Feste und Fastentage im Hinduismus – Kapitel 26

– von SWAMI SIVANANDA –

Kapitel 26 – Vaikunta Ekadashi

Vaikunta Ekadashi (Ekadashi = der 11. Tag nach Voll- oder Neumond; gilt als besonders günstig zum Fasten; Vaikunta = Name für Vishnu, den erhaltenden Aspekt Gottes; Himmelsebene, die Vishnu zugeordnet ist) fällt in den Monat Margasirsha (Dezember/Januar). Dieser Tag wird in den Vishnu-Tempeln feierlich begangen. Fasten ist an allen Ekadashi-Tagen, jeweils am elften Tag jeder Mondhälfte, also zweimal im Monat, üblich. 
Wenn man im Kali Yuga (dem jetzigen „Eisernen Zeitalter“) auch nur ein einziges Vaikunta Ekadashi frei von Leidenschaft, mit Glauben und Hingabe feiert und den Geist ganz auf Hari (ein Name für Vishnu oder Krishna; manchmal auch für Gott allgemein) ausrichtet, wird man befreit vom Kreislauf von Geburt und Tod. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Schriften sichern uns das ausdrücklich zu.
Wer dieses Fest begehen will, fastet an diesem Tag, bleibt nachts wach und wiederholt Mantras (Japa), singt Vishnu-Kirtans (Mantras) und meditiert. Manche trinken nicht einmal etwas. Wer nicht in der Lage ist, vollständig zu fasten, kann etwas Obst und Milch zu sich nehmen. 
An Ekadashi sollte man keinen Reis essen. Das ist sehr wichtig. Einem Mythos zufolge nahm der Schweiß, der vom Haupte Brahmas (des Schöpfers) fiel, die Gestalt eines Dämonen an. Der Dämon sagte: „O Herr, nun gib mir einen Platz zum Wohnen.” Brahma erwiderte: „O Dämon! Geh und wohne in den Reiskörnern, welche die Menschen an Ekadashi verzehren und werde zu Würmern in ihren Mägen.”
Wer regelmäßig an Ekadashi fastet, stimmt Gott Hari günstig. Alle Fehler werden aufgehoben. Der Geist wird gereinigt. Allmählich entwickelt sich Hingabe, die Liebe zu Gott wird stark. Strenggläubige Menschen in Südindien halten sich auch an den gewöhnlichen Ekadashi-Tagen an striktes Fasten und halten Nachtwache. Für Anhänger Vishnus ist jeder Ekadashi ein sehr heiliger Tag. 
Vorteile des Fastens
Heutzutage halten sich viele gebildete Menschen aufgrund materialistischer Einflüsse nicht mehr an das Fasten an diesem besonderen Tag. Sobald sich der Intellekt ein wenig entwickelt, beginnen die Menschen, alles in Frage zu stellen und nutzlose Diskussionen zu führen. Der Verstand ist ein Hindernis auf dem spirituellen Weg. Wer nur den Verstand entwickelt und nicht sein Herz, beginnt ständig zu zweifeln und zu fragen. Die Menschen möchten ein „Warum” und „Wie” und  „wissenschaftliche“ Erklärungen für alles. 
Gott ist jenseits von Beweis und Annahmen. Der Religion und den Schriften muß man sich mit großem Glauben, Ehrfurcht und Reinheit des Herzens nähern. Nur dann offenbaren sich einem die Geheimnisse der Spiritualität so eindeutig wie ein Apfel in der Hand. Verlangt jemand von seiner Mutter zu beweisen, wer sein Vater ist?
Fasten hilft, Wünsche, Gefühle und Sinne zu beherrschen. Es ist eine große Bußübung, die Geist und Herz reinigt und viele Sünden tilgt. Fasten kontrolliert insbesondere die Zunge, welche der tödlichste Feind des Menschen ist. Fasten regeneriert die Atmung, den Kreislauf, das Verdauungs- und  das Ausscheidungssystem. Es zerstört alle Unreinheiten des Körpers und alle Arten von Giften. Es beseitigt Ansammlungen von Harnsäure. So wie unreines Gold seine Reinheit durch wiederholtes Schmelzen in einem Schmelztiegel zurückerhält, so wird auch der unreine Geist durch wiederholtes Fasten immer reiner.
Junge, widerstandsfähige Brahmacharis (spirituelle Schüler, die enthaltsam leben) sollten fasten, wenn Leidenschaft aufkommt. Nur wenn der Geist zur Ruhe gekommen ist, können sie wirklich tief meditieren. Das Hauptziel des Fastens besteht darin, den Organismus zur Ruhe zu bringen, so dass man während dieser Zeit in der Lage ist, lange zu meditieren.
Ziehe die Sinne zurück und verankere deinen Geist in Gott. Bete zu Gott und bitte ihn, dich zu führen und deinen spirituellen Weg zu erhellen. Sag mit Gefühl: „Oh Gott, führe mich! Beschütze mich, beschütze mich! Ich bin Dein, ich bin Dein! Verlass mich nicht!“ Du wirst mit Reinheit, Licht und Stärke gesegnet werden. Mach das immer, wenn du fastest und besonders an den Ekadashi-Tagen.
