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Raja Yoga Sutra von Patanjali

Kommentar von Sukadev Bretz zu den Raja Yoga Sutras von Patanjali - alles zum Thema Patanjali Yoga

 

 

Erstes Kapitel: Samadhi Pada  Theorie des Geistes


1. Atha
2. Yogash
3. Tadâ drashtuh swarûpe ‘vasthânam
4. Vritti sârûpyam itaratra
5. Vrittayah pañchatayyah klistâklistâh
6. Pramâna–viparyaya–vikalpa–nidrâ–smritayah
7. Pratyakshânumânâgamâh pramânâni
8. Viparyayo mithyâ–jñânam atad–rûpa–pratishtham
9. Shabda–jñânânupâtî–vastu–shûnyo–vikalpah
10. Abhâva–pratyayâlambanâ vrittir nidrâ
11. Anubhûta–visayâsampramoshah smritih
12. Abhyâsa–vairâgyâbhyâm tan–nirodhah
13. Tatra
14. Sa tu
15. Drishtâ
16. Tat param
17. Vitarka–
18. Virâma–pratyayâbhyâsa–pûrvah
19. Bhava–pratyayo videha–prakrtilayânâm
20. Shraddhâ–vîrya–smriti–samâdhi–prajnâpûrvaka
21. Tîvra–samvegânâm âsannah
22. Mridu–madhyâdhimâtratvât tato’pi visheshah
23. Îshwara–pranidhânâd vâ
24. Klesha-karma-vipâsakâshayair aparâmrishtah
25. Tatra niratishayam Sarvajna–bîjam
26. Sa pûrveshâm api guruh kâlenânavacchedât
27. Tasya vâchakah pranavah
28. Tajjapas tad–artha–bhâvanam
29. Tatah pratyak–chetanâdhigamo ’py
30. yâdhi–styâna–samshaya–
31. Duhkha-daurmanasyângamejayatva-shvâsa-prashvâsâ vikshepa-sahabhuvah
32. Tat–pratishedhârtham eka–tattvâbhyâsah
33. Maitrî–karunâ–muditopeksânam
34. Pracchardana–vidharanabyam va pranasya
35. Visayavati va pravrttir utpanna manasah
36. Vishokâ vâ jyotishmatî
37. Vîta-râga-vishayam vâ chittam
38. Svapna-nidrâ-jnânâlambanam vâ
39. Yathâbhimata–dhyânâd vâ
40. Paramânu-parama-mahattvânto `sya vashikârah
41. Kshîna-vritter abhijâtasyeva maner
42. Tatra shabdârtha-jnâna-vikalpaih samkîrnâ
43. Smriti-parishuddhau
44. Etayaiva savichârâ nirvichârâ cha
45. Sûkshma-vishayatvam châlinga-paryavasânam
46. Tâ eva sabîjah samâdhih
47. Nirvichâra–vaishâradye ’dhyâtma–prasâdah
48. Ritambharâ tatra prajnâ
49. Shrutânumâna-prajnâbhyâm anya-vishayâ
50. Taj-jah samskâro ’nya-samskâra-prati-bandhî
51. Tasyâpi nirodhe sarva-nirodhân nirbîjah
 
 

1. Atha yogânushâsanam

atha = jetzt, nun; Yoga = Yoga; Einheit, Vereinigung; anusasanam = Lehre, Auslegung

Nun wird Yoga erklärt.

Wenn wir dazu neigen, alles immer zu verschieben, müssen wir atha sagen: Jetzt, nicht morgen. Jetzt wird Yoga erklärt und praktiziert.
 

2. Yogash chitta–vritti–nirodhah

Yogash = Yoga ist; chitta = Geist, Verstand; vritti = Gedanken(wellen), nirodhah = Zur–Ruhe–Bringen, Aufhören

Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist.

Der Geist ist wie das Wasser in einem See, auf dessen Grund ein Schatz ruht. Wenn das Wasser sich be-wegt, entstehen Wellen, und wir können nicht auf den Grund schauen, um diesen Schatz zu sehen.

Nirodhah ist also das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes, was als einer der fünf Grundzustände des Geistes gilt.
 
 

Um es mit dem Seevergleich auszudrücken:

Im Mudha-Zustand ist das Wasser völlig verschmutzt. Man sieht gar nichts von dem Schatz, der unten liegt. Wir sind gar nicht bei unserem Selbst, sondern sehr weit davon entfernt. Das führt zu Traurigkeit, Verzweiflung, Depression. Es dominieren Gedanken und Gefühle wie „Ich kann nicht“, „Ich will nicht“, „Keiner mag mich“, „Alles hat keinen Sinn“,. Man hat nur noch den Wunsch, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, entweder für alle Ewigkeit oder mindestens solange, bis es wieder besser wird. Das ist Mud-ha.

Kshipta, der zerstreute Zustand, ist, wenn wir ständig an etwas anderes denken und alles vergessen, was wichtig ist. Man möchte dann zum Beispiel gleichzeitig Wäsche aufhängen, mit dem Kind spielen, Yoga praktizieren, dazwischen nach dem Essen schauen, lesen, fernsehen, jemanden anrufen... und inzwischen springt die Katze in die Wäsche, und das Kind schreit.

Vikshipta ist das Bemühen um Konzentration. Nehmen wir als Beispiel diesen Vortrag. Folgt man ihm gar nicht, ist es Mudha. Denkt man dabei dauernd an alles mögliche andere, dann ist es Kshipta. Bemühen wir uns, dem Vortrag zu folgen und es taucht nur ab und zu ein anderer Gedanken auf, dann ist es Viks-hipta.

Und wenn man vollkommen konzentriert ist, ohne irgendeinen anderen Gedanken zu haben und ohne sich selbst noch zu spüren einfach nur folgt, dann ist es Ekagrata, Einpünktigkeit, das, was die humanistische Psychologie heute als „Flow“-Erfahrung bezeichnet. Man ist voll konzentriert, man fließt mit, es fließt einfach, das Ego spielt keine Rolle. Es ist mir bei Swami Vishnus Vorträgen öfter so gegangen, daß ich sie inhaltlich einfach aufgenommen habe, die einzelnen Worte waren ganz unwichtig, es kam einfach so. Das kann bei allen möglichen Tätigkeiten passieren, zum Beispiel beim Singen. Nicht mehr ich singe, sondern es geschieht einfach. Manche erleben es am Computer, Handwerker bei der Arbeit, Köche beim Kochen. Ekagrata tritt immer dann ein, wenn es kein Bemühen um Konzentration gibt, sondern wenn sie einfach geschieht.

Schließlich folgt Nirodhah, wo es gar keinen Gedanken mehr gibt.

Das erste Kapitel spricht dann noch verschiedene Stufen von Ekagrata an, also wie wir uns voll konzent-rieren könnnen und welche Erfahrungen dabei kommen. Im täglichen Leben ist Ekagrata eine Folge von Vikshipta, des Bemühens um Konzentration. Und zwar führt entspanntes, nicht-gestreßtes Vikshipta zu Ekagrata. Wenn man ganz losgelöst ist, wird man plötzlich ganz konzentriert.

Dieses Modell hilft, sich mit gewissen Gemütszuständen weniger zu identifizieren. Wenn man zum Bei-spiel sagt: „Ach, ich bin heute so kaputt!“ oder „Ich bin so deprimiert!“, „Mir geht es wieder so schlecht!“, dann klingt das schon sehr vernichtend. Schon allein der Gedanke macht einen noch deprimierter oder läßt es einem noch schlechter gehen. Sagt man aber „Mein Chitta ist in Kshipta“, dann ist das nicht so tragisch. Nicht „Ich bin deprimiert“, sondern „Mein Chitta ist in Mudha“ – und dann kann ich ja etwas daran ändern, kann überlegen, was mir hilft, aus diesem Mudha-Zustand heraus in Kshipta zu kommen und aus Kshipta in Vikshipta. Um das zu trainieren und sich bewußt zu machen, ist es auch gut, eine oder zwei Wochen lang ein Tagebuch zu führen, in dem man zum Beispiel aufschreibt: Wie lange war ich jeden Tag in Mudha, wie lange in Kshipta, in Vikshipta u.s.w..? Wer oder was hat die Übergänge erzeugt?

Frage: Wie kann man sich von einem Zustand in den anderen versetzen?

Das ist individuell und je nach Situation verschieden. Manchmal geschieht es automatisch durch äußere Einflüsse. Angenommen, man fühlt sich schlecht, und jemand klopft einem plötzlich auf die Schulter, während er sagt: „Was du da gestern gemacht hast, das war ja richtig toll!“, dann wird man meist aus Mudha herausgehoben. Manchmal ist man aber so tief verstrickt, daß selbst das nichts nützt. Manchmal führt auch äußerer Druck aus Mudha heraus, zum Beispiel, wenn man sehr viel zu tun hat und keine Zeit bleibt, sich selbst zu bemitleiden.

Es gibt drei Ursachen, warum man sich schlecht fühlen kann oder in den Mudha–Zustand hineinkommt: Es kann ein äußerer Grund sein, ein innerer Rhythmus oder es geschieht einfach ohne erkennbaren An-laß.

Eine wichtige Aufgabe eines Aspiranten (Yogaschüler, jemand, der auf dem spirituellen Weg ist) ist es, dafür zu sorgen, nicht zu lange in Mudha und Kshipta zu bleiben. Das hängt von einer gewissen Grundzu-sammensetzung unseres Unterbewußtseins ab. Wenn viel Tamas (Trägheit, Dunkelheit) im Unterbewußt-sein ist, sind wir relativ viel in Mudha. Herrscht Rajas (Aktivität) vor, sind wir relativ viel in Kshipta. Wenn Sattwa (Reinheit) überwiegt, sind wir eher in Vikshipta und auch in Ekagrata. Wenn man sich nicht bemüht und an sich arbeitet, bleibt der Grundzustand im Leben relativ konstant. Menschen haben unab-hängig von äußeren Veränderungen einen gewissen Glückslevel; das hat auch die moderne Psychologie festgestellt. Bei einer vollkommenen Veränderung im Leben wird man ein paar Monate lang durcheinan-dergeschüttelt, dann pendelt sich der innere Gemütszustand wie vorher ein. Die Vorstellung, durch die Veränderung äußerer Umstände glücklich zu werden, stimmt also nicht so ganz. Äußere Veränderungen können eine Hilfe sein, damit wir besser an der inneren Transformation arbeiten können. Das kann dann auch sehr schnell gehen, denn wir arbeiten im Yoga auf mehreren Ebenen, um auch innerlich etwas zu verändern. Auch die verschiedenen Asana- und Pranayamapraktiken erhöhen Sattwa in uns. Ist mehr Sattwa und mehr Energie da, fällt es leichter, in Vikshipta oder Ekagrata zu kommen und zu bleiben. Auch Meditieren und Mantrasingen sind Gelegenheiten, mehr Sattwa zu schaffen.

Wenn wir in einer depressiven Stimmung sind, können wir überlegen, was wir konkret tun können. Je nach Situation kann die Antwort heißen, daß man einfach mal entspannen oder sich mit etwas Bestimm-tem beschäftigen, sich reinigen, ein paar Runden Pranayama machen muß. Manchmal reicht es auch aus, dem Geist zu sagen: „Das ist jetzt eine Depression, die will ich nicht“ und den Geist davon abzubringen, das heißt also, Nicht-Identifikation und Umschalten.

Oder wenn man zerstreut ist, wenn der Geist unruhig ist und vieles gleichzeitig machen will, dann hilft es manchmal, aufzuschreiben, was alles zu tun ist, Prioritäten zu setzen und dann eins nach dem anderen zu erledigen.

Es gibt verschiedene Gründe, warum der See in Bewegung kommen kann:

Der Wind, der bläst und das Chitta durcheinanderbringt, ist letztlich unser Prana. Ist das Prana unruhig, wird auch das Chitta unruhig.

Der zweite Grund sind Boote auf dem See, also äußere Ereignisse, die Unruhe erzeugen.

Fische bewegen sich von unten herauf, das sind Eindrücke aus dem Unterbewußtsein, die an die Oberflä-che kommen und den See aufwühlen.

Wenn wir die Gründe für die Bewegung ausschalten, also nicht mehr so leicht auf äußere Ereignisse rea-gieren, wenn wir unser Unterbewußtsein langsam reinigen – das ist ein langanhaltender Prozeß –, und unser Prana harmonischer machen, wird der See langsam ruhiger. Dann kommen wir öfter zu Vikshipta und Ekagrata, dann allmählich zu Nirodhah und schließlich auch zu „Tadâ drashtuh swarûpe ´vasthânam“, wo „der Seher in seinem wahren Wesen ruht“. – Aber bis dahin dauert es eine Weile!
 

3. Tadâ drashtuh swarûpe ‘vasthânam

tadâ = dann; drastuh = Seher; swarûpe = eigene Natur; avasthânam = Niederlassung

 Dann ruht der Wahrnehmende (Seher) in seiner wahren Natur.

Sind die Gedanken, die Vrittis, ruhig, dann ruhen wir in unserem wahren Wesen, in unserer eigentlichen Natur. Wir sind nicht der Geist, wir sind nicht die Gedanken, wir sind reines Bewußtsein, Bewußtsein jenseits der Gedanken, was auch als Sat-Chid-Ananda, Sein-Wissen-Glückseligkeit, erfahrbar ist.
 

4. Vritti sârûpyam itaratra

vritti = Gedankenwellen, Verhaltensweisen; sârûpyam = Identifizierung; itaratra = in anderen Zu-ständen

In anderen Zuständen (wenn der Geist nicht konzentriert ist), identifiziert sich der Wahrnehmende mit seinen Gedanken.

In allen anderen Gemütszuständen außer Nirodhah identifiziert sich der Sehende mit seinen Vrittis. Und je mehr wir uns mit den Gedanken identifizieren, um so stärker werden sie. Wenn wir uns weniger auf die Gedanken einlassen, verschwinden sie auch leichter wieder. Wenn ein Gedanke kommt und man wenig mit ihm anfangen kann, dann ist er schnell wieder weg. Wenn aber ein Gedanke auftaucht, mit dem man sich sofort identifiziert, dann wird er sehr stark. Trotzdem sagt Patanjali, eine gewisse Identifikation sei immer da, sowie wir anfangen zu denken. Ohne Identifikation gäbe es keine Gedanken und ohne Gedan-ken keine Identifikation.

Bis jetzt hat Patanjali darüber gesprochen, was Yoga ist und welche Konsequenzen es hat, wenn wir nicht in Nirodhah sind. Im folgenden beschreibt er die verschiedenen Formen von Vrittis.
 

5. Vrittayah pañchatayyah klistâklistâh

vrittayah (Mehrzahl von vritti) = Gedankenwellen; pañcatayyah = fünffältig; klistâ = schmerzlich; aklistâh = nicht schmerzlich

Es gibt fünf Arten von Gedankenwellen, von denen einige schmerzvoll sind und einige nicht.

Alle Gedanken sind entweder klistâh, schmerzvoll, oder aklistâh, nicht schmerzlich. Es gibt also keine freudvollen Gedanken. Freude, Ananda, ist nur im Selbst. Die Gedanken an sich sind nicht freudvoll. Wenn Patanjali von Gedanken spricht, beinhaltet das immer auch die Emotion. Vritti ist Gedanke plus Worte, Bilder und Gefühle. Gedanken und Emotionen sind zwei Aspekte von Vritti, die eigentlich nicht so unterschiedlich sind, wie es in der westlichen Psychologie angenommen wird. Wenn ich zum Beispiel „Baum“ sage oder denke, ist das mit bestimmten Gefühlen verbunden. Wenn ich „Panzer“ sage, fühlt sich das ganz anders an, und „Maikäfer“ gibt wieder einen ganz anderen Eindruck. Es gibt also eigentlich kei-ne Gedanken, die gänzlich vom Gefühl losgelöst sind. Mit Worten und Gedanken kann man Gefühle her-vorrufen, die man nicht in Worte fassen kann, aber grundsätzlich sind immer alle drei Aspekte vorhanden. Manchmal weiß man nicht, was zuerst da ist. Man kann Worte sagen oder denken, beispielsweise Affirma-tionen, das kann zu Bildern und Gefühlen führen. Oder ein Gefühl kommt auf, das bestimmte Bilder er-zeugt, die wiederum mit Worten verbunden sind.

Man unterscheidet hier auch verschiedene Menschentypen. Es gibt Menschen, bei denen Worte überwie-gen, bei manchen Bilder, für wieder andere sind Gefühle besonders wichtig. Je nachdem fällt es einem leicht, Affirmationen zu wiederholen oder logisch nachzudenken (Worte), etwas zu visualisieren (Bilder) oder man kann sich leicht auf das Herz bzw. eine andere Körperregion konzentrieren (Fühlen). Dies merkt man auch im Sprachgebrauch: „Das fühle ich halt, ich kann es nicht in Worte fassen.“, „Siehst du das denn nicht ein?“ „Das klingt gut, oder?“ Bei manchen Menschen haben alle drei Anteile gleiches Gewicht oder auch nur zwei davon.

Alle Meditations-, Enspannungs- und Energielenkungstechniken arbeiten mit diesen drei Anteilen, so daß sie auf alle Menschen wirken. Es gibt zum Beispiel Entspannungstechniken, die mehr über Worte funkti-onieren („Ich entspanne meine Füße ...“), über Bilder (Traumreisen) oder rein über das Fühlen (in die verschiedenen Körperteile hineinfühlen). Die verschiedenen Meditationtechniken arbeiten mit Worten (vor allem Mantras), Bildern (sich Shiva, Krishna, das Symbol für Om oder Yantras vorstellen) und dem Ge-spür (ins Herz oder in den Punkt zwischen den Augenbrauen hineinfühlen). Meistens macht man Kombi-nationen, um den Geist als Ganzes anzuspechen.

All das ist gemeint, wenn man von Vrittis spricht. Und weil eben die Gefühle mit eingeschlossen sind, kann man sagen, Gedanken sind entweder schmerzvoll oder nicht. Wenn der Gedanke die Freude des Selbst nicht widerspiegelt, kann er schmerzhaft sein. Ist ein Gedanke schön, erhaben, freudvoll, dann ist er Spiegel unseres eigenen Selbst.

Nagt ein Hund an einem Knochen, der nicht ganz glatt ist, verletzt er sich die Zunge und blutet. Da er Blut liebt, leckt er noch mehr und je länger er leckt, desto besser schmeckt es ihm, weil er immer mehr Blut bekommt. Er denkt, es ist der Knochen, der ihm schmeckt, aber in Wirklichkeit kommt sein Genuß von seiner eigenen Zunge. Ähnlich ist es bei uns. Wir denken, wir erhalten Freude von äußeren Objekten, aber in Wahrheit kommt die Freude nur aus uns selbst heraus.

Ein anderes Beispiel ist die Geschichte von der Frau, die einen wertvollen Ring von ihrem Mann ge-schenkt bekommt, den sie sich schon lange gewünscht hat und der ihr immer besonders gut gefallen hat. Warum ist die Frau in dem Moment glücklich, wo sie das Geschenk auspackt und den Ring sieht? Nicht wegen des Rings an sich – sonst bräuchte sie künftig nur noch den Ring zu tragen und ihn anzuschauen, um immer glücklich zu sein. Auch nicht, weil der Mann, an sie gedacht hat („Er liebt mich doch...!“), denn sonst bräuchte sie ja nur immer mit ihm zusammenzusein. Natürlich ist sie auch darüber glücklich, denn es nimmt ihre Ängste und befriedigt ihr Bedürfnis nach Liebe. Aber das allein ist es nicht. In Wirklichkeit ist sie glücklich, weil ihr Wunsch erfüllt ist. Und weil ein großer Wunsch erfüllt ist, sind im Moment keine anderen Wünsche da und sie kommt zur Ruhe. Die anderen Vrittis kommen weitgehend zum Stillstand, so daß die Freude des wahren Selbst durchscheinen kann. Weil wenig Gedanken da sind, strahlt das Glück des Selbst heraus. Und das Selbst ist Sat-Chit-Ananda, Sein, Wissen undGlückseligkeit, wobei in Ananda (Wonne) immer auch Prema (Liebe) enthalten ist.

Man kommt mit einer gewissen Zusammensetzung der Vrittis, mit einem bestimmten Temperament, zur Welt, aber man kann daran arbeiten, das zu verändern. Das Grundtemperament kann man schon beim Baby erkennen. Gewisse Dinge sind angeboren und vieles wird durch Erziehung und Erfahrung geprägt. Und nicht nur dieses Leben, sondern auch frühere Leben haben uns geprägt. Aber im Raja Yoga wollen wir etwas verändern. Man muß nur wissen, daß bestimmte Veränderungen länger dauern. Manches geht sehr schnell, wenn im früheren Leben schon etwas in dieser Richtung vorhanden war und nur noch Karma aus früheren Leben abzuarbeiten war. Diese Phase kann durchaus auch Jahrzehnte dauern. Kommt man dann wieder ins Yoga hinein, können Veränderungen sehr schnell und sehr gründlich eintreten. Oder der Fortschritt ist etwas bedächtiger, nicht in so großen Schritten, je nachdem, was man im früheren Leben war und gemacht hat.
 

6. Pramâna–viparyaya–vikalpa–nidrâ–smritayah

pramâna = rechtes Wissen; viparyaya = falsches Wissen; vikalpa = Einbildung, falsche Vorstellung, „Wortirrtum“; nidrâ = Schlaf; smritayah = Erinnerung

Die fünf Arten von Gedankenwellen sind korrektes Wissen, irriges Verstehen, Wortirrtum, Schlaf und Erinnerung.

Jetzt spricht er über die fünf Arten von Gedankenwellen, die es gibt, eben das richtige Wissen, falsches Wissen, Einbildung oder Wortirrtum, Schlaf und Erinnerung.

Wortirrtum bedeutet, daß der Geist beispielsweise Lob, Tadel und einfache Affirmationen, die in der Wirk-lichkeit gar keine Korrelate haben, ernst nimmt.

Aus der Erinnerung kommen Gedanken und auch der Schlaf gilt als Gedankenwelle. Wenn das nicht so wäre, wären wir im Schlaf in Nirodhah, im gedankenlosen Zustand der Selbstverwirklichung. Aber das würde nicht viel bringen, denn nachdem wir geschlafen haben, fühlen wir uns zwar ausgeruht, aber wir wissen genauso wenig wie vorher. Durch Schlafen selbst erreichen wir keine Befreiung, keine Erlösung.
 

7. Pratyakshânumânâgamâh pramânâni

pratyaksha = direkte Kenntnis; anumâna = Folgerung; âgama = Zeugnis; pramânâni = bezeugte Tat-sachen

Direkte Wahrnehmung, Folgerung und kompetente Zeugenaussage sind Beweise korrekten Wis-sens.

Schauen wir zuerst das korrekte Wissen an. Dazu will ich zuerst nochmals auf die Theorie des Geistes in seinen vier verschiedenen Aspekten eingehen.

Der Geist als Ganzes wird als Antarkarana bezeichnet, als inneres Instrument. (Karana = Werkzeug, In-strument, Ursache; Antar = innen), im Unterschied zum Bahirkarana, dem äußeren Instrument. Das ist der Körper. Beide sind nicht unser Selbst, sondern nur Instrumente – sehr wertvolle Instrumente, aber eben nur Instrumente; wir sind nicht der Körper und nicht der Geist. Das muß man sich immer wieder vor Augen führen im täglichen Leben. Körper und Geist sind meine Instrumente, um mich auszudrücken, um Erfahrung zu sammeln, um die göttliche Energie durchzulassen und zu erfahren.

Das Antarkarana besteht aus vier verschiedenen Teilen:
 

Chitta im engeren Sinne bezieht sich nur auf das Unterbewußtsein. In einem weiteren Sinn ist Chitta der ganze Geist, entspricht also dem Antarkarana. In „Yogash Chitta Vritti Nirodhah“ = „Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist“ ist mit Chitta der gesamte Geistkomplex gemeint. Aber im Zu-sammenhang mit dem Antarkarana-Modell steht Chitta nur für das Unterbewußtsein.

Manas ist das Denkprinzip an sich.

Buddhi ist sehr schwer zu übersetzen, am ehesten mit Vernunft.

Ahamkara ist das Ego, die Ursache des „Ich bin“, der Identifikation.

Unser normales Wissen ist geprägt durch diese vier Bestandteile des Geistes.

Die Sinnesorgane oder Organe des Wissens, die Jnana Indriyas, wirken durch Sinneswahrnehmungen auf Manas ein.

Man sieht etwas, Schwingungen kommen auf die Augen, die Pupille dreht alles um, verkleinert es, proji-ziert es auf die Netzhaut, in der Netzhaut wird es umgewandelt, dann im Manas in elektrische Ströme umgesetzt, diese werden durch den Sehnerv auf das Gehirn projiziert, dann entstehen im Sehnerv noch-mals andere elektrische Ströme, die im Manas in ein Bild umgewandelt werden. Wie der Prozeß, durch den diese elektrischen Impulse als Bild wahrgenommen werden, genau abläuft, kann die moderne Wahr-nehmungspsychologie bis heute nicht erklären. Yogis würden sagen, das geschieht auch nicht mehr im physischen Körper, sondern im Astralkörper, denn Bilder spielen sich auf der Astralebene ab.

Anschließend geht Manas ins Unterbewußtsein und fragt: „Was ist das?“ Chitta, das Unterbewußtsein bringt alle möglichen Vorstellungen hoch, die dem Gesehenen entsprechen könnten. Dann tritt Buddhi in Aktion und sagt: „Ja, das ist dieses oder jenes bzw. dies könnte es sein.“ oder „Nicht genügend Informati-on.“ Dann kommt das Ahamkara, das Ego und sagt: „Ich weiß, das ist DAS“. Man identifiziert sich damit und wenn wir darin bestätigt werden, sind wir erfreut.

Es kann aber auch falsch sein, denn die Sinne können uns täuschen, wie wir das zum Beispiel von opti-schen Täuschungen her kennen:
 
 

Der rechte Strich sieht jetzt länger aus. Da wir aber wissen, daß die Striche genau gleich lang sind, wird unser Buddhi, die Vernunft, in diesem Fall sagen, das kann nicht sein, beide Striche müssen gleich lang sein. Ein anderes Beispiel ist die Perspektive in der Malerei.

Unser Wissen kann uns täuschen, nicht nur durch die Sinneswahrnehmungen, sondern auch durch die Interpretationen, die wir hineinlegen. Menschen interpretieren ununterbrochen. Wenn zum Beispiel je-mand einmal nachdenklich ist und deshalb nicht grüßt, denkt man sofort: „Er hat etwas gegen mich, was habe ich falsch gemacht?“ u.s.w. Oder jemand hat sich über irgendetwas geärgert und viele Menschen beziehen das sofort auf sich, interpretieren den Gesichtsausdruck, den Ton etc. Jemand ist vielleicht ge-streßt und daher im Moment für unsere Begriffe nicht freundlich genug und sofort haben wir das Gefühl, er spiele Machtspielchen oder so ähnlich. Das kommt, wenn man alles auf sich selbst bezieht und hängt auch mit dem eigenen Selbstbewußtsein, dem Selbstwertgefühl und dem eigenen Gemütszustand zusam-men. Das Ego braucht Bestätigung. Wenn es sehr schwach ist, sucht es ständig im Äußeren Bestätigung. Wenn es diese Bestätigung nicht findet, fühlt es sich unsicher. Man kann jetzt natürlich daran arbeiten, sein Selbstwertgefühl zu stärken. Eine andere Möglichkeit ist weiterzugehen und zu versuchen, die Ver-bindung zu Gott oder zum eigenen Selbst aufzubauen. Dann können wir lernen, gleichmütig zu bleiben, auch wenn die Dinge äußerlich gerade nicht so schön sind oder nicht optimal laufen. Gott ist immer gleich und beständig.

Wir müssen uns immer bewußt machen, daß unser Geist uns täuscht. Swami Vishnu hat gerne gesagt: „Never trust your mind“ (Traue nie deinem Geist!) oder „Mind your mind“ (Achte auf deinen Geist!). Oft hält man einen auftauchenden Gedanken zu schnell für richtig. Von vielen Menschen in der spirituellen Szene hört man häufig, man müsse auf die innere Stimme hören – was in der Tat sehr wichtig ist. Aber man muß aufpassen, denn diese innere Stimme kann einen auch täuschen. Wenn sie rein ist, ist sie das Richtige. Sie kann jedoch auch falsch interpretiert oder mit einer Emotion verwechselt werden. Das ist nicht so leicht auseinanderzuhalten.

Beim korrekten Wissen können wir drei verschiedene Formen unterscheiden:

Die direkte Wahrnehmung durch die Jnana Indriyas, die Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, Schluß-folgerung über den Intellekt und kompetente Zeugenaussage; das heißt, wir erfahren bzw. lernen etwas von jemand anderem.

Aus welcher dieser drei Quellen stammt wohl der größte Teil unseres Wissens?

Der größte Teil unseres Wissens stammt aus Zeugenaussagen, die man zwar noch nachzuvollziehen ver-sucht, aber vieles übernimmt man aus zweiter Hand, ohne es selbst wirklich nachzuprüfen oder auch nachprüfen zu können. Woher wissen wir zum Beispiel, daß die Erde rund ist, wieviel Einwohner unser Wohnort oder unser Land hat, wie der Körper funktioniert, wie das Herz genau arbeitet u.s.w.? Wir haben es irgendwo gehört oder gelesen, versucht, es durch Wahrnehmung und logische Schlußfolgerung nachzu-vollziehen, aber selbst um die Erde geflogen sind wir nicht und haben auch nicht selbst den Brustkorb aufgeschnitten und versucht, das Herz zu untersuchen – und selbst wenn, wäre die Erkenntnis wahr-scheinlich nicht sehr brauchbar.

Zeugenaussagen können natürlich auch eine Quelle inkorrekten Wissens sein. Ebenso kann unsere Schlußfolgerung falsch sein. Man kann auf falsche Weise intellektuelle Schlüsse ziehen oder man kann jemandem trauen, der etwas Unwahres sagt.

Und gerade auf dem spirituellen Weg erfahren wir vor allem Anfang das meiste durch Zeugen, also von spirituellen Meistern, deren Schülern oder aus Büchern. Aus logischer Schlußfolgerung oder direkter Wahrnehmung herauszubekommen, wie die Asanas gehen, ist nicht möglich. Dazu müßte man schon selbstverwirklicht sein, so daß sie von alleine aus einem herauskommen. Aber im Normalfall geht man in eine Yogastunde und bekommt die Asanas erklärt, in welcher Reihenfolge sie zu üben, wie lange sie zu halten sind und worauf zu achten ist – und das ist zunächst einmal eine Zeugenaussage und Beobachtung. Dann übt man selbst und das führt natürlich zu eigener Erfahrung, so daß eine direkte Wahrnehmung hinzukommt. Man stellt fest: „Das tut mir gut“. Und dann kommt vielleicht noch die Schlußfolgerung dazu: „Das tut mir gut, also muß der Yogalehrer irgendwie Recht haben und in Ordnung sein“.

Den größten Teil des Wissens auf dem spirituellen Weg bekommen wir von großen Meistern und manch-mal auch von weniger großen Meistern, also über kompetente Zeugenaussagen. Dabei muß man besonders aufpassen, wem man traut. Das ist einer der Gründe, warum Spiritualität manchmal in die Kategorie von Sekten gebracht wird. Es gibt genügend Leute, die das Vertrauen der Schüler ausnutzen und mißbrau-chen – man denke zum Beispiel an die Massenselbstmorde einiger Gemeinschaften in Amerika oder die Anschläge auf die Bevölkerung in Japan in jüngster Vergangenheit. Diese Leute sind von ihren Ideen ü-berzeugt. Ob der Meister jeweils davon überzeugt ist, weiß man nicht. Er kann bewußt verführen oder eine Wahrnehmungsverzerrung haben. Und weil es schon immer Pseudomeister gegeben hat, geben die Yogis Kriterien an, die man prüfen und beachten muß, bevor man einen Meister annimmt. Und je höher der Anspruch des Meisters – also wenn er von sich sagt, er sei selbstverwirklicht –, desto höher muß man die Meßlatte anlegen. Umgekehrt, wenn ein Meister die Selbstverwirklichung erreicht hat, dann verlangt er von seinen Schülern mit Recht bedingungslosen Gehorsam. Wenn er sich dagegen selbst auch nur als einfacher Aspirant auf dem Weg bezeichnet, kann man ihm einige Fehler durchgehen lassen. Dabei muß der Schüler auch immer überlegen, was von dem Gesagten tatsächlich Weisheit und was auf Unvollkom-menheit und menschlichen Irrtum des Lehrers zurückzuführen ist.

