swadhyaya. Zum Beispiel wenn wir plötzlich mit einem Menschen in unserer Umgebung nicht mehr zu-rechtkommen, können wir versuchen, herauszufinden, ob die Ursache in uns selbst liegt oder bei dem an-deren. Manchmal stellt man fest, der andere steht aus irgendeinem Grund gerade sehr unter Druck und ist deshalb sehr reizbar. Wenn wir das verstehen, reicht es aus, daß wir mit der Situation souverän umge-hen können. Wir verstehen und erkennen, daß wir uns eigentlich grundlos ärgern oder grundlos unglück-lich sind. Wir können darüber lachen und die Situation so auflösen. Es kann aber auch sein, daß wir etwas ändern müssen. Dann sollten wir handeln, also Tapas anwenden. Zum Beispiel mit dem Menschen sprechen, notfalls einen Dritten zu Rate ziehen, aktiver werden, Lebens-umstände ändern, was auch immer. Und da braucht man auch keine Hemmungen zu haben. Manche Menschen, die zu schüchtern sind, irgendetwas zu tun, machen dann nichts und versuchen, die Situation zu akzeptieren als Entschuldigung für ihre Untätigkeit. Aber sie akzeptieren die Situation nicht wirklich von innen heraus, sondern sie sind einfach nur zu ängstlich oder zu bequem, etwas zu tun. Und wenn man nichts ändern kann, dann kommt Ishwara Pranidhana: Es ist der Wille Gottes. Loslassen, Dein Wille geschehe. Man kann diese drei Verhaltensweisen auch in Situationen anwenden, in denen etwas nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen. Wir können dann erst mal im Rahmen von Swadhyaya schauen: Wie könnte diese Situation mit den Kleshas zusammenhängen? Als zweites können wir uns fragen: Was kann ich jetzt tun? Und je nachdem kann man vielleicht feststellen: Die Situation ist eigentlich gar nicht so schlimm. Ich habe sie nur durch meine Gedanken aufgebauscht und mich verrückt gemacht, falsche Erwartungen ge-habt und wenn ich das verstehe, kann ich die Situation annehmen, wie sie ist. Manchmal erkennen wir: Eigentlich habe ich falsche Erwartungen, aber die Situation befriedigt mich trotzdem nicht. Dann kann ich schauen, was ich ändern kann. Manchmal muß man dann wieder Swadhy-aya anwenden, um sich zu fragen: Wie könnte ich in der Situation wieder glücklich sein? Und dann kommt oft die Antwort. Eigentlich sind ja die Antworten meistens schon in uns. Wir müssen nur die richtigen Fragen stellen. Meine magischen drei Fragen sind immer: · Was muß ich tun, um in der Situation wieder glücklich
zu sein? Ein persönliches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Für die Yogalehrer-Weiterbildung haben sich nur zwei Teilnehmer angemeldet. Was mache ich jetzt? Viele Stunden sind zu geben, ich bin der einzige Lehrer dafür, und wir halten uns an das Prinzip, jeden Kurs zu unterrichten, auch wenn es nur zwei Teil-nehmer sind. Die Menschen freuen sich auf diesen Kurs, haben die Zeit eingeplant, Urlaub genommen und ich weiß auch aus dem letztjährigen Kurs, daß er für die Teilnehmer sehr viel bewirkt hat. Er ist etwas sehr Wichtiges, wir führen ihn nur einmal im Jahr durch. Also habe ich überlegt: Was kann ich tun, damit es mir auch Spaß macht, den Kurs zu unterrichten? Und dann dachte ich, die Asanas mache ich vielleicht mit, das Pranayama am Morgen auch teilweise und ausserdem hat letztes Jahr eine der Teilnehmerinnen am Ende des Kurses gesagt, aus den Raja-Yoga-Vorträgen sollte man ein Buch machen und sie wäre sogar bereit, das Buch zu verlegen. Also habe ich mir überlegt, wir können die Vorträge gleich mitschneiden. In dieser Situation habe ich jetzt also nicht einfach gedacht, das ist der Wille Gottes, laß es einfach gesche-hen, sondern ich habe nach Mitteln und Wegen gesucht, das Beste daraus zu machen. Obwohl es gleichzei-tig auch teilweise der Wille Gottes sein kann, zum Beispiel eine Lektion fürs Ego. Die Kurse, die ich selbst unterrichte, sind sonst relativ voll und jetzt kommen nur zwei Leute – darin liegt auch eine Lektion, auch das ist zu lernen. Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Was ist jetzt meine Aufgabe und was kann ich tun, damit ich in der Situation glücklich bin? So formuliere ich die Frage für mich am liebsten. Das sind die drei positiven Weisen, mit einer schwierigen Situation umzugehen. Viele Menschen haben drei negative Verhaltensmuster, mit denen sie einer Situation begegnen: Das erste ist, sie einfach zu leugnen, nach außen und nach innen so zu tun, als ob nichts sei. Man leidet zwar darunter, verdrängt es aber, lenkt sich einfach nur ab. Manchmal kann die Ablenkung zwar auch hilfreich sein. Patanjali schlägt ja im ersten Kapitel so etwas wie Ablenkung vor, indem er sinngemäß sagt: Kommen Hindernisse auf, dann meditiere man über einen Aspekt der Wahrheit. Manchmal reicht das aus, wenn die Hindernisse nicht so groß sind oder sie nehmen mindestens in der Dimension etwas ab. Wenn es nicht ausreicht, dann kommt eben der Kriya Yoga. Dann können wir der Reihe nach versuchen, die Situation zu verstehen, zu verändern oder zu akzeptieren. Die zweite, noch unproduktivere Art ist es, sich nur über etwas zu ärgern und wütend zu sein, aber nichts zu tun. Und die dritte ist Depression, das Gefühl, nichts tun zu können, dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. Interessanterweise hat die moderne Streßforschung herausgefunden, daß Menschen besonders streßanfäl-lig sind, wenn sie alles als fremdbestimmt erleben und wenn sie außerdem die Fremdbestimmmung als willkürlich oder negativ erleben. Umgekehrt macht es uns streßresistenter, wenn wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen können – und dazu erzieht uns Yoga letztlich. Und gleichzeitig entwickeln wir das Vertrauen, daß das, was wir nicht in der Hand haben und nicht beeinflussen können, letztendlich positiv und zu unserem Besten ist, von Gott gelenkt oder vom Schicksal geschenkt zum Wachsen oder als Ausdruck unseres Karmas. Wir sehen und erfahren das Leben als Schule und was auch immer kommen mag, ist eine Gelegenheit zu wachsen. Diese Einstellung macht uns streßresistent, mit anderen Worten, sie hilft uns, aus dem Leiden herauszukommen, die Kleshas zu vermindern. Es gibt noch zwei weitere nicht sehr produktive Verhaltensweisen, die direkt aus dem Flucht- und Kampfmechanismus kommen. Man entflieht der Situation oder man bekämpft sie. Man ärgert sich und braut den Ärger in sich – das ist eine Verinnerlichung der Kampfsituation, ohne sie zu veräußerlichen. Sie zu veräußerlichen wäre dann natürlich der äußere Kampf. Viele Menschen fangen dann an, mit anderen herumzubrüllen, Streit zu suchen, reizbar zu werden und sich zu ärgern, wenn Sachen nicht so laufen, wie sie es gerne hätten. Oder man fühlt sich depressiv und unglücklich und statt sich der Situation zu stellen, haut man ab. Um zu wachsen, wäre der erste Schritt, sich zu überlegen: Was kann ich tun, um in der Si-tuation glücklich zu sein? Wenn man dann feststellt, daß es nicht funktioniert, dann muß man natürlich etwas Grundlegendes ändern. Meistens ist die Politik der kleinen Schritte am besten. Wenn es nicht an-ders geht und etwas dringend geändert werden muß, sollte man aber auch keine Hemmungen haben, je-mand anderen mit einzubeziehen. In der Vergangenheit gab es Mitarbeiter hier, die ich öfter gefragt habe, ob alles ok ist und sie haben im-mer „Ja“ gesagt. Und eines Tages sagen sie, daß sie gehen. Sie haben versucht, alles Mögliche mit sich selbst auszumachen, sind nicht zu Rande gekommen oder haben etwas anderes gefunden und machen dann eine radikale Änderung. Sicher war es nicht bei allen, die gegangen sind, eine Flucht. Manche hatten diesen Teil ihres Lebens abgeschlossen; das war etwas Rundes, Ganzes und der nächste Schritt in ihrem Leben stand an. Aber bei manchen war es anders. Wir versuchen dann zwar doch, das Ganze harmonisch zum Abschluss zu bringen, aber es ist schade, daß sie nicht vorher versucht haben, sich in der Situation selbst zurechtzufinden, auch mal um Hilfe zu fragen und zu schauen, was man vielleicht direkt ändern könnte. Das hat mich schon manchmal traurig gestimmt. Frage: Wenn man sich auf dem spirituellen Weg weiterentwickelt, hat man oft das Gefühl, die aktuelle Lebenssituation ist einem hinderlich und sollte geändert werden. Ist es dann mein Recht, mir eine meiner Entwicklung förderlichere Umgebung zu suchen, zum Beispiel in den Ashram zu gehen, auch wenn ich mich dadurch beispielsweise Vorwürfen von anderen aussetze, wenn ich sie zurücklasse? Das ist eine Gratwanderung, die man mit viel Gebet abmachen muß. Natürlich sollte man nicht verant-wortungslos handeln und zum Beispiel seine Kinder aufgrund der eigenen spirituellen Entwicklung zu-rücklassen oder aufgeben. Frage: Sollte man zuerst versuchen, in der momentanen Lebenssituation glücklich zu werden und seine spirituelle Praxis dort hineinzubringen und zu integrieren? Man braucht Asanas und Pranayama für seine spirituelle Entwicklung. Es geht nicht nur darum, Karma Yoga zu machen. Ohne eigene spirituelle Praxis macht man auch aus den eigenen Pflichten kein Karma Yoga. Dann ist es nur Schaffen. Und vom Schaffen allein erreicht man nicht die Selbstverwirklichung. Und es ist nicht das Ziel des Lebens, einfach nur zu schaffen, sondern das Ziel des Lebens ist die Selbst-verwirklichung. Swami Ramananda, eine der ersten Schülerinnen von Swami Vishnu, hat mal erzählt, wie Swami Vishnu auch ziemlich direkt werden konnte. Sie war beim ersten Vortrag von Swami Vishnu 1957 in Montreal gewesen. Sie litt an schwerem Rheuma oder Arthritis, die Ärzte hatten die Krankheit für unheilbar er-klärt und verschrieben ihr nur noch Schmerzmittel. Irgendjemand hat sie mit in den Vortrag geschleppt, nach dem Motto: „Da kommt so ein indischer Yogi, die wissen manchmal etwas ...“ Anschließend hat sie den Intensivkurs mitgemacht und Swami Vishnu gefragt, ob er er ihr etwas für ihre Arthritis empfehlen könnte. Er hat ihr ein halbes Jahr lang jeden Monat eine Woche Fasten mit Karottensaft empfohlen. Da-mals herrschte noch die Meinung vor, vom Fasten würde man ernsthafte bleibende Schäden davontragen oder nach einer Woche sterben. Heute dagegen ist Fasten in aller Munde. Sie überlegte es sich trotzdem und probierte es schließlich aus. Und tatsächlich, innerhalb eines Jahres mit Fasten in Verbindung mit Yoga-Übungen waren ihre angeblich unheilbaren Gelenkschmerzen und -probleme wie weggeblasen. Das ist jetzt kein allgemeingültiges Rezept. Swami Vishnu hatte manchmal solche Eingebungen, wo er dem Einzelnen gewisse Sachen verschrieben hat. Später hat Swami Ramananda dann verschiedene Yogazent-ren geleitet und auch einige europäische Zentren aufgebaut, u.a. das Genfer Zentrum. Und wenn man so ein Zentrum aufbaut, muß man richtig tierisch schuften. Eines Tages kam Swami Vishnu zu Besuch und hat zu ihr gesagt: „Weißt du, Esel erreichen auch nicht die Verwirklichung.“ Nun sind in Indien Tiernamen nicht solche Schimpfworte wie bei uns im Westen. Die Inder haben allge-mein Respekt vor Tieren. Wenn man zu uns sagt: „Du Esel!“, dann ist das schon eine schwere Beleidi-gung. Wenn es Familienangehörige untereinander sagen, dann geht es vielleicht noch. Wenn der Guru zum Schüler sagt, du arbeitest wie ein Esel, ist es nicht ganz so gemeint, aber es bedeutet schon: Esel er-reichen nicht die Selbstverwirklichung und du benimmst dich jetzt gerade wie ein Esel. Arbeit und Pflichterfüllung sind gut und wichtig – aber sie sind nicht das Ziel des Lebens. Das Ziel ist die Selbstver-wirklichung! Es ist die innere Einstellung, die zählt und die wichtig ist. Und um diese Einstellung zu erzeugen, brau-chen wir Asanas, Pranayama und Meditation. Nur wenn wir das regelmäßig machen, haben wir die Kraft, unsere Einstellung so zu ändern, daß wir etwas lernen und uns im täglichen Leben auch für andere ein-setzen können. Und Meditation ist sowieso unabdingbar. Ein tugendhaftes Leben allein ist nicht ausrei-chend für die Selbstverwirklichung. Tugendhaftes Leben bereitet den Geist nur darauf vor. Man muß in-nere Stärke aufbauen durch die Praktiken. Es nützt niemandem etwas, wenn man ausgelaugt ist. Natürlich kann es auch Situationen geben, wo man sich aufopfern muß. Vor zwei Jahren habe ich auf Lanzarote eine Yogalehrer-Ausbildung gegeben. Am Abend vorher hatte ich hohes Fieber und die schwers-te Erkältung, die ich in den letzten zehn Jahren überhaupt hatte. Und am nächsten Tag sollte ich abflie-gen und war der einzige Lehrer für die Ausbildung, die jeden Morgen um sechs beginnt und abends um zehn Uhr aufhört. Was ist jetzt meine Pflicht? Wofür ist das ein Zeichen? Zum damaligen Zeitpunkt gab es außer mir niemanden, der die Ausbildung hätte unterrichten können. Also habe ich mir gesagt: Gott, Du hast mich in diese Situation gebracht, dann mußt Du unterrichten, den Körper schleppe ich irgendwie hin. Ich nahm ausnahmsweise Aspirin und da ich sonst nie Medikamente nehme, wirkte das Wunder. Das Fieber ging so weit herunter, daß ich am nächsten Tag irgendwie in der Lage war zu reisen. Beim Landen sind mir allerdings fast die Trommelfelle geplatzt. Gut, ich komme also schon fast halluzinierend an und gehe in Trance zu dem Seminarhaus. Dort erfahre ich, daß mein Zimmer und auch die der Teilnehmer nicht im Seminarhaus selbst sind wie angekündigt, sondern in einem anderen, zwanzig Minuten entfern-ten Gebäude. Man mußte also immer 20 Minuten hin- und hergehen, womit die gesamte wenige Freizeit zwischen dem Unterrichten dafür draufging. Irgendwie habe ich die Unterrichtsstunden hinter mich ge-bracht, wie weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich mich nur mit Aspirin und Gottvertrauen über Wasser ge-halten. Das Aspirin hat den Körper irgendwie dazu gebracht, zu funktionieren. An Üben von Asanas oder Pranayama war nicht im geringsten zu denken. In den Pausen habe ich mich immer sofort hingelegt und geschlafen. Solche Phasen kann es auch einmal geben. Und letztlich ist auch das schön, weil man tatsäch-lich merkt, Gott hilft einem. Aber zu lange darf so etwas nicht dauern. Nach einer Woche war ich auch wieder gesund und dann kamen noch vier andere Yogalehrer, die dort gerade Urlaub machten. Sie hatten erfahren, daß ich diese Ausbildung dort leitete und waren auch gekommen, um an einigen Programmen und Meditationen teilzunehmen. Ich habe sie dann gebeten, ob sie nicht ein paar Asanastunden überneh-men würden, was sie auch gemacht haben und so kam ich auch wieder zu meiner eigenen Asana- und Pranayamapraxis. Wenn einmal die Notwendigkeit besteht, vorübergehend für kurze Zeit auf die eigene Praxis zu verzichten aus Gründen des selbstlosen Dienstes, muß man sehr darauf achten, dies nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Es besteht die Gefahr, daß man die Praxis nicht wiederaufnimmt und den Dreh nicht mehr kriegt. Deshalb sollte man sich im allgemeinen strikt an seine Praxis halten; eine gewisse Starrheit darf man dabei ruhig haben. Man braucht die Praxis für sich selbst, denn wenn man sich erschöpft und seine Batte-rien nicht mehr auflädt, dient man niemandem damit. Im Grunde genommen kann man als spiritueller Aspirant alles Gott opfern oder sagen: Alles was ich ma-che, ist letztlich dazu da, daß ich anderen helfen kann. Ich muß darauf achten, daß der Körper funktio-niert, dazu muß ich gesund sein. Und ich muß Asanas und Pranayama machen, damit ich das Prana habe, anderen richtig zu helfen. Ich muß meditieren, damit ich auch die Einsicht, die Feinfühligkeit und das Gefühl der Gegenwart Gottes habe. Außerdem muß ich ab und zu mal spazierengehen, damit der Geist offen ist und der Körper gesund bleibt. Es kann auch einmal dazu gehören, daß ich ins Kino gehen muß, um den Geist auf andere Weise zu entspannen, so daß ich dann wieder in der Lage bin, anderen besser zu dienen. Mit dieser Einstellung kann man alles Gott und dem Dienst an anderen opfern. Wenn wir das alles tun, dann kommen wir nicht mehr ins Leiden. Wir lernen auch, von der Unwissenheit wegzukommen. Wir hören auf, nur noch aus dem Ego zu handeln (Asmita). Wir handeln nicht mehr nur aus Mögen und Nichtmögen, Raga und Dwesha. Und wir brauchen auch keine Angst mehr zu haben (Ab-hinivesha). Wir haben das Vertrauen, daß letztlich alles zum besten ist. Das ist in Ishwara Pranidhana eingeschlossen. Bei einem tieferen Swadhyaya wissen wir letztlich, wer wir wirklich sind, nämlich das unsterbliche Selbst. Daraus entwickeln wir Vertrauen, Dinge tun zu können. Und Dinge zu tun, die uns am Anfang keinen Spaß machen, also Tapas zu üben, bedeutet bei weitem nicht zu leiden. Im Gegenteil, unsere moderne vergüngungssüchtige Gesellschaft ist eigentlich ein Konzept zum Leiden. Es gilt ethnopsychologisch als gesichert, daß es in keinem anderen Kulturkreis so viele deprimierte Menschen gibt wie in unserer westli-chen Gesellschaft. In manchen ursprünglichen Lebensgemeinschaften ist Depression völlig unbekannt. Das erinnert mich daran, daß ich Shri Kartikeyan einmal gebeten habe, ein Seminar über Gedankenkraft und positives Denken zu halten. Er hat gesagt, über Gedankenkraft, ja, das kann er sich vorstellen, aber „positives Denken“, da würde er sich immer fragen, was eigentlich „negatives Denken“ sein solle. Er käme jetzt seit 15 Jahren in den Westen und würde sich immer wieder mit Leuten darüber unterhalten, was sie eigentlich unter negativem Denken verstünden. Gut, es gibt negative Situationen, dann muß man die Ur-sache herausfinden. Manchmal haben Menschen unerfüllte Wünsche, dann muß man das entweder akzep-tieren oder etwas ändern, aber er würde viele Menschen treffen, die grundlose Depressionen hätten. Das sei in Indien vollkommen unbekannt, hat er behauptet. Und bis zu einem gewissen Grad stimmt das wohl auch. Wenn man die Inder anschaut, scheinen sie auch unter schwierigen Bedingungen immer fröhlich zu sein. Sie mögen in einer kleinen Hütte wohnen, die nur aus einem Zimmer besteht, wo tagsüber vorn eine Werkstatt oder ein Laden ist und hinten zehn Kinder – wenn man frühmorgens mit dem Bus vorbeifährt, sieht man, wie die Tür aufgeht, eine Art Fenster klappt auf, Waren werden ins Fenster gestellt und nacheinander kommt ein Kind raus, zwei Kinder, drei Kinder, vier, fünf, sechs, sieben, acht, dann die Mutter, der Vater, Großmutter, Urgroßmutter ... unvorstellbar, wie die alle da drin wohnen können – aber sie kommen lachend heraus, um sechs Uhr morgens! Wenn man dagegen morgens um sieben in Frankfurt mit der U-Bahn fährt, dann kommen die Leute aus ihren 180 Quadratmeter-Wohnungen und sie sehen nicht fröhlich und glücklich aus. Wenn bei uns zwei Menschen in einer Einzimmerwohnung mit 25 Quadratmetern leben, gilt das schon als asozial. Und im Verhältnis zu Indien ist das Luxus. Dort steckt eine andere Lebensphilosophie dahinter. Neulich habe ich von einer Studie gelesen, die untersucht hat, wo die Menschen am glücklichsten sind. Die beiden glücklichsten Länder sind danach Nigeria und Venezuela. Für uns eher paradox und erstaunlich, denn wir hören ja normalerweise von Nigeria nur von Stämmen, die sich bekriegen, ein Bürgerkrieg nach dem anderen, Streit um das Öl, Umweltverschmutzung, Anschläge u.s.w.. Über Venezuela hört man nur von der Mafia, Drogenbossen, Elend, Entführungen, Bürgerkrieg. Aber der Durchnittsnigerianer und Durchschnittsvenezuelaner ist glücklich. Die Menschen scheinen dort insgesamt glücklicher zu sein. Die Inder sind in dieser Statistik allerdings nicht ganz oben, aber immer noch besser als die Deutschen und die meisten westlichen Staaten. Also die Philosophie, daß die Welt nur zum Genießen da ist, macht den Menschen nicht glücklich, ebenso-wenig wie die die blinde Pflichtphilosophie. Aber das Bewußtsein, daß das Leben dazu da ist, zur Selbstverwirklichung zu kommen, macht uns auch im Westen zu glücklichen Menschen. Auch wenn Dinge schiefgehen, sind sie ok. An etwas Anstrengendem
wachsen wir. Wie Swami Vishnu gesagt hat: Ein Yogi kann sich immer
freuen. Wenn die Dinge so ausgehen, wie man es gerne hätte,
freut man sich sowieso und ist Gott dankbar. Wenn sie anders ausgehen,
freut man sich über die Lektion, die man lernen kann und die
Gelegenheit, Tapas zu üben und geistige Stärke zu entwickeln.
