Der Vollmondtag des Monats Ashad (Juli/August) ist der besonders gesegnete heilige Guru Purnima-Tag, der Tag der besonderen Verehrung des spirituellen Lehrers (guru = spiritueller Lehrer, purnima = Vollmondnacht). An diesem Tag, der besonders der Erinnerung an den großen Weisen Vyasa gewidmet ist, kommen die Sannyasins (Menschen, die der Welt entsagt haben) zusammen, um die von Vyasa verfassten und dreifach gesegneten Brahma Sutras (Aphorismen über den Schöpfergott Brahma) zu studieren und zu erläutern und sich mit vedantischen philosophischen Fragen zu beschäftigen (vedanta = eines der 6 Hauptphilosophiesysteme Indiens, wörtlich „Ende des Wissens).
Vyasa hat der Menschheit mit der Veröffentlichung der vier Veden (die ältesten Texte der indischen Literatur), der achtzehn Puranas (indische Göttergeschichten), der Mahabharata (großes indischen Heldenepos, das den Kampf der Nachkommen des Bharata beschreibt) und der Shrimad Bhagavata (Geschichte Krishnas) für alle Zeiten einen unvergesslichen Dienst erwiesen. Wir können die tiefe Schuld ihm gegenüber nur begleichen durch das ständige Studieren seiner Werke und Praktizieren seiner Lehren, die der Erneuerung der Menschheit in diesem eisernen Zeitalter dienen. Zu Ehren dieser göttlichen Persönlichkeit führen spirituelle Aspiranten an diesem Tag eine Puja (Verehrungsritual) zu Ehren von Vyasa aus und die Schüler verehren ihre spirituellen Lehrer. Alle Gläubigen verehren an diesem Tag Heilige, Mönche und in Hingabe an Gott lebende Menschen und erweisen ihnen wohltätige Gaben. Die Chaturma-Periode („die vier Monate“ = Regenzeit) beginnt an diesem Tag; die Sannyasins bleiben während der folgenden vier Regenmonate an einem Ort, um die Brahma Sutras (Sammlung von Aphorismen der Vedanta-Philosophie) zu studieren und Meditation zu praktizieren.
Spüre die tiefe Bedeutung dieses großartigen Tages. Er kündigt den ungeduldig erwarteten Regens an. Das Wasser, das im heißen Sommer aufgesaugt und in den Wolken gespeichert wurde, manifestiert sich nun in reichlichen Regenschauern, die überall das Erwachen neuen Lebens mit sich bringen. Genauso beginnt man nun, die durch geduldiges Lernen angeeignete Theorie und Philosophie ernsthaft in die tägliche Praxis umzusetzen. Der Aspirant beginnt oder beschließt ernsthaft, von diesem Tag an seine spirituelle Praxis zu vertiefen.
Erzeuge frische Wellen der Spiritualität. Transformiere alles, was du gelesen, gehört, gesehen und gelernt hast, durch Sadhana (spirituelle Praxis) in einen beständigen Strom allumfassender Liebe, in unaufhörlichen liebevollen Dienst und ständige Verehrung Gottes in allen Wesen.
Iß an diesem Tag nur Milch und Früchte und praktiziere intensiv Japa (das Rezitieren von Mantras) und Meditation. Studiere in den vier folgenden Monaten die Brahma Sutras und rezitiere die Mantras deines Gurus. Du wirst höchsten Nutzen daraus ziehen.
Der Tag der Verehrung des Lehrers ist ein Tag reiner Freude für den aufrichtigen spirituellen Aspiranten. Die Schüler sehen diesem Anlass aufgeregt, mit Eifer und Hingabe, entgegen, um dem geliebten Guru ihre ehrfürchtige Huldigung darzubringen. Der Guru ist es, der die Bande der Verhaftung durchtrennt und den Aspiranten von den Fesseln der irdischen Existenz befreit.