In jedem Fall, auch bei den großen Meistern, muß man die Prüfungen anwenden. Bei einem selbstverwirk-lichten Meister muß man zuerst überlegen, ob er tatsächlich selbstverwirklicht ist Man weiß es zwar nie ganz genau, denn es heißt „It takes one to know one“, man muß also selbst verwirklicht sein, um zu er-kennen, ob jemand anderes dies ebenfalls ist. Trotzdem gibt es einige Indizien, an denen man erkennen kann, ob jemand weiterentwickelt ist oder nicht. Das ist Aufgabe der Buddhi. Man darf das Herz nicht zu früh sprechen lassen, sondern muß erst ein paar kritische Fragen stellen:

Erstens, der Lehrer muß sich auf alte Schriften beziehen, die man auch selbst nachlesen kann – nicht irgendwelche obskuren Schriften, die er angeblich irgendwo in einer Höhle gefunden hat und die leider niemandem zugänglich sind. Viele der Bestseller auf dem spirituellen Markt in letzter Zeit haben solche Hintergründe. Die „Fünf Tibeter“ zum Beispiel sind gute, wirkungsvolle Übungen, aber der Hintergrund ist mysteriös und beruht höchstwahrscheinlich nicht auf alten Quellen. Oder die „Prophezeiungen der Celestine“, von denen der Autor von sich aus sagt, sie seien frei erfunden. Aber es sind schöne Geschichten und manche Menschen werden dadurch auf den spirituellen Weg gebracht oder fangen an, ein bißchen tiefer zu gehen. Aber wenn jemand nicht nur solche Bücher schreibt, sondern uns direkt leiten will, dann müßte er konkreter werden. Wenn ein Lehrer sagt: „Gestern ist mir Krishna erschienen und hat gesagt, die Bhagavad Gita und die Upanishaden waren nur für das frühere Zeitalter, er verkündet jetzt das neue Evangelium“ – dann rennt lieber weg!

Also, man muß prüfen, auf welche Schriften sich das Ganze bezieht. Denn es gibt eigentlich nichts Neues auf dieser Erde. Der Fortschrittsglaube, der Gedanke, wir seien sehr viel klüger als unsere Eltern, die Eltern wieder klüger als unsere Großeltern und die Großeltern wieder erheblich klüger als die Urgroßel-tern, ist einer der Irrtümer unserer westlichen Zivilisation. Die westliche Psychologie hat vielleicht noch ein paar Sachen entdeckt, die uns die Grundlagen der Spiritualität etwas erklären können, aber sobald es zu tiefer Spiritualität kommt, hat sie gegenüber Patanjali, Buddha, den Upanishaden oder den altchristli-chen Meistern nichts Neues zu bieten.

Die zweite Prüfung bezieht sich auf das ethische Verhalten. Wenn ein Meister toleriert, daß jemand um-gebracht wird, dann sollte man ihm nicht trauen! Man sollte sein ethisches Verhalten, die Einhaltung von Yamas und Nyamas, Nichtverletzen, Achtung der  Menschenwürde und Menschenrechte prüfen.

Jemandem, der oder die beispielsweise behauptet, man könne nur von Energie leben und deshalb die Menschen anleitet, wochenlang nichts zu essen und zu trinken und niemanden um Rat zu fragen, sollte man meines Erachtens nicht folgen. Ich spreche selten gegen jemanden, aber solche Lehren halte ich für sehr gefährlich. Es gibt viele Menschen, die diesem Programm gefolgt sind und bleibende Nieren- und andere gesundheitliche Schäden davongetragen haben. Natürlich fasziniert eine solche Botschaft die Men-schen, gerade in unserer eßgestörten Gesellschaft, wo man sich entweder überißt oder versucht abzuneh-men. Die Hälfte aller Titelgeschichten in Zeitschriften handelt vom Eßverhalten bzw. vom Abnehmen!

Es gibt natürlich auch Menschen, die unter ärztlicher Aufsicht länger nichts gegessen haben, zum Beispiel Theresa von Konnersreut, die zwei Jahre lang nur eine Hostie am Tag gegessen hat. Davon kann man eigentlich nicht leben. Solche Dinge gibt es durchaus, aber sie sind auf dem spirituellen Weg nicht über-mäßig wichtig. Viele Menschen finden solche Sachen viel zu toll. Ob man jetzt ißt oder nicht, was hat das für eine Bedeutung für den spirituellen Weg? Das ist wie mit den Siddhis, den übernatürlichen Kräften. Jemand, der wirklich weit fortgeschritten ist, wird kein echtes Interesse an ihnen haben. Einiges ge-schieht dann einfach von selbst. Aber es geht nur darum, daß wir uns mit unserem Selbst identifizieren und nicht mit dem Körper, daß wir unser Instrument reinigen, es zum Werkzeug des Göttlichen machen und im Normalfall essen wir. Ramakrishna wurde einmal von einem Mönch berichtet, der irgendwo auf einem Gletscher ohne Kleidung hause und allein über seine Körperwärme die Umgebung zum Schmelzen bringe, sich so sein Wasser beschaffe u.s.w. Ramakrishna meinte dazu: „Was für eine Verschwendung! Wenn er weiter unten leben und seine Energie in die Meditation stecken würde, statt Gletscher zu schmelzen, dann könnte er schon verwirklicht sein!“ Auch von Anandamahi Ma heißt es, sie habe ein hal-bes Jahr nichts gegessen. Sie hat auch nicht abgenommen dabei – so steht es mindestens in ihrer Biogra-phie. Das hatte sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Sie hat sich halt einfach nicht ums Essen ge-kümmert, es war niemand da, der ihr Essen gemacht hätte, und so geschah es, daß sie eine Weile nichts gegessen hat. Bis es irgendwann einmal jemandem aufgefallen ist, daß sie nicht ißt. Dann hat man ihr etwas gegeben und sie hat eben wieder angefangen zu essen.

Das dritte Kriterium ist, ob der Meister selbst praktiziert, was er predigt. Manchmal üben Meister andere Praktiken als die Schüler, aber sie sollten für sich selbst nicht zu viele Ausnahmen machen.

Viertens, er sollte grundsätzlich ein einfaches Leben führen. Wenn der Meister in Luxus lebt und die Schüler am Hungertuch nagen, dann stimmt auch irgendetwas nicht dabei.

Und schließlich ist die kompetente Zeugenaussage wichtig. Der Lehrer muß dem Schüler klar sagen, daß er nicht die Arbeit für ihn tun kann, sondern daß er selbst praktizieren muß. Ein Lehrer, der sagt: „Ich mache alles für dich, du brauchst nichts zu tun.“, ist unglaubwürdig. Es gibt Lehrer, die behaupten: „Du brauchst nur bei mir zu sein, ich erwecke dir die Kundalini, alles andere geschieht von selbst.“ Allerdings darf man hier auch nicht nur nach dem ersten Eindruck urteilen, sondern muß unterscheiden, was zu-nächst einmal plakativ gesagt wird. Um Menschen ansprechen zu können, muß man letztlich vereinfa-chen, man kann nicht alles in die erste Information hineinschreiben. Jeder kann selbst beurteilen, wie sich die Leute entwickelt haben, die eine Weile bei einer Organisation oder einem Meister gewesen sind und kann sich überlegen, ob das die Richtung ist, in die er sich selbst auch entwickeln möchte

Swami Sivananda hat humorvoll den „SB 40“–Test empfohlen, um einen selbstverwirklichten Meister zu prüfen. „SB“ für „shoe beating“ und „40“ für 40 Mal. Wenn jemand von sich sagt, „Ich bin ein großer Mei-ster“, dann soll man einen alten Schuh nehmen und ihn 40 Mal damit schlagen – nicht zu stark, aber schon merkbar! Wenn er dann immer noch lächelt und sagt, „Ich bin ein selbstverwirklichter Meister“, dann ist er es tatsächlich. Swami Vishnu hat immer, wenn er uns das erzählte, hinzugefügt: „Aber ich bin kein selbstverwirklichter Meister!“. Aber bei Swami Sivananda sind solche Dinge passiert, wie die Ge-schichte, als jemand ihn im Ashram beinahe mit einer Axt ermordet hätte. Das erste, was er sagte, war: „Vishnu Swami, mäßige deinen Zorn!“ Seine erste Sorge war also, daß dem, der ihn fast umgebracht hät-te, kein Leid geschieht und daß Swami Vishnu sich beherrschen sollte. Und das ist tatsächlich eine ganz natürliche Reaktion für einen selbstverwirklichten Meister, weil das Bewußtsein sich bereits so verändert hat. Man spürt dann wirklich das ganze Selbst überall und wenn jemand versucht, einen umzubringen, dann empfindet man das nicht als weiter tragisch. Wichtig ist, daß dem anderen Menschen kein Leid zu-gefügt wird. Und auf solche Indizien muß man eben achten; dann kann man sicher sein, eine kompetente Zeugenaussage zu erhalten.

All das muß man beachten und prüfen, weil eben auf dem spirituellen Weg vor allem am Anfang viel auf Vertrauen basiert. Je niedriger der Anspruch, desto mehr kann man durchgehen lassen, aber man muß immer noch darauf achten, daß es authentisch ist.

Eine andere Quelle des Wissens ist die direkte Wahrnehmung. Es gibt drei Arten der direkten Wahrneh-mung:

· Die sinnliche Wahrnehmung über die Jnana Indriyas, die Sinnesorgane: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Sie können zu Sinnestäuschungen führen oder auch zu Fehlinterpretationen.

· Die unterbewußte oder instinktive Intuition, d.h., irgendwelche Ahnungen oder Gefühle.

Diese Ahnungen und Gefühle können echt sein, sie können aber auch täuschen, wenn sie gefärbt oder gefiltert sind.

In einer unserer Yogalehrer-Ausbildungen hatte zum Beispiel einmal eine Teilnehmerin das Gefühl, ihre Kinder, die mit dem Vater in den Ferien waren, bräuchten sie dringend. Daraufhin hat sie die Ausbildung abgebrochen und ist zu der Familie in die Ferien gefahren. Die Kinder waren total enttäuscht, weil die Mutter nun wieder wie eine Glucke auftauchte, während sie gerade dabei waren, endlich einmal eine di-rekte, unkomplizierte Beziehung zum Vater aufzubauen!

Auf der Ebene des Unterbewußtseins sind wir nicht auf die sinnliche Wahrnehmung angewiesen. Wir können Gedanken wahrnehmen, in die Vergangenheit und in die Zukunft gehen.

· Daneben gibt es auch noch eine höhere Form der Intuition, nämlich die überbewußte Intuition, die wirklich aus dem Atman, dem Selbst, kommt.

Sie kann auch vom Guru kommen oder in Form einer Vision von einem großen Meister, der einem klar sagt, was zu tun ist. Vielleicht hat man auch die Vision einer Manifestation Gottes wie Jesus, Krishna oder Shiva. Oder man spürt einfach: Das ist meine Aufgabe, so ist es.

Diese überbewußte Intuition kommt dann, wenn Buddhi und Ahamkara zur Ruhe kommen. Eine überbe-wußte Intuition erkennen wir im Gegensatz zu einer Ahnung daran, daß sie uns zu unserem eigenen Selbst bringt, uns für unser eigenes Selbst öffnet. Und das Selbst, der Atman, ist Sat-Chit-Ananda, Sein, Wissen und Glückseligkeit. Überbewußte Intuition ist immer verbunden mit einem Gefühl der Ausdeh-nung, der Unendlichkeit und der Verbundenheit als einem Aspekt des reinen Seins (Sat), sowie mit rei-nem Wissen (Chit), das man vorher nicht hatte und das kein intellektuelles, sondern intuitives, direktes Wissen ist, und schließlich mit Wonne, Liebe, Licht (Ananda), auch mit Kraft und Energie. Es kann sein, daß das eine oder andere Gefühl stärker ausgeprägt ist, aber im Prinzip sollte von allen dreien etwas da-bei sein; dann ist es um so weniger vom Unterbewußtsein gefiltert. Wenn nur ein Aspekt stark fühlbar ist, dann ist es vielleicht schon gefiltert und nicht ganz klar. Dann ist es eher eine instinktive Intuition. Wenn wir eine solche überbewußte Intuition haben, sollten wir ihr folgen. Wir müssen nur aufpassen, wie wir sie interpretieren. Auch wenn wir wissen, was wir machen sollen, ist noch längst nicht klar, auf welche Weise. Und es heißt auch nicht, daß diese Intuition dann alles für uns macht. Um sie umzusetzen, muß man an-schließend seinen Verstand und seine Fähigkeiten benutzen.

Als ich zum Beispiel vor etwa neun Jahren gerade die Sivananda Yoga Zentren verlassen hatte und mich im Sivananda-Ashram in Rishikesh aufhielt, wußte ich nicht so recht, was ich mit dem Rest meines Le-bens anfangen sollte. Ich hatte dann eine Vision von Swami Sivananda, in der er mir klar gesagt hat, ich solle nach Deutschland zurückkehren, in Frankfurt ein Yogazentrum eröffnen, in fünf Jahren werde es einen Ashram geben und dann würde sich auch noch einiges anderes entwickeln. Ich war vorher jahrelang in Amerika gewesen und wollte eigentlich nicht mehr nach Deutschland zurück. Aber nach dieser Vision hatte ich keine Wahl. Wenn Swami Sivananda mir das sagt, dann mache ich es natürlich. Gut, die Vision war klar. Aber als ich dann nach Frankfurt kam, war es bei weitem nicht so, daß alles von selbst gegangen wäre. Man mußte mit Maklern Kontakt aufnehmen, verschiedene Objekte anschauen, Mietverträge ab-schließen, nach einem halben Jahr waren alle Finanzreserven erschöpft. Aber Schritt für Schritt ging es dann doch voran und etwa fünf Jahre später entstand dann tatsächlich der Ashram hier. Aber auch das kam nicht von selbst. Sondern es kam auch wieder diese Intuition, jetzt ist es Zeit, sich um einen Ashram zu kümmern. Dann muß wieder der Intellekt arbeiten und alles in die Wege leiten. Es reicht nicht aus, nur eine solche Wahrnehmung zu haben, sondern es müssen Taten folgen. Aber man kann loslassen, beten und bekommt dann Führung auch bei der praktischen Umsetzung.

Temple, der in Amerika die alten Mythen durch eine eigene, sehr populäre Fernsehsendung wieder salon-fähig gemacht hat, sagt: „Follow your bliss“, also folge dem, was ein Gefühl der Freude und Wonne in dir auslöst.

Wenn wir auf dem Weg fortschreiten, nimmt diese höhere Intuition irgendwann den Hauptstellenwert ein, wie wir Entscheidungen treffen. Swami Vishnu hatte sehr viele solcher Eingebungen und hat danach ge-handelt. Manchmal kam es dabei auch zu Fehlschlägen. Also selbst bei jemand wie ihm ist das nicht im-mer ganz sicher. Wobei man nicht sagen kann, ob er wirklich daneben gelegen hat oder ob es ihn nur zu einer bestimmten Erfahrung führen sollte und uns alle damit auch. Aber er hatte auch keine Schwierig-keiten, sofort loszulassen, wenn er gemerkt hat, daß etwas nicht geht. Und dann kam bald die nächste Geschichte! Aber er hat eben dadurch, daß er der Intuition gefolgt ist und ihr vertraut hat, immer mehr Zugang zum Göttlichen bekommen.

Die direkte Wahrnehmung umfaßt also die sinnliche Wahrnehmung, die instinktive und die überbewußte Intuition. An späterer Stelle, im 3. Kapitel der Yoga Sutras, sagt Patanjali, nur die unmittelbare Wahr-nehmung aus der Intuition heraus ohne den Umweg über die Sinne ist die eigentliche, richtige direkte Wahrnehmung. Jede Sinneswahrnehmung ist eigentlich irriges Verstehen, birgt Fehlerquellen in sich. Wir können die Wahrheit nicht über Sinne wahrnehmen, auch nicht über das Denken. Selbst wenn uns Meister davon erzählen, verstehen wir es immer noch nicht. Es braucht die direkte Wahrnehmung, Praty-aksha, und die eigene, unmittelbare Erfahrung der Wahrheit. Wahrnehmung im überbewußten Zustand, in Sarvikalpa Samadhi, unter Ausschaltung der Sinne und Gedanken, läßt uns die Wirklichkeit direkt wahrnehmen.

In Manas werden die einfachen Gedanken widergespiegelt. Intuition kommt dann, wenn Ahamkara und Buddhi durchlässig sind. Ein Ziel muß also sein, unser Ego auszudünnen. Und auch unser Intellekt muß mal Ruhe geben, denn im Grunde genommen steht er uns im Weg – wie auch das Chitta – , wenn wir zu Atman, unserem Selbst, kommen wollen. Nur dann kann wahrhafte Intuition oder direkte Wahrnehmung der Wirklichkeit entstehen.

Aber die Buddhi hat auch wichtige Funktionen.

Als niedrige Buddhi hilft uns der praktische Intellekt bei der Bewältigung unserer Alltagsaufgaben. Wenn wir zum Beispiel ein Bild aufhängen wollen, müssen wir überlegen, wie wir das am besten machen: Aus was für einem Material besteht die Wand, kann ich einfach einen Nagel einschlagen oder brauche ich eine Bohrmaschine oder Spezialnägel, wen könnte ich fragen, wo bekomme ich die nötigen Werkzeuge und Hilfsmittel u.s.w. Man benutzt also das logische Denken, um etwas zu erreichen. Die meisten Menschen benutzen ihren Intellekt nur dafür. Wenn sie etwas haben wollen, wird der Intellekt in Bewegung gesetzt, um es zu bekommen.

Aber der höhere Intellekt ist ein anderer, nämlich Viveka, die Unterscheidungskraft. Sie ist sehr wichtig auf dem spirituellen Weg. Viveka gibt es auf verschiedenen Ebenen: zum einen die grundlegende Unter-scheidungkraft zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, dem Ewigen und dem Vergänglichen, zwischen dem, was uns glücklich macht und dem, was uns Leid bringt. Was ist wirklich wichtig angesichts der Tatsache, daß wir irgendwann diesen physischen Körper verlassen? Was macht mich wirklich glück-lich? Manche Menschen laufen ihr Leben lang hinter dem Glück her, ohne nachzudenken. Ein Yogi denkt zuerst nach und begibt sich dann auf die Suche. Dazu benutzen wir die Unterscheidungskraft der Buddhi. Sie ist auch dazu da, die anderen Quellen der Wahrnehmung zu überprüfen. Und, wie bereits erwähnt, setzen wir die Unterscheidungskraft ein, ehe wir uns einem Meister anvertrauen.

Wenn wir schließlich einen Meister gefunden haben, der vollkommen ist, müssen wir bei allem, was er sagt, überlegen und unterscheiden lernen, was es überhaupt bedeutet. Manchmal interpretiert man auch zuviel in eine Aussage oder eine Handlung hinein. Swami Vishnu hat gerne die Geschichte erzählt, wo ein Meister zum Baden an den Fluß ging. Um seine Kleider vor den vielen Affen, die dort waren, zu schützen, machte er einen Sandhügel darüber. Kurz danach kamen seine Schüler ebenfalls zum Fluß. Sie hatten nicht gesehen, daß der Meister seine Kleider vergraben hatte. Sie sahen nur den Sandhügel und hielten dies für eine besondere rituelle Handlung. Also gingen auch sie alle hin und bauten Sandhügel. Als der Meister nach seinem Bad aus dem Fluß kam, dauerte es eine ganze Weile, bis er den richtigen Hügel mit seinen Kleidern wiedergefunden hatte ....

Ist der Meister nicht ganz so perfekt, müssen wir unsere Unterscheidungskraft einsetzen, um zu beurtei-len, was von dem, was er tut und lehrt, tatsächlich eine Manifestation von Weisheit ist und was einfach nur menschliche Unzulänglichkeiten sind, die er noch hat.

Auch bei einer höheren Erfahrung, einer Intuition, Inspiration oder Vision, müssen wir mit unserer Un-terscheidungskraft nochmals überlegen, ist es tatsächlich eine Intuition oder einfach nur eine Emotion, was hat es zu bedeuten und wie setze ich es im richtigen Sinn am besten um.

Der Intellekt spielt also immer eine große Rolle. Er kann uns aber auch in die Irre führen.

Wie zum Beispiel im 2. Kapitel der Bhagavad Gita, wo Arjuna Krishna genau erklärt, warum er nicht kämpfen sollte und nicht kämpfen will. Gleichzeitig ist er aber trotzdem nicht sicher und sagt zu Krishna: „Oh Krishna, bitte, ich weiß nicht, was richtig und was meine Pflicht ist. Nimm mich an, der ich mich dir hingebe. Nimm mich als Schüler an, ich nehme zu dir Zuflucht.“ Aber nachdem er so darum gebeten hat, belehrt und geführt zu werden, sagt er paradoxerweise: „Ich will nicht kämpfen“. Der Schüler geht zum Meister: „Bitte sage mir, was ich tun soll, aber ich mache lieber das ...“ – Und Krishna lächelt brutaler-weise. Das machen Meister oft. Man kommt ganz verzweifelt zu ihnen und sie lächeln einfach und erzäh-len einem irgend etwas, aber sie geben in den wenigsten Fällen eine eindeutige Antwort.

Ich kann mich noch an eine große, vielleicht die erste große spirituelle Krise erinnern, die ich hatte. Ich hatte ja recht früh, mit 16 Jahren, angefangen zu meditieren. Mit 17 entdeckte ich das Yoga und habe dann viel praktiziert, die vier Wochen Intensiv-Yogalehrer-Ausbildung gemacht und bin dann in München in das Sivananda Yoga Zentrum eingezogen. Dort habe ich jeden Morgen meditiert, bin meistens schon um vier oder früher aufgestanden und habe vor der Meditation schon zwei Stunden Pranayama gemacht, nach der Meditation nochmals Asanas und Pranayama, tagsüber studiert und Karma Yoga im Zentrum ge-macht, d.h., bei Arbeiten im Zentrum mitgeholfen, und abends wieder meditiert. Es ging mir auch ganz gut, aber irgendwann sagten mir die anderen im Zentrum, ich solle doch mal ein bißchen lockerer werden. Ich bin auch nie mit den anderen zusammen Eis und Pizza essen gegangen – das große Laster in den Si-vananda-Zentren. Irgendwann fing ich auch an, zu denken: Ich mache soviel, aber die Selbstverwirkli-chung läßt auf sich warten und ich spüre weder die Kundalini noch mache ich tiefe Meditationserfahrun-gen, während andere oft von ihren wunderbaren Erfahrungen erzählten. Vor allem fehlte mir auch die Fähigkeit, meinen Geist zu konzentrieren. Das war für mich ein ganz großes Problem. Schließlich begann ich auch langsam zu zweifeln, ob die Leiterin des Zentrums mich wirklich richtig anleitete und ob das überhaupt der richtige Weg sei, ob ich nicht woanders hingehen sollte, ob ich doch den falschen Meister oder die falsche Richtung gewählt hatte. Im Jahr zuvor war ich bei einem anderen Meister gewesen – das war eigentlich auch ganz schön gewesen. Durgananda, die Leiterin des Zentrums, wußte von meinen Zwei-feln und sagte, daß ich Swami Vishnu fragen müsse. Gut, irgendwann kam dann Swami Vishnu nach München. Er wohnte im Hotel, da das Zentrum voll war, denn wenn er kam, wollten ihn auch sehr viele andere Leute sehen und im Zentrum übernachten, so daß dort kein Platz mehr für ihn war. Es war dann immer so, daß alle zu ihm ins Hotelzimmer gingen und um ihn herumsaßen. Es wurde Satsang (Zusam-mensein mit Weisen, mit Gleichgesinnten auf dem spirituellen Weg) gehalten, gemeinsam meditiert und gesungen und anschließend fing er an, mit den Teilnehmern zu reden. Da sagte Durgananda zu mir: „So, und jetzt fragst Du ihn!“ Ich war damals ziemlich schüchtern, mein Englisch war auch nicht so überwälti-gend und ich wagte eigentlich kaum mit Swami Vishnu zu reden – naja, jedenfalls habe ich ihm dann meine Probleme in Kurzform geschildert. Da hat er zuerst einmal gelacht und zu den anderen gesagt: „Hier ist ein Junge, der keinen inneren Frieden findet. Was machen normalerweise Jungen in seinem Alter, wenn sie keinen Frieden finden? Sie gehen in die Disko, rauchen, betrinken sich oder nehmen Dro-gen (alles Sachen, die ich nie im Leben gemacht habe!), aber er sucht die Lösung im Yoga.“ Zuerst war ich leicht irritiert und habe mich ausgelacht und nicht ernstgenommen gefühlt. Aber dann hat er mir noch gesagt: „Was du machst, ist richtig. Dein Sadhana (spirituelle Praxis) ist ok. Du mußt nur Geduld üben“. Dann hat er die Geschichte vom Mangobaum erzählt, der viele Jahre braucht, bis er Früchte trägt und den man nicht zwingen kann, schneller zu wachsen. Aber ich solle alle Praktiken so fortsetzen wie bisher. Viel-leicht könnte ich ja einmal in der Woche einen Morgenspaziergang machen statt zu meditieren. Am nächs-ten Morgen ging ich natürlich gleich hinaus. Es regnete in Strömen, aber dieser Spaziergang, wo ich eine Stunde lang ganz meditativ an der Münchener Pinakothek u.s.w.. vorbeigegangen bin, ist mir als ein wunderbares Erlebnis in Erinnerung geblieben!

Das ist eben auch die Kunst, wenn Schüler einen um Rat fragen – und wenn man länger unterrichtet, wird man öfter um Rat gefragt –, daß man zwar Mitgefühl zeigt, aber trotzdem versucht, das Ganze von einer höheren Warte aus zu sehen, um einen übergeordneten Ratschlag geben zu können. Dem anderen ist nicht gedient, wenn man selbst vor lauter Mitgefühl auch traurig und niedergeschlagen wird.

Und so sagt Krishna im 11. Vers des 2. Kapitels der Bhagavad Gita zu Arjuna: „Weise Worte sprichst du, oh Arjuna, doch nicht zu Beklagende beklagst du. Die Weisen klagen nicht um Leben oder Tod der Wesen, denn in Wahrheit waren weder du noch ich noch diese Fürsten jemals nicht, noch werden wir jemals nicht sein in dem, was hierauf folgt.“ Er holt Arjuna aus seiner Froschperspektive heraus, in der er nur die en-gen Wände des Froschbrunnens sieht. Natürlich sagt er ihm nicht nur: Es ist egal was du machst, es spielt keine Rolle, sondern er erklärt ihm anschließend 16 Kapitel lang, nach welchen Grundsätzen und wie er handeln kann, ohne Verhaftung und ohne Ego. Und ganz zum Schluß sagt er: Es spielt in Wirklichkeit doch keine Rolle, was du machst. Opfere einfach alles nur Gott:

Sarva Dharman Parityajya
Mam Ekam Sharanam Vraja
Aham Tva Sarvapapebhyo
Mokshayishyami Ma Succha

„Gib alle Vorstellungen von Pflichten, von Recht und Unrecht auf.
Nimm bei mir allein Zuflucht.
Ich werde dich von all deinen Sünden (Papa), Fehlern und Schuld befreien.
Sorge dich nicht, ich werde dich zur Befreiung (Moksha) führen.“

Eigentlich ist das ja eine anarchistische Aussage: Du kannst machen was Du willst, es spielt keine Rolle. Opfere einfach alles Gott. Gott wird Dich von allem befreien. Deshalb macht Krishna anschließend sofort die Einschränkung: „Gib das niemandem weiter, dem es nicht darum geht, zu Gott zu kommen, erzähle dies niemandem, der sich nicht bemüht, zur Vollkommenheit zu gelangen und erzähle es niemandem, der sich nicht selbst beherrscht.“ Das gilt nur für Menschen, die sich um Vollkommenheit, Selbstbeherrschung und Hingabe an Gott bemühen. Diese drei Kriterien müssen erfüllt sein, dann können wir irgendwann loslassen, die Entscheidung Gott überlassen und unserem Intellekt eine Pause gönnen.

Bei allen drei Arten der Wissensgewinnung müssen wir aufpassen. Unser Geist führt uns in die Irre. Auch unser logisches Denken kann uns in die Irre führen.

Viele Menschen benutzen ihr logisches Denken nicht, um tatsächlich zu Schlüssen zu kommen, sondern um ihre emotional bedingten Haltungen und Einstellungen zu rechtfertigen. Ein typisches Beispiel sind hypnotische Experimente. Jemand führt eine Handlung aus, die ihm unter Hypnose suggeriert wurde und findet dann im Nachhinein eine logische, rationale Erklärung dafür, warum er das tut. Unser Geist ist oft nicht wirklich rational. Wir benutzen unser logisches Nachdenken selten dazu, wirklich die Wahrheit über die Dinge herauszufinden, sondern eher, um etwas irgendwie rational erscheinen zu lassen, das eigentlich nicht rational ist.

Da wir jetzt einiges über korrektes Wissen gelernt haben, wissen wir natürlich auch das Gegenteil, näm-lich was inkorrektes Wissen ist.
 

8. Viparyayo mithyâ–jñânam atad–rûpa–pratishtham

viparya = irrtümlicher Eindruck; mithyâ = falsch, täuschend; jñânam = Wissen, Auffassung; atad = nicht seiner eigenen; rûpa = wirkliche Form; pratishtham = besitzend, beruhend

Verstehen ist eine falsche Vorstellung einer Idee oder eines Gegenstandes, deren wirkliche Natur nicht zu dieser Vorstellung paßt.
 

9. Shabda–jñânânupâtî–vastu–shûnyo–vikalpah

Shâbda = Wort; jñâna = Wissen; anupâtî = darauffolgend; vastu–shûnyah = ohne Substanz, ohne Bezug zur Wirklichkeit; vikalpah = Einbildung

Wörtliche Täuschung wird verursacht durch Identifikation mit Worten, die in Wirklichkeit keine Grundlage haben.

Vikalpah, wörtliche Täuschung oder Wortirrtum, wie es meist übersetzt wird, ist also neben richtigem und irrigem Verstehen die dritte Form der Gedankenwellen. Eigentlich ist es schwer zu übersetzen. Vikalpah ist etwas, was dem Menschen ganz eigen ist, denn nur der Mensch hat Worte und wird durch Worte sehr stark beeinflußt.

Vikalpah bezieht sich sowohl auf Affirmationen, Suggestionen, als auch auf Lob und Tadel. Wenn zum Beispiel jemand zu euch sagt: „Du Esel!“, dann hat dies in der Wirklichkeit keine Korrelation. Ihr habt deswegen weder längere Ohren noch ein graues Fell. Ihr könntet jetzt darüber stehen und einfach denken, derjenige, der das sagt, hat seinerseits ein irriges Verständnis. Aber trotzdem beeinflußt es einen irgend-wie. Oder wenn einem jemand sagt: „Das ist nicht richtig gemacht“, dann reagieren wir unsererseits nicht nur mit der neutralen Feststellung: „Aha, der hat gesagt, das ist nicht richtig gemacht“ – denn seine Aus-sage kann ja entweder korrektes oder irriges Wissen widerspiegeln. Für uns ist es gleichzeitig noch etwas anderes, nämlich Lob oder Tadel. Man ärgert sich darüber oder fühlt sich in Frage gestellt, getadelt – nicht unbedingt in jeder Situation, aber ab und zu passiert es einem schon. Das ist Vikalpah. Wir identifi-zieren uns mit den Worten. Wir nehmen nicht nur die Worte als solche und überprüfen den Wahrheitsge-halt, sondern wir identifizieren uns mit der Aussage, wir beziehen die Worte auf uns selbst, denn das Ego hat den Wunsch nach Bestätigung.

Es kommt natürlich auch darauf an, wer etwas sagt. Als ich zum Beispiel früher Yoga unterrichtete habe, meinte einmal ein anderer Yogalehrer, die Art und Weise, wie ich die Stunde gebe, sei nicht ganz richtig. Das hat mir wenig ausgemacht. Ich hatte das Gefühl, ich habe mehr Erfahrung, die richtige Lehrerausbil-dung und er hat nicht bei einem indischen Meister gelernt. Wenn aber die Leiterin des Yoga Zentrums gesagt hat: „Das hast du nicht richtig unterrichtet, so kann man das nicht machen.“, dann war das für mich wie ein Stich ins Herz. Und als mich Swami Vishnu einmal kritisiert hat, da war es wie ein Stich ins Herz und das Messer noch einmal herumgedreht.

Man muß nicht nur von Tadel, sondern auch von Lob unabhängig werden.

Kennt ihr das Gabelstaplerprinzip?  Einen Menschen hochheben, um ihn dahin zu bringen, wo man ihn haben will. Wenn ihr jemanden zu etwas motivieren wollt, ist die beste Methode, ihn mehrmals zu loben. Das kann man als positive Bestätigung auch durchaus benutzen, aber man sollte es nicht zur Manipulati-on einsetzen.

Ich habe das einmal im Sivananda-Yoga-Zentrum in Amerika erlebt. In Amerika spielen Kreditkarten im bargeldlosen Zahlungsverkehr eine große Rolle, so wie hier zum Beispiel die Einzugsermächtigung. Um Kreditkarten als Zahlungsmittel annehmen zu können, braucht man dort die Genehmigung seiner Bank, denn letztlich haftet sie dafür, wenn beispielsweise ein Unternehmen in Konkurs geht, aber vorher ein paar Tausend Dollar zuviel von Kreditkarten eingezogen hat. Ich ging zu unserer Bank, um diese Geneh-migung zu beantragen. Die Bank lehnte ab. Ich führte Verhandlungen mit ihnen, sie prüften es noch ein-mal und lehnten wieder ab. Ich erzählte die Sache einem Yogalehrer im Zentrum, der von Beruf Rechts-anwalt war. Er sagte: „Ich zeige dir, wie man so etwas macht.“ Zuerst hat er Informationen gesammelt und erfahren, daß die Bank einen neuen Direktor bekommen hatte. Dann hat er die Bank angerufen und dem Chef erst einmal Honig um den Mund geschmiert, indem er ihm gesagt hat, er habe gehört, daß die-ser jetzt der neue Direktor der Bank sei, die Leute sprächen ja so positiv von ihm, alles sei so viel besser als vorher, der Vorgänger sei ja nicht so gut gewesen, alle hätten sich auf ihn gefreut u.s.w. Ich bin vor Scham fast in den Boden versunken. Dann hat er so ganz beiläufig erwähnt, daß vor kurzem ein kleiner Irrtum mit der Genehmigung der Kreditkarten für das Yogazentrum passiert sei – das ging aber fast am Rande. Zwei Tage später hatten wir die Bestätigung, daß wir künftig Kreditkarten annehmen können. Anstatt also der natürlichen Reaktion nachzugeben, d. h. zu schimpfen, zu drohen, die Bank zu wechseln etc., erreicht man das Gewünschte ganz leicht durch Loben. Trotzdem habe ich dem Anwalt gesagt: Es ist gut, andere zu loben, aber als Yogi sollte man trotzdem bei der Wahrheit bleiben.