Es ist einfach gesagt, aber es ist wirklich ein Rezept zum Glück.
Es ist allerdings nicht leicht, den Geist davon zu über-zeugen.
Aber diese Einstellung immer aufrechtzuerhalten und von neuem zu
schaffen, ist eine Übung, die möglich und sehr befriedigend
ist. 10. Te pratiprasava-heyâh sûkshmâh Te = sie; pratiprasava = Wiedereintauchen, Auflösung in die Ursache, den Ursprung; heyâh = fähig, vermieden zu werden; sûkshmâh = subtil, fein Ihre subtilen Formen (der schmerztragenden Leiden) können vermieden werden, indem man sie wieder zu ihrer Ursache zurückführt. Patanjali beschränkt sich nicht nur auf den Kriya Yoga, um die Kleshas zu überwinden, sondern hier sagt er nochmals, die subtilen Formen der schmerztragenden Leiden, also die subtileren Formen der Kleshas, können vermieden werden, indem man sie zu ihrer Ursache zurückführt. Das heisst im Grunde genommen, kleinere Störungen behandelt man mit Swadhyaya oder indem man die Kleshas durchgeht. Nehmen wir das Beispiel Angst. Mitarbeiter hier haben oft Angst, wenn sie die erste Yogastunde geben oder einen Vortrag halten sollen. In diesem Fall ist natürlich die einfachste Sache Ishwara Pranidhana, ich mache es als Verehrung Gottes, ich bin Instrument Gottes und ich habe es deshalb als Aufgabe, weil Gott es eben will. Wenn Gott wollte, daß jemand Vollkommener jetzt diesen Vortrag gibt, dann hätte er einen Vollkommenen hergeschickt. Gott hat gerade mich in diese Situation hineingeschickt, weil es für die Menschen in der Situation am besten ist, jemanden mit meinem Wissen bzw. Unwissen zu haben. Das hat mir immer sehr oft geholfen und hilft mir auch heute noch. Aber die andere Möglichkeit, mit verschiedenen Ängsten umzugehen, ist, zu versuchen, die Ursache he-rauszufinden, zu fragen: Warum habe ich jetzt Angst oder warum bin ich unzufrieden? Dann kann es sein, man stellt fest, ich hatte einen Wunsch, der nicht in Erfüllung gegangen ist oder es gab etwas, was ich unbedingt vermeiden wollte und genau das ist eingetreten. Meine Angst kommt also aus einer Identifika-tion mit einem Wunsch oder dem Wunsch, etwas zu vermeiden. Die Ursache davon ist eigentlich nur eine dumme Unwissenheit und das Ganze nur ein großer Irrtum. Wenn wir das erkannt haben, ist es kein Pro-blem mehr. Also es hilft schon einiges, die Ursachen herauszufinden. Aber das nützt nicht immer. Manche Menschen verbringen zu
viel Zeit mit der Ursachenfindung. Das ist einer der Irrtümer
der westlichen Psychologie, die davon ausgeht, daß alle Probleme
bekämpft werden können, wenn man nur die Ursache kennt.
Dann geht man zurück in die Kindheit und kommt zum Schluß,
mein Vater und meine Mutter sind das Problem. Aber sich nur mit
Vater und Mutter zu beschäfti-gen, hat die Menschen auch nicht
dauerhaft glücklich gemacht. Also geht man noch weiter zurück,
zu den Geburtstraumata. Und man stellt fest, die Probleme und Themen,
mit denen man im Leben kämpft, wa-ren tatsächlich auch
bei der Geburt schon da. Da gibt es dann zum Beispiel die Urschrei-Therapie
oder Rebirthing, das ja ursprünglich dazu diente, die Geburt
wiederzuerleben. Aber auch das hat die Menschen nicht vollkommen
befreit. Deshalb ist man noch weiter zurückgegangen, um herauszufinden,
ob irgend etwas passiert ist, während das Kind im Mutterleib
war. Auch das reichte nicht aus. Also ging man zurück in das
frühere Leben, in zehn Leben, in 100 Leben, in 1000 Leben.
Manchmal hilft das. Yogis sind zwar keine Befürworter von
Zurückgehen in frühere Leben, aber ich kenne Reinkarnationstherapeuten,
die behaupten, manchmal hilft es den Klienten, zu erkennen, daß ein
bestimmtes Lebensmuster deshalb da ist, weil sie in früheren
Leben in dieser Beziehung etwas getan oder erlebt haben. Bei kleineren
Sachen kann das manchmal helfen. Aber viele Menschen gehen zuviel
in die Ursachenforschung und verlieren sich darin. Wenn die Ursachen
für eine Situation nicht so leicht erkennbar sind, gut, dann
lassen wir es halt, dann müssen wir uns auf andere Weise helfen. 11. Dhyâna-heyâs tad-vrittayah Dhyâna = Meditation;heyâs = zu vermeiden; tad–vrittayah = Modifikationen, Lebensäußerungen, Ak-tivitäten Ihre aktiven Formen können durch Meditation vermieden werden. Die besonders starken Vrittis (Gedankenwellen) können vermieden werden, indem wir regelmäßig medi-tieren. Meditation hilft uns, weniger tief ins Leiden hineinzugehen. Es gibt interessante wissenschaftliche Untersuchungen, die ergeben
haben, daß Menschen, die meditieren, glücklicher, erfolgreicher,
ausgeglichener, gesünder sind als Menschen, die nicht meditieren.
Wenn je-mand drei bis fünf Jahre meditiert hat, geht es ihm
ein gutes Stück besser als vorher. Auch die Wahr-scheinlichkeit,
in der Psychiatrie zu landen, ist interessanterweise bei Menschen,
die regelmäßig meditie-ren, erheblich geringer. Das
widerspricht einigen psychologischen Lehrbüchern, in denen
es heißt, Medita-tion könne zwar hilfreich sein, aber
man müsse vorsichtig sein damit, um nicht ein Fall für
die Psychiatrie zu werden. Oder man dürfe keinesfalls allein
meditieren, sondern nur mit einem guten Lehrer. Gut, es ist sicher
nützlich, die Meditation unter Anleitung zu lernen. Aber nachher
muß man schon regelmäßig allein weitermeditieren,
um dauerhaften Erfolg zu haben.. Das Meditieren scheint insgesamt
eine harmonisie-rende Wirkung auf die Psyche zu haben. Durch Meditation
können wir also die aktiven Au.s.w.irkungen der Kleshas vermeiden. 12. Klesha-mûlah karmâshayo drishtâdrishta-janma-vedanîyah Klesha-mûlah = in den Kleshas verwurzelt; karmâshayah = Speicher der Karmas/Karma-Samen; drishta = sichtbar, gegenwärtig; adrishta = unsichtbar, zukünftig; janma O Leben; vedanîyah = erfah-ren, durchmachen, ausarbeiten Karma, ob es in diesem Leben oder in zukünftigen Leben ausgearbeitet wird, hat seine Wurzeln in den schmerztragenden Leiden. Die Kleshas sind die Ursache (mûlah) des Karmas. Solange wir aus den Kleshas heraus handeln, schaffen wir Karma. Wenn wir handeln, weil wir etwas Konkretes für uns selbst wollen (raga), schaffen wir Karma. Wenn wir handeln, um etwas Konkretes zu vermeiden, das uns unangenehm ist (dwesha), schaffen wir Karma. Wenn wir aus Angst handeln (abhini-vesha), schaffen wir Karma. Wenn wir uns identifizieren (asmita), während wir handeln, schaffen wir Karma. Und natürlich solange wir nicht wirklich wissen, wer wir sind (avidya), schaffen wir auch Karma. Das klingt reichlich deprimierend, oder? Aber je nachdem, wie stark die Kleshas sind, wirkt das Karma stärker oder schwächer. Eigentlich kann nur ein Selbstverwirklichter kein Karma mehr schaffen. Jeder andere hat beim Handeln immer eine Spur von Ego dabei – fast immer. Eine vollkommen ego-lose Handlung ist erst dem Selbstverwirklichten mög-lich. Aber wir können uns bemühen, weniger ego-behaftet zu handeln. Wir können unserem Mögen und Nicht-mögen weniger nachgeben. Wir können weniger in der Vorstellung handeln, ich bin großartig, ich mache all das. Wir können mehr Handlungen tun, einfach weil sie notwendig sind. Wir können versuchen zu handeln, um Gott zu dienen. Wir versuchen, zu handeln, um auf dem spirituellen Weg weiterzukommen. Wir handeln, um das Karma auszuarbeiten. Besser ist die Vorstellung, wir handeln, um ein Instrument Gottes zu sein oder um anderen zu helfen. Wenn wir diese Einstellung haben, dann handeln wir nicht aus Raga oder Dwesha heraus und brauchen auch keine Angst zu haben. Und vor allen Dingen, wenn wir wissen, ich bin nicht wirklich der Handelnde, sondern ich stelle diesen Körper und diesen Geist mit all ihren Unvollkommenheiten in den Dienst Gottes, ich stelle ihn Gott zur Verfügung und Gott kann die Unvollkommenheiten so benutzen, daß etwas Gutes für uns und alle dabei herauskommt, dann bindet uns die Handlung nicht. Mephisto sagt im Faust: „Ich bin der, der stets das Üble will und das Gute schafft.“ Mephisto steht ja für den Teufel, für das Schlechte. Und selbst das Schlechte ist letztlich ein Instrument in den Händen Gottes und hat seinen Sinn. Gott hat uns mit all unseren Unvollkommenheiten in eine bestimmte Situation hineingesetzt, weil das von einer höheren Warte aus richtig ist. Wenn er in der selben Situation jemand anders gewollt hätte, der vollkommen ist, dann gäbe es an dieser Stelle jetzt jemanden, der vollkommener wäre als wir. Ich habe das durchaus auch erlebt. Ich erzähle euch so viele positive Sachen von Swami Vishnu, was für eine starke Ausstrahlung er hatte, wie in seiner Umgebung alles lief u.s.w... Aber manche Menschen am Anfang des spirituellen Weges konnten damit gar nicht so viel anfangen. Sie waren zwar auch irgendwie begeistert, aber nachher wußten sie trotzdem nicht, was sie jetzt konkret machen sollten, um auf ihrem spirituellen Weg zu beginnen. Wenn ein Neuling sie unterrichtet hat, der konnte ihnen das viel besser nahebringen. Das ging mir auch schon so. Wenn Mitarbeiter, die gerade erst anfangen, zu unterrichten, ihre ersten Kurse geben, sind sie bei Anfängern immer beliebter als ich. Was einen natürlich nicht davon abhält, auch dann sein Bestes zu geben, wenn man als Fortgeschrittener Anfänger unterrichtet. Wir wollen nicht aus den Kleshas heraus handeln, sondern aus anderen
Motiven. Das muß man sich wie-der und wieder vor Augen führen.
Das ist ganz wesentlich und im Grunde genommen auch ganz einfach.
Man muß es einfach immer wieder betonen, weil es dem Zeittrend
so entgegensteht. 13. Sati mûle tad-vipâko jâty-âyur-bhogâh Sati mûle = die Wurzel ist da; tad = (von) ihm (von Karmâshaya); vipâkah = Frucht bringen, reifen; jâti = Klasse, Sozialstand; âyuh = Leben, Lebensspannen; bhogâh = Erfahrungen Solange Wurzeln verbleiben, muß das Karma erfüllt werden, was die verschiedenen sozi-alen Situationen, Lebensspannen und Erfahrungen zur Folge hat. Solange wir aus den Kleshas heraus handeln, gibt es Karma. Das
Karma führt zu den sozialen Situatio-nen, Lebensspannen und
Erfahrungen. Und wir haben uns das Karma letztlich selbst geschaffen.
Das werden wir nachher nochmals etwas genauer behandeln. 14. Te hlâda-paritâpa-phalâh punyâpunya-hetutvât Te = sie; hlâda = Freude; paritâpa = Leid; phalâh = Frucht; punya = Verdienst; apunya = Schuld, Sün-de; hetutvât = verursacht durch Sie ernten Vergnügen oder Schmerz als ihre Frucht, je nachdem, ob ihre Ursache Tugend oder Laster ist. Wenn wir aus einer positiven Motivation heraus handeln, andern etwas Gutes tun wollen und uns dabei mit der Handlung identifizieren, uns toll fühlen, weil wir etwas so Großartiges gemacht haben, dann führt das zu Vergnügen. Wenn wir handeln, um einem anderen Menschen zu schaden, eins auszuwischen: „Das lasse ich mir nicht gefallen, dem werde ich’s zeigen“, am besten hinten herum, damit es keiner merkt, um seine Existenz zerstören – erschießen werden wir ja hoffentlich in unserer Gesellschaft niemanden, aber jemanden schlecht zu machen oder zu versuchen, ihm das wegzunehmen, was ihm am liebsten ist, das ist durchaus verbreitet –, wenn also das die Motivation der Handlung ist, dann führt das in der Konsequenz zu Schmerz. Es gibt positives und negatives Karma. Das gilt aber nur für Nicht-Yogis. Im 4. Kapitel, 7. Vers, sagt er: „Für einen Yogi ist Karma weder weiß noch schwarz, für andere ist es dreifach.“ Normalerweise gibt es gutes, schlechtes und gemischtes Karma. Wenn man eine Million Mark in der Lot-terie gewinnt, ist das gutes oder schlechtes Karma? Üblicherweise hält man das für Glück. Wenn man tiefer blickt, kann es aber eher negativ sein. Eine Studie über Lottomillionäre hat herausgefunden, daß bei ihnen die Selbstmordquote riesengroß ist. Es gibt fast keine Bevölkerungsschicht mit einer so hohen Selbstmordrate. Das kommt daher, daß sie meistens aus ihrem sozialen Umfeld, ihrer sozialen Schicht, herausgerissen werden. Sie gestalten ihr Leben um, ihr Selbstbild ist nicht mehr das gleiche, sie können ihren Freunden nicht mehr trauen, vernachlässigen ihre bisherigen Freunde oder werden von ihnen ver-lassen und schließlich fühlen sie sich vollkommen unglücklich. Es gibt nur ein paar Ausnahmen und das sind die, die einen großen Teil ihres Gewinns gespendet haben oder die trotz des Gewinnes ihr Leben nicht in großem Stil verändert haben. Aber dieses Beispiel zeigt, daß das, was man positives Karma nennen würde und was die Menschen millionenfach anstreben, eigentlich gar kein Glück ist. Oder was ist normalerweise ein offensichtliches Unglück? Beispielsweise, wenn man nach Hause kommt und es wurde eingebrochen, Fernseher, Radio, Stereoanlage, Juwelen, Eheringe aus den letzten drei Ehen, alles materiell Wertvolle ist weg. Das erscheint als Unglück. Aber vielleicht ist es in Wirklichkeit ein Glück. Für einen Yogi gibt es weder positives noch negatives Karma. Er nimmt mit Gelassenheit alles an, was kommt und versucht, etwas daraus zu lernen, daran zu wachsen. Nun folgt ein Vers, den wir gar nicht gerne hören: 15. Parinâma-tâpa-samskâra-duhkhair guna-vritti-virodhâch cha duhkham eva sarvam vi-vekinah Parinâma = Veränderung; tâpa = Leiden; samskâra = Eindruck, Neigung; duhkhaih = Schmerzen; gu-na = drei Eigenschaften der Natur; vritti = Gedankenwellen, Modifikationen der Psyhce; virodhât = Widerspruch, Konflikt; cha = und; duhkham = Schmerz; eva = nur; sarvam = alles; vivekinah = für den Erleuchteten, wer Unterscheidungsvermögen entwickelt hat Für jene, die urteilskräftig sind, bringt jede Handlung,
durch die Vorahnung des Verlustes, Dieser Vers wird auch zusammengefaßt als Sarvam Duhkham Vivekinah Für einen Menschen mit Unterscheidungskraft (vivekinah) ist alles (sarvam) Leid (duhkha). Das klingt sehr negativ, oder? Die erste der edlen Wahrheiten Buddhas ist: „Alles Leben ist Leiden“. Heutzutage versuchen die buddhistischen Lehrer im Westen, das etwas zu kaschieren und zu verharmlo-sen, weil es nicht zum Zeitgeist zu passen scheint. Sie sagen zum Beispiel, dem würde zu viel Stellenwert eingeräumt, das sei nicht so wörtlich zu nehmen, die anderen Lehrsätze seien wichtiger. Aber Patanjali sagt hier, letztlich führt jede Handlung, die wir aus den Kleshas heraus machen, zu Leiden. Das Wort Karma hat im Sanskrit zwei Bedeutungen. Es heißt sowohl Handlung als auch Situation, das heißt, es umfasst alles, was wir tun und alles, was auf uns zukommt oder da ist. Und alles bringt Schmerz. Warum? Wir haben schon vor oder bei der Wunscherfüllung eine Vorahnung des Verlustes. Wenn wir etwas be-kommen, haben wir Angst, wir könnten es verlieren. Sobald wir etwas haben, kommt schon der nächste Wunsch und neue Unruhe. Aus der Beziehung zwischen dem Geist und den drei Eigenschaften der Natur (Gunas) entstehen Konflikte. Der Geist wird immer durch die drei Gunas beeinflußt. Sogar ein Selbstverwirklichter hat ab und zu noch tamasige und rajasige Gemütszustände, mit denen er sich allerdings nicht identifiziert. Sattwa überwiegt bei ihm. Aber wir als Aspiranten befinden uns oft in tamasigen und rajasigen Geisteszuständen. Darü-berhinaus gibt es Situationen, die nicht zu unserem Gemütszustand passen. Unser Geist und Gemüt be-finden sich in ständiger Veränderung. Wenn wir das wissen, geben wir die Vorstellung auf, daß wir jemals die hundertprozentig ideale Situation finden werden und daß wir dann glücklich werden, wenn wir unsere äußere Situation ausreichend manipulieren. Nach Patanjali führt jede Situation letztlich zum Leiden, wenn wir nur das Äußere darin sehen und su-chen. Umgekehrt gilt natürlich, wenn wir wissen, daß das Suchen nach Glück im Äußeren zum Leid führt und deshalb nicht mehr mit einer solchen Besessenheit danach streben, können wir Leid vermeiden. In-dem wir erkennen Sarvam duhkham vivekinaha, brauchen wir nicht mehr so zu leiden. Das lernen wir nur nirgends. Ein Mensch, der dem Glück immer hinterrennt, ist traurig und verzweifelt, weil er es nicht findet. Wenn wir wissen, wir werden es nicht finden, ist es nicht weiter tragisch. Ein Teil unseres Geistes glaubt es vielleicht doch nicht so ganz, so daß wir trotzdem auch hinterherrennen, so quasi aus sportli-chem Ehrgeiz; und wenn wir es nicht erreichen, sagen wir nur: „Siehst du, Patanjali hat doch Recht ge-habt“. Jetzt kommt ein sehr schöner Vers, einer meiner Lieblingsverse: Heyam = um zu vermeiden; duhkham = Leid, Elend; anâgatam = künftig, noch nicht eingetreten Leid, das sich noch nicht manifestiert hat, sollte vermieden werden. Das klingt banal. Aber wie oft wissen wir ganz genau: Wenn ich so weitermache, führt das zu Leid. Und trotzdem können wir es nicht lassen. Kennt ihr das? Diesen Vers kann wie ein Mantra oder einen Schlachtruft wiederholen: „Heyam duhkham anâgatam“. Wir müssen uns aufmerksam beobachten: Wo ist Leid dabei, sich zu manifestieren, und wo oder wie können wir es vermeiden, sowohl für uns selbst als auch für andere. Wenn wir dabei sind, eine Dummheit zu begehen, zu faul sind, etwas zu verändern, oder zu schüchtern, um Rat zu bitten, wenn wir nicht stark genug sind, einer Sucht zu widerstehen oer etwas Edles zu tun, dann wiederholen wir: „Heyam duhkham anâgatam“, „Leid, das sich noch nicht manifes-tiert hat, sollte vermieden werden“. Das ist eine gute Ergänzung zu Ishwara Pranidhana, Loslassen, Vertrauen zu Gott, alles ist ok, wie es ist und zu Tapas, Askese, bewußt auch einmal Dinge tun, die der Geist nicht mag, um innere Stärke zu be-kommen. Patanjali hat vorher schon über Karma und Kleshas gesprochen.
