Feste und Fastentage im Hinduismus – Kapitel 24

– von SWAMI SIVANANDA –

Kapitel 24 – Satya Narayana Vrata 

Ihr habt alle schon von Narada (einer der sieben alten Rishis, Seher; Herr der himmlischen Musikanten, großer Jnana und Bhakti Yogi) gehört. Er ist Triloka Sanchari – einer, der sich in allen drei Welten bewegen kann. Als er einst die Erdebene besuchte, herrschte dort große Not und Narada sah keinen Weg, das menschliche Leiden zu erleichtern. Sogleich wandte er sich an Narayana (Bezeichnung Gottes in seinem Aspekt als Urwesen, von dem alles ausgeht; wird oft auch als Aspekt Vishnus, des Erhalters, betrachtet) und berichtete ihm von den traurigen Zuständen auf der Erde. 
Narayana sagte zu Narada: „O ehrwürdiger Rishi, die Menschen sollen am Abend des Shankranti (letzter Tag des Jahres) oder an Purnima (Vollmondtag), das Satya Narayana Vrata begehen (ein Ritual zur Verehrung Vishnus; vrata = Gelübde).  Lasse sie alle die Geschichte von Satya Narayana hören. Alles Leid wird ein Ende haben. Daran gibt es keinen Zweifel.“
Narada kehrte daraufhin zur Erde zurück und verkündete den Ruhm des Satya Narayana Vrata. Viele befolgten das Gelübde, nahmen an diesem Tag keine Nahrung zu sich und erreichten, was sie sich wünschten. Alle waren glücklich und zufrieden.
Die Ausführung des Satya Narayana Vrata kostet nicht viel. Du brauchst nur dem Schriftgelehrten (Pandit), der vorbeikommt, um die Geschichte vorzulesen, ein kleines Geschenk zu geben. Dann verteile etwas Prasad (Nahrung, die vorher den Göttern geopfert wurde), was ebenfalls nicht kostspielig sein muss – ein bisschen Weizenmehl, Zucker, Quark und Obst reichen. Selbst der ärmste Mensch kann dieses Ritual einhalten. 
In Nordindien wird Satya Narayana Vrata von den meisten Menschen begangen. Das vollständige Ritual dauert etwa drei Stunden. Grundsätzlich wird es am Tag des Vollmonds ausgeführt, insbesondere an den Vollmondtagen der Mondmonate Kartik (Oktober/November), Vaisakh (April/Mai), Sravan (Juli/August) und Chaitra (März/April) sowie an Shankranti (dem letzten Tag des Jahres nach dem hinduistischen Kalender). Es kann auch an einem Neumondtag ausgeführt werden. 
Fünf Geschichten sind mit dieser Feier verbunden. Sie berichten von dem Ruhm und der Gnade Narayanas, seinem Prasad (Opfer, Geschenk) und dem unermesslichen Nutzen aus der Einhaltung dieses Gelübdes, wenn man den Geschichten mit Glauben, Hingabe und Konzentration des Geistes zuhört. Die erste Geschichte ist die von Narada, die oben schon erzählt wurde. Die anderen Geschichten vermitteln moralische Lehren, z.B. über Wahrhaftigkeit und Einhaltung von Versprechen usw. 
Die Geschichte vom armen Brahmanen 
Es war einmal ein sehr armer Brahmane (Angehöriger der Priesterkaste), der von Almosen lebte. Narayana erschien ihm in Gestalt eines alten Brahmanen, bat ihn, das Satya Narayana-Gelübde einzuhalten und versicherte ihm, dass er dann frei von Armut sein würde. Der Brahmane handelte danach und alle seine Wünsche wurden erfüllt. 
Die Geschichte vom Holzfäller
Derselbe Brahmane führte nun das Ritual in großartiger Weise aus. Da kam ein armer Holzfäller vorbei, der Wasser trinken wollte. Die Geschichte von Satya Narayana wurde gerade erzählt. Der Holzfäller, angezogen durch die kunstvolle Rezitation des Geschichtenerzählers, setzte sich und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Das inspirierte ihn, das Vrata selbst bei sich auszuführen. Er nahm etwas Prasad und aß es. 