In den Shrutis („das Offenbarte“; heilige Schriften, Veden) heißt es: „Dem fortgeschrittenen Aspiranten, dessen Hingabe zu Gott groß ist und dessen Hingabe zu seinem Lehrer ebenso groß ist wie zu Gott, werden sich die in den Schriften erklärten Geheimnisse enthüllen.“ Der Guru ist Brahman, das Absolute, Gott selbst. Er führt und inspiriert dich aus deinem innersten Kern heraus. Er ist überall.
Ändere deine Sichtweise. Sieh das ganze Universum als die Gestalt des Guru (spiritueller Lehrer). Erkenne die führende Hand, die erweckende Stimme, die erleuchtende Berührung des Guru in jedem Wesen, jedem Objekt der ganzen Schöpfung. Durch deine veränderte Sichtweise wird nun die ganze Welt verwandelt erscheinen. Die Welt als Guru wird dir all die kostbaren Geheimnisse des Lebens enthüllen und dir Weisheit schenken. Der höchste Guru, der sich als sichtbare Natur manifestiert hat, wird dich die wertvollsten Lektionen des Lebens lehren.
Verehre täglich diesen Guru aller Gurus, der sogar den Avadhuta Dattatreya (avadhuta = jemand, der frei ist von Bindung und Anhaftung. Dattatreya = Inkarnation der hinduistischen Trininität Brahma, Vishnu und Shiva) lehrte. Dattatreya, der als Gott und Guru der Gurus angesehen wird, betrachtete die Natur selbst als seinen Lehrer und lernte viele Lektionen von ihren Geschöpfen. Es heißt, er habe 24 Gurus gehabt: Die stille, alles überdauernde Erde mit ihrer erhabenen Geduld; die schattenspendenden, früchtetragenden Bäume mit ihrer Bereitschaft sich selbst aufzuopfern; den gewaltige Banyan-Baum, der geduldig in einem winzigen Samen ruht; die Regentropfen, die mit Beharrlichkeit sogar die Berge abtragen; die Planeten und die Jahreszeiten mit ihrer geordneten Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit, und viele mehr – sie alle waren seine göttlichen Gurus. Wer mit offenen Augen und Ohren sieht und hört, wird lernen.
Öffne Dich, werde empfänglich. Entledige dich deines unbedeutenden Egos. All die Kostbarkeiten, die im Schoß der Natur eingeschlossen sind, werden dein. Du wirst in erstaunlich kurzer Zeit voran kommen und Vollkommenheit erreichen. Werde rein und frei wie die Brise in den Bergen. So wie die Flüsse ununterbrochen, ruhig und beständig ihrem Ziel, dem Ozean, zufließen, so lasse auch dein Leben unaufhörlich dem höchsten Zustand, absolutem Sein-Wissen-Glück zufließen, indem du all deine Gedanken, all deine Worte und all deine Taten nur auf dieses eine Ziel ausrichtest.
Der Mond scheint, indem er das blendende Licht der Sonne reflektiert. Und gerade an Purnima (Vollmond) strahlt er das wunderbare Licht der Sonne in vollem Glanz aus. Er verherrlicht die Sonne. Reinige dich durch das Feuer selbstlosen Dienens und durch Sadhana (spirituelle Praxis) und wie der Vollmond strahle im Licht deines wahren Selbst. Werde zur vollkommenen Widerspiegelung der göttlichen Großartigkeit, des Lichtes der Lichter. Setze dir folgendes als Ziel: „Ich werde ein lebender Zeuge der Göttlichkeit, der strahlenden Sonne aller Sonnen!“
Das Höchste Selbst allein ist wirklich. Es ist die Seele in allem. Es ist alles in allem. Es ist die Essenz des Universums. Es ist die Einheit, die trotz aller Vielfalt und Verschiedenheit der Natur in Wirklichkeit keine Dualität zulässt. Du bist dieses unsterbliche, alles durchdringende glückselige Selbst. Du bist Das. Verwirkliche dies und sei frei!
