Die Yoga-Weisheit der BHAGAVAD GITA
für Menschen von heute – Kapitel 2

– Band 1 - Text und Erläuterung: Sukadev Bretz –

Kapitel 2 – Samkhya Yoga

Das zweite Kapitel beginnt mit den Worten Sanjayas.

Kap. 2 Vers 1-2:
Sanjaya sprach: „Zu dem vom Mitleid Überwältigten und Mutlosen, dessen Augen voll Tränen standen und er der sehr erregt war, sprach Madhusadana (der Zerstörer Madhus, (also) Krishna): Krishna sprach: „Woher kommt diese gefährliche Verzweiflung über dich, diese Niedergeschlagenheit, die deiner nicht würdig ist und unehrenhaft, und die die Himmelstore vor dir verschließen wird, Oh Arjuna?“

„Sri bhagavan uvaca“ bedeutet immer „sprach“. In der Bhagavad Gita kann man immer > wieder den Begriff „Bhagavan“, was übersetzt „Gott“ heißt, finden. Insbesondere die Manifestation von Vishnu wurde als Bhagavan bezeichnet. In dieser Ausgabe wird es immer übersetzt mit den Worten: „Krishna sprach“. Man könnte auch sagen „Gott sprach“ oder „der gepriesene Herr sprach“:

„Woher kommt diese gefährliche Verzweiflung über dich, diese Niedergeschlagenheit, die deiner nicht würdig ist und unehrenhaft, und die die Himmelstore vor dir verschließen wird, Oh Arjuna?“

In diesen Versen, genauso wie im gesamten ersten Kapitel, spricht Krishna zu Arjuna nicht höchste Worte der Weisheit. Deswegen werden die Verse auch von Swami Sivananda nicht kommentiert.
Der Grund dafür ist, dass Arjuna sich bislang immer als Freund an Krishna gewandt hat. Nehmt zum Beispiel einmal an, ein Freund von euch würde ein Yogaseminarhaus eröffnen und hätte viele Schwierigkeiten bei der Eröffnung und Vorbereitung. Eräußert darauf den Wunsch, das Zentrum gleich wieder zu schließen. Wie würdet ihr als guter Freund oder gute Freundin verhalten?
Natürlicherweise würdet ihr ihm gut zureden. Ihr würdet ihm sagen: „Du hast dir das doch vorher gut überlegt. Das sind jetzt nur Anfangsschwierigkeiten. Das ist ganz normal. Mach weiter. Du warst dir vorher doch sehr sicher. Warum bist du dir jetzt nicht mehr so sicher? Du hast mir doch vorher auch gesagt, dass es eventuell Probleme geben könnte. Mach einfach weiter, du hast ja erst damit angefangen.“ Solche oderähnliche Worte würdet ihr zu eurem Freund oder eurer Freundin sprechen.

Und genau auf dieselbe Weise spricht auch Krishna zu Arjuna. Er spricht zu ihm als Freund und nicht als Lehrer. Wenn er Hilfe von Krishna als Lehrer hätte bekommen wollen, hätte er ihn auch als Lehrer ansprechen müssen. Allgemein gilt, wenn man von jemandem Weisheit haben will, sollte man ihn auch als Lehrer behandeln. Wenn man jemanden wie einen Freund behandelt, bekommt man eine Antwort als Freund. Wenn man jemanden wie einen Schriftgelehrten behandelt, bekommt man eine Antwort als Schriftgelehrter. Wenn man aber wirkliche Weisheit bekommen möchte,
gelehrt werden möchten, dann muss man die betreffende Person als Lehrer behandeln.

Und da Arjuna Krishna nur als Freund behandelt, antwortet Krishna ihm nur als Freund. Krishna fragt Arjuna, woher seine Verzweiflung kommt, die seiner nicht würdig ist, die unehrenhaft ist und macht ihm klar, das ihm die Himmelstore verschlossen sind. Die Aufgabe eines Kshatkriyas ist es, einen gerechten Krieg zu führen. Wenn ein Kshatkriya feige ist, dann ist das Papa, Sünde. Dann kommt er in die Hölle.

Kap. 2 Vers 3-4:
„Erliege nicht der Hilflosigkeit, Oh Arjuna, Sohn Prithas. Sie schafft dir keinen Nutzen. Treibe diese armselige Schwäche aus deinem Herzen! Steh auf, Oh Zerstörer der Widersacher!“

„Arjuna sprach: Oh Madhusudana, wie soll ich im Kampf Pfeile gegen die verehrungswürdigen Bhishma und Drona schicken, Oh Zerstörer der Feinde?“ Arjuna will von Krishna wissen, wie er gegen seine Lehrer kämpfen soll. Bhishma und Drona waren die Lehrer Arjunas. Von ihnen hatte er sowohl spirituelle Lektionen empfangen, als auch die Staatskunst gelernt. Ebenfalls lehrten sie ihn Waffen- und Heerkunst.

Kap. 2 Vers 5-6:
„Besser ist es in der Tat, in dieser Welt Almosen zu empfangen, als die edelsten Lehrer niederzustrecken. Töte ich sie aber, wird schon in dieser Welt all meine Freude am Besitz und an der Erfüllung meiner Wünsche mit (ihrem) Blut befleckt sein. Schwerlich kann ich sagen, ob es besser wäre, wir bezwängen sie, oder sie bezwängen uns. Auch die Söhne Dhritarashtras stehen uns gegenüber; nachdem sie getötet wurden, möchten auch wir nicht mehr leben.“

Der Kampf auf dem Schlachtfeld steht symbolisch für viele Situationen. Glücklicherweise ist niemand von uns in der Situation, dass er über einen Krieg zu entscheiden hätte. Und ich hoffe, dass wir über so etwas niemals entscheiden müssen. Der deutsche Bundestag musste irgendwann mal entscheiden, ob er Truppen in den Kosovo oder nach Afghanistan entsenden wollte. Dies war keine leichte Entscheidung. Menschen, die zum Teil Jahre und Jahrzehnte für bedingungslosen Pazifismus gekämpft haben, dafür demonstriert haben, haben entschieden, Heere und Truppen dorthin zu entsenden. Es war eine äußerst schwierige Situation und es ist schwierig zu beantworten, was wirklich richtig oder falsch wäre. Dies ist ein Beispiel, derer es viele gibt.
Oft geschehen kleinere Ungerechtigkeiten, bei denen wir überlegen können, ob wir etwas dagegen unternehmen oder nicht. Manchmal tun wir aus Bequemlichkeit nichts dagegen. Wir fühlen zwar in unserem Herzen, dass wir etwas tun sollten, aber es wäre eine Menge an Anstrengung notwendig. Oft sind wir nicht dazu bereit die auf uns zu nehmen oder wir überlegen länger, ob wir sie auf uns nehmen wollen. Wir fragen uns:„Soll ich das wirklich auf mich nehmen? Es wäre doch besser, wenn ich zwei Stunden am Tag habe, um zu meditieren als mich so zu bemühen.“

Als bei Yoga Vidya im Jahr 2000 nach vier Jahren das Seminarzentrum „Haus Yoga Vidya Westerwald“ gut lief, haben wir überlegt, ob wir ein weiteres Seminarzentrum eröffnen wollten. Manchmal habe ich gedacht: Warum sollen wir uns das eigentlich antun? Das Haus Yoga Vidya Westerwald lief gut, wir bräuchten nur die Preise um 20% anzuheben. Bei dem Andrang, den wir hatten, wäre das ohne Schwierigkeit möglich gewesen und dann hätten wir ein schönes Team zusammengesetzt und ein ruhiges, bequemes Leben führen können. Das Haus Yoga Vidya Westerwald war ausgebaut, warum also sollten wir uns weiter anstrengen? Ihr wisst, wie wir uns entschieden haben: Wir haben ein weiteres Seminarhaus gesucht und 2003 das sehr viel größere „Haus Yoga Vidya Bad Meinberg“ eröffnet, was dann wieder zu vieler Mühe geführt hat…
So ist oft die Frage: Sollen wir es uns bequem machen oder uns anstrengen? Sollen wir Sicherheit suchen oder ein Risiko eingehen?

Eine andere Anwendung der Bhagavad Gita: Manchmal stehen wir vor Entscheidungen, und wir wissen ganz genau, was wir tun sollten. Wir sind aber zu faul, zu tamasig (träge) und wollen es nicht wirklich tun.

Manchmal entdecken wir zum Beispiel, dass wir den einen oder anderen Fehler in uns oder schlechte Angewohnheiten haben. Das habt ihr bestimmt auch schon mal an euch entdeckt. Und dann lesen wir in den Schriften, dass es gut ist, gegen schlechte Gewohnheiten anzugehen. Es ist gut gegen Ungeduld anzugehen. Es ist hilfreich, Gier und Ängste zu überwinden. Wenn wir eine schlechte Angewohnheit festgestellt haben, machen wir uns auf den Weg und sagen uns: „Ich werde etwas gegen meine Schüchternheit tun.“ Wenn wir uns die Schüchternheit dann näher anschauen: Was stellen wir fest? Sie ist irgendwie mit uns verwandt. Irgendwie bin ich das doch, warum soll ich dagegen angehen? Die Schüchternheit ist ein Teil von mir. Soll ich jetzt w i r k l i c h etwas dagegen tun? Soll ich mich darum bemühen sie abzulegen? Natürlich gibt es geeignete Mittel dafür: Ich kann über Mut meditieren. Ich kann mich freiwillig als Yogalehrer für große Yogastunden und Vorträge melden. Ich kann mich an meinem Arbeitsplatz melden, um Referate zu halten. Ich kann Elternsprecher werden oder mich in einer politischen Partei engagieren, für den Stadtrat kandidieren usw. Es gibt viele Möglichkeiten. Und dann denken wir plötzlich, ich will lieber mich lieber weiterhin in meinem Mauseloch verstecken. Ich habe viele Jahre oder gar Jahrzehnte ganz gut mit dieser Eigenschaft gelebt, warum sollte ich jetzt plötzlich dagegen kämpfen?
Wir befinden uns immer wieder an einem Scheideweg. Und immer wenn wir uns an einem Scheideweg befinden, immer wenn es gilt, wichtige Entscheidungen zu treffen, gibt uns Krishna in der Bhagavad Gita wichtige Hinweise. Oft sind diese nicht ganz leicht zu befolgen, denn sonst bräuchte die Gita kein ganzes Buch zu sein, und Vyasa hätte nach den nächsten Versen, nach der Antwort Krishnas an Arjuna einfach aufhören können, weiterzuschreiben. Krishna hätte sagen können: „Ich als Gottinkarnation von Vishnu sage dir klar, das ist deine Aufgabe.“ Aber genau diesem Wunsch Arjunas kommt er nicht nach. Stattdessen gibt er ihm und uns viele Kriterien an die Hand, die uns helfen, zu einer Entscheidung zu kommen. Und im 18. Kapitel Vers 63 sagt er:
„Nachdem du all das überlegt hast, handele wie du willst.“
Und zum Schluss rät Krishna Arjuna, ihm alles, was auch immer er tut, darzubringen.

Kap. 18 Vers 66 :
„Gib alle Pflichten auf und suche Zuflucht nur bei Mir alleine: Ich werde dich von allen Sünden befreien; sorge dich nicht.“
Sarva-dharman parityajya mam ekam saranam vraja aham tva sarva-papebhyo moksayisyami ma sucah.

Arjuna wollte von Krishna wissen, was sein Dharma ist, was seine Pflicht, was seine Aufgabe ist. 17 Kapitel lang erzählt Krishna ihm, wie er herausfinden kann, was sein Dharma ist. Und dann sagt er ihm: „Jetzt überlege all dies und dann tue, wie du merkst dass es richtig ist. Danach gib die Vorstellung von richtig und falsch auf. Widme alles mir und ich erlöse dich von allen Papas (Schuld, Sünde).“

Vor allen schweren Entscheidungen - inneren oder äußeren - sollten wir das berücksichtigen,
was Krishna in diesen 17 Kapiteln erzählt. Und ein kleiner Trost ist: oft wissen wir dann immer noch nicht, was das Richtige ist. Das macht das Leben nicht einfacher. Manchmal stelle ich Menschen in meinen Seminaren oder Vorträgen drei Fragen:

  1. Wer hat das Gefühl, dass das Leben einfacher geworden ist, seit er Yoga macht?
  2. Wer hat das Gefühl, dass das Leben erfüllter geworden ist, seit er Yoga macht?
  3. Wer meint denn, dass das Leben schöner und lebenswerter geworden ist, seit er Yoga macht?

Fast alle, die länger Yoga machen, finden, dass das Leben seit Beginn der Yogapraxis zwar nicht einfacher, aber dafür erfüllter und lebenswerter geworden ist.

Der buddhistische Meditationslehrer Jack Kornfield zum Beispiel sagt: Wenn man lernt mit zu leiden, dann leidet man auch mehr. Aber auch die Fähigkeit Leiden zu ertragen wird dann größer. Im deutschen Sprachraum sprechen Menschen oft von Mitgefühl oder Mitleid. Viele Menschen möchten Mitgefühl aber kein Mitleid bekommen. Doch ich finde, wenn der andere Mensch leidet und man dann mit ihm mit fühlt:
Welche Emotion ist das dann, wenn nicht Mitleid? Oft wenden Menschen dann ein, es käme darauf an, worauf ich das Bewusstsein lege. Lege ich es auf sein Leid oder darauf, ihm aus seinem Leid herauszuhelfen. Das wäre schon ein großer Unterschied. Dem antworte ich meist: „Manchmal hilft man jemandem aus seinem Leid heraus, indem man seinen Schmerz fühlt. Manchmal sind Ratschläge das Dümmste, was man in dem Moment machen kann.“

Relativ oft gibt es Menschen, die leiden und einem ihr Leid klagen. Und was macht derjenige, dem das Leid geklagt wird? Er gibt einen Ratschlag. Das führt bei dem Leidenden dann oft nur dazu, dass er sich völlig unverstanden fühlt. Natürlich können wir auch nicht mit jedem Einzelnen leiden. So groß ist unsere Leidensfähigkeit auch nicht. Aber manchmal kann es durchaus zu einem Problem werden, denn als Yogis werden wir feinfühliger. Viele Menschen, die einige Zeit auf dem Yogaweg sind und gefragt werden: „Hast du das Gefühl, dass du, seit du Yoga machst feinfühliger geworden bist?“ antworten mit: „Ja“.
Durch Yoga wird das Leben also nicht unbedingt einfacher. Wir wissen auch nicht immer direkt, was die richtige Entscheidung ist, aber wir haben viele Kriterien, um Entscheidungen fällen zu können. Wenn die Kriterien nicht ausreichend hilfreich sind und wir immer noch nicht wissen, was wir tun sollen, können wir eine Entscheidung treffen und sagen: „Oh Gott, ich mache das jetzt so und so. Ich bin mir nicht sicher ob es richtig ist. Ich bringe dir diese Entscheidung ganz und gar dar. Ich bringe dir die Handlung ganz dar. Wenn du willst, dass ich es nicht so mache, dann kannst du mich ja immer noch davon abhalten.“ Damit ist es nicht mehr die eigene Verantwortung, sondern Gottes Verantwortung.
Doch bevor Krishna Arjuna überhaupt lehren kann, muss der siebte Vers kommen, welchen ich persönlich für den wichtigsten Vers halte. Ohne diesen siebten Vers gäbe es die Bhagavad Gita überhaupt nicht.

Kap. 2 Vers 7:
„Mein Herz ist vom Makel des Mitleids überwältigt; mein Geist verwirrt hinsichtlich
meiner Pflicht. Ich bitte Dich: Sage Du mir klar, was für mich richtig ist. Ich bin Dein Schüler. Lehre mich, da ich bei dir Zuflucht gesucht habe.“

Mit diesen Worten öffnet sich Arjuna für Krishna als Lehrer. Er macht ihn jetzt zum Lehrer. Er akzeptiert ihn als Lehrer. Die vorherige Freundschaftsbeziehung ist aufgehoben. In diesem Moment bittet er um die Schülerschaft.
An einigen Stellen in der Bhagavad Gita kann man sehen, dass Arjuna anfangs nicht mit den Anforderungen Krishnas zufrieden ist. Arjuna sagt z.B.: „Sag mir jetzt klar, was für mich richtig ist.“ Vermutlich hätte er es noch deutlicher formuliert und gesagt: „Du, Krishna, sage mir jetzt was ich tun soll.“ Und erwartet hätte er vermutlich eine Antwort Krishnas wie: „Ich, Krishna, Manifestation Gottes, sage dir, mach es so und so.“

Mein Lehrer, Swami Vishnu, hat mir auch fast nie eindeutig gesagt was ich tun soll, auch wenn es um wichtige Entscheidungen ging, vor denen ich gestanden habe. Er gab mir immer nur Kriterien, anhand derer ich vielleicht selbst entscheiden konnte. Das machen eigentlich alle großen Meister. Manche Menschen haben ja angst, wenn sie zu einem großen Meister gehen, versklavt zu werden. Aber die echten Meister handeln nicht so. Die guten Meister geben uns nur gute Kriterien, anhand derer wir uns dann entscheiden können.

Was qualifiziert nun Arjuna dazu, Schüler von Krishna zu werden? Welche Eigenschaften besitzt er für die Schülerschaft?

Er will Wissen.