Wenn man für andere etwas zum Guten bewirken will, kann man diese Methode durchaus auch benutzen. Es ist sicher besser, jemanden zu loben und zu versuchen, ihn auf diese Weise in eine bessere Richtung zu bringen, als ihn anzubrüllen oder mit Machtkämpfen zum Ziel zu kommen. Aber wir sollten andere nicht manipulieren und wir sollten auch selbst aufpassen, daß uns niemand manipuliert.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können unser Selbstwertgefühl aufbauen, dann brauchen wir weni-ger Lob und werden von Tadel unabhängiger. Oder wir können versuchen, uns immer mehr als Instru-ment Gottes zu fühlen, dann brauchen wir keine Selbstbestätigung von außen mehr. Wir geben uns Gott hin und spüren, nicht ich handle, sondern Gott handelt durch mich. Das macht einen unabhängiger und ist meiner Meinung nach der einfachere Weg. Das ist ein Aspekt von Vikalpah, Wortirrtum oder Einbil-dung.

Der zweite Aspekt von Vikalpah ist, daß wir nicht nur in der einfachen Dimension von Lob und Tadel sehr stark durch Worte beeinflußt werden, sondern ganz generell durch alles, was Menschen sagen. Dieses Phänomen macht sich auch die Werbung zunutze. Werbung ist ja nicht logisch, sondern suggestiv; zum Beispiel „Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer“ in einer Zigarettenwerbung – was für ein Irrsinn! Da wird jemand zum Sklaven eines Glimmstengels, verpestet die Umwelt und seine eigene Luft, ruiniert seine Lungen, macht sich unfähig zu sportlicher Leistung und das Ganze soll Freiheit und Abenteuer sein! Trotzdem assoziieren die Menschen diese Zigarette mit Freiheit und Abenteuer. Eigentlich ist die Zigaret-te ja ein Pubertätsritual. Nach dem 20. Lebensjahr wird fast niemand mehr süchtig, sondern vorher. Kin-der wollen erwachsen werden und ihr Symbol dafür ist die Zigarette. Das Dumme dabei ist nur, daß sie süchtig werden und nicht mehr davon loskommen. Und dann werden sie 60 und sind immer noch an ihrem Pubertätsritual hängengeblieben – das ist sicher ein Aspekt des Rauchens.

Was andere Menschen sagen, beeinflußt uns also. Nicht nur, weil es logisch ist, sondern weil Worte eine Wirkung haben.

Die tiefe Wirkung von Worten habe ich bei einem Schlüsselerlebnis mit Swami Vishnu erfahren, das ich als meine eigentliche Einweihung ansehe. Ich habe zwar auch eine Mantra-Einweihung, eine Brahmacha-rya- und eine Swami-Einweihung – ich war ja auch einige Jahre ein Swami mit Mönchsgelübde und allem, was dazu gehört; später hat mich Swami Vishnu auf meinen Wunsch davon entbunden – aber dieses Er-lebnis war für mein Gefühl meine eigentliche Einweihung. Es war das zweite Mal, daß ich eine längere Yogalehrer-Ausbildung übersetzt und für die deutsche Gruppe die Asana-Unterrichtstechniken und die Bhagavad Gita unterrichtet hatte. Am Ende des Kurses war es üblich, daß der Lehrer einer Sprachgruppe – meist waren es vier oder fünf, eine englische, französische, deutsche, italienische u.s.w. – mit seiner Gruppe zu Swami Vishnu ging, der dann einige aufbauende, inspirierende Worte zum Abschied sagte. Irgendwie fühlte ich mich am Ende des Kurses recht ausgelaugt und hatte keine Lust, mit der Gruppe zu Swami Vishnu zu gehen. Ich wollte ihn allein sehen. Also habe ich angefragt, ob ich kommen könne – er hatte dort eine kleine Hütte – und seine Assistentin sagte: „Ja, du kannst runterkommen, er liegt gerade in seiner Hängematte“. Ich dachte: „Oh, was mache ich denn jetzt, wenn er in seiner Hängematte liegt?!“ Jedenfalls ging ich dann langsam hinunter, mein Herz klopfte immer heftiger, denn bis dahin hatte ich eigentlich nur wenig persönliche Worte mit Swami Vishnu gewechselt, obgleich ich ihn schon ein paar Jahre kannte. Natürlich habe ich ihn ab und zu nach Pranayama-Praktiken und ähnlichem gefragt, aber jetzt hatte ich ja eigentlich keine Frage, ich wollte ihn einfach zum Schluß noch einmal sehen, bevor ich nach Wien abreiste, um dort das Zentrum zu übernehmen. Swami Vishnu sah oder hörte mich kommen, setzte sich auf seine Hängematte und fragte mich, was ich jetzt mache. Ich erzählte ihm, daß ich nach Wien ginge und er antwortete, das sei gut, aber jetzt solle ich mich erst mal dort an den Wasserfall setzen. Es gab dort eine Statue von Swami Sivananda und einen Shiva, aus dessen Kopf heraus ein Wasserfall floß – Swami Vishnu hatte ein großes Faible für Landschaftsarchitektur und Schönheit, daher gab es dort diese Anlage mit den Statuen und dem Wasserfall. Dorthin sollte ich mich also setzen, um den Segen der Meister zu erbitten. Dabei hatte eine meiner tiefsten spirituellen Erfahrungen. Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß, aber der Anzahl von Insektenstichen nach muß es ziemlich lange gewesen sein. Schließlich kam ich aus der Meditation heraus und verneigte mich nochmals vor Swami Vishnu. Er legte mir seine Hand auf die Stirn, rezitierte das Om Tryambakam (Heil- und Schutzmantra) und sagte: „And when you come to Vienna teach a lot of classes, make a lot of money and turn Vienna topsyturvy“ („Wenn du nach Wien kommst, gib viele Yogastunden, sorge dafür, daß Geld hereinkommt – denn das Zentrum war hoff-nungslos verschuldet und stand eigentlich kurz vor dem Bankrott – und stelle Wien auf den Kopf!“).

Diese Worte haben mich beflügelt und gründlich verändert. Vorher war ich eigentlich ein schüchterner Mensch und habe mich selten getraut, den Mund aufzumachen. Worte von großen Meistern haben natür-lich eine besonders starke Wirkung, aber auch Worte von anderen Menschen haben eine Wirkung und unsere eigenen Worte auch. Die westliche Psychologie spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten inneren Dialog. Wie spreche ich mit mir selbst? Manche Menschen sprechen oft und ständig destruktiv zu sich selbst: „Du Esel, was hast du da wieder gemacht? Du taugst ja gar nichts! Du bringst nie etwas fer-tig!“ Dadurch wird man beeinflußt. Man muß darauf achten, wie man selbst zu sich spricht, wie andere zu einem sprechen und wie man selbst zu anderen spricht. Welche Suggestionen gebe ich den anderen? Worte haben Kraft.

Es gibt eine einfache Technik, die Patanjali im zweiten Kapitel ausführt: Wenn wir merken, daß wir zu uns selbst Worte sprechen, die nicht positiv sind, müssen wir uns gegenteilig programmieren. Denkt man also zum Beispiel: „Das packe ich nie“, muß sofort die Gegensuggestion kommen: „Durch die Gnade Got-tes schaffe ich’s!“ oder „Das ist zuviel!“ oder „Wenn Gott mir Aufgaben gibt, wird er mir auch die Kraft geben, sie zu erfüllen.“ Die Gegensuggestionen müssen nicht so überheblich klingen wie: „Ich schaffe al-les!“ Dasselbe Prinzip gilt natürlich auch, wenn andere uns negativ beeinflussen. Es hat eine verheerende Wirkung, wenn man sich etwas vornimmt und jemand sagt: „Das schaffst du nie.“ Eine solche negative Suggestion sollte man nie ohne Gegensuggestion lassen, sonst wirkt sie auf unterbewußte Weise. Das heißt nicht, daß wir sofort auftrumpfen und dem anderen sagen müssen: „Dir werde ich’s zeigen, das schaffe ich schon!“ – das wäre höchstens der Beweis für ein gesundes Ego. Die Reaktion eines ungesunden Ego wäre: „Na ja, vielleicht hat er ja recht, ich versuche es besser erst gar nicht“ Viele Menschen werden so künstlich niedergehalten – im geschäftlichen und sozialen Umfeld, oft sogar vom Partner.

Vikalpah heißt also, wir identifizieren uns mit den Worten, auch wenn sie in der Wirklichkeit keine Grundlage haben. Wir müssen auf unsere Gedanken achten, auf die Worte, die wir zu uns sprechen und auf die Worte, die andere zu uns sprechen. Zusätzlich zu Gegensuggestionen auf negative Äußerungen können wir natürlich auch Affirmationen sprechen. Es ist zwar nicht so, daß Affirmationen unbedingt alles bewirken können, aber sie haben eine gewisse Wirksamkeit, die wir ausnutzen können.
 

10. Abhâva–pratyayâlambanâ vrittir nidrâ

abhâva = Abwesenheit; pratyayâ = Inhalt der Psyche; âlambanâ = Stütze, Grundlage; vritti = Gedan-kenwelle, Modifikation; nidrâ = Schlaf

Die Erscheinungsform (vritti) des Geistes, die Abwesenheit irgendeines Inhalts im Geist umfaßt, wird Schlaf genannt.

Auch Schlaf ist eine Vritti, ein gedanklicher Zustand, bei dem sonst kein anderer Gedanke im Geist ist. Aber es ist eine Vritti, eine Gedankenwelle – sonst wären wir im Schlaf selbstverwirklicht!
 

11. Anubhûta–visayâsampramoshah smritih

anubhûta = (von) Erfahrenem; vishayâ = Gegenstand; asampramoshah = „Nicht–Diebstahl“, nicht los-lassen; smritih = Erinnerung

Erinnerung ist das Festhalten an vergangenen Erfahrungen.

Alle vergangenen Erfahrungen kommen im Geist hoch; daher ist auch die Erinnerung eine Vritti, eine der fünf Hauptformen von Gedanken.
 

12. Abhyâsa–vairâgyâbhyâm tan–nirodhah

abhyâsa = beharrliche Übung; vairâgyâbhyâm = Nichtanhaften, Wunschlosigkeit; tan–nirodhah = Ab-stellen, Unterdrücken (der Chitta–Vrittis)

Die Kontrolle der Chitta Vrittis, also der Gedanken im Geist, wird durch Übung (abhyâsa) und
Verhaftungslosigkeit (vairâgyâ) herbeigeführt.

Das ist dasselbe, was Krishna im 6. Kapitel der Bhagavad Gita sagt. Er spricht erst davon, was Meditati-on ist und daß der Yogi Gleichmut entwickeln soll. Wenn er gleichmütig geworden ist gegenüber Lob und Tadel, Hitze und Kälte, Schmerz und Vergnügen, ist er reif für die Ewigkeit. Arjuna sagt darauf sinnge-mäß: „Oh Krishna, das schaffe ich nie. Es ist leichter, den Wind mit blossen Händen festzuhalten als den Geist zu beherrschen.“ Krishna gibt ihm die gleiche Antwort wie Patanjali: „Ja, Arjuna, wahrlich ist es schwer, den Geist zu beherrschen, aber durch Übung und Verhaftungslosigkeit, durch Abhyasa und Vai-ragya, ist der Geist unter Kontrolle zu bringen.“

In den nächsten Aphorismen erfahren wir Näheres darüber.
 

13. Tatra sthitau yatno `bhyâsah

Tatra = von jenen (d.h. von Abhyasa und Vairagya); sthitau = um fest gegründet zu sein; yatnoh = An-strengung, Bemühung; abhyâsah = Übung

Abhyasa ist die ständige Bemühung, die Einschränkung der Gedankenwellen fest zu begründen.

Alle Anstrengungen, die wir machen, um unsere Gedanken zu beherrschen, sind Abhyasa. Es gibt nicht nur eine oder zwei bestimmte Übungen und auch nicht nur die hier in den Yoga Sutras aufgeführten, son-dern alles, was dazu dient, den Geist zu beherrschen, ist Abhyasa. Hierunter fällt auch die ständige Be-mühung – wir haben keine Pause! Die Übung beginnt mit dem Aufwachen am Morgen und hört am Abend mit dem Einschlafen auf. Später geht es sogar rund um die Uhr, 24 Stunden lang. Es beginnt mit dem Aufwachen am Morgen und hört morgens beim Aufwachen auf. Das kann so weit gehen, daß man im Traum Mantras singt, Asanas oder Pranayama macht oder selbstlosen Dienst tut.

Im Schlaf kann unser Geist uns alles Mögliche vorgaukeln, alles Mögliche tun. Manchen, die neu auf dem spirituellen Weg sind, passiert es die ersten Jahre noch, daß der Geist im Traum Dinge hervorbringt, die sie im Wachbewußtsein nie tun oder an die sie nie denken würden. Das ist auch ok, so hat der Geist ein bißchen Spielraum. Schlaf und Träume haben eine ausgleichende Funktion.

Swami Vishnu hat gesagt: Angenommen, es gäbe keinen Schlaf und keine Träume, so daß wir immer die gleiche Person sein müßten, 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr, 80 oder 100 Jahre unseres Lebens – würden wir das aushalten? Im Traum können wir jemand anders sein, im Schlaf vergessen wir alles. Natürlich wäre es etwas anderes, wenn wir statt dessen immer bewußt hier wären und die Selbstverwirklichung erreichen würden! Aber sogar die Selbstverwirklichten schlafen meistens noch zwei oder drei Stunden. Der Schlaf erfüllt seine Funktion. Der Geist braucht einen gewissen Aus-gleich. Seien wir deshalb dankbar dafür!

„Ständige Bemühung“ heißt jetzt nicht, daß wir uns dauernd verkrampft anstrengen, sondern wir versu-chen, diese Vorstellung Gottes, die Grundhaltung von selbstlosem Dienst und einer positiven Lebensein-stellung den ganzen Tag über aufrechtzuerhalten, ob wir nun Geschirr spülen, meditieren, Asanas ma-chen, spazierengehen, mit unserem Kind zusammen sind, im Büro arbeiten, ein paar freundliche Worte mit dem Postboten wechseln u.s.w.. Wir bemühen uns immer wieder, dieses Bewußtsein des Göttlichen aufrechtzuerhalten oder hervorzurufen und unseren Geist positiv, gleichmütig, zu stimmen.

Abhyasa heißt nicht, den Geist den ganzen Tag beherrschen zu müssen. Es ist die Bemühung darum. Wir sind viel zu erfolgsorientiert. Das Bemühen ist wichtig, nicht das, was dabei herauskommt. Wir bemühen uns; dann gelingt es manchmal und es gelingt auch manchmal nicht. Viele Menschen haben einen zu gro-ßen Perfektionsdrang.

Shanmug, ein langjähriger Yogalehrer, der hier als Gastreferent gelegentlich Seminare gibt, bringt immer einige Elemente aus der Psychologie in seine 20jährige Yogalehrerpraxis ein. Letztes Mal, als er hier war, sprach er darüber, daß es nach den Erkenntnissen der modernen Psychologie einige wenige sinnlose Grundüberzeugungen sind, die viele Menschen unglücklich machen. Eine dieser Grundüberzeugungen ist: „Ich muß alles richtig machen, ich muß vollkommen sein, sonst ist alles schlecht“. Das ist dieser Perfekti-onismus. Aber kann man wirklich vollkommen sein? Man kann nur vollkommen sein, wenn man seine Ansprüche sehr niedrig ansetzt und nur wenig tut. Dann ist man darin vollkommen. Wenn wir unsere Ansprüche hoch setzen und viel machen wollen, können wir nie vollkommen sein. Unser Ziel ist die Selbstverwirklichung. Bis dahin gibt es unglaublich viel zu tun. Es ist also besser, eher viel zu tun und das weniger perfekt. Das macht auch demütig.

Darin uns auch Swami Vishnu geschult. Er hat uns immer mehr Aufgaben gegeben, als wir eigentlich bewältigen konnten. Es war nie möglich, alles zu tun, was er gesagt hat. Es ging einfach nicht. Wir haben uns bemüht und oft ist es auch irgendwie hingekommen, manchmal aber auch nicht. Ich kann mich erin-nern, einmal hat er den Auftrag gegeben, in drei Tagen einen Tempel zu bauen. Der Tempel stand dann auch, aber er war weit davon entfernt, perfekt zu sein! Es war kein riesiger kunstfertiger Bau mit Schnit-zereien und so, sondern eine einfache Holzhütte, in die eine Krishna-Statue nach einem ausgefeilten alten Ritual hineingestellt wurde und in der eine Einweihungs-Puja gemacht wurde.

Diese Überlegung hilft auch für das Sadhana (spirituelle Praxis). Auch darin können wir nicht vollkom-men sein. Trotzdem sollten wir unsere Ideale deswegen nicht senken. Manche Menschen denken: „Ach, ich schaffe die Selbstverwirklichung sowieso nicht. Mir reicht es aus, wenn ich am Tag ein bißchen medi-tiere, Mantras singe und einigermaßen gesund lebe. Die vollkommene Selbstbeherrschung und die Einheit mit dem Unendlichen – das liegt für mich sowieso nicht im Bereich des Möglichen“. Wenn man sich so programmiert, verliert man das Ziel aus den Augen. Wir können nicht vollkommen sein, aber wir können uns darum bemühen. Die ständige Bemühung, unseren Geist zum Göttlichen zu bringen, ist Abhyasa.

Patanjali sagt in diesem Vers, wir sollen uns bemühen, „die Einschränkung der Gedankenwellen fest zu begründen“. Das muß man sich vor Augen führen. Es heißt also nicht einmal, wir sollen uns ständig be-mühen, den Geist zu beherrschen, sondern wir sollen uns ständig bemühen, uns zu bemühen. Er macht es uns in gewisser Hinsicht einfach: Ständige Bemühung, zur Verwirklichung zu kommen, aber ohne Verhaf-tung. Sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Sich nicht ständig vorwerfen: Das hat nicht geklappt und jenes nicht und was ich da gemacht habe, war auch nicht so gut.

Übrigens, am Rande bemerkt, eine andere Grundüberzeugung vieler Menschen ist die Erwartung, von anderen freundlich behandelt zu werden, sonst fühlen sie sich schlecht. Aber ist es realistisch, daß andere einen immer freundlich behandeln? Manche Menschen werden grundsätzlich und grundlegend aus dem Gleichgewicht gebracht, sowie sie nicht freundlich behandelt werden. Aber in über der Hälfte der Fälle scheint es nur so und der andere meint es eigentlich gut. In der Hälfte der restlichen Fälle hat er es gar nicht böse mit uns gemeint, sondern sich mit etwas ganz anderem beschäftigt. Und in dem Viertel der Fälle, wo er wirklich mit uns ärgerlich war, ist es auch nicht so tragisch. Andere Menschen haben ihre Launen wie wir selbst auch und das alles spielt eigentlich keine so große Rolle. Im Rahmen von Vikalpa, Wortirrtum, haben wir ja schon darüber gesprochen, daß wir uns nicht so abhängig machen sollten von dem, was andere zu uns bzw. über uns sagen oder denken.
 

14. Sa tu dîrgha–kâla–nairantarya–satkârâ sevito dridha–bhûmih

Sah = das; tu = in der Tat; dîrgha = lang; kâla = Zeit; nairantarya = ununterbroche Aufeinanderfolge; satkârâ = Ernst, voller Hingabe; âsevitah = geübt, befolgt, fortgesetzt; dridha = fest; bhûmih = Grund

Die Übung wird fest begründet, wenn sie über lange Zeit hinweg ohne Unterbrechung und mit auf-richtiger Hingabe fortgesetzt wird.

Was heißt lange? – Bis zur Verwirklichung!

Viele Menschen praktizieren jahrelang Yoga, aber nur ab und zu. Wenn man ohne Unterbrechung 20 Jah-re lang Yoga praktiziert, dann ist das Bewußtsein des Göttlichen schon etwas weiter entwickelt. Vom Yoga gibt es keine Pause. Der spirituelle Weg ist so, wie wenn man eine Kugel den Berg hochschiebt. Was pas-siert, wenn wir eine Pause machen und die Kugel loslassen? – Sie rollt den Berg wieder hinunter, zumin-dest ein Stück. Es gibt natürlich Ausnahmefälle, wo jemand plötzlich die Selbstverwirklichung erreicht, wenn entsprechende Samskaras (Eindrücke im Unterbewußtsein) aus früheren Leben vorhanden sind. Aber im Normalfall müssen wir die Kugel den Berg hochschieben und dürfen sie nicht wieder loslassen. Wir sollten uns auf dem spirituellen Weg nicht eine Weile ausruhen.

Zwischenfrage: „Was ist das überhaupt, die Selbstverwirklichung?“

Yogash Chitta Vritti nirodhah – im Geist sind keine Gedanken mehr, wir ruhen in unserem wahren Wesen und haben die Einheit erreicht mit dem Unendlichen. Dann sind wir befreit. Kaivalya (Freiheit; reines Bewußtsein) ist erreicht. Es gibt keine Notwendigkeit mehr für uns, daß noch etwas geschieht.

Von den Bhumikas, den sieben Stufen der Erkenntnis, wissen wir, wenn wir die Selbstverwirklichung erreicht haben, sind wir erst in Asamshakti („durch nichts berührt“), wo wir noch das Karma abarbeiten müssen, das für diesen Körper vorgesehen ist. Aber wir wissen, es sind nicht mehr wir, die handeln, son-dern Gott handelt durch uns. Wir sind so lange im vollen Bewußtsein, bis das Karma zu Ende ist. Wenn nur noch wenig Karma da ist, dann läuft es auch ab, ohne daß wir etwas dazutun. Es geschieht einfach, das Karma bringt uns dazu, gewisse Sachen zu tun, die nötig sind, das ist dann die Stufe von Padarthab-havani („sieht Brahman überall“) und schließlich erreicht man Turiya, die endgültige Befreiung, als letzte Bhumika. Wir tun nichts mehr, wir verschmelzen mit dem Absoluten, wir existieren nicht mehr als Per-sönlichkeit, wir sind eins mit Gott, immer Sat-Chit-Ananda, Sein, Wissen und Glückseligkeit. Es wäre auch völlig unmöglich, noch etwas zu tun.

Deshalb hat ein Jivanmukta auch ein sogenanntes Doppelbewußtsein. Der Jivanmukta ist der lebendig Befreite, der die Selbstverwirklichung erreicht hat. Zum einen hat er das göttliche Bewußtsein hinter al-lem, zum anderen hat er aber auch noch ein sattwiges Ego. Er kann also das ganze Universium im allge-meinen spüren und gleichzeitig parallel diesen seinen besonderen Körper und diesen Geist. Der Jivan-mukta macht nichts mehr wirklich aus eigenem Willen, sondern weil das Karma es erfordert. Sein Körper und Astralkörper haben noch ein Karma, das ablaufen muß und dazu ist es notwendig, daß er zwischen-durch in sein Ego hineingeht. Und er weiß, das Karma dieses Körpers läuft ab als Teil des göttlichen Wil-lens. Er spürt den Körper, kann auch Emotionen und alles andere empfinden, aber er weiß, daß dies nur ein Teil von ihm ist. So ähnlich wie wir den ganzen Körper und gleichzeitig auch einen Finger als Teil davon spüren können. Wenn es notwendig ist, den Finger zu bewegen, dann bewege ich den Finger. Ich spüre mich zwar immer noch als der ganze Körper, aber ich bewege halt nur den Finger. Gleichzeitig geht aber auch mein Herzschlag noch weiter, ohne daß ich mich darum zu kümmern brauche, der Atem geht weiter, der Magen erfüllt seine Funktion, u.s.w.. Ähnlich ist es beim Jivanmukta. Er weiß, für diesen Kör-per hat er eine besondere Aufgabe, aber er ist gleichzeitig auch eins mit allem. Alles läuft ab und ist der göttliche Wille. So wie die Funktionen des Körpers ablaufen, ohne daß man eigentlich etwas davon merkt, so läuft der größte Teil des Lebens, des Universums überhaupt ab. Einiges kann der Jivanmukti zwar auch beeinflussen, wenn er merkt, daß es notwendig ist oder die göttliche Energie will, daß er etwas von einem übergeordneten Standpunkt aus ausführt. Aber ansonsten bewegt er diesen kleinen Körper, diesen kleinen Geist und handelt durch sie, bis sein Karma abgelaufen ist. Ganz zum Schluß oder kurz vor Schluß verschiebt sich sein Doppelbewußtsein mehr in Richtung auf das kosmische Universum. Dann handelt er tatsächlich nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern muß von außen dazu gebracht werden. Wenn man ihm dann nichts zu essen gibt, ißt er nichts mehr. Er merkt auch nichts. Solange das Karma für den Körper noch da ist, wird er auch nicht sterben. Der Körper braucht dann einfach nichts. Er wird auch keine Vorträge geben, es sei denn, man bittet ihn darum. Wenn man ihn um etwas bittet, macht er es auch. Er ist eigentlich ein Spielball von dem, was Menschen oder das Schicksal von außen an ihn heran-tragen.

Solche Menschen wirken deshalb manchmal auch verrückt, wie in der Geschichte von Jada Bharata.

Es gab einmal einen großen König namens Bharata, den ersten König in der legendären mythologischen Vorzeit, der Indien als erster geeint haben soll. Nach ihm ist das Land auch benannt, denn die Inder nen-nen sich selbst Bharatas und ihr Land Bharata, das Land des Bharata. Der Begriff „Indien“ entstand durch die Griechen. Er bedeutet das Land, das hinter dem Indusfluß liegt. Der Fluß heißt bei den Indern eigentlich Sindu. Daraus haben die Griechen Indus gemacht, die Menschen, die um das Industal herum wohnten, als Inder bezeichnet und später wurde dann das ganze Land so genannt.

Als König Bharata alt wurde, überließ er seinem Sohn die Herrschaft und zog sich, entsprechend den vier Ashramas, den vier Lebensaltern, in die Einöde zurück. Er ließ sich an einem Fluß nieder und widmete den Rest seines Lebens der Meditation. Eines Tages, als er sein Bad im Fluß nahm, wurde ein Rehkitz von heruntergetrieben, dessen Mutter von Jägern getötet worden war. Er rettete es und zog es auf. Und er, der dem ganzen Königreich entsagt hatte, seinen Kindern, seiner Frau, Luxus, Reichtum, Macht, er entwi-ckelte nun eine Verhaftung an dieses Rehkitz. Immer öfter, wenn er meditierte, dachte er an das Rehkitz, fragte sich, wie es ihm wohl gehe. Es kam auch zu ihm, setzte sich auf seinen Schoß oder lenkte ihn sonst ab, wenn er meditierte – und so erreichte er doch nicht ganz die Selbstverwirklichung. Und im letzten Augenblick seines Lebens dachte er an das Rehkitz statt an das Unendliche oder statt sein Mantra zu wiederholen, was man tun sollte, um zu höheren Ebenen oder gar zur Verwirklichung zu kommen. Statt-dessen dachte er: „Was wird denn jetzt aus meinem Reh? Wer kümmert sich um mein Reh?“ – obwohl es schon längst alt genug war, sich um sich selbst zu kümmern! Aber Verhaftung ist nun einmal so. Und weil er so intensiv an das Reh gedacht hatte, wurde er im nächsten Leben als Reh wiedergeboren. – Man muß also aufpassen, was man denkt! Der letzte Gedanke bestimmt das nächste Leben. Natürlich auch das Karma. Letztlich schafft das, was man denkt, auch Karma. Es ist natürlich nicht unbedingt gesagt, daß man in so einem Fall als Reh wiedergeboren wird. Es könnte auch sein, daß man irgendwo im Wald wie-dergeboren wird, wo Rehe eine wichtige Rolle spielen. Manche Menschen denken zum Schluß an ihre Ak-tien. Das heißt nicht, daß sie als Aktienpaket wiedergeboren werden. Aber sie werden in eine Familie hin-eingeboren werden, wo Aktien eine wichtige Rolle spielen. Und je nach Karma wird das eine Familie mit großem Aktienbesitz sein oder eine, die sich an der Börse verspekuliert und alles verliert.

Das ist einer der Gründe, warum ich kein Haustier habe. Ich würde mich sofort daran verhaften. Ich hatte schon ein Pferd, eine Katze und einen Hund. Zu der Katze, einem Kater, hatte ich eine ganz besondere Beziehung. Er hat alles gemacht, was ich ihm gesagt habe. Wenn ich auf die Schulter geklopft habe, dann ist er hochgelaufen und hat sich auf meine Schulter gesetzt – zum Entsetzen meiner Mutter, denn er muß-te natürlich mit den Krallen hochgehen und das tat der Kleidung nicht so gut. Er ist sogar mit mir spazie-rengegangen. Und irgendwann wurde er von einem Auto überfahren. Das war eine schwere Sache für mich.

Also, der letzte Gedanke bestimmt das nächste Leben und so wurde der König im nächsten Leben als Reh geboren. Da er aber doch ein sehr fortgeschrittener Aspirant gewesen war, der schon höhere Bewußtsein-sebenen erreicht hatte, hatte er die Erinnerung an frühere Leben behalten. Und weil er sich daran erin-nerte, hielt er sich abseits von den anderen Rehen. Schließlich starb er als Reh und inkarnierte sich wie-der als Mensch. Diesmal entschied er sich, den gleichen Fehler nicht nochmals zu machen. Er wollte keine Verhaftungen mehr eingehen. Und da er vorher schon viel Karma abgearbeitet hatte – schon als König war er sehr spirituell gewesen, hatte alle vorgeschriebenen Rituale und Verhaltensweisen eingehalten und bereits die Vorstufen der Erleuchtung erreicht –, machte er in seinem neuen Leben schon in der Kindheit rasche Fortschritte. Um also Verhaftungen zu vermeiden und die Selbstverwirklichung zu erreichen, ent-schied er sich, mit niemandem zu sprechen. Seine Eltern fanden das natürlich nicht übermäßig toll. Sie empfanden ihn als eine große Belastung. Alle anderen ihrer Kinder lernten, er lernte nichts. Sie setzten ihn zwar für einfache Arbeiten ein und er machte das, was ihm gesagt wurde, aber nicht mehr. Wenn man ihm nichts sagte, saß er einfach nur da. Das heißt, er meditierte, aber für seine Eltern war er nur ein Ver-rückter, mit dem man nichts anfangen konnte.

Eines Tages sagten die Eltern zu ihm: „Du willst ja doch immer nur `rumstehen und nichts tun, also geh` aufs Feld, vertreibe die Krähen und sorge dafür, daß sie die Ernte nicht auffressen!“ Er bekam ein Vogel-scheuchenkostüm und stellte sich aufs Feld. Als die Vögel kamen, sah er den Sinn seines Auftrages nicht ein. Warum sollte er die Vögel vertreiben, sie hatten doch Hunger! Also stand er ganz leblos da und medi-tierte über das Absolute. Am Abend kam sein Vater und sah, daß alle Samen aufgefressen waren. Da schlug er ihn mit dem Stock und befahl ihm, zu verschwinden, er wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Gut, ihm wurde gesagt, er solle verschwinden, also ging er seines Weges.

Nun geschah es, daß auf diesem Weg der König in seiner Sänfte getragen wurde. Er war unterwegs zu seinem Guru, um etwas über Brahman, das Absolute, und die Selbstbefreiung zu hören. Einer der Sänf-tenträger verknackste sich den Fuß, so daß es nur noch drei Träger waren. Ein König braucht nämlich paradoxerweise eine Sänfte, Sänftenträger und einen Kommandanten vor sich und einen hinter sich, auch wenn er zu seinem Guru geht! So beratschlagten nun die Kommandanten, was zu tun sei. Da sahen sie plötzlich den Jada Bharata, wie er jetzt hieß (jada = verrückt, idiotisch; aber er war nicht wirklich ver-rückt, er schien nur so, er war eigentlich ein großer Weiser,) den Weg entlangkommen. Der Kommandant rief ihn her und machte ihn zum Sänftenträger. Während sie nun weitergingen, sprang Jada Bharata plötzlich hoch, weil auf dem Weg eine Schnecke war, die er erst im letzten Moment gesehen hatte, als sein Fuß fast schon unten war. Um sie nicht zu zertreten, machte er schnell einen Sprung. Die Sänfte bewegte sich unsanft, der König bekam eine Beule und rief heraus: „Was ist denn los?“ Der Hauptmann sagte: „Entschuldige, König, aber der neue Sänftenträger ist noch nicht so geübt“. Darauf sagte der König: „Dann soll er sich gefälligst ein bißchen bemühen und achtgeben“. Nach einer Weile führte eine Ameisen-straße über den Weg. Jada Bharata sprang wieder hoch, um die Ameisen nicht zu töten. Der König bekam eine zweite Beule, schaute aus der Sänfte heraus, sah, daß das wieder der neue Träger gewesen war und sagte: „Wenn du das noch einmal machst, schlage ich dir den Kopf ab“. Sie gingen weiter, bis eine Kröte auf dem Weg saß, die sich totgestellt hatte, so daß Jada Bharata sie erst sehr spät bemerkte und wieder einen Sprung machte. Der König sprang aus seiner Sänfte, nahm sein Schwert und sagte: „Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin der Herr über Leben und Tod und du wagst es, das zu tun?“ Nun öffnete Jada Bharata zum ersten Mal in seinem Leben den Mund und sagte: „Oh großer König, du denkst du bist Herr über Leben und Tod und kannst doch noch nicht einmal deinen eigenen Geist beherrschen. Du kannst vielleicht diesen Körper töten, aber das Selbst kannst du nicht töten.“ Plötzlich durchzuckte es den König, er zitterte am ganzen Körper und erkannte, wie dumm er sich benahm. Er befand sich auf dem Weg, um die Erleuchtung zu erlangen - einer seiner Sänftenträger besaß sie offensichtlich bereits und er war gerade dabei, ihm den Kopf abzuschlagen. Und anschließend wollte er die Selbstverwirklichung erreichen! Der König fiel zu Jada Bharata zu Füßen und bat ihn um Unterweisung. Jada Bharata erzählte ihm von Brahman, dem Absoluten, und zog anschließend seines Weges. Und nur weil der König ihn danach gefragt hatte, kennen wir die Geschichte von Jada Bharata.