Denke an die vier wichtigen Aussagen der Brahma Sutras:
1. Athatho brahma jinjaa – Darum nun die Erkundung Brahmans
2. Janmasya yathah - aus dem der Ursprung hervorgeht
3. Shastra yonitwat - die Schriften sind die Mittel des rechten Wissens
4. Tat tu samanvayat - da dies die Hauptstütze (des Universums) ist.
Jaya Guru Shiva Guru Hari Guru Ram
Jagad Guru Param Guru Sat Guru Shyam
Mit Hilfe des Lehrers als Medium kann sich das Individuum zum Kosmischen Bewusstsein erheben. Durch dieses Medium kann das Unvollkommene vollkommen, das Begrenzte grenzenlos werden und das Sterbliche kann in das ewige Leben der Glückseligkeit übergehen. Der Guru ist tatsächlich ein Bindeglied zwischen dem Einzelnen und dem Unsterblichen. Er ist ein Wesen, das sich selbst von Diesem zu Jenem erhoben hat und deshalb freien und ungehinderten Zugang zu beiden Reichen hat. Er steht auf der Schwelle zum Unsterblichen. Indem er sich nach unten beugt, hebt er mit der einen Hand die ringenden Menschen hoch und mit der anderen hebt er sie empor in das Königreich immerwährender Freude und unendlichen Bewusstseins der Wahrheit.
Erkennst du nun die heilige und höchste Bedeutung der Rolle des Gurus in der Entwicklung der Menschheit? Das alte Indien bemühte sich mit gutem Grund, das Licht des Guru-Tattva (das Grundprinzip des spirituellen Lehrers) zu erhalten. Und es ist deswegen auch nicht ohne Grund, dass Indien Jahr für Jahr, Zeitalter für Zeitalter aufs neue dieses historischen Begriffs des Guru gedenkt, ihm huldigt, ihn verehrt und wieder und wieder anbetet, um so den Glauben und die Loyalität und Ergebenheit zum Guru zu festigen. Denn der spirituelle Inder weiß, dass der Guru die einzige Hilfe für den Menschen ist, die Knechtschaft von Leiden und Tod zu überwinden und das Bewusstsein der Wirklichkeit zu erfahren.
Gib die irrige Vorstellung auf, es zeuge von einer sklavischen Mentalität, sich dem Lehrer zu unterwerfen, ihm zu gehorchen und seinen Anweisungen zu folgen. Nur ein unwissender Mensch glaubt, es sei unter seiner Würde und gegen seine Freiheit, sich der Führung eines anderen Menschen zu fügen. Das ist ein schwerwiegender Fehler. Wenn du sorgfältig nachdenkst, wirst du erkennen, dass deine individuelle Freiheit in Wahrheit nur eine absolut erbärmliche Sklaverei deines eigenen Egos und deiner Eitelkeit ist. Sie ist ein Phantasiegebilde des sinnesorientierten Geistes. Wer über die Sinne und das Ego siegt, ist ein wahrhaftig freier Mensch. Er ist ein Held. Um diesen Sieg zu erreichen, fügt sich ein Mensch der höher entwickelten spirituellen Persönlichkeit des Guru. Durch diese Unterwerfung besiegt er sein niederes Ego und verwirklicht das Glück und den Frieden des grenzenlosen Bewusstseins.
Die Menschen in vergangenen Zeiten haben die Persönlichkeit des Guru als Gott verehrt, um den Glauben, das Vertrauen der unsicher schwankenden Menschen zu stärken und die innere Einstellung sicherzustellen, die notwendig ist, damit Verehrung überhaupt Früchte tragen kann. Anbetung des Guru ist wahrhaftig Anbetung des Höchsten. In dieser vergänglichen Welt ist der Guru wie ein Botschafter auf fremdem Territorium. So wie ein Botschafter seine Nation repräsentiert, so repräsentiert der Guru den vollendeten transzendenten Zustand, den er erreicht hat. So wie der Botschafter für seine Nation geehrt wird, so bedeutet die Verehrung und Anbetung des sichtbaren Guru die direkte Verehrung und Anbetung der Höchsten Wirklichkeit. Einen weit entfernten Baum kann man nicht sehen, doch durch den weit ausströmenden Duft seiner Blüten ist er sehr wohl zu erkennen. Und so ist auch der Guru wie eine göttliche Blume, die das göttliche Aroma des Selbst in dieser Welt verbreitet und auf diese Weise den unsterblichen Gott erkennen lässt, den man mit dem physischen Auge nicht sehen kann. Er ist ein beständiger Zeuge des Höchsten Selbst, die Entsprechung Gottes auf der Erde. Durch seine Verehrung erreicht man das Selbst.