Er ist um Frieden und um Gerechtigkeit bemüht. Dies ist auch sein Problem, denn die beiden Sachen widersprechen sich. Er will das höchstmögliche Gute tun. Es geht ihm weniger darum herauszufinden, wie er sich nachher besser fühlt. Es geht um Vairagya (Wunschlosigkeit). Arjuna besitzt Verhaftungslosigkeit, Wunschlosigkeit. Es geht ihm nicht darum, ob er reich wird oder nicht. Das Königreich ist ihm egal. Sinnesgenüsse sind ihm egal. Es ist ihm auch egal, wie er sich gut fühlen kann. Darüber spricht er nämlich überhaupt nicht. Es geht ihm darum, wie er das tun kann, was das Richtige ist. Er spricht zwar davon, was in der Situation das Richtige für ihn ist, will aber eigentlich wissen, wie er richtig handeln kann. Auch wir können überlegen, was für uns das Richtige ist.
Öfters wird die Frage gestellt: „Wie finde ich meinen Guru?“ oder „Brauche ich überhaupt einen Guru?“ Solange man sich die Frage noch stellt, braucht man ihn nicht wirklich. Wenn man ihn wirklich braucht, dann stellt sich die Frage nicht mehr. Wie können wir nun unseren Guru finden? Nicht dadurch, dass wir im Internet nachschauen nach Schlagworten wie „Guru, gut, qualifiziert, anerkannt“. Ich habe schon mal irgendwo eine Gurusuchmaschine gefunden, da gibt man ein paar Stichworte ein und dann steht da durchaus, welche der jetzigen Gurus für einen in Frage kommen.

Er besitzt Hingabe. Er sagt jetzt zu Krishna: „Lehre Du mich, was das Richtige ist.“ Er ist auch innerlich bereit, das zu befolgen, was Krishna ihm sagen wird.

Er praktiziert seit vielen Jahren regelmäßig Meditation, Pujas, Asanas und Pranayama. Ich habe schon einen Kommentar gelesen, wo Krishna dem jugendlichen Arjuna die Weisheit der Bhagavad Gita beibringt. Selbst Arjuna hat schon erwachsene Kinder, die auf dem Schlachtfeld mitkämpfen. Er kann also nicht so jugendlich sein.

Er weiß nicht weiter. Es heißt, ist der Schüler bereit, ist der Lehrer nicht weit. Solange alles gut geht auf dem Weg, braucht man auch keinen Lehrer. Und selbst, wenn der Lehrer da ist, wird man nicht übermäßig viel von ihm profitieren. Man praktiziert einfach. Aber dann, wenn man nicht mehr weiter weiß, Wissen will, bereit ist für Hingabe und der Geist über lange Praxis schon gereinigt ist, dann kann man den Lehrer verstehen. Als Lehrer können wir Gott annehmen, von dem wir intuitive Antworten bekommen. Oder wir können einen Menschen annehmen, den wir bis zu diesem Zeitpunkt als Freund betrachtet haben, der viel weiß. Oder jeden beliebigen Menschen, von wir annehmen, dass er ein großer Meister ist und der bislang weit entfernt von einem selbst war. Es gibt viele Möglichkeiten.

Arjuna hat selbst schon nachgedacht. Er ist besonnen.

Wenn wir selbst uns einen Lehrer wünschen, brauchen wir auch all diese Voraussetzungen. Wir müssen selbst wissen wollen. Wir müssen bereit sein, uns hinzugeben. Wir sollten schon eine Weile praktiziert haben, dass wir uns wirklich einstimmen können. Wir sollten nicht abwarten, bis der Lehrer auf uns zukommt. Wir sollten bewusst unser Leben führen. Wir sollten unsere Entscheidungen nicht danach fällen, was für uns angenehm und bequem ist. Auch sollten wir nicht überlegen, was lässt mich gut fühlen und nur das tun, sondern wir sollten uns überlegen, wie wir so
handeln können, dass es das größtmögliche Gute bewirkt.
Patanjalis Theorie besagt letztlich auch: Wenn wir uns wirklich um etwas bemühen, dann fühlen wir auch Ananada im Inneren. Wir sind weniger an den Früchten unserer Handlung interessiert. Wenn wir nach diesem Motto leben, wenn wir so handeln und dann in Situationen kommen, wo wir nicht mehr weiter wissen, dann können wir beten. Dann wird der Meister sich manifestieren, oder Gott wird zu uns sprechen, oder wir spüren die innere Führung. Dies verspricht uns Krishna auch am Ende des 18. Kapitels.
Eine weitere Eigenschaft, die Arjuna als Schüler prädestiniert - die aus den bisherigen Versen nicht deutlich wird, sondern erst in späteren Versen - ist, er hakt nach. Er hinterfragt alles. Swami Vishnu hat uns immer gesagt, dass es verschiedene Arten von Fragen gibt. Es gibt die satvige Art von Fragen, wo man fragt, weil man es wirklich wissen will. Es gibt die rajasige Art von Fragen, bei der man Fragen stellt, um zu zeigen, dass man selbst Recht und der andere Unrecht hat.
Und dann gibt es noch eine dritte Art von Fragen, nämlich die tamasige Art, die mit dem Thema nichts zu tun haben. Man stellt sie einfach, weil man unachtsam war. Man hat etwas nicht verstanden und glaubt auch nicht, dass man es verstehen kann, aber man äußert sich trotzdem.
Arjuna ist der sattvige Schüler. Krishna ist der sattvige Lehrer. Er nimmt Arjuna die Verantwortung nicht ab obwohl er ihm in den ersten Kapiteln öfters sagt: „Es wäre besser, wenn du kämpfst.“ Aber weil Arjuna zu sehr zu einer Meinung neigt, will Krishna ihm erst mal eine andere Perspektive vermitteln. Trotzdem lässt er in den letzten Kapiteln die Antwort letztlich offen. Arjuna hätte sich am Ende der Bhagavad Gita auch anders entscheiden können. Er hat sich ja, wie ihr wisst, entschieden zu kämpfen. Arjuna hätte aber auch die Lehren von Krishna annehmen können. Er hätte dann vielleicht genauso gut spüren können, dass er nicht kämpfen müsste. Er hätte dann auch dieses Gefühl Gott weihen können. Der Ausgang dieses Lehrgespräch war nicht eindeutig klar. Für Arjuna allerdings war alles klar. Er wusste, dass zu kämpfen seine Pflicht war. Es kam zu einem furchtbaren Gemetzel. Die meisten der Krieger sind gestorben. Die Pandavas haben irgendwie gewonnen. Ein paar von ihnen überlebten. Von den Kauravas überlebten nur wenige. Und die wenigen überlebenden Kauravas sind dann noch nachts eingedrungen und haben die restlichen Überlebenden der Pandavas umgebracht. Letztlich haben nur die fünf Pandavas und wenige andere überlebt. Die Pandavas kehrten in das Königreich zurück und bemühten sich darum, die Verwaltung wieder zu organisieren und Gerechtigkeit herzustellen. Danach übergaben sie die Regierung an fähige Nachfolger. Sie zogen sich wieder von der Regierung zurück. Sie lebten im Wald, wo sie meditierten und andere Praktiken übten.
Manche Menschen sagen, das wäre nicht gerade ein Happy End und damit haben sie Recht. Interessanterweise ist es so, dass die meisten mythologischen Geschichten kein Happy End haben. Die Bibel hat nicht wirklich ein Happy End, da Jesus ans Kreuz genagelt wird. Er ersteht zwar wieder auf und kommt in den Himmel, aber trotzdem ist es kein Happy End. Die Apostelgeschichte endet blutig. Sie werden alle ans Kreuz geschlagen.
Auch die Nibelungensage hat, genauso wie der trojanische Krieg, kein Happy End. Erst werden alle Menschen in der Stadt getötet und am Ende, wenn die Sieger heimkehren werden sie zuhause umgebracht. Kaum eine der über jahrtausende bekannten Mythen hat ein Happy End. Man kann sich auch fragen, warum dem so ist. Auch im alten Testament wird nur getötet. Es endet damit, dass das Volk Israel ins Exil gehen und dort bleiben muss. Sie kehren erst sehr viel später wieder zurück ins gelobte Land, wo sie Gott erneut verraten. Auf der physischen Ebene gibt es nicht wirklich ein Happy End. Es gibt verschiedene Interpretationen der Bhagavad Gita. Ich selbst habe mal eine Interpretation gelesen, in der das Verhalten von Bhishma kritisiert wird. In diesem Kommentar heißt es, er hätte sich anders verhalten müssen. Er hätte den Thron besteigen müssen, dann wären die Probleme gar nicht erst entstanden.
Er hätte seinem Vater nie das Versprechen geben dürfen, den Thron nicht zu besteigen. Sein Vater hatte ein Verhältnis mit einer anderen Frau gehabt. Diese wurde schwanger und gebar einen Sohn. Daraufhin hatte Bhishma hatte seinem Vater versprochen, damit dieser diese Frau heiraten kann, auf den Thron zu verzichten und ein ewiger Brahmachary zu werden. Dieser Sohn jedoch war kein sehr fähiger König. Deshalb kam es zu Problemen. Weiterhin wird in diesem Kommentar gesagt, Bhishma hätte sein Gelübde brechen müssen zum größten Wohl des Ganzen.
Die Inder haben zahlreiche Überlegungen angestellt darüber, wie die Mahabharata hätte geschrieben und wie sie hätte ausgehen können. Aber es ist natürlich müßig.

Manchmal taucht die Frage auf: „Warum hat Arjuna sich so verhalten? Er hätte ja auch direkt sagen können, ich ziehe mich zurück und meditiere. Aus der Sicht von Krishna gibt es ja keinen wirklichen Tod und so ist es ja in gewisser Weise egal wie er sich verhält. Wenn ich jetzt so an Ahimsa denke, dann hätte er doch besser alle Waffen niederlegen und zum Frieden auffordern sollen.“
Darauf kann ich nur antworten, dass Duryodhana den Krieg dann fortgesetzt hätte. Und mir wäre es auch viel lieber gewesen, wenn Arjuna nicht gekämpft hätte. Wenn er alle Waffen niedergelegt und sich einfach hingesetzt hätte. Alle wären dann von seiner menschlichen Größe begeistert gewesen. Sie hätten dann gegen Duryodhana revoltiert und es wäre alles friedvoll ausgegangen. In diesem Fall hätte es geklappt. Es hätte auch bei Hitler geklappt, wenn bereits 1933 ein Generalstreik ausgebrochen wäre. Schon bereits in der ersten Woche des Februars 1933 wäre der Spuk zu Ende gewesen. Da das nicht geschehen ist, wurde er zu mächtig. Es hat zwar in einigen Fällen, z.B. als er
befohlen hat, alle Behinderten zu ermorden geklappt, denn da ist Bischoff von Galen aufgestanden und hat einen erfolgreichen Widerstand organisiert. Nun kann ich nichts daran ändern, dass die Mahabharata so ausgegangen und so schlimm ausgegangen ist. Doch gerade dieser Ausgang lehrt uns auch etwas sehr Wesentliches nämlich, dass wir uns durch Krisen weiter entwickeln und, dass nicht immer, wenn wir etwas Gutes tun infolgedessen auch alles gut enden wird.
Äußerlich geht nicht immer alles gut. Manche Menschen fragen sich öfters warum plötzlich alles in ihrem Leben schief geht, obwohl sie doch nur gut gehandelt haben. Warum sie krank werden, Krebs bekommen usw., wo sie doch so viel Yoga gemacht haben, sich gesund ernährt haben und gute zwischenmenschliche Beziehungen gepflegt haben. Sie haben jahrelang Psychotherapie gemacht, um alle inneren Spannungen aufzulösen und eigentlich waren sie im Frieden mit sich selbst und mit
anderen. Warum werden sie dann trotzdem krank? Sie waren immer für andere Menschen da und haben allen Menschen Gutes getan. Warum passiert es jetzt ausgerechnet ihnen, dass ihr Haus angezündet wird und ihre Familie darin stirbt?
Dem kann man nur entgegnen, dass nicht immer, wenn wir alles richtig machen, wir auch automatisch auf der physischen Ebene belohnt werden, zumindest nicht in diesem Leben. Wir sammeln Karma und vielleicht geschieht uns dann im nächsten Leben etwas Positives. Aber darum geht es hier nicht wirklich. Sondern es geht darum, dass wenn wir alles richtig machen, wir eine Seelenkraft und einen Frieden bekommen, so dass wir auch mit Katastrophen umgehen können. Für materialistisch veranlagte Menschen ist das keine zufrieden stellende Antwort. Sie widerspricht einer unserer populären Weltanschauung, die wir bewusst oder unbewusst in uns tragen, nämlich
der, dass: Wenn ich mich gut verhalte und alles richtig mache, dann gibt es in meinem Leben keine Katastrophe. Dann geht alles gut. Deshalb fragen sich Menschen wenn ihnen etwas Schlechtes widerfährt: "Warum mir? Was habe ich falsch gemacht? Warum ich?" Im Jahr 2004 gab es eine große Tsunamiwelle mit 230.000 Toten. Eine unserer Seminarleiterinnen war mit ihrem Mann in der Zeit des Tsunami dort. Dessen Familie lebt in einem Dorf direkt am Meer. In diesem Dorf haben die meisten Menschen überlebt. In den Nachbardörfern sind alle gestorben. Was hat dieses eine Dorf gemacht, dass es nicht überschwemmt wurde und was haben die anderen gemacht, dass sie
überschwemmt wurden? Wir können nicht sagen, was sie gemacht haben. Wir können vielleicht aus dem Karma heraus argumentieren: Die Bewohner dieses Dorfes haben vielleicht im früheren Leben irgendetwas gemacht. Vielleicht hilft das dem einen oder dem anderen. Aber wir können sagen, wir wissen es nicht wirklich. Der spirituelle Weg will uns nicht vor Katastrophen bewahren. Er wird uns helfen, eine Festigkeit in uns zu entwickeln und Zugänge finden zu etwas in uns, so dass selbst wenn Katastrophen geschehen, wir diese ertragen und daran wachsen und lernen können.
Es gibt eine interessante wissenschaftliche Untersuchung, die untersucht hat, wie Buddhisten mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Sie selbst haben grässliche Sachen erlebt. Sie wurden vertrieben oder sind geflüchtet. Sie haben erlebt, wie ihre ganze Familie getötet wurde. Sie haben mit ansehen müssen, wie ihre Mutter, Schwester, Töchter vergewaltigt wurden. Sie waren zugegen, als Freunde und Bekannte gefoltert wurden. Der Terror machte auch vor Nonnen nicht halt. Sie wurden in Klöstern vergewaltigt.
Durch die Untersuchung hat man herausgefunden, dass die tibetischen Buddhisten sehr viel seltener unter posttraumatischem Syndrom gelitten haben als andere Opfer. Sie haben zwar in dem Moment und die Monate und Jahre danach furchtbar grausam gelitten, aber nicht mehr 12,20,30 Jahre später. Sie fühlten sich dann nicht mehr verfolgt. In ihrer Weltanschauung hatten Katastrophen einen Platz.
Bei Menschen, in deren Leben Katastrophen keinen Platz haben und trotzdem Katastrophen auftreten, kommt es zu großen Traumata. Ihr Verständnis der Welt und ihre Sichtweise bezüglich Sinnzusammenhänge sind vernichtet. Und man muss letztlich sagen, dass es keine 100% zufrieden stellende Antwort auf die ganzen Leiden in der Welt gibt. Die Theorie des Karmas hilft einem bei der Beantwortung weiter, aber sie kann das auch niemandem hundertprozentig erklären.
Wir können nur sagen, Dinge geschehen und Menschen, die durch Krisen hindurchgehen und überleben, werden daran wachsen. Im tiefsten Inneren sollten wir uns vergegenwärtigen, das wir nicht der Körper, nicht die Gedanken und nicht die Gefühle sind. Wir sind das unsterbliche Selbst. Und wenn wir das erkannt haben, dann können wir jede Katastrophe letztlich ertragen. Wir bemühen uns weiterhin Katastrophen für uns und für andere zu verhindern. Dies tun wir aber Demut und dem Wissen, dass wir nicht wissen, ob wir es verhindern können oder nicht.

Swami Vishnu hatte irgendwann Ende der 60er Jahre mal eine Vision gehabt. Es war keine sehr schöne Vision. Er hatte die Vision, das eine Feuerwand über den Erdball geht, die alles Leben auslöscht. Die Menschen fliehen vor ihr in alle Richtungen und Swami Vishnu hatte das Gefühl, dass genau das in der Zukunft sich realisieren würde. Infolgedessen hat er alles getan, dass die Vision sich nicht manifestieren kann. Ab diesem Moment hat er mehr Yogazentren gegründet. Er hat mehr Yogalehrerausbildungen unterrichtet, weil er fest davon überzeugt war, je mehr Menschen an Frieden denken und im Frieden mit sich selbst sind und den Frieden nach außen schicken, um so mehr Friedensenergie wird in der geistigen Atmosphäre entstehen und desto unwahrscheinlicher ist, dass so was passiert.