Im folgenden Vers erwähnt er noch ein-mal klarer: 17. Drashtri-drishyayoh samyogo heya-hetuh Drashtri = des Sehers; drishyayoh = das Gesehene, Erfahrene; samyogah = Vereinigung, Verbindung; heya = was vermieden werden soll; hetuh = Ursache Ursache zukünftigen Karmas ist die Identifikation des Erfahrenden mit dem Objekt, das er-fahren wird. Der Seher (drashtra) identifiziert sich mit dem Gesehenen (drishya). Wir sagen: „Das ist mein Körper, mein Hund, meine Katze, mein Ehemann, mein Yoga-Ashram, meine Kleider, mein Wunsch, meine Handlung, meine Klugheit, mein Verdienst, mein Fähigkeit ...“ Diese Identi-fikation führt zu Karma und zu Lektionen, die wir noch zu lernen haben. Und jetzt kommt ein schöner Vers, der etwas länger ist – eigentlich
sind sie alle schön: 18. Prakâsha-kriyâ-sthit-–shîlam bhûtendriyât-makam bhogâpavargârtham drishyam Prakâsha = Leuchten, Erkennen, Bewußtsein; kriyâ = Handlung; sthiti = Stetigkeit, Festigkeit; shîlam = die Eigenschaften (Sattwa, Rajas, Tamas) besitzend; bhuta = Elemente; indriya = Sinnesorgane; ât-makam = derart seiend; bhoga = Erfahrung; apavarga = Befreiung; artham = wegen, zwecks; drishyam = das Gesehene (Prakriti) Das Universium, das durch die Wechselwirkung zwischen den Elementen und den Wahr-nehmungen der Sinnesorgane erfahren wird, wird aus Sattwa, Rajas und Tamas zusam-mengesetzt und exisitert einzig zum Zweck der Erfahrung und der Befreiung des Men-schen. Das stammt direkt aus der Samkhya-Philosophie. Die Samkhya-Philosophie und hier auch Patanjali geht davon aus, daß es mindestens auf der relativen Ebene tatsächlich ein Unviersum gibt. Dieses Universum erfahren wir als Wechselwirkung zwischen unseren Sinnen und dem, was außen ist. Nach der Lehre der Vedanta-Philosophie hingegen gibt kein Universum, es ist alles nur Illusion. Wenn wir zum Beispiel eine Uhr anschauen, dann sehen wir die Uhr nicht so, wie sie tatsächlich ist, son-dern wie sie uns unsere Sinne vermitteln. Physiker würden sagen, sie ist einfach nur Schwingung; sie besteht aus Elektronen, Neutronen, Protonen, die eine bestimmte Schwingungen ausstrahlen und dieses bestimmte Schwingungsspektrum wird vom Gehirn als Form und Farbe wahrgenommen. – durchaus ähn-lich der Samkhya-Philosophie, wonach alles nur Energie, eine Manifestation von Prakriti ist. Die Sinne schaffen dann den Anschein, als ob es Klänge, Gerüche, u.s.w.., gäbe. Dieses Universum hat nun – und das ist ein wichtiger Aspekt – zwei Zwecke: es dient der Erfahrung und der Befreiung. Die Dinge, die auf uns zukommen, sind deshalb da, damit wir sie erfahren können und sie helfen uns, uns zu befreien. Man könnte es auch noch etwas pointieren. Alles, was auf uns zukommt, ha-ben wir uns entweder so gewünscht oder es kommt, um uns daran zu erinnern, wieder aus der Täuschung herauszukommen. Angenommen, wir gehen in einen Irrgarten hinein. Warum gehen wir in den Irrgarten hinein? Paradoxerweise nur aus dem einen Grund, wieder herauszukommen. Warum gehen wir dann ü-berhaupt erst hinein? Denselben Hintergrund hat die Frage: „Warum hat Purusha sich in die Prakriti hineinbegeben?“ – Er wollte irgendetwas erfahren, sagen wir mal so. Purusha, das reine Selbst, identifiziert sich in die Prakriti hinein, um etwas zu erfahren. Die Aufgabe der Prakriti ist es, Purusha alle Erfahrungen zu geben, die er haben will. Infolgedessen muß jeder Wunsch, den wir haben, irgendwann einmal in Erfüllung gehen. Glücklicherweise braucht sich nicht jede Wunsch-erfüllung im physischen Raum zu manifestieren. Manche Wünsche können im Traum ausgelebt werden. Es gibt sogar eine Wissenschaft darüber, wie man Erfahrungen und Wünsche aus dem physischen Leben in das Traumleben hineinbringen kann. So kann man Träume daran hindern, sich im physischen Leben zu manifestieren. Das ist unter anderem eine Technik, um Schuldgefühle, Ärger und andere negative E-motionen zu verarbeiten. Manche Wünsche können zwischen zwei Leben ausgelebt werden. Aber starke Wünsche müssen in diesem oder im nächsten Leben ausgelebt werden. Purusha – und damit jeder Einzelne von uns – hat aber auch eine Sicherheit eingebaut. Angenommen, ihr würdet in ein Labyrinth hineingehen, von dem ihr wißt, daß schon viele Menschen hineingegangen und nicht wieder herausgekommen sind. Sie sind dort elendiglich verhungert. Würdet ihr euch trotzdem hi-neinbegeben? Es gibt Abenteurernaturen, die das durchaus reizt. Aber wer klug ist, baut vor. Was macht man also? Man baut eine Sicherheit ein. Man nimmt vielleicht ein Wollknäuel mit wie Minos bei Minotau-rus, oder man nimmt ein Handy oder ein Funksprechgerät. Und so hat auch Purusha, als er sich in Pra-kriti verwickelt hat, etwas eingebaut, damit man wieder aufwacht, damit man sich nicht hoffnungslos verliert. Und so kommen bestimmte Ereignisse deshalb, damit wir wieder aufwachen. Patanjali unterscheidet drei Ursachen für Ereignisse, die uns zustoßen: Manche Ereignisse kommen, weil wir sie uns gewünscht haben, in diesem oder einem früheren Leben. Und manche Ereignisse kommen, weil wir aus Tugend oder Laster heraus gehandelt haben; die Handlung zieht karmisch Vergnügen oder Schmerz nach sich und manifestiert sich als bestimmtes Ereignis oder Situation. Und schliesslich kommen bestimmte Ereignisse, die uns helfen, wieder aufzuwachen und zur Befreiung zu kommen.. Bei Ereignissen können wir uns also immer überlegen: 1. Habe ich mir das so gewünscht? Und diese Prakriti, diese Welt, ist etwas so Fantastisches, daß sich alle drei Aspekte auch vermischen können. Wir können es uns gewünscht haben, es kann eine karmische Konsequenz sein und es hilft uns gleichzeitig, uns zu befreien. Hier möchte ich aber auch noch vor etwas warnen, was man
manchmal bei zu esoterisch angehauchten Menschen feststellt, die
bei allem ständig überlegen: „Was will mir das sagen?
Wozu ist diese Situation da? Was ist der Sinn in dieser Situation?“ Ich
kannte einmal eine Frau, die einen schweren Unfall hatte und jahrelang
gegrübelt hat, warum ihr dieser Unfall zugestoßen ist.
Fünf Jahre später hat sie mir er-zählt, sie verstünde
immer noch nicht, warum sie diesen Unfall damals hatte. Ich habe
sie gefragt, ob sie bleibende Schäden davon habe. Sie sagte,
nein, eigentlich sei alles wieder geheilt, aber es würde sie
nicht loslassen. Sie war besessen von dem Gedanken, herausfinden
zu müssen, warum sie diesen Unfall gehabt hat. Da habe ich
ihr gesagt, vielleicht hast du den Unfall deshalb gehabt, damit
du erkennst, daß man nicht hinter allem den Sinn sofort sieht.
Irgendwie hat sie das beruhigt und sie hat erkannt, daß ihre
Auf-gabe bezüglich dieses Unfalls ist, Demut zu üben
und zu erkennen, daß wir manchmal auch Dinge akzep-tieren
müssen, ohne einen unmittelbaren Sinn darin zu sehen. Und
etwa zwei Jahre später kam sie zu mir und hat gesagt, jetzt
hätte sie doch den Sinn gefunden. In dem Moment, wo sie aufgehört
habe, den Sinn zu suchen, seien ihr immer mehr Gründe klargeworden.
Aber in der ganzen Zeit dazwischen, in der sie ständig die
Ursache gesucht hat und sie das so bedrückt hat, hat sie das
und viele andere Situationen in ihrem Leben nicht mehr bewußt
gelebt und wahrgenommen. Also, es hat zwar alles seinen Sinn, aber
wir können ihn nicht immer in allem sehen. Wenn wir selbstverwirklicht
sind, erkennen wir den Sinn hinter allem, aber bis dahin geht es
nicht immer. 19. Visheshâvishesha-lingamâtrâlingâni guna-parvâni Vishesha = besonders, bestimmt; avishesha = nichtspezifisch, atypisch; lingamâtra = ein blosses Zei-chen; alingâani = ohne Zeichen, ohne unterscheidendes Merkmal; guna = die Gunas, Eigenschaften; parvâni = Entwicklungsstufen, Zustände Die Zustände der drei Gunas sind grob, fein, manifest und
unmanifest. 20. Drashtâ drishimâtrah shuddho ¢pi pratyayâ-nupashyah Drashtâ = der Seher, Purusha; drishimâtrah = reine Wahrnehmung, reines Bewusstsein; shuddha = rein; api = obgleich; pratyaya = Begriff, Verstandesinhalt; anupashyah = schein zu sehen mit Der Sehende ist nur reines Bewußtsein und obwohl er rein
ist, scheint er durch den Geist zu sehen. 21. Tad-artha eva drishyasyâtmâ Tad + artha = um desentwillen (des Sehers); eva = allein; drishyasya = des Gesehenen (Prakriti); âtmâ = Wesen, Natur Die tatsächliche Existenz des Gesehenen ist für den Sehenden da. Das ist eine schöne komprimierte Zusammenfassung der Samkhya–Philosophie.
Das physische Universum hat keinen Selbstzweck, sondern es ist
für Purusha da, für das Bewußtsein dahinter, für
seine Erfahrung. Das ist also eine ganz andere Philosophie als
unsere westliche, die behauptet, das Universum sei zufällig
entstanden und Bewußtsein sei ein Zufallsprodukt der Evolution.
Danach ist Bewußtsein erst vor etwa 10.000 Jahren entstanden
und nur im Menschen vorhanden. Wer das behauptet und sich noch
Wissen-schaftler nennt ... – der hat noch nie eine Katze oder eine
Maus beobachtet! 22. Kritârtham prati nashtam apy anashtam tad-anya-sâdhâranatvât Kritârtham = dessen Zweck erfüllt ist; prati =für, zu; nashtam = zerstört, nicht vorhanden; apy = ob-gleich; anashtam = nicht zerstört, vorhanden; tat = als das; anya = zu anderen; sâdhâranatvât = da es allgemein ist. Auch wenn die Prakriti für den, der seinen Zweck erfüllt hat, unwirklich wird, fährt sie fort, für andere zu existieren, denn sie ist allen gemein. Mit anderen Worten, wenn wir die Selbstverwirklichung vollständig
erreicht haben, das letzte Karma ausgearbeitet haben, gibt es das
Universum für uns nicht mehr, dann ist Prakriti verschmolzen
mit Pu-rusha, dem Selbst, und wir sind auf ewig befreit. Aber für
die anderen exisitiert die Prakriti weiter. 23. Swa-swâmi-shaktyoh swarûpopalabdhi-hetuh samyogah Swa = von ihr (Prakriti); swami = von dem Meister (Purusha); shaktyoh = von den Kräften; swarûp = eigene, wahre Natur; upalabdhi = Erfahrung, Wissen; hetuh = Ursache, Grund, Zweck; samyogah = Vereinigung, Zusammenkommen Der Zweck der Vereinigung von Purusha und Prakriti ist, daß der erstere den Zweck seiner wahren Natur erlangt und die Kräfte erkennt, die latent in ihm und in Prakriti liegen. Purusha, das Selbst, das Bewußtsein, vereinigt sich mit Prakriti. Jeder einzelne von uns identifiziert sich mit einem Teil der Prakriti, mit Körper und Geist, und anschließend kommt er wieder heraus. Nun kön-nen wir uns fragen, was macht das Ganze für einen Sinn. Meiner Ansicht nach ist die Vedanta–Philosophie etwas logischer, aber emotional unbefriedigender. Der Vedanta sagt, es macht keinen Sinn, denn es ist gar nichts passiert, alles war sowieso nur eine Illusion. Das wäre wie zu fragen: Warum hat eine Krähe Zähne und was ist der Zweck der Zähne der Krähe? Die Krähe hat keine Zähne, daher haben sie auch keinen Zweck und es gibt auch keinen Grund dafür. Genauso ist es mit dem Universum. Es exisi-tiert nicht, ist einfach nur eine Illusion. Zu fragen, welchen Grund, welchen Sinn es haben soll, ist daher sinnlos. Diese Philosophie ist logischer, aber sie befriedigt einen nicht. Die Bhaktas sagen, das Universum ist Lila, Spiel Gottes. Das befriedigt emotionell, aber intellektuell überhaupt nicht. Was wäre das für ein Gott, der spielen will? Patanjali wählt hier einen Zwischenstandpunkt. Er sagt, Purusha und Prakriti kommen zusammen, damit Purusha wieder das Bewußtsein seiner wahren Natur erlangt, indem er zunächst aus sich heraus- und nachher zu sich zurückkommt. Erst so erkennt er wirklich, wer er ist. Und außerdem erkennt er die Kräf-te, die latent in ihm und in der Prakriti liegen. Das Ganze macht also einen Sinn. Er kommt nachher zu-rück zu sich selbst, klüger als vorher. Das befriedigt uns emotional, ist aber logisch nicht ganz schlüssig. Denn wenn Purusha tatsächlich reines Bewußtsein an sich ist, dann ist in diesem Bewußtsein alles Wis-sen immer schon vorhanden. Trotzdem, Purusha geht aus irgendeiner Avidya (Unwissenheit) heraus ins Universum hinein und durch den Lebenszyklus erkennt er seine wahre Natur immer mehr. Er erkennt die Kräfte, die in ihm und in der Prakriti liegen, und das ist irgendwie etwas Sinnvolles. Den meisten Men-schen fällt es leichter, eine solche Erklärung und Sichtweise anzunehmen als die der Vedanta. Aber jetzt fährt Patanjali trotzdem fort: Tasya = seine (der Vereinigung); hetuh = Ursache; avidyâ = Unwissenheit Aber die Ursache dieser Vereinigung ist Avidya, Unwissenheit. Aufgrund von Unwissenheit, die plötzlich kommt, denkt Purusha,
er müsse seine wahre Natur wieder erlangen und die Kräfte
in sich erkennen. Deshalb geht er in die Prakriti hinein, verliert
sich dort selbst, kommt in die Unwissenheit und somit ins Leiden,
ist dem Karma unterworfen. Dann müssen irgendwel-che Ereignisse
kommen, die ihn doch wieder an seinen Zustand des wahren Seins
erinnern und Prakriti hilft ihm nun, daß er sich nicht verliert
und darin hängen bleibt. Eine ziemlich komplizierte Geschichte
und für meine Begriffe nicht sehr überzeugende Geschichte! 25. Tad-abhâvât samyogâbhâvo hânam tad drisheh kaivalyam Tad = (von) dem (Avidya); abhâvât = durch Abwesenheit, durch Ausschaltung; samyoga = Vereini-gung, Verbindung; abhavah = Verschwinden; hânam = Vermeiden,Mittel; tat = das; drisheh = des Se-hers; kaivalyam = Trennung, Befreiung Aber durch das Ausmerzen der Unwissenheit verschwindet die Verbindung
von Purusha und Prakriti und der Sehende ist befreit. 26. Viveka-khyâtir aviplavâ hânopâyah Viveka–khyâtih = unterscheidende Erkenntnis, Wahrnehmung des Unterschiedes zwischen dem Selbst und dem Nichtselbst; aviplavâ = ungebrochen; hânopâyah = Mittel zur Aufhebung, Abschaffung Das Mittel, Avidya zu zerstören, ist ungebrochenes Unterscheidungsvermögen (Viveka–khyâti). Eigentlich ist Viveka kyati sogar noch mehr als Unterscheidungsvermögen, es ist die Lebenseinstellung des Unterscheidungsvermögens, andauerndes Unterscheidungsvermögen. Patanjali meint hier die Unterscheidung zwischen Purusha und Prakriti, die er im 4. Kapitel noch etwas mehr beschreibt. In der Vedanta wird Viveka auch noch in anderer Bedeutung benutzt und auch Patanjali setzt den Begriff in anderem Zusammenhang für andere Dinge ein, zum Beispiel, wenn er über Buddhi (Intelligenz, Unterscheidungskraft) spricht und daß Vairagya (Leidenschaftslosigkeit) durch Willen ent-steht und Wille durch Unterscheidung und Kraft. Aber hier ist jetzt die ständige Unterscheidung gemeint zwischen dem, was ich wirklich bin, dem Objekt des Sehens und dem Instrument der Wahrnehmung. Ich bin das Bewußtsein. Gedanken, Gefühle und Bilder sind die Instrumente der Wahrnehmung und das Äußere ist das Wahrgenommene, das Objekt. Wenn ich mich also zum Beispiel ärgere, dann weiß ich, mein eigentliches Ich ist davon unberührt. Ich kann feststellen, der Ärger ist eine Manifestation des Instruments der Wahrnehmung, eben meines Geis-tes, und er beruht darauf, daß bestimmte äußere wahrgenommene Sachen nicht so sind, wie das Instru-ment der Wahrnehmung es gerne hätte. Sich dessen immer bewußt zu sein, diese Unterscheidung zu ma-chen, das ist dieses Viveka kyati, das Patanjali hier beschreibt. Es gibt natürlich noch eine andere Unterscheidungskraft, eine relative Viveka. Das ist die Unterscheidung zwischen dem wahren Glück und dem Leid, zwischen dem, was uns zum Glück führt und was zum Leid, was ewig ist und was vergänglich, u.s.w.. Im Samkhya-System gilt Viveka Kyati als das einzige Mittel, Avidya zu zerstören. Es gibt auch Methoden, wie wir Viveka schärfen können, zum Beispiel die Sakshi–Bhav–Techniken des Beobachtens, wo wir ler-nen, etwas wahrzunehmen und zu beobachen, zum Beispiel ein Gefühl, einen Gedanken, ein Geräusch und gleichzeitig feststellen: Ich bin nicht das Wahrgenommene. Allmählich stellen wir fest: Ich bin der Beob-achter, ich bin nicht das Beobachtbare. Die Vipassana-Meditation, die Beobachtungsmeditation der Budd-histen, ist also eigentlich keine urbuddhistische Methode, sondern sie ist als Sakshi Bhav im Yoga schon lange bekannt. Es ist also sowohl eine Meditationstechnik als auch eine Lebenseinstellung wie auch Un-terscheidungskraft in jeder Situation. Wenn wir uns darin wieder und wieder üben, verliert sich langsam diese Bindung an die Prakriti. Man beobachtet und erkennt, hier ist ein Mensch, der denkt, handelt, fühlt, aber das ist nicht mein wahres Ich. Ich bin das Bewußtsein dahinter, der Beobachter. Man kann auch sagen, ich bin etwas anderes als dieser Körper. Ich bin jemand anders als diese Gedanken und diese Ge-fühle, denn die kann ich alle wahrnehmen. Das kann man mit der Zeit immer mehr fühlen; ein Selbstver-wirklichter lebt ständig in diesem Bewußtsein. Und wenn man diese Viveka schult, diese Unterschei-dungskraft, kann man das tatsächlich immer mehr spüren. Und so kommen wir zur Befreiung. Frage: Ist das dann wie im Traum? Man sieht sich ja im Traum auch. Antwort: Nicht immer. In den sogenannten luziden Träumen sieht man sich von außen. Aber in den typi-schen Träumen, die die meisten Menschen haben, identifiziert man sich voll mit dem Traum-Ich. Hier könnten die Aphorismen des Patanjali eigentlich zu Ende
sein. Er hat uns bis hierher schon so viel beigebracht. Von jetzt
an ist es noch einfacher. Mindestens bis zum Ende des 2. Kapitels,
gibt er uns im-mer leichtere, konkretere und praktischere Techniken,
je weiter er fortschreitet.. Als nächstes folgen die acht
Stufen des Raja Yoga, die Ashtangas. 27. Tasya saptadhâ prânta-bhûmih prajnâ Tasya = sein, dies; saptadhâ = siebenfältig; prânta-bhûmih = ein bestimmtes Stadium, Stufe; prajnâ = das erkennende Bewusstsein, Erleuchtung, wahres Wissen Erleuchtung wird durch sieben Stufen erreicht. Gemeint sind die acht Stufen des Raja Yoga. Er sagt sieben, denn
die achte ist schon Samadhi (Erleuch-tung, überbewußter
Zustand). Über die ersten sieben Stufen, nämlich Yama,
Nyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana kommen wir
zur Erleuchtung, zu Samadhi. 28. Yogângânushthânâd ashuddhi-kshaye jnâna-dîptir â viveka-khyâteh Yogânga = Glieder, Stufen des Yoga; anushthânât = durch Übung; ashuddhi = Unreinheit; kshaye = Zerstörung; jnâna= (geistiges) Wissen; dîptih = Leuchten, Strahlen; â viveka-khyâteh = Wahrnehmung der Wirklichkeit Durch die Übung der verschiedenen Stufen des Yoga werden Unreinheiten zerstört und spirituelle Erleuchtung erwächst, die sich zur Kenntnis der Wirklichkeit entwickelt. Hier beschreibt Patanjali, was alles geschieht, während wir Yoga üben: Wir zerstören Unreinheiten, merzen sie aus. Das ist ist ein großer Teil des Yoga. Dann kommt Jnâna dîp-tih, das Licht des Wissens, hier als „spirituelle Erleuchtung“ übersetzt. Damit kommen auch spirituelle Erfahrungen, Intuition, ein gewisses Gefühl für das selbst. All das führt zu Viveka khyâti, ungebrochener Unterscheidungskraft zwischen dem, was wir nicht sind und dem, was wir sind. Über diese sieben beziehungsweise acht Stufen kommen wir langsam zu diesem Zustand von Viveka khyâ-ti. Im tiefsten, letzten Stadium ist Viveka khyâti nämlich nicht mehr intellektuell sondern tatsächliche Unterscheidung zwischen unserem Selbst und unserem Geist. Das ist die tiefste Form von Viveka khyâti, die schließlich zur Selbstverwirklichung führt. Im folgenden geht er näher auf diese Stufen ein. 29.Yama-niyamâsana-prânâyâma-pratyâhâra-dhâranâ-dhyâna-samâdhayo ¢shtâv angâni Yama = Selbstbeschränkungen, ethisch–moralische Regeln; niyama = Regeln, Disziplin; âsana = Stel-lung; prânâyâma = Atembeherrschung; pratyâhâra = Zurückgezogenheit; dhâranâ = Konzentration, „sich auf einen Mittelpunkt beschränken“, Festhalten eines Gedankens, Objektes im Geist; dhyâna = Meditation, Kontemplation, „Beobachtung eines Gebietes“; samâdhaya = Trance, überbewusster Zu-stand; ashta = acht; angâni = Glieder Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi sind die acht Glieder. Yama = ethische Ratschläge oder Vorschriften im Umgang mit
anderen 30. Ahimsâ-satyâsteya-brahamacharyâparigrahâ yamah Ahimsâ = Nicht–Verletzen, Gewaltlosigkeit; satya = Wahrhaftigkeit; asteya = Ehrlichkeit, Rechtschaf-fenheit, Nichtstehlen; brahmacharya = Enthaltsamkeit; aparigrahâh = Nicht-Besitzgier, Nicht-Habsucht; yamâh = Selbstbeschränkung Die Yamas bestehen aus Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehelen, Enthaltsamkeit und Auf-gabe von Gewinnsucht. Aparigraha bedeutet auch das Nichtannehmen von Geschenken, Unbestechlichkeit.
