Mai 26 2016

Aromatherapie bei Depressionen – Lara-M. Vucemilovic im Interview (Teil 2)

Abgelegt 08:43 unter Ayurveda,Events,Hatha Yoga


IMG_0884 Zur Einstimmung auf den diesjährigen Ayurvedakongress haben wir die Ayurvdaexpertin Lara-M. Vucemilovic über ihr Spezialgebiet „Ayurveda und Aromatherapie bei Depressionen“ interviewt. Lara wird zu diesem spannenden Thema am Freitag, den 10. Juni auch einen interessanten Vortrag halten. Den 1. Teil des Interviews, kannst du hier nachlesen.
Yoga Vidya: Ist die Aromatherapie für jeden geeignet? Es gibt Menschen, die reagieren sehr sensibel, manchmal sogar mit Kopf-, oder Atembeschwerden, auf Düfte.

Lara-M. Vucemilovic: Ätherische Öle haben ihre speziellen Wirkungsweisen. Diese sind aber nicht für jedes Individuum identisch, da die Verarbeitung der Düfte unseren Assoziationen und Erinnerungen weckt. Was für den einen ein angenehmer Duft ist, kann für den anderen unerträglich sein, gegebenenfalls weil jeweils eine positive oder negative Erinnerung mit dem Duftspektrum verankert war. Aber auch offensichtlich gleiche Zustände wie zum Beispiel Nervosität und innere Unruhe, oder auch Schlafstörungen können bei jedem Menschen unterschiedliche Ursachen haben und sich unterschiedlich ausprägen. Daher ist eine individuelle Anwendung notwendig.

Vom 10. bis zum 12. Juni findet in Bad Meinberg der 9. Ayurvedakongress statt. Es erwartet dich ein breites Programm mit bekannten AyurvedaexpertInnen. Neben zahlreichen spannenden Vorträgen und Workshops wird es Dosha-spezifische Yogastunden und die Möglichkeit zu Kurzkonsultationen geben.
>>> Hier geht’s zum Programm.

In der Aromatherapie werden so neben verschiedenen Duftnoten die von leichten, sich schnell
verflüchtigenden „Kopfnoten“ bis hin zu den sich sehr langsam verflüchtigenden Basisnoten,
auch die chemischen Wirkungsspektren der ätherischen Öle unterschieden. Beachtet werden
sollte ebenso, dass die Anwendung nicht nur typologisch oder symptomatisch erfolgt. Es bedarf
einer fundierten Anamnese damit die aromatherapeutische Wirkung die ayurvedische
Behandlungsmethodik und die Übungen des Yoga sinnvoll unterstützt. Besonders da die
ätherischen Öle, als Mittler zur Psyche eine Art schamanischer Begleiter sind, der uns mit tiefer
sitzenden Erinnerungen und Emotionen zu konfrontieren vermag. Der Duft wirkt dabei nicht nur
in dem Moment, er klingt bisweilen viele Stunden in uns nach. In der Anwendung wir daher
behutsam mit den ätherische Ölen umgegangen.

Welche Form der ayurvedischen Aromatherapie eignet sich, wenn ich mich aktuell in einer Depression befinde?

Bei dieser Frage würde ich gerne auf die, von mir bereits erwähnten, interindividuellen Ursachen und Wirkungszusammenhänge von depressivem Empfinden verweisen. Es gilt herauszufiltern, wo
sich der Einzelne befindet, um den Betroffenen mit dem für ihn passenden Duft auf seinem Weg zu begleiten. Sei es aus naturwissenschaftlicher Aromatherapie oder aus ayurvedischer Sicht. In unserer Herangehensweise der Integrativen Yogatherapie nutzen wir beide Erkenntnisse auf
Neuroschamanischem Wege. Es ist darum wichtig, als Begleiter achtsam zu sein und gemeinsam mit dem Betroffenen zu spüren, wohin die Reise gehen soll und welche Pflanzengeister wir mit
ihrem Wirkungsspektrum auf diesem Weg einladen können.