Jada Bharata befand sich in Padarthabhavani („sieht Brahman überall“). Er identifizierte sich eigentlich immer mit allem und machte das, was ihm gesagt wurde, ansonsten tat er nichts.

Aber davor brauchen wir keine Angst zu haben. Das wird uns nicht so schnell passieren!

Einen großen Teil der Zeit befindet sich ein Erleuchteter normalerweise in Asamshakti („durch nichts berührt“), wo er noch mit Bewußtsein handelt. Er weiß noch, daß er handelt und er tut aus einem sattwi-gen Ego heraus, was getan werden muß– aber nicht mehr. Er weiß, daß das Göttliche durch ihn hindurch wirkt, auch konkret durch seinen Körper. Autistische Kinder sind da manchmal sehr ähnlich.

Wir denken immer, alle Menschen müßten so sein wie wir, sonst halten wir sie für komisch oder verrückt.  Umgekehrt stehen wir selbst unter Druck, weil wir glauben, wir müßten gleich sein wie alle anderen Men-schen. Aber es gibt verschiedene Arten von Karma und daher auch verschiedene Arten von Menschen.

Abhyasa ist also die Bemühung über lange Zeit ohne Unterbrechung – sowohl am Tag als auch bei Nacht. Sicher wird es am Anfang Unterbrechungen geben, ab und zu denkt man an etwas anderes, manchmal muß man sich auch entspannen –, aber grundsätzlich müssen wir jeden Tag meditieren, unsere Praktiken ausführen, über einen langen Zeitraum, ohne ein paar Wochen oder Monate auszusetzen. Es gibt Zeiten, wo wir die Praktiken intensivieren und es gibt Zeiten, wo man weniger Asanas, Pranayama und Meditati-on übt, dafür mehr im Rahmen des täglichen Lebens. Aber insgesamt sollte man jeden Tag diese Prakti-ken durchführen und an den Gedanken, an der Bewußtheit des Göttlichen, arbeiten; das ist wichtig. Dann wird es irgendwann tatsächlich vollkommen ohne Unterbrechung, mit aufrichtiger Hingabe und Begeiste-rung, Satkara, nicht nur mechanisch.

Ist man schon längere Zeit auf dem spirituellen Weg, besteht die Gefahr, daß die Praxis irgendwann ein-mal mechanisch wird. Praktiziert man jahrelang jeden Tag die Rishikesh-Reihe, muß man ab einem be-stimmten Punkt mit Langeweile kämpfen oder man fängt an, während des Übens andere Gedanken zu spinnen. Dann ist es besonders wichtig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, warum man überhaupt übt, sich zu konzentrieren, bewußt zu atmen, Mantras zu wiederholen, eventuell auch die Praxis etwas zu ändern, damit der Geist wieder neuen Enthusiasmus bekommt. Die Praktik sollte von ganzem Herzen kommen, nicht halbherzig sein.

Bei den meisten Menschen, die regelmäßig üben, gibt es auch Trockenperioden. Und es ist besser, mecha-nisch zu üben als gar nicht. Es ist besser, nur dazusitzen und in der Meditation über Gott und die Welt nachzudenken – oft mehr über die Welt als über Gott –, als sich gar nicht hinzusetzen. Andere haben Pha-sen, wo sie in der Meditation zwischendurch einnicken. Es ist besser, dies durchzustehen als ganz aufzu-hören. Man sollte dafür sorgen, daß diese Perioden nicht zu lange dauern. Dazu muß man erst einmal prüfen, ob es einen Grund dafür gibt. Es kann sein, daß man in seinem Eifer den Schlaf zu sehr reduziert hat und man somit einfach mehr Schlaf braucht. Oder man ist aus irgendeinem Grund niedergedrückt. Man kann einen angehenden Diabetes haben, der behandelt werden muß. Unreinheiten können sich im Körper angesammelt haben, so daß man mehr Kriyas machen sollte. Es kann aber auch sein, daß der Geist einfach gegen die Monotonie streikt. Wichtig ist, sich immer wieder zu bemühen, sich neu zu moti-vieren, zu versuchen, neuen Enthusiasmus aufzubringen. Anstelle der normalen Reaktion nachzugeben – die Praxis gefällt einem nicht, also wird aufgehört oder etwas ganz anderes gemacht –, ist es klüger, sich zu überlegen, was man tun könnte, um die Praktiken (wieder) befriedigender zu machen.

Es heißt ja, alle Antworten sind eigentlich in uns. Die Kunst ist, die richtigen Fragen zu stellen, dann kommen die Antworten von selbst. Schon allein dadurch, daß man regelmäßig praktiziert, entsteht im Lauf der Zeit ein immer stärkerer Wunsch danach. Man fühlt sich einfach nicht mehr wohl, wenn man einmal nicht geübt hat. Oft passiert es, daß das Energieniveau sinkt, wenn die Praktiken eine Weile etwas reduziert wurden, weil man einfach weniger Zeit hatte. Hat man weniger Energie, sinkt auch die Motiva-tion zu praktizieren und so bewegt man sich in einer Abwärtsspirale. Man hat keine Lust, zu praktizieren, sondern eher das Gefühl, sich mal ausruhen und entspannen zu müssen, weil man so hart gearbeitet hat. Gut, das kann man sich auch mal kurze Zeit gönnen. Aber dann muß man Viveka, die Unterscheidungs-kraft, einschalten und sich klarmachen, daß der Wunsch, weniger zu praktizieren, daher kommt, daß man eine Weile weniger praktiziert hat und infolgedessen das Energieniveau gesunken ist. Und wie bringe ich das Energieniveau wieder hoch? Nicht, indem ich weiterhin nichts mache, sondern indem ich wieder ver-mehrt praktiziere. Und wenn die eigene Anstrengung nicht ausreicht, sucht man sich eben Hilfe und geht zum Beispiel eine Weile in einen Ashram, an einen Ort, wo die gesamte Energie und Atmosphäre hilfreich unterstützend und aufbauend wirken.

Ich kannte einmal eine enge Schülerin, die jeden Tag ins Yogazentrum kam, um zu meditieren, eine Yoga-stunde mitzumachen und auch mitzuhelfen. Aber sie hatte fast eine Stunde Fahrtweg zum Zentrum. Mit der Zeit fand sie es unproduktiv, jeden Tag etwa zwei Stunden mit der Fahrt zur und von der Yogaschule wieder nach Hause zu verbringen. Also beschloß sie, in die Nähe des Zentrums zu ziehen. Sie suchte sich eine Wohnung in der Umgebung, mußte die alte Wohnung auflösen und renovieren, die neue herrichten, umziehen u.s.w..; kurz, sie hatte sehr viel zu tun und kam während der ganzen Zeit fast nicht mehr ins Zentrum. Erstaunlicherweise kam sie aber auch nach dem Umzug mehrere Wochen nicht mehr. Bis sie schließlich doch irgendwann wieder einmal vorbeischaute und da habe ich sie gefragt, ob sie denn jetzt umgezogen sei. Sie sagte, ja, alles sei bestens. Ich fragte: „Was ist denn passiert? Du bist doch umgezogen, um öfter und leichter ins Yogazentrum kommen zu können und jetzt, wo du umgezogen bist, sehe ich dich gar nicht mehr.“ Da sagte sie, ja, irgendwie hätte sie in letzter Zeit das Gefühl, sie bräuchte mal eine Zeit für sich, wo sie etwas zur Ruhe käme und sie hätte da auch etwas anderes entdeckt .... Glücklicherweise war sie offen dafür, was ich ihr anschließend erklärt habe und mußte über sich selbst lachen. Von da an ist sie dann auch wieder regelmäßig gekommen. Aber wenn ich ihr das nicht gesagt hätte, wäre ihre starke spirituelle Welle verebbt und sie hätte sich eine ganze Weile mit etwas anderem beschäftigt.

Dieses Phänomen erlebe ich manchmal auch bei Leuten, die sich entschieden haben, ganz in den Ashram zu ziehen. Bevor es soweit ist, müssen sie natürlich eine ganze Menge erledigen, den Haushalt auflösen, Haustiere unterbringen, sich von Menschen verabschieden, u.s.w.. Manche denken ein paar Wochen vor-her: „ Ich gehe ja sowieso in den Ashram, da macht es jetzt nichts, wenn ich eine Weile lang keine Prakti-ken mehr mache.“ Sie kommen dann hier an und haben überhaupt keine Lust. Das stundenlange Meditie-ren und Mantrasingen geht ihnen erst einmal auf den Geist. Aber dann schwingen sie sich trotz allem schnell ein.

Es kann manchmal auch hilfreich sein, wenn man sich sagt: „Jetzt habe ich eine Zeitspanne, wo ich sehr viel Zeit für andere Dinge brauche. Anschließend gehe ich dann in den Ashram, mindestens für ein Wo-chenende, das gibt mir dann wieder den Anstoß, meine Praktiken zu intensivieren.“ Aber man sollte Pa-tanjalis Worte im Kopf behalten, die Übung sollte nairantarya sein, ohne Unterbrechung.

Swami Sivananda hat  in einem seiner Bücher geschrieben: „Es mag Tage geben im Leben eines Aspiran-ten, wo er keine Zeit hat zu essen. Es mag Tage geben, wo er keine Zeit hat zu schlafen. Aber es sollte keinen Tag geben, wo er keine Zeit hat zu meditieren. Denn ein Tag ohne Meditation ist wie zwei verlore-ne Tage." Die Kugel, die wir hochschieben, rollt dann ein ganzes Stück wieder hinunter. Yogananda war da noch radikaler. Er sagt, ein Tag ohne Meditation ist eine Woche Rückschritt. Das ist zwar nicht so ganz wörtlich zu nehmen, aber es ist schon sehr wichtig, jeden Tag zu meditieren. Mit den Asanas mal einen Tag auszusetzen, ist nicht ganz so tragisch. Aber die Meditation sollte man wirklich täglich üben – ohne Unterbrechung und mit aufrichtiger Hingabe.

Als Shri Karthikeyan, ein Meister aus dem Sivananda-Ashram in Rishikesh, der uns ein-, zweimal im Jahr besucht und Vorlesungen gibt, das letzte Mal hier war, ist mir nochmals richtig klargeworden, für wie wichtig Satsang, das Zusammensein mit Weisen und anderen spirituellen Menschen, im traditionellen Yoga gehalten wird. Dem Yoga wird oft vorgeworfen, er mache einsam oder sei Nabelschau. Aber im klas-sischen Yogasystem ist das überhaupt nicht der Fall. Vielen Menschen mit emotionellen und schweren anderen Problemen hat Shri Karthikeyan empfohlen, ein paar Wochen hierher zu kommen. Wenn man eine Weile hier ist, verschwinden die Probleme von selbst. Die Umgebung und der Umgang mit positiven, spirituellen Menschen, in Verbindung mit einem disziplinierten Tagesablauf, heilen sehr stark.

Dabei mußte ich daran denken, daß wir hier tatsächlich öfter wirklich verzweifelte Menschen haben. Sie haben eine Trennung oder sonstige psychische Krisen hinter sich bzw. stecken mittendrin, wissen nicht, was sie im Leben wollen oder leiden unter körperlichen oder psychischen Krankheiten. Nach ein paar Wochen kann man dann guten Gewissens sagen, daß sie mit einem ganz neuen Lebensgefühl wieder hi-nausgehen. Gerade Menschen mit großen psychischen Schwierigkeiten leben in einer spirituellen Umge-bung mit positiven Menschen richtig auf.

Auf der psychischen Ebene ist Satsang also etwas sehr Wichtiges. Leider bietet unsere Gesellschaft auf diesem Gebiet nicht sehr viel. Es gibt zwar die stationäre Therapie, aber dort ist die Mehrheit der Men-schen psychisch gestört. Alkoholiker sind dann zum Beispiel nur mit Alkoholikern zusammen, so daß es auch eine riesige Rückfallrate gibt. Es ist allein schon nützlich und wohltuend, eine Weile lang aus der gewohnten Umgebung herausgerissen zu werden, um seinen Geist in neue Bahnen zu lenken und zu schu-len. Aber eigentlich wäre es gut, wenn es Gemeinschaften von positiven Menschen gäbe, wo Menschen in psychischen und sonstigen Schwierigkeiten einfach dazustoßen und eine Zeitlang mitleben könnten. Das war früher in Großfamilien durchaus üblich. Wenn es beispielsweise einem Kind nicht gut ging, lebte es ein paar Wochen woanders, vielleicht bei der Großmutter oder wurde von einem anderen Teil der Familie eine Weile aufgenommen, um sich zu erholen und ihm etwas Distanz zu verschaffen. Es wäre schön, wenn es so etwas auch für Erwachsene gäbe – ein positives, erhebendes Umfeld. Das gilt auf der emotionalen und noch mehr auf der spirituellen Ebene. Wenn es einem spirituell nicht so gut geht, muß man die Ge-sellschaft anderer spiritueller Menschen suchen. Das erhebt.
 

15. Drishtânushravika–vishaya–vitrishnasya vashîkâra samjñâ vairâgyam

Drîshta = gesehen, sichtbar; ânushravika = gehört, verheißen, enthüllt; vishaya = Objekte; vitrishna-sya = von dem, der aufgehört hat zu dürsten; vashîkâra–samjñâ = Bewußtsein vollkommener Beherr-schung; vairâgyam = Nichtanhaften, Losgelöstsein

Vairagya, Verhaftungslosigkeit, ist der Bewußtseinszustand, in dem das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Objekten durch Meisterung des Willens kontrolliert ist.
 

16. Tat param purusha–khyâter gunavaitrishnyam

Tat = das; param = höchste; purusa–khyâteh = durch Gewahrung des Purusa, des Selbst; guna = Ei-genschaft der Natur; gunavaitrishnyam = Freiheit von dem geringsten Wunsche nach den Gunas

Der höchste Zustand der Verhaftungslosigkeit stammt vom Bewußtsein des Purusha her; er entsagt sogar den drei Eigenschaften der Natur.

Vairagya (Wunschlosigkeit) ist eines der vier Mittel zur Befreiung, eines der Charakteristika im Subecha–Zustand (Sehnsucht, Suche nach Wahrheit), der ersten Stufe der sieben Bhumikas. Zu Subecha gehören: Viveka, Unterscheidungskraft, Vairagya, Verhaftungslosigkeit oder Wunsch-, bzw. Leidenschaftslosigkeit, Shatsampat, die sechs edlen Tugenden, und Mumukshutwa, tiefes Verlangen nach Befreiung.

Hier greift Patanjali besonders Vairagya heraus. In den vorherigen Versen hat er gesagt, daß die Kontrolle der Vrittis durch Abhyasa und Vairagya herbeigeführt wird. Eigentlich kann man den 15. und 16. Vers so interpretieren: Vairagya wird auf einer Ebene erreicht durch Meisterung des Willens und zum zweiten auf einer tieferen Ebene als Zustand von Verhaftungslosigkeit, der aus dem Bewußtsein des Purusha kommt. Purusha ist das eine Selbst Gottes. Wenn man in diesem Bewußtsein ist, entsagt man den drei Eigen-schaften der Natur. Das zweite fällt uns etwas leichter, auch wenn wir es nicht gleich in den höchsten Zustand überführen. Wenn wir uns tieferer Schichten unserer selbst bewußt sind, wenn das Göttliche in uns hineinstrahlt oder durchschimmert, dann fallen verschiedene Wünsche von selbst weg. Das kennt ihr vielleicht aus eigener Erfahrung. Irgendwann habt ihr mit Yoga angefangen, vielleicht, um gesund zu werden oder zu bleiben, weil es Spaß gemacht hat, um Spannungen loszuwerden, aus Neugier, um einfach etwas gegen Streß zu unternehmen oder weil ihr einfach das Gefühl hattet, es wäre gut, mal einen Yoga-kurs zu machen. Den ersten Yogakurs machen Leute aus den verschiedensten Gründen. Manchmal wird man einfach geführt und weiß nicht warum. Manchmal hat man ein konkretes Problem und manchmal schleppt einen ein Freund oder eine Freundin hin. Anschließend hilft einem das Yoga, etwas mehr zu sich selbst zu kommen. Und plötzlich fallen alle möglichen Sachen ab. Es ist zum Beispiel ein verbreitetes Phänomen, daß etwa drei Viertel der Menschen, die Yoga üben, von selbst aufhören zu rauchen, ohne daß sie sich darum bemühen. Es geschieht einfach. Etwas weniger, aber mindestens auch die Hälfte, werden bei regelmäßiger Yogapraxis zum Vegetarier oder Fast-Vegetarier. Der Wunsch, Fleisch zu essen, hört mehr oder weniger von selbst auf. Es geschieht einfach.

Wenn man regelmäßig meditiert, fallen verschiedene andere Verhaftungen von selbst weg. Wenn wir durch Übungen allmählich Zugang zu unserem wahren Wesen bekommen, fallen eine ganze Reihe von Verhaftungen an die drei Gunas, die drei Eigenschaften, die allem Existierenden innewohnen, ab. Und beim vollen Bewußtsein Purushas, bei der vollen Selbstverwirklichung, haben wir überhaupt keine Wün-sche mehr. Wir werden dann vollkommen wunschlos. Wir handeln nicht mehr, um etwas zu erreichen, sondern als Instrument in den Händen des Kosmischen.

Viele Menschen erwarten, daß auf dem Yogaweg alles so von selbst geschieht. Das stimmt aber nicht. Wir zäumen öfter das Pferd von hinten auf. Denn Patanjali hat den 15. Vers vorangestellt, wo es heißt, Vaira-gya kommt durch Meisterung des Willens. Wir müssen schon unsere Willenskraft anwenden. Willenskraft ist eine Manifestation von Buddhi. Wie wir schon gesehen haben, ist Unterscheidungskraft, Viveka, ein Ausdruck von Buddhi. Und die Energie hinter der Unterscheidungskraft kommt aus der Willenskraft. Das ist im Deutschen schwierig zu erklären, da hier Wunsch oder Wille mehr oder weniger gleichgesetzt wer-den.

Der Wille ist die Kraft, mit der wir das umsetzen, was wir für richtig halten; und zwar sowohl das, was wir aufgrund von Viveka für richtig halten, als auch das, was aus einer tieferen Intuition kommt. Manchmal fühlt man irgendwie intuitiv: Das muß ich tun und das muß ich lassen, das sollte ich nicht mehr tun. Die Intuition kommt mehr vom Bewußtsein des Purusha her. Wenn man beispielsweise feststellt: „Immer wenn ich etwas Bestimmtes esse, geht es mir anschließend schlecht“, kommt die Viveka und sagt: „Also muß ich aufhören, das zu essen.“, woraus man dann dank der Willenskraft Konsequenzen zieht. Das Ver-langen muß zuerst einmal bewußt gemeistert werden. Nicht alles fällt von selbst ab.

Man stellt zum Beispiel fest, immer wenn man eine Tafel Schokolade gegessen hat, fühlt man sich an-schließend abgeschlafft. Man merkt, daß es einem  tatsächlich nicht gut tut. Also kommt jetzt die bewußte Entscheidung: „Ich sollte keine Schokolade mehr essen – oder höchstens noch an meinem Geburtstag oder am Geburtstag anderer Leute ein kleines Stückchen.“ Man hat diese Entscheidung getroffen. Was passiert anschließend? Natürlich kommt der Wunsch nach Schokolade. Und oft kommt der Wunsch direkt nach-dem wir die Entscheidung getroffen haben. Normalerweise würde man vielleicht nur einmal am Tag den Wunsch nach Schokolade haben oder einmal im Monat. Aber in dem Moment, wo man den Entschluß ge-faßt hat, keine mehr zu essen, kommt der Wunsch ständig wieder. Hier müssen wir dann unsere Willens-kraft einsetzen und sagen: Nein, ich will und werde diese Schokolade nicht essen. Wenn wir den Entschluß dazu gefaßt haben und ihn umsetzen, wird es eine Weile Rebellion geben, aber irgendwann wird der Geist ruhig werden und wird wissen, wer Herr im Hause ist. Und das ist etwas, was auf dem Raja Yoga-Weg von entscheidender Bedeutung ist. Auf dem Bhakti Yoga-Weg geschieht mehr über Hingabe, da ist nicht so viel Willenskraft notwendig. Aber beim Raja Yoga ist es von entscheidender Bedeutung, daß man das, was man sich vorgenommen hat, auch durchführt.

Das ist so ähnlich wie bei der Erziehung von Hunden oder Katzen. Wenn wir wollen, daß die Hauskatzen nicht auf den Tisch springen, müssen wir ganz konsequent sein. Keine Katze darf auch nur einen Moment auf dem Tisch sein. Wenn man die Katze einmal auf den Tisch läßt, vielleicht weil sie einen so durchdrin-gend anschaut, und am nächsten Tag nicht, verunsichert man die Katze damit. Sie wird dadurch nicht glücklich, denn sie weiß nicht mehr, was sie tun soll bzw.darf und was nicht.

Genauso ist es bei einem Hund. Manche Hundehalter spielen immer Tauziehen. Damit ist weder dem Hund noch dem Besitzer gedient. Es ist physiologisch nicht gut für den Hund, wenn er ständig am Hals-band ziehen muß. Das schadet seinen Hüften, Knien und Sprunggelenken. Außerdem ist es nicht gut für den Menschen, der den Hund hält, denn es geht ihm ins Genick und in den Hals. Für den Hund ist es ein ständiger Kampf: Wer ist der Chef im Rudel, ich oder er? Der Hund fühlt sich erheblich glücklicher, wenn er weiß: Der Mensch ist der Rudelführer. Sowie er „Fuß“ sagt, muß ich neben ihm gehen und ab und zu darf ich auch mal tun, was ich will. Es liegt in der Natur des Hundes, bei Fuß zu gehen. Der Hund ist ein Rudeltier und im Rudel gibt es eine feste Rangordnung. Wenn wir diese Ordnung schaffen und einhalten, ist der Hund glücklich und zufrieden. Er weiß, da ist jemand, der die Verantwortung hat und er hält sich an dessen Anweisungen.

Ähnlich verhält es sich mit dem menschlichen Geist. Der Geist ist zufrieden, wenn er weiß, da gibt es je-manden, der Herr im Hause ist. Aber das muß er erst lernen, so wie wir einem Hund beibringen müssen, bei Fuß zu gehen. Das geschieht typischerweise durch Lob und Tadel. Tadel geht relativ einfach. Wenn der Hund abhaut, gibt man ihm einen kurzen Ruck mit dem Halsband. Das macht man mehrmals immer dann, wenn er weggeht, obwohl man „Fuß“ gesagt hat. Wenn man das zwei bis drei Tage lang konsequent gemacht hat, geht der Hund immer neben einem, wenn man „Fuß“ sagt. Dann muß man vielleicht noch ab und zu einmal einen Ruck geben und irgendwann braucht man gar keine Leine mehr. Aber man muß kon-sequent sein. Und das können die wenigsten Menschen. Noch nicht einmal gegenüber ihrem eigenen Hund.

So ist es auch mit unserem Geist. Was wir uns vorgenommen haben, tun wir. Weshalb wir uns auch nicht zuviel vornehmen dürfen. Wenn man dem Hund innerhalb einer Woche Fuß, Platz, Sitz, Pfote geben, auf Kommando Stöckchen holen, beibringen will, wird er rebellieren. Er weiß dann gar nicht mehr, was er überhaupt noch machen soll.

Natürlich muß man ihn auch loben, wenn er es richtig gemacht hat. Und Lob muß nicht immer über´s Essen gehen. Das einfachste Lob ist, ihn zu streicheln und zu sagen: „Ja, guter Hund, das hast du gut gemacht.“ Auf diese Weise müssen wir natürlich auch unser Unterbewußtsein loben. Wenn wir uns bei-spielsweise entschieden haben, eine Woche oder einen Monat keine Schokolade zu essen, darf es keine Ausnahme davon geben. Lieber erst mal etwas Kleines vornehmen, aber das Unterbewußtsein auf jeden Fall daran gewöhnen: Was auch immer ich mir vornehme, das tue ich auch. Das gilt auch für die spirituel-le Praxis. Besser ist es, sich am Anfang eher wenig vorzunehmen, es aber konsequent auszuführen. Wenn man es gemacht hat, darf man sich ruhig mal auf die Schulter klopfen, geistig oder körperlich. Manche Menschen haben Angst, es würde ihr Ego erhöhen, wenn sie zu sich selbst sagen: „Das hast du gut ge-macht.“ Es erhöht das Ego nur, wenn man sich damit identifiziert. Man kann seinen Geist loben, indem man ihm sagt: „Danke, liebes Unterbewußtsein, das hast du gut gemacht, du hast jetzt eine Woche lang auf Schokolade verzichtet oder eine Woche lang täglich Asanas gemacht, ich bin zufrieden mit dir.“ Man muß ihn nicht unbedingt dadurch belohnen, daß man ins beste Restaurant oder ins Kino geht. Meistens reicht es aus, wenn man sich einen Moment Zeit nimmt, vielleicht in der Meditation, sich hinsetzt und sagt: „Ja, liebes Unterbewußtsein, ich bin zufrieden mit dir, das ist gut, was du gemacht hast.“ Manche Menschen erlegen sich zuviel auf, wollen zu schnell immer mehr vom Unterbewußtsein. Das ist nicht gut, irgendwann folgt darauf eine totale Gegenreaktion.

Das ist oft so bei spirituellen Aspiranten. Sie machen etwas und das geht gut. Also nehmen sie sich noch mehr vor. Das klappt auch. Sie nehmen sich noch mehr vor. Klappt auch. Noch mehr Asanas, noch mehr Pranayama, noch mehr Meditation, noch weniger Zeit für dieses, noch weniger Zeit für jenes ... Und ir-gendwann rebelliert das Unterbewusstsein, so daß nichts mehr klappt. Und was macht man, wenn nichts mehr klappt? Man geht ins Café und ißt Schokoladenkuchen. Jetzt hat das Unterbewußtsein die Lektion gelernt: Wenn ich alles tue, was mein Herr will, dann werde ich bestraft und muß mehr und mehr machen. Tue ich es dagegen nicht, werde ich belohnt. Also, die Lektion ist ganz klar. Es ist so einfach und weil es so einfach ist, denkt man in den wenigsten Fällen daran.

Wir nehmen uns also etwas vor, tun es eine Weile ganz konsequent und belohnen unser Unterbewußtsein dafür. Aber wir nehmen uns nicht zuviel vor. Wir nehmen uns kleine Dinge vor und schauen, wie es geht.

Ich empfehle oft Anfängern, sich zunächst vorzunehmen, jeden Tag drei Minuten zu meditieren. Wenn man Lust hat, kann man ja länger meditieren. Aber drei Minuten macht man auf jeden Fall jeden Tag. Das ist möglich und wenn man konsequent eine Woche lang jeden Tag drei Minuten meditiert hat, weil man es sich vorgenommen hat, stärkt das den Willen ungemein.

Wenn das Verlangen auf diese Weise allmählich kontrolliert wird, verschwindet es manchmal auch ganz. Den meisten Menschen geht es zum Beispiel so, wenn sie eine Weile lang kein Fleisch mehr gegessen ha-ben. Man hat dann keine Lust mehr darauf, das Verlangen danach verschwindet. Auch wenn man radikal auf Süßigkeiten verzichtet, verschwindet der Wunsch danach. Er mag ab und zu vielleicht noch einmal hochkommen, dann verschwindet er ganz. Es ist nicht so, daß man gar keine Süßigkeiten mehr essen darf. Aber man kann sich beweisen, daß es geht und daß man Herr über den Wunsch ist.

Ich habe mal zwei Jahre lang nichts Süßes gegessen und ich muß sagen, ich hatte auch gar keinen Gedan-ken mehr daran. Der Anlaß war, daß ein Candida-Hefepilz meine Darmflora durcheinandergebracht hatte. Diese Pilze können sich ausbreiten, wenn beispielsweise durch eine Antibiotika-Behandlung die natürliche Darmflora gestört wurde. Ich konnte mich plötzlich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr so gut meditie-ren, bekam regelmäßig Halsweh, ab und zu Kopfschmerzen, Juckerscheinungen und mein Heuschnupfen, der eigentlich weitgehend weg gewesen war, kehrte zurück. Zuerst wußte ich nicht, worauf diese Sympto-me zurückzuführen waren. Dann entdeckte ich etwas über diese Pilze in einem Buch und konnte mit der Therapie beginnen. Man muß sich so ernähren, daß einerseits die Candida-Hefepilze abgetötet werden und man gleichzeitig mehr Nährstoffe bekommt, denn wenn der Darm nicht richtig aufnehmen kann, braucht man etwas, um die Kräfte zu stärken. Der radikalste Teil der Behandlung ist, nichts Süßes zu essen. Kein Honig, keine Feigen, keine Datteln, keine Rosinen, nicht einmal Obst. Das habe ich ein halbes Jahr vollkommen strikt durchgezogen und innerhalb kurzer Zeit war das Verlangen nach Süßïgkeiten weg. Am Anfang bedurfte es schon einer Willensanstrengung, denn ich mochte diese Fruchtriegel schon, auch Datteln und solche Sachen. Nach drei Monaten waren alle Symptome verschwunden, nach einem halben Jahr habe ich wieder angefangen, Obst zu essen und danach habe ich auch noch lange auf jeglichen Industriezucker verzichtet.

Das interessante Phänomen dabei ist, daß das Verlangen nach einer Weile verschwindet. Das kannte ich schon von früher. Als ich nämlich vor rund 20 Jahren mit Yoga anfing, habe ich auch radikal aufgehört, Süßigkeiten zu essen und auch damals war das Verlangen weg. Auch nachdem ich ins Yogazentrum einge-zogen bin, habe ich noch ein oder zwei Jahre jeglichen Schokoladenversuchungen widerstanden. Aber ir-gendwann habe ich dann doch mal ein Stückchen gegessen. Das Interessante ist, wenn man radikal dabei bleibt, verschwindet das Verlangen nach einer anfänglichen Rebellion. So kann man ab und zu mal prüfen: „Welche Verhaftungen habe ich und auf welche könnte ich verzichten? Welche Verlangen habe ich und welche könnte ich mir abgewöhnen?“ – Zum einen der Gesundheit zuliebe, aber auch, um sich zu bewei-sen, daß man Herr über seine Wünsche werden kann. Damit es funktioniert, sollte man sich kleine Dinge vornehmen, nicht übertreiben, konsequent sein und das Lob nicht vergessen. Wenn man sich daran hält, hat man eine ganz wichtige Raja-Yoga-Technik gelernt.

Im zweiten Kapitel kommt Patanjali auf dieses Thema nochmals an zwei Stellen zurück: Einmal bei der Behandlung von Tapas, Askese, und zum anderen, wenn er darüber spricht, daß wir das Verlangen nach sichtbaren und unsichtbaren Objekten durch Meisterung des Willens übeerwinden. Das spielt im Raja Yoga eine große Rolle.

17. Vitarka–vichârânandâsmitânugamât samprajñâtah

vitarka = urteilen, argumentieren; vichâra = überlegen, nachdenken; ânanda = Glück, Freude; asmitâ = Ich–Sein; Gefühl der Individualität, Gefühl reinen Seins; anugamât = in Verbindung; samprajñâ = Samâdhi mit Prajñâ = Bewußtsein.

Samprajñâta Samâdhi (Samadhi mit Bewußtsein) wird von Denken, Unterscheidung, Wonne und dem Be-wußtsein der Individualität begleitet.
 

Es gibt vier Stufen von Samprajñâta Samâdhi (= Samâdhi mit Bewußtsein, „mit Samen“), nämlich Vitar-ka, Vichârana, Ânanda und Asmitâ.

Das ist eine abstrakte Raja Yoga-Meditationstechnik in vier beziehungsweise sieben Stufen.

Große Meister führt diese Technik sofort zu Samâdhi, aber auch wir können sie ab und zu ausprobieren, selbst wenn wir keine großen Meister sind.

Es gibt verschiedene Interpretationen dieser Samadhi-Zustände und Meditationstechniken. Eine davon, die uns Swami Vishnu erklärt hat, ist:

Samkhya–Philosophiesystem Vedanta–Philosophie
Asamprajñâta  =  reines Sein, ohne Dualität Nirvikalpa Samâdhi (Selbstverwirklichung)
Samprajnata
Sasmita = kosmisches Ego Ishwara (kosmisches Ich + Wonne)
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Sananda = mit Wonne
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Nirvichara = jenseits aller Veränderungen, Kosmisches Gemüt als Ganzes Hiranyagarbha (das kosmische Gemüt)
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Savichara = Identifikation mit dem kosmischen Gemüt und seinen Veränderungen
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Nirvitarka = Identifikation mit dem physischen Universum als organisches Ganzes, jenseits von Raum und Zeit Viratswarupa (das ganze Universum als mein Körper)
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Savitarka = Identifikation mit dem physischen Universum in Raum und Zeit
"

Savitarka ist Meditation über die physischen Elemente in Raum und Zeit, die Identifikation mit dem Universum der Erscheinungen in Raum und Zeit.