Fasten ist einer der zehn Grundsätze des Yoga. Vermeide aber übertriebenes Fasten, denn das schwächt dich. Setze deinen gesunden Menschenverstand ein. Wenn du nicht die ganzen 24 Stunden fasten kannst, faste wenigstens zehn bis zwölf Stunden und nimm dann ein wenig Milch und Früchte zu dir. Erhöhe das Fasten dann schrittweise auf fünfzehn Stunden usw. bis zu vierundzwanzig Stunden. Fasten macht den Menschen stark, sowohl spirituell als auch geistig.
In seinem Gesetzbuch, dem Manu Smriti, schreibt der große Gesetzgeber Manu Fasten für die Beseitigung der fünf größten Sünden vor. Krankheiten, die von Ärzten für unheilbar gehalten werden, können durch Fasten geheilt werden. Gelegentlich ist ein vollständiges Fasten sehr zu empfehlen, um bei guter Gesundheit zu bleiben, den inneren Organen genügend Ruhe zu geben und Enthaltsamkeit zu üben. Viele Krankheiten haben ihren Ursprung vom zu vielen Essen und Fasten ist tatsächlich die einzige Möglichkeit, sie zu heilen. 
Vollständiges Fasten hilft, den Schlaf zu regulieren. Es ist nicht gut, Tee oder andere Mittel einzusetzen, um gut zu schlafen. Du gewinnst keine spirituelle Kraft, wenn du von äußeren Wirkstoffen abhängig bist. Während des Fastens vermeide jede Gesellschaft und bleibe für dich. Nutze die Zeit für spirituelle Praxis. Wenn du dann das Fasten brichst, nimm keine üppige Mahlzeit oder schwer verdauliches Essen zu dir. Milch oder Fruchtsaft ist gut verträglich. 
Mäßigung beim Essen und Zurückziehen der Sinne in Meditation sind die Vorder- und Rückseite einer Medaille. Mäßigung bedeutet, wenig zu essen, gerade genug, um den Körper in guter Verfassung zu halten. 
In der Gita steht: „Wahrlich, Yoga ist nichts für den, der zu viel isst, noch für den, der zu wenig isst, noch für jemanden, der zu viel schläft, noch für den, der übermäßig lange wach bleibt.“
Der Yogi zieht seine Sinne von den Sinnesobjekten zurück. Er wendet sie zum Geist hin oder zieht sie in den Geist hinein. Wenn man das erreicht, beherrscht man die Sinne vollkommen.
Einst tyrannisierte der Dämon Mura die Götter. Die Götter baten Hari (Vishnu) um seinen Schutz. Hari sandte Yoga Maya (maya = Täuschung, Illusion), um den Dämon zu töten, was sie auch erfolgreich tat.
Daraufhin sagte Gott zu Yoga Maya: „Wer Ekadashi einhält, wird von allen Sünden befreit und dein Name sei Ekadashi.”
König Ambarisha war ein großer Verehrer von Hari. Er hielt ein Jahr lang das Ekadashi-Fasten ein und erlangte die Gnade Gottes. Einmal fastete er drei Tage lang. Er war gerade dabei, sein Fasten zu beenden, als der Seher (Rishi) Durvasa zu ihm kam. Der König empfing ihn mit gebührendem Respekt und lud ihn zum Essen ein. Durvasa nahm die Einladung an und ging, um im Fluß zu baden. Der König wartete lange geduldig, aber der Rishi kam nicht zurück. Die Zeit verging; wenn der König bis zum Ende des Tages nichts aß, würde das Vrata (Gelübde) keine Früchte tragen. Aß er jedoch, würde er damit dem Rishi nicht die nötige Achtung erweisen. Als Kompromiss nahm der König ein wenig Wasser zu sich, um beiden Bedingungen gerecht zu werden. 
Als Durvasa von seinem Bad zurückkehrte, wusste er genau, was vorgegangen war und war ärgerlich. Er riss sich ein Haar aus und lud es mit seiner Kraft auf, damit es Ambarisha töte. Der König blieb unversehrt. Der Diskus von Vishnu zerstörte die Kraft des Haares von Durvasa. Es verfolgte von nun an den Rishi überall hin und und versuchte, ihn zu töten. 
Durvasa ging zu Brahma und Shiva und bat vergeblich um Hilfe. Schließlich wandte er sich an Hari und dieser sprach zu ihm: „Ich hänge von meinen Verehrern ab. Sie besitzen mein Herz. Gehe daher zu Ambarisha, bitte ihn um Verzeihung und du wirst gerettet werden.” 
Ambarisha betete daraufhin zu dem aufgeladenen Haar, von seinem Lauf Abstand zu nehmen und rettete so den Rishi. Durvasa dankte ihm aus tiefstem Herzen. 

 

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