Welche Aromen helfen bei Ängsten, welche bei Niedergeschlagenheit?

In der Integrativen Yogatherapie (AYTM) gehen wir nie einfach nur nach einem regulatorischen
Prinzip vor, also gegen Ängste oder gegen Niedergeschlagenheit. Wir beschäftigen uns mit den
Erkenntnissen der modernen Aromatherapie und nutzen Ätherische Öle in Verbindung mit
anderen therapeutischen Pfaden, die zu der Entdeckung der eigenen Wahrnehmung, der
körperlichen Reaktionen, bei der Entwicklung von Ängsten oder dem einem Zustand der
Niedergeschlagenheit beitragen. Außerdem können die Düfte in akuten Situationen oder schwierigen Umständen, als Hilfe zur Selbsthilfe eingesetzt werden.

Jetzt einfach zu sagen Ätherische Öle von Agrumen Früchten wie Orange, Mandarine oder Limette wirken stimmungsaufhellend, würde der Anwendungsbreite aus chemischer und biopsychologischer Sicht nicht gerecht werden. Da Düfte auch interindividuelle Erinnerungen freisetzen können. Und wenn eine angsterzeugende Situation mit einem dieser Düfte, beispielsweise einem Reiniger, in Verbindung steht, wäre die Wirkung, trotz chemisch-konstanter Bestandteile hinfällig. Wir sind als Individuum nicht nur aus einfachen Aktions- und Reaktionsmechanismen gewoben, selbst wenn es die modernen als auch die alten Wissenschaften oft so erscheinen lassen.

Depressionen gehen oft mit einem verminderten Selbstwertgefühl und Ohnmachtsgefühlen
einher. Wie kann Ayurveda mir langfristig dabei helfen, Selbstliebe zu kultivieren und mich
außerdem als selbstwirksam zu erleben?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir unseren Blickwinkel erweitern, indem wir uns
anschauen was noch vor der Emotion und vor dem Erleben von Unwohlsein, Überforderung,
Stress und und einer Depression steht: Unsere Wahrnehmung und die Verarbeitung der Sinnesimpressionen.

Unsere Wahrnehmung, der Blickwinkel, den wir in einer Situation einnehmen, wird wiederum durch unser aktuelles Befinden, unseren Erfahrungen und charakteristischen Wesenszügen beeinträchtigt. Diese Aspekte sind sehr individuell. Grundsätzlich hängt unser emotionales Befinden in der jeweiligen Situation oder Lebensphase damit zusammen, ob wir das Gefühl haben, auf Ressourcen zurückgreifen zu können, um den jeweiligen Herausforderung gewachsen zu sein, oder nicht. Die Emotion und die Haltung die wir einnehmen, versetzt uns in einen Zustand, der nicht nur ausdrückt was wir fühlen, sondern der uns unsere körperlichen und geistigen Ressourcen zu Verfügung stellt, um mit der Situation umzugehen. Gefühlszustände an sich sind weder negativ noch positiv. Emotionen bewegen uns.

Grundlegend ist daher unsere Wahrnehmung: Nehmen wir die Situation als Herausforderung
oder als Überforderung wahr? Sehen wir Möglichkeit zum aktiven Mitgestalten, oder haben wir
das Gefühl ausgeliefert zu sein, uns wehren oder schützen zu müssen? Die Bandbreite der
Emotionen die in uns entstehen können, variieren von Angst, Frustration, Hilflosigkeit bis hin
zu energetisch starken Gefühlszuständen wie Wut. Mit kurzen Phasen der moderaten
Herausforderung, können wir biologisch gesehen zumeist gut umgehen. Momente, die uns
bewegen, behalten wir in unserer Erinnerung als Erfahrung, sie halten uns lebendig. Blicken wir
zurück, können wir uns gerade an diese Momente erinnern.