Er hatte noch eine zweite Vision. Er sah die Notwendigkeit Yogalehrerausbildungen anzubieten, wo er Menschen ausbilden wollte, die nachher Führungspersönlichkeiten werden sollten. Ich habe mal einen Film gesehen, wo Swami Vishnu die Vision so beschrieben hatte, dass künftig der amerikanische Präsident und die Minister und der Kongress alle Yogis wären. Darüber, das hat er uns später mal erzählt, musste er nachher einfach nur lachen. Seine Idee war die Ideale von Demokratie und Menschenrecht praktisch zu verbinden mit der yogischen Toleranz, Liebe und Spiritualität. Das empfand er eine sehr gute und gelungene Kombination. Allerdings hat er uns gleich zu Beginn gesagt, es kann sein, dass wir scheitern. Er meinte, im Moment wäre nicht die Zeit, sich einfach zurückzuziehen, sondern die Zeit, aktiv für Frieden in der Welt zu sorgen. Eine friedvolle Atmosphäre auf der Welt wäre notwendig. Es kann jeder Zeit sein, dass der Planet vernichtet wird. Wenn wir aber erkennen:

„Aham Brahma Asmi (ich bin Brahman)“, dann macht es uns, wenn der Planet vernichtet wird, nicht so viel aus. Wenn wir nachher alle verstrahlt sein werden und irgendwo so dahinvegetieren und gleichzeitig wissen „Aham Brahma Asmi“, dann werden wir zwar immer noch körperlich krank sein aber wir werden uns nicht so damit identifizieren. Und dadurch, dass wir selbst damit vielleicht besser umgehen können, geben wir anderen die Stärke, an diesem Leiden nicht zu verzweifeln. Doch zunächst ist Ajruna erst einmal selbst verzweifelt.

Kap. 2 Vers 8:
„Ich sehe nicht, dass es diese Sorge, die meine Sinne verbrennt, beseitigen würde, auch nicht wenn ich blühende und unangefochtene Macht über die Erde und Herrschaft über die Götter Erlange.“

Götter sind hier Engelswesen in den höheren Astralwelten.

Kap. 2 Vers 9:
„Sanjaya sprach: Nachdem er so zu Hrishikesha (dem Herrn über die Sinne) gesprochen hatte, sagte Arjuna (der Bezwinger des Schlafes), der Zerstörer der Widersacher, zu Krishna: „Ich werde nicht kämpfen. Und verstummte.“„

Hrishikesha = Krishna
Bezwinger des Schlafes = er hat Tamas überwunden.
Es ist immer das Beste, wenn der Schüler den Lehrer fragt: „Bitte rate mir, was ich zu tun habe“ und gleichzeitig eigentlich gar keine Lust hat, das zu tun. Er will eigentlich lieber etwas anderes machen und nur die Erlaubnis von Krishna haben, ihn ziehen zu lassen.

Kap. 2 Vers 10:
„Zu dem Verzweifelten, der zwischen den beiden Armeen stand, Oh Bharata, sprach Krishna, beinahe lächelnd, die folgenden Worte“:

Mit „Bharata“ ist hier „Dhritarashtra“ gemeint. Normalerweise werden alle Nachfolger Bharatas, Bharata genannt.
Krishna lächelt, während er das spricht, obwohl Arjuna völlig verzweifelt ist. Er ist in Tränen aufgelöst und hat die Waffen weggeworfen. Die Armeen stehen sich gegenüber um sich gegenseitig zu ermorden und Krishna lächelt einfach nur. Dies hat eine besondere symbolische Bedeutung. Arjuna ist in seiner Froschperspektive gefangen. Er sieht nur diese verzweifelte Situation. Krishna will ihn aus dieser Situation herausholen. In diesem Fall leidet er nicht mit Arjuna. Er versteht ihn, aber er lächelt dabei. Es würde Arjuna jetzt auch nichts helfen, wenn Krishna einfach nur in Mitleid versinkt und sagen würde: „Oh Arjuna, du bist in einer ganz furchtbaren Situation. Alles ist ganz grässlich und ich fühle mit dir mit. Ich weiß auch nicht, was ich machen sollte.“ Es kann Situationen geben, wo so was angebracht wäre, aber in dem Fall ist es das nicht.

Kap. 2 Vers 11:
„Krishna sprach: Du sorgst dich um die, um die du dich nicht zu sorgen brauchst
(du sprichst gute Worte, du argumentierst gut aus der Purva Mimamsa Philosophie,
du legst deinen ethischen Konflikt dar aber) die Weisen sorgen sich weder um die
Lebenden noch um die Toten.“

Das klingt jetzt zuerst einmal etwas brutal. Mitgefühl ist eigentlich auch ein wichtiger
Aspekt, Sorge aber nicht. Warum sorgen sich die Weisen nicht um die Lebenden oder
um die Toten?

Kap. 2 Vers 12:
„Es gab nie eine Zeit, da Ich nicht war, oder du, oder auch diese Herrscher, und in
Wahrheit werden wir auch in Zukunft niemals aufhören zu sein.“

Die Seele ist unsterblich. Ob wir jetzt leben oder nicht ist unerheblich. Vor der Geburt
waren wir, nach dem Tod werden wir sein. Jetzt leben wir eine Weile, die Ewigkeit ist
sehr lange, und dieses Leben ist kurz. Vielleicht leben wir 20 Jahre, 80 Jahre oder gar
100 Jahre. Vielleicht werden wir es noch erleben, dass der Durchschnitt von uns 100
oder 120 Jahre alt werden könnte. Aber es ist nichts im Vergleich zur Ewigkeit. Wir
werden auch in Wahrheit niemals aufhören zu sein.

Kap. 2 Vers 13:
„So wie in diesem Körper das Verkörperte (die Seele) durch Kindheit, Jugend und Alter geht, so geht es auch in einem anderen Körper; der unerschütterliche Mensch sorgt sich nicht darum.“

Wir haben schon viele Jahre mit unserem Körper gelebt und sind mit ihm alt geworden. Wenn wir ein altes Foto von uns anschauen sagen wir oft: „Das bin ich.“ Was heißt das eigentlich: „Das bin ich?“ Bin ich dieses Stück Papier? Nein. Bin ich derjenige mit diesen kurzen Haaren. Nein, die Haare sind ergraut und sehen anders aus. Bin ich derjenige, der so gut sehen kann?

Kap. 2 Vers 14:
„Die Kontakte der Sinne mit den Objekten, Oh Sohn Kuntis, die Hitze und Kälte, Vergnügen und Schmerz hervorrufen, haben einen Anfang und ein Ende; sie sind nicht dauerhaft; ertrage sie tapfer, Oh Arjuna.“

Die Kontakte der Sinne haben ein Anfang und ein Ende. Das ist eine banale Weisheit, aber eine Weisheit, die wir immer wieder vergessen. Wenn es uns schlecht geht haben wir manchmal die Befürchtung, dass es uns nie mehr besser gehen wird. Und wenn es uns gut geht, dann denken wir, das muss immer so bleiben. Aber wenn es uns gut geht, geht dieser Zustand irgendwann wieder vorbei. Wenn es uns schlecht geht, dann geht dieser Zustand ebenfalls wieder vorbei. Gestern schien die Sonne. Heißt das, dass ab sofort immer die Sonne scheint? Heute war der Himmel den ganzen Tag grau. Wird der Himmel jetzt immer den ganzen Tag grau sein? Heute loben einen die Menschen, werden sie einen immer loben? Heute tadeln einen die Menschen, werden sie einen
immer tadeln? Ein anderes Mal seid ihr in einen Raum gekommen indem es kalt war. Ist er deswegen immer kalt? Irgendwann seid ihr in einen Raum gekommen, der sehr warm war. Habt ihr jetzt immer warme Räume?
Wir können jetzt entweder den Rest unseres Lebens damit verbringen die Welt immer wieder so zu manipulieren, dass sie so ist, wie wir sie gerne hätten oder wir können herausfinden, was unser Dharma ist. Wenn wir versuchen wollen die Welt zu manipulieren ist das so ähnlich, wie wenn wir versuchen, den Schwanz eines Hundes zu begradigen. Dies ist ein bekanntes vedantisches Beispiel. Es gehört zu den so genannten Nyayas. Nicht im Sinne von Logik sondern von Beispielen. Wenn man versucht den Schwanz eines Hundes zu begradigen und ihn dann loslässt, was passiert dann? Er rollt sich sofort wieder auf. Und so ähnlich ist der Versuch die Welt zu manipulieren, dass
sie sich so verhält, wie wir es gerne hätten. Es klappt nicht und wenn es uns doch mal gelingen würde, dann wären wir nur enttäuscht, weil wir nicht so glücklich wären, wie wir wollten. Und so stellt sich die Welt als Leela, ein Spiel, dar. Wir können ruhig Weltmanipulation spielen aber wir sollten es nicht zu ernst nehmen. Besser noch als Weltmanipulation zu spielen ist es herauszufinden: „Was ist mein Dharma? Was ist meine Aufgabe? Was kann ich tun?“ Das sollten wir dann so gut tun, wie wir können, in dem Bewusstsein, dass sich die Welt verändert und wir auch Katastrophen erleben können. Diese können wir tapfer ertragen. Im Laufe der Zeit lernen wir es, mit den Dingen besser umzugehen. Nicht in einem Monat, nicht in einem Jahr, aber im Laufe der Jahre. Damit wir weiter lernen, gibt uns Gott immer schwierigere Sachen. Vor kurzem hat mich mal jemand gefragt, warum es so ist, dass wenn man eine Lektion nicht verstanden hat, die gleiche Lektion mit stärkerer Intention nachher noch mal kommt? Warum ist das manchmal so? Es ist nicht immer so, aber manchmal. Das hilft einem nachher die weniger dramatischen Ereignisse leichter zu ertragen.
Swami Vishnu hat uns geraten „Wenn es euch schwer fällt um halb sechs aufzustehen, dann steht zwei Wochen lang um halb fünf auf. Nachher wird es kein Problem mehr geben um halb sechs aufzustehen.“ In Swami Vishnus Ashram begann die Meditation grundsätzlich um 6.00 Uhr und bei den Weiterbildungen das Pranayama um 5.00 Uhr. Bei uns ist es alles eine Stunde später, wofür es gute Gründe gibt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass es manchen gut getan hat, so früh anzufangen, manchen aber nicht. Sie haben dann in den Vorträgen - besonders wenn Swami Vishnu sie nicht gehalten hat - geschlafen. Wer gerne früh aufsteht kann bei uns ja schon um 5.00 Uhr an der Homa
teilnehmen oder eine Stunde Kopfstand machen. Es gibt da viele Möglichkeiten.

Kap. 2 Vers 15:
„Dieser unerschütterliche Mensch, den all dies nicht berührt, Oh Größter unter den Menschen, und für den Vergnügen und Schmerz gleichbedeutend sind, ist geeignet, Unsterblichkeit zu verwirklichen.“

Wir sind schon unsterblich. Wir brauchen nichts zu machen, um unsterblich zu werden. Nur haben wir das vergessen. Wir identifizieren uns mit dem Vergänglichen, mit dem Sterblichen.
Das sind jetzt alles Dinge, die ihr wahrscheinlich schon viele Male gehört und gelesen habt. Und eigentlich wollen wir immer aufregendes Neues haben. Doch die größten Weisheiten sind eben sehr einfach und gleich. Wir sind die unsterbliche Seele. Wir vergessen es nur immer wieder. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern. Swami Vishnu hat uns öfters gesagt: „Satsang ist, uns an das zu erinnern, was wir immer wieder vergessen.“ Es ist die große Weisheit, wir sind unsterblich und um unsere Unsterblichkeit zu verwirklichen müssen wir lernen in Sukha (Freude) und Dukha (Leiden) gleichmütig zu sein. Er sagt nicht, kein Sukha und Dukha mehr empfinden. Das ist wichtig zu verstehen. Er spricht nicht davon, dass derjenige, der Sukha und Dukha nicht mehr spürt, die Unsterblichkeit erreichen wird, sondern er sagt: Wer gleichmütig ist, in Sukha und Dukha, erreicht die Unsterblichkeit. Der Weise kann also durchaus auch Schmerz empfinden. Auch bei Swami Vishnu konnte ich sehen, dass er körperliche Gebrechen und infolgedessen auch Schmerz empfunden hat. Es gab auch Situationen, wo nichts geklappt hat und Swami Vishnu sehr ärgerlich geworden ist. Meist ist sein Ärger aber kurze Zeit später wieder verflogen. Der Ärger war da, erfüllte eine bestimmte Funktion, war dann aber wieder verschwunden und nicht erheblich.

Diese Lehren hat er öfters uns engeren Schülern vermittelt. Er betonte auch immer wieder, dass man alle Emotionen, die scheinbar Guten und die scheinbar Schlechten, Gott darbringen kann. Im Grunde genommen ist es alles ein Leela. Wir bringen alles Gott dar. Dann sind wir gleichmütig auch dann, wenn wir mal nicht gleichmütig sind…

Angenommen man hat leichte Knieprobleme im rechten Knie. Wenn wir da jetzt nur sagen würden: „Ach, da ist ein Knieproblem, dann muss ich halt eine zeitlang in der Meditation anders sitzen“ürden vermutlich die Knieprobleme verschwinden. Aber was denken wir?
„Oh, ich habe jetzt Knieprobleme, habe ich mich verletzt? Könnte ich einen Meniskusschaden haben? Werde ich jemals wieder meditieren können? Und wenn ich nicht richtig sitzen kann, dann werde ich niemals richtig meditieren können. Ich habe das ja schon mal gehabt, jetzt habe ich es wieder bekommen. Mache ich irgendetwas falsch? Mache ich meine Asanas falsch, habe ich mich sonst irgendwie falsch verhalten? Warum passiert mir das? Es ist gerade mit meinen Asanas so gut gegangen und jetzt konnte ich endlich mal den Lotus und was will mir das Knie jetzt sagen?“
Es gelingt uns aus einem Ameisenhaufen einen Mount Everest zu bilden. Aus einer kleinen Erkältung eine Infragestellung unseres gesamten Lebens zu machen.

Krishna spricht in der Gita erst von Vergnügen und dann von Schmerz und wer dieses Vergnügen und diesen Schmerz gleich behandelt, empfindet beides durchaus noch. Doch beides ist gleichbedeutend. Wenn wir das so empfinden können, dann sind wir geeignet, die Unsterblichkeit zu erlangen.

Kap. 2 Vers 16:
„Das Unwirklich hat kein Sein; es gibt kein Nichtsein des Wirklichen; wer die Wahrheit kennt (das Eigentliche sieht), hat erkannt, was an beidem wahr ist.“

Shankaracharya hat einen längeren Bhagavad Gita Kommentar geschrieben und Swami Sivananda ist in seinem Kommentar relativ eng an Shankaracharyas Kommentar geblieben. Er schreibt über diesen Vers viele Seiten lang Kommentare. Er behauptet, diese Welt könne letztlich nicht wirklich sein. Sie existiere nicht. Sie sei eine Illusion. Einzig Brahman sei allgegenwärtig. Auch wenn er für uns zwischendurch unwirklich erscheint- wir denken selten im täglichen Leben an Brahman - ist Brahman trotzdem immer wirklich. Auch wenn wir es nicht wissen. Und diese unwirkliche Welt, die Nitya ist, also Täuschung, bleibt immer unwirklich. Sie wird niemals zum Unwirklichen. Selbst wenn wir denken, dass sie wirklich ist, wird sie nicht wirklich werden.
Ihr kennt das berühmte Beispiel von Schlange und Seil?
Jemand geht des Nachts in seine Hütte und denkt, er wäre von einer Schlange gebissen worden. Er stirbt fast in diesem Glauben. Doch er hat Glück. Es komm ein Weiser oder eine Weise vorbei und stellt fest, dass die Schlange ein Seil war. Und dann schleift er oder sie den angeblich Gebissenen zu der Stelle hin, damit dieser feststellen kann, dass es wirklich nur ein Seil war und seine Wunde nur dadurch entstanden ist, weil er sich vor Schreck an irgendeinem Dorn geschnitten hat.
Ist das Seil jemals zur Schlange geworden? Wird die Schlange nachher zum Seil? War die Schlange jemals wirklich? Hinter allem gibt es nur die alldurchdringende Wahrheit Brahmans. Über diese unendliche Wahrheit Brahmans stülpen wir die Vorstellung einer Welt. Das ist die so genannte Atya Ropa Vorstellung. Und nicht nur wir, als einziges Individuum machen das so, sondern jeder Mensch macht das so. Wenn ich jetzt einen Teilnehmer frage, was der Gegenstand in meiner Hand ist, antwortet er: „Eine Uhr.“ Wenn ich dann einen anderen Teilnehmer frage: „Was ist das?“ antwortet er ebenfalls:„Eine Uhr.“ Und so könnte ich weiterfragen. Jeden, den ich fragen würde, würde den gleichen Gegenstand in meiner Hand erkennen. Es ist jetzt nicht so, dass ein Teilnehmer eine Armbanduhr und der nächste Teilnehmer einen Blumenstrauß sieht. Wir sehen alle das gleiche, erschaffen alle die gleiche Illusion. Als Individuum können wir uns aber aus dieser Illusion befreien.
Ein ähnliches Beispiel, was das verdeutlicht, wäre: Stellt euch vor, wir wären jetzt alle in einem Kinofilm. Wir schauen auf die Leinwand und sehen alle den gleichen Film. Aber jeder Einzelne von uns kann sich entscheiden einfach den Raum zu verlassen. Wir müssen den Film nicht weiter anschauen und wir müssen auch in diesem Film Welt- Maya nicht länger bleiben. Oder wir bleiben noch länger in dem Film, erkennen aber gleichzeitig, dass das ist nur ein Film ist. Dann können wir den Film genießen, wir können auch durch die Emotionen hindurch gehen.
Angenommen es ist ein besonders gruseliger Film oder ein besonders gewalttätiger Film, dann können wir die Emotionen miterleben oder wir können uns vergegenwärtigen, dass alles nur ein Film ist oder wir können den Film verlassen. Wir haben da freie Entscheidungsfreiheit.
Vor zehn Jahren oder vielleicht ist es sogar noch länger her, habe ich mal „Schlaflos in Seattle“ gesehen. Es ist ein Film, der ziemlich offensichtlich auf die Tränendrüsen drückt. Manchmal kann man vor Freude weinen, manchmal vor Trauer. Alle Menschen im Kino waren tief bewegt. Und obgleich die Stilmittel so offensichtlich waren, dass man wusste, dass das Ganze surreal ist, weinte man trotzdem.
Wenn man sich bewusst ist, dass alles nur ein Film ist, kann man ruhig mitweinen vor Freude und vor Trauer. Es ist nicht realistisch. Es ist irgendwie surrealistisch überspitzt. Und letztlich ist auch die Welt surrealistisch überspitzt.