Es wird auch inter-pretiert als Aufgabe von Gewinnsucht, Nichthorten
von Dingen. Geschenke, die aus Liebe gegeben wer-den, können
wir natürlich annehmen, nur dann nicht, wenn wir damit manipuliert
werden sollen. Viele Menschen werden bestochen durch Geschenke.
Bestechlichkeit ist der Untergang jeder Wirtschaft und jedes politischen
Systems. Auch als spiritueller Aspiranten dürfen wir uns auch
nicht bestechen lassen, sonst verlieren wir unsere Freiheit. 31. Jâti-desha-kâla-samayânavachchhinnâh sârvabhaumâ mahâ-vratam Jâti = Klasse, Geburtsart; desha = Platz; Kâla = Zeit; samaya = Umstand, Bedingung; anavachch-hinnâh = nicht begrenzt oder bedingt; sârvabhaumâ = auf alle Stadien anwendbar; mahâ–vratam = das grosse Gelübde, der grossartige Vorsatz Diese Enthaltungen sind nicht durch soziale Struktur, Ort, Zeit oder Umstände begrenzt, und sie bil-den das große universelle Gelübde. Jeder spirituelle Aspirant sollte sich vornehmen, diese fünf Yamas zu beherzigen. Sie sind die Maha–vratas, die grossen Gelübde, die für alle gelten. Es gibt andere Vorschriften auf dem spirituellen Weg, die je nach Lebenssituation oder Sozialstand unter-schiedlich sind. Ein Haus-und Familienmensch hat andere Aufgaben als ein Asket, ein Schullehrer andere als ein Bauer. Ein Soldat oder Polizist müssen sich anders verhalten als beispielsweise ein Priester (Brahmane) Es gibt verschiedenes Dharmas, Pflichten. Für einen Priester geht es sogar soweit, daß er nicht einmal sein eigenes persönliches Leben verteidigen darf – so ist es wenigstens klassischerweise üb-lich. Hingegen ein Polizist muß das Leben anderer aktiv verteidigen und braucht notfalls auch eine Waffe. Trotzdem gilt für alle das Prinzip von Ahimsa (Nichtverletzen); die Ausprägung ist unterschiedlich je nach den jeweiligen Pflichten und Aufgaben. Für einen Priester und noch mehr für einen Mönch heißt Ahimsa bedingungslose Gewaltlosigkeit, unter keinen Umständen einem anderen Wesen körperlich etwas tun, noch nicht einmal ein Insekt töten. Für einen Polizisten bedeutet Ahimsa, das Prinzip der Verhältnismä-ßigkeit zu wahren. Angenommen, ein Kind hat ein Stück Schokolade aus einem Supermarkt gestohlen und läuft weg, dann wäre es jetzt nicht verhältnismässig, mit dem Gewehr auf das Kind feuern. Aber wenn gerade Terroristen dabei sind, eine Geisel nach der anderen umzubringen, dann kann es sehr wohl die Aufgabe des Polizisten sein, als Scharfschütze den Terroristen mit einem Schuß zu erledigen. Auch das wäre in diesem Fall noch Ahimsa. Brahmacharya, wörtlich Enthaltsamkeit, bedeutet in einer
Beziehung zum Beispiel Treue, Achtung des Partners, Rücksichtnahme,
auch im sexuellen Leben dafür zu sorgen, daß beide zufrieden
sind, nicht e-goistisch zu sein. Für einen Aspiranten, der
eine Weile das Gelübde der Enthaltsamkeit vollständig
leben will, heißt es etwas anderes. Und für einen Mönch
bedeutet es wirklich sexuelle Enthaltsamkeit. 32.Shaucha-samtosha-tapah-swâdhyâyeshwara-pranidhânâni niyamâh Shaucha = Reinheit; samtosha = Zufriedenheit; tapah = Askese, Selbstzucht; swâdhyâya = Selbststu-dium; ishwara-pranidhânâni = Hingabe an Gott, Verehrung Gottes; niyamâh = feste Regeln Die Nyamas bestehen aus Reinheit, Zufriedenheit, Selbstzucht, Selbststudium und Selbsthingabe. Wir finden hier zum dritten Mal den Hinweis auf Ishwara Pranidhana.
Im ersten Kapitel hat Patanjali erwähnt, Ishwara Pranidhana
hilft uns, schnell zu Samadhi zu kommen. Am Anfang des zweiten
Kapitels führt er Ishwara Pranidhana als eine der Kriya Yogas
auf. Hingabe an Gott hilft uns, nicht zu leiden. Und hier nennt
er es nochmals als Teil der Nyamas. Also auch im Raja Yoga spielt
Bhakti, die Hingabe an Gott, eine große Rolle. 33.Vitarka-bâdhane-pratipaksha-bhâvanam Vitarka = schlechte Gedanken, üble Leidenschaften; bâdhane Bedrängnis, Beunruhigung; pratipaksha = die Gegensätze; bhâvanam = Weilen (der Gedanken), (ständiges) Nachdenken Stören negative oder schädliche Gedanken den Geist, können sie durch ständiges Nachdenken über deren Gegensätze überwunden werden. Das ist die sogenannte Pratipaksha-bhavana-Methode. Wenn wir einen negativen Gedanken haben, den-ken wir an das Gegenteil. Wenn wir ungeduldig sind, denken wir an Geduld. Werden wir leicht ärgerlich, meditieren wir über Gleichmut. Neigen wir zu Ängstlichkeit, meditieren wir über Mut. Wenn wir Haß in uns haben, entwickeln wir Liebe, u.s.w.., und zwar durch ständiges Nachdenken. Das kennen wir als Ei-genschaftsmeditation. Davon haben wir schon im ersten Kapitel gehört und Patanjali erwähnt es noch einmal im vierten Kapitel. Patanjali wiederholt sich an einigen Stellen bei den Dingen, die er für besonders wichtig hält. Es ist durchaus eine gute Sache, sich vorzunehmen, eine Eigenschaft besonders zu entwickeln. Man kann zum Beispiel einen Monat lang besonders Gleichmut entwickeln, im nächsten Mut, im Monat danach Ge-duld, dann Pünktlichkeit, u.s.w.. Das ergibt immerhin zwölf positive Eigenschaften im Jahr, die man viel-leicht nicht bis zur Vollkommenheit aber doch ein gutes Stück entwickeln kann. So transformieren wir allmählich unsere Persönlichkeit. Oder wir können natürlich auch durch die Yamas gehen
und jeden Monat einen Punkt von ihnen beson-ders entwickeln. Wir
können einen Monat lang besonders an Ahimsa, Gewaltlosigkeit,
arbeiten, dann an Satya, Wahrhaftigkeit, u.s.w.. Die kleinen Schwindeleien,
Notlügen oder Übertreibungen, die man ab und zu macht,
lasse ich diesen Monat weg. Oder Asteya, Nichtstehlen. Ich achte
sehr darauf, daß ich nichts wegnehme, was einem anderen gehört.
Wir können das als Meditation machen, als Affirmation sagen
und es natürlich jeden Tag auch umsetzen. Nur darüber
nachzudenken reicht nicht aus. Aber alles zusammen ist sehr wirksam.
Wir können darüber nachdenken, Affirmationen am Anfang
und/oder am Ende der Me-ditation und/oder am Ende der Tiefenentspannung
wiederholen, wir können uns morgens vornehmen, öfter
während des Tages darüber nachzudenken und jeden Tag
mindestens eine Handlung auszuführen, die diese Eigenschaft
unter Beweis stellt. Also beispielsweise wenn man Mut entwickeln
möchte, dann soll man jeden Tag eine Sache tun, die Mut erfordert
und die man normalerweise nicht gemacht hätte. Nicht hundert,
sondern eine – aber dann auch wirklich machen. Eine Handlung reicht
aus. Man soll den Geist nicht überfordern. Dann wird innerhalb
von einem Monat eine entscheidende Veränderung im Geist ein-treten. 34.Vitarkâ himsâdayah krita-kâritânumoditâ lobha-krodha-mohapûrvakâ mridu-madhyâdhimâtrâ duhkhâjnânânta-phalâ iti pratipaksha-bhâvanam Vitarkâ = üble, unpassende Gedanken und Emotionen; himsâdayah = Gewalttätigkeit; krita = selbst getan; kârita = durch andere tun lassen; anumoditâh = angestiftet, gebilligt; lobha = Gier, Geiz; krod-ha = Ärger; moha = Täuschung; pûrvakâh = vorausgegangen, veranlasst; mridu = mild; madhya = mä-ßig; adhimâtrâ = intensiv; duhkha = Schmerz, Elend; ajnâna = Unwissenheit; ananta = endlos; phalâh = Frucht, Ergebnis; iti = so, deshalb; pratipaksha = Gegensätze; bhâvanam = in Gedanken verweilen Negative Gedanken und Emotionen wie Gewalt, ob verübt, begünstigt, oder durch Gier, Ärger oder Täuschung verursacht, und ob mild, mittelmäßig oder in starker Intensität gegenwärtig, resul-tieren in endlosem Schmerz und Unwissenheit. Deshalb muß über das Gegenteil nachgedacht werden. Das ist eine interessante Begründung von Ethik. Patanjali sagt nicht, Gott erwartet, dass ihr euch an die moralisch-ethischen Regeln haltet und wenn ihr euch nicht daran haltet, kommt ihr in die Hölle. Er hat vorher über Karma gesprochen und gesagt, wenn wir etwas aus Laster heraus tun, führt es zu Leid. Aber hier sagt er noch direkter, wenn wir ein unethisches Leben führen, führt das zu Schmerz und Unwissen-heit. Im Zuge der 68er-Revolution sind die Tugenden über Bord geworfen worden. Im Zuge der psychologischen Revolution sind auch ethische Vorschriften mehr oder weniger über Bord geworfen worden. Wenn ich vor fünf Jahren das Wort Tugend in den Mund genommen habe, haben mich alle komisch angeguckt. Jetzt wird wieder über Tugenden gesprochen und das ist etwas Positives. Denn inzwischen weiß man: Man braucht sie. Und es ist nicht so, daß der Ehrliche wirklich der Dumme ist. Der Ehrliche ist der Fröhliche und der Freudige. Der Unehrliche ist der Traurige, Unglückliche. Bevor ich mich mit Yoga beschäftigt habe, hatte ich ein anderes Hobby, nämlich Geschichte. Damals habe ich mich unter anderem auch mit großen Feldherren und Eroberern beschäftigt, und bei ihren Biogra-phien ist mir aufgefallen, daß sie eigentlich immer todunglücklich waren. Sie mögen ein Riesenreich auf-gebaut haben – wenn als Tyrannen geherrscht haben, waren sie nicht glücklich. Es gab manche, die nach einer Weile ihre Wege geändert haben, wie zum Beispiel Ashoka, der große Kaiser Indiens, der um 250 v.Chr. ganz Indien geeint hat. Er war ein großer Feldherr, besiegte ein großes Reich besiegt, wobei Zehn-tausende von Soldaten umgebracht wurden und anschließend haben seine Soldaten gebrandschatzt. Dar-aufhin hat er Gewissensbisse bekommen und sich gewandelt. Er wurde Buddhist und brachte als friedvol-ler König das Land zum Blühen. Und er war zum Schluß sehr glücklich. Er gilt auch bis heute in Indien als einer der idealen Herrscher. Die meisten, die nur über Leichen gehen, werden unglücklich. Und wir selbst werden auch unglücklich, wenn wir uns nicht an Ethik halten. Patanjali hat schon einige Ursachen für Leiden aufgezählt. Handeln aus den Kleshas heraus führt zum einen zum Leiden, zum zwei-ten zu Karma und drittens zu Unwissenheit. Jetzt sagt er, auch unethisches Verhalten führt zu Leiden. Manchmal, wenn man sich irgendwie nicht wohlfühlt, kann man auch überlegen, habe ich heute jemanden bewußt oder unbewußt verletzt, durch Unachtsamkeit oder weil ich ihm eins au.s.w.ischen wollte. Wenn man eine Weile Yoga praktiziert, wird man sensibler und tut sich selbst weh, wenn man jemand anderen auf irgendeine Art und Weise verletzt, besonders, wenn dies aus egoistischen Gründen geschieht. Aber bis zu einem gewissen Grad tut es selbst dann weh, wenn man seine Pflicht und Aufgabe erfüllt und dadurch jemanden verletzt, zum Beispiel, wenn man jemanden zurechtweisen muß. Man wird sensibel, aber trotz-dem muß man manchmal so handeln. So wie Krishna Arjuna letztlich in der Bhagavad Gita rät, den Krieg zu führen. Ganz zum Schluß sagt Krishna: „Jetzt mache was du willst. Ich habe dir alle Kriterien gesagt.“ Arjuna entscheidet sich zum Wohl der anderen; um das Unrecht zu beseitigen und die Tyrannei zu entfernen, will er seiner Aufgabe als Krieger gerecht werden. Außerdem weiß er, daß er nur Instrument ist in den Händen des Göttlichen. Trotzdem, während des Kämpfens und nach dem Krieg, den er gewonnen hat und in dem so viele Men-schen gestorben sind, hat es ihm weh getan. Er hat das Königreich zusammen mit seinen Brüdern noch eine Weile regiert, aber ihre Stellung als unbeschränkte Herrscher über die damals bekannte Erde nicht genossen. Sie haben dafür gesorgt, daß eine funktionierende Verwaltung eingesetzt wurde, daß das Land wieder erblühte, die Wirtschaft wieder in Gang kam, ein würdiger Nachfolger gefunden wurde, dann sind sie in die Einsamkeit gegangen und haben meditiert. Je länger und intensiver wir auf dem spirituellen Weg sind, desto mehr spüren wir, wenn wir einmal nicht so freundlich handeln. Natürlich muß man sich manchmal auch durchsetzen, zum Wohl einer Sache auch einmal jemanden zurechtweisen, im Extremfall mag es sogar sein, wenn man in einer Situation ist wie Arjuna oder die Soldaten im Kosovo, daß notwendig wird, zu Gewalt zu greifen, wobei aber immer abzu-wägen ist, ob es wirklich notwendig ist und ob es keinen anderen Weg gibt. Aber selbst das, jede Form von Nichteinhalten von Ahimsa, spürt ein spiritueller Aspirant in seinem eigenen Herzen. Notfalls muß man auch das in Kauf nehmen. Aber im Normalfall macht uns der Yogaweg und das Einhalten der Yamas und Niyamas glücklich und freudevoll, indem wir anderen Gutes tun, Gutes wünschen, für andere leben. Und langfristig gibt es uns auch alles, was wir brauchen – auch Erfolg. Wenn jemand einen sehr starken inne-ren Ehrgeiz hat, den er nicht loswerden kann, dann muß er dafür sorgen, daß er auf ethische Weise im Beruf Erfolg hat. Das ist die sattwigste Art und Weise, Ehrgeiz zu befriedigen. Es macht auch keinen Unterschied, ob wir eine Verletzung der Yamas und Niyamas selbst begehen oder nur begünstigen und zulassen. Wenn neben uns ein Mensch gequält wird und wir unternehmen nichts dagegen, ist es Himsa (Verletzen) und wir haben Anteil daran. Unrecht geschehen zu lassen ist auch eine Form von Himsa und macht uns letztendlich unglücklich. Die häufigsten Motive, unethisch zu handeln, sind Gier, Ärger und Täuschung. Man will mehr Geld oder den Posten eines anderen haben, also wird man gewalttätig, lügt, stiehlt, läßt sich bestechen, besticht jemand anderen, u.s.w... Gier ist sicherlich einer der verwerflichsten Gründe. Auch aus Ärger macht der Mensch alles mögliche. Ärger ist eine Ursache für negative Gedanken, Emotio-nen und Gefühle. In der Bhagavad Gita sagt Arjuna sinngemäß: Zuerst kommt der Wunsch. Der Wunsch führt zu Ärger. Aus Ärger kommt Täuschung, Verblendung und Vergessen, und dann tut der Mensch Din-ge, die er normalerweise niemals tun würde. Es gibt sinnlosen Ärger, aber auch gerechten Zorn. Das erlebe ich oft unter spirituellen Aspiranten. Sie nehmen oft in Kauf, einen anderen zu verletzen, nicht aus Gier oder reinem Ärger, sondern aus Gerech-tigkeitsdenken heraus. Wenn wir etwas als ungerecht empfinden, sind wir oftmals bereit, viel zu tun. Wenn wir etwas für richtig halten, trampeln wir auch über die Gefühle von anderen Menschen rücksichts-los weg. Das ist eine große Gefahr. Das war zum Beispiel hier im Ashram so. Anfangs hatten wir keine Regeln bezüglich Arbeitszeit, Urlaub u.s.w.. Das hat aber zu Ungerechtigkeit geführt. Alle Mitarbeiter sind hochidealistische Menschen, aber schließlich gab es welche, die 25 Stunden in der Woche gearbeitet haben und andere 50 Stunden und mehr. Ähnlich mit dem Urlaub. Auf Dauer