Man wird sich zunächst des Körpers bewußt und des Bewußtseins hinter diesem Körper. Dann geht man dazu über, festzustellen, daß dieser physische Körper nicht im abstrakten Nichts lebt, sondern in ständi-gem Austausch mit seiner Umwelt. Luft strömt in die Lungen, wird ein Teil des Körpers. Wir atmen Koh-lendioxid aus, das in unseren Zellen entsteht. Warum sollten wir uns mit dem Kohlendioxid nur so lange identifizieren können, solange es beispielsweise in unserem Fuß ist? Wir können versuchen, die Luft in uns und draußen zu spüren. Man kann tatsächlich nicht nur den physischen Körper wahrnehmen, son-dern auch die Luft darum herum. Ebenso kann man das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume oder des Baches nicht nur hören, sondern sein Bewußtsein darauf ausdehnen.

Die westliche Theorie der Wahrnehmung würde sagen, daß von einem Objekt Klangschwingungen ausge-hen, die in die Luft gelangen, sich als Welle bis zum Ohr fortpflanzen und dort die Gehörknöchelchen in Bewegung setzen. Dies führt zu verschiedenen Impulsen, die im Gehirn als Klang interpretiert werden.

Die Samkhya-Theorie sagt, unser Bewußtsein geht zum Objekt hin; dadurch werden wir uns des Objektes bewußt. Auch Sheldrake sagt – ohne sich auf die Samkhya-Philosophie zu beziehen –, daß es bestimmte Phänomene der Wahrnehmung gibt, die wir eigentlich mit unserer normalen westlichen Sichtweise nicht erklären können, sondern damit, daß man sich zu dem Objekt hin ausdehnt. Ich fand es sehr interessant, daß Sheldrake von einer ganz anderen Warte aus zu einer ähnlichen Aussage kommt, nämlich daß es nicht oder nicht allein so ist, daß Klangschwingungen in unser Bewußtsein eindringen, sondern daß unser Bewußtsein mittels der betreffenden Sinneswahrnehmung nach außen geht und wir die Dinge wahrneh-men, weil unser Bewußtsein zu ihnen geht.

Und das können wir ganz gezielt machen: Wir gehen zu den Objekten, die wir sinnlich wahrnehmen: viel-leicht die Erde, auf der wir sitzen, die Luft, die wir auf der Haut spüren (besonders wenn sie sehr warm oder kalt ist oder wenn es windig ist) und zu den Dingen, die wir hören. Man kann diese Meditation sogar mit offenen Augen in der Natur machen: sich hinsetzen, Dinge anschauen und versuchen, sie zu spüren, ihr Wesen zu erfassen, in sie hineinzugehen.

Schließlich geht Savitarka so weit, daß wir das ganze Universum spüren. Wir spüren, ich bin das ganze Universum und das Unendliche hinter dem Universum.

Der nächste Schritt, Nirvitarka, ist schwer zu erklären. Nirvitarka ist Identifikation mit dem Universum jenseits von Raum und Zeit, das Erfassen des Prinzips des Körpers beziehungsweise des Universums an sich. Wir identifizieren uns mit dem Bewußtsein hinter der Gesamtheit des Universums.

In Savitarka versuchen wir zwar auch, das physische Universum als organisches Ganzes wahrzunehmen, aber wir nehmen auch seine Veränderungen wahr. Wir konzentrieren uns darauf, das Universum mit allen seinen Veränderungen als ein organisches Ganzes bewußt zu spüren. Bezogen auf den eigenen Kör-per könnte man sagen, in Savitarka nimmt man seinen eigenen Körper mit all seinen Veränderungen wahr, in Nirvitarka stellt man fest, der Körper ist doch ein Ganzes, jenseits aller Veränderungen.

Diese beiden Bewußtsteinszustände, Savitarka und Nirvitarka, lassen sich auch in der Vedanta-Philosophie ausdrücken. Die Identifikation mit dem physischen Universum als Ganzes ist Viratswarupa. „Das ganze Universum ist mein Körper“ – das ist die Erfahrung dieser Meditation, darin mündet sie.

Die gleiche Unterscheidung gibt es bei den nächsten beiden Stufen, Savichara und Nirvichara. Savichara, mit Nachdenken, heißt, wir identifizieren uns mit dem Prinzip des Nachdenkens im Universum, also mit dem kosmischen Gemüt.

Der Erfahrung von Savichara und Nirvichara entspricht Hiranyagarbha in der Vedanta, der kosmische Geist („cosmic mind“, nicht das, was man englisch mit „spirit“ bezeichnen würde; die Unterscheidung im Deutschen ist schwierig, da es für beides nur ein Wort gibt), im Sinne von kosmisches Gemüt.

Wenn man den Körper wahrnimmt, nimmt man auch Emotionen und Gedanken wahr. Wir können das eigene Gemüt, das kosmische Gemüt oder die Psyche einschließlich Gedanken und Emotionen wahrneh-men und dabei feststellen, daß unsere Emotionen und Gefühle nicht unabhängig von anderen Emotionen und Gefühlen sind. Dann können wir versuchen, andere Wesen und Objekte zu erfühlen, nicht mehr ihren Körper, sondern ihre Gedanken und Emotionen. Dann gehen wir noch einen Schritt weiter und fühlen: „Ich bin das Bewußtsein hinter allen Gedanken und Gefühlen“. Hinter dem gesamten Universum gibt es nicht nur einen abstrakten Geist, sondern auch ein Gemüt auf der Gefühls- und Prana-Ebene. Dieses Ge-müt versuchen wir als Ganzes zu fühlen. Das ist dann der Savichara-Zustand, die Identifikation mit dem kosmischen Gemüt. Wir dehnen unser Bewußtsein aus und fühlen das gesamte Gemüt hinter der Schöp-fung. Wir fühlen die kosmischen Gedanken und Emotionen, die kosmische Energie in allen ihren Verände-rungen. Wir können nicht jede einzelne Veränderung spüren, aber wir merken: Da ist Veränderung, da ist Rhythmus.

Nirvichara bedeutet, daß wir jenseits aller Bindungen gehen. Wir spüren das kosmische Gemüt an sich als eine allumfassende Wirklichkeit, die irgendwie eine Einheit bildet.

Die nächste Stufe, Sananda (mit Wonne), ist eigentlich die Konsequenz aus dem vorhergehenden. Hier gibt es nun kein entsprechendes Begriffspaar wie etwa „Nirwananda“, „ohne Wonne“, sondern es bleibt bei Sananda, mit Wonne. Wenn es uns gelingt, uns als das Gemüt hinter allem, was geschieht, zu fühlen, ist das mit Wonne  und Liebe verbunden. Ananda, Wonne, schließt immer Prema, Liebe, ein und umge-kehrt ist Liebe immer auch Wonne. Manchmal fragt man sich bei der abstrakten Vedanta-Philosophie, wo die Liebe hinter dem Ganzen bleibt. Die Liebe ist in Ananda enthalten. Wenn wir uns auf der körperli-chen, geistigen und emotionalen Ebene eins fühlen mit allen Wesen, dann entsteht ganz natürlicherweise eine umfassende Liebe und Wonne, ähnlich, wie auch Jesus gesagt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Mein Selbst ist in mir wie auch im Nächsten.

Auf dieser Stufe der Meditation hört man auf, das ganze Wesen, das kosmische Gemüt, zu spüren. Statt-dessen nimmt man einfach diese allumfassende Liebe und Wonne wahr.

Das führt zum nächsten Schritt, Sasmita, der Identifikation mit dem kosmischen „Ich bin“.

Asmitâ werden wir noch im Rahmen des zweiten Kapitels als individuelles Ego kennenlernen. Dort gilt es als Teil der Kleshas, der Ursachen des Leidens.

Aber hier ist Asmitâ nicht als individuelles Ego gemeint, sondern als kosmisches Ego, als das kosmische Gefühl „Ich bin“. Dieses kosmische „Ich bin“-Gefühl mündet schließlich in den letzten Teil, in A-samprajñâta.

Die unteren sechs Stufen gelten als Samprajnata = mit Bewußtsein. Prajna heißt Erkenntnis, Samprajñâ = mit Erkenntnis. Dabei machen wir konkrete Erkenntnisse.

Asamprajnata heißt ohne Erkenntnisse, ohne Bewußtsein. Wir sind einfach: die Erfahrung reinen Seins. Dies schließt auch weiter Wonne ein, schließt auch weiter das kosmische Ich ein, das reine Selbst, Atman, transzendiert sie aber alle. Das ist der Nirodhah-Zustand oder, wie man im Jnana Yoga in der Vedanta-Philosophie sagen würde, der Zustand von Nirvikalpa Samadhi, die Selbstverwirklichung.

Selbst wenn wir noch keine spirituellen Meister sind, können wir diese Meditationstechnik üben und an-deutungsweise ihre Stufen erfühlen, auch wenn sie nicht sofort zu echtem Asamprajnata Samadhi führt. Es ist uns vielleicht möglich, das Bewußtsein auszudehnen, zu merken: „Ich bin das Bewußtsein hinter dem physischen Universum, ich bin das Bewußtsein hinter dem kosmischen Gemüt.“ Vielleicht gelingt es uns nicht gleich auf der ganzen kosmischen Ebene, aber doch so, daß wir mindestens unsere Umgebung und deren Emotionen, Gedanken, Gefühle, Prana erfühlen können. Das können wir immer weiter ausdeh-nen, bis wir Sananda, die Liebe und Wonne dahinter spüren. Vielleicht gelingt es uns, Sasmita, das Be-wußtsein, das „Ich bin“-Gefühl, zu erleben und einen Moment lang im reinen Sein zu verharren.

All diese Schritte sind zunächst nur das Bemühen um Konzentration, Dharana. Es kann uns gelingen, auf jeder Ebene voll zu verschmelzen in Dhyana (Kontemplation) und schließlich wird es wirklich Samadhi
(überbewußter Zustand).

Es gibt also die vier Stufen von Samprajnata Samadhi: Vitarka, Vicharana, Ananda, Sasmita, die später noch weiter unterteilt werden in Savitarka und Nirvitarka sowie Savichara und Nirvichara.

Statt sie nun auf dieser kosmischen Ebene zu betrachten, kann man diese Stufen auch als konkrete Medi-tationsthemen auffassen:

· Vitarka in diesem Sinne ist Meditation über Gegenstände, die wir aus dem physischen Universum kennen, zum Beispiel eine Kerzenflamme, das Meer, einen Klang, also Elemente in Raum und Zeit.
· Vichara ist Meditation über Elemente außerhalb des physischen Universums. Dazu gehören bei-spielsweise Mantras oder Chakras oder Götter. Shiva zum Beispiel ist eine Gestalt, die es nicht auf der physischen, sondern nur auf der astralen und gedanklichen Ebene gibt.
· Sananda und Sasmita sind dann noch subtiler. Meditationsgegenstand auf der Sananda-Ebene ist Liebe, reine Liebe zu Gott, und Sasmita bedeutet, ganz in das umfassende Gefühl des „Ich bin“ hi-neinzugehen.

Wir können die Einteilung auch nach Koshas, den Körperhüllen, vornehmen:

· Die Vitarka-Meditation dreht sich um die Annamaya Kosha (Nahrungshülle) und spielt sich auf der Ebene des Physischen ab.
· In der Vichara-Meditation sind es Objekte in der Pranamaya Kosha (vitale Hülle, Lebensenergie), Manomaya Kosha (Geisthülle) und Vijnanamaya Kosha (Intellektuelle Hülle). Dazu gehören bei-spielsweise die Eigenschaftsmeditation, die Energiemeditation oder auch Reflexion, Nachdenken.
· In Sananda und Sasmita befindet sich die Meditation auf der Anandamaya Kosha-Ebene (Wonnehül-le) und ist sehr abstrakt. Dann sind wir in diesem transzendental2en Gefühl von Wonne und reinem Sein. Trotzdem verbleibt dort immer noch ein Rest von „Ich bin“: ich fühle Wonne, ich fühle Liebe.“ Das heißt, es besteht noch Dualität, Getrenntheit, Zweiheit. Deshalb gehört es noch zu Samprajnata.

Asamprajñâta Samadhi tritt ein, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören. Es gibt kein Gefühl mehr von “Ich“, „Du“ oder „Ich erfahre“. Es bleibt nur reines Sein.

Dies beschreibt Patanjali im 18. Vers.
 

18. Virâma–pratyayâbhyâsa–pûrvah samskâra–shesh–o`nyah

virâma = aufhören, fallen lassen; pratyaya = Inhalt des Verstandes (der „Keim“ von Samprajñâta Samâdhi); abhyâsa = Übung; pûrvah = vorausgegangen; samskâra = Eindrücke; sheshah = geblieben; anyah = das andere

Asamprajnata Samadhi ist erreicht, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören und nur unmanifes-tierte Eindrücke im Geist verbleiben.

Asamprajnata Samadhi ist die Selbstverwirklichung. Es gibt keinen Gedanken mehr.

Wenn wir das wieder auf die sieben Bhumikas beziehen, dann ist der Verwirklichte Asamshakti („durch nichts berührt“), er ist ein Jivanmukta (ein lebendig Befreiter). In Asamshakti erreicht der Mensch A-samprajnata Samadhi. Im Padarthabhavana-Zustand („sieht Brahman überall“) handelt er fast nicht mehr und in Turiya (endgültige Befreiung) hört er ganz damit auf.
 

19. Bhava–pratyayo videha–prakrtilayânâm

bhava = Geburt; pratyayah = verursacht; videha = die „Körperlosen“; prakrtilayânâm = von den „in Prakriti Verschmolzenen“

Asamprajnata Samadhi durch Geburt kann von denen erreicht werden, die früher Körperlosigkeit oder Verschmelzung mit Prakriti erlangt haben.

Es gibt Menschen, die praktisch mit einem solchen Bewußtsein geboren werden und relativ schnell in diesem Leben ohne größere Anstrengung die Verwirklichung erreichen. Und zwar deshalb, weil sie früher schon sogenannte Körperlosigkeit oder Verschmelzung mit Prakriti erreicht hatten.

Wenn sich ein Mensch auf der vierten Stufe des Wissens befindet, auf Sattwapatti (Reinheit des Geistes), ist er in Samprajnata Samadhi (Selbstverwirklichung mit Bewußtsein). Von dort gelangt er weiter zu Asamshakti („durch nichts berührt“) und erreicht als Jivanmukta (lebendig Befreiter) die Selbstverwirkli-chung. Oder es besteht die Möglichkeit, nach dem Tod in Videhamukti einzugehen, in den befreiten, kör-perlosen Zustand. Dann erfährt man die letzten Stufen des Bewußtseins nach dem Tode.

Nun gibt es auch noch eine andere Möglichkeit. Wenn man diese Stufe von Sasmita Samadhi erreicht hat, wo man sich als das Ich hinter dem ganzen Universum identifiziert, kann man sich mit der gesamten Pra-kriti (Schöpfung) identifizieren, anstatt direkt weiter zu Purusha, zum eigentlichen Selbst, zu gehen. Man fühlt sich als das Bewußtsein hinter dem ganzen Universum und gleichzeitig als das ganze Universum an sich. Dann erreicht man die Selbstverwirklichung in dem Moment, wo das ganze Universum aufhört zu bestehen, am Ende des Schöpfungszyklus. Bis dahin fühlt man sich eins mit dem Universum und hört erst dann auf zu exisiteren, wenn das Universum aufhört zu bestehen. Es kann aber auch sein, daß man sich eine Weile mit dem ganzen Universum identifiziert, dann aber erkennt, daß man doch lieber die Verwirk-lichung erreichen will. In diesem Fall nimmt man nochmals einen Körper an, weil das schneller geht als zu warten, bis das Universum aufhört.

Das heißt also, wenn wir in einem früheren Leben schon sehr weit gekommen sind, kann es sein, daß wir die Verwirklichung schrittweise nach dem Tod erreichen, was allerdings sehr lange dauert. Eine andere Möglichkeit ist, daß wir diese höheren Stufen von Körperlosigkeit, Videha oder Prakriti layana, die Ver-schmelzung mit Prakriti, erreicht haben und uns entscheiden, nochmals auf diese Welt zurückzukehren. Dann erreichen wir die Befreiung relativ zügig.

Der Weise Ramana Maharishi zum Beispiel kam sehr schnell in diesen Zustand. Er war um die sechzehn, als er plötzlich das Gefühl hatte zu sterben. Seine Beine, Arme und Hände wurden gefühllos, sein Atem hörte auf, das Herz stand still. Und trotzdem merkte er, daß er immer noch lebte. Zwar war sein Körper tot, er spürte ihn nicht mehr, aber es waren immer noch Gedanken da. Er dachte: „Wenn ich schon sterbe, dann sterbe ich auch richtig und höre auf zu denken.“ Er brachte die Gedanken zum Stillstand und hatte sofort die Erfahrung von Samadhi. Nach diesem Erlebnis kam er doch wieder ins Leben zurück. Anschlie-ßend lief er von zu Hause weg und begab sich in eine Höhle. In der Höhle haben die Ratten ihn angefres-sen, bis er von jemandem gefunden wurde, der ihn gepflegt hat. Er war sich all dessen nicht bewußt. Schließlich entstand um ihn herum ein Ashram. Manchmal sprach er ein paar Worte, aber nur sehr weni-ge. Die meisten Schüler, die zu ihm kamen und Fragen hatten, setzten sich einfach zu ihm und ihre Fra-gen erledigten sich von selbst. Aber Ramana Maharishi hat kein systematisches gründliches Sadhana (spirituelle Praxis) gemacht, um seine Natur zu transformieren, sondern es kam bei ihm ganz spontan und natürlich.

So auch bei Anandamayi Ma, von der es heißt, sie sei schon als Selbstverwirklichte auf die Welt gekom-men. Sie mußte sich nur noch ein bißchen weiterentwickeln und ihr Karma abarbeiten.
 

20. Shraddhâ–vîrya–smriti–samâdhi–prajnâpûrvaka itareshâm.

shraddhâ = Glaube; vîrya = fester Wille oder Energie; smriti =Gedächtnis; samâdhi–prajñâ = „hohes Wissen“, scharfer Intellekt, wesentlich für Samadhi; pûrvaka = dem vorangeht; itaresâm = für andere

Andere erlangen Asamprajnata Samadhi durch Glauben, Energie, Erinnerung und klares Bewußt-sein.

Um zu Asamprajnata Samadhi zu kommen sind also vier Dinge nötig.

Das erste ist Glaube. Wir müssen Vertrauen haben. Zwar brauchen wir zu Anfang des Weges eine gesunde Skepsis, aber immerzu an allem zu zweifeln führt uns auch nicht weiter. Wir müssen prüfen: Macht das Ganze Sinn? Beruht es auf alten Schriften? Dann müssen wir uns bis zu einem gewissen Grad darauf ein-lassen, glauben oder auch um Glauben bitten. Anschließend machen wir dann eigene Erfahrungen.

Als zweites müssen wir natürlich Energie hineinstecken. Von nichts kommt nichts, wie es so schön heißt. Alles, was wir an Energie in unsere spirituelle Praxis investieren, bekommen wir vielfach zurück. Es ist also ein „Engelskreis“ – im Unterschied zum „Teufelskreis“. Wir strengen uns beispielsweise an, unser Leben sattwig zu gestalten. Dabei stoßen wir auf Widerstände unterschiedlicher Art: innere Widerstände, eigenes Tamas (Trägheit), das eigene Unterbewußtsein und äußere Widerstände,. Man hat wenig Zeit, andere Menschen erwarten etwas anderes. Aber wir tun es trotzdem. Und weil wir es machen, bekommen wir mehr Energie. Und weil wir mehr Energie haben, können wir noch mehr Energie hineinstecken, u.s.w.

Und wir müssen uns immer wieder daran erinnern, wozu wir das alles machen. Es geht so schnell, zu vergessen, was eigentlich unser Ziel im Leben ist. Man vergißt es im Laufe des Tages, wenn man seine Arbeiten erledigt, wenn man sich mit Menschen auseinandersetzt, wenn man schläft. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, unser Sadhana (spirituelle Praxis) regelmäßig zu machen und auch daran, wozu wir das Ganze tun. Wir müssen uns daran erinnern, das Mantra auch zwischendurch zu wiederho-len. Wir müssen uns erinnern, uns an Gott zu erinnern.

Und natürlich brauchen wir klares Bewußtsein. Wir müssen bewußt durch die Welt gehen, die Gegenwart bewußt erfahren.

Wir brauchen Glauben, müssen Energie hineinstecken, uns erinnern und bewußt durch die Welt gehen. Wenn wir bewußt leben, bewußt Asanas und Pranayama machen, bewußt mit Menschen sprechen, bewußt die Lektionen des täglichen Lebens lernen, können wir sehr schnelle Fortschritte machen.

Man kann diesen Vers auch auf die vier Hauptwege des Yoga beziehen:
· Glauben ist Bhakti Yoga.
· Energie ist Karma Yoga, denn wir müssen ins tägliche Leben Energie hineinstecken.
· Erinnerung gehört zum Raja Yoga, denn im Raja Yoga sind diese Techniken erläutert, an die wir uns immer wieder erinnern müssen.
· Klares Bewußtsein brauchen wir im Jnana Yoga, wo wir versuchen, bewußt durchs Leben zu gehen, unsere Viveka, die Unterscheidungskraft, und Intuition zu schulen.
 

21. Tîvra–samvegânâm âsannah

Tîvra–samvegânâm = von jenen, deren Wunsch von intensiver Stärke ist; âsannah = „nahe sitzend“, nahe

Es (Samadhi, die Befreiung) wird schnell erreicht, wenn der Wunsch danach intensiv ist.
 

22. Mridu–madhyâdhimâtratvât tato’pi visheshah

Mridu = mild, sanft; madhya = mittelmäßig; adhimâtratvât = intensiv, mächtig; tatah = von ihm, nach dem; api = auch, sogar; visheshah = Abstufung, Unterscheidung

Der Wunsch nach Befreiung kann mäßig, mittelmäßig oder intensiv sein.

Wir sollten zwar allen Wünschen entsagen, aber es gibt einen, den wir verstärken sollten und das ist der Wunsch nach Befreiung. Viele Menschen wollen die Befreiung, aber gleichzeitig auch noch so viele andere Dinge. Man kann sich einmal grundsätzlich überlegen: Was will ich im Leben noch erreichen und worauf wäre ich bereit zu verzichten – wirklich zu verzichten? Der Grad der Priorität des Wunsches nach Befrei-ung bestimmt, wie schnell es mit der Verwirklichung geht. Nur wenn der Wunsch nach Befreiung mindes-tens 50 % unseres Strebens ausmacht, wird die Befreiung schnell kommen. Ist der Wunsch nach Befreiung niedriger als 50 %, ist er uns weniger wichtig als all die anderen Sachen. Ist er uns hingegen wichtiger als alle anderen Dinge, dann ist der Weg zur Befreiung da. Denn wenn er mehr als 50 % unseres gesamten Strebens ausmacht, dann fließt dieser Wunsch in alle unsere Entscheidungen, in unser tägliches Leben, unser ständiges Denken und Fühlen ein.

Den Wunsch nach Befreiung kann man auch kultivieren.

Eine Möglichkeit dafür ist das Zusammensein mit anderen auf dem Weg (Satsang), vorzugsweise mit selbstverwirklichten Meistern. In der Gegenwart von selbstverwirklichten Meistern entsteht der Wunsch: So möchte ich auch sein. Es gibt auch den sogenannten negativen Satsang, wobei negativ hier nicht im Sinne von schlecht zu verstehen ist, sondern in Abwesenheit von Meistern. Das heißt, Bücher von oder über selbstverwirklichte Meister zu lesen oder ein Video anzuschauen, wie zum Beispiel das von Ramana Maharishi oder Anandamayi Ma oder auch das englische Video von Swami Sivananda, „The Man and his Vision“. Das inspiriert und erhebt. Wenn man nicht physisch mit einem Meister zusammen sein kann, dann kann man es über Bücher, Videos oder Kassetten tun. Satsang ist sehr wichtig, eine Quelle der In-spiration. Auch hierher in den Ashram zu kommen und hier zu üben, hilft, den Wunsch nach Befreiung zu erhöhen.

Eine zweite Weise, den Wunsch nach Befreiung zu verstärken ist, Unterscheidung zu üben, das Leben zu studieren. „Look into the defects of material life“ („Studiere die Unzulänglichkeiten des äußerlichen Le-bens“, wie Swami Sivananda sagt. Das ist zwar ein unpopulärer Aspekt des Yoga. Lieber ist uns die Be-trachtungsweise, daß Yoga das Leben befriedigend macht, unserem Leben Erfüllung gibt. Viveka (Unter-scheidungskraft) üben heißt letztlich, zu erkennen, daß das Leben mit dem Tod endet. Was ist wirklich sinnvoll vor dem Hintergrund, daß die äußere Welt mit dem Tod aufhört? Alles, was wir auf der physi-schen Ebene aufbauen, werden wir irgendwann verlieren. Die Manu Smriti – eine alte Schrift von einem Meister namens Manu – sagt: Es gibt drei Dinge.

Erstens die materiellen Dinge, ohne die der Mensch kommt, die er im Leben anhäuft und ohne die er wie-der geht. Wir kommen nackt und wir gehen nackt. Wir nehmen nichts mit. Noch nicht mal einen Pfennig oder Aktien und auch kein Gold, das angeblich krisensicher sein soll, auch wenn es in den letzten 20 Jahre beständig an Wert verloren hat. Nichts an materiellen Werten ist sicher. Aber es ist ganz sicher, daß wir auf der materiellen Ebene alles verlieren werden. Vieles verliert man sogar noch im Leben. Viele Men-schen, die Geschäfte aufgebaut haben, sind gescheitert. Häuser, die Menschen sich gebaut haben, sind eingestürzt. In Kriegsgebieten oder bei Naturkatastrophen verlieren die Menschen alles. Wer sagt, daß uns das nicht auch so gehen kann? Wir denken immer, uns passiert das nicht. Es kann aber schnell pas-sieren und sei es nur durch eine Wirtschaftskrise, wie unlängst in Ostasien. In der Volkswirtschaftslehre ist es sehr wohl bekannt, daß unsere Wirtschaft innerhalb von zwei Jahren zusammenbrechen kann, wenn ungünstige Umstände zusammenkommen. Deshalb sollten wir uns überlegen, ob es sich wirklich lohnt, auf dieser Ebene so viel Energie, Zeit, Gedanken und Gefühle zu investieren.

Dann gibt es etwas, mit dem kommen wir, das verändert sich im Laufe des Lebens und wenn wir gehen, nehmen wir es anders mit. Das ist unser Charakter und unser Karma. Wir kommen mit einem bestimm-ten Charakter und unserem Karma auf die Welt. Schon Babies haben ihre eigene Persönlichkeit. Bei der gleichen Mutter und dem gleichen Vater, in gleichen Lebensumständen sind Kleinkinder deutlich unter-schiedlich. Und hoffentlich entwickeln wir unseren Charakter auf positive Weise. Wenn wir schon die Selbstverwirklichung nicht erreichen, sind wir mindestens am Ende unseres Lebens eine positivere, liebe-vollere, willensstärkere Persönlichkeit. Und hoffentlich haben wir viel Gutes getan, wenn es uns schon nicht gelungen ist, das ganze Leben nur Nishkama Karma Yoga auszuführen, also vollkommen wunsch-und verhaftungslos zu handeln. Und wir haben hoffentlich wenigstens etwas getan, um positives Karma zu erzeugen. Das Ziel des Yogis ist es natürlich, gar kein Karma zu erzeugen, auch kein positives. Aber wenn wir schon Karma erzeugen, weil es uns nicht gelingt, unser Ego ganz zurückzunehmen, dann wollen wir wenigstens gutes Karma erzeugen. Swami Vishnu hat manchmal im Scherz gesagt: „Die beste Investi-tion sind Spenden und gute Werke, denn das bekommt man ganz sicher wieder zurück, sogar mit Zinsen. Was wir in den Aktienmarkt investieren, verlieren wir ganz sicher, totsicher, nämlich spätestens mit dem Tod.“

Und das dritte ist: Wir kommen mit etwas, das sich nicht verändert und wir gehen auch damit. Das ist unser Selbst. Das Selbst, mit dem wir kommen und gehen ist ewig, ohne Anfang und Ende, unberührt und unveränderlich.

Das sollten wir uns öfter vor Augen führen, vor allem dann, wenn wir wieder im Begriff sind zu glauben, daß wir irgendetwas unbedingt brauchen. Wir sollten uns fragen: „Macht mich das wirklich glücklich?“ Und schrittweise werden wir erkennen: „So glücklich macht es mich gar nicht.“ Vielleicht tun wir es trotzdem, weil unser Unterbewußtsein nicht ausreichend davon überzeugt ist. Manche Wünsche muß man einfach erfüllen. Aber nachher, wenn man es erreicht hat und feststellt, daß es einen wirklich nicht glück-lich gemacht hat, kann man seinem Geist sagen: „Siehst du, ich hab’s dir ja gesagt“. Vor allen Dingen verlieren wir so die Besessenheit, mit der Menschen ihren Ideen folgen. Viele brauchen unbedingt dies oder jenes, um glücklich zu sein. Aber in Wirklichkeit braucht man keine konkreten äußeren Objekte. Natürlich ist es gut, ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen zu haben, zu wissen, man ist auch am nächsten Tag noch seines Lebens sicher. Aber über diese existentiellen Grundbedürfnisse hinaus ist alles andere nicht so wichtig.

Durch solche Reflexion gewinnt man eine große innere Sicherheit. Und als nächstes führt sie einen zu der Überlegung: „Wonach lohnt es sich wirklich zu streben? Was macht mich wirklich glücklich?“ – Und das ist nur der Wunsch nach Befreiung, nach Selbstverwirklichung, Gottesverwirklichung, Erfahrung der Liebe Gottes, wie auch immer wir es ausdrücken wollen. Das ist es, was glücklich macht. Indem wir also Viveka, Unterscheidungskraft, entwickeln und gleichzeitig auch Vairagya, Wunschlosigkeit, können wir den Wunsch nach Befreiung kultivieren.

Und wir können ihn erhöhen, indem wir darum zu beten: „Oh Gott, ich habe so viele Wünsche. Bitte er-höhe in mir den Wunsch nach Befreiung“.

Als vierter Weg gilt Karma Yoga. Es heißt, wenn wir gutes Karma, gute Handlungen ausführen, ohne etwas zu erwarten, dann ist das Resultat ein gesteigerter Wunsch nach Befreiung. Wenn wir jemandem etwas Gutes tun mit der Vorstellung, dafür belohnt zu werden, erhalten wir tatsächlich irgendwann ir-gendeine Art von Belohnung. Aber darüberhinaus hat es keinen größeren Nutzen. Wenn wir dagegen je-mandem helfen, weil es einfach nötig war, weil es die Situation erforderte und wir gerade da waren, also im Sinn einer wirklichen Karma-Yoga-Handlung, dann manifestiert sich das in einem gesteigerten Wunsch nach Befreiung.

Dasselbe gilt für Bhakti-Yoga-Aufgaben. Wenn wir Pujas (Verehrungsrituale) ausführen, Mantras singen, innere Hingabe und Demut üben, zieht das die Gnade Gottes an, die sich dann als gestärkter Wunsch nach Befreiung äußert.
 

23. Îshwara–pranidhânâd vâ

Îshwara = Gott; pranidhânât = durch fromme Hingabe, Selbstaufgabe, Ergebung; vâ = oder

Erfolg wird von denen schnell erlangt, die Ishwara hingegeben sind.

Hier erscheint erstmals das Konzept von Ishwara, Gott. Patanjali erläutert nicht weiter, wer oder was Gott ist. Denn das Raja-Yoga-System beruht auf der Samkhya-Philosophie, einem der sechs klassischen Philosophiesysteme. Samkhya ist eigentlich ein atheistisches System; es wird zwar nicht gesagt, daß es keinen Gott gibt, aber das Thema wird auch nicht erwähnt.

Patanjali als Praktiker hat nun aber beobachtet, daß Menschen, die einen starken Glauben an Gott haben, Gott verehren und Gott hingegeben sind, die Selbstverwirklichung sehr schnell erreichen. Hingabe zu Gott ist eine der schnellsten Weisen zur Selbstverwirklichung. Und er hat auch festgestellt, daß längst nicht alle Menschen, die Gott verehren, zur Befreiung kommen, sondern daß es einer bestimmten Einstellung dazu bedarf. Es gab immer schon auch in Indien Menschen, deren Glauben eher fanatisch oder nur rein äußerlich war. Allerdings wurden Religionszwistigkeiten in der Regel über Diskussionen ausgetragen. Bis zum Einfall der Moslems waren Religionskriege in Indien relativ unbekannt. Aber fanatischer oder nicht-verinnerlichter Glaube führt eben nicht zur Befreiung.