Anschließend ging er zum Marktplatz und verkaufte sein Bündel Brennholz für den doppelten Betrag als sonst. Sofort kaufte er alles, was für die Ausübung des Satya-Narayana-Gelübdes notwendig war und hielt es von da an zusammen mit seiner Familie mit tiefem Glauben und Hingabe ein. Alle seine Wünsche wurden erfüllt. Er erfreute sich an allem, was dieses Leben auf Erden zu bieten vermag. Nach seinem Tod erreichte er die höchste Himmelsebene von Satya Loka (satya = Wahrhaftigkeit; loka = Welt, Ebene), wo allein die Wahrheit herrscht. 
Die Geschichte vom Kaufmann
Vor langer langer Zeit herrschte König Ulkamukha über die Erde. Er war ein Verehrer von Narayana. Auch die Königin war sehr gottesfürchtig. Eines Tages fasteten sie und führten das Satya Narayana Vrata am Ufer des heiligen Flusses Bhadrashila durch. 
Ein Kaufmann namens Sadhu kam zu dem König und fragte ihn, was er denn da tue. Der König erklärte ihm alles über das Satya-Narayana-Gelübde. Als Sadhu nach Hause zurückkehrte, berichtete er seiner Frau Lilavathi vom Ruhm und der Herrlichkeit des Satya Narayana Vrata, so wie er es vom König gehört hatte. Daraufhin gelobten beide, dieses Ritual einzuhalten, wenn sie mit einem Kind gesegnet würden. Lilavathi brachte auch bald ein Mädchen zur Welt, welches sie Kalavathi nannten. 
Sadhu beschloß, die Einhaltung des Gelübdes zu verschieben, bis seine Tochter verheiratet wäre. Schließlich fand die Hochzeit Kalavathis statt, aber inzwischen hatte Sadhu sein Gelübde vollkommen vergessen. Nach einiger Zeit fuhr er mit seinem Schwiegersohn in ferne Länder, um Handel zu treiben.
Narayana meinte nun, es sei höchste Zeit, Sadhu an sein Versprechen zu erinnern. Eines Nachts, als sich Sadhu in einem Ort namens Ratnasarpur befand, wurde er zusammen mit seinen Begleitern von der Polizei verhaftet und eingesperrt. Sie wurden des Diebstahls bezichtigt. Gleichzeitig hatten Diebe die Besitztümer Sadhus zu Hause gestohlen. 
Unterdessen führten die arme Lilavathi und Kalavathi ein elendes Leben auf der Straße. Eines Tages ging Kalavathi Almosen betteln und dabei geschah es, dass sie in einem Tempel etwas Prasad vom Satya-Narayana-Ritual bekam. Sie kehrte zu ihrer Mutter zurück und meinte, sie sollten ebenfalls dieses Gelübde durchführen. Das taten sie auch und verehrten Satya Narayana. 
An demselben Tag träumte der König von Ratnasarpur, dass Sadhu und seine Begleiter sich nicht wirklich eines Diebstahls schuldig gemacht hätten und dass sie freigelassen werden sollten, sonst würden er und seine Angehörigen vernichtet werden. Unverzüglich ließ er Sadhu und seine Begleiter frei und gab ihnen das Doppelte des Wertes für ihre Waren. 
Sadhu befand sich auf dem Rückweg zu seinem Heimatort, als Satya Narayana in Gestalt eines Bettelmönchs erschien und ihn fragte, was er auf dem Boot habe. Sadhu fürchtete, der Bettler werde ihn um Geld bitten. Deshalb erwiderte er, es seien nur lauter Blätter in dem Boot. Der Bettler erwiderte: „ Deine Worte werden sich bewahrheiten, o Kaufmann.”
Am Abend, als Sadhu wie üblich den Inhalt seines Bootes überprüfte, stellte er fest, dass sich in der Tat alle Juwelen in Blätter verwandelt hatten. Er erkannte, dass dies eine Folge seiner Unwahrhaftigkeit dem Bettelmönch gegenüber war. Er machte sich sofort auf, diesen zu suchen, fand ihn an einem einsamen Ort und bat ihn um Verzeihung. 
Der Bettelmönch sagte streng, „Du hast dein Versprechen, das Satya Narayana Vrata zu befolgen, nicht gehalten.” Dann offenbarte er sich dem Kaufmann in seiner wahren Gestalt, sprach Worte des Trostes und verschwand.