war das nicht aufrechtzuer-halten, so daß wir nach und nach immer mehr Regeln einführen mußten, weil das Gerechtigkeitsgefühl gestört wurde und manche Mitarbeiter sich geärgert haben. Und schließlich Täuschung. Selbst wenn wir etwas nur aus Täuschung, Verblendung, tun, führt uns das zu Unwissenheit und Schmerz. Es gehört sehr viel Sensibilität dazu, überhaupt zu merken, wann wir je-mand anderem wehtun. Und noch mehr Selbstdisziplin erfordert es, einem anderen selbst dann nicht wehzutun, wenn er uns wehtut. Und vor allen Dingen wollen wir nicht das Radfahrerprinzip anwenden, also nicht unseren Frust an einem anderem Menschen auslassen, wenn uns jemand nervt. Solche Hand-lungsmuster können unbewußt ablaufen oder aus Täuschung heraus. Man merkt es gar nicht. Wir brau-chen also eine gewisse Sensibilität. Es spielt auch keine Rolle, wie ausgeprägt unsere Handlungen oder Gedanken sind, wenn wir den ethi-schen Grundsätzen entgegenhandeln. Ob wir nur leicht dagegen verstoßen, mittelmäßig oder vehement, letztlich läßt Patanjali keine Ausreden und Entschuldigungen gelten. Die Schwierigkeit mit all diesen hehren, hohen Grundsätzen ist, daß man sie nicht immer ganz in die Tat umsetzen kann, weil wir eben noch nicht selbstverwirklicht sind. Wir sind noch nicht vollkommen. Aber wir bemühen uns. Und man darf sich auch kein schlechtes Gewissen machen, wenn einem die Umsetzung nicht immer perfekt gelingt. Natürlich sollte man niemanden umbringen. Wenn man dann ein schlechtes Gewissen hat, ist es sogar gut. Man sollte ein schlechtes Gewissen haben, wenn man jemanden umbringt, etwas stiehlt oder jemanden betrügt. Aber ich nehme an, solche Sachen sind bei Yogis normalerweise we-niger das Problem. Einmal war ich allerdings total schockiert. Bei früheren Vorträgen habe ich nie extra erwähnt, daß Nicht-stehlen auch ganz banal bedeutet, nicht in einem Geschäft oder Kaufhaus etwas in die Tasche zu stecken und ohne zu bezahlen hinauszugehen. Eine Mitarbeiterin in einem Zentrum – das ist schon lange her, nicht hier – hatte plötzlich neue Kleider, die mir auch nicht so billig erschienen. Damals in den Sivanan-da–Zentren haben die Mitarbeiter ganz ehrenamtlich gearbeitet, das heißt, sie bekamen kein Geld. Wenn ein Mitarbeiter etwas kaufen wollte, mußte er den Leiter fragen, ob er das Geld dafür haben kann bezie-hungsweise es wurde in der Mitarbeiterbesprechung diskutiert, ob man sich eine neue Hose kaufen darf oder nicht. Das fand ich eigentlich nicht so gut. Deshalb habe ich schon in den Sivananda-Zentren ein Taschengeld eingeführt, so daß jeder sich seine Zahnbürste, sein T-Shirt oder ein Buch kaufen konnte, wenn er wollte. Jedenfalls habe ich die Mitarbeiterin gefragt, woher sie die Kleider hat. Da hat sich her-ausgestellt, daß sie aus einem Kaufhaus einfach mitgenommen hat. Ich habe mir dann überlegt, was man jetzt in der Situation machen sollte. Zurückgeben erschien mir nicht einfach, die Sachen waren ja getragen und konnten nicht mehr verkauft werden. Jedenfalls hat sie mir versprochen, so etwas niemals mehr zu tun. Und ich habe ihr versprochen, wenn sie mal Kleider kaufen will, soll sie es mir sagen, dann bekommt sie auch das Geld dafür. Das war der Anlaß, daß ich das Taschengeld eingeführt habe. Auch bei uns hier im Haus verschwinden im Laufe der Zeit auf unerklärliche Art und Weise Decken, Kissen, Bücher, manchmal auch Bargeld. Es gibt da eine lustige buddhistische Geschichte von einem Dieb. Irgendwann hatte er keine Lust mehr, seinen Lebensunterhalt durch Diebstahl zu fristen und er wurde Mönch. Nach einer Weile fiel den Mön-chen in der Klostergemeinschaft auf, daß einige von ihnen plötzlich einen Teil ihrer Sachen nicht mehr hatten, während andere Mönche diese Sachen irgendwo in ihrer Zelle oder ihrem Bündel fanden. Schließ-lich haben sie den Dieb auf frischer Tat ertappt und ihn gefragt, was er denn da mache und warum. Er antwortete: „Ich kann es irgendwie nicht loslassen. Stehlen gehört zu meiner zweiten Natur. Als Dieb klaue ich die Sachen, aber als Mönch verteile ich sie dann weiter.“ Die Geschichte erzählt jetzt nicht wei-ter, zu welcher Lösung die klösterliche Gemeinschaft gekommen ist! Also, Nichtstehlen ist auch ganz wörtlich zu nehmen. Ein spiritueller Aspirant sollte nicht stehlen. Selbst wenn man mit einem Seminar nicht ganz zufrieden ist, ist das kein Grund, aus dem Seminarhaus ein Kissen, eine Decke oder ein Buch oder sonst etwas zu entwenden. Also, hehre Ideale sind in voller Radikalität nicht immer zu verwirklichen, weil wir Emotionen haben, durchaus auch Täuschungen unterliegen oder manchmal nicht die Kraft haben, selbst etwas zu ändern. Manchmal stehen die Ideale auch miteinander im Konflikt, wie zum Beispiel der Konflikt zwischen Nicht-verletzen und Wahrhaftigkeit. Angenommen, eine Frau stürzt hier rein und sagt, hinter mir ist jemand her, der will mich erstechen. „Ja, versteck‘ dich dort hinter der Tür“ und wir ziehen noch schnell den Schlüssel ab. Kurz danach stürmt ein Mann mit einem großen Fleischermesser herein: „Wo ist diese Frau?“ Satya, Wahrhaftigkeit, wäre jetzt: „Dort hinten, hinter der Tür. Hier ist auch der Schlüssel.“ In dem Fall wäre eine Notlüge angebracht: „Ja, die ist dort nach hinten gelaufen. Sie muß schon bei den Teichen sein“. Gut, dann rennt er dort nach hin-ten. Und was ist die nächste Aufgabe? Erst einmal die Frau zu fragen, was überhaupt los ist und vielleicht als nächstes die Polizei zu rufen. Und im schlimmsten Fall, wenn er zurückkommt, das Messer gezückt hält und auf die Tür zustürmt, was ist dann meine Aufgabe? Ihn irgendwie zu überwältigen. Ich weiß nicht, ob ich es könnte, aber es wäre meine Aufgabe. Oft wird heute behauptet, die Kinder seien so viel gewalttätiger als früher. Ich bin da nicht so überzeugt. Wenn ich von meiner Schulzeit ausgehe... - mindestens in der Grundschule gab es in jeder Pause eine Kei-lerei. Allerdings waren Waffen nicht so üblich wie anscheinend heutzutage. Ich war immer gegen jede Gewalt. Ich konnte nicht mal eine Fliege töten. Eigentlich erst seit ich für Yogazentren verantwortlich geworden bin, habe ich angefangen, Insekten zu töten. Zum Beispiel hatten wir in einem Zentrum Kaker-laken. Oder manchmal in der Küche jede Menge Fliegen, obwohl wir natürlich auch Fliegengitter überall angebracht haben. Aber weil ständig Menschen aus- und eingehen, reicht das nicht. So muß man halt Fliegenfänger verwenden. Jedenfalls habe ich meiner Schulzeit den Trick herausgefunden, innerhalb kür-zester Zeit jemanden im Polizeigriff zu haben, ihm den Arm umzudrehen und die Hand hinten auf den Rücken zu drücken – man tut dem anderen nicht weh, aber er ist trotzdem besiegt. So brauchte ich mir nichts gefallen zu lassen, brauchte aber auch niemanden zu verletzen. Solche Methoden, sich zu verteidi-gen, ohne den anderen wirklich zu schädigen, kann man auch probieren, wenn man in einer Gegend wohnt, wo viel Gewalt herrscht, wo man sich manchmal auch physisch zur Wehr setzen muß. Die nächsten Verse sind wunderschöne Erklärungen,
was passiert, wenn man die betreffende positive Eigenschaft entwickelt,
wohin es führt, wenn wir wirklich voll darin verankert sind.
Das sind durchaus Siddhis (übernatürliche Kräfte),
die sich da manifestieren. 35. Ahimsâ-pratishthâyâam tat-samnidhau vaira-tyâgah Ahimsâ = Nichtverletzen, Gewaltlosigkeit; pratishthâyâm = feste Verankerung; tat samnidhau = in seiner (des Yogi) Nähe; vaira = Feinseligkeit; tyâgah = Aufgeben Wenn Gewaltlosigkeit fest begründet ist, verschwindet Feindschaft in der Gegenwart des Yogis. Wenn wir selbst Liebe und Mitgefühl entwickeln, begegnet uns keine Feindschaft mehr. Das ist auf zwei Ebenen zu interpretieren. Das eine ist die wörtliche Bedeutung. Wenn wir selbst Frieden ausstrahlen, spüren das auch die anderen und werden weniger mit uns streiten. Ein sanftmütiger, freundlicher Mensch trifft auf weniger Feinde. Es geht sogar soweit, daß dort, wo er ist, sich die Menschen besser vertragen. Ich kannte einmal einen Menschen, der die Sanftmut in Person war. Wenn er in ein Yogazentrum kam, waren plötzlich alle ganz friedlich. Alle Streitereien hörten auf. Sowie er weg war, fingen sie wieder an, sich zu streiten. Es ist also nicht die wahre Lösung für alles, daß einer da ist, der vollkommene Gewaltlo-sigkeit ausstrahlt. Man muß Probleme auch noch anders angehen. Das könnt ihr auch ausprobieren. Angenommen, ihr merkt irgendwo, daß Menschen sich streiten. Dann könnt ihr einfach versuchen, ihnen positive Gedanken zu schicken. Ich kann mich an einen Vorfall in einer U-Bahn erinnern, wo ich selbst auch nicht wußte, was ich machen sollte. Jemand fing eine Schlägerei an und es war offensichtlich, der eine war unterlegen und die anderen überlegen. Die erste Sache, die ich gemacht habe, hat glücklicherweise geholfen. Ich habe aus meinem ganzen Herzen „Om Tryambakam“ (Mantra für Frieden, Wohlwollen, Heilung) hingeschickt – und es hat aufgehört. Ich brauchte nicht mehr zu machen. Falsch wäre es, als Einzelner einzugreifen. Was man machen sollte, ist, die anderen Passagie-re anzusprechen und zu sagen, da müssen wir jetzt gemeinsam etwas tun. Und wenn dann zehn der Pas-sagiere aufstehen und dorthin gehen, dann wird es auch aufhören. Wenn man als Einzelner hingeht und dem Schwächeren helfen will – man selbst ist ja typischerweise nicht sehr erfahren in solchen Sachen –, kann man nicht viel machen. Das erste wäre also, Gedanken des Friedens zu schicken und wenn das nicht ausreicht, die anderen Fahrgäste zu mobilisieren. Das wirkt im Kleinen wie im Großen. Wenn man über die Machtergreifung Hitlers diskutiert, hört man oft das Argument: „Ja, was hätte man denn machen sollen?“ Als Einzelner hätte man wahrscheinlich nicht viel machen können, aber sicher in der Masse. 1919 zum Beispiel, kurz nach Beginn der Weimarer Republik, machte ein Mensch namens Kapp einen Putsch und wurde zum Diktator. Am nächsten Tag gab es einen Generalstreik in ganz Deutschland, alle Räder standen still. Innerhalb weniger Tage war der ganze Spuk zu Ende. Wenn ausrei-chend Menschen nicht wollen, kann alles abgehalten werden. Aber auch als Einzelner können wir der Gewalt durch Gewaltlosigkeit begegnen, wie auch Gandhi das gezeigt hat. Auf einer zweiten Ebene sehen wir aber, daß den großen Wohltätern der Menschheit zum Teil sehr wohl Feindschaft entgegenschlug. Jesus wurde sogar ans Kreuz geschlagen. Gegen Buddha gab es mehrere Mordanschläge. Zum Schluß ist er ja auch an vergiftetem Schweinefleisch gestorben. Das könnte natürlich auch eine Warnung sein, kein Fleisch zu essen. Buddha hat gelehrt, man soll keine Kreatur töten, aber wenn man irgendwo zu Gast ist, soll man das essen, was einem vorgesetzt wird, und wenn man Fleisch vorgesetzt bekommt, darf man es nicht ablehnen. Als Buddhist ist man kein bedingungsloser Vegetarier. Auf der anderen Seite müßten in einem buddhistischen Land alle Vegetarier sein, weil ja niemand ein Tier töten darf. Nur wenn Buddhisten bei Nicht–Buddhisten zu Gast sind und es Fleisch gibt, dann dürfen sie notfalls Fleisch essen, denn gerade ein Mönch hat insbesondere die Aufgabe, keine persönlichen Wünsche zu äußern bezüglich Essen. Trotzdem, ich halte hier die Yogaaussage für besser: Man ißt grundätzlich kein Fleisch, ob es einem angeboten wird oder nicht. Jedenfalls ist Buddha an einem Stück vergiftetem Schweinefleisch gestorben und jemand muß es vergiftet haben. Trotzdem ist der Aphorismus von Patanjali korrekt. Denn eine andere Übersetzung lautet: Wenn Gewaltlosigkeit fest begründet ist, trifft der Yogi auf keine Feindschaft. Das heißt, für den Yogi ist es keine Feindschaft, er empfindet es nicht als solche. Als Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, sagte er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Er hat nicht empfunden: Da sind Menschen, die mir gegenüber feindselig gesonnen sind. Sondern er hat Menschen gesehen, die aus Unwissenheit etwas Schlechtes tun. Außerdem kannte er als großer Yogi das Gesetz des Karma und wußte, sie werden anschließend leiden, weil sie ihn ans Kreuz schlagen. Deswegen hatte er Mitgefühl mit ihnen. Von Swami Sivananda gibt es die Geschichte, wo ihn jemand beim Abendsatsang (gemeinsames Meditati-on und Mantrasingen) mit einer Axt ermorden wollte. Der erste Schlag ging auf den Turban und glitt dann seitlich ab. Swami Sivananda hob nicht die Hand, denn ein Swami darf sein eigenes Leben nicht verteidi-gen. Der Assistent von Swami Sivananda, das war damals Swami Vishnu, ist dem Attentäter in den Arm gefallen und hat letztlich das Leben von Swami Sivananda gerettet, denn die anderen waren zu weit weg und außerdem wie gelähmt in der Situation – es ist nicht üblich, daß in einer Mönchskolonie jemand plötz-lich mit einer Axt um sich schlägt, daher wußten die Mönche auch nicht, wie sie reagieren sollten. Aber Swami Vishnu war jung, flink, stark, Hatha Yogi und ist dem Angreifer in den Arm gesprungen. Und das erste, was Swami Sivananda gesagt hat, war: „Vishnu Swami, mäßige deinen Zorn!“ Die erste Sorge, die Swami Sivananda hatte, war, daß Swami Vishnu dem, der ihn fast umgebracht hatte, irgendein Leid zu-fügt. Er hat ihm natürlich auch nicht gesagt: „Gib ihm die Axt wieder, damit er mich umbringen kann“, sondern er sagte: Tue ihm keine Leid an. Nachher sorgte er auch noch dafür, daß der Angreifer nicht ins Gefängnis kam, sondern nach Hause geschickt wurde. Er blieb ein spiritueller Aspirant und Schüler von Swami Sivananda. Dieses Ereignis hat den Beinahe-Mörder gründlichst transformiert. Er hat nämlich gemerkt: Das ist tatsächlich ein Heiliger; nicht ein Scheinheiliger, sondern ein echter Heiliger. Jemand, der wirklich in Liebe zerfließt, allen Wesen Liebe
und Wohlwollen entgegenbringt, empfindet keine Feindschaft. Selbst
wenn er umgebracht wird, empfindet er nicht, daß es aus Feindschaft
geschieht. Eine solche innere Einstellung ist möglich, und
zwar auch im Kleinen, in kleinen Schritten. Je mehr wir Liebe und
Mitgefühl empfinden und in die Tat umsetzen, um so weniger
spüren wir Feindschaft von ande-ren und um so weniger haben
wir das Gefühl, daß uns jemand etwas Schlechtes will.