Deshalb gedenke des Weisen Vyasa und der Gurus, die fest im Wissen um das Selbst verankert sind und verehre sie. Möge ihr Segen mit dir sein! Mögest du den Knoten der Unwissenheit durchtrennen und leuchten wie die gesegneten Weisen, die überall in der Welt Frieden, Freude und Licht verbreiten.
Im Sivananda Ashram in Rishikesh wird Guru Purnima jedes Jahr in großem Stil gefeiert. Dazu kommen viele Anhänger und Aspiranten (Schüler auf dem spirituellen Weg) aus allen Teilen des Landes. Der Tagesablauf ist:
1. Man steht um 4.00 Uhr zu Brahmamuhurta (die Zeit vor Sonnenaufgang, etwa zwischen 3 und 6 Uhr morgens) auf und meditiert über den Guru und singt seine Gebete.
2. Später am Tag wird eine heilige Verehrungszeremonie der Füße des Guru durchgeführt. Zu dieser Verehrung heißt es in der Guru Gita:
Dhyana mulam guror murtih;
Puja mulam guror padam;
Mantra mulam guror vakyam;
Moksha mulam guror kripa.
„ Auf die Gestalt des Guru sollte meditiert werden; die Füße des Guru sollten verehrt
und seine Worte sollten wie ein heiliges Mantra behandelt werden; seine Gnade garantiert
endgültige Befreiung!“
3. Am Mittag werden Sadhus (Heilige) und Sannyasins (Entsagte) geehrt und bewirtet.
4. Den ganzen Tag über gibt es Satsang (Zusammensein mit Weisen und Heiligen; wörtl. Gemeinschaft mit der Wahrheit), wobei Vorträge gehalten werden über die Großartigkeit der Hingabe an den Guru im besonderen und über spirituelle Themen im allgemeinen.
5. Verdiente Aspiranten werden in den heiligen Sannyas-Orden (als Mönche) eingeweiht, da dies ein höchst günstiger Tag dafür ist.
6. Sehr guru-treue Schüler fasten und verbringen den ganzen Tag im Gebet. Sie fassen neue Vorsätze für ihre spirituelle Weiterentwicklung.
Stehe an diesem heiligen Tag um 4.00 Uhr morgens (Brahmamuhurta, Zeit vor Sonnenaufgang) auf. Meditiere über die Lotosfüße deines spirituellen Lehrers. Bete zu ihm um seine Gnade, durch die allein du Selbstverwirklichung erreichen kannst. Mache kraftvolles Japa (Mantrawiederholung) und meditiere in den frühen Morgenstunden.
Nach dem Bad verehre die Lotosfüße, eine Statue oder ein Bild deines Lehrers mit Blumen, Früchten, äucherstäbchen und Kampfer. Faste oder nimm nur Milch und Früchte zu dir.
Setze dich am Nachmittag mit anderen Schülern zusammen und sprich mit ihnen über den Ruhm und die Lehren deines Guru. Statt dessen kannst du den Tag auch schweigend verbringen, Bücher und Schriften deines Guru lesen oder dich mental mit seinen Lehren beschäftigen.
Erneuere an diesem Tag deine Vorsätze, dem spirituellen Weg in Übereinstimmung mit den Grundsätzen deines Gurus zu folgen.
Setze dich abends wieder mit anderen Schülern zusammen und singe die Namen Gottes und den Ruhm deines Lehrers. Die beste Art der Verehrung des Meisters ist es, seinen Lehren zu folgen, seine Lehren im eigenen Leben zu verkörpern und so seinen Ruhm und seine Botschaft zu verbreiten.