Es gibt noch eine andere wissenschaftliche Theorie, die in der Zeitschrift „Der Spiegel“ mal veröffentlicht worden ist. Dieser Theorie zufolge hält es eine Gruppe von Wissenschaftlern für möglich, dass das Leben hier eine Computersimulation ist, und wir nur Figuren in einer Computersimulation sind. Denn es ist absolut unwahrscheinlich, dass es Leben auf der Erde gibt. Noch unwahrscheinlicher ist, dass es seit einer Milliarde Jahren Leben auf der Erde gibt. Die Erde ist so zerbrechlich. Sie ist nur von einer wenige Kilometer breiten Hülle umgeben. Ständig verschieben sich die Erdplatten. Ständig gibt es Vulkanausbrüche und andere Naturphänomene und eigentlich müsste das alles ständig zu Katastrophen führen. Der Theorie zufolge hängt es einzig allein davon ab, dass jemand die Welt manipuliert und programmiert und falls er sich wirklich einmal verprogrammiert hat und es eine Katastrophe gibt, dann programmiert er ganz schnell neu und die Situation geht doch noch gut aus. Die logische Konsequenz dieser Theorie ist, dass die Simulation nur so lange laufen wird, wie diejenigen, die die Simulation gemacht haben, Spaß daran haben. Deshalb ist es gut, wenn wir uns irgendwie dramatisch verhalten.

Immer wieder taucht die Frage auf: „Warum hat Gott die Welt nicht einfach nur schön geschaffen?“ Da könnte man auch fragen: „Welche Filme sind die populären Filme? Die wo alles schön ist und es ein Happy End gibt?“ Nein. „Schlaflos in Seattle“, „Titanic“ etc. zählen zu den beliebtesten Filmen. Sie enden nicht mit einem Happy End und trotzdem schauen sich die Menschen das an. Einige haben sich diese Filme immer wieder angeschaut. Und so schafft Gott die Welt und wir spielen unseren Part in der Welt. Dessen sollten wir und immer bewusst sein. Shakespeare hat mal gesagt, die Welt sei eine Bühne, wo die Schauspieler kommen, ihren Part spielen und wieder gehen.
Wir sterben nicht, wenn wir unseren Part gespielt haben. In manchen Kleinkunstbühnen tritt der gleiche Künstler gleich im Anschluss seiner ersten Rolle in einer zweiten Rolle auf.
Und so spielen auch wir einen Part nach dem anderen. Mal spielen wir Mutter, dann spielen wir Yogalehrerin, danach Grafikerin oder Putzfrau usw.

Kap. 2 Verse 16-18:
„Das Unwirkliche hat kein Sein; es gibt kein Nichtsein des Wirklichen; wer die Wahrheit kennt (das Eigentliche sieht), hat erkannt, was an beidem wahr ist. Erkenne Das als unzerstörbar, Welches all das durchdringt. Niemand kann die Zerstörung des Unvergänglichen bewirken. Es heißt, diese Körper, die das ewige, unzerstörbare und unermessliche Selbst umgeben, hätten ein Ende. Deshalb kämpfe, Oh Arjuna.“

Wir alle wissen, dass unsere Körper sterben. Krishna fordert Arjuna dazu auf zu kämpfen. Dies kann vielfältig interpretiert werden. Zum einen könnte man sagen, unsere Körper sterben sowieso, deshalb kann man auch kämpfen. Zum anderen könnte man Krishnas Worte auch übersetzten mit: wir sollten uns in diesem Leben bemühen.

Kap. 2 Vers 24:
„Dieses Selbst kann nicht zerschnitten, verbrannt, befeuchtet oder getrocknet werden. Es ist ewig, alldurchdringend, fest, unverrückbar und ohne Anfang und Ende.“

Zuerst argumentiert Krishna vom Jnana Yoga Standpunkt, von der Vedanta Philosophie aus. Doch nun beginnt er seinen Argumentationsstandpunkt zu verändern. Er bemerkt, dass Arjuna mit den Gedanken abdriftet, wie dessen Gesichtsausdruck langsam ausdruckslos wird. Es ist eine Erfahrung, die alle großen Yogameister machen, wenn sie einen längeren Vortrag über Vedanta halten. Die Zuhörer driften ihnen ab.
Bei diesen subtilen Gedanken können nur wenige Menschen folgen. Deshalb wechselt Krishna jetzt den Standpunkt, so wie alle großen Yogameister es machen.

Sogar Shankaracharya, ein bedeutender Jnana Yoga Meister, hat nicht nur Jnana Yoga Schriften geschrieben. Er hat ebenfalls Schriften der Hingabe geschrieben und auch praktische Kommentare über Yoga Schriften verfasst. Shankaracharya systematisierte Pilgerreisen und Pujas. Er galt als der größte Jnani aller Zeiten. Gleichzeitig war er aber auch ein Bhakta, ein Karma Yogi und ein Raja Yogi. Des Weiteren hat er einen Kommentar über Pranayama geschrieben, weswegen er auch als Hatha und Kundalini Yogi bezeichnet wird. Es gibt zwar einige Gelehrte, die behaupten Shankaracharya, könne das alles nicht geschrieben haben. Das müsse irgendjemand anderes in seinem Namen veröffentlicht haben. Aber ich glaube das beruht auf einem Vorurteil von westlichen Philosophen, die denken, dass es nicht möglich ist, dass ein Mensch, der noch dazu nur 32 Jahre alt geworden ist, eine solche Bandbreite an spirituellem Wissen gehabt haben kann. Doch Krishna besaß sie. Shankara besaß sie und ebenfalls Swami Sivananda. In Indien ist das durchaus sehr üblich, dass große Meister verschiedenste Standpunkte einnehmen können.

Um Yoga ganzheitlich leben zu können, müssen wir öfter den Standpunkt wechseln. Wir müssen es so machen wie Hanuman (ein beispielhafter Aspirant in der Ramayana) es in folgender Geschichte zum Ausdruck brachte: Die Gottinkarnation Rama war zusammen mit seiner Frau Sita und seinem Bruder Lakshmana ins Exil geschickt worden. Ihm wurde seine Frau geraubt. Mit seinem Bruder Lakshmana durchstreifte er den Wald und suchte seine entführte Frau Sita. Eines Tages traf er auf Hanuman. Hanuman war ein Diener von Sugriva. Sugriva war ein Affenkönig, der ebenfalls ins Exil geschickt worden war. Bei ihrer Begegnung fragte Rama den Hanuman: „Wer bist du?“ und in dem Moment, wo Rama Hanuman fragte: „Wer bist du?“ fiel Hanuman in Ekstase, hatte eine Vision und antwortete: „Auf der physischen Ebene bin ich dein Diener. Auf der geistigen Ebene bin ich ein Teil von dir und auf der höchsten Ebene bin ich du.“
Diese gleiche Einstellung können wir selbst haben: Wenn wir im Alltag handeln, können wir uns als Gottes Diener fühlen. Wenn wir nachdenken, können wir uns als Teil Gottes empfinden. Und in tiefer Meditation und Kontemplation spüren wir, dass wir eins sind mit Gott.
Ähnliche Aussagen werdet ihr in allen Schriften großer Meister immer wieder finden, so auch bei Krishna. Krishna spricht zuerst von der Unsterblichkeit der Seele. Manche Menschen fragen dann: „Was spielt es für eine Rolle, was wir tun? Es wäre ja egal, was wir machen, wenn die Seele sowieso unsterblich ist.“ Doch alleine diese Ebene zu betrachten reicht nicht aus. Auf der praktischen Ebene nämlich sind wir ein Diener Gottes. Auf dieser Ebene geht es darum, herauszufinden, was unsere Aufgaben sind, unser Dharma zu tun, unsere Aufgaben erfüllen. Auf einer höheren Ebene sind wir ein Teil von Gott. Und auf der höchsten Ebene sind wir eins mit Gott. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass auch Krishna in der Bhagavad Gita öfters den Standpunkt wechselt. Es gibt relative und absolute Standpunkte. Ähnlich ist es in der modernen Physik, die auch kein kohärentes Weltbild entwirft. In der Physik gibt es widerstreitende Theorien, die das gleiche Phänomen unterschiedlich interpretieren und, die beide als richtig gelten. Das wahrscheinlich bekannteste Modell, von dem viele von euch schon mal gehört haben, ist das Modell des Teilchen-Wellencharakters des Lichts. Da haben sich Newton und Huygen schon darüber gestritten. Auch Einstein hat sich damit auseinandergesetzt. Die einen sagen, Licht sei ein Teilchenstrom. Die anderen behaupten, Licht sei ein Wellenstrom in einem Äther. Vertreter der Teilchenstromtheorie behaupten, es gäbe Teilchen, die von einem Ort zum anderen wandern. Und das Interessante ist, manchmal verhält sich das Licht wie ein Teilchenstrom und manchmal wie eine Welle. Z.B. gibt es viele Experimente mit Lichtinterferenzen, die klar und schlüssig beweisen, dass Licht eine Welle ist. Diese Interferenzmuster, die es dort gibt wenn man Strahlen von links und von rechts durch einen Doppelschlitz hindurchführt und wie sich dann das Licht verhält, zeigt ganz klar, dass Licht eine Welle ist und kein Teilchenstrom sein kann. Und dann gibt es andere Experimente. Dazu gehört vor allem der fotomechanische Effekt, der bei der ganzen Fotografie ausgenutzt wird. Er zeigt einwandfrei, dass Licht ein Teilchenstrom sein muss. Demnach kann Licht keine Welle sein. Somit stehen die Physiker vor einem Problem. Manchmal verhält sich Licht wie ein Teilchenstrom. Manchmal verhält sich Licht wie eine Welle. Doch physikalisch ist es nicht denkbar und nicht erklärbar, dass etwas gleichzeitig Welle und Teilchenstrom sein kann. Beides schließt sich aus. Es ist ein logischer Widerspruch. Die Physiker versuchen diesen Widerspruch bis heute irgendwie zu lösen. Einstein war das immer schon unsympathisch. Er hat viele große Entdeckungen gemacht und hat sein Leben lang versucht, alles in der Unified Field Theory, der einheitlichen Feldtheorie, zu verbinden. Ihm hat es nicht gefallen, dass es scheinbar so viele Zufälle in der Welt gab. Gott könne nicht würfeln. Meines Erachtens nach hat er vergessen, dass nur dadurch, dass die Welt physikalisch nicht determiniert ist, überhaupt Raum für ein Einschreiten Gottes in die Welt da ist. Nur dadurch, dass Zufälle theoretisch möglich sind, nur dadurch ist überhaupt denkbar, dass von einer physikalischen Warte aus betrachtet, die physische Welt durch eine höhere Kraft verändert wird. Gerade dadurch, dass das Gesetz der Kausalität, wie es von Newton aufgestellt worden ist, auf der physischen Ebene eben nicht hundertprozentig gilt, nur dadurch ist die Existenz eines ins Weltall eingreifenden Gottes denkbar. Wenn auf der physischen Ebene alles streng determiniert wäre, hätte Gott irgendwann die Welt geschaffen. Seitdem läuft alles mechanisch und determiniert ab. Im 19. Jahrhundert glaubten alle, irgendwann könnten sie diese Welt in ein logisches, erklärbares System hineinbringen und alle Gesetze des Universums verstehen. Im 19. Jahrhundert gab es die Aussage eines brillanten Menschen, ich weiß leider nicht mehr, wie er hieß, der einen großen Physiker gefragt hatte: Er würde gerne Physik studieren, wo er denn Physik studieren sollte? Und dieser antwortete ihm: Er solle überhaupt keine Physik studieren. In zehn bis zwanzig Jahren wären die gesamten Gesetze der Physik erforscht. Physik wäre kein interessantes Gebiet, wo neue Forschungsergebnisse zu erwarten seien. Er solle sich etwas anderes aussuchen.
Die größte physikalische Forschungsgesellschaft Englands hat auch mal behauptet, dass sie es in 20-30 Jahren geschafft haben wollen, das ganze Universum vollständig und schlüssig zu erklären. Kurze Zeit darauf wurde die Atomphysik entdeckt, dann kam Einstein, danach kam die Quantentheorie. Im Anschluss daran kam die Heisenbergsche Unschärferelation und dann Quarks. Erst seitdem haben die Physiker Abstand davon genommen zu behaupten, dass sich das Universum vom Menschen wirklich vollständig und schlüssig erklären lasse. Es gibt immer noch Physiker, die es versuchen. Wer weiß, vielleicht gelingt es auch in einem ganz übergeordneten Sinn und einer Logik, die der normale Mensch niemals nachvollziehen kann. Aber es bleibt die Frage: Warum sollte sich die Welt so verhalten, dass es vom Menschen her logisch zu erkennen wäre?
Dessen sollten wir uns immer bewusst sein. Unterschiedliche Standpunkte können auf unterschiedliche Lebenswirklichkeiten angewandt werden, ohne sich zu widersprechen. Sie haben in verschiedenen Lebensumständen ihren Sinn. So wie ja auch die Vaishesika Philosophie, die materielle Philosophie, auch ihren Sinn hat. Nicht umsonst lehren wir in den Yogalehreraus- und Weiterbildungen auch Anatomie und Physiologie. Nicht umsonst muss man lernen, wie man einen Beruf richtig ausführt. Und es ist auch gut zu wissen, wie man eine Steuererklärung macht und solche Sachen Alles Sachen, die aus der Vaishesika Philosophie heraus verstanden werden können. Auch Krishna sagt an späterer Stelle im 2. Kapitel, als er eine Definition von Yoga gibt:„Yoga ist Geschick im Handeln“. (Kap.2 Vers 50)

Kap. 2 Vers 26:
„Doch auch wenn du annimmst, Es würde ständig geboren und stürbe ständig, selbst dann, Oh mächtig Bewaffneter, sorge dich nicht.“

Krishna argumentiert zuerst vom Sankhya und Vedanta Standpunkt aus, dass dieses Unsterbliche durch nichts berührt wird. Das impliziert, dass noch nicht mal die Seele verkörpert wird. Die Seele existiert einfach. Demgegenüber steht, dass es einen relativeren Teil der Seele, nämlich Atman oder Jiva gibt. Und dieser Jiva wird geboren und stirbt.

Kap. 2 Verse 26-27:
„Selbst dann, Oh mächtig Bewaffneter, sorge dich nicht, denn für die, die geboren wurden, ist der Tod unvermeidlich, und die Geburt für die, die tot sind; daher sei nicht besorgt über das Unvermeidliche.“

Hier liefert Krishna uns einen guten Grund, warum es nicht so gut ist, sich umzubringen. Mit einem Selbstmord ist das Weltall nicht wirklich vorbei, sondern man wird wiedergeboren. Unser physischer Tod bedeutet nicht automatisch eine Verwirklichung unseres Selbst. Es ist so ähnlich, wie wenn wir uns mal abends um 18.00 Uhr ins Bett legen oder abends um 22.00 oder um 24.00 Uhr. Ganz so erheblich ist es nicht. Es führt zwar am nächsten Tag zu mehr oder weniger Müdigkeit und vielleicht führt es dazu, dass wir nicht einschlafen und lange wach bleiben. Aber so ähnlich ist der Tod, nur mit dem Unterschied, dass im Moment der Geburt Gedächtnisschwund herrscht. Währenddessen, wenn wir morgens aufwachen, können wir uns typischerweise doch nach einer Weile erinnern, was gestern war.

Kap. 2 Vers 28:
„Zu Beginn sind Wesen unsichtbar, in ihrer Mitte sichtbar, Oh Arjuna, und am Ende sind sie wieder unsichtbar. Worum sollte man sich also sorgen?“

Gebrauchen wir einmal das Beispiel der Sonne. Nehmen wir an, es wäre ein sonniger Tag, dann wäre um 5.00 Uhr die Sonne unsichtbar. Um 7.30 Uhr im Winter geht sie auf, und abends um 18.00 Uhr wahrscheinlich schon um 17.00 Uhr, geht sie wieder unter. Später am Tag ist sie wieder unsichtbar. Wir brauchen jetzt nicht um die Sonne zu trauern, weil wir wissen, dass sie später am Tag wieder scheint. Es ist wichtig diese Sache zu verstehen.
Es gibt auch vieles, was wir über Reinkarnation lesen können. Wir dürfen es nicht vergessen und insbesondere dann nicht, wenn wir selbst in Lebensgefahr sind oder wenn ein Angehöriger stirbt. Es hilft, wenn wir uns daran erinnern.