Wenn wir hingegen das Gefühl haben, viele Menschen mögen
mich nicht, handeln absichtlich schlecht mir gegenüber, dann
ist das ein Zeichen, daß man selbst viel Feindschaft im Herzen
hat. 36. Satya-pratishthâyâm kriyâ-phalâshrayatvam Satya = Wahrhaftigkeit; Pratisthâyâm = durch feste Verankerung; kriyâ = Handlung; phala = Frucht, Ergebnis; âshrayatvam = eine Grundlage bilden Wenn Satya, Wahrhaftigkeit, fest begründet ist, erlangt der Yogi das Ergebnis der Handlung ohne zu handeln. Mit anderen Worten, unsere Gedanken werden so stark, daß die Dinge allein durch unsere Gedanken ge-schehen. Die meisten Menschen bauen ein riesiges Lügengeflecht um sich herum auf. Sie sagen etwas, denken et-was anderes und handeln weder nach dem einen noch nach dem anderen. Dadurch entsteht eine große innere Spannung, man verzettelt sich, und der einzelne Gedanke ist sehr schwach. Im Rahmen der Kleshas hatten wir davon gesprochen, daß man ein bestimmtes Selbstbild von sich hat. Gleichzeitig denkt man, andere haben ein anderes Bild von einem und als drittes will man ein anderes Selbstbild nach außen schaffen als man glaubt, daß die anderen von einem haben. Das führt zu Schwäche. Zu sich selbst zu stehen, sich selbst besser kennenzulernen, authentisch zu sein, gibt Stärke und Kraft. Das ist sogar in der Welt der Politik möglich. Von Bismarck heißt es, er habe offen und klar gesagt, was er wollte. Das hat ihm niemand geglaubt, denn es war in dieser Diplomatenwelt unvorstellbar und außerge-wöhnlich, daß jemand direkt ist – deshalb war er so erfolgreich. Ob er tatsächlich immer vollständig offen und direkt war, ist doch zu bezweifeln, aber relativ oft hat er sich diplomatisch ausgedrückt, also jeden-falls nicht gelogen. Das gibt eine Stärke des Geistes. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Wenn wir gewöhnt sind, uns immer an die Wahrheit zu halten und dann einmal versehentlich die Unwahrheit sagen, ist unser Geist so stark, daß diese Unwahrheit eintritt. In der indischen Mythologie gibt es darüber schöne Geschichten, wie zum Beispiel die vom Sohn eines Asketen, der in einer Einsiedelei im Wald lebte. Die meisten Einsiedler hatten zwar eine Familie, aber sie lebten abgeschieden, waren mit einfachen Dingen zufrieden und meditierten viel. Dieser Meister war eines Tages in tiefe Meditation versunken Da kam König Parikshit vorbeigeritten. Er hatte einen langen Ritt hinter sich und wollte etwas zu essen und zu trinken. In Indien gilt das Gesetz der Gastfreundschaft ge-genüber jedermann und dem König gegenüber natürlich in besonderem Maße. Der König klopfte also an und als keine Antwort kam, öffnete er die Tür und sah dort jemanden in Meditation sitzen. Er rief: „Bitte, großer Weiser, ich brauche etwas zu essen und zu trinken, ich bin ganz schwach und muß heute noch weit reiten.“ Keine Antwort. „He, ich habe mit dir gesprochen, nun sag‘ doch etwas!“ Als immer noch keine Antwort kam, schüttelte er ihn. Der Asket blieb immer noch ungerührt sitzen. Nun wurde der König wü-tend und dachte: Das ist kein Heiliger, sondern er ist nur zu faul oder zu geizig, mir etwas zu geben und tut deshalb so, als würde er meditieren, denn so lange und vertieft kann jemand unmöglich ruhig sitzen. Erbost nahm der König eine Schlange, legte sie dem Einsiedler um den Hals und ging weiter. In diesem Augenblick kam der Sohn des Weisen von hinten her und sah das. Er war noch jung und daher zu schüch-tern, den König anzusprechen. Er war von seinem Vater dazu erzogen worden, niemals auch nur eine ein-zige Lüge zu sagen und hatte in seinem ganzen Leben bisher immer nur die Wahrheit gesagt. Und deshalb waren seine Gedanken unheimlich stark und jedes Wort, das er sagte, mußte zur Wahrheit werden. Er sagte: „Dieser König wird in sieben Tagen an einem Schlangenbiß sterben“. Nach ein paar Stunden kam der Weise aus seiner Meditation heraus, sah die Schlange um seinen Hals und nahm sie vorsichtig ab. Es heißt, einem Weisen in der Meditation tun Schlangen und wilde Tiere nichts zuleide. Das ist die Kraft von Ahimsa (Gewaltlosigkeit, Nichtverletzen). Wenn jemand fest in Ahimsa verankert ist, tun ihm Tiere be-stimmt nichts. Auch von Buddha gibt es solche Geschichten. Die Hauptneuerung Buddhas in Indien war weniger die Meditation oder die Philosophie oder die buddhistischen Praktiken – das war alles in Indien bereits be-kannt –, sondern daß er Menschen in Massen zu Mönchen und Nonnen gemacht hat. Das war außerge-wöhnlich. Es gab zwar schon einige Asketen, aber selbst diese waren meist verheiratet. Es gab auch ein paar Mönche, aber wenige. Buddha jedoch hat Tausende zu Mönchen gemacht, was natürlich viele andere Menschen nicht schätzten. Die Eltern mochten es zum Beispiel nicht, daß ihre Kinder zu Mönchen wurde, der Gattin paßte es nicht, daß der Ehemann zum Mönch wurde, der Mann wollte nicht, daß die Frau zur Nonne wurde u.s.w.., und so hat Buddha aus diesem Grund einige Feindschaft auf sich gezogen. Einer seiner Feinde hetzte schließlich einen wilden Elefanten auf ihn, damit er ihn niedertrampeln sollte. Als der Elefant sich näherte, hob Buddha nur die Hand zum Segen, worauf der Elefant sich vor ihm verneigte. Ein anderes Mal wurden wilde Tiger auf ihn losgelassen und auch sie verneigten sich vor Buddha. Also bei Tieren wirkt die Kraft von Ahimsa absolut. Menschen können diese Kraft von Ahimsa eines Weisen viel-leicht nicht ganz so spüren und ihn unter Umständen trotzdem verfolgen, aber der Weise fühlt ihre Feind-seligkeit nicht. Gut, der Weise kam also aus der Meditation, legte die Schlange ab und fragte seinen Sohn: „Was ist denn passiert? Was ist mit der Schlange los und wie kommt sie hierher?“ Der Sohn antwortete: „Der König war da. Er hat dir diese Schlange um den Hals gelegt und bewußt in Kauf genommen, daß du daran stirbst. Dem habe ich’s aber gezeigt. Er wird jetzt in sieben Tagen an einem Schlangenbiß sterben.“ „So?“ „Ja, ich habe gesagt, daß er es wird und du weißt selbst, wenn ich etwas sage, wird es geschehen.“ „Aber der König ist doch insgesamt ein gerechter König und mir ist ja auch nichts passiert. Wir hätten ihn ja auch bewir-ten sollen und da ich es nicht gemacht habe, hättest du es tun sollen. Ich habe leider nichts von seiner Anwesenheit gemerkt, das tut mir leid. Der König hat sich halt geärgert. Er ist kein Weiser, deshalb hat er seine Emotionen nicht so unter Kontrolle. Aber wir, die wir Asketen sind, wir sollten unsere Emotionen vollständig unter Kontrolle haben.“ Worauf der Sohn sagte: „Ja, ich seh’ es ja ein, es war nicht richtig von mir, aber du weißt, es wird geschehen. Ich kann es nicht mehr zurücknehmen.“ Schweren Herzens ging also der Weise zum König und sagte: „Oh König, ich muß dir leider sagen, du wirst in sieben Tagen an einem Schlangenbiß sterben.“ Der König fragte ihn, warum. Der Weise erklärte es ihm und entschuldigte sich: „Tut mir leid, aber es ist leider nicht mehr zu ändern.“ Auch der König erkannte, daß er sich nicht richtig verhalten hatte, aber auch er konnte es nicht rückgängig machen. Er gab den Auftrag, ein neues Haus auf Pfählen aus ganz neuem Material zu errichten. Alle Baumaterialen wurden genau überprüft, damit ja keine Schlange irgendwo verborgen sein und auch keine hochgehen konnte. An diesem Haus wurde sieben Tage lang gebaut. Gleichzeitig sorgte der König aber auch auf anderer Ebene vor und erkun-digte sich: „Was ist der schnellste Weg, innerhalb weniger Tage zur Verwirklichung zu kommen, falls ich doch sterbe?“ Darauf hieß es: „Der schnellste Weg zur Selbstverwirklichung ist es, Geschichten von Gott zu hören und den Lobpreis Gottes zu singen.“ Daraufhin lud der König Sukadev ein, den Sohn von Vyasa, der ihm die Bhagavatam erzählte, die Geschichten der Inkarnationen Vishnus und insbesondere Krishnas enthält. Kurz vor Ende der sieben Tage bezog der König sein neues Haus. Oben setzte er sich hin. Als ihm Essen gereicht wurde, war in einer Frucht eine Schlange, die ihn biß und er starb daran. Aber da er in der Zwischenzeit den Lobpreis Gottes gesungen hatte und die Geschichten von Krishna gehört hatte, kam er zu höheren Bewußtseinsebenen und erreichte die Befreiung. Letztlich war das Ganze dann ein Segen für ihn, denn in den sieben Tagen konnte er sich vorbereiten und Abschied nehmen. Wenn wir wahrhaftig sind, bekommen unsere Gedanken eine sehr starke Kraft und unsere Worte auch. In Arabien gibt es ein Sprichwort: „Bevor du etwas sagst, überprüfe erstens, ob es wahr ist, zweitens, ob es freundlich ist und drittens, ob es notwendig ist. Und nur dann, wenn es wahr, hilfreich und notwendig ist, dann sage etwas.“ Wir sollten keine Unwahrheit sagen, aber auch keine Wahrheit, die andere kränkt. Wir sollten überflüßiges Geschwätz vermeiden, ohne deshalb gleich zum Einsiedler zu werden. Satya, Wahrhaftigkeit soll gemildert sein durch Ahimsa, Nichtverletzen.
Wenn verschiedene ethische Prinzipien miteinander in Konflikt stehen,
heißt es immer: Ahimsa parama dharama – das Nichtverletzen
ist die höchste Pflicht. Aber Nichtverletzen ist relativ.
Eine Mutter muß beispielsweise ihrem Kind auch ab und zu
mal etwas verbieten, es erziehen. Für das Kind ist es verletzend,
wenn es einen Abend Fernseh-verbot bekommt oder keinen Nachtisch,
oder sonst eine „Strafe“, aber zum Wohl des Kindes kann es not-wendig
sein, so vorzugehen. Also manchmal muß zum Wohl eines langfristigen
Ahimsa (Nichtverletzen) ein kurzfristiges Himsa (Verletzen) in
Kauf genommen werden. 37. Asteya-pratishthâyâm sarva-ratnopasthânam Asteya = Nichtstehlen, rechtmäßige Aneignung; pratishthâyâm = durch feste Verankerung; sarva = al-les; ratna = kostbare Dinge, Edelsteine; upasthânam = in Erscheinung treten Wenn Nichtstehlen fest begründet wird, kommt aller Reichtum zu dem Yogi. Solange wir anderen etwas wegnehmen, sind wir Bettler. In dem Moment, wo wir nichts mehr klauen, auch nicht mehr unbedingt etwas haben wollen, bekommen wir alles, was wir brauchen. Das ist auch das Gesetz der Entsagung. Es gibt zwar auf einer niedrigeren Ebene im Yoga die vier Wünsche – Kama (Sin-nesbefriedigung), Artha (Wohlstand), Dharma (Pflichterfüllung, Selbstentfaltung) und Moksha (Befreiung) –, die der Mensch im Laufe seines Lebens hat und auch befriedigen soll. Auf dieser Ebene soll man sich durchaus auch darum kümmern, die Menge an Geld, finanzieller Absicherung, äußerer Sicherheit u.s.w.. zu bekommen, die man braucht, um den Geist frei zu haben für Spiritualität. Aber je mehr wir unsere Wünsche reduzieren, je weniger Gier wir haben, je mehr wir entsagen, desto mehr kommt alles, was wir brauchen, hinter uns hergerannt. Und solange wir Dinge wegnehmen, die uns nicht gehören, schaffen wir natürlich auch negatives Karma, so daß uns ebenfalls gewisse Sachen weggenommen werden – auf der materiellen oder emotionalen Ebene. Hier müssen wir sehr aufpassen. Vorher habe ich erwähnt, daß Asteya, Nichtstehlen, zum einen sehr wörtlich zu nehmen ist, also nichts aus Kaufhäusern u.s.w.. mitzunehmen. Der Begriff ist aber weitaus umfassender. Wenn man zum Beispiel feststellt, der Nachtisch reicht nur für zwanzig Personen und man ist der Fünfzehnte in der Reihe, dann heißt Nichtstehlen, sich nur eine kleine Portion zu nehmen, wenn hinter einem noch fünf Leute warten. Oder nicht aus dem Kühlschrank das letzte Stück von etwas wegzunehmen, das andere gerne haben. Nichtstehlen bedeutet auch, sich nicht mit fremden Federn zu schmücken, sich nicht geistiges Eigentum von anderen anzueignen. Wenn wir darin fest verankert sind, stehlen wir nicht nur nicht, sondern im Gegenteil, wir teilen mit an-deren. Alle diese Yamas (ethisch–moralische Regeln) sind nämlich nicht nur negativ in der Verneinung zu verstehen, wie zum Beispiel Nichtstehlen, sondern in logischer Folge auch im positiven Sinn als Teilen, Geben. Je mehr wir anderen geben, um so mehr bekommen wir. Das ist das Lakshmi-Prinzip. Lakshmi (Göttin des Wohlstands und der Schönheit) hat
zwei nach oben geöffnete Hände und zwei Hände nach
unten. Die zwei Hände nach unten symbolisieren: sie gibt,
gibt und gibt. Und zwei Hände nach oben: man empfängt,
empfängt und empfängt von ihr. Je mehr wir geben, tun
für andere, um so mehr bekom-men wir. Wie auch Swami Vishnu
gerne gesagt hat: Die beste, sicherste Investition sind Spenden
und gute Werke. Beides bekommen wir karmisch wieder zurück.
Alles andere verlieren wir, zum großen Teil schon in diesem
Leben – es gab genügend Wirtschaftskrisen und Börsencrashs –,
aber spätestens im Moment des Todes. Aber wenn wir geben,
bekommen wir alles, was wir brauchen. 38. Brahmacharya-pratishthâyâm vîrya-lâbhah Brahmacharya = sexuelle Mäßigung, Enthaltsamkeit; pratishtâyâm = durch feste Verankerung; vîrya = Lebenskraft; lâbhaha = Gewinn Wenn Brahmacharya, sexuelle Enthaltsamkeit, fest begründet ist, wird kraftvolle Vitalität erlangt. Brahmacharya bedeutet in verschiedenen Lebensumständen etwas anderes. Wenn wir in einer festen Partnerschaft leben, heißt es nicht, daß wir ab heute sexuell enthaltsam leben. Das wird der Partner nicht mögen. Wir müssen auch das Prinzip von Ahimsa berücksichtigen. Aber in einer Partnerschaft heißt A-himsa bzw. Brahmacharya letztlich Treue. Aber es kann auch heißen, daß man die sexuelle Energie stär-ker sublimiert, zum Beispiel, wenn man einmal eine Weile vom Partner getrennt ist oder die Frau gerade schwanger ist oder das Kind gerade geboren worden ist. Meistens hat eine Frau dann eine Weile keine Lust auf Sexualität. Und dann ist es eine Möglichkeit, diese Energie vollständig zu sublimieren, Ojas (spi-rituelle Energie) zu erzeugen. Es gibt fünf verschiedene Manifestationen von Prana, fünf Prana Vayus, die alle auf die eine oder andere Art und Weise sublimiert werden können: Prana ist allgemein der Begriff für Lebensenergie, gleichzeitig ist Prana Vayu aber auch eine der fünf Arten von Prana. Prana Vayu ist die Energie hinter der Atmung. Prana Vayu können wir zum Beispiel sublimieren, wenn wir Pranayama üben. Beim Luftanhalten wird der Reflex des Ausatmens unterdrückt und so sublimiert. Hinter dem Atem ist der Überlebensinstinkt. Wenn wir Prana Vayu durch Atemanhal-ten sublimieren, wandeln wir das physiologische Prana in Ojas, spirituelle Energie, um und auf einer hö-heren Ebene sublimieren wir gleichzeitig den Überlebensinstinkt; das heißt, wir haben ein Herz für ande-re, nicht nur für uns. Gleichzeitig regeneriert sich Prana Vayu mit jedem Atemzug und wird harmonisiert. Das zweite ist Apana Vayu, die Energie hinter der Ausscheidung und der Sexualität. Sie hat ihren Sitz in den unteren Körperteilen und wird sublimiert durch Mulabandha (Anusschließmuskeln und Ge-schlechtsmuskeln zusammenziehen) und Ashwvini Mudra (Beckenbodenmuskeln mehrmals schnell zu-sammenziehen). Apana Vayu steht auch für Arterhaltung, sich um Familie und Kinder kümmern. Durch Sublimierung dieser Energie gewinnen wir ebenfalls Ojas, spirituelle Energie. Das dritte ist Samana Vayu, die Energie hinter der Verdauung. Das Verdauungsfeuer wird angeregt und sublimiert durch Uddiyana Bandha (Bauchverschluß), Agni Sara (Feueratmung), Nauli (Bauchmuskel-bewegung zur Darmanregung) und Kapalabhati (Schnellatmung) und steht gleichzeitig für Durchset-zungsvermögen, Mut, Handlung. Um diese Energie zu sublimieren, ist es gut, sich ab und zu eine nicht aktive Zeit zu gönnen, nichts verändern zu wollen, Dinge zu akzeptieren, loszulassen, das Feuer weniger zum Ausdruck zu bringen. Die so sublimierte Verdauungsenergie steht nachher auf beiden Ebenen wieder vermehrt zur Verfügung, sowohl für die Verdauung als auch für stärkeres Durchsetzungsvermögen und mehr Gleichmut. Wichtig ist auch eine ausgewogene, sattwige Ernährung in der richtigen Menge, sowie ab und zu zu fasten. Das vierte ist Vyana Vayu, die Energie hinter dem Herzkreislauf und der Skelettmuskulatur, also der physischen Bewegung. Solange man wach ist, hat man den Impuls, sich zu bewegen. Wenn wir die Asanas halten, ohne uns zu bewegen oder in der Meditation still sitzen, wird Vyana Vayu arbeitslos und wird als sublimierte Energie in den Chakren aufgespeichert. Und das fünfte ist Udana Vayu, die Energie hinter den verschiedenen Kommunikationssystemen des Kör-pers, wie Nerven, Hormonsystem, Sprache, innerkörperliche Koordination sowie Kommunikation mit an-deren Menschen. Das Nervensystem regeneriert sich in der Tiefenentspannung. Dabei wird diese Energie sublimiert. Auch beim Mantrasingen und in der Meditation beruhigt sich das Nervensystem. Wenn wir freundlich mit und über andere Menschen sprechen, ab und zu schweigen, nicht zuviel Unnützes reden, sublimiert sich diese Kommunikationsenergie, die uns dann als spirituelle Energie zur Verfügung steht. Gleichzeitig verbessert sich die Kommunikation mit anderen Menschen, der Schlaf wird leichter und man braucht weniger Schlaf, weil Udana Vayu sehr harmonisch wird. Zur Sublimierung von Energien trägt es ganz generell bei, wenn man sich zum Beispiel nicht immer alle Wünsche erfüllt, nicht allen Impulsen sofort nachgibt. Trotzdem sollte man auch das nicht übertreiben, sondern es nur gelegentlich anwenden. Man wird sich dann insgesamt besser fühlen. Sublimierung der Energie führt also zu Virya, zu starker