Deshalb hat Patanjali beobachtet und definiert, wie die Gottesverehrung beschaffen sein muß, bei der man die Befreiung erreicht:
 

24. Klesha-karma-vipâsakâshayair aparâmrishtah purusha-vishesha Îshwarah

klesha = Leid, Elend, Ursache des Elendes; karma = Taten, Handlungen; vipâka = Vollendung, Erfül-lung; âshayaih = Samenkeime, in denen Wünsche schlummern; aparâmristah = unberührt; purusha = Seele, eine individuelle Einheit oder ein Zentrum göttlichen Bewußtseins; vishesha = besonders; Ish-warah = Gottheit

Ishwara ist das besondere Zentrum göttlichen Bewußtseins, das unberührt ist von Leid, Karma oder Wünschen.

Die Vorstellung, Gott könne leiden, ist irrig und führt nicht zur Befreiung.

Die Christen stellen sich Jesus als Leidenden vor. Die Passionsgeschichte ist ein zentraler Aspekt der christlichen Lehre. Aber Jesus war eben eine Manifestation Gottes, er war nicht Gott selbst. Es hat also nicht Gott selbst gelitten, sondern Jesus als seine Manifestation. Aber schließlich hat Jesus auch trium-phiert und leidet jetzt nicht mehr.

Die Vorstellung, daß Gott leidet oder es uns übelnimmt, wenn wir ihn nicht verehren, führt uns nicht zur Befreiung. Gott braucht keine Verehrung und auch keine Opfergaben. Gott will nicht, daß alle Menschen Christen oder Moslems oder Hindus werden. Gott erwartet auch nicht von uns, daß wir dieses oder jenes tun und wenn wir es nicht tun, ist er uns böse. Natürlich gibt es das Gesetz des Karmas. Aber es ist nicht so, daß Gott Wünsche oder Vorlieben hätte. Gott ist frei von Leiden, frei von Karma und frei von Wün-schen. Gott bevorzugt weder Hindus noch Moslems noch Christen. Gott hat kein Interesse daran, ob mehr Menschen Yoga praktizieren oder nicht.

Es heißt zwar, daß Gott uns sucht und wenn wir einen Schritt zu Gott hin machen, er hundert Schritte auf uns zugeht. Aber das ist nicht ein Wunsch, den er hat, sondern es liegt in der Natur Gottes, in seiner all-umfassenden, bedingungslosen Liebe.

Mehr Worte verliert Patanjali eigentlich nicht darüber, was Ishwara ist. Ob er weiblich oder männlich, persönlich oder unpersönlich, Schöpfer der Welt ist oder nicht, bleibt dahingestellt. Wir können ihn uns auf verschiedene Weisen vorstellen.

Patanjali gibt noch drei weitere Aphorismen über Ishwara:
 

25. Tatra niratishayam Sarvajna–bîjam

tatra = in Ihm; niratishayam = das Höchste, Unübertroffene; sarvajna = der Allwissende; bîjam = der Same, das Prinzip

In ihm liegt der Same der Allwissenheit.

Wir können alles Wissen erfahren, wenn wir uns auf Ishwara beziehen. Wir können entweder zum höchs-ten Wissen kommen, indem wir meditieren und in uns selbst hineingehen, denn in uns selbst ist alles Wissen. Oder wir können zu Gott beten. Wenn wir zu Gott beten, wird er uns führen und uns alles Wissen bringen.
 

26. Sa pûrveshâm api guruh kâlenânavacchedât

sa = Er; pûrveshâm = von den Alten, von den Vorherigen; guruh = Lehrer; kâlena = durch die Zeit; a-navacchedât = da er nicht begrenzt oder bedingt ist

Unbegrenzt durch Zeit ist Er, von den ältesten Zeiten her, der Lehrer aller Lehrer.

Ishwara selbst ist der ursprüngliche Guru (Lehrer). Unsere Guru Parampara (Schüler-Lehrer-Tradition) beginnt bei Narayana. Narayana ist Vishnu, also eine Manifestation von Ishwara. Die Hatha Yoga Guru Parampara fängt bei Shiva an. Alle Guru Paramparas in Indien fangen letztendlich mit Gott an, indem ursprünglich ein Lehrer die Weisheit direkt von Gott empfangen hat. So ist Gott der Lehrer aller Lehrer.

Unabhängig davon können wir direkten Zugang zu Gott und göttliche Führung erhalten, indem wir zu Gott beten.

Wenn wir vor wichtigen Entscheidungen stehen, haben wir drei Möglichkeiten:

Wir können uns zum einen an unser Unterbewußtsein richten. Das Unterbewußtsein verfügt über be-stimmte Erfahrungen und ein gewisses Wissen.

Noch besser wäre es, sich an das höhere Selbst zu wenden, aber oft ist beides schwierig, wenn wir etwas verzweifelt sind.

Den meisten fällt es dann leichter, sich an Ishwara, an Gott, zu erinnern oder auch an den Guru. Und wenn wir tief genug von Herzen beten, bekommen wir unweigerlich, in jeder Situation, überall, Führung. Sei es in Form einer inneren Gewißheit oder sogar als Vision.
 

27. Tasya vâchakah pranavah

tasya = Sein; vâchakah = Bezeichner, Anzeiger; pranavah = OM, ausgesprochen als AUM

Er manifestiert sich in dem Wort Om

Eine weitere Weise, zu Gott zu kommen, ist die Mantrawiederholung. Patanjali nennt hier besonders Om als grundlegendes Mantra.
 

28. Tajjapas tad–artha–bhâvanam

Tat-japa = seine ständige Wiederholung; tat-artha = seine Bedeutung; bhâvanam = mit Gefühl, Hin-gabe, Versenkung

Ständige Wiederholung von OM und Meditation über seine Bedeutung (führt zu Ishwara bzw. Sa-madhi).

Wenn wir Om wiederholen, über OM meditieren, führt uns das zu Gott und zu Samadhi.

Das ist die dritte Meditationstechnik, die Patanjali anbietet.

Die erste war die siebenstufige abstrakte Meditation, die für sehr fortgeschrittene Schüler hilfreich ist und auch für weniger fortgeschrittene ab und zu. Als ausschließliche Meditationstechnik ist sie aber für die Mehrheit nicht geeignet, weil sie zu abstrakt ist.

Eine zweite Möglichkeit ist, einfach Gott zu verehren, abstrakt an Gott zu denken, über ihn zu meditieren, zu ihm zu beten.

Und die dritte, die er hier erwähnt, ist über Om zu meditieren, und zwar mit Gefühl und Gewahrwerden der Bedeutung. Das gilt natürlich nicht nur für Om, sondern für die Meditation über jedes Mantra.

Jetzt sagt er noch etwas Interessantes:
 

29. Tatah pratyak–chetanâdhigamo ’py antarâyâ–bhâvash cha

tatah = von ihr (dieser Übung); pratyak = Nachinnenwenden; chetanâ = Bewußtsein; adhigamo = Er-reichen; api = auch; antarâyâ = Hindernisse; abhâva = Abwesenheit, Verschwinden; cha = und

Durch die Wiederholung von OM ergeben sich erleuchtete Innenschau und die Beseitigung aller Hindernisse.

Wenn wir normalerweise über etwas nachdenken, versinken wir meist schnell im Sumpf unserer Gedan-ken. Ist unser Allgemeinbefinden beim Nachdenken gerade gut, dann ist es schön. Wenn es uns aber nicht so gut geht und wir nachdenken, dann kreisen die Gedanken beständig und wir sacken immer mehr in den Sumpf hinein. Währenddessen, wenn wir meditieren – damit ist gemeint, sich ruhig hinzusetzen und sein Mantra zu wiederholen –, wird der Geist klarer. Wenn wir dann mit diesem durch Meditation erhobenen Geist nachdenken, kann die Antwort leichter kommen. Das bedeutet erleuchtete Innenschau.

Und Patanjali verspricht uns auch noch die Beseitigung aller Hindernisse. Wir brauchen nur OM zu wie-derholen und alle Hindernisse sind beseitigt. Das klingt gut – ob es wohl ausreicht ....?

Nach der indischen Unabhängigkeit kam einmal ein Politiker zu Swami Sivananda in den Ashram und zeichnete ihm ein vollständiges Bild aller Schwierigkeiten, vor denen Indien damals stand: Die Flüchtlin-ge, die aus Pakistan nach Indien geflohen waren. Die Moslems, die Angst hatten, daß die Hindus sich jetzt an ihnen rächen würden. Da waren die verschiedenen kleinen Staaten innerhalb Indiens, die es vorher gegeben hatte und die zum Teil britische Protektorate, in Bezug auf die Innenpolitik aber weitestgehend unabhängig gewesen waren und die in den indischen Gesamtstaat integriert werden sollten. Die hohen Schulden und der Aufbau der Verwaltung: Die Engländer hatten Indien mehr oder weniger überstürzt verlassen, alle hohen Posten in der Verwaltung waren von Engländern besetzt gewesen und niemand war darauf vorbereitet. Die ganze Verwaltung war zusammengebrochen. Wie kann die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen? Wie kommt man der Korruption bei? Die Gefahr eines Krieges mit Pakistan drohte u.s.w.. Insgesamt ein riesiger Berg von Schwierigkeiten, vor dem das Land stand.

Swami Sivananda hörte sich das alles aufmerksam und geduldig an und als der Politiker ihn fragte, was die Lösung für all diese Probleme sein könnte, sagte Swami Sivananda im Brustton der Überzeugung: „Repeat the name of God that is the only solution“ – „Wiederholen Sie den Namen Gottes, das ist die ein-zige Lösung“. Der andere war erst mal wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte erwartet, Swami Sivananda würde ihm großartige Ratschläge zu den einzelnen Problemen geben. Aber er sagte tatsächlich nur: „Wie-derhole den Namen Gottes ....“

Wenn die Probleme so groß sind, daß wir sie nicht lösen können, dann kann sie nur Gott lösen. Indem wir den Namen Gottes wiederholen, bekommen wir Zugang zu ihm. Dann kommt die Gnade Gottes, so daß wir fähig werden, das auszuführen, was nötig ist und was innerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Außerdem befreit es uns von dem Gefühl, daß wir die Verantwortung für alles haben, daß wir alles ändern und tun müssen. Wir haben ohne Zweifel Aufgaben und wir versuchen, sie so gut wie möglich zu erfüllen. Aber es ist Gottes Aufgabe, sich um diese Welt zu kümmern. Wir sind das Instrument dafür und wir müssen offen sein, damit Gottes Gnade durch uns fließen kann, so daß wir auch in unübersichtlichen Situationen richtig handeln.

Auch auf vielen anderen Ebenen gibt es Hindernisse, die wir durch Mantrawiederholung überwinden kön-nen. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man das über eine gewisse Zeit ausprobiert: Konzentriert man sich auf das Mantra und wiederholt es in schwierigen Situation etwas länger, dann verschwinden die Hin-dernisse. Es ist wirklich verblüffend, aber es tatsächlich so.

Und obwohl ich jetzt schon 19 Jahre lang Mantras wiederhole, weiß ich bis heute nicht, wie sie eigentlich wirken, sondern nur, daß sie wirken. Ich gebe zwar großartige Vorträge über die Wirksamkeit von Man-tras, aber ihre Wirkungsweise an sich ist ein Mysterium.

Das sagt auch Shri Karthikeyan immer wieder, wenn er hier ist: „The longer I live the more I see that the whole world is a mystery. Life is a mystery. Mind is a mistery. God is a mystery. Mantra is a mystery. How everything works, nobody knows“ – „Je länger ich lebe, desto mehr erkenne ich, die ganze Welt ist ein Mysterium. Das Leben ist ein Mysterium. Der Geist ist ein Mysterium.  Gott ist ein Mysterium. Man-tras sind ein Mysterium. Niemand weiß, wie alles funktioniert.“ Daß es wirkt, wissen wir; wie genau, dar-über haben wir zwar verschiedene Theorien, zum Beispiel Klangschwingungen, Resonanz u.s.w.., aber die Wirkung ist tiefer, als man logisch erfassen kann.

Und jetzt zählt uns Patanjali die Hindernisse auf, die es auf dem Weg gibt:
 

30. yâdhi–styâna–samshaya pramâdâlasyâ–virati–bhrânti–darshanâ–labdhabhûmi–katvânavasthitatvâni chitta–vikshepâs te `ntarâyâh

vyâdhi = Krankheit; styâna = Stumpfsinn, Teilnahmslosigkeit; samshaya = Zweifel; pramâdâ = Achtlo-sigkeit; âlasya = Trägheit; avirati = Haften an Dingen; bhrânti–darshana = Täuschung, irrtümliche Ansicht; alabdha–bhûmikatva = Nichterreichen einer Stufe, Unfähigkeit, einen Halt zu finden; ana-vasthitatvâni = Unstetigkeit, Unbeständigkeit; chitta = Verstand; vikshepas = Zerstreuungen; te = sie; antarâyâh = Hindernisse

Die Hindernisse für die Verwirklichung sind Krankheit, geistige Trägheit, Zweifel, Gleichgültigkeit, Faulheit, Verlangen nach Vergnügen, Täuschung, die Unfähigkeit zur Konzentration und Ruhelo-sigkeit des Geistes durch Ablenkungen.

Hier erwähnt Patanjali ein paar ganz typische Hindernisse, mit denen man sich auseinandersetzen muß. Wenn Menschen mir von ihrem Problem erzählen, reicht es oft aus, wenn ich ihnen sage, daß andere das auch haben. Wenn sie wissen, das ist normal, andere haben das auch, können sie beruhigter damit umge-hen.

Krankheit ist ein Hindernis aus verschiedenen Gründen.

Zum einen natürlich, weil Krankheit uns schwächt. Wenn wir müde oder erkältet sind oder ein Bein ge-brochen haben, ist es etwas schwer, sich zur Meditation hinzusetzen.

Zum zweiten führt Krankheit aber auch oft zu Zweifeln am Yogaweg. Es gibt diese eigenartige Vorstel-lung, daß man nicht mehr krank wird, wenn man Yoga übt. Das wird bestärkt durch die teilweise etwas übertriebene Darstellung von Wirkungen der Yogaübungen in Yogabüchern – auch in denen von Swami Sivananda und Swami Vishnu Devananda. Im Kapitel über Gesundheit im Buch „Göttliche Erkenntniss“ von Swami Sivananda heißt es: „Gesundheit ist das Geburtsrecht des Menschen und gesund sind wir dann, wenn wir die Gesetze der Natur beachten.“ Das ist der typisch indische Stil der Übertreibung. Es stimmt, daß wir weniger krank werden, wenn wir Yoga üben. In Amerika wurde eine Studie durchgeführt, die belegt, daß Menschen, die regelmäßig Yoga üben, nur ein Viertel der Krankheitskosten im Vergleich zum Durchschnitt verursachen. Das ist viel. Man könnte also die Gesundheitsvorsorgekosten auf ein Viertel reduzieren, wenn alle Yoga üben würden. Nur –  Menschen, die Yoga üben, werden im Schnitt auch min-destens zehn Jahre älter als andere, so daß die Renten länger beansprucht werden. Folglich müßten die Krankenkassenbeiträge gesenkt und die Rentensätze erhöht werden. Es kann als gesichert gelten, daß Üben von Yoga in all seinen Aspekten – richtige Ernährung, Körperübungen, Entspannungstechniken, Atmung, positives Denken, gesunde Lebenseinstellung, Gottvertrauen, Sinn im Leben, gesunde Einstel-lung zum Schicksal und zum Streß – den Menschen erheblich gesünder macht und ihn älter werden läßt.

Manche Krankheiten haben den Sinn, uns bestimmte Erfahrungen machen zu lassen, an denen wir wach-sen. Diese Krankheiten suchen uns auch dann heim, wenn wir alles richtig machen im Leben.

Und manche Krankheiten kommen aus karmischen Gründen, weil wir in früheren Leben jemand anderem Krankheiten zugefügt haben oder ähnliches. Dann müssen wir uns mit der Krankheit abfinden.

Und wieder andere kommen einfach deshalb, weil sie unseren Fortschritt beschleunigen.

Die Frage stellt sich, wenn man liest oder hört, daß Swami Sivananda in seinen letzten Lebensjahren viele Krankheiten hatte. Warum litt er als selbstverwirklichter Meister unter all diesen Krankheiten? Der Grund liegt im restlichen Karma, das noch da war und aufgearbeitet werden mußte.

Auch Swami Vishnu hatte zum Schluß einige Krankheiten und ist relativ früh gestorben. Allerdings muß man dazusagen, daß er seinen Körper auch nie geschont hat. Keiner konnte mit ihm Schritt halten. Er ist mehrmals im Jahr um die Welt gereist. Es wird viel von den Reisen des Papstes gesprochen. Swami Vish-nu ist in einem Jahr so viel gereist wie der Papst in drei Jahren und hat sich daneben um die Administra-tion in den Zentren gekümmert, Bücher geschrieben, Yogakurse und Lehrerausbildungen gegeben, Tau-sende von Mantraeinweihungen vorgenommen – er hat sich ganz gegeben. So hat er sehr schnell spirituel-len Fortschritt gemacht, aber er hat seinen Körper vielleicht auch etwas überfordert. Natürlich hat er ihn nicht etwa mißhandelt, sondern im Gegenteil regelmäßig Asanas und Pranayama praktiziert, auf gesunde Ernährung geachtet u.s.w..

Yogis achten auf ihren Körper, aber es kommt nicht auf die physische Langlebigkeit an, sondern darauf, wieviel Erfahrungen wir machen, wieviel wir lernen. Swami Vishnu hat auch über die Krankheit zum Schluß noch einige Lektionen gelernt und ist dadurch zum reinen Bhakta geworden.

In der Krankheit kann also durchaus eine Lektion liegen. Aber weil man dadurch oft träge wird und einem die spirituellen Praktiken wie Asanas, Pranayama und Meditation schwerfallen oder ganz unmöglich wer-den, kommen viele Menschen dadurch ins Zweifeln am ganzen Weg. Deshalb sind Krankheiten in erster Linie Hindernisse und wir bemühen uns im Yoga, unseren Körper gesund zu halten.

Das nächste Hindernis ist Trägheit. Patanjali erwähnt gleich drei Aspekte davon, nämlich geistige Träg-heit, Gleichgültigkeit und Faulheit. Von den neun Hindernissen, die er aufzählt, sind drei letztlich Tamas. Wir müssen Tamas überwinden. Das geschieht durch regelmäßige spirituelle Praxis.

Als nächstes Hindernis folgt Zweifel.

Der Mensch hat ständig Zweifel. Es heißt, es gibt nur zwei Arten von Menschen, die nie Zweifel haben: Die einen sind die Fanatiker und die anderen die Selbstverwirklichten. Bis zur Verwirklichung schlagen wir uns immer wieder mit vielen kleinen Zweifeln herum und ab und zu auch mit einem grundsätzlichen, größeren. Zum Beispiel stellt man plötzlich in Frage, daß es so etwas wie Selbstverwirklichung überhaupt gibt oder daß man es selbst tatsächlich erreichen kann. Oder man fragt sich: „Befinde ich mich auf dem richtigen Weg dorthin? Ist der Mensch oder der Guru, dessen Tradition ich folge, der Richtige? Kann er mich richtig führen? Und ist das, was ich jetzt gerade praktiziere, überhaupt das Richtige?“ Das passiert manchen Menschen auch noch nach Jahren der Praxis.

Wir müssen über Selbstverwirklichung lesen und hören und über Menschen, die sie wirklich selbst er-reicht haben. Mit Menschen zu sprechen, die selbstverwirklichte Meister erlebt haben oder vielleicht sogar persönlich einen zu treffen verhilft uns zu der Gewißheit: Ja, es gibt tatsächlich Selbstverwirklichung. Auch die Überzeugung, mit der alle diese Meister sagen, daß es jeder erreichen kann, hilft uns. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten – aber wir können es erreichen!

Wir müssen uns zuerst gründlich Gedanken machen über den Weg, den wir gehen. Wir müssen überlegen, ob das der richtige Weg und der richtige Lehrer ist oder wir spüren es einfach. Und wenn wir merken, im letzten halben Jahr oder in den letzten zwei Jahren habe ich diese und jene Fortschritte gemacht, dann wird es sicher auch weitergehen. Sehr nützlich dabei ist ein Tagebuch, in dem man seine Erfahrungen und Schwierigkeiten aufschreibt. Wenn man dann nämlich ein paar Jahre später sein Tagebuch liest und sieht, was für Schwierigkeiten man damals hatte, dann lächelt man und weiß: Ich bin doch erheblich ge-wachsen. Ohne Tagebuch vergißt man gern, mit welchen Problemen man sich vorher herumgeschlagen hat.

Und ab und zu müssen wir auch mal unserem Geist sagen, er soll aufhören mit seinen Zweifeln. Wenn wir einmal einen Entschluß gefaßt haben, dann führen wir ihn aus. Hin und wieder können wir die Angele-genheit vielleicht nochmals gründlich überdenken, aber nicht ständig zweifeln. Es gibt Menschen, die sich ständig in Selbstzweifeln suhlen. Man muß einfach auch mal einen Entschluß fassen und sich notfalls sagen: „Ein halbes Jahr übe ich jetzt mal so; danach schaue ich: War es der richtige Weg? Habe ich Fort-schritte gemacht?“ Und dann soll man dieses halbe Jahr auch durchhalten, ohne seinen Entschluß dazwi-schen ständig in Frage zu stellen. Wenn ein halbes Jahr zu lange ist, nimmt man sich halt nur einen Mo-nat vor oder eine Woche, aber es ist wichtig, daß man einen Entschluß faßt und sich von Etappe zu Etappe durchwühlt.

Auch wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, kann man sich einen Zeitrahmen setzen und sich vornehmen: „Ich gebe mir bis dahin Zeit, dann treffe ich eine Entscheidung und halte mich auch daran.“ Notfalls muß man den Entschluß fassen, auch wenn man sich nicht ganz sicher ist. Dann kann man sich sagen: „Das erscheint mir als das Richtige. Wenn sich nicht bis dann und dann etwas Erhebliches ändert, sehe ich das als Gottesbeweis an und bleibe ich bei dieser Entscheidung.“

Gleichgültigkeit ist das nächste Hindernis. Diese „Es ist ja alles egal“-Mentalität und Wurstigkeit darf sich nicht einschleichen. Gleichmut ist etwas anders als Gleichgültigkeit. Gleichgültig ist tamasig, gleich-mütig ist sattwig.

Faulheit ist ebenfalls noch ein großes Hindernis.

Verlangen nach Vergnügen taucht manchmal einfach so auf. Als spiritueller Aspirant überlegt man manchmal: Gibt es nicht doch zu vieles, worauf ich verzichtet habe?

Ich selbst meditiere seit meinem 16. Lebensjahr. Ich bin noch nie in meinem Leben betrunken gewesen, habe noch nie ausgelassen auf einer Feier mitgemacht, – außer bei spirituellen Festen und die waren wahrscheinlich harmonischer und schöner. Manchmal sagen Leute zu mir: „Wie kannst du überhaupt wissen, was du da verpaßt hast?“ Gut, mir geht es jetzt nicht so, daß ich Angst habe, etwas zu verpassen oder etwas verpaßt zu haben. Schon damals hat mir das nichts bedeutet. Ich habe die Menschen beobach-tet, die das alles gemacht haben und kam in relativ jungen Jahren zu dem Schluß, daß sie nicht wirklich glücklich sind. Ich kann mich erinnern, wie mich meine Cousine einmal in eine Disko mitgeschleppt hat. Kurz vorher hatte ich den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse gelesen, wo etwas über Tanzen vorkam, und so dachte ich, Ekstase über Tanzen zu erreichen, das müßte ja auch ganz schön sein. Dann habe ich das also etwas ausprobiert ... Nun gut, von einem Diskobesuch allein klappt das wahrscheinlich auch noch nicht. Aber ich habe auch die anderen beobachtet und es kam mir zu hohl vor. Vielleicht funktioniert es heute besser mit dieser Rave-Ecstasy-Welle, wahrscheinlich hat man da tatsächlich ekstatische Erlebnis-se. Aber sie halten nicht an. Und wenn Ekstase durch Drogen induziert ist, wenn man Drogen oder Alko-hol dazu braucht, ist es keine wertvolle Erfahrung und führt überdies anschließend nur zu einem Kater. Man hat zwar bis vor kurzem angenommen, Ecstasy sei harmlos, aber es scheint so zu sein, daß man da-von schwere Schädigungen im Gehirn davontragen und langfristig depressiv werden kann.

Aber manche Menschen auf dem spirituellen Weg haben doch manchmal das Gefühl, etwas zu verpassen. Eine Seminarteilnehmerin hat mir neulich erzählt, sie mache jetzt zwar auch täglich Asanas, Pranayama und Meditation, aber einmal in der Woche würde sie schon mit ihrem Freund in ein sehr gutes Restaurant gehen und der Rotwein gehöre dort einfach dazu. Sie hat das Gefühl, mit dem Glas Rotwein würde ihr ein großes Stück Lebensqualität entgehen. Gut, ich habe ihr jetzt auch nicht geraten, darauf zu verzichten sondern gemeint, einmal in der Woche ein Glas Rotwein wird nicht so tragisch sein, wenn es ihr so wichtig ist. Aber wenn wir eine Weile auf dem Weg sind, dann stellen wir fest: Es ist es nicht wert, mit einem Glas Rotwein vielleicht 30 % der Wirkung unserer Pranayama-Praxis zu vernichten. Und letztlich ist es kein so großes Vergnügen.

Täuschung ist ein Hindernis.

Wir können uns oft täuschen, indem wir Dinge falsch verstehen oder falsch sehen oder indem wir den nie-deren Geist für die innere Stimme der Intuition halten. Swami Vishnu hat gern gesagt: „Never trust your mind“ – „Traue nie deinem Geist“. Aber wem kann man sonst trauen?

Wenn man einen Guru hat, kann man ihn fragen. Aber die Antwort ist meistens nicht eindeutig.

Ich habe Swami Vishnu oft Dinge gefragt.

Bei technischen Fragen wie: „Wer kann Kapalabhati auch wechselseitig ausführen?“ oder „Sollte man bei Kapalabhati den Brustkorb erhoben oder drunten halten?“ „Sollte man nach Bhastrika rechts einatmen oder links?“ – denn das steht unterschiedlich in den Büchern –, hat er mir klare Antworten gegeben.

Aber als ich ihn gefragt habe, ob ich mein Studium aufgeben oder ob ich weitermachen soll, da kam keine klare Antwort. Oder als ich ihn mal etwas anderes gefragt habe, hat er mir auch nicht gesagt, was ich machen soll. In solchen Fällen gibt ein Meister nur Kriterien an, an denen man sich orientieren und nach denen man selbst entscheiden kann. Ein Guru macht seine Schüler nicht abhängig. Er nimmt ihnen die Entscheidungen nicht ab. So wie Krishna am Ende der Bhagavad Gita zu Arjuna sagt: „Und jetzt mache, was du willst“. Am Anfang sagt er, er solle kämpfen, weil Arjuna das so heftig abgelehnt hat. Aber später, nachdem er ihm die Yogawege erklärt hat, überläßt er ihm die Entscheidung – und so ist auch ein Guru. Aber der Guru hilft einem, aus der Täuschung herauszukommen und die Antwort von selbst zu finden.

Die Unfähigkeit zur Konzentration kann eine Schwierigkeit sein.

Vielen Menschen fällt es am Anfang schwer zu meditieren. Manchmal kommt auch nach einer Weile eine Unreinheit im Geist hoch. Und obgleich man vielleicht ein Jahr oder länger sehr schöne Meditationen hatte, kann man plötzlich nicht mehr meditieren. Das passiert manchen auch während der Yogalehrer–Ausbildung. Dann denken sie: Jetzt mache ich so viel Yoga und kann nicht mehr meditieren! Vorher habe ich weniger gemacht und es ging viel besser! Die Ursache ist eben eine stärkere Unreinheit, die sich löst, so daß man eine Weile von der Meditation wie abgeschnitten ist. Das muß man aushalten und trotzdem die Unterscheidungskraft behalten. Glücklicherweise geht es nicht allen so. Die meisten können hier bes-ser besser meditieren als zu Hause.

Und schließlich ist Ruhelosigkeit des Geistes durch Ablenkungen ein Hindernis.

Äußere Dinge lenken uns ab und machen den Geist unruhig. Wir sollten uns nicht ablenken lassen.


31. Duhkha-daurmanasyângamejayatva-shvâsa-prashvâsâ vikshepa-sahabhuvah

duhkha = Schmerz; daurmanasya = Verzweiflung, Depression; angamejayatva = Erschütterung des Körpers, Nervosität; shvasa–prasvasah = Ein-und Ausatmung, schweres Atmen; vikshepa = Zerstreu-ung; sahabhuvah = begleitende Symptome

Geistiger Schmerz, Depression, physische Nervosität und unreglmäßige Atmung sind die Sympto-me eines verwirrten Geisteszustandes.

Das sind die Folgen, die Symptome, an denen man die oben erwähnten Hindernisse erkennen kann. Manchmal ist man sich dieser Hindernisse nämlich gar nicht bewußt. Der menschliche Geist begründet ja oft alles mögliche rational. So kann es passieren, daß wir gar nicht erkennen, daß wir momentan einem Hindernis begegnen, sondern denken, wir hätten irgendeine sehr kluge Ansicht. Und hier gibt uns Patan-jali vier Tips, wie wir herausfinden können, ob wir uns gerade auf dem Holzweg befinden.

Geistiger Schmerz und Depression sind beides nicht sehr positive Gemütszustände. Geistiger Schmerz meint Zerrissenheit, ein manifestes Leiden. Depression bedeutet Niedergeschlagenheit, sich kaputt fühlen.

Physische Nervosität kann man mit dem Test herausfinden, ob die Hand ruhig ist oder nicht. Wenn man den ganzen Tag gearbeitet hat und die Hand abends etwas unruhig ist, dann liegt es natürlich an etwas anderem!

Physische Unruhe und unregelmäßige Atmung kann man bei sich selbst und bei anderen beobachten. Wenn man es zum Beispiel mit einem Menschen zu tun hat, der ganz unruhig und nur im oberen Brustbe-reich atmet, dann kann man diesem Menschen zunächst mit Logik nicht beikommen. Er wird in dem Mo-ment nicht logisch mit einem sprechen können. Man muß versuchen, ihn erst zu beruhigen – es kommt natürlich auf die Situation an. Wenn möglich, versucht man, ihn zu trösten, zu verstehen, Liebe zu zeigen. Wenn das wegen der Art der Beziehung nicht möglich ist, dann faßt man ihn eher mit Samthandschuhen an, ist freundlich, schickt positive Gedanken und beachtet es nicht zu sehr, wenn er irgendwelche komi-schen Geschichten erzählt. Denn er ist, um mit Patanjali zu sprechen, momentan in einem verwirrten Geisteszustand, vikshepa sahabhuvah.

Wenn wir eines dieser Symptome bei uns feststellen, wissen wir, wir stehen irgendwo an einem Hindernis. Dann können wir die Schwierigkeiten dahinter suchen und anschließend etwas tun, um sie  zu beseitigen.

Patanjali gibt im nächsten Vers eine Technik an, wie man diese Hindernisse beseitigen kann. Im 2. Kapi-tel kommt er auf weitere Techniken zurück.
 

32. Tat–pratishedhârtham eka–tattvâbhyâsah

tat = das; pratishedhartam = zur Beseitigung, zur Kontrolle; eka = einem; tattva = Prinzip, Wahrheit; abhyasah = Übung

Um diese Hindernisse zu beseitigen, sollte man über einen Aspekt der Wahrheit meditieren.

Er empfiehlt hier eigentlich die Ablenkung. Wenn wir erkennen, es sind Hindernisse und ein verwirrter Geisteszustand da, sollen wir nicht versuchen, zu analysieren und die Ursache herauszufinden, sondern stattdessen unsere Konzentration auf einen Aspekt der Wahrheit richten.

Aber er empfiehlt nicht die Ablenkung auf irgend etwas, also zum Beispiel, ins Kino oder in ein Restau-rant zu gehen, Achterbahn zu fahren, Bier zu trinken oder den Fernseher einzuschalten. Sondern er emp-fiehlt uns, über einen Aspekt der Wahrheit zu meditieren. So erheben wir den Geist wieder.

Wir haben schon darüber gesprochen, was Krishna in der Bhagavad Gita mit Arjuna macht. Arjuna ist in großer Verzweiflung. Er weiß nicht, was er machen soll und zeigt alle Symptome eines verwirrten Geistes-zustandes: geistigen Schmerz, Depression, er ist nervös und wirft die Waffen weg. Gut, über seine Atmung wird nichts ausgesagt, aber es ist anzunehmen, daß sie auch nicht ruhig und tief war. Arjuna ist in voll-kommener Verzweiflung und paradoxerweise erzählt Krishna ihm als erstes von der Unsterblichkeit der Seele! Aber das ist notwendig und hilfreich. Und natürlich bleibt es nicht dabei, sondern anschließend erklärt er ihm alles mögliche.

Damit kann man natürlich nicht jedem kommen. Wenn ihr beispielsweise einen alten Bekannten von frü-her trefft, dem es schlecht geht, wird er wenig damit anfangen können, wenn ihr ihm sagt: „Mach dir nichts draus, dein wahres Selbst ist unberührt und überhaupt bist du Sein, Wissen und Glückseligkeit.“ Aber generalisieren kann man das auch nicht. Gerade als ich das so behauptet habe, hat mir eine Psycho-therapeutin unter den Seminarteilnehmern erzählt, sie hätte Menschen, die mit Yoga gar nichts zu tun haben, auch schon den Rat gegeben: „Egal, was passiert, irgend etwas in dir bleibt doch gleich, versuch das mal zu spüren. Diesen stillen Pol in dir gibt es und er gibt dir Kraft. Versuch mal, zu diesem ruhenden Pol zu kommen, den es in aller Verzweiflung und in allen Emotionen gibt.“ Das kann helfen, daß Men-schen dann besser zurechtkommen.