Kap. 2 Vers 29:
„Der eine sieht Dies als ein Wunder an; der andere spricht darüber wie von einem Wunder; ein anderer hört davon wie von einem Wunder; und obwohl sie davon gehört haben, versteht Es doch keiner.“

In diesem Vers heißt es, dass wir versuchen können, das Selbst zu verstehen. Aber wir sollten begreifen, dass es ist nicht wirklich verstehbar ist. Wie ich vorher schon beschrieben habe, geht die moderne Physik nicht mehr davon aus, dass wir das Weltall intellektuell schlüssig erklären können. Viele Wissenschaftler behaupten, Naturwissenschaft sei ein Weg zu Gott. Je mehr wir dort forschen, desto mehr stehen wir vor diesem grandiosen, phantastischen Leben und sehen, was für eine Intelligenz inwendig ist. Wir sollten uns aber niemals einbilden, dass wir die Intelligenz 100 % verstehen können. So ähnlich ist es auch mit der Philosophie des Vedanta. Wir können sie sehr schlüssig in Begriffe fassen. Und es gibt ja auch Indologiestudien an einigen Universitäten in Deutschland, wo versucht wird, diese Philosophie sehr logisch zu erfahren. Aber wenn wir dabei das Gefühl dafür verlieren, dass es wie ein Wunder ist, dann haben wir die Logik nicht ganz erfasst. Dann schaffen wir das Verständnis nur mittels Begriffen, wie schon Buddha mit den Worten: „Beschränke nicht das Unbeschränkte mit Begriffen“, festgestellt hat. Anfangs hat Buddha völlig darauf verzichtet eine größere Philosophie zu entwickeln. Er hat zwar eine Psychologie entwickelt, eine Theorie des Geistes, die ähnlich der von Patanjali ist und Menschen sich fragen, wer diese Theorie von wem übernommen hat, aber über Philosophie hat er wenig gesprochen. Erst seine Nachkommen, wie z.B. Nagachula, haben dann auch große philosophische Systeme entwickelt. Bei all diesen Philosophien müssen wir uns immer bewusst sein, dass wir sie nie ganz erfassen können. Wenn wir das Gesetz des Karmas gelehrt bekommen, dann entspricht das einer einfachen, logischen Stringenz. Trotzdem dürfen wir uns nicht einbilden, dass wir es wirklich vollständig verstehen. Es ist und bleibt immer noch ein Wunder.
Wenn wir etwas über Raja Yoga und die Funktion des Geistes lernen, dann klingt das alles auch sehr logisch. Wenn wir eine Weile lang versuchen, unser Raja Yoga Wissen anzuwenden, dann klingt es immer noch sehr gut, aber es ist immer noch ein Wunder, wie unser Geist funktioniert. Sri Kartikeyan, ein indischer Yoga Meister, der Yoga Vidya regelmäßig besucht, sagt gerne: „Je länger ich auf dem Yogaweg bin, desto mehr sehe ich alles als das äußerste Wunder an und habe ein Gefühl dafür, wie wunderbar alles ist. Das ist auch eine wichtige spirituelle Eigenschaft.“ Sri Kartikeyan ist bereits seit 50 Jahren auf dem Yogaweg.

Krishna wechselt jetzt in der Bhagavad Gita erneut den Standpunkt. Er verlässt die Sicht des Vedanta und Jnana Yoga und wechselt über zum Standpunkt des Bhakti Yoga, wo das Herz einfach mit Respekt und Staunen vor allen Wundern steht. Dies ist ein psychologischer Schachzug von ihm. Arjuna hat zuvor nicht so ganz verstanden was Krishna ihm sagen wollte. Er war gar nicht darauf vorbereitet und kann es verständlicherweise nicht auf Anhieb sofort logisch nachvollziehen. Durch das Hören dieser Wahrheiten gelangt sein Geist trotzdem in höhere Ebenen und er kann dann erneut von einer anderen Warte aus die Dinge betrachten. Krishna sagt Ajruna ja auch, dass niemand es vollständig verstehen kann. Dass es ein Wunder ist. Nach diesen Worten wechselt er
wieder zu dem philosophischen Standpunkt und argumentiert von dort aus weiter.

Kap. 2 Vers 30:
„Dies, das im Körper jedes Menschen Wohnende, ist stets unzerstörbar, Oh Arjuna; deshalb sorge dich um kein Geschöpf.“

Diese Aussage hört sich für einen westlichen Menschen unvorstellbar schrecklich an. Wir sollten aber verstehen, dass Krishna hier aus der Purva Mimamsa Philosophie heraus argumentiert, die Arjuna vertraut ist. Krishna argumentiert aus Sicht dieser Philosophie heraus, weil er Arjuna erreichen möchte. Viele große Meister handeln so. Sie vermitteln ihre Lehren so an ihre Schüler, dass diese sie in ihrem jeweiligen Weltanschauungskonzept verstehen. Deshalb sprechen auch viele Yogis, die in den Westen kommen, über den wissenschaftlichen Kontext. Was ich ja auch gemacht habe. Damit das Ganze etwas verständlicher wird, habe ich ein paar Beispiele aus der Physik
gebraucht.
Oder wir können auch aus Forschungsarbeiten zitieren, die zeigen, dass Yoga auch für die Gesundheit gut ist. Dass Yoga auf der psychologischen Ebene gut ist, usw. Wir sind in einem wissenschaftlichen Kontext groß geworden, in dem es gut ist, sich öfters auf dieses Philosophiesystem zu beziehen. Wenn Swami Vishnu vor Menschen gesprochen und intuitiv gefühlt hat, dass diese Menschen hauptsächlich in der christlichen Tradition stark verankert sind, dann hat er dort viele christliche Beispiele gebraucht, um Analogien aufzuzeigen. Ähnlich verhält sich Krishna zu Arjuna. Auch er verwendet Beispiele aus der Purva Mimamsa Philosophie und sobald er Arjuna damit erreicht hat, verteufelt er die Purva Mimamsa Philosophie.

Kap. 2 Vers 31:
„Des weiteren zaudere nicht angesichts deiner Pflicht, denn es gibt für einen Kshatriya nichts Höheres als einen gerechten Krieg.“

Swami Sivananda schreibt, dass Krishna weltliche Gründe angibt, warum er kämpfen muss. Weltlich bedeutet zu Zeiten Krishnas etwas anderes, als es heute bedeutet. Zu Krishnas Zeiten hieß weltlich zu sein, Vergnügen zu haben und Verdienste anzusammeln. Heute bedeutet „weltlich“ eher materielle Güter anzusammeln. Für uns heute klingt dieser Vers sicher befremdlich. Aus gutem Grund würde hoffentlich kaum jemand denken, dass irgendein Krieg irgendetwas „Hohes“ darstellen würde, wie„gerecht“ er auch sein möge. Jeder Krieg, auch ein „gerechter“ Krieg ist letztlich das Eingeständnis einer Niederlage, nämlich dass man den Konflikt nicht mit friedlichen Mitteln lösen konnte. Krishna allerdings bezieht sich hier auf das Weltbild, die Ethik seiner Zeit.

Kap. 2 Vers 32:
„Glücklich sind die Kshatriyas, Oh Arjuna! Die aufgerufen sind, in einem solchen Kampf zu bestehen, der sich ohne ihr Zutun als offenes Tor zum Himmel anbietet.“

In diesem Vers sagt Krishna, dass wir über einen gerechten Krieg in den Himmel gelangen. Hoffentlich berührt uns alle das relativ peinlich, denn es gibt auch heute noch Leute, die meinen, dass sie über einen „Heiligen“ Krieg (z.B. Jihad) in den Himmel kommen.

Kap. 2 Vers 33:
„Wenn du jedoch diesen gerechten Kampf nicht aufnehmen willst, lädst du Sünde auf dich, da du deine Pflicht und deinen Ruf vernachlässigt hast.“

Es ist die Pflicht eines Kshatriyas sich um seine Ehre zu bemühen.

Kap. 2 Verse 34-36:
„Auch werden die Menschen von deiner nie endenden Unehre berichten; und für einen Menschen, der einmal verehrt worden ist, ist Schande schlimmer als der Tod. Die großen Wagenkämpfer werden denken, du hättest dich aus Furcht vom Kampf zurückgezogen; und Menschen, bei denen du in hohem Ansehen standest werden dich gering schätzen. Auch deine Feinde, die an deiner Macht Anstoß nehmen, werden viele schmähende Worte finden. Was ist schmerzlicher als das?“

Das hört sich paradox an. Zuerst erzählt Krishna Arjuna, er sollte gleichmütig in Sukha (Vergnügen) und Dukha (Schmerz), in Ruhm und Schande sein. Dann verdeutlicht Krishna Arjuna die Auswirkungen seines Handelns. Krishnas Ziel ist es, Arjunas Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. Krishna lehrt Arjuna, dass er gleichmütig in Erfolg und Misserfolg sein soll. Es ist eine der essentiellen Lehren Krishnas, für die Krishna immer wieder neue Begründungen sucht. Arjuna soll gleichmütig in Erfolg oder Misserfolg sein, gleichmütig er ob Lohn erntet oder nicht. Und aus dem Purva Mimamsa System heraus begründet Krishna das mit den Worten aus den nächsten Versen.

Kap. 2 Vers 37-38:
„Wenn du getötet wirst, erlangst du den Himmel; wenn du siegst, erfreust du dich der Erde; daher, Sohn Kuntis, erhebe dich zum Kampf entschlossen. Nachdem Vergnügen und Schmerz, Gewinn und Verlust und auch Sieg und Niederlage für dich gleichbedeutend geworden sind, nimm den Kampf um des Kampfes willen auf; so wirst du nicht sündigen.

Auch wir in der heutigen Zeit kommen immer wieder in ethische Dilemmas. Manchmal wissen wir, was ethisch richtig ist, aber wissen nicht, ob wir damit Erfolg haben werden oder nicht. Wir wissen nur, wir sollten so oder so handeln. Wir wissen, wir sollten es einfach tun, weil wir merken, dass es richtig ist. Es ist egal, ob wir nachher das richtige Ergebnis erzielen oder nicht. Ich erinnere mich an eine Teilnehmerin einer 2-jährigen Yogalehrerausbildung. Sie hat irgendwann mal gefühlt, dass sie die Krankenkassen finanzierte Krankengymnastik, die sie angeboten hat, nicht mehr machen will. Stattdessen wollte sie einen Naturkostladen eröffnen, was sie dann auch gemacht hat. Sie hat in einer Großstadt einen Naturkostladen eröffnet, viel investiert, sowohl Geld und Ersparnisse, als auch Zeit und Herz. Wenn man etwas Neues aufmacht, dann reicht ein sieben bis acht Stunden Arbeitstag nicht aus - und war zwei bis drei Jahre glücklich. Der Naturkostladen lief gut, bis eines Tages einer dieser großen Naturkostsupermärkte nebenan aufgemacht hat. Diese sind natürlich etwas billiger
und haben ein größeres Angebot. Der Vorteil ist, es werden mehr Menschen dazu gebracht, Naturkost zu verzehren. Der Nachteil ist, sie sind der Tod der kleinen Naturkostläden, wo Menschen mit viel Idealismus arbeiten. Und so musste auch die Teilnehmerin der 2-Jahresausbildung ihren Laden wieder schließen, wodurch sie einiges an Geld verloren hat.
War es jetzt richtig, dass sie den Naturkostladen eröffnet hatte, oder war es falsch? Sie hatte mich damals auch um Rat gefragt, ob sie einen Naturkostladen aufmachen soll oder nicht. Ich habe versucht ihr die Vor- und Nachteile aufzuzeigen, Handlungskriterien zu geben und zu sagen, wenn sie sich einmal entschieden hat einen Laden zu eröffnen, dann soll sie es danach Gott darbringen. Egal ob es nachher erfolgreich ist oder nicht, die rechte karmische Lektion kommt.

Für uns ist das Wichtigste herauszufinden, was unser Dharma ist, diesem dann zu folgen und dabei gleichmütig in Erfolg und Misserfolg zu sein. Wenn etwas schief geht, dann heißt das nicht, dass wir uns falsch entschieden haben. So zumindest lehrt es uns Krishna.

Ich hatte mal einen Vortrag von einem Pfarrer gehört, der meinte, Jesus sei gescheitert. Denn er wurde ans Kreuz geschlagen und errichtete kein Gottesreich. Für die Jünger seiner Zeit war Jesus der Messias. Nach jüdischer Vorstellung ist der Messias derjenige, der das Himmelsreich Gottes auf Erden entwickelt. Jesus selbst hat ganz am Anfang nicht behauptet, er werde jetzt bald ans Kreuz geschlagen werden. Erst ein paar Wochen vor seinem Tod hat er immer wieder davon gesprochen. Zu Anfang hat er tatsächlich mehr davon gesprochen, dass wir alle erleben wie das Reich Gottes noch zu unseren Lebzeiten auf die Erde kommen wird. Daher sprach der Pfarrer davon, Jesus sei gescheitert auf dieser Welt. Irgendwie hat das alle beunruhigt. Der Pfarrer behauptete noch dazu, das sei ein großer Unterschied zwischen Christen und Hindus. Nur die Christen hätten die Größe zu sagen, dass ihr Gott scheitert. Und durch das Scheitern von Gott in der Welt haben wir Menschen auch alle das Recht zu scheitern. Erlösung ist nicht in der Welt, sondern nach der Welt. Schließlich sagt Jesus: „In der Welt habt ihr Angst. Doch seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“ Aber wir finden das gleiche auch in Indien. Swami Chinmayananda hat geschrieben, Krishna sei, weltlich gesehen, gescheitert auf dieser Welt. Er wollte ein friedvolles Gottesreich auf Erden. Krishna schuf laut der Schrift „Bhagavatam“ Dwaraka, einen Kontinent vor Indien. Er wollte dort eine ideale Gesellschaft errichten, den idealen Gottesstaat, wo Wohlstand herrscht, spirituelles Leben möglich ist, wo Menschen keine materiellen Sorgen haben müssen, und so ihren Geist freihaben, um meditieren zu können. Er erschuf diesen Kontinent absichtlich außerhalb von Indien, um nicht in Kriege verwickelt zu werden. Er wollte einen friedvollen Staat für seinen Volksstamm, die Yadhavas, schaffen, in der Hoffnung, dass die anderen Völker das anschließend nachahmen würden.

Und was ist dann passiert?
Krishna wurde in einen Kri eg nach dem nächsten hineingezogen. Er wurde immer wieder gebeten, seine Yadhava Armee jemandem zur Hilfe zu geben, was er auch nicht ablehnen konnte. Gegen Ende des Lebens empfanden die Yadhavas das schöne, harmonische Leben mit geregelter Meditation, nur als langweilig. Sie fingen an, sich zu betrinken, um dem Leben ein bisschen mehr Pep zu geben. Sie wurden übermütig und haben alle möglichen Streiche gespielt. Sie haben sogar einfach aus Langeweile angefangen sich gegenseitig umzubringen. Da hat Krishna erkannt, dass sein Idealstaat so nicht klappen kann und hat darauf hin verfügt, dass, wenn er seinen physischen Körper verlässt, der Kontinent wieder im Ozean verschwinden soll. Darüber informierte er Arjuna und Uddhava. Beide sind nach Krishnas Tod zu den Yadhavas gegangen und haben den Menschen gesagt:
„Dieser Kontinent wird untergehen und Krishna hat uns beauftragt alle Yadhavas in Sicherheit zu bringen.“
Die Yadhavas waren relativ groß und hellhäutig. Sie werden oft beschrieben als Menschen mit hellen Haaren. Swami Vishnu glaubte, dass sie vielleicht sogar die Vorfahren der Indogermanen waren. Das würde bedeuten, dass alle Indoeuropäer Nachfahren von Krishnas Volksstamm waren. Dies ist allerdings nur eine Theorie, die wenig wissenschaftliche Evidenz hat. Auf jeden Fall ist Krishna in den weltlichen Zielen seines Lebens scheinbar gescheitert.