Vitalität. 39. Aparigraha-sthairye janma-kathamtâ-sambodhah Aparigraha = Nicht–Besitzgier; sthairye = Bekräftigtwerden; janma = Geburt; kathamtâ = das Wie und Wofür; sambodhah = Wissen Ist Abwesenheit von Gewinnsucht fest begründet, wird Verständnis für den Sinn der Geburt er-langt. Aparigraha wird auf verschiedene Weisen übersetzt. Das eine ist das Nichtannehmen von Geschenken. Natürlich sind damit nicht Geschenke gemeint, die aus Liebe gegeben werden – wenn uns jemand etwas zum Geburtstag schenkt, oder Eltern, Freunde, Verwandte uns ein Geschenk machen, dann kann und soll man es annehmen. Gemeint sind solche Geschenke, die uns manipulieren wollen. Wenn man das Gefühl hat, man soll mit einem Geschenk gekauft werden, es steht eine Absicht dahinter, dann soll man es ableh-nen. Man soll sich nicht kaufen lassen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Wenn wir immer nach dem Prinzip handeln, eine Hand wäscht die andere, dann können wir nicht mehr danach handeln, was richtig und falsch ist und unser Geist wird verwirrt. Im weiteren Sinne verlieren wir die Unterscheidungskraft zwi-schen dem, was wirklich und unwirklich ist, für den Sinn der Geburt. Man sollte bei einem Geschenk nicht das Gefühl haben, zu etwas verpflichtet zu sein. Gleichzeitig sollte man aber auch die Gefühle anderer nicht verletzen, indem man ein gutgemeintes Geschenk ablehnt. Man muß abwägen. Geschenke aus Liebe soll man annehmen und auch geben. Liebe muß sich ja auch ausdrü-cken. Es reicht nicht allein aus, Liebe im Herzen zu haben. Man muß diese Liebe auch zeigen. Wenn man verreist war und wieder nach Hause kommt, bringt man seinem Kind oder seiner Familie und Freunden vielleicht kleine Geschenke mit und sie freuen sich darüber. Oder man erhält ein selbstgebasteltes Ge-schenk von seinem Kind. Solche Geschenke helfen, das Herz zu öffnen. Frage: Und wie ist es mit Nachbarschaftshilfe? Antwort: Wenn wir aus Hilfsbereitschaft helfen oder von vornherein feststeht, ich tue das und du machst dafür das für mich, dann ist das ok. Wenn wir dagegen von jemandem einen großen Gefallen annehmen, ohne ihn in naher Zukunft erwidern zu können, und der andere handelt nachher in irgendeiner Weise unethisch, dann sind wir irgendwie verpflichtet, ihn zu decken, denn er hat einem ja einen großen Gefal-len getan. Man sollte sich nicht in Zugzwang bringen lassen. Ein wirtschaftlicher Austausch hingegen ist natürlich hilfreich und notwendig. Da spricht nichts dagegen. Frage: Was machst du, wenn dir jemand etwas schenkt, das du gar nicht willst? Antwort: Ich nehme es an und schenke es später weiter. Frage: Kann man ein Geschenk weiterschenken? Antwort: Ja, warum denn nicht? In Deutschland gilt das zwar als unhöflich, aber in Indien ist es sehr üblich. Swami Vishnu hat immer viele kleine Geschenke erhalten. Meistens hat er sie weitergegeben. Die Menschen wußten, daß er Mangos mag und so hat ihm jeder zehn Mangos geschenkt. Wieviele Mangos kann ein Mensch essen? Also hat er sie sofort weitergeschenkt. Und dann gab es viele Menschen, die meinten, ihm Kunstgegenstände vermachen zu müssen. Er hat sie angenommen, sie hingen eine Weile in einem Zimmer und wenn der nächste Besucher kam und ihm etwas geschenkt hat, hat er die anderen weitergegeben. Das ist das Lakshmi–Prinzip: annehmen und weitergeben. Neben keine Geschenke annehmen bedeutet Aparigraha als zweites Abwesenheit von Gewinnsucht, also nicht so viel haben zu wollen, und als drittes Nichthorten. Jesus hat diesbezüglich ja eine extreme Meinung vertreten. Für mich bis heute eines der großen Geheim-nisse der Welt, daß seine Lehren so auf den Kopf gestellt werden konnten. Was Jesus gelehrt hat, war nicht als eine Volksreligion gedacht, sondern für eine ausgewählte Anzahl weniger Menschen, denn als wahrer Christ darf man eigentlich keinen Besitz haben. In dieser Beziehung ist die Bibel sehr eindeutig: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.“ oder „Man soll nicht für das Morgen sorgen, der morgige Tag wird für das Seine sorgen“. Und seinen Schülern hat er gesagt: „Wer mir nachfolgen will, der folge mir jetzt nach.“ Bei einem von ihnen war, glaube ich, sogar gerade die Mutter gestorben und er wollte sie erst beerdigen. Und Jesus sagte: „Laß die Toten ihre Toten begraben. Wer mir nachfolgen will, der folge mir jetzt nach.“ – Brutal, oder? Das gibt es zwar im Yoga auch als Prinzip von Vairagya (Leidenschaftslosigkeit, Verhaftungslosigkeit), aber Yoga ist nicht ganz so streng für alle. Bei wem Vairagya intensiv ausgeprägt ist, der soll sich auch an völlige Besitzlosigkeit halten. Jesus hat eigentlich zu Mönchen gesprochen. Die ersten Christen waren notwendigerweise besitzlos, denn wenn man sich zum Christentum bekehrte, mußte man all seinen Besitz der Gemeinschaft überschreiben. Die christlichen Gemeinden waren kommunistische Gemeinden. Es ist paradox, daß sich heutzutage eine Partei christdemokratisch nennt, die auf der Seite des Privateigentums steht. Paulus hat diese Grundsät-ze schon etwas abgemildert und gesagt: Gut, wenn man nicht ganz Mönch sein kann, kann man auch eine Beziehung haben und heiraten. Aber es wäre besser, wenn man keine Familie hätte. Und dann über-schreibt man halt allen Besitz der Gemeinde, die alles gemeinschaftlich verwaltet. Im 4. Jahrhundert nach Christus hat Kaiser Konstantin das Christentum zur halben Staatsreligion gemacht, aus zwei Gründen: Zum einen hatte er eine Vision von einem Kreuz („In diesem Zeichen wirst du siegen“), woraufhin er sich das Kreuz angeheftet hat, die Schlacht gewann und damit das römische Reich und seine Mitkaiser besiegt hatte. Und zum zweiten stellte er fest, daß das Christentum inzwischen gut organisiert war. Die römische Verwaltung lag darnieder. So erschien ihm sinnvoll, die Christen als idealistische und disziplinierte Men-schen in der Verwaltung für seine Zwecke einzusetzen. Daraufhin hat er alle möglichen seiner Gefolgsleu-te zu Christen gemacht. Die „echten“ Christen hätten ihm nun eigentlich sagen müssen: „Das geht nicht. Wer Christ werden will, muß auf seinen Besitz verzichten und selbst du kannst so nicht Christ werden, auch wenn du der Kaiser bist.“ Davor hatten sie aber Angst, und das mit Recht. Denn wenn sie es abge-lehnt hätten, hätte es die nächste Christenverfolgung gegeben. Konstantin war nämlich ziemlich brutal. Und wenn sie ihm jetzt Widerstand geleistet hätten, hätte sich sein Zorn leicht gegen sie richten können. Und so haben sie sich entschieden, bei dem üblen Spiel mitzuspielen. Und nach einer Weile haben sie sich korrumpieren lassen. Also, es ist auch wichtig, nicht zuviel zu horten. Für verschiedene Menschen und verschiedene Umstände heißt das nun auch wieder etwas anderes. Eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit kann durchaus hilfreich sein. Man braucht sich keine Sorgen zu ma-chen, dadurch wird der Geist ruhig und man kann anderen helfen. Deshalb rate ich Mitarbeitern auch ab, all ihre Ersparnisse dem Ashram zu überschreiben. Ich habe es auch schon einmal rundweg abgelehnt. Ein Mitarbeiter hat zwar auch schon eine größere Spende gegeben – eine größere Summe, die damals sehr notwendig war –, aber eben nicht all sein Geld. Eine gewisse Sicherheit beruhigt und ist gut. Gleichzeitig sollte man aber auch nicht zu viel haben. Wenn man viel hat oder bekommt, zum Beispiel durch eine Erb-schaft, sollte man einen Teil davon auch anderen geben, statt immer mehr anzuhäufen oder zu überlegen, wie kriege ich noch mehr Gewinn heraus. Dieses Geben ist im Lakshmi–Prinzip enthalten. Wenn wir danach handeln, wissen wir, was unsere Aufgabe im Leben ist. Wenn wir uns bestechen, kaufen lassen, können wir nicht das tun, was wir für richtig halten und irgend-wann wissen wir es auch nicht mehr. Wenn wir nur immer mehr haben wollen, dann wissen wir auch nicht mehr, was unsere Pflicht, unsere Aufgabe, ist. Wenn immer mehr horten, müssen wir uns um unseren Besitz kümmern, ihn pflegen verwalten, dafür sorgen, daß er sich vermehrt, uns nicht entgeht. Auch das verhindert, daß wir erkennen, was unsere Pflicht ist. Wenn man immerzu nur Geld haben will – und Aparigraha richtet sich im wesentlichen gegen das Anhäu-fen von Geld –, dann tut man andere Sachen nicht, die man eigentlich tun sollte. Wenn wir also alle diese drei Aspekte von Aparigraha beachten, erlangen wir das Verständnis für den Sinn der Geburt, die Pflichterfüllung. Patanjali sagt, wenn man sich nicht an die Yamas hält, wird man auch nicht glücklich. Man wird dann glücklich, wenn man seine Aufgabe findet und tut. Wenn man dagegen nur nach Gewinnsucht und Geld strebt ... Schaut euch die Leute an! Sie sind meist oberflächlich und relativ unglücklich. Die Yamas beziehen sich auf den Umgang mit anderen. Im Umgang mit anderen wollen wir Ahimsa üben, sie nicht verletzen und ihnen Liebe schenken. Dann wollen wir sie nicht anlügen, Satya, Wahrhaftigkeit. Wir wollen ihnen gegenüber Asteya üben, das heißt, ihnen nichts wegnehmen, sondern im Gegenteil teilen, was wir haben. Wir wollen sie nicht ausnutzen, Brahmacharya. Brahmacharya bedeutet auch, nicht nur Sexualität haben zu wollen, im Partner nicht nur das Sexualobjekt oder nicht in jedem Menschen einen potentiellen Sexualpartner zu sehen, sondern im anderen etwas Göttliches zu sehen. Aparigraha: wir wol-len uns nicht bestechen lassen von andern und kein Geld horten. – Hohe Ideale, aber durchaus praktika-bel. Nun folgen als zweiter Schritt die Niyamas, die für unser Privatleben gedacht sind, eine bestimmte Le-benseinstellung. Wir üben Shaucha, Reinheit und Santosha, Zufriedenheit. Wir üben Tapas, das hier durchaus im engeren Sinne als Askeseübung zu verstehen ist. Im Rahmen des Kriya Yoga kann man Ta-pas weiter definieren, aber im Zusammenhang mit den Niyamas bedeutet es Askese. Wir üben Swadhy-aya, Selbststudium im Sinne von Studium der Schriften und Studium von sich selbst, Introspektive. Und wir üben Ishwara Pranidhana, Hingabe an Gott, Gottesverehrung. Nun schauen wir, was Patanjali zu den einzelnen Nyamas sagt und
welche Konsequenzen ihre Einhaltung hat. 40. Shauchât svânga-jugupsâ parair asamsargah Shauchât = von Reinheit; svânga = seine Glieder, d.h. sein Körper; jugupsâ = Abscheu; paraih = mit anderen; asamsargah = kein Kontakt Durch die Reinigung entsteht Ekel gegenüber dem eigenen Körper und eine Abneigung, in physi-schen Kontakt mit anderen zu kommen. Diesen Vers mögen die wenigsten. In manchen Kommentaren über die Raja Yoga Sutras werden die Verse immer so abgewandelt, daß westliche Menschen keinen Anstoß daran nehmen ...Ich habe versucht, die wörtliche Übersetzung herauszufinden und es heißt tatsächlich so, man kann es nicht ändern. Frage: Ist das nicht auch unterschiedlich? Manchmal hat man zum Beispiel keine Lust auf Sexualität. Antwort: Grundsätzlich, nicht nur im Yoga, sondern im Leben ganz allgemein, bleibt nichts gleich, son-dern es gibt Wellen der Befindlichkeit. Wir müssen jetzt aber verstehen, wie das Wort Ekel hier gemeint ist. Das heißt nicht, daß es uns wirklich anekelt, sondern es bedeutet, daß die Fähigkeit entsteht, nicht mehr so sehr an den menschlichen Körper verhaftet zu sein. Wenn wir den Körper so rein wie möglich zu machen versuchen, erkennen wir, daß er letztlich immer irgendwelche Unreinheiten hat und das hilft uns, zu spüren: Ich bin nicht der Körper. Das führt auch dazu, daß wir im anderen Menschen auch weniger den Körper, die äußere Erscheinungsform sehen als vielmehr seine innere Qualität, seine Göttlichkeit. Letztlich ist Shaucha, Reinheit, eine Hilfe, uns vom Physischen zu lösen. Manche Menschen interpretieren Verhaftungslosigkeit so: Ich kümmere mich nicht um den physischen Körper, deshalb lasse ich meine Haare wachsen und verfilzen, wasche mich nicht, putze mir die Zähne nicht u.s.w.. – gut, heutzutage passiert das nicht mehr. Aber als ich mit Yoga angefangen habe, um 1980, in den Nachwehen der Hippiebewegung, da gab es schon einige, die barfuß mit ungewaschenen Füßen und verklebten Haaren und nicht gerade wohlriechend ins Yogazentrum kamen und denen man zuerst Shaucha klarmachen mußte. Es gab dort einen extra Stapel Handtücher, die für diese Art Menschen bestimmt war, damit sie als erstes ihr Gesicht, Füße und Hände wuschen. Heutzutage ist diese Art der äußerlichen Vernachlässigung in den Yogakreisen im Westen etwas außer Mode gekom-men; in Indien gab es das aber immer. Aber Patanjali sagt, nicht Vernachlässigung und Verdreckung sind ein Zeichen für das Nicht-Verhaftetsein an den Körper, sondern wenn wir uns um Sauberkeit bemühen, hilft uns das, uns besser davon lösen zu können. Das ist meine Abmilderung der Bedeutung dieser Yoga Sutra. Swami Vishnu hat sie in ähnlicher Form interpretiert. Aber er hat auch gesagt, ab einer gewissen Stufe der spirituellen Entwicklung, wenn die Reinheit sehr stark ist, hat man keine Lust mehr, mit anderen auf physische Weise in Kontakt zu kom-men. Aber auch hier muß man aufpassen. Wenn man mit einem Partner zusammenlebt, gibt es Phasen, wo man weniger Lust auf sexuelle Kontakte hat – zum Beispiel bei Frauen während der Periode, nach der Schwangerschaft, in den Wechseljahren oder bei bestimmten hormonellen Umstellungen. Aber das sind vorübergehende Schwankungen, die nicht wirklich aus Shaucha und einer wahrhaftigen Vairagya (Lei-denschaftslosigkeit) kommen. Man sollte damit den Partner nicht vor den Kopf stossen, indem man ihm zu verstehen gibt, daß man endgültig keine Lust mehr hat ...! Frage: Seitdem ich Yoga übe, passiert es mir auch, daß ich sexuellen Kontakt meide, daß ich keine Lust habe. Antwort: Ja, dann ist das in Ordnung, aber es muß nicht
immer so sein und auch nicht so bleiben. Ich selbst habe ja auch
Jahre als Mönch gelebt, zehn Jahre nach einem formellen Gelübde
und davor war ich eigentlich auch schon enthaltsam. Aber irgendwann
habe ich festgestellt, daß es für mich auf Dauer nicht
die geeignete Lebensform ist. 41.Sattvashuddhi-saumanasyaikâgryendriya-jayâtmadarshana-yogyatvâni cha Sattvashuddhi = Reinheit des Geistes; saumanasya = heiteres Gemüt; aikâgrya = Sammlung, Fixie-rung der Aufmerksamkeit; indriyajaya = Beherrschung der Sinne; âatmadarshana = Vision des Selbst; yogyatvâni = Eignung zu; cha = und Durch die Reinigung entstehen auch geistige Klarheit, Heiterkeit, Zielgerichtetheit, Kontrolle der Sinne und Eignung für die Verwirklichung des Selbst. Shaucha wird zu Sattvashuddi, dem sattwigen Prinzip der Reinheit. Ein großer Teil des Yoga besteht dar-in, daß wir uns bemühen, sattwig zu leben, uns sattwig zu ernähren, zu kleiden, sattwige Musik zu hören, Sattwa zu erzeugen. Je mehr Sattwa, desto mehr Reinheit ist da. Und daraus entsteht auch geistige Klar-heit und Heiterkeit. Ihr könnt auch einmal in eurer Wohnung schauen, wo ist vielleicht etwas, was nicht so sattwig ist, und wenn es ein Erbstück von der Urgroßmutter ist, ein uraltes Gemälde, auf dem eine Schlacht abgebildet ist. Natürlich müßt ihr dabei auch das Ahimsa-Prinzip beachten – wenn etwas ande-ren Familienmitgliedern am Herzen liegt, dann wirft man es natürlich nicht gleich weg. Aber wenn es niemand eigentlich mag, tut man es mindestens auf den Speicher oder gibt es weiter, wenn es jemand anders haben will. So kann man in verschiedener Art schauen, die Umgebung sattwig zu machen. Das gibt Klarheit, Heiterkeit, Zielbewußtheit, Kontrolle der Sinne und macht einen geeignet für die Verwirklichung des Selbst. Natürlich machen wir im Yoga auch noch mehr, um Reinheit
zu erreichen: Kriyas, Asanas, Pranayama, all das trägt sowohl
zur Reinigung des physischen Körpers wie auch des Geistes
bei. 42. Samtoshâd anuttamah sukha-lâbhah Samtoshâd = von Zufriedenheit; anuttamah = unübertroffen; sukha = Glück; lâbhah = Gewinn Aus Zufriedenheit entspringt höchstes Glück. Das ist vollkommen klar. Freude kommt, wenn wir zufrieden sind. Nun gibt es aber unterschiedliche Ar-ten von Zufriedenheit. Zufriedenheit kann sattwig, rajasig oder tamasig sein. Tamasige Zufriedenheit wäre: „Ist ja eh alles egal.“ Rajasige Zufriedenheit ist: „Ich bin zufriedener als alle anderen“, „Ich bin der zufriedenste Mensch auf Erden“ und wenn man daraus ein dickes Ego züchtet. Sattwige Zufriedenheit ist, das Beste aus allem zu machen. Sattwige Zufriedenheit heißt nicht Untätig-keit, sondern die Gewißheit, daß, was auch immer kommen mag, letztlich zu unserem Besten ist und daß wir daraus lernen können. Sattwige Zufriedenheit führt dazu, daß wir zwar aktiv sind, etwas tun, aber dabei innerlich loslassen, wissen, wir können den Ausgang letztlich nicht bestimmen, aber wie auch im-mer es kommt, irgendwie ist es gut für uns. Wir haben schon an anderer Stelle die verschiedenen Fragen durchgesprochen,
die man sich selbst stellen kann, um diese innere Einstellung zu
erreichen. Gerade in einer schwierigen Situation ist es wichtig,
sich zu fragen: Was ist hier meine Aufgabe, was kann ich in der
Situation lernen und was kann ich tun, um wieder glücklich
zu sein, entweder in der Situation oder wie kann oder muß ich
die Situation ändern. 43. Kâyendriya-siddhir ashuddhi-kshayât tapasah Kâya = der Körper; indriya = Sinnesorgane; siddhih = Kräfte; ashuddhi = Unreinheit; kshayât = bei Zerstörung; tapasah = durch Askese, Selbstzucht Die Auflösung von Unreinheiten durch Übungen der Selbstzucht führt Kräfte des Körpers und der Sinne herbei. Also Tapas, Askeseübungen, führen zur Auflösung von Unreinheiten und damit zu (übernatürlichen) Kräften des Körpers und der Sinnesorgane. Hier muß man sich bewußt sein, daß Patanjali eine regelmäßige Asana- und Pranayama-Praxis bereits als Tapas einstufen würde. Anders als in den meisten Kommentaren erwähnt, ist mit Asana eigentlich die Meditationshaltung gemeint, also das ruhige Sitzen. Trotzdem kann man das, was Patanjali über die Me-ditationshaltung sagt, auch als Grundaussage für die anderen Yogastellungen anwenden. Aber auch wenn wir Tapas konkret als Askese ausüben, dürfen wir den Körper nicht quälen! Es gibt ja in Indien und auch im Westen die Tradition, den Körper im Namen der Askes zu quälen und zu verunstalten. Im Mittelalter gab es die Geißler, die ihren Körper mit Peitschen und Nägeln zerstört haben – das gibt es in manchen Ländern bis heute. Oder in Indien stehen manche Menschen tage-, wochen- oder jahrelang auf einem Bein, bis Teile des Körpers absterben, verwelken und verledern. Das ist mit Tapas nicht gemeint. Tapas sollte zur Reinigung führen. Wenn wir Askeseübungen zur Reinigung des Körpers machen, führt das zu Kräften des Körpers und der Sinne. Fasten zum Beispiel ist eine einfache Methode, um ein subtile-res Wahrnehmungsvermögen zu entwickeln. Kalte Duschen führen zu einer Abhärtung und Kraft des Körpers, wie auch die Kneippkur. Man sollte sich zum Schluß immer kalt abduschen. Das ist eine der wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen gegen Herz–/Kreislaufkrankheiten und Erkältungen. Zuerst emp-findet man es zwar als unangenehm, aber nach einer Weile nicht mehr. Das habe ich im Sivananda Yoga Zentrum in Paris gemerkt. Dort fielen einmal die Heizung und das Warmwasser aus. Wir hatten einen Servicevertrag mit einer Firma, die in solchen Fällen die Reparatur kostenlos ausgeführt hat. Aber un-glücklicherweise stand im Vertrag nicht, daß die Reparatur innerhalb von 48 Stunden erfolgen sollte, son-dern innerhalb von zwei Wochen! Die Serviceleute kamen also erst nach zwei Wochen und so lange war erstens das Zentrum kalt und zweitens hatten wir nur kaltes Wasser. Für die Schüler haben wir mit E-lektroöfen die Zimmer aufgewärmt, aber sonst war es ziemlich kalt. Die ersten Tage war das furchtbar. Nach drei Tagen empfand man das Wasser nicht mehr als kalt, sondern als angenehm. Und nach ein oder zwei Wochen brauchte ich eigentlich kein warmes Wasser mehr. Auch Asanas und Pranayama regelmäßig zu üben, die Asanas länger zu halten als einem Spaß macht, Pranayama länger zu machen, als man zu-nächst Lust hat, all das führt zu Kräften des Körpers und der Sinne. Die höheren Sinne werden aktiv und wir bekommen Siddhis, übernatürliche Kräfte, wir können Subtiles wahrnehmen. Darüber hinaus können wir uns natürlich angewöhnen,