Wenn wir über einen Aspekt der Wahrheit meditieren, erheben wir den Geist. Ist der Geist erhoben, kann man anders arbeiten und die Probleme sind leichter zu lösen.

Im 2. Kapitel zählt Patanjali als Methoden noch Kriya Yoga (yogische Reinigungstechniken), Tapas (Aske-se), Swadhyaya (Selbststudium), Ishwara pranidhana (Hingabe an Gott), Karma (Handlung), Sinn des Lebens, die Einstellung, die wir zum Leben haben können, sowie die acht Stufen des Raja Yoga auf. Aber zuerst meditieren wir über einen Aspekt der Wahrheit und erheben so unseren Geist. Erst dann ist wirk-lich etwas mit uns anzustellen.

Patanjali will sich mit niemandem abgeben, der nicht meditiert. Meditation ist die Voraussetzung, daß man sich ein bißchen erheben und die Probleme anders angehen kann. Wenn jemand nicht meditiert, kann man mit dem Problem nicht umgehen. Er hat ja schon vorher gesagt, die Wiederholung eines Man-tras bringe erleuchtete Innenschau und überwinde alle Hindernisse. Auf diese Weise ist er überhaupt auf die Hindernisse gekommen. Erst wenn wir meditieren, ein Mantra wiederholen, wird die Introspektion erfolgreich. Ansonsten kommen wir aus unserem eigenen Tümpel nicht heraus. Wenn wir ein Mantra wiederholen, erhebt uns die Kraft des Mantras, wir kommen zu einer erleuchteten Innenschau und über-winden die Hindernisse. Dem Sutra-Stil folgend, erklärt Patanjali dann die Hindernisse, die Symptome für die Hindernisse und vorher hat er die Mantrameditation als Heilmittel erwähnt. Hier sagt er, wir kön-nen über einen Aspekt der Wahrheit meditieren und damit schließt sich der Kreis.

Von Vers 33 bis 39 gibt er uns verschiedene Techniken, wie wir meditieren können.
 

33. Maitrî–karunâ–muditopeksânam sukha–duhkha–punyâpunya–vishayânâm bhâvanâtash chitta prasâdanam

maitri = Freundlichkeit; karuna = Mitgefühl; mudita = Frohsinn; upektsanam = Gleichgültigkeit; sukha = Freude, Glück; duhkha = Leid, Elend; punya = Tugend; apunya = Laster; visayanam = Ziele; bhavanatah = durch Kultivierung von Haltungen, durch Verweilen in Gedanken; chitta = Verstand; Prasadanam = Klärung, Läuterung

Der Geist wird duch die Entwicklung von Freundlichkeit, Wohlwollen, Zufriedenheit und Gleichmut klar gegenüber Glück, Laster und Tugend.

Wir können über Freundlichkeit, Wohlwollen, Zufriedenheit und Gleichmut meditieren. Dafür eignet sich zum Beispiel die Eigenschaftsmeditation. Das ist eine konkrete Meditationstechnik, um eine bestimmte Eigenschaft zu entwickeln oder zu verstärken, in dem wir über Affirmationen, Visualisierung, Nachden-ken, Fühlen und abschließender nochmaliger Affirmation eine Weile lang jeden Tag üben. Dadurch wird diese Eigenschaft sehr stark.

Als geeignete Eigenschaften empfiehlt Patanjali Freundlichkeit, Wohlwollen, Zufriedenheit und Gleich-mut.
 

34. Pracchardana–vidharanabyam va pranasya

Pracchardana = Ausstoßen, Ausatmen; vidharanabhyam = Zurückhalten, Bewahren; va = oder; prana-sya = Atem

Dies wird auch durch das Ausstoßen und das Zurückhalten des Atems erreicht.

Also Pranayama, Atemübungen,helfen auch, den Geist zu erheben. Richtige Atmung im täglichen Leben kann sehr viel bewirken.

Der beste Ratschlag, den man nervösen oder unruhigen Menschen geben kann, ist, die Hand auf den Bauch zu legen und ein paar Mal tief mit dem Bauch ein-und auszuatmen. Das hilft enorm, Stärke, Fes-tigkeit und Gleichmut zu entwickeln. Zwischen Atmung und Gemütsverfassung besteht eine direkte Kor-relation. Ihr könnt mal bewußt darauf achten, wie ein Mensch atmet, der leicht die Fassung verliert und wie jemand atmet, der eher Gleichmut ausstrahlt. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele Yogalehrer ganz flach in der Brust atmen, während sie ihren Schülern die tiefe Bauchatmung beibringen!

Manche Menschen werden noch ärgerlicher oder nervöser, wenn sie total verärgert sind und dann auch noch über Wohlwollen meditieren sollen. Wir hatten hier einmal einen Schüler mit größeren psychisch–geistigen Problemen. Er hat mir erzählt, immer wenn ich am Anfang der Meditation sagte: „Beim Ausat-men stelle dir vor, du schickst Licht und Liebe zu allen Wesen“ sei er richtig aggressiv geworden. Er fühlte sich von verschiedenen Menschen psychisch mißhandelt und empfand es als Zumutung, ihnen jetzt auch noch Licht und Liebe zu schicken ....! Ich habe ihm geraten, er soll stattdessen denken: „Ich schicke Licht und Liebe in alle Richtungen“. Das konnte er dann. Und ich leite jetzt Meditationen auch eher mit dieser Formel ein, da es Menschen gibt, die aus irgendwelchen Gründen – tatsächlicher oder eingebildeter seeli-scher, körperlicher, geistiger Mißbrauch – Aggressionen haben, die geweckt werden, wenn man sie bittet, Wohlwollen auszusenden. Aber mit der Zeit sollte es für jeden möglich sein, allen Menschen Wohlwollen zu schicken, selbst wenn einem das Furchtbarste angetan wurde, und zwar aus der Erkenntnis des Kar-mas heraus, daß ein Mensch, der einem etwas angetan hat, nur Erfüllungsgehilfe des Karmas war. Nur, nicht jeder kann das in jeder Situation anwenden und manchmal kann man es selbst auch nicht in jeder Situation – meinen mindestens viele. Aber ich kann es eigentlich schon immer und habe nie Probleme damit, allen Wesen Wohlwollen zu schicken.

Wem das also schwerfällt, der kann wenigstens den Atem beherrschen. Das kann jeder. Das ist der indi-rekte Weg des Hatha Yoga wie auch des Kundalini Yoga. Geist und Prana hängen zusammen. Verändern wir das Prana, ändert sich der Geist. Verändern wir die Atmung, verändert sich das Prana. Atemübungen sind etwas ganz Tolles. Sie können einen aus allen möglichen Depressionen, Stimmungen und falschen Vorstellungen herausreißen. Führer war ich ein sehr schüchterner Mensch. Vor einem Vortrag oder einer Yogastunde mußte ich immer unbedingt eine halbe Stunde Pranayama machen. Und vor meinem ersten Meditationskurs mußte ich ein paar Runden Bhastrika machen, sonst wäre es nicht gegangen, denn ich hatte großes Lampenfieber und war sehr unruhig. Aber wenn ich vorher eine Weile Pranayama geübt hatte, waren das Prana, die Ruhe und die Stärke des Geistes da.

Manchmal kann es hilfreich sein, sich zusätzlich zum regelmäßigen Pranayama einmal am Tag zwischen-durch ein paar Minuten lang hinzusetzen und Wechselatmung zu üben, wenn man unruhig ist oder viel Energie braucht. Mir haben schon etliche Leute erzählt, daß sie das während der Arbeit manchmal ma-chen – zum Beispiel auf der Toilette – und daß sie dann wieder Ruhe und Kraft haben. Eine Yogalehrerin hat erzählt, irgendwie sei das bei ihr mal auffällig geworden und ihre Kollegen hätten sie gefragt, was denn ihr Geheimnis wäre, was sie denn auf der Toilette mache. Das Ergebnis war dann die Gründung einer Yogagruppe!
 

35. Visayavati va pravrttir utpanna manasah sthiti-nibandhani

Visayavati = die Sinne betreffend; va = oder; pravrttih = Funktion, Tätigkeit; utpanna = entstanden, geboren; manasah = des Gemütes; sthiti = Beharrlichkeit; nibandhani = Bildung von, hilfreich bei der Herstellung von

Festigkeit des Geistes wird leicht begründet, wenn die höheren Sinne wirksam werden.

Wenn wir meditieren, können auch höhere Sinne aktiv werden. Ein Beispiel dafür sind die Anahata–Klänge, innere Klänge im linken oder rechten Ohr. Bei den meisten sind sie in einem Ohr stärker. Bei mir sind sie ziemlich gleichmäßig in beiden Ohren. Auf diese Klänge kann man sich konzentrieren, entweder, indem man einfach ganz bewußt diese schönen Klänge wahrnimmt oder man versucht, den nächst subtile-ren Klang in diesem Klang herauszuhören. Dieser subtilere Klang wird dann langsam stärker. Dann ver-sucht man wieder, den nächst höheren Klang herauszuhören und so werden die Klänge immer subtiler, erhabener und schöner, und das kann den Geist ganz wunderbar konzentrieren.

Als Yogalehrer muß man wissen, daß es diese Anahata-Klänge gibt und daß es Tinnitus gibt, eine Gehör-krankheit. Manche Menschen hören Anahata-Klänge und halten sie für Tinnitus. Tinnitus ist ein sehr unangenehmes, lautes Ohrenrauschen, Ohrensausen – manche beschreiben das Geräusch wie eine Dampf-lokomotive oder wie eine hochfrequentierte Autobahn –, das seine Ursache höchstwahrscheinlich darin hat, daß die Menschen zu lauten Geräuschen ausgesetzt waren. Die Generation der Diskobesucher, die sich den Kopf mit lauter Musik vollgedröhnt hat, ist jetzt langsam im Alter zwischen 30 bis 50. Durch die Vorschädigungen des Ohres kann es im Alltagsstreß geschehen, daß die Gefäße ganz geschädigt werden oder irgendetwas anderes passiert, das diese Tinnitusgeräusche auslöst. Die genaue Ursache kennt man nicht. Manche behaupten auch, dieses Phänomen gebe es schon länger, zum Beispiel bei Leuten, die von jung auf ohne Gehörschutz Traktor gefahren sind. Tinnitus-Geräusche werden unter Streß stärker. Ana-hata-Klänge hingegen sind eher sanft. Am meisten verbreitet ist wahrscheinlich ein ganz hoher Klang, ähnlich wie er früher beim Testbild für‘s Fernsehen zu hören war. Er wird um so stärker, je ruhiger der Mensch ist, zum Beispiel in einer sehr ruhigen Meditation, in einer spirituellen Umgebung, in einer Kir-che oder wenn man mit einem Menschen ein spirituelles Gespräch führt. Für manche Menschen ist das ein Hinweis auf eine echte Herzenskommunikation. Wenn die Herzenskommunikation da ist und man nicht nur Worte austauscht, kommt dieser wunderbare Klang und man spürt, das gegenseitige Prana tauscht sich aus beziehungsweise die beiden Pranas verbinden sich mit dem göttlichen Prana. Bei ein paar Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind über dem Versuch, im Tinnitus-Geräusch den Anahata-Klang herauszuhören, die Tinnitus-Geräusche schön geworden. Und ich kenne eine ganze Reihe von Men-schen, die Anahata-Klänge gehört und sie für Tinnitus gehalten haben.

Es gibt auch das höhere Sehen. Man sieht bei geschlossenen Augen Bilder oder ein Licht im dritten Auge, worauf man sich konzentrieren und so den Geist festigen kann. Auf gleichmäßige, schöne, nach oben zie-hende, wonnevolle innere Lichter kann man sich konzentrieren. Konkreten Bildern, Szenen aus einem Leben oder Fantasiebildern würde man nicht folgen, denn das ist kein höherer Sinn, sondern die Fantasie, Luftschlösser, was auch immer. Natürlich könnte man auch solche Bilder verfolgen, aber das führt nicht in eine so tiefe Meditation.

Ich dachte zuerst immer, ich sehe keine Lichter, bis mir jemand gesagt hat: „Schließe mal die Augen und schaue, was Du siehst“. Da ist mir aufgefallen, daß ich bei geschlossenen Augen eigentlich immer irgend-welche Lichter sehe! Ich habe das nur nie für etwas Besonderes gehalten. Recht viele Menschen sehen Lichter, wenn sie die Augen schließen. Aber auch wiederum nicht alle. Wenn man keine Klänge hört oder keine Lichter sieht, ist das auch nicht etwa ein Zeichen mangelnden spirituellen Fortschritts. Es bedeutet einfach nur, daß dieser Sinn nicht aktiv ist. Aber wenn man will, kann man es auch trainieren.

Eine Richtung der Sikhs – die Sikhs sind eine der indischen Religionsgemeinschaften – praktiziert ganz besonders diese Meditation auf innere Klänge und inneres Licht, um sich so in den kosmischen Strom einschwingen zu können.

Seltener, aber auch das gibt es, ist es, daß Menschen subtile Gerüche riechen, zum Beispiel wie wunderba-re Räucherstäbchen. Ein Nektargeschmack im Mund ist ebenfalls möglich.

Häufiger wiederum kommt es vor, daß man ein wunderschönes Gefühl hat. Man spürt zum Beispiel das Ajna Chakra oder das Herz, man spürt, daß von oben Energie oder Licht in einen hineinströmt. Auch auf solche Gefühle können wir uns konzentrieren.

Viele Menschen erleben eines dieser vier Phänomene. Manche Menschen sind insgesamt mehr auf’s Füh-len ausgerichtet; sie fühlen dann auch eher die Chakras. Manche sind mehr über das Hören orientiert und hören eher innere Klänge. Und wer mehr über das Sehen orientiert ist, sieht vielleicht auch schneller in-nere Bilder oder ein inneres Licht.

Wenn diese höheren Sinne aktiv werden, dann wird die Festigkeit des Geistes leicht begründet.

Es ist eine leichte Technik, sich darauf zu konzentrieren und zum anderen ist es auch eine gute Hilfe ge-gen Zweifel, weil man eben erkennt und erfährt, daß es tatsächlich höhere, sehr angenehme Formen der Wahrnehmung gibt. Und wenn die Wahrnehmung noch weiter geht, sich zu einer Intuition entfaltet und man tatsächlich Dinge wahrnimmt, die an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit, in der Zukunft oder in der Vergangenheit, geschehen, dann weiß man einfach: Es gibt solche übersinnlichen Dinge. Oder wenn man in der Meditation den physischen Körper verlassen hat, dann weiß man ganz sicher, ich bin nicht der physische Körper, egal, was die Wissenschaftler über das Gehirn und sonstige Sachen erzählen. Man hat den Körper von oben gesehen. Da gibt es dann nichts mehr zu diskutieren.

Dazu fällt mir gerade ein Witz ein: Es war einmal ein Großvater, der im schulischen Sinn relativ ungebil-det war. Sein Enkel studierte Philosophie und Dialektik an der Universität. Eines Tages kam der Student zu seinem Großvater zu Besuch und dieser fragte seinen Enkel: „Was ist eigentlich Dialektik?“ „Dialektik ist die Kunst, alles zu beweisen“, antwortete der Student. „Was heißt das? Könntest du mir zum Beispiel beweisen, daß ich keinen Spazierstock habe?“ fragte der Großvater und fuchtelte mit seinem Stock herum. „Ja, das kann ich dir beweisen“, sagte der Enkel und wollte gerade anfangen, es zu erklären. Da nahm der Großvater seinen Spazierstock , schlug den Enkel damit fest auf den Fuß und sagte zu ihm: „Siehst du, jetzt habe ich dir bewiesen, daß es den Spazierstock gibt!“

Vom absoluten Standpunkt aus gibt es natürlich weder Stock noch Fuß noch Schmerz, weder astralen noch physischen Körper, alles ist eine Illusion, Jagan mithya, die ganze Welt ist unwirklich. Aber vom relativen Standpunkt aus können wir in der Meditation erfahren, daß es eine astrale Welt gibt, eine subti-le Wirklichkeit, unabhängig davon, was andere Menschen uns erzählen und wie unser eigener Geist ratio-nal argumentieren will. Deshalb hilft auch das zu einer Festigkeit des Geistes. Aber man muß auch nicht entäuscht sein, wenn man bisher noch keine höheren Sinne gespürt hat. Es ist nur eine von vielen Techni-ken, die Patanjali erwähnt.
 

36. Vishokâ vâ jyotishmatî

Vishoka = leidlos, heiter; va = oder, auch; jyotishmati = leuchtend; jyoti = Licht

Oder durch Konzentration auf den inneren Zustand des Lichtes, der jenseits von Leid ist.

Wir können uns ein höheres Licht vorstellen oder eines in uns selbst, das unberührt ist von Leid.

Das ist dieselbe Technik, die ich eingangs schon erwähnt habe, die vielen Menschen hilft, sich in das eige-ne Selbst, in ihren eigenen Ruhepol, der sich niemals verändert, zu versenken und darauf zu konzentrie-ren. Diesen Pol kann man sich einfach nur als Stille oder eben als Licht vorstellen. Wenn man einen Zu-gang dazu hat, weiß man, es gibt etwas in mir, das unberührt bleibt, egal ob ich jetzt leide oder mich freue, ob der Körper gesund oder krank ist. Auch das kann zu einer großartigen Erfahrung werden.
 

37. Vîta-râga-vishayam vâ chittam

Vîta-râga = ein Mensch, der menschliche Leidenschaften oder Anhaften überwunden hat; vishayam = Gegenstand; vâ = oder, auch; chittam = der Verstand

Oder durch Fixieren des Geistes auf jemanden, der menschliche Leidenschaften und Verhaftun-gen transzendiert hat.

Ein großer Meister, eine große Meisterin inspirieren einen immer.

Mit Chitta, dem Verstand, können wir darüber meditieren, welche menschlichen Leidenschaften und Ver-suchungen der Meister transzendiert hat. Oder wir können uns selbst in der Situation dieses Meisters vorstellen, indem wir überlegen: Wie wäre ich, wenn ich vollkommen wäre? Wie würde ich denken, fühlen und handeln?

Krishna zählt in der Bhagavad Gita mehrfach die Eigenschaften eines Vollkommenen auf. Er wiederholt sich auch ständig, so daß manche sich fragen, warum sagt er das wieder und wieder. Diese Wiederholung dient zum einen dazu, daß wir uns wirklich jemanden vorstellen können, der so vollkommen ist und zum zweiten dazu, daß wir uns selbst in diese Idealrolle hineinversetzen können.

Wir Menschen im Westen sind es nicht gewöhnt, uns vorzustellen, daß wir selbst vollkommen sein könn-ten. Wir streben zwar nach spiritueller Vollkommenheit, aber wir können sie uns bei uns selbst gar nicht vorstellen. Wir gehören einer Tradition an, wo Demut in der Spiritualität eine sehr große Rolle spielt und auch der höchste Heilige noch von sich sagt: „Ich bin der größte Sünder.“ Je mehr man das betont, als um so heiliger gilt man. Das ist in unserer Kultur so. In Indien haben zwar die meisten auch eine gewisse Demut, aber sie haben auch keine Hemmungen, festzustellen: „Ich habe das selbst verwirklicht, ich habe die Erleuchtung erreicht.“ Andererseits laufen sie natürlich auch nicht ständig herum und erzählen es jedem. Wenn sie das tun, ist es auch nicht echt, denn dann haben sie es nötig, es zu erzählen!

Aber nehmen wir zum Beispiel einen Vivekananda, der zu Ramakrishna gekommen ist und ihn gefragt hat: „Hast du Gott gesehen?“
Ramakrishna schaute ihm in die Augen und antwortete: „Ja.“
Daraufhin fragte Vivekananda: „Wann siehst du ihn?“
„Immer. Ich sehe ihn so, wie ich dich sehe, nur immer und deutlicher.“
„Kann ich ihn auch sehen?“
 „Ja. Willst du sehen?“
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja!“
„Streck‘ deinen Fuß aus!“
Und Ramakrishna berührte den Fuß von Vivekananda, worauf Vivekananda eine Gotteserfahrung hatte – diese verwirrte ihn aber so sehr, daß er nachher darum bat, so schnell nicht wieder eine zu haben.

Auch Arjuna bittet Krishna, ihm die Vision der kosmischen Gestalt zu geben. Krishna fragt: „Willst du es wirklich sehen?“ Arjuna bejaht, Krishna gibt ihm die Vision, Arjuna ist ganz überwältigt und am Ende des 11. Kapitels bittet er Krishna, sich ihm wieder so zu zeigen wie vorher – die Vision ist ihm zu gewaltig. Krishna ist auch freundlich und zeigt ihm die Welt wieder wie vorher. Dieses Erlebnis verändert natürlich die ganze Sichtweise von Arjuna. Er hat das Göttliche erfahren. Aber Krishna zum Beispiel hat auch keine Hemmungen, von sich zu sagen, daß er alle seine früheren Geburten kennt und daß er ursprünglich der Lehrer aller anderen war. Wie auch Jesus sagt: „Ich bin das Licht und das Leben und die Wahrheit.“ oder „Ich und mein Vater sind eins.“ oder „Wenn der Jünger vollkommen ist, ist er wie sein Meister.“

Also, wir dürfen ruhig etwas Mut aufbringen und uns vorstellen, wie wir sein würden, wenn wir vollkom-men wären. Ganz klar ist mir das neulich bei einem Workshop von Shanmug, einem unserer externen Seminarleiter, geworden. Er hat die Teilnehmer gebeten, auf einem Blatt alle ihre Fehler aufzuschreiben. Und die Menschen haben geschrieben und geschrieben und geschrieben. Als zweite Übung sollten sie dann ihre positiven Eigenschaften auflisten. Dabei sind die wenigsten über zwei, drei Zeilen hinausgekommen. Ich muß zugeben, das hat mich doch etwas verblüfft. Und dann sollten alle an Menschen denken, die sie besonders schätzen und deren positive Eigenschaften notieren. Da haben alle wieder sehr viel geschrieben. Anschließend sollte sich jeder überlegen, ob er nicht die positiven Eigenschaften, die er in anderen sieht, selbst auch hat. Da mußten einige dann doch lachen, denn was sie an positiven Eigenschaften in anderen gesehen haben, waren tatsächlich ihre ureigenen Stärken. Es scheint für Menschen in unserem Kultur-kreis leichter zu sein, bei anderen etwas Positives zu sehen als bei sich selbst. Das muß nicht bei allen so sein, aber bei der Mehrheit scheint es der Fall zu sein. Das ist wohl der Grund, weshalb dieser Vers im allgemeinen nicht in dieser Weise interpretiert wird.

Man könnte sich stattdessen auch abstrakt vorstellen, wie ein Geist beschaffen sein müßte, der vollkom-men und jenseits von Verhaftungen und Leidenschaften wäre. Am leichtesten fällt es, sich einen Meister vorzustellen. Das ist greifbar, über ihn gibt es Bücher, Videos, oder es gibt Menschen, die über ihre Erfah-rungen mit ihm berichten. Man kann sich sein Foto aufstellen, auf ihn meditieren, zu ihm beten, seine Gegenwart fühlen, über sein Leben und seine Vollkommenheit nachdenken. Das erhebt einen. Es erhebt einen deshalb, weil die gleiche Vollkommenheit, die dieser Meister hat, in uns selbst vorhanden ist. Weil sie in uns ist, erhebt es uns, wenn wir darüber nachdenken. Es inspiriert uns. Wir bekommen selbst eine kleine Ahnung, wie es sein könnte, wenn wir so wären.
 

38. Svapna-nidrâ-jnânâlambanam vâ

svapna = Traumzustand; nidrâ = traumloser Schlaf; jnânâ = Wissen; –âlambanam = Unterstützung, das, worauf etwas beruht; vâ = auch

Oder durch Meditation über Wissen, das im Traum oder Tiefschlaf gewonnen wurde.

Manche Psychoanalytiker interpretieren diesen Vers dahingehend, daß Patanjali Traumdeutung betrieben habe und empfehlen, Träume aufzuschreiben und über sie zu meditieren. Es gibt auch ein Buch über Traumyoga von Sivananda Radha, in dem Traumarbeit als Teil des spirituellen Weges behandelt wird.

Eine zweite Interpretation wäre, daß manchmal während des Schlafes das Überbewußte enthüllt wird.

Man kann Träume haben von seinem Lehrer, seinem Guru. Mir geschieht es gelegentlich, daß ich einen Traum habe von Swami Vishnu Devananda oder Swami Sivananda. Zum Beispiel habe ich in den letzten Jahren im Traum ab und zu ein Mantra von Swami Vishnu erzählt bekommen, so daß ich endlich wußte, wie man es richtig ausspricht – beispielsweise das „Shri Rama Rama Rameti“-Mantra. Als ich noch in den Sivananda–Zentren war, wurde dieses Mantra dort nie gesungen. Aber ich hatte davon gehört und hätte immer gern gewußt, wie es richtig ausgesprochen wird. Irgendwann ist Swami Vishnu mir im Traum er-schienen und hat das Mantra sehr klar gesungen. Kurz danach habe ich eine Kassette bekommen, auf der das Mantra ganz genau so gesungen wurde, wie ich es im Traum gehört hatte. Wenn man ein solches Mantra im Traum bekommt, kann man es zusätzlich zu seinem eigenen Mantra in der Meditation wieder-holen.

Oder ich kenne Menschen, die ihr Mantra und ihre Mantraeinweihung tatsächlich im Traum bekommen haben und mich dann im nachhinein gefragt haben, ob es dieses Mantra gibt. Neben solchen, die ein au-thentisches Sanskrit-Mantra im Traum bekommen haben, waren darunter allerdings auch welche, die mit Sanskrit gar nichts zu tun hatten.

Und ich kenne Menschen, die beispielsweise Swami Sivananda im Traum gesehen haben, ohne daß sie jemals vorher ein Bild von ihm zu Gesicht bekamen. Vor kurzem war eine Frau als Gast hier im Ashram. Als sie das Bild von Sivananda sah, fragte sie: „Wer ist dieser Mann?“ Ich sagte: „Warum? Das ist Swami Sivananda.“ Und da fragte sie: „Den gibt es wirklich?“ In verschiedenen verzweifelten Momenten sei die-ser Mann ihr im Traum erschienen und habe sie beschützt. Und sie finde es ganz wunderbar, daß es hier ein Haus gebe, das sein Haus sei.

Aber nicht alles, was wir im Traum sehen, hat eine Entsprechung in der Realität. Die Mehrheit dessen, was wir im Traum sehen, ist einfach nur eine Manifestation des Unterbewußtseins, irgendwelche Fanta-sien. Wir brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir im Traum jemanden umgebracht haben. Es kann sein, daß unsere Aggression noch nicht ganz transzendiert ist und wir sie deshalb auf diese Art ausleben. Auch wenn wir sexuelle Träume haben oder von andere Dingen träumen, die wir im Normalfall in dieser Art nicht erleben oder denken, brauchen wir uns deswegen keine Sorgen zu machen. Das Unter-bewußtsein nimmt sich das, was es zum Ausgleich braucht und das ist ok.

In dem Maße, in dem wir spirituelle Praktiken machen, werden unsere Träume weniger und inhaltlich spiritueller. Aber diese Entwicklung hinkt oft ein paar Jahre hinterher. Wenn man viel meditiert und in einer reinen Umgebung lebt, braucht das Unterbewußtsein oftmals nicht so viel Zeit, um die Ereignisse des Tages zu verarbeiten und einzubauen, so daß man tiefer und mit weniger Träumen schläft.

Auch wie man fortgeschrittene Asanas macht, habe ich im Traum gelernt. Ich war früher sehr steif. Als ich seinerzeit meine Yogalehrer-Ausbildung bei Yogi Hari gemacht habe, hat er uns in der zweiten Kurs-hälfte ständig die fortgeschrittenen Stellungen vorgeführt. Vier oder fünf der Teilnehmer waren in der Lage, diese auch zu üben. Daneben gab es einige, die sich bemüht haben, und mit mir zusammen gab es weitere fünf oder sechs, die gedacht haben, es gäbe vielleicht doch einen sinnvolleren Zeitvertreib als den anderen zuzuschauen, was die für tolle Übungen machen... – Gut, ganz so schlimm war es auch wieder nicht. Jedenfalls zu einem späteren Zeitpunkt – in der Zwischenzeit hatte ich viel geübt und auch Fort-schritte gemacht – gab es niemanden, der mir die ganz fortgeschrittenen Übungen hätte zeigen können. Und die sind mir dann im Traum gekommen. Im Traum war ich auch wahnsinnig flexibel – ich war immer ganz erstaunt! In der Vorwärtsbeuge zum Beispiel kam das Kinn vor die Zehen und ich habe überlegt, ob das anatomisch überhaupt möglich ist ... Im Traum ging das alles. Aber trotzdem habe ich dabei auch die Tricks gelernt, wie man dahin kommt. So kann man im Schlaf und im Traum durchaus einiges lernen. Und natürlich kann man über diese Trauminhalte auch meditieren.

Das ist das Lieblingsthema von Shri Karthikeyan, dem Meister aus dem Sivananda Ashram in Rishikesh, der zweimal im Jahr Vorträge bei uns hält. Er spricht häufig über die drei Haupt-Bewußtseinszustände: Wachzustand, Traumzustand und Tiefschlaf. Daran kann man eben die Relativität der Welt erkennen. Die physische Welt verschwindet im Traum. Im Traum ist nur die Traumwelt da. Im Tiefschlaf gibt es gar keine Welt. Wenn wir darüber meditieren, hilft es uns, diese physische Welt als sehr relativ anzusehen, zu erkennen, sie ist eigentlich nur eine Illusion, sie ist genauso unwirklich wie die Traumwirklichkeit. Wenn wir ganz aufwachen aus dieser Welt und im überbewußten Zustand sind, dann schauen wir zurück und erkennen, in was für einem Traum wir die ganze Zeit gefangen waren und wie furchtbar ernst wir ihn genommen haben, obwohl im Grunde genommen alles nur ein Spiel war. Auch darüber kann man meditie-ren.
 

39. Yathâbhimata–dhyânâd vâ

yatha = wie; âbhimata = gewünscht, angenehm; dhyânâd = durch Meditation; vâ = oder

Oder durch Meditation über das, was einem zusagt.

Das ist ein Generalvers, der aussagt, daß man im Grunde genommen über alles meditieren kann. Aber es sollte schon über etwas Sattwiges sein – nicht über Schnitzel mit Pommes frites oder Abfalleimer!

Wir sollten uns an eine hauptsächliche Meditationstechnik halten, die wir mit anderen kombinieren kön-nen und gelegentlich können wir auch andere Techniken ausprobieren. Wer eine Mantra-Einweihung hat, wird typischerweise als Hauptmethode die Mantra-Meditation benutzen. Wenn man zweimal täglich me-ditiert, kann man einmal mit dem Mantra meditieren – damit die Energie des Mantras immer stärker wird, ist es notwendig, daß man es jeden Tag mindestens 20 Minuten lang wiederholt – und das zweite Mal kann man mit einer anderen Technik üben. Oder man kann die Meditation mit einer anderen Technik einleiten, wenn man merkt, daß es dem Geist zu monoton wird. Auch mit der Mantratechnik selbst gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann eigentlich alles mit dem Mantra verbinden. Swami Sivananda schreibt, wenn man über ein Mantra meditiert, soll man es verbinden mit der Bedeutung des Mantras, den Eigenschaften des Mantras. Wenn man also zum Beispiel „Om Namah Shivaya“ wiederholt, kann man dabei an reines Licht oder an Freundlichkeit, Wohlwollen und ähnliches denken. Oder man kann das Mantra in verschiedenster Art mit dem Atem verbinden. Man kann das Mantra entweder mit der Ein-und Ausatmung wiederholen, den Atem dabei fließen lassen, wie er von selbst will oder das Mantra verbinden mit Kevala Kumbhaka, wobei man sehr wenig Luft ein-und ausatmet. Wir können es verbinden mit inne-rem Klang und innerem Licht, dem wir mit dem Mantra folgen. Wir können das Mantra verbinden mit der Vorstellung des inneren Zustandes des Lichtes, welches jenseits von Leid ist oder wir können beim Rezi-tieren unseren Meister visualisieren. Und wenn wir gerade eine erhabene Intuition im Schlaf hatten, kön-nen wir natürlich auch darüber meditieren in Verbindung mit unserem Mantra.

Frage: Manchmal geht die Konzentration während der Meditation automatisch woanders hin als zum gewohnten Konzentrationspunkt. Soll man dann die Konzentration dort lassen oder zum Konzentrations-punkt zurückbringen?

Wenn die Konzentration automatisch woanders hingeht, kann man dabei bleiben, wenn dieser Punkt hö-her liegt als das Manipura Chakra. Man muß nicht immer die exakt gleiche Meditation haben. Es sollte eine Grundtechnik geben, das ist typischerweise die Mantra-Meditation. Und wenn nichts Besonderes passiert, konzentriert man sich auf seinen üblichen Konzentrationspunkt im Ajna oder Anahata Chakra. Wenn jetzt aber eine Meditation anders verläuft und die Konzentration sehr stark zu etwas anderem hin-strebt, dann läßt man es geschehen. Auch wenn man in der Mantrameditation ist und sich plötzlich ein erhabener Gemütszustand einstellt, so daß das Mantra von selbst wegfällt, läßt man das geschehen. Sollte die Konzentration von selbst in die untere Wirbelsäule gehen, kann man auch das zulassen. Man muß aber zum Schluß die Konzentration zu einem Punkt bringen, der höher ist als das Manipura Chakra, so daß wir am Ende der Meditation nicht die ganze Energie in den niedrigen Chakras halten, sondern sie zum Anahata oder Ajna Chakra bringen.
 