Aber ist Krishna deswegen insgesamt gescheitert? Nein. Nur, was er materiell sichtbar errichten wollte, ist gescheitert. Was Jesus, zumindest wie man seinen Predigten entnehmen kann, errichten wollte, nämlich ein goldenes Zeitalter - hat er zwar so nicht genannt, aber so ähnlich - wo die Menschen in Liebe miteinander umgehen, ist ebenfalls bis heute nicht Wirklichkeit geworden. Doch bis heute berühren diese seine Reden Menschen immer noch. Es gibt immer wieder Menschen, die Jesus Lehren auch in die Tat umsetzen. Christen wie auch Nichtchristen. Auch Gandhi war sehr berührt von der Bergpredigt, genauso wie auch Martin Luther King und Nelson Mandela. Menschen aller Zeiten und Generationen waren von Jesus, wie auch von Krishnas, Lehren stark berührt. Und es gibt sicherlich einen Grund, weshalb Gott in seinen Inkarnationen eben nicht diesen Erfolg hat, wie wir das jetzt denken würden, wie eine Inkarnation Gottes auf der Welt Erfolg haben müsste. Sie lehren uns mit ihrem Scheitern, dass spirituelles Leben nicht der materielle Erfolg ist, sondern das Bemühen, sein Dharma zu tun, das Rechte zu tun, ethisch zu leben und von Erfolg und Misserfolg unberührt zu sein. Sie lehren uns, uns für hohe Ideale einzusetzen. Sie lehren uns, alles zu tun, dass alles klappt und gleichzeitig zu wissen, dass das Selbst unsterblich ist. Letztlich müssen wir handeln im Bewusstsein, dass alles, was wir tun Leela, göttliches Spiel, ist. Swami Chinmayananda erzählte uns, dass wir uns bewusst sein sollten, dass die Welt Leela ist, auch wenn wir keinen Erfolg haben. Krishna ist in allen möglichen Dingen gescheitert. Er hat unglaublich gelitten im Leben und blieb dennoch immer gleichsam lächelnd. Er tat, was zu tun war, und wenn Dinge nicht so
ausgingen, wie es oberflächlich gesehen richtig wäre, hatte das seinen Sinn. Deshalb kann man nicht sagen, dass Krishna in allem gescheitert ist. Er hat die Samen gesät und die Herzen der Menschen berührt. Und er berührt Herz, Hand und Kopf der Menschen bis heute. Er kann es deshalb, weil sein Leben so war wie es war. Genauso, wie Jesus die Herzen der Menschen bis heute berühren kann, weil sein Leben so war wie es war.

Ich habe zu diesem Vers viele Worte gebraucht, um eben diesen einen Aberglauben, den wir haben: „Wenn wir alles richtig machen, dann haben wir auch Erfolg“, zu überwinden. Wir können alles richtig machen und keinen materiellen Erfolg haben, dafür aber großen spirituellen Erfolg bekommen. Darauf kommt es an. Das besagt das Gesetz des Karmas. Dinge entwickeln sich so, wie sie für unseren spirituellen Fortschritt nötig sind.

2. Kap. Vers 39:
„Du hast die Weisheit über Sankhya gelernt. Höre nun die Weisheit über Yoga; wenn du sie besitzt, Oh Arjuna, wirst du die Bande des Karma abwerfen.“

Sankhya ist in der Bhagavad Gita der Name für Jnana Yoga (Yoga des Wissens) verbunden mit Entsagung.
In der Einleitung habe ich über die sechs klassischen Philosophiesysteme geschrieben. Krishna versteht unter Sankhya etwas Umfassenderes als was „Sankyha“ im Kontext der sechs Philosophiesysteme bedeutet. Die sechs Philosophiesysteme waren zu Krishnas Zeiten noch nicht fertig ausformuliert. Wenn Krishna in der Bhagavad Gita von Sankhya spricht, dann ist es zum einen eben das System von Sankhya, wie ihr es kennt: Das Zusammenspiel der zwei Urprinzipien Purusha (Seele, Bewusstsein) und Prakriti (Natur, Universum). Zum anderen subsummiert Krishna auch das Vedantasystem von Brahman und Atman unter Sankhya. Krishna ist ein großer Praktiker. Er
legt auf philosophische Präzision nicht allzu großen Wert. Deshalb kann die Bhagavad Gita auch so unterschiedlich interpretiert werden. Sie hat hier große Ähnlichkeit mit der christlichen Bibel: Auch da gibt es die unterschiedlichsten sich widersprechenden Konfessionen und Theologien, die sich aus der Bibel begründen. Wie Jesus kommt es auch Krishna mehr auf das Praktische an. Es ist wichtig zu verstehen: „Ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht die Emotion. Ich bin nicht die Gedanken“. Das sagt Krishna klar. Da ist er eindeutig. Aber ob das jetzt heißt, dass die Welt eins ist mit Brahman oder getrennt ist von Brahman, darüber lässt er sich nicht aus. Ob die Welt eine relative Wirklichkeit hat, wie das die Dwaita Vedanta sagt oder ob sie gänzlich unwirklich ist, wie Adwaita sagt, auch das sagt er nicht so genau. Es gibt zwar den einen Vers (II 16), wo er sagt: „Das Unwirkliche hat kein Sein, das Wirkliche hat kein Nichtsein.“ Da erscheint es so, dass Krishna auf Advaita Vedanta hinaus will. Aber in anderen Versen scheint es so, als ob er von einer dualistischeren Sicht ausgeht. Sicher ist: Was wir denken, was die Welt ist, das ist sie nicht wirklich. Aber ob es jetzt tatsächlich eine Welt
gibt, oder keine Welt gibt, und die Welt nur eingebildet, ein Traum ist, das lässt Krishna ein bisschen offen. Dass die Welt nicht so ist, wie wir sie wahrnehmen, dürfte allen Menschen klar sein. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet gibt es keine Farben, es gibt nur Schwingungen. Wie wir die Welt wahrnehmen, ist von wissenschaftlichem Standpunkt aus betrachtet, ein Zusammenspiel von dem, was außen in der Welt ist und was unser Gehirn daraus macht. Und seit Psychologie Volksgut geworden ist, ist jedem Menschen klar, dass ein und dasselbe Ereignis von zwei verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen und interpretiert wird. Ein einfaches
Beispiel: Heute ist die Temperatur um 10 Grad gestiegen. Gestern war noch Schnee draußen, heute ist der Schnee geschmolzen. Manche finden es toll, dass es jetzt so viel wärmer ist. Andere finden es schade, dass der Schnee weg ist.

Bei der Übersetzung muss man aufpassen. In den meisten deutschen Übersetzungen der Bhagavad Gita wird „Karma“ übersetzt als „Handlung“. Meist wenn ihr in einer deutschen Übersetzung der Bhagavad Gita „Handeln“, „Handlung“ lest, steht im Sanskrittext „Karma“. Der Sanskrit-Ausdruck Karma ist jedoch viel vielschichtiger als der deutsche Ausdruck Handlung. Karma heißt sowohl „handeln“, als auch „Resultat des Handelns“, als auch das „Gesetz des Karmas“. Daher übersetze ich diesen Vers am liebsten: „Wenn du die Weisheit des Yoga besitzt, Oh Arjuna, wirst du die Bande des Karma abwerfen.“
„Bande des Karma“ heißt Verschiedenes: Zum einen heißt es, dass wir verhaftet sind an das, was wir tun und daher gebunden sind. Zum anderen gibt es das Gesetz des Karma: Wenn wir Gutes tun, bekommen wir gutes Karma, wenn wir schlecht handeln, bekommen wir schlechtes Karma. Das Ziel des Yoga ist es, weder gutes noch schlechtes Karma zu bekommen. Wir sollten ohne Verhaftung und ohne Identifikation handeln.

2. Kap. Verse 40-41:
„Dabei ist keine Anstrengung vergebens und es entsteht auch kein Schaden, und schon ein wenig von diesem Wissen, schon ein wenig Praxis von diesem Yoga schützt vor großer Furcht. Hier, Oh Freude der Kurus, gibt es nur einpünktige Entschlossenheit; weit verzweigt und endlos sind die Gedanken der Unentschlossenen.“

Krishna lobt Yoga und bezeichnet Arjuna als „Freude der Kurus“.
Wenn wir überlegen, wie wir besseres Karma erzeugen, und unsere Wünsche besser befriedigen können, sind das nie endende Überlegungen. Erfüllen wir uns einen Wunsch, kommen schon der nächste Wunsch, und der übernächste Wunsch und noch einer. Wenn es dagegen um die Einheit geht, sind wir sehr konzentriert und 100% entschlossen, dieses Ziel zu erreichen. Wenn wir das Ziel erreichen, dann haben wir alles erreicht. Es ist dann nicht so, dass wir nachher feststellen, das war jetzt nicht ausreichend und überlegen müssen, was als nächstes kommt. Dieses Ziel können wir anstreben.

2. Kap. Verse 42-43:
„Blumige Worte finden die Unweisen, die an den rühmenden Worte der Veden gefallen finden, Oh Arjuna, und sich sagen: „Es gibt nichts anderes“. Sie sind voller Wünsche, der Himmel ist ihr Ziel (sie sprechen mit einer bestimmten Absicht), und das Ergebnis ihres Tuns ist eine neuerliche Geburt; sie schreiben verschiedene Methoden mit einer Überfülle an bestimmten Handlungen vor, um Vergnügen und Macht zu erlangen.“

In diesen Versen spricht sich Krishna eigenartigerweise gegen die Lehren der Veden aus. Er bezieht sich dabei auf den Karma Kanda der Veden, also dem Teil der Veden, derüber Punyas und Papas spricht. Der Teil, wo man lernt, bestimmte Dinge zu tun, um Wünsche zu befriedigen, und in den Himmel zu kommen. Natürlich wird das nicht in allen Veden beschrieben, auch nicht in den ersten drei Teilen der Veden. Es gibt Schöpfungsmythen und Weisheitslehren und vieles mehr. Aber es gibt eben auch einiges, was dort steht, was wir tun können, um unsere Wünsche zu befriedigen. Dem zu olgen, ist, laut Krishna, unweise. Falsche Motive in blumige Worte zu kleiden bringt nichts. Wenn wir nach falschen Motiven handeln, dann richtet sich unser Geist nicht beständig auf Meditation und Samadhi aus. Wir werden stattdessen von unseren Wünschen getrieben und bekommen immer mehr Wünsche.

2. Kap. 46. Vers:
„Für den Brahmanen mit Selbsterkenntnis sind alle Veden ebensoviel wert wie ein Wasserbehälter an einem überfluteten Ort.“

Das Wort „Brahmane“ kann man auch übersetzen mit „Brahmankenner mit Selbsterkenntnis“.
Es kommt selten vor, dass man in einer heiligen Schrift Kritik an anderen heiligen Schriften findet. Krishna allerdings schimpft hier sehr stark über die Purva Mimamsa Philosophie, die seiner eigenen Tradition entsprungen ist. Arjuna handelt aus der Purva Mimamsa Philosophie heraus. Krishna selbst hat Arjuna zuvor einige Grundsätze dieser Philosophie dargelegt und jetzt kritisiert er diese Philosophie sehr stark. Er sagt zu Arjuna, das es sinnlos ist darüber nachzudenken, welche Handlungen gutes Karma, welche Handlungen schlechtes Karma schaffen. Darüber nachzudenken
wäre so überflüssig, wie wenn man schon überflutet ist und noch zusätzlich jemand einem einen Eimer Wasser über den Kopf schüttet.

2. Kap. 45. Vers:
„Die Veden sprechen von den 3 Eigenschaften der Natur, erhebe dich über diese 3 Eigenschaften. Oh Arjuna, befreie dich von den Gegensatzpaaren und weile immer in der Eigenschaft von Sattva, frei von den Gedanken von Erlangen und Behalten, und ruhe fest im Selbst.“

Krishna gibt uns jetzt viele Tipps, wie wir auf dem spirituellen Weg voranschreiten können. Wir sollen uns über die drei Eigenschaften, die drei Gunas, Sattva, Rajas, und Tamas, erheben. Tamas bedeutet „Trägheit, Dunkelheit, Blendung“. Rajas bedeutet„Unruhe, Leidenschaft, Gier“. Sattva bedeutet „Reinheit, Licht, Freude“, die aus dem Selbst heraus kommt.
Als weiteren Tipp rät er uns, uns von Gegensatzpaaren (Dvandvo) zu befreien. Gegensatzpaare können z.B. Vergnügen und Schmerz, Lob und Tadel, Reichtum und Armut sein.
Es hilft wenn wir öfters überlegen, wann wir in den Dvandvos gefangen sind und uns dann sagen: „Ich bin nicht diese Dvandvos. Ich weile in Sattva.“ Das widerspricht jetzt dem, was Krishna zuvor sagte. Erst rät er uns, über die drei Gunas hinauszuwachsen, jetzt sagt er, wir sollen Sattva kultivieren. Man kann diese Aussage wie eine Art Leiter verstehen. Zuerst müssen wir Tamas und Rajas überwinden, indem wir Sattva erhöhen. Wenn wir Sattva erhöht haben, ist der nächste Schritt nicht an Sattva zu haften.
Oft fragen mich Menschen, wie es zu verstehen ist, dass Shiva Tamas repräsentiert. Darauf antworte ich, dass Shiva nicht wirklich Tamas repräsentiert. Shiva steht symbolisch für die Zerstörung, für die Auflösung. Manchmal wird gesagt, Shiva wäre tamasig, Vishnu sattvig und Brahma rajasig. Vermutlich würden weder die Verehrer Shivas, noch die Verehrer Vishnus oder Brahmas diesen Aussagen zustimmen. Begründet werden diese Annahmen immer damit, dass Brahma etwas erschafft, also rajassig ist. Vishnu bewahrt die Welt, ist also sattvig und Shiva zerstört etwas, ist also tamassig. Oft wird Shiva auch dargestellt wie er am Krematorium auf Leichen sitzt und Schädel in der Hand hält. Das ist seine Eigenschaft als Kapala (Gott der Schädel). Shiva ist der Gott, der den Tamas zerstört. Auch die Zerstörung kann positive Aspekte haben. Um etwas Neues entstehen zu lassen, muss Altes zerstört werden. Wenn ich einatme wird Sauerstoff
zerstört, Kohlendioxid geschaffen und das Leben wird erhalten. Im Atemvorgang sind alle drei Gunas enthalten. Für uns Menschen, ist es gut, Tamas und Rajas zu reduzieren und Sattva zu erhöhen damit wir ausgeglichener, reiner, und leichter meditieren können. Dann wären auch unsere Koshas, unsere Hüllen reiner und durchlässiger. Und wenn sie durchlässig sind dann können wir unser Selbst besser wahrnehmen.

Krishna lehrt uns in der gesamten Bhagavad Gita, wie wir Sattva erhöhen können. In den ersten Kapiteln erläutert er uns das noch recht theoretisch. In den letzten sechs Kapiteln, den Kapiteln des Jnana Yoga, erläutert er uns das recht praktisch. Krishna beginnt die Bhagavad Gita, indem er uns über die Weisheit des Selbst lehrt. Dem folgt eine Unterweisung ins Karma Yoga. Er lehrt uns, welches die richtige Einstellung zum Handeln ist. Danach lehrt er uns wie wir Bhakti, Hingabe zu Gott entwickeln können und erst dann spricht er über Rajas, Tamas und Sattva. Wir sollen immer das sattvige tun, ohne daran verhaftet zu sein. Dieser Lehre folgt einer Erläuterung, wie wir Devas
und Asuras, die göttlichen und dämonischen Eigenschaften, unterscheiden können. Krishna rät uns immer das Göttliche zu wählen. Er spricht über Prakriti und Swabhava und sagt uns, dass es gut ist unserer Swarupa zu folgen. Wenn wir vor einer Entscheidung stehen, müssen wir erst überlegen, was wäre sattvig, tamasig oder rajassig und dann möglichst das sattvige wählen. Daneben können wir auch überlegen, was göttlich und was dämonisch wäre. Doch im Grunde genommen sind Materialisten Asuras. Sie wollen ihre Wünsche erfüllen und die Methoden gehen oft über die Einhaltung von ethischen Prinzipien hinaus. Das gilt es zu vermeiden. Als nächstes folgt die Überlegung, was meine Pflicht aus dem Karma heraus ist, und was meine Wesensnatur ist. Diese Kriterien machen die Essenz der Bhagavad Gita aus.
Nehmen wir mal als Beispiel an, ein Mensch liegt in seinem eigenen Blut auf der Straße. Unsere Aufgabe wäre es, ihm zu helfen. Oder: Wir haben ein Kind in die Welt gesetzt. Dann wäre es unsere Aufgabe, uns um das Kind zu sorgen.
Als nächstes müssen wir überprüfen, welche Swarupa, welches Swadharma, welche Prakriti wir haben. Wenn Krishna von Swarupa spricht, dann meint er die relative Wesensnatur, also unsere tiefe Persönlichkeit. Sie wird auch als Swabhava bezeichnet, das tiefe innere Gefühl, oder auch Prakriti, unsere tiefe innere Natur.

Das Swabhava verschiedener Menschen ist sehr verschieden. Der eine Mensch z.B. hat einen hohen Gerechtigkeitssinn. Dann ist es seine Aufgabe sich für die Gerechtigkeit zu engagieren. Jemand anderes, der nicht diesen hohen Gerechtigkeitssinn hat, sondern das innere Bedürfnis andere zu lehren, anderen zu helfen, sollte Lehrer werden. Ein dritter Mensch zum Beispiel, der den Menschen materiell helfen möchte, könnte Anlageberater werden oder selbst viel verdienen, um dann viel Geld für gemeinnützige Zwecke zu spenden.

Ajruna hat ein gewisses Dharma, eine Pflicht. Er hat ein Swadharma, persönliche Aufgaben, die er erfüllen muss. Krishna fordert Arjuna immer wieder auf, sich seines Dharmas bewusst werden und sich anhand seines Dharmas, Swadharmas, Swarupa und Swabhava zu entscheiden. Sie sind maßgeblich für seine Handlungen. Allerdings deutet er das hier nur an. In späteren Kapiteln gibt er praktischere Hinweise darauf.