Dinge zu tun, die wir nicht mögen, in der etwas weiteren Interpretation
von Tapas. Auch das führt zu innerer Kraft. 44. Swâdhyâyâd ishta-devatâ-samprayogah Swâdhyâyâd = durch Selbststudium; ishta-devatâ = die ersehnte Gottheit; samprayogah = Vereini-gung Durch Studium, das zum Wissen über das Selbst führt,
entsteht Vereinigung mit der erwünschten Das ist zunächst einmal eine überraschende Aussage: Über Swadhyaya bekommen wir Zugang zu unserer persönlichen Gottheit. Im weiteren Sinne ist Swadhyaya zu verstehen als Studium der Schriften und Stu-dium des Selbst. Hier bedeutet Swadhyaya Selbstbefragung, ist der Versuch, immer mehr nach innen zu kommen, weniger zu analysieren, was sind meine Fehler, sondern mehr, wer bin ich selbst. Das bringt uns in Kontakt mit Gott, mit unserem Ishta Devata, unserer Vorstellung von Gott – und zwar noch bevor wir Verbindung zu Atman, dem höheren Selbst, bekommen. Auf einer gewissen Stufe der inneren Erkenntnis und inneren Verwirklichung entsteht so eine Verbindung zu einem persönlichen Aspekt Gottes. Zum anderen erhebt natürlich auch das Studium der Schriften
den Geist und hilft einem, Kontakt zu Gott zu bekommen, so daß wir
uns Gott besser hingeben können. 45. Samâdhi-siddhir Îshwara-pranidhânât Samâdhi = überbewußter Zustand; siddhih = Leistung, Fähigkeit; Îshwara = Gott; pranidhânât = durch Selbsthingabe Durch die Hingabe an Ishwara entsteht die Fähigkeit, Samadhi zu erreichen. Hier wiederholt Patanjali, was er im ersten Kapitel schon erläutert hat. Hingabe an Gott führt zwar nicht sofort zu Samadhi, aber sie versetzt einen in die Lage, Samadhi zu erreichen. Wenn wir Gott hingegeben sind, kommt Samadhi-siddhir, die Fähigkeit, die Kraft für Samadhi. Patanjali erwähnt Ishwara-pranidhana an drei Stellen in den Yoga Sutras, aber er führt es nicht übermä-ßig aus, denn er will Religionskriege vermeiden. Im Hinduismus gab und gibt es als religiöse Hauptströ-mungen die Shiva-, Krishna- und Devi-Verehrer sowie zahlreiche Nebenrichtungen. Wenn Patanjali die Gottesvorstellung nun irgendwie konkretisiert hätte, hätten vielleicht die Vaishnavas (Anhänger Vishnus) dem widersprochen, oder die Shaivas (Anhänger Shivas) oder die Shaktis (Anhänger der weiblichen göttli-chen Energie). So hat er seine Aussage ganz allgemein gehalten, um niemandem auf die Füße zu treten, denn religiöse Gefühle sind sehr schnell zu verletzen. Das ist mir auch schon öfter aufgefallen bei Seminarteilnehmern,
die wirklich gläubige Christen sind. Da muß ich es weitestgehend
vermeiden, über Jesus zu sprechen. Denn es geht sehr schnell,
daß ich etwas anderes sage, als das, was jemand glaubt. Wenn
ich allgemein über Jesus als großen Meister oder als
eine Inkarnation Gottes spreche, ist es ok. Sobald ich es etwas
konkretisiere, stimmt es meistens mit den Glau-bensvorstellungen
des Einzelnen nicht überein. Ich habe auch eine gewisse Hingabe
an Jesus, wobei ich zugeben muß, daß er nicht mein
wichtigster Bezug zum Göttlichen ist. Ich fühle mich
durchaus inspiriert, wenn ich das Neue Testament lese oder ein
Bild von Jesus sehe oder wenn ich in eine Kirche gehe, wo manchmal
sehr gute Schwingungen sind. Aber mein Bezug ist ein etwas anderer
als der typisch christli-che. Wenn ich dann auf meine Weise versuche,
dies darzulegen, fühlen sich manche gekränkt und haben
das Gefühl, ich würde negativ über Jesus sprechen,
was aber ganz sicher nicht in meiner Absicht liegt. Man muß sehr
vorsichtig sein, wenn man mit Menschen spricht, die eine feste
religiöse Überzeugung ha-ben. Sthira = unbewegt; sukham = bequem; âsanam = Haltung Die Körperhaltung soll fest und bequem sein. Für die Meditation sollte die Sitzhaltung längere Zeit unbeweglich und entspannt möglich sein. Sie sollte auch angenehm sein. Das ergibt sich im Laufe der Zeit. Das gilt aber auch für die Hatha Yoga Asanas. Auch sie sollten
fest und angenehm sein, sie sollten keine Quälerei sein, obwohl
sie auch mal anstrengend sein dürfen und können. 47. Prayatna-shaithilyânanta-samâpattibhyâm Prayatna = Anstrengung; shaithilya = Entspannung; ânanta = das Endlose; samâpattibhyâm = durch Meditation Die Stellung wird durch Befreien von Spannung und durch Meditation auf das Unbegrenzte ge-meistert. Jetzt erklärt Patanjali, wie wir die Stellung meistern, nämlich nicht mit Gewalt, sondern durch Entspan-nen und Meditieren. Wir können Vollkommenheit in den Asanas erreichen, indem wir entspannen und über das Unendliche meditieren. Das gilt jetzt auch wieder in der Meditation, wo wir versuchen, erst ein-mal loszulassen, den Körper zu entspannen. Und dann meditieren wir über das Unendliche. Es gilt aber auch für die Hatha Yoga Asanas. Wenn wir in
der Kobra (Yogastellung) sind, gibt es natürlich gewisse Muskeln,
die wir anspannen – Gesäß, mittlerer und unterer Rücken,
Latissimus, ein paar Ober-armmuskeln, Schulternmuskeln – aber das
Gesicht bleibt entspannt, der Bauch ist entspannt, Zehen sind entspannt
u.s.w... Wir lassen in der Stellung los und entspannen. Wenn wir
dann in der Asana sind, kön-nen wir uns vorstellen, ich meditiere über
das Unendliche, ich bin verbunden mit dem Unendlichen, ich bin
eins mit dem Unendlichen – das ist eine schöne Weise, Asanas
auszuführen. Tatah = davon (von der Beherrschung der Haltung); dvandva = Gegensatzpaare; anabhighâtah = kei-ne Angriffe Durch diese Meisterung der Asanas kommen keine Angriffe der Gegensatzpaare. Die Dvandvas, Zweiheiten – vom Wortstamm dva, zwei – greifen einen nicht mehr an. Wenn wir die Asa-na mit dieser inneren Einstellung ausführen, werden wir nicht mehr so schnell berührt von den Gegen-satzpaaren wie Hitze und Kälte, Vergnügen und Schmerz, Lob und Tadel, angenehm und unangenehm, gutes Essen oder schlechtes Essen, fades oder versalzenes Essen u.s.w.. Wir lernen es, in der Meditation reglos zu sitzen. Wenn uns eine Fliege über die Nase kriecht, was machen wir? – Ruhig sitzenbleiben. Wenn uns langsam ein Moskito ansaugt, schenken wir ihm in der Meditation Liebe und einen Tropfen Blut, damit es damit glücklich werden kann. Wenn wir allerdings eine Allergie haben gegen Moskitos, was machen wir dann? – Dann verjagen wir es. Oder wenn wir meditieren und der Schweiß rinnt herunter, weil es sehr heiß ist, was machen wir? Sitzenbleiben. Wenn wir allerdings mer-ken, daß der Schweiß langsam in die Augen hineinrinnt, dann müssen wir etwas tun, denn das ist nicht gesund für die Augen. Aber solange er nur die Augenbraue entlangrinnt – dafür haben wir sie ja! – ist es ok. Und wenn uns die Hüfte weh tut, was machen wir? Wir bleiben ruhig sitzen. Und wenn sie extrem wehtut, was machen wir? Wir bewegen uns. Es gibt Grenzen, man muß abwägen und den gesunden Ver-stand einschalten, denn wir wollen uns nicht irgendwie schädigen. Aber wir lassen los, wir bleiben ruhig sitzen, so weit es möglich ist und so lernen wir Gleichmut. Einen der großen Glaubenskriege unter Yogis findet man oft bei größeren Gruppen. Es gibt die Partei der Fenster-auf- und die der Fenster-zu-Anhänger, die sich richtig streiten können. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, daß schlechte Luft auf Sauerstoffmangel zurückzuführen ist. Der Mensch verbraucht gar nicht so viel Sauerstoff. Ich habe das interessehalber mal für unsere Yogaräume ausgerechnet. Wenn sich in einem relativ kleinen Raum hundert Leute aufhalten, reicht die Luft einige Stunden aus, selbst wenn der Raum luftdicht abgeschlossen wäre, bevor es zu einem Sauerstoffmangel kommt. Selbst bei geschlossenen Türen und Fenstern gibt es in der Regel noch genügend Luftaustausch. Was man riecht, ist nicht der Mangel an Sauerstoff, sondern die Ausdünstungen der Menschen. Bei schlechter Luft ist immer noch genügend Sau-erstoff da, aber es sind halt Geruchspartikel in der Luft und die sind nicht so schädlich! Umgekehrt erkäl-tet man sich auch nicht von Kühle. Es gibt ausreichend Versuche, die zeigen, daß ein Mensch allein davon, daß er im Kalten sitzt, keine Erkältung bekommt. Ein bißchen zu frieren ist also nicht schlimm und wenn es mal ein bißchen riecht, ist es auch nicht schlimm. Wir können also ruhig sitzenbleiben und diesen Gleichmut inmitten der Dvandvas entwickeln. Für mich persönlich habe ich diesen Gleichmut im Laufe meiner Zeit in Yogazentren entwickelt. Wenn ich Gruppen leite, muß ich abwägen, was will die Mehrheit und entsprechend eingreifen. Aber für mich selbst ist es eine große Quelle von Frieden, daß es mir ziem-lich egal ist, ob das Fenster auf ist oder zu. Und das kann man in vielerlei Hinsicht anwenden. Der westli-che Mensch ist sehr stark daran gewöhnt, die Umgebung zu manipulieren. Wenn es kalt ist, Heizung auf. Wenn es warm ist, Klimaanlage an. Wir können aber lernen, uns in Gleichmut zu üben. Und Asanas hel-fen, das zu erreichen. Natürlich gibt es auch kompliziertere Dvandvas, Gegensatzpaare,
die nicht so leicht aufzulösen sind. 49. Tasmin sati shvâsa-prashvâsayor gati-vicchedah prânâyâmah Tasmin = nach dieser; sati = gewesen; shvâsa-prashvâsayoh = des Ein-und Ausatmens; gati = Bewe-gung; vicchedah = Aufhören, Unterbrechung; prânâyâmah = Regulierung des Atems Die nächste Stufe ist Pranayama, die Kontrolle von Einatmung und Ausatmung. Pranayama heißt wörtlich „Herrschaft über das
Prana“. Prana ist die Lebensenergie. Wir beherrschen die Lebensenergie über
den Atem. 50. Bâhyâbhyantara-stambha-vrittir deshakâla-samkhyâbbih paridrishto dîrghasûkshmah Bâhya = äußere; âbhyantara = innere; stambha-vrittih = unterdrückte Bewegung; desha = Ort; kâla = Zeit; samkhyâbhih = Zahl; paridrishtah = gemessen, reguliert; dîrgha = verlängert; sûkshmah = subtil, verfeinert Pranayama ist Einatmung, Ausatmung oder Anhalten des Atems; es wird durch Ort, Zeit und Dau-er reguliert und fortschreitend verlängert und verfeinert. Diesen Vers halte ich für ganz genial. Darin sind alle Pranayama-Techniken zusammengefaßt, denn ei-gentlich bestehen alle Atemübungen darin, daß man einatmet, anhält und ausatmet. Es gibt Ort, Zeit und Dauer. Zum Beispiel durch das linke Nasenloch einatmen, durch das rechte Nasenloch ausatmen, durch den Mund, tiefe Bauchatmung, oder Bauch- und Brustatmung – das sind verschiedene Orte der Atmung. Zeit: Wir haben einen bestimmten Rhythmus, zum Beispiel vier Sekunden lang einatmen, sechzehn Se-kunden lang anhalten, acht Sekunden ausatmen. Und Dauer: Wir können vier Runden machen, oder eine halbe Stunde oder zwei Stunden lang üben. Damit sind alle Atemübungen beschrieben. Alle Atemübungen bestehen aus einer entsprechenden Veränderung von Ort, Zeit und Dauer der Ein- und Ausatmung und des Anhaltens. Und jetzt sagt Patanjali, das Pranayama wird fortschreitend verlängert. Wir machen mehr und mehr Pra-nayama, gut, vielleicht nicht das ganze Leben lang immer mehr, sonst würden wir irgendwann nur noch Atemübungen machen. Aber wir beginnen mit der Pranayama-Praxis ganz leicht, erhöhen die Menge und Dauer langsam und schrittweise und auch das Atemanhalten wird im Laufe der Zeit typischerweise im-mer länger. Und der nächste Schritt ist besonders wichtig: es wird verfeinert,
wird subtiler. Am Anfang ist es wichtig, wie man die Hand hält,
ob die Schultern gerade und locker sind und nicht hochgezogen,
ob das Kinn rich-tig zur Brust gesenkt ist u.s.w.. Irgendwann ist
das nicht mehr so wichtig, der Körper ist richtig in der Stellung,
wir brauchen uns nicht mehr darum zu kümmern. Das Pranayama
wird feiner, subtiler und es ist jetzt wichtig, sich zu konzentrieren.
Man nimmt das Prana mehr und mehr wahr und schließlich sitzt
man einfach da und steuert das Prana. Man braucht dann gar keine
großartigen äußeren Geschichten mehr zusätzlich
zu machen. Man hält zwar trotzdem noch die Luft an, atmet
auch an der richtigen Stelle aus, aber das ist nicht das Wichtige.
Das Wichtige ist die subtile Lenkung von Prana. 51. Bâhyâbhyantar-vishayâkshepî chaturthah Bâhya = äußere; âabhyantara = innere; vishaya = Bereich, Sphäre; âkshepî = darüber hinausgehend; chaturthah = die vierte Die vierte Art des Pranayama geht über die Sphäre von Einatmung und Ausatmung hinaus. Das ist Kevala Kumbhaka, der meditative Atem. Wir atmen nicht
mehr ein und aus und halten die Luft an, sondern der Atem setzt
von selbst aus. Auch das können wir zuerst üben, indem
wir bewußt wenig Luft einatmen und wenig Luft ausatmen, so
daß Ein- und Ausatmung ineinander übergehen und die
Ent-fernung, die der Atem aus den Nasenlöchern macht, sehr
klein wird. Und schließlich setzt der Atem ganz aus. Das
kann in der Meditation auch von selbst geschehen. Wenn das mal
geschieht, laßt es einfach zu. Ihr braucht keine Angst zu
haben. Man fällt nicht in Ohnmacht und hat auch keinen Sauerstoffmangel.
Das gilt als die höchste Form des Pranayama. 52. Tatah kshîyate prakâshâvaranam Tatah = dann, davon; kshîyate = wird aufgelöst, verschwindet; prakâsha = Licht; âavaranam = Bede-ckung, Schleier Dies entschleiert das Licht. Kevala Kumbhaka als höchste Form im besonderen und Pranayama
im allgemeinen entschleiern, enthül-len das Licht. Wenn wir
regelmäßig Pranayama üben, haben wir ein Gefühl
von Licht, von Leichtigkeit, von Erleuchtung, von Energie, wir
fühlen uns sehr licht, leicht und weit. 53. Dharanasu cha yogyata manasah Dhâranâsu = für Konzentration; cha = und; yogyatâ = Eignung; manasah = des Verstandes Und macht den Geist geeignet für Dharana (Konzentration). Atemübungen sind das Beste, um Konzentrationsfähigkeit zu entwickeln. Meine große Schwierigkeit am Anfang des spirituellen Weges
war, daß ich nicht meditieren konnte, weil mein Geist sehr
aktiv war. Ich konnte mich zwar auf äußere Objekte gut
konzentrieren. Ich konnte gut lernen und alles mögliche, aber
mich auf OM oder ein Mantra zu konzentrieren, das ging nicht. Ich
habe dann jeden, dessen ich habhaft werden konnte, gefragt: Was
soll ich tun, um besser meditieren zu können. Daraufhin habe
ich natürlich viele Ratschläge bekommen; einer davon
war, viel Pranayama zu üben. Das habe ich dann auch gemacht
und es hat schließlich dazu geführt, daß mein
Geist sich besser konzentrieren konnte. 54. Sva-vishayâsamprayoge chitta-svarûpânukâra ivendriyânâm pratyâhârah Sva = eigen, entsprechend; vishaya = Objekte; asamprayoge = nicht in Berührung kommend; chitta = Geist, Verstand; svarûpa = eigene Natur; anukârah = Nachahmung; iva = als ob, wie; indriyânâm = durch die Sinne; pratyâhârah = Abstraktion, Zurückziehen Pratyahara ist die Nachahmung des Geistes durch die Sinne, die durch das Zurückziehen der Sin-ne von ihren Objekten entsteht. Anstatt die Sinne weiterhin unkontrolliert nach außen gehen zu lassen, lernen wir die Fähigkeit, die Sin-ne nach innen zu bringen und so in unserem Inneren zu bleiben. Im Normalfall gehen die Sinne ständig nach außen. Man hört etwas und will sofort reagieren, denkt darüber nach. Man sieht etwas und denkt darüber nach oder will es gleich haben. Der Mensch sieht eine schöne Blume im Wald – was macht er? Er will sie haben und pflückt sie. Er sieht ein Kleidungsstück in einem Geschäft, das ihm gefällt – was macht er? Er kauft es. Da gibt es eine schöne Geschichte. Es war einmal ein Minister in einem indischen Königreich. Jeden Tag ritt er mit einem wunderbar geschmückten Pferd, das eine prachtvolle Decke trug, zum Palast. Er selbst war prächtig gekleidet und mit Diamanten und Juwelen geschmückt. Ein alter Bettler im Park sah ihn jeden Tag vorbeikommen. Nach ein paar Jahren sagte er zu dem Minister: „Ich danke dir so sehr.“ Der Minister fragte: „Warum dankst du mir?“ Der Bettler antwortete: „Du hast mich so reich beschenkt, vor allem mit deinen Juwelen.“ Der Minister fürchtete, er hätte vielleicht Juwelen verloren und der Bettler hätte sie gefunden. Deshalb fragte er: „Habe ich dir Juwelen gegeben?“ Da sagte der Bettler: „Nein, aber jeden Morgen und jeden Abend sehe ich dich so geschmückt mit diesen Juwelen. Das ist ein so schöner Anblick für mich.“ Die Moral von der Geschichte: Der Bettler sieht die Juwelen und erfreut sich daran, aber der Minister sieht sie nicht, während er sie trägt. Der Bettler hätte natürlich auch anders empfinden können. Er hätte vor Neid erstarren und denken können: „Der hat all diese Juwelen, und ich armer Schlumpf muß von Bettelgaben leben.“ Aber er hat sich daran erfreut. So können wir uns an Dingen freu-en, ohne sie zu besitzen. Wir können aber auch die Sinne nach innen ziehen und gar
nicht mehr an die äußeren Objekte denken. Auch eine Übung,
die man ab und zu machen kann, wenn man plötzlich den Wunsch
nach irgend etwas hat: Man versucht, den Geist nach innen zu bringen.
Es gibt verschiedene Techniken, wie man den Geist von äußeren
Objekten wegziehen kann. Die einfachste ist, bewußt auf den
Atem zu konzentrieren oder ein Mantra zu wiederholen oder beides
zusammen. 55. Tatah paramâ vashyatendriyânâm Tatah = dann, davon; paramâ = höchste, größte; vashyatâ = Beherrschung; indriyânâm = über die Sinne Daraus erwächst die höchste Meisterschaft über die Sinne. Wenn wir in der Lage sind, den Geist immer dann, wenn die Sinne nach außen gehen, wieder zurückzu-ziehen und innen zu behalten, so lange wir wollen, ist es Pratyahara. Volles Pratyahara ist auch, wenn wir in einem Vortrag oder in der Meditation sitzen, über uns jemand mit dem Schlagbohrer bohrt und wir es nicht merken. Da gibt es eine Geschichte von Sami Sivananda. Einmal sagte er, er wolle den ganzen Tag lang hauptsäch-lich meditieren und deshalb nicht ins Büro kommen. Seine Schüler dachten in diesem Moment nicht mehr daran, daß das der Tag war, an dem die Straße gemacht werden sollte, die direkt an Swami Sivanandas Kutir (Hütte) vorbeiführte. Den ganzen Tag arbeiteten die Straßenbauer also dort mit dem Preßluftham-mer und allem, was so mit dem Straßenbau zusammenhängt. Am Abend, als Swami Sivananda zum Sat-sang (gemeinsame Meditation) kam, entschuldigten sich die Schüler, daß sie ihn nicht vorgewarnt hatten. Er fragt, wieso und wovor. „Na ja, die Straßenarbeiten ...“ Swami Sivananda sagte: „Ich habe nichts ge-hört“ und er war wirklich total erstaunt, als sie ihm das sagten. Er war nicht nur höflich, sondern er hatte tatsächlich nichts gehört. Er hatte einen Preßlufthammer direkt neben seinem Meditationsraum nicht gehört. Das ist Pratyahara. Dieses Beispiel soll uns nun nicht frustrieren, sondern uns zeigen,
daß wir auch irgendwann einmal so weit kommen werden. Auch
wir werden diesen Zustand erreichen. |
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