40. Paramânu-parama-mahattvânto `sya vashikârah

parama = letztes, kleinstes; anu = Atom; parma = letztes, höchstes, größtes; mahattva = Größe, Un-endlichkeit (maha = groß; tvânto = Sache); antaha = endend, sich erstreckend; asya = Sein eines Yogi; vashikârah = Meisterung, Meisterschaft

So dehnt sich die Meisterschaft eines Yogi vom kleinsten Atom bis zur Unendlichkeit aus.

Wenn wir meditieren, dann kommen wir zur Meisterschaft vom Kleinsten bis zum Größten, von der klein-sten Sache in unserem Leben bis zur größten im ganzen Kosmos. Das Kleinste ist unser Geist, das Größte ist das Universum.

Das ist ein relativ großer Sprung vom 39. zum 40. Vers, denn Patanjali geht jetzt wirklich wieder zurück zu Samadhi. Er hat ja eigentlich schon über Samadhi gesprochen. Dann hat er erzählt, was es für Hinder-nisse gibt und wie man sie überwindet. Wenn man das geschafft hat, kommt man zu Samadhi und damit zur Meisterschaft vom Kleinsten bis zum Größten.

Die nächsten Verse sind etwas kompliziert und technisch.
 

41. Kshîna-vritter abhijâtasyeva maner grahîtri-grahana-grâhyeshu tatstha-tadanjanatâ samâpattih

Kshîna-vritteh = von dem, dessen Gedankenwellen/Modifikationen der Psyche fast ganz vernich-tet sind; abhijâtasya = transparent; iva = wie; maneh = Juwel, Kristall; grahîtri = der Erkennen-de, das Subjekt; grahana = Erkenntnis, Subjekt-Objekt-Beziehung; grâhyeshu = erkannte Objek-te; tatstha = auf dem es ruht; tadanjanatâ = das Annehmen der Form oder Farbe von etwas an-derem; samâpattih = Erfüllung, Verschmelzung

Für einen Menschen, der die Vrittis durch Meditation kontrolliert hat, verschmelzen der Wahrneh-mende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung, so wie ein Kristall die Farbe des Hinter-grundes annimmt.

Darüber werden wir im Rahmen des 3. Kapitels mehr erfahren.

In höheren Zuständen des Bewußtseins ist unsere Wahrnehmung nicht mehr so stark durch den Geist gefiltert. Normalerweise, im normalen Bewußtsein, ist es so, daß man, wenn man etwas sieht, es wahr-nimmt und anschließend darüber nachdenkt. Wahrnehmung ist dann ein Wechselspiel zwischen den äu-ßeren Objekten und dem eigenen Geist. Den einen Menschen mag man, den anderen mag man nicht. Man sieht den Gesichtsausdruck eines Menschen und deutet ihn. Diese Deutung muß mit dem, was der Mensch eigentlich denkt und meint, gar nichts zu tun haben.

Wenn wir nun allerdings meditieren und die Vrittis kontrolliert sind, können wir zur höheren direkten Wahrnehmung kommen.

Unser Geist nimmt die Farbe des Hintergrundes an. Ein ganz reiner Kristall läßt die Farbe durchschei-nen, wenn man ihn vor einen bestimmten Hintergrund stellt. Ein Rosenquarz dagegen wird dessen Farbe nicht rein wiedergeben. Und wieder andere Steine, zum Beispiel Malachit, der ganz grün ist, spiegeln den Hintergrund überhaupt nicht wieder, sie bleiben immer gleich in ihrer Farbe. So ist auch der Geist man-cher Menschen sehr stark gefärbt. Egal was sie sehen, sie sehen eigentlich immer nur eine Projektion von sich selbst. Bei manchen ist der Geist etwas durchlässiger und nimmt eine Mischung aus der eigenen Vor-stellung und dem Äußeren wahr. Wenn die Vrittis kontrolliert sind, können wir objektiver wahrnehmen.

Die Medienwissenschaft sagt, es gibt kein objektives Denken. Und das stimmt, es gibt kein objektives Denken. Aber nach Patanjali gibt es objektive Wahrnehmung. Das ist die direkte Wahrnehmung ohne Intellekt, ohne Vrittis, ohne Indriyas. Wir können die Wirklichkeit unmittelbar wahrnehmen.
 

42. Tatra shabdârtha-jnâna-vikalpaih samkîrnâ savitarkâ

tatra = da, in ihm; shabda = Wort; artha = wirkliche Bedeutung, wahres Wissen vom Objekt; jnâna = gewöhnliches Wissen aufgrund von Sinneswahrnehmung und Überlegung; vikalpaih = Zerstreutheit, Wechsel; samkîrna = verworren; savitarkâ = Samadhi mit Dualität

Savitarka Samadhi ist jener Zustand, in dem der Geist zwischen auf Worten beruhendem Wissen, wahrem Wissen und Wissen, das auf Sinneswahrnehmung oder Denken gegründet ist, abwechselt.

Wir hatten vorher bereits von Savitarka Samadhi als der Wahrnehmung der physischen Welt als Ganzes gesprochen. Und diese Wahrnehmung der physischen Welt als Ganzes geschieht abwechselnd und sich ergänzend durch Wissen, das auf Worten beruht, durch Sinneswahrnehmung, durch Denken, und zwi-schendurch auch durch wahres, intuitives, direktes Wissen. Eigentlich ist es noch nicht Samadhi, sondern nur der Savitarka-Zustand, den Patanjali hier beschreibt.
 

43. Smriti-parishuddhau svarûpa-shûnyevârtha-mâtra-nirbhâsâ nirvitarkâ

smriti = Gedächtnis; parishuddhau = bei Klärung; svarûpa = eigene Natur; shûnya = ohne; iva = als ob; artha = Objekt; wahres Wissen über das Objekt; mâtra = nur; nirbhâsâ = erscheinend, erstrahlend; nirvitarkâ = Samadhi (überbewußter Zustand) ohne Dualität, Bewußtsein der Einheit

Nirvitarka Samadhi ist der Zustand, in dem die Erinnerung geläutert wird und der Geist, bar der Subjektivität, wahres Wissen reflektiert.

Nirvitarka ist der Zustand, wo wir über die Ganzheit der Schöpfung meditieren. Das geht nur, wenn es keine Worte und kein Nachdenken mehr gibt, keine kompetente Zeugenaussage – es gibt einfach nur die direkte Wahrnehmung und damit kommt wahres Wissen.

Der Übergang von Savitarka zu Nirvitarka geschieht also dann, wenn wir aufhören zu denken und tat-sächlich die ganze Welt als eine Einheit wahrnehmen.
 

44. Etayaiva savichârâ nirvichârâ cha sûkshmavishayâ vyâkhyâtâ

etayâ = durch dieses; eva = sogar; savichârâ = Samadhi (überbewußter Zustand) mit Dualität, mit Un-terscheidung und Nachdenken; nirvichârâ = Samadhi ohne Dualität, Einheitsbewußtsein; cha = und; sukshmavishayâ = überbewußter Zustand, der noch subtilere Gegenstände einbezieht; vyâkhyâtâ = beschrieben, erklärt.

Durch dies, was in den vorhergehenden zwei Sutras erklärt wurde, ist Samadhi mit Fragestellung, Samadhi ohne Fragestellung und das, was noch subtiler ist, erklärt.

Savichara ist die Meditation über das kosmische Gemüt, solange sie noch mit bewußtem Nachdenken und diesem Wechsel zwischen auf Worten beruhendem Wissen, wahrem Wissen und auf Sinneswahrnehmung und Denken gegründetem Wissen verbunden ist. Solange diese Wahrnehmungszustände abwechseln, be-finden wir uns in Savichara.

Wenn das aufhört und wir tatsächlich das kosmische Gemüt als Ganzes unmittelbar wahrnehmen, dann ist es Nirvichara.

Und dann gibt es natürlich noch zwei subtilere Zustände, Sananda und Sasmita.
 

45. Sûkshma-vishayatvam châlinga-paryavasânam

Sûkshma-vishayatvam = der Samadhi-Zustand, der sich mit subtileren Objekten befaßt; cha = und; a-linga = das letzte Stadium der Gunas, der drei Eigenschaften der Natur; paryavasânam = sich erstre-ckend

Der Zustand des Samadhi, der sich mit subtilen Objekten beschäftigt, dehnt sich so weit aus wie der unmanifestierte Zustand.

Mit subtileren Objekten, sûkshma-vishayatvam, können wir in die höheren Samadhi-Stufen Sananda und Sasmita gelangen. Unser Geist dehnt sich dann so weit aus wie der unmanifestierte Zustand, und wir erleben das unmanifestierte Ego, das unendlich ist.

Aber:
 

46. Tâ eva sabîjah samâdhih

tâ = jene; eva = nur; saîjah = mit „Samen“ oder mit Objekt; samâdhih = Samadhi, überbewußter Zu-stand

Alle diese bilden Meditation mit Samen.

Das ist noch nicht die letzliche Befreiung.
 

47. Nirvichâra–vaishâradye ’dhyâtma–prasâdah

Nirvichâra = Samadhi ohne Fragestellung; vaishâradye = durch Verfeinerung, durch Erlangen höchs-ter Reinheit; adhyâtma = geistig; prasâdah = Helligkeit, Klarheit

Erreicht man äußerste Reinheit im Samadhi ohne Fragestellung, dämmert Erleuchtung.

Wenn wir so weit sind, daß wir zu Nirvichara kommen, dämmert die Erleuchtung. Es ist noch nicht die vollständige Erleuchtung, aber sie beginnt in diesem Stadium allmählich.
 

48. Ritambharâ tatra prajnâ

Ritambharâ = das Wahre, Rechte bergend; tatra = da; prajnâ = höheres Bewußtseinsstadium

Das Wissen, das in diesem Zustand erlangt wird, ist absolute Wahrheit.

In Nirvichara, wo wir in die subtilste Essenz des Universums hineingehen und damit verschmelzen, neh-men wir tatsächlich direkte Wahrheit, prajna, wahr. Es ist keine relative Wahrheit mehr, sondern direk-tes Bewußtwerden der Wahrheit. Trotzdem ist es noch nicht das Unendliche.
 

49. Shrutânumâna-prajnâbhyâm anya-vishayâ visheshârthatvât

shruta = Gehörtes, Enthüllung; anumâna = Schlußfolgerung; prajnâbhyâm = von zwei Zuständen des höheren Bewußtseins; anya-vishayâ = einen anderen Inhalt habend; visheshârthatvât = weil es ein besonderes Objekt hat

Wissen, das aus Folgerung und Zeugnis erlangt wurde, ist dem Wissen, das in höheren Zuständen des Bewußtseins erlangt wurde nicht gleich, denn es ist auf ein bestimmtes Objekt gerichtet.

Wie bereits erwähnt, gibt es drei Ursachen des Wissens, nämlich direkte Wahrnehmung, kompetente Zeu-genaussage und logische Schlußfolgerung.

Hier sagt Patanjali, die höchste direkte Wahrnehmung geschieht in Nirvichara Samadhi. Wenn wir Nirvi-chara Samadhi erreichen, erlangen wir Wissen über alles. Das Wissen dagegen, das wir aus Schlußfolge-rung und Zeugnis haben, ist nur auf ein bestimmtes Objekt gerichtet und außerdem irrtumbehaftet.
 

50.  Taj-jah samskâro ’nya-samskâra-prati-bandhî

Taj-jah = aus ihm geboren; samskârah = Eindruck; anya = von anderen; samskâra = Eindrücke; prati-bandhî = Verhinderer; das, was im Weg steht

Das Resultat dieses Wissens ist, daß diese Samskaras alle anderen ersetzen.

Manche Eindrücke im Unterbewußtsein beziehen sich auf bestimmte Fähigkeiten und Möglichkeiten. Manche Menschen sind musikalisch, andere haben eine besondere handwerkliche, mathematische oder schriftstellerische Begabung, natürliche Menschenkenntnis oder Führungsfähigkeiten, mit denen sie schon auf die Welt gekommen sind, also angeborene Samskaras.

Andererseits sind Samskaras auch Wünsche und Neigungen. Oft ergänzen sich Fähigkeiten und Neigun-gen, aber nicht immer. Manche Kinder mögen zum Beispiel von klein auf eine Farbe mehr als andere, manche mögen dieses, andere jenes lieber. Manche Menschen können etwas ganz gut, haben aber keine Lust dazu, sondern wollen gerne etwas anderes machen.

Es gibt auch Menschen mit alten Yoga-Samskaras. Sie fangen aus irgendwelchen eigenartigen Gründen an, einen Yogakurs zu machen – weil ein Freund, eine Freundin sie mitschleppt, weil sie zufällig ein Buch darüber sehen, weil sie sich gestreßt fühlen oder Rückenschmerzen haben, weil sie einfach mal etwas Neues ausprobieren möchten oder jemand ihnen erzählt hat, wie toll Yoga ist – und dann gefällt es ihnen so gut, sie wollen einfach mehr machen. Swami Vishnu hat gesagt: Wer in diesem Eisernen Zeitalter ein spirituelles Leben wirklich konsequent leben kann, der muß schon tiefe spirituelle Samskaras haben, der muß schon in einigen Leben vorher ab und zu mal Yoga geübt haben! Und wenn die Zeit reif ist, drücken sich diese Samskaras von selbst aus.

Nun kann man natürlich fragen: Wenn das so ist, warum passiert es mir dann erst jetzt mit 35 oder 40 Jahren oder noch später, daß ich anfange, Yoga zu üben? – Das kommt daher, daß man aus früheren Le-ben auch noch irgendwelche anderen Samskaras hat, Wünsche oder Neigungen, die man nicht ausgelebt und daher bedauert hat. Vielleicht hat man in seinem früheren Leben gedacht: „Jetzt habe ich 20 Jahre oder mehr geübt, aber ein paar andere Sachen habe ich verpaßt.“ Wenn man diese Vorstellung hatte, dann wird man eben im gegenwärtigen Leben erst all diese Sachen ausleben und vielleicht erst mit 40, 50, 60 Jahren oder sogar noch später zum Yoga kommen. Aber dann geht es in der Regel recht schnell und kon-sequent, das Leben wird sich recht zügig umwandeln, eben wegen dieser bereits vorhandenen Eindrücke.

Natürlich sind unsere Samskaras nicht nur vom letzten Leben abhängig, sondern sie werden auch in die-sem Leben weitergeprägt – durch unsere Erziehung, unsere Eltern, unsere Klassenkameraden, unsere Lehrer und durch das, was wir bewußt im Leben tun.

Wir können unsere Samskaras ändern. Ein großer Teil des spirituellen Fortschritts besteht darin, seine Samskaras Schritt für Schritt zu verändern. Das ist einer der Gründe, warum das spirituelle Wachstum so lange dauert. In unserem Unterbewußtsein ist so viel gespeichert – Ärger, Eifersucht, Angst, Selbstsucht, Gier, Zorn, Neid, Haß – all das müssen wir Schritt für Schritt umwandeln. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert seine Zeit. Yoga gibt uns Techniken, wie wir bewußt daran arbeiten können. Wir müssen positive Denkgewohnheiten schaffen, unser Unterbewußtsein Schritt für Schritt transformieren.

Auch die ganzen Wünsche, die wir noch haben, prägen uns und unser Leben. Es heißt, daß jeder Wunsch auf irgendeine Art und Weise erfüllt werden muß. Wenn der Wunsch klein ist, kann er auch manchmal im Traum erfüllt werden. Andere können in der Zeit zwischen zwei Leben erfüllt werden. Und wieder andere müssen sich auf der physichen Ebene manifestieren. Es ist also wichtig, aufzupassen, welche Wünsche man kultiviert, welche man in sich stark werden läßt. All das hält uns ab, zur Wahrheit zu kommen.

Man kann sagen, es gibt drei Dinge, die unseren spirituellen Fortschritt verlangsamen:

Das eine sind Samskaras, das zweite ist Karma und das dritte ist Mangel an Ojas, spiritueller Energie.

Unseren Geist auf eine höhere Ebene zu bringen, zu Samadhi (überbewußter Zustand), braucht sehr viel Ojas, das wir durch systematische spirituelle Praxis und Sublimierung aller anderen Energien erst an-sammeln müssen.

Da sind erst einmal die Grundenergien Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana als Manifestationen des Pranas. Durch systematische Praktiken sublimieren wir diese.

Aber auch Wünsche können wir durch Nichterfüllung sublimieren. Und auch andere Impulse und Emotio-nen können wir sublimieren in spirituelle Energie umwandeln, indem wir ihnen nicht nachgeben.

Und dann natürlich Karma. Wir haben verschiedene Sachen auszuarbeiten, verschiedene Lektionen zu lernen. Solange wir noch sehr viel Karma haben, wird auch die Selbstverwirklichung auf sich warten las-sen. Trotzdem heißt es:  Wenn es uns trotz allen Karmas doch irgendwie gelingt, zu Samadhi zu kommen, dann werden die Eindrücke von Samadhi so stark sein, daß sie alle anderen Eindrücke ersetzen. Eine tiefe spirituelle Erfahrung wird dann so stark, daß vieles andere abgeschwächt wird und keine so große Rolle mehr spielt. Wenn man eine große Vision, eine tiefe Meditationserfahrung hat und sich dabei dem Unend-lichen, Gott, dem Meister sehr nahe oder verbunden fühlt, dann wird das mit einem Schlag stärker als alles andere. Natürlich können anschließend die anderen Wünsche und Samskaras auch wieder wachsen, wenn wir sie füttern oder sie können noch kleiner werden, wenn wir uns bewußt mehr spirituell orientie-ren. Wir müssen also auch nach einer solchen Erfahrung wachsam sein und unsere spirituelle Praxis dis-zipliniert weiterführen.

Deshalb kann man sagen, der spirituelle Weg ist eine Mischung aus schrittweiser Arbeit und plötzlicher Gnade.

Wir arbeiten ganz langsam, ändern, ersetzen einen negativen Gedanken durch einen positiven, eine nega-tive Eigenschaft durch eine positive, alles Schritt für Schritt. Es gibt Rückfälle, wir fallen in alte Gewohn-heiten zurück, müssen uns täglich neu motivieren und überwinden. Und plötzlich gibt es eines Tages eine wunderschöne Meditation oder ein tiefgehendes Pranayama und mit einem Schlag sind all die Schwierigkeiten erst einmal verschwunden.

Das Resultat von höheren Bewußtseinszuständen ist, daß sie die Samskaras ersetzen. Und das ist auch ein Kriterium, um zu beurteilen, ob eine Erfahrung wirklich Samadhi war oder nicht. War es Samadhi, dann ändert dieses Erleben etwas Grundlegendes in uns. Wir sind nicht mehr so wie vorher, unser Den-ken, Fühlen, Wollen, Mögen und Wünschen ist ein anderes.
 

51. Tasyâpi nirodhe sarva-nirodhân nirbîjah samâdhih

tasya = von dem; api = auch; nirodhe = bei Unterdrückung, Unterlassung; sarva = (von) allen; ni-rodhât = durch Unterdrückung; nirbîjah = samenlos, subjektiv; samâdhih = überbewußter Zustand

Wird auch dieses gezügelt, tritt man in den samenlosen Zustand des Samadhi ein.

Werden die Bewußtsteinszustände von Nirvichara, Sananda und Sasmita Samadhi überwunden, werden auch sie zu nirodha, dann hört alles auf (sarva–nirodhân) und wir kommen zu Nirbijah Samadhi, zum Samadhi ohne Samen. Das ist das gleiche wie Asamprajnata Samadhi. Und dann sind wir selbstverwirk-licht.

Eigentlich könnte man hier aufhören. Das erste Kapitel enthält auf gewisse Weise schon alles.

Um es nochmals zusammenzufassen:

Patanjali beginnt im ersten Kapitel damit, zu erklären, was Yoga ist.

Yoga ist das Zur-Ruhe-Kommen der Gedanken im Geist. Dann ruht man in seinem wahren Wesen.

Wenn wir nicht in unserem wahren Wesen sind, identifizieren wir uns mit den Vrittis (Gedankenwellen).

Es gibt fünf Arten von Vrittis. Einige sind schmerzhaft, andere nicht. Dann zählt er die Arten von Vrittis auf. Anschließend erklärt er uns, wie wir sie beherrschen können, nämlich durch Abhyasa, Übung und Vairagya, Leidenschaftslosigkeit.

Wenn wir unsere Vrittis beherrschen, kommen wir zu Samadhi. Und er fährt fort, indem er zunächst de-finiert, was Samadhi überhaupt ist und erklärt dann die verschiedenen Arten und Stufen.

Manche Menschen erreichen die Befreiung recht zügig, weil sie in einem früheren Leben schon sehr weit waren oder weil sie schon in früheren Leben hohe Samadhi-Stufen erreicht haben, die Verschmelzung mit Prakriti oder den körperlosen Zustand. Andere hingegen bemühen sich in diesem Leben durch verschiede-ne Praktiken.

Es gibt mehrere Voraussetzungen, die auf dem spirituellen Weg notwendig sind. Wir müssen Energie hin-einstecken, brauchen also Energie. Wir brauchen Glauben, Vertrauen, ein waches Bewußtsein und wir müssen uns immer wieder die spirituellen Wahrheiten und Techniken in Erinnerung rufen.

Die Verwirklichung kommt schnell, wenn der Wunsch danach stark ist. Der Wunsch nach Befreiung kann stark, mittel oder schwach sein.

Der Erfolg kommt auch schnell für jene, die Ishwara (Gott) hingegeben sind. Verehrung Gottes, Bhakti Yoga, führt sehr schnell zur Verwirklichung.

Dann gibt Patanjali eine allgemeine Beschreibung, wie wir uns Ishwara vorstellen müssen, damit wir befreit werden. Ishwara ist das spezifische Zentrum von Bewußtsein, welches frei ist von Karma, von Wünschen und von Leid. Ishwara ist der Lehrer aller Lehrer. Er enthüllt sich in dem Wort „Om“.

„Om“ gibt uns eine erleuchtete Innenschau und beseitigt alle Hindernisse.

Darauf folgt eine Aufzählung aller Hindernisse und anschließend nennt er die Techniken, diese Hinder-nisse zu beseitigen.

Dann spricht er nochmals über die einzelnen Samadhi-Formen und zum Schluß sind wir bei Nirbijah Sa-madhi. Irgendwann kommen wir alle zu Nirbijah Samadhi, aber es ist nicht gesagt, daß wir es in diesem Leben erreichen.

Im engeren Kreis seiner Schüler hat Swami Vishnu uns manchmal gesagt, wir sollen nicht die Illusion haben, daß der spirituelle Weg im fortgeschrittenen Stadium leichter wird. Wenn man auf den ersten Stu-fen steht und fällt, dann ist es nicht so schlimm. Wenn man auf einer Leiter die untersten Sprossen er-klommen hat und dann herunterfällt, macht es nichts. Aber wenn man auf einer langen Leiter ganz oben ist, ausrutscht und stürzt, dann ist es unschön. Je höher wir kommen, desto größer sind die Versuchungen und desto größer sind die Aufgaben. Natürlich ist auch die Wonne, die wir in der Meditation und im Leben erfahren, um so größer. Aber es wird nicht leichter.

Für sehr fortgeschrittene Aspiranten reicht das erste Kapitel aus, denn es enthält im Kern alles. Es ist sehr anspruchsvoll. Die Hälfte handelt von Samadhi, die andere Hälfte davon, wie die Hindernisse dorthin zu beseitigen sind.

Andere Aspiranten, zu denen wir alle gehören, müssen auch noch die restlichen Kapitel behandeln. Dort wird es nämlich sehr viel leichter. Das zweite Kapitel ist einfacher, konkreter und daher für den normalen Durchschnittsaspiranten geeigneter.

Frage: Wie sieht das aus, wenn jemand in Samadhi ist?

Antwort: Wir dürfen das nicht zu sehr an Äußerlichkeiten festmachen. Typischerweise beurteilen wir alles nach dem äußeren Anschein.

Arjuna fragt Krishna ja auch im 2. Kapitel der Bhagavad Gita: „Wie sieht ein Mensch aus, der die Ver-wirklichung erreicht hat? Wie geht er, wie ist er, wie steht er, wie spricht er?“ Krishna geht darauf über-haupt nicht ein. Er sagt stattdessen nur: Ein Selbstverwirklichter ist gleichmütig in Erfolg und Mißerfolg. Er empfindet Liebe zu allen Wesen. Er ist in der Gegenwart des Höchsten. Äußere Kennzeichen gibt Kris-hna gar nicht an.

Aber ich kann euch etwas aus meiner persönlichen Erfahrung mit Swami Vishnu erzählen. Wenn er öf-fentlich meditiert hat, hat er sich bemüht, nicht in Samadhi zu fallen. Er hat dann auch nur kurz medi-tiert, bis zu einer halben Stunde. Denn in Samadhi ist man zu sehr von der Außenwelt weg. Normalerwei-se hat er zwischen drei und fünf Uhr morgens meditiert und dann war er allein. Aber wenn man in der Nähe von ihm war, hat man das gemerkt. Als ich einmal eine Weile in demselben Häuschen wohnte, in dem er auch war, bin ich immer um drei Uhr aufgewacht und konnte gar nicht anders als zu meditieren. Oder wenn man im selben Zimmer war wie er, merkte man die starke Schwingung, die von ihm ausging.

Ich kann mich an ein Ereignis während unserer fortgeschrittenen Lehrerausbildung erinnern. Es war, glaube ich, an Swami Sivanandas Geburtstag. Aus diesem Anlaß haben wir ein Schauspiel aufgeführt, wo wir ein paar Szenen aus dem Leben von Swami Sivananda Leben gespielt haben. Swami Vishnu hat zu-erst zugeschaut, uns immer wieder gelobt, wie gut die Szenen seien und plötzlich hat er nichts mehr ge-sagt. Er saß nur einfach da, vollkommen bewegungslos. Nichts hat sich bewegt, nur ein Lächeln lag über seinem Gesichtsausdruck und so blieb er. Wir wußten erst nicht, wie wir uns jetzt verhalten sollten. Schließlich haben wir das Stück einfach weitergespielt – er hat sich davon auch nicht weiter stören lassen. Als das Stück zu Ende war, haben wir gemeinsam Om gesagt. Wer schlafen gehen wollte, ist gegangen und ein paar sind noch eine Weile bei Swami Vishnu geblieben. Die Schwingung ist zwar gleich hoch ge-blieben, aber irgendwann wurde der Geist trotzdem müde; außerdem ging es am nächsten Morgen recht früh wieder weiter, so daß irgendwann einer nach dem anderen ging und dann saß er halt alleine da. So ist Samadhi.

Samadhi selbst kann man nicht beschreiben. Es ist Sat-Chit-Ananda, reines Sein, Wissen und Glückselig-keit.

Die niederen Samadhi-Stufen sind noch verbunden mit irgendwelchen Wahrnehmungen, konkreten Ge-fühlen, aber in den höheren Stufen gibt es nichts mehr, was man auch nur andeutungsweise beschreiben kann.

Die Kundalini entwickelt sich parallel damit. Wenn man in Samadhi ist, ist auch das Prana sehr hoch, aber man ist sich dessen nicht mehr bewußt. Die Gehirnwellen sind in einem spezifischen Zustand, aber man ist sich keiner Gehirnwellen bewußt. Der Herzschlag setzt fast aus, aber man ist sich keines Herz-schlages bewußt. Der Körper wird vollkommen bewegungslos, aber man spürt keinen Körper.

Es gibt also Korrelationen auf der physischen und energetischen Ebene, aber das Bewußtsein ist davon abgehoben. Das Bewußtsein ist eben nicht mehr im individuellen Körper und in der individuellen Energie. Auch individuelle Emotionen, Gefühle, Wahrnehmungen, Sichtweisen sind nicht mehr da, weil das Be-wußtsein in dieser Form von vollständigem Samadhi, wo wir uns auf das Kosmische als Ganzes konzent-rieren, nichts Individuelles mehr erfaßt.

Wie wir noch sehen werden, gibt Patanjali uns im 3. Kapitel Formen von Samadhi an, bei denen wir uns auf eine konkrete Sache konzentrieren.

Frage: Wenn man Videos sieht von Heiligen, Selbstverwirklichten, dann hat man den Eindruck, daß sie sich oft in einem entrückten Zustand befinden. Man hat das Gefühl, sie sind nur halb hier. Was ist das für ein Zustand oder was ist der Grund dafür? Auch wenn sie durch die Gegend gehen und dabei die Augen offen haben, schweben sie irgendwie in den Wolken.

Es gibt auch bei uns Mitarbeiter, die teilweise in den Wolken schweben. Aber es gibt einen Unterschied zwischen ihnen und großen Meistern. Die Meister haben das sogenannte Doppelbewußtsein. Das heißt, sie haben das Bewußtsein für das Unendliche und das Bewußtsein für die Welt gleichzeitig. Sie sind entrückt und es kann es so sein, daß sie ständig in einem höheren Bewußtseinszustand bleiben und auf dieser Erde gar nicht mehr so richtig landen. Zum Beispiel wenn man die Bilder von Anandamahi Ma oder von Rama-na Maharishi sieht, würde man sie in Padarthabhavani einstufen, die sechste Stufe der sieben Bhumikas, (sieben Stufen der Erkenntnis). In diesem Zustand existieren äußere Dinge nicht mehr für sie. Sie handeln nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern erfüllen nur noch Aufgaben, die ihnen von anderen auferlegt werden. Während andere Meister, zu denen auch Swami Sivananada lange Zeit gehörte, vollen Zugang zum Überbewußtsein haben, aber gleichzeitig auch vollen Zugang zur physischen Welt.

Da gibt es eine lustige Geschichte. Eines Tages kam eine Frau in den Ashram in Rishikesh und wollte gerne Swami Sivananda sehen. Man hat sie ins Büro geschickt und gesagt, dort würde sie ihn treffen. Im Büro saß jemand an der Schreibmaschine. Als er sie sah, hat er angefangen, sich mit ihr zu unterhalten. Er hat sie gefragt, wie es ihr geht, was sie macht, wie lange sie auf dem spirituellen Weg ist u.s.w.. Nach der Unterhaltung kam sie wieder heraus und fragte: „Da war kein Swami Sivananda, wo ist er denn?“ Und die anderen sagten: „Ja, du kommst doch gerade von ihm, du hast dich doch mit ihm unterhalten.“ „Was, das ist der Meister Sivananda? Ich dachte, daß sei der Manager hier.“ Aber sie hat natürlich schon gemerkt, daß eine besondere Ausstrahlung von ihm ausging. Sie ist dann noch einmal hineingegangen und hat sich vor ihm verneigt.

Swami Sivananda war nicht so entrückt – was für einen spirituellen Schüler praktischer ist, meine ich. Das merkt man auch daran, wie unterschiedlich die Ashrams sind. In den Ashrams von Anandamahi Ma und Ramana Maharishi wurde sogar die Kastentrennung aufrechterhalten. Lange Zeit durften Westler nicht im Ashram essen, weil sie als unrein galten. Die Meister sind entrückt, sind einfach da und strahlen Wonne aus, aber sie achten nicht darauf, was um sie herum passiert. Wie ihre Schüler den Ashram füh-ren, interessiert sie gar nicht.

In den Ashrams von Meistern wie Swami Sivananda oder Mahatma Ghandi wurde hingegen als erstes die Kastentrennung aufgehoben und es wurden auch keine Religionsunterschiede gemacht. Swami Sivananda achtete darauf, daß alles im Ashram diesen spirituellen Prinzipien entsprach – soweit es natürlich möglich war. Letztlich hatte er auch die Weitsicht zu erkennen, daß die Menschen unvollkommen sind und daß auf der physischen Ebene nichts tatsächlich vollkommen sein kann. Swami Sivananda konnte sehr, sehr prak-tisch sein. Aber es gibt auch Bilder von ihm, wo er offensichtlich entrückt auf einer Samadhi-Ebene ist. Dasselbe gilt für Swami Vishnu.

Frage: Haben sie sich durch eine bewußte Anstrengung von einem Zustand in den anderen versetzt? Oder ging das einfach so?

Das passiert einfach so. Ein großer Meister macht keine bewußte Anstrengung mehr für irgend etwas. Es geschieht. Es ist nicht so, daß er jetzt die Wahl hat, sich zu überlegen: Soll ich nur noch transzendent sein oder mehr auf der physischen Ebene bleiben? Denn dieses Ego, das überlegt und entscheidet, ist nicht mehr da. Es geschieht das, was geschehen soll, sowohl aus eigenem Karma heraus als auch als Instrument des Göttlichen. Und verschiedene Meister haben durchaus verschiedene Aufgaben.

Wenn man als spiritueller Aspirant zu schnell zu subtil wird und die Bodenhaftung verliert, ist das nicht so gut. Denn dann entgeht man einigen Problemen, die man eigentlich bewältigen und aufarbeiten müßte. Deshalb ist auch Karma Yoga, der selbstlose Dienst, das Handeln und Arbeiten ohne Erwartung, so wich-tig. Und es ist wichtig, an den Samskaras zu arbeiten. Wenn man sich dauerhaft in einem Schwebezu-stand befindet, bevor man an den Samskaras gearbeitet hat, dann heiligt man nur sein Ego, statt es zu transzendieren und rettet seine Unvollkommenheiten in einen subtilen Schwärmzustand.
 

 

 

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