Empfinden wir eine Situation als Herausforderung, kann dies Freude auslösen und unsere Neugier und Konzentrationsfähigkeit wecken. Unser vitales Körpergefühl wird von unseren Empfindungen beeinflusst. Die innere Haltung beeinflusst die Äußere und umgekehrt. In Zuständen, in denen wir unter starker, psychisch belastender, Anspannung stehen, kann es zu Müdigkeit, Erschöpfung, körperlichen Verspannungen, Verdauungsbeschwerden, innerer Unruhe und Schlafstörungen kommen. Aber auch andere Beschwerden sind je nach individueller Disposition möglich. Der Körper braucht viel Energie. Der permanente Anspannungszustand und die Hormone, die unter Dauerstress ausgeschüttet werden, haben zur Folge, dass andere wichtige regenerative und nährende Prozesse herunter reguliert werden. Auch Neurotransmitter, die unsere Psyche dahingehend beeinflussen, dass wir entspannen und unsere Stimmung sich aufhellt, werden in ihrer Bildung gestört. Das aktive Potential hat Überhand genommen.

Die modernen Prinzipien zur Erhaltung unseres Wohlbefindens sind den alten Vorstellungen aus dem Ayurveda, Yoga, der TCM oder den schamanischen Traditionen sehr ähnlich: Eine Balance der
aktiven und regenerativen Potentiale ist für uns essentiell. Da ansonsten ein negativer Kreislauf entstehen kann. Auf Dauer können Konzentrationsschwäche und Gedankenkreise eine Folge von Dauerstress sein, weil das Areal in unserem Gehirn, dass für die Verarbeitung von Eindrücken und dem Abrufen von Erinnerungen vornehmlich verantwortlich ist, durch die vermehrte Ausschüttung der Stresshormone, in seiner Funktion gestört wird. Wir haben dann weniger Kapazitäten mit neuen Herausforderungen umzugehen, sind schneller überfordert oder unter Druck. Extreme Erlebnisse wirken so auf unser ganzes System. Daher ist es wichtig, ein Bewusstsein zu entwickeln, wie wir mit der Situation umgehen können, so dass wir weiterhin gedeihen können.

Eine einfache Antwort auf diese Frage ist: Emotionale Achtsamkeit entwickeln, indem wir unsere Wahrnehmung nach innen lenken und spüren was uns bewegt. Diese Gefühle selbstverständlich anzunehmen und nach Außen auszudrücken, ist ein wichtiger Aspekt der Selbstwirksamkeit.

Um Selbstliebe noch mehr gedeihen zu lassen, hilft es sich mit seiner inneren Stimme zu
beschäftigen. Übungen aus dem Tantra, sowie Rituale und Therapien aus dem Bhuta Vidya als
auch Selbstberührung sind wunderbare Möglichkeiten aktiv etwas, zur Selbstannahme,
Selbstfürsorge beizutragen.

In dem Bemühen, die Gesundheit zu erhalten, fängt man im Ayurveda – im Gegensatz zur
Schulmedizin – schon sehr früh an zu handeln. Unwohlsein, Unregelmäßigkeiten bei der
Verdauung oder Veränderungen auf körperlicher, geistiger oder energetischer Ebene werden
schon beizeiten als Vorboten einer Krankheit erkannt. Selbstliebe und Selbstwirksamkeit sind
daher essentiell nicht nur für unser Erleben des Gegenwärtigen, sondern auch für unseren
körperlichen Zustand. Unsere Bedürfnisse zu verstehen und unsere Lebensführung darauf
abzustimmen, unsere Lebenszeit so zu gestalten, so dass sie in einer Einklang mit unserem
sozialen und ökologischen Umfeld ist. Unsere Bedürfnisse zu kennen und ihnen nachzugehen,
lässt uns uns Selbstwirksamkeit erleben, besonders was die Rhythmusgeber, Schlaf, Essen,
Rückzug und soziale Interaktion, Anpassung und Rebellion, sowie das individuelle kreative
Gestalten der eigenen Lebenszeit betrifft. Die regelmäßige Übung von Achtsamkeit im
Yoga hilft uns den Blick nach innen zu lenken. Unsere Gedanken im Geist, als
wohlwollend oder störend, wahrzunehmen. Wir werden einpünktiger. Frei nach der Charaka Samhita ausgedrückt:

„Personen, die ihre Wahrheit sprechen und in ihrem Herzen leben, … sich nicht überanstrengen, die friedliebend und sanft in ihrer Ausdrucksweise sind, die Meditation praktizieren,…. feste Gewohnheiten besitzen, …deren Schlaf- Wach- Rhythmus regelmäßig ist, die regelmäßig reine Nahrung einnehmen und vertraut mit den klimatischen und jahreszeitlichen Veränderungen ihres Aufenthaltsortes sind,… die ihre Sinnesorgane geschickt einsetzen,…“

erleben sich als selbstwirksam.

Welche 3 ayurvedischen Tipps hast du für unsere Leser, um aktiv einer Depression vorzubeugen?

  1. Wahrnehmung. Achtsame Wahrnehmung üben (Meditation, Körperbewusstsein fördern.
    Besonders Atembewusstsein und Haltung)
  2. Individuelle Empfindungen. Aktion und Reaktion auf die soziale und ökologische Umwelt
    beobachten und persönliche Empfindungen als wahr annehmen und ausdrücken.
  3. Kreative Lebensgestaltung. Rituale und Rhythmen. Leben entsprechend der eigenen
    Bedürfnisse im Rhythmus und Einklang mit dem sozialen und ökologischen Lebensraum
    gestalten, oder einen geeigneteren Umgang und Ort passend zu dem individuellen Naturell und
    den aktuellen Bedürfnissen aufsuchen.

Lara-M. Vucemilovic. Als Lehrerin, Therapeutin und Begründerin der Integrativen Yogatherapie
(AYTM) ist sie unter anderem in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Sri Lanka tätig. Am 18. & 19.06.2016 findet die Ausbildung zum integrativen Yogatherapeuten in Zürich statt. Alle Infos dazu bekommst du hier. Lara ist Initiatorin des gemeinnützigen „Conscious Living Projekts“ an Schulen und in Betrieben. Autorin von Dossiers rund um das Thema Ayurveda, Aromatherapie, Yogatherapie, Psyche und Emotionen. Ihr Interesse liegt in der intensiven Auseinandersetzung mit Theorien traditioneller und moderner Wissenschaften. Mehr unter: www.aytm.org

Anmerkung: Dies ist der 2. Teil des sehr umfassenden Interviews zum Thema „Aromatherapie und Ayurveda bei Depressionen“ mit der Ayurvedexpertin Lara-M. Vucemilovic. Den 1. Teil kannst du hier nachlesen.

Bildcredit: Lara-M. Vucemilovic

Das Interview wurde durchgeführt von Maria Ma.

Niedballa-Maria-MaMaria Ma lebt seit vielen Jahren im engen Kontakt mit der indischen Kultur. Sie praktiziert jeden Tag mit viel Freude Yoga und arbeitet als freie Autorin für Online- und Printmedien. Im Jahr 2013 hat sie ganzherzig (www.ganzherzig.de) gegründet, einen ganzheitlichen Yoga-Blog für Menschen, die Yoga lieben und leben & ihren Alltag mit Spirit und Leichtigkeit versüßen wollen. Website: www.ganzherzig.de

Please follow and like us:

3 Kommentare

3 Yoga Blog Kommentare to “Aromatherapie bei Depressionen – Lara-M. Vucemilovic im Interview (Teil 2)”

  1. Stefanam 19. August 2016 um 20:47 1

    Spannender Artikel. Aromatherapie habe ich gegen meine Depression noch nicht ausprobiert. Das klingt als ob es einen Versuch wert wäre.

  2. […] Aromatherapie bei Depressionen […]

  3. Helenaam 30. Juli 2017 um 16:13 3

    Sehr interessante Artikelreihe!
    Hatte vorher nicht von der Aroma-Anwendung bei Depressionen gewusst.

Trackback URI | Yoga Blog Kommentare als RSS

Einen Yoga Blog Kommentar schreiben