Sadhu kehrte zu seinem Boot zurück und fand alle Beutel wieder mit Juwelen gefüllt. Er verehrte Gott Satya Narayana mit aufrichtigem Glauben und Hingabe.
Nach fünf Tagen kam Sadhu in seinem Heimatort an. Er sandte eine Nachricht, um seine Frau und seine Tochter über seine Ankunft zu informieren. Als der Bote eintraf, hörten Lilavathi und Kalavathi gerade der Erzählung über Satya Narayana zu. Nachdem sie die Verehrung  beendet hatten, gingen sie, um Sadhu zu begrüßen, aber sie vergassen, von dem Prasad zu nehmen. 
Narayana wollte sie auf ihre Unachtsamkeit, das Prasad nicht genommen zu haben, aufmerksam machen. Das Boot mit all dem Reichtümern und dem Schwiegersohn sank. Der Schwiegersohn kämpfte verzweifelt um sein Leben. Sadhu, der am Ufer stand, betete und verehrte den Herrn. Da kam eine göttliche Stimme vom Himmel: „Kalavathi hat mein Prasad nicht genommen, deshalb geschieht dies.” Kalavathi eilte zurück und aß von dem Prasad. Als sie wieder kam, erblickte sie voller Freude ihren Vater und ihren Mann, der wunderbarerweise durch die Gnade Narayanas gerettet worden war. Sogar das Boot und die Juwelen konnten geborgen werden. Alle freuten sich. Sadhu erzählte alles, was sich während seiner Reise ereignet hatte und wie er von Gott aus seiner Not errettet worden war.
Von da an führten Sadhu und Lilavathi regelmäßig an Purnima (Vollmond) und Shankranti (letzter Tag des Jahres) das Satya Narayana Vrata aus und lebten glücklich. Sie erreichten die glückserfüllte Himmelsebene Narayanas. 
Die Geschichte von König Tungadhwaja
Eines Tages ging König Tungadhwaja auf die Jagd. Nachdem er ein gutes Stück gegangen war, überkam ihn die Müdigkeit. Er setzte sich unter einen Affenbrotbaum. In der Nähe führten ein paar Hirtenjungen das Satya-Narayana-Vrata durch. Sie hörten, dass ein König unter dem Affenbrotbaum ruhe. Einer von ihnen nahm ehrfurchtsvoll etwas Prasad und stellte es dem König hin.
Der König wollte nicht an der Zeremonie teilnehmen oder sich vor Gott verneigen. Er nahm auch nichts von dem Prasad. Stattdessen warf er einen Blick voller Abscheu auf das Dargebotene und kehrte hochmütig in seine Hauptstadt zurück. 
Gott beschloss, dem König eine Lehre zu erteilen. Dem König wurde gemeldet, dass seine Söhne und Töchter gestorben seien und sein ganzer Besitz zerstört worden sei. Er verstand intuitiv, dass dies eine Folge seiner Respektlosigkeit gegenüber Gott und seiner Opfergabe (Prasad) war. Er bereute sein falsches Handeln sehr.
Mit einem wehen aber reuigen Herzen machte er sich auf den Weg zu dem Affenbrotbaum, wo die Knaben Gott verehrt hatten. Er selbst führte nun die Verehrung mit starkem Glauben und Hingabe aus. Narayana gewährte dem König Seine Gnade und gab ihm seinen verlorenen Besitz und seine Kinder zurück. Von dieser Zeit an verehrte der König Gott regelmäßig und lebte sehr glücklich.
Wer dieses Gelübde, das sogar von den Göttern selbst eingehalten wird, mit Glauben, Hingabe und Selbstaufgabe befolgt, wer die heilige Geschichte von Satya Narayana mit Vertrauen und Hingabe hört, wer an der Verehrungszeremonie teilnimmt und das Prasad zu sich nimmt, erhält Gesundheit, Wohlstand und Freude. Er wird über den Sumpf der Weltlichkeit und die Bande des Todes erhoben. Er verweilt in der Wahrheit. Im Kali Yuga, im eisernen Zeitalter, wird man durch die Verehrung Gottes mittels des Satya Narayana Vrata glücklich, friedvoll und erfolgreich. So steht es in den alten Schriften.

 

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