Aus dem Zusammenspiel von Karma (äußerer Situation) und Swarupa (innere Natur) ergibt sich also Swadharma, die innere Pflicht.
Swarupa muss unterschieden werden von Raga und Dwesha (Mögen und Nichtmögen) und muss auf sattvige Weise gelebt werden. Das Leben der Swarupa muss ethisch sein.

So lange, wie wir im physischen Körper leben, haben wir Anteile von Sattva, Rajas und Tamas. Immer sollten wir versuchen Sattva zu erhöhen. Wir können Sattva erhöhen, indem wir sattvige Nahrung essen, eine sattvige Sprache verwenden. Wir können sattvig, rajasig und tamasig mit anderen sprechen. Das hat einen Einfluss auf unseren Geist und Emotionen. Wir können sattvige, rajasige oder tamasige Musik hören, sattvige, rajasige oder tamasige Bücher lesen. Geschichten von Heiligen z.B. sind sattvig. Liebesromane sind rajasig. Wir können auch sattvige, rajasige und tamasige Körperübungen machen oder Kleidung tragen. Auch unsere Wohnung können wir mittels dieser Gunas einrichten. Natürlich müssen wir auch aufpassen, denn wir leben auch in bestimmten Lebensumständen. Angenommen ihr habt eine Familie. Euer Ehemann, Ehefrau, oder Lebensgefährte/in ist auf einem anderen Weg. Jetzt lebt man mit diesen Menschen zusammen, man handelt aus seiner Swarupa heraus, man liebt sich sehr und heiratet. Man hat ein gemeinsames Karma und der Respekt vor den Wünschen des Partners gehört auch dazu. Man kann Kompromisse eingehen, die dann wahrscheinlich nicht so sattvig sind, wie man es selber gerne hätte. Dann ist es wichtig für uns, uns nicht an Sattva zu hängen, sie nicht zu einer goldenen Fessel werden zu lassen. Es gibt Menschen, die sehr stark an Sattva verhaftet sind, dass sie, wenn sie irgendwo eingeladen sind und der Salat nicht aus organisch/ökologischem Anbau ist, mit einem schimpfen. Dieses Beispiel zeigt, dass man es mit Sattva auch übertreiben kann. Und manchmal ergibt das Karma, dass wir nicht 100% sattvig sein können. Trotzdem sollten wir es nicht unterbewerten. Und ich glaube viele Aspiranten kümmern sich zu wenig um Sattva. Es ist wichtig, dass wir uns um Sattva bemühen, und öfters mal ehrlich zu uns selbst sind und schauen, wie viel Sattva wir wirklich haben.

2. Kap. Vers 47:
„Dein einziges Recht ist es zu wirken, und kein Anspruch hast du auf die Früchte deines Tuns. Lass weder die Früchte deiner Handlung dir Motiv zur Handlung sein, noch wende dich zum Müßiggang.“

Krishna rät Arjuna, nicht an den Früchten der Handlung zu haften, und die Handlung nicht auszuführen, mit der Intention, Früchte zu bekommen, belohnt zu werden. Die Mehrheit der Menschen handeln, um etwas zu erreichen. Man arbeitet, um Geld zu verdienen. Man isst, um den Körper zu erhalten usw. Kann man überhaupt handeln, ohne etwas erreichen zu wollen? Ja, man kann handeln ohne etwas erreichen zu wollen. Immer wenn wir handeln, weil etwas getan werden muss, weil es unser Karma ist zu handeln, weil es unsere Svarupa ist etwas zu tun oder, weil wir uns dazu berufen fühlen.

Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, dass wir auch oft handeln, um Früchte zu bekommen. Wir müssen logisch denken und planen. Um eine Handlung geschickt zu machen, müssen wir auch an die Früchte und das Ergebnis denken. Aber wir sollten nicht wirklich daran hängen, und das nicht als Hauptmotiv unserer Handlung zugrunde legen. Wir sollten spüren, dass genau das in dem Moment unsere Aufgabe ist.
Angenommen jemand fühlt sich von innen heraus berufen ein Kooperationscenter zu eröffnen. Er muss dann logisch vorgehen. Er muss überlegen, wo er das Startkapital herbekommt und wie viel Geld er einnehmen muss, um das Center am laufen halten zu können. Er muss Werbung machen, lernen wie man eine Broschüre erstellt usw. Es erscheint zunächst so, als würde es ihm um die Früchte gehen. All dieses muss er aber bedenken, wenn das Center gut laufen soll. Sein eigentliches Ziel kann sein, der Menschheit zu helfen, zu dienen und Yoga zu verbreiten. Dann kommen öfter
Prüfungen auf einen zu. Manchmal erntet man Früchte, manchmal nicht. Manchmal erreichen wir unser Ziel, manchmal erreichen wir es nicht.

2. Kap. Vers 48:
„So handle, Oh Arjuna, und sei fest im Yoga, gib Bindungen auf, und bewahre Gleichmut in Erfolg und Misserfolg. Ausgeglichenheit im Geiste, Gleichmut wird Yoga genannt.“

Bindungen kann man auch mit Verhaftungen übersetzen. Der 48. Vers ist einer der berühmtesten Verse der Bhagavad Gita. „Samatva“, wie es im Sanskrittext heißt, bedeutet „Ausgeglichenheit im Geist“.
Als erstes lehrt Krishna uns frei von Gegensatzpaaren zu sein. Dann sollen wir Sattva erhöhen und uns nicht an Sattva verhaften. Wir sollen handeln um der Handlung nicht der Früchte willen. Wir sollen es engagiert, nicht müßig, tun und gleichmütig in Erfolg und Misserfolg sein. Zwischen Früchten ernten und Erfolg und Misserfolg besteht ein Unterschied.
Er hat als erstes gesagt: Frei von Gegensatzpaaren. Dann hat er gesagt, sattvig, danach frei von Erlangen und Behalten, handeln um der Handlung willen, nicht für die Früchte. Erfolg und Misserfolg sind das Ergebnis der Handlung.
Angenommen ihr bekommt auf eurer Arbeit ein Projekt anvertraut. Ihr bearbeitet es sorgfältig und am Ende, wenn das Projekt fertig gestellt ist, lobt euch euer Chef, wie gut es geworden ist, und ihr bekommt eine Prämie dafür. Zwei Wochen später spricht euch euer Chef erneut an und sagt, er fände euer Projekt nach wie vor ganz toll, nur leider hat der Vorstand euer Projekt verworfen. Wie fühlt ihr euch dann? Ihr habt die Prämie bekommen, die Früchte geerntet, aber das Ergebnis war nicht gut.

Oder angenommen, ihr macht heute jemanden einen tollen Vorschlag. Der Vorschlag wird umgesetzt und das führt dazu, dass 20% der Arbeitskräfte eingespart werden können und ihr selbst seid unter den 20%. Das Projekt war ein Erfolg, aber die Früchte waren schlecht.
Nehmen wir ein weiteres Beispiel zur Hilfe. Angenommen ihr gebt einen Yogakurs vielleicht sogar auf Spendenbasis. Zum Schluss loben euch die Teilnehmer. In der vorletzten Stunde sprechen sie von den fantastischen Wirkungen, die das Yoga auf sie hat. In der letzten Stunde lasst ihr einen Klingelbeutel herumgehen, und jeder gibt 50 Cent. Ihr bekommt also kaum Früchte der Handlung, habt aber ein gutes Ergebnis erzielt. Oder ihr startet einen Yogakurs mit vielen Teilnehmern. In der dritten Stunde ist nur noch die Hälfte der Menschen da, in der fünften Stunde sind nur noch zwei Teilnehmer anwesend und in der siebten Stunde seid ihr allein. Vielleicht schreiben euch noch drei oder vier Menschen, wie toll sie den Kurs gefunden haben und danken euch. Dann habt ihr gute Früchte geerntet, seid relativ gut bezahlt worden, doch das Ergebnis ist nicht so gut.
Es ist wichtig die Bhagavad Gita richtig zu verstehen. Krishna sagt uns, wir sollen gleichmütig in Erfolg und Misserfolg sein. Er rät uns nicht, gleichgültig zu sein. Man kann sich sagen, dass man seinen Yogakurs einfach unterrichtet, wenn es jemandem gefällt ist es okay, wenn es niemandem gefällt ist es auch okay. Und wenn man dann zum fünften Mal einen Anfängerkurs mit 20 Teilnehmern in der vierten Stunde auf zwei Teilnehmer reduziert hat, denken, die Aspiranten oder Yogaschüler von heute taugen nichts mehr. Sie sind für mich nicht gut genug und ich mache was ich will. Das ist nicht im Sinne von Krishna. Er sagt extra, wir sollen nicht müßig sein. So zu denken
wäre eine Form von müßig sein.

2. Kap. Vers 50:
„Der Mensch, der Weisheit (Gemütsruhe) besitzt, weist in diesem Leben gute wie auch schlechte Taten von sich; deshalb widme dich dem Yoga; Yoga ist Geschickt im andeln.“

Wenn etwas schief gegangen ist, forschen wir vielleicht nach der Ursache. Wenn es möglich ist, die Urschache zu beseitigen, dann beseitigen wir sie. Es kann aber auch sein, das wir feststellen: es gibt eine bestimmte Ursache, die man nicht abstellen kann. Nehmen wir mal an, wir kennen jemanden, der ein vorbildlicher Redner ist, den wir bewundern. Wir selbst sind auch ein ganz guter Redner. Trotzdem könnten wir den gleichen Vortrag nie auf die gleiche Art und Weise wie unser Vorbild geben. Wir können uns bemühen, den gleichen Enthusiasmus, Humor und Tiefsinnigkeit in unseren Vortrag zu legen, aber er wird nie genauso sein, wie der unseres Vorbildes. Wir können es probieren, ihn möglichst gut zu machen, und wenn sich hinterher jemand bei uns beschwert, können wir überlegen, ob wir das umsetzen können oder nicht. Wenn man aber am Boden zerstört ist, weil einen jemand kritisiert und behauptet, dass er das alles schon in der Yogalehrerausbildung gelehrt bekommen hätte, und man sich schon ein bisschen mehr Mühe hätte geben können, ist das weniger hilfreich. Man kann sichüberlegen, was man das nächste Mal anders machen kann. Oder man kann am Boden zerstört sein und denken: „Undankbarer Haufen.“ Oder man kann auch schimpfen und sagen: „Du bist noch vollkommen unreif.“

Der Umgang mit Kritik ist eine der schwierigsten Angelegenheiten. Wir sind sehr stark darauf fixiert, Kritik zu beachten und das Positive weniger zu beachten. Bei den Deutschen ist dieses Phänomen stärker ausgeprägt als bei anderen Nationen. Angenommen ihr haltet einen Yogakurs mit 20 Teilnehmern ab und 19 davon sagen euch am Ende, wie toll es war und einer kritisiert euch. Woran denkt ihr auf dem Nachhauseweg?

Es ist auch durchaus etwas sattviges, wenn man überlegt, wie man etwas besser machen kann. Das ist vielleicht auch ein Vorteil. Bei Yoga Vidya sind wir auch durchaus ähnlich veranlagt. Viele Mitarbeiter denken, immer wenn irgendwo im Haus eine Kritik ist, müssten sie sie mir ins Fach legen. Das ist schon mehrfach vorgekommen. Beim Abschluss der Ausbildung sind Feedbackbögen verteilt worden, und ich bekomme gesagt: „28 Feedbackbögen waren sehr positiv aber diese 2 wollte ich dir auch noch zur Kenntnis geben.“ Dann fange ich natürlich an zu überlegen, was und wie man es da noch besser machen kann. Und manchmal zucke ich mit den Schultern und sage: „Om Tat Sat.“

Bei jeder Kritik besteht die Chance, dass man ein Stück weiterkommt. Deshalb bemühen wir uns. Wir bemühen uns sogar noch stärker als zu Swami Vishnus Zeiten in seinen Zentren. Swami Vishnu hat gesagt, wir machen nur das, was in der Tradition ist. Wenn es den Menschen gefällt ist es gut, wenn es ihnen nicht gefällt, dann ist es auch okay. Swami Vishnu hat noch mehr auf Kritik reagiert und Verbesserungsvorschläge gemacht, als die Amerikaner, die in großen Teilen für die Atmosphäre in den Seminaren verantwortlich waren. Irgendwie wurden die Anregungen weniger beachtet.
Es war in seinen Centren nicht so wichtig. Wir bemühen uns hier mehr, die Kritik zu beachten. Manchmal muss ich auch sagen: „Wir können es nicht allen Menschen recht machen. Wir können es nicht immer allen richtig vermitteln. Wir sollten Gleichmut üben und die Kritik nicht überbetonen.“ Also Gleichmut in Erfolg und Misserfolg, Kritik annehmen, als mögliche Anregung sehen, es eventuell noch besser zu machen, aber nicht deshalb aus dem Gleichgewicht kommen.

2. Kap. Vers 49:
„Handeln ist dem Yoga der Weisheit weit unterlegen, Oh Arjuna. Nimm Zuflucht bei der Weisheit unglücklich sind die, für die die Früchte Motiv der Handlung sind.“

Im Sanskrittext wird das Wort „Karma“ verwendet. „Karma“ ist ein sehr vielschichtiger Begriff. Das Verständnis der Vielschichtigkeit dieses Begriffs, ist der Schlüssel zum Verständnis der Bhagavad Gita. Karma hat die folgenden Bedeutungen:

  1. Handlung
  2. Resultat der Handlung (Wir können uns also fragen: „Was ist mein Karma?“ Oder man kann sagen: „Das ist jetzt mein Karma. Wenn ich Kreuzprobleme habe, dann ist das halt mein Karma. Ich kann es deshalb nicht ändern. Es ist auch Schicksal.“)
  3. Gesetz
  4. Ritual (wenn wir sagen, wir müssen ein bestimmtes Karma ausführen, dann kann das heißen, dass wir verschiedene Rituale ausführen wollen).
  5. Purva Mimamsa Philosophie (In der Purva Mimamsa Philosophie gibt es den so genannten „Karma Kanda“, d.h. den „Teil der Veden“, Kanda heißt immer „Teil“, der beschreibt, wie man gutes Karma schafft.)

Wenn Krishna von Karma spricht, dann muss man immer ein bisschen spielerisch ausprobieren welche dieser oben genannten Karmabegriffe Krishna wählt. Krishna nutzt viele Wortspiele.
Er sagt: „Handeln ist dem Yoga der Weisheit unterlegen.“ Er spricht hier nicht von Jnana Yoga, sondern von Buddhi Yoga. Unterscheidungsyoga ist dem Karma Yoga unterlegen. Nach dem Karma Kanda zu handeln, um gutes Karma zu bekommen, ist dem Yoga der Weisheit weit unterlegen. „Nimm Zuflucht bei der Weisheit.“ Krishna rät uns, unsere Unterscheidungskraft zu nutzen und weise handeln. „Unglücklich sind die, für die die Früchte Motiv der Handlung sind.“ Warum sind diese Menschen unglücklich? Sie sind unglücklich, weil die Früchte nie ausreichen, oder sie nicht zufrieden mit ihnen sind. Manchmal erreichen sie die Früchte nicht und falls sie sie doch erreicht haben, verschwinden die Früchte auch wieder. Angenommen, es gäbe einen Preis für die beste Asana, die ihr macht und jetzt würdet ihr Asanas üben, um dann nachher dafür einen Preis zu gewinnen. Oder ihr übt Asanas, weil ihr wisst, dass Asanas irgendwie gut sind. Was macht euch mehr Spaß? Wenn ihr Asanas übt, um zu gewinnen, oder wenn ihr Asanas einfach nur so macht? Wenn wir sie einfach nur so machen, machen sie uns mehr Spaß. Dies wurde auch
schon durch Forschungsergebnisse im Bereich der Arbeitsmotivationsforschung nachgewiesen.

2. Kap. Vers 50:
„Der Mensch, der Weisheit besitzt, weist in diesem Leben gute wie auch schlechte Taten von sich; deshalb widme dich dem Yoga; Yoga ist Geschick im Handeln.“

Das Wort „Taten“ ist meiner Meinung nach ein Übersetzungsfehler. Es müsste mit Karma übersetzt werden und dann würde es heißen: „Er weist in diesem Leben gutes wie auch schlechtes Karma von sich.“ Es geht ihm nicht darum, gutes oder schlechtes Karma zu bekommen. Wenn wir so handeln ist es geschickt und wir handeln dann umso besser. Wenn wir nicht ständig an den Früchten und am Ergebnis unserer Handlung hängen, dann wird unser Handeln besser sein.
Man hat auch festgestellt, dass die Wissenschaftler, die am allerbesten sind, diejenigen sind, die einfach in ihrer Forschung aufgehen. Musiker und Sänger zum Beispiel, die so in ihre Tätigkeit absorbiert sind, dass sie nicht ständig daran denken, ob und wie viel Applaus sie nachher dafür bekommen.

2. Kap. Verse 51-53:
„Die Weisen, die mit Wissen erfüllt sind, die die Früchte ihrer Handlungen aufgegeben haben, und die frei sind von den Fesseln der Geburt, gehen an einen Ort, der jenseits allen Leidens ist. Wenn dein Verstand den Sumpf der Täuschung durchquert hat, wirst du zu Gleichmütigkeit gegenüber Gehörtem und noch zu Hörendem gelangen. Wenn dein Verstand, der verwirrt war durch die Worte der Veden, die du gehört hast, nun unerschütterlich und fest im Selbst ist, wirst du Selbstverwirklichung erlangen.“

Wenn wir so handeln, dann befreien wir uns von den Fesseln der Geburt und wir erreichen die Selbstverwirklichung.

2. Kap. Vers 54:
„Arjuna sprach: Wie, Oh Krishna, ist ein Mensch von stetiger Weisheit, einer, der im überbewussten Zustand aufgegangen ist? Wie spricht jemand, der stetige Weisheit besitzt, wie sitzt er, wie geht er?“

Krishna hat zuvor über denjenigen gesprochen, der in dem Zustand der Selbstverwirklichung weilt bzw. hat er Arjuna erklärt, wie er zur Selbstverwirklichung gelangen kann. Es ist wichtig darauf zu achten, wie wir handeln, nach welchen Kriterien wir unsere Entscheidungen treffen, nämlich: ohne Verhaftung oder ohne an den Früchten zu hängen und gleichmütig in Erfolg und Misserfolg zu sein, gelten als die wichtigsten Grundlagen bei der Ausführung von Handlungen. Krishna spricht jetzt davon, dass, wenn Ajruna das beachtet, er die Selbstverwirklichung erreichen wird.
Den Ausdruck, den er dafür verwendet, heißt Sthitaprajna. Ein Sthitaprajna ist jemand von „beständiger Weisheit“. Als Prajna wird jemand bezeichnet, der „viel weiß“. Und sthita bedeutet „beständig“. Jeder Mensch besitzt etwas Weisheit. Jeder Mensch hat seine lichten Momente. Aber wir haben auch unsere weniger lichten Momente. Es heißt, ein selbstverwirklichter Mensch ist ein Sthitaprajna, ein Mensch von beständiger Weisheit.
Arjuna möchte von Krishna wissen, woran er überhaupt einen selbstverwirklichten Menschen erkennt. Er bittet Krishna darum, ihm zu erklären, wie ein solcher Weiser spricht, sitzt und geht. Er möchte äußere Kriterien gelehrt bekommen, die ihm zeigen, dass er einen verwirklichten Menschen vor sich hat. Arjuna möchte auf einen Blick erkennen können, ob er einen selbstverwirklichten Menschen vor sich hat oder nicht. Vielleicht wäre ein solches Kriterium, dass der Mensch besonders getragen sprechen müsste. Vielleicht müsste er besonders gerade sitzen oder besonders majestätisch gehen.
Doch leider kommt Krishna Arjunas Wunsch nicht nach. Er gibt ihm keine äußeren Erkennungskriterien an die Hand. Er kann es auch überhaupt nicht, da alle Meister sehr verschieden sind. Es gibt Meister, die sehr ruhig sind und sehr klar wirken. Jedes Wort, das solche Meister, wie z.B. Swami Chidananda sprechen, ist von großer Ruhe und Bedachtheit.
Daneben gibt es auch die burschikosen Meister, die voller Emotionen sprechen. Sie überschlagen sich bei ihren Reden. Swami Vishnu z.B. war ein solcher Meister. Wenn man Swami Chidanandas Vorträge transkribiert hatte, waren sie sofort druckfertig. Es gab nichts an ihnen, was hätte geändert oder ergänzt werden müssen. Man brauchte einfach nur seine Vorträge aufzunehmen, zu transkribieren und schon hatte man ein Buch. Ganz selten ist es ihm passiert, dass er mal ein Wort in einem Satz vergessen oder zu viel einfügt hatte.
Bei Swami Vishnu-devananda war es immer eine große Herausforderung, seine Vorträge druckfertig zu machen. Während man seinen Vorträgen lauschte, war alles einleuchtend und klar. Wenn man das dann aber niedergeschrieben hatte, stellte man fest, dass nur etwa jeder dritte Satz ein korrekter englischer Satz war.

Des Weiteren gibt es sehr kleine oder sehr große Meister. Swami Sivananda z.B. war sehr groß. Wieder andere Meister sind sehr dick oder sehr dünn. Swami Chidananda war extrem dünn, Swami Vishnu-devananda eher dicker. Es gibt Meister, die sehr logisch denken können, wie z.B. Swami Chidananda, Swami Krishnananda und Swami Vishnu-devananda. Es gibt andere Meister, die das nicht können.
Manche Meister sind sehr gebildet, wie z.B. Swami Krishnananda. Andere Meister sind gänzlich oder weitestgehend ungebildet gewesen, wie z.B. Ramana Maharshi und Ramakrishna. Die beiden konnten zwar lesen und schreiben, aber keine Schriften studieren und ihr Bildungsstand entsprach in etwa unserem Grundschulniveau.
Andere Meister sind große Gebildete. Dazu zählen z.B. Swami Chinmayananda und Swami Dayananda. Wieder andere Meister gelten als so genannte „verrückte Narren“, wie z.B. Ramakrishna, der allen Konventionen getrotzt hat. Manche Meister sprechen nicht, andere leben zurückgezogen. Swami Chaitanyananda z.B. wurde von Swami Sivananda in die Einsamkeit geschickt. Er sollte mehrere Jahre meditieren. Swami Nadabrahmananda hat er in eine Höhle geschickt, wo er zwölf Jahre lang allein musizieren sollte.
Meister sind insgesamt sehr verschieden. Woran könnte das liegen? Es könnte an ihrem Parapdha Karma oder ihrer relativen Swarupa liegen. Dass es so viele verschiedene Meister gibt, die in so vielen verschiedenen äußeren Umständen leben, zeigt uns, auch wenn die Erfahrung des Nirvikalpa Samadhi, des höchsten Zustandes, identisch ist, es sehr unterschiedlich sein kann, wie wir diesen Zustand nachher leben. Das bedeutet auch, dass jeder einzelne von uns anders sein wird, wenn einst vollkommen ist. Wir werden die gleiche Erfahrung im nirvikalpa samadhi machen. Aber wenn wir in der Welt handeln, handeln wir unterschiedlich. Trotz allem bleiben ein paar Dinge
übrig, die gleich sind. Von diesen erzählt uns Krishna im nächsten Vers.

2. Kap. Vers 55:
„Von dem Menschen, Oh Arjuna, der alle Wünsche des Geistes vollständig von sich weist und im Selbst durch das Selbst Zufriedenheit erfährt, wird gesagt, er habe stetige Weisheit.“

Hier wird also der „Sthitaprajna“ beschrieben. Prajna bedeutet „Weisheit, Wissen“. Sthita bedeutet „beständig“. Es ist ein zufriedener, wonnevoller Zustand.

2. Kap. Vers 56:
„Der Mensch, dessen Geist durch Unglück nicht erschüttert wird, der sich nicht
nach Vergnügen sehnt und frei ist von Anhaftung, Furcht und Zorn, wird ein
Mensch stetiger Weisheit genannt.“

In Situationen, wo einem ein Unglück geschieht, kann man am besten erkennen, ob jemand weise ist oder nicht. Wir können sehen, wie jemand in so einer Situation reagiert. Wird er durch sie erschüttert oder nicht. Reagiert er voller Angst oder eherärgerlich. Manchmal gibt es Meister, die, um ihre Schüler zu lehren, auch mal ein bisschenÄrger zeigen. Wenn wir etwas lernen wollen ist es gut, wenn in den Worten des Meisters eine große Kraft liegt. Angenommen der Meister wäre wie eine wandelnde Statue oder wie ein Computer, der ganz monoton sprechen und sagen würde: „Du hast dich heute nicht richtig verhalten. Ich erwarte von dir, dass du das änderst.“ So etwas hilft uns
nicht zu lernen. Manchmal wird bei den Meistern der Geist zum Spiegel des Schülers. Man erkennt aber trotzdem wenn er ärgerlich wird, dass es sich nicht um einen tiefenÄrger handelt, sondern nur etwas ist, wie eine Art Lehrenergie, die durch den Meister fließt. Swami Vishnu z.B. war ein Meister, der auch sehr gut schimpfen konnte. Allerdings hat er auch nie von sich behauptet, dass er selbstverwirklicht wäre. Er meinte Ärger sei eine Schwäche von ihm, die er noch überwinden müsste. Ich selbst habe Swami Vishnu mal während einer Mitarbeiterbesprechung erlebt, wo jemand etwas zum wiederholten Male nicht getan hat, was er hätte tun sollen. Swami Vishnu wurde sehr ärgerlich und sagte: „Warum hast du das nicht gemacht? Wie oft habe ich dir gesagt, dass du das tun sollst? Das mir das nie mehr vorkommt bei dir.“ Wenn ein Meister, der sehr viel Energie hat, mal ärgerlich wird, dann wird das Tamas im Astralkörper des Gegenübers durcheinander gerüttelt und nicht nur bei dem Angesprochenen, sondern bei allen anderen Menschen im Raum ebenfalls. Es war noch nicht einmal notwendig, dass Swami Vishnu die Stimme erheben musste, um diese Wirkung zu erzielen. In der gleichen Versammlung sprach er direkt danach zu einer Frau, die erst ein paar Wochen im Ashram und sehr schüchtern war, und fragte sie: „Wie geht es dir? Hat alles geklappt mit deiner Aufgabe? Ist alles in Ordnung?“ Swami Vishnu änderte seine Stimmung von einem Moment auf den nächsten. Er musste nicht vorher den Raum verlassen und sich abzukühlen, bevor er mit dem nächsten Menschen sprechen konnte. Swami Vishnu war nicht wirklich ärgerlich, sondern es floss einfach eine Lehrenergie durch ihn hindurch.Ähnlich ist es mit dem Gefühl der Angst.
Es gibt eine Geschichte von Swami Sivananda. Er hatte mal einen Schüler, der ihm eine große Stütze schon seit Beginn des Aufbaus der Divine Life Society war. Es bestand eine enge Bindung zwischen Swami Sivananda und seinem Schüler. Der Schüler wusste fast immer schon intuitiv, was Swami Sivananda wollte. Swami Sivananda brauchte ihn nur anzusehen und dann wusste der Schüler was zu tun war und erledigte es auch sofort. Eines Tages wurde dieser Schüler nun von einem tollwütigen Hund gebissen. Swami Sivananda hat ihn daraufhin in ein Krankenhaus geschickt. Er hat sich bemüht alles Notwendige für seinen Schüler zu tun. Er gab ihm einen Arzt des Ashrams mit ins Krankenhaus, damit der sich auf dem Weg ins Krankenhaus um den Schüler kümmern
konnte. Der Arzt sollte auch dafür sorgen, dass der Schüler im Krankenhaus die richtige Behandlung bekommt. Am nächsten Tag bekam Swami Sivananda ein Telegramm aus dem Krankenhaus, in dem es hieß, seinem Schüler ginge es besser. Alle umherstehenden Menschen konnten daraufhin ein freudiges Leuchten auf Swami Sivanandas Gesicht wahrnehmen.
Am nächsten Tag folgte ein zweites Telegramm mit der Nachricht, dass der Schüler gestorben sei. Der Bote, der Swami Sivananda das Telegramm überbrachte, wurde von Swami Sivananda gebeten, ihm das Telegramm vorzulesen. Aus den Augen des Boten flossen Tränen. Swami Sivananda sah erst einmal sehr schockiert aus, als er die Todesnachricht erhielt. Eine Stunde später wurde der Leichnam zum Ashram gebracht. Swami Sivananda vollzog die Toten-Riten, die bei dem Tod eines Swamis üblich waren und kurze Zeit später war Swami Sivananda wieder der gleiche Mensch wie vorher. Die Zeremonie war sehr bewegend. Aber nach der Zeremonie war alles abgeschlossen. Swami Sivananda zeigte keine Emotionen mehr und ging wieder zum normalen Alltagüber. Die Geschichte war für ihn abgeschlossen.

Swami Sivananda war, wie Krishna beschreibt, frei von Zorn, Furcht und Anhaftung. Direkte Emotionen sind ein Teil der Persönlichkeit großer Meister. Sie sind aber nichts, was sehr tief geht, nichts, was sich verankert, nichts, was den Menschen erschüttert.

2. Kap. Vers 57:
„Wer überall ohne Verhaftung ist, Gutem wie Schlechtem verhaftungslos begegnet und weder bejubelt noch verabscheut, dessen Weisheit ist fest begründet.“

Wir sollen Gutem und Schlechten verhaftungslos begegnen. Dieses Universum ist gekennzeichnet von Dualität. Alle Menschen haben gute und schlechte Eigenschaften. Wir bemühen uns zwar immer wieder das Gute zu tun, das Gute in anderen Menschen zu stärken, aber manchmal müssen wir auch dem Schlechten Widerstand leisten und trotzdem verhaftungslos sein.

2. Kap. Vers 58:
„Wenn er, so wie die Schildkröte, die ihre Glieder an allen Seiten einzieht, seine Sinne von den Sinnesobjekten zurückzieht, wird seine Weisheit unerschütterlich.“

Krishna fordert uns auf, die Fähigkeit zu entwickeln, jederzeit unsere Sinne zurückziehen zu können. Er verwendet das Beispiel der Schildkröte. Wenn eine Schildkröte in Gefahr ist, dann zieht sie einfach alle vier Beine und ihren Kopf ein und ist geschützt, so dass niemand ihr etwas tun kann.
Bei uns Menschen ist es ähnlich. Im normalen Leben müssen wir unsere fünf Sinne aktiv nach außen gehen lassen. Wir sind aber ebenfalls in der Lage, unsere fünf Sinne wieder nach innen zu ziehen, und dann nicht von Äußerlichkeiten beeinflusst zu werden. Wir sind nicht die Sklaven unserer Sinne. Einem großen Meister gelingt Pratyahara, die Sinneskontrolle. Von Swami Sivananda wird berichtet, er habe sich einmal die Woche einen Tag lang zurückgezogen und nur meditiert. Swami Sivanandas
Hütte liegt am Ganges direkt an der Pilgerstraße, die zum Ashram führte. In Rishikesh hatten sich mehrere Ashrams angesiedelt. Die Sivananda Stadt wurde immer bekannter, was zur Folge hatte, dass immer mehr Menschen nach Rishikesh und zum Ashram kamen. Infolgedessen sollte die Hauptpilgerstraße geteert werden. Große Presslufthammer wurden eingesetzt genau an dem Tag, wo Swami Sivananda meditieren wollte. Die Schüler des Meisters hatten vergessen diesem mitzuteilen, dass direkt neben seinem Kutir die lauten Maschinen arbeiten würden. Am nächsten Tag entschuldigten sich die Schüler beim Meister mit den Worten: „Tut uns leid, dass wir dir nicht gesagt haben, dass an dem Tag, wo du länger meditieren wolltest, die lauten Presslufthammer genau
neben deiner Hütte am arbeiten waren.“ Swami Sivananda blickte seine Schüler erstaunt an und meinte nur: „Tatsächlich? Ich habe nichts gehört.“ Diese Anekdote verdeutlicht die Fähigkeit von großen Meistern Pratyahara auszuüben.

Auch unser Geist hat grundsätzlich die Fähigkeit, sich vollständig zurückzuziehen. Das können wir im Tiefschlafzustand beobachten. Da hören wir wenig. Auch wenn wir in Ohmacht gefallen sind hören wir nichts, obwohl unser Ohr weiterhin physisch anwesend ist. Wenn wir unser Prana von den Sinnen zurückziehen, dann hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen wir nichts. Swami Vishnu lehrte, dass ein großer Meister ebenso gut auf dem Münchner Marienplatz, wie auch in einer Höhle im Himalaya meditieren kann. Wenn wir allerdings noch keine großen Meister sind, dann hilft es, an einem Ort zu meditieren, wo die Schwingung besser ist.

2. Kap. Vers 59:
„Die Sinnesobjekte wenden sich vom Enthaltsamen ab und lassen das Verlangen (zurück); aber auch sein Verlangen wendet sich ab, wenn er des Höchsten gewahr wird.“

Hier beschreibt Krishna eine Weise, wie wir zum Höchsten kommen können. Als erstes sollten wir uns den Dingen enthalten, von denen wir wissen, dass sie nicht so gut sind. Shankara, ein großer Yogameister, hat einmal die Shatsampat beschrieben, die so genannten „sechs edlen Tugenden“.
Als Sadhana Chatustaya gelten die „vier Eigenschaften, die den Menschen für das Sadhana qualifizieren“. Sie sind auch die Charakteristika von Subecha (Erste Stufe des Wissens). Dazu zählen Viveka (Unterscheidungskraft), Vairagya (Abwesenheit von Raga. Raga bedeutet Mögen oder Nichtanhaften), Mumukshutva und Shat Sampat. Shat Sampat besteht aus „sechs Schätzen, aus sechs wertvollen Teilen“. Dazu zählen:

Sama bedeutet „Gleichmut“. Wir können lernen unseren Geist gleichmütig zu halten. Das gelingt uns nicht immer, aber zumindest können wir unsere Sinne kontrollieren. Nehmen wir einmal an, jemand würde uns beleidigen. Am besten wäre es dann, wenn wir gleichmütig reagieren und nichts sagen würden. Buddha z.B. wurde immer wieder angefeindet, da er das Massenmönchstum in Indien eingeführt hat. Tausende oder gar Zehntausende von Menschen haben ihre Heimat, ihre Familie, ihre Ehepartner, ihre Kinder verlassen. Menschen, die zum Teil noch sehr jung waren, die eigentlich noch hätten zu Hause leben müssen, sind