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Yoga und der Innere Schweinehund

15.01.2011

Neben den klassischen Hatha-Yoga Texten und Patanjalis Yoga Sutras gilt die Bhagavad Gita als eine der wichtigsten Schriften des Yoga. Obwohl sie nur wenig über formale Meditation und nichts Technisches über Asanas offenbart. Ihr Reichtum liegt darin, zu zeigen welche Haltungen man im Alltag annehmen kann, um mit den Anforderungen von Beruf, Familie und spirituellem Leben umzugehen. Dadurch wird sie dann auch wieder ein guter Ratgeber für unsere Zeit auf der Yogamatte.  Obwohl das schöne an der Gita ist, dass es nicht um die Praxis einer Technik, sonder um eine innere Haltung dem Leben gegenüber geht, kann es uns zu aktiveren Menschen machen, wenn wir uns mit dem Dialog zwischen Krishna und Arjuna beschäftigen. 

Für einen spirituellen Ratgeber beginnt die Bhagavad Gita sehr unkonventionell: Mit dem Klagen eines Kriegers, der nicht kämpfen will. Es heißt folgerichtig „Das Yoga der Mutlosigkeit“:

Wenn ich diese meine Verwandten kampfbereit in Schlachtreihe aufgestellt sehe, Oh Krishna, versagen meine Glieder, mein Mund wird trocken, mein Körper zittert, und mein Haar steht zu Berge. (I.28.-29.)

Diesen Satz kennen wir alle gut von uns selbst. Wir wissen, wir haben etwas zu tun. Aber wir fühlen uns auf einmal wie paralysiert. Arjuna geht noch weiter, und zählt über mehrere Verse gute Gründe auf, warum er das was er begonnen hat nicht mehr zu Ende führen möchte. Ich habe mich früher einmal gefragt warum die Bhagavad Gita ein ganzes Kapitel darauf verschwendet, wie Arjuna sich beklagt. Sie hätte ja auch direkt mit klugen Ratschlägen beginnen können. Dann wäre sie aber wahrscheinlich nicht so viele Jahrhunderte oder Jahrtausende so populär gewesen wie sie ist. Denn am Ende ist sie vor allem deshalb ein kraftvoller Text; weil sie kaum genaue Handlungsanweisungen gibt. Die Verse rufen vielmehr ein Gefühl beim Leser hervor, das den Wunsch nach Befreiung weckt.

Krishna und Arjuna stehen in der Mitte eines Schlachtfeldes. Die innere Göttlichkeit unterstützt die menschliche Seele inmitten der Turbulenzen des Lebens. Es ist ein Bild für den Kampf, der im eigenen Herzen stattfindet. Was Arjuna zu überwinden hat – und da geht es ihm wie uns – sind seine eigenen Widerstände dagegen, glücklich zu sein und sich gut zu fühlen. Er möchte es bequem haben, und nicht mit alten Vorlieben brechen. Das möchten wir auch öfters nicht, denn es sind doch unsere alten „Verwandten“. Teile von uns selbst. Muss man die nicht einfach akzeptieren?

„Sage Du mir klar, was für mich richtig ist.“ (II.7.)

bittet Arjuna daher am Anfang des zweiten Kapitels.

Krishna wird ihm und uns die ganze Schrift über diesen Gefallen nicht tun. Er legt nicht fest, was „richtig“ oder „falsch“ ist. Er überlässt uns die Wahl zwischen unterschiedlichen Wegen. Und – Schlitzohr das der Liebe Gott ist – er preist jeden Weg als den jeweils besten. Und scheint sich so im Laufe der insgesamt achtzehn Kapitel oft selbst zu widersprechen. Ist Gott also verwirrt? Nein, er weiß nur einfach, daß wir alle unterschiedlich sind. Und doch bleibt er nicht beliebig . Er will dass wir im wahrsten Sinne des Wortes eine Haltung annehmen. Und er beschreibt zunächst „Karma Yoga“ ausführlich. Das Yoga des Handelns:

Dein einziges Recht ist es zu wirken, und keinen Anspruch hast du auf die Früchte deines Tuns; lass weder die Früchte deiner Handlung dir Motiv zum Handeln sein, noch wende dich zum Müßiggang. So handle, Oh Arjuna, und sei fest im Yoga, gib Bindungen auf, und bewahre Gleichmut in Erfolg und Misserfolg. Ausgeglichenheit im Geiste, Gleichmut wird Yoga genannt. (II.47.-48.)

Egal mit was für einer Arbeit wir beschäftigt sind, egal was für eine Bitte an uns herangetragen wird – es hilft uns, wenn wir bei der Durchführung nicht schon ständig angstvoll an das Ergebnis denken. Wenn wir uns stets fragen ob etwas „gut“ oder „schlecht“ sein wird, erzeugen wir uns leicht Stress. Wenn ich mir auf dem Meditationskissen darüber Gedanken mache, dass ich doch eigentlich weniger Gedanken haben möchte verpasse ich den schönen Moment der Ruhe. Noch mehr blockieren wir uns selbst, wenn Zweifel an unseren Fähigkeiten uns schon von vorneherein lähmen mit etwas zu beginnen. Das wäre so als würden wir sagen: „Ich bin leider zu unflexibel, um Yoga zu machen.“ Das „just-do-it“-Motto aus der Werbung hätte gut von Krishna sein können. Er ist eigentlich einer der ältesten Motivationstrainer.

Der innere Schweinehund hat – wenn wir das was wir tun als Karma Yoga praktizieren – keine Chance mehr. Eine Haltung des Gleichmuts gegenüber Erfolg oder Misserfolg hilft uns, unsere Aufgaben und Projekte mit leichterem Herzen anzugehen. Dabei sind wir bei der Durchführung nicht gleichgültig. Karma Yoga heißt auch: Während wir mit etwas beschäftigt sind, bringen wir uns mit unserer gesamten Achtsamkeit ein, und handeln nach unseren besten Fähigkeiten:

Daher tue ohne Verhaftung stets das, was getan werden muss; denn durch verhaftungsloses Handeln erreicht der Mensch das Höchste. (III.19)

Wenn wir jetzt durch Krishna gelernt haben wie wir etwas tun sollen bleibt nur noch die Frage: Was muss überhaupt getan werden? Gerade als Yogi läge es doch vielleicht nahe sich mehr und mehr vom Schlachtfeld der Lebensaufgaben zurückzuziehen, um mehr Zeit für die eigene Praxis zu haben? Weil er ein guter Motivationstrainer ist, lässt Krishna keinen Raum für Entschuldigungen:

Auch der Weise handelt gemäß seiner Natur; die Wesen folgen der Natur; was kann Einschränkung bewirken? (III.33.)

Wir sollen der eigenen Natur folgen, im Sanskrit-Original Prakriti genannt. Wenn wir unsere Natur erkennen finden wir heraus was Krishna Swadharma nennt: die eigene Pflicht. Nicht mehr – und nicht weniger.

Besser ist es, die eigene Pflicht unvollkommen als die Pflicht eines anderen gut zu erfüllen. Wer die Handlung vollzieht, die die Natur ihm auferlegt hat, lädt keine Schuld auf sich. (XVIII.47.)

Krishna kann für das Göttliche in uns selbst stehen. Und unser ureigenster Wunsch ist: uns selbst treu zu bleiben. Wenn jemand Vorsätze für das neue Jahr machen möchte ist das eine sehr hilfreiche Leitschnur. Indem wir unser ganzes Leben als Karma Yoga sehen, können wir alle unsere Aufgaben entspannter bewältigen.


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