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Erfahrungsberichte über Yoga im Gefängnis

Ursula Wenger, Yogalehrerin in der JVA Weiterstadt

Montagmorgen gegen 9°°, ich stehe am zugigen Eingang der JVA Weiterstadt, um die übliche Einlassprozedur hinter mich zubringen. Papierkontrolle, danach Einlass und die Durchleuchtung von Körper und Tasche, dann bin ich drin. Ich bitte die freundlichen Beamten an der Pforte, mein Kommen anzumelden, damit die Teilnehmer aus den verschiedenen Häusern benachrichtigt und gebracht werden können Ein Beamter bringt mich durch das weitläufige Gefängnis in das G-Haus. Noch schnell den Schrankschlüssel, die Treppe nach oben, die letzten Türen werden aufgeschlossen, ich stehe im Yogaraum. Er ist hell, sehr geräumig mit hohen Wänden und einem Parkettboden ausgestattet. Es ist hier angenehm ruhig und die großflächigen Fenster ohne Gitter, geben den Blick auf einen begrünten Innenhof und Bäume frei. Ich finde hier vorbildliche Voraussetzungen für den Unterricht, es ist eine richtige Oase innerhalb dieser Burg der Sicherheit und Ordnung.

Ich unterrichte in der JVA seit 1997. Dieser relativ lange Zeitraum lässt es zu, die Wirkungen von Yoga auf Gefangene zu beurteilen. Die Umstände der Teilnehmer sind immens schwierig und alle kommen unter großer psychischer Belastung zum Yoga. Die Fluktuation in den zwei Gruppen, die ich vormittags und nachmittags unterrichte ist groß, dem entsprechend wiederholt sich das erste Gespräch mit einem neuen TN, bezüglich seiner Erwartung und seines Gesundheitszustandes, immer wieder. Einige TN darf ich zwischen einem und drei Jahren begleiten. Besonders an diesen Männern kann ich viele positive Veränderungen wahrnehmen, die sowohl körperlicher als auch psychischer Art sind. Diese TN bekommen eine bessere Körperhaltung durch die erhöhte Flexibilität und den gezielten Muskelaufbau, ihre Ausstrahlung ist selbstsicherer, sie sind einfach klarer und mehr bei sich. Das Vertrauen innerhalb unserer Gruppe wächst und es wird auch mal rumgealbert und gelacht. Die unterschiedlichen Kulturen und Länder der TN färben auf interessante Weise den Unterricht, wenn nötig halte ich ihn auch mal dreisprachig ab. Die friedvollen, gesammelten Gesichter der Männer nach der Yogastunde sprechen ihre eigene Sprache.

Jeder TN erhält zu Beginn der Stunde die Gelegenheit, die eigene Befindlichkeit auszusprechen, was schon nach kurzer Zeit, eine größere Eigenwahrnehmung bewirkt, den eigenen Zustand kurz und präzise zu beschreiben. Die kleinen Gespräche helfen mir, den Einzelnen dort abzuholen, wo er sich gerade befindet. Viele haben psychosomatische Beschwerden, die sich im Körper manifestiert haben. Sie leiden unter Schlaflosigkeit und Angstzuständen, ganz zu Schweigen vom psychischen Druck des eigenen schlechten Gewissens und den schwierigen Lebensbedingungen innerhalb eines Gefängnisalltags.

Ich unterrichte hier ein sanftes, die Wirbelsäule schonendes, auf Ausdauer angelegtes und kräftigendes Yoga. (Beinhebeübungen, der Bär auf dem Rücken, Navasana, Brückenvariationen, Dandasana, Asana im Stehen, Kobravariationen, Drehlagen, Viparita Karani, Pashi, nicht zu vergessen die ausgedehnte Endentspannung und Traktat in eine Flamme, danach der krönende Abschluss jeder Yogastunde, ein wunderbares Rasenmäher Om shanti shanti shanti aus bis zu 15 Männerkehlen.

Immer wieder bin ich freudig überrascht, wie schnell diese Männer den Wunsch nach mehr Yoga verspüren. Bemerkungen wie „ ..schade, dass du nicht zweimal die Woche kommen kannst“ oder …“ das sind hier die schönsten Stunden der Woche“, erfüllen mich mit großer Dankbarkeit für meinen Arbeit. Meine didaktischen Ziele sind einfach und auch von ausländischen TN gut zu verstehen. Behandle dich gut und fühle dich selbst verantwortlich. Füge dir keine Schmerzen zu und respektiere deine Grenzen. Bleibe ganz bei dir und genieße diesen Zustand. Lausche in dich hinein und spüre, was dein Körper dir sagt. Spüre deine Widerstände in Geist und Körper auf, und gebe sie auf. Sei mutig und entspanne dich vertrauensvoll.

Die Frage, ob Yoga Insassen einer JVA positiv unterstützen und eventuell die Rückfallquote senken kann, würde ich hypothetisch mit einem überzeugten Ja beantworten. Yoga unterstützt ja den Übenden, indem es ihn aus seiner inneren Gefangenheit heraushilft, und ermöglicht es auch unter schwierigen äußeren Bedingungen, privat zu sein. Durch Ausdauer und Kontinuität wird Zufriedenheit und Frieden erlebt. Yoga beinhaltet auch die Geduld, sich der eigenen Unvollkommenheit liebevoll zuzuwenden. Es schult alle unsere Sinne und hat viel mit Charakterbildung und einem gut ausgebildetem Gewissen zu tun.

Ursula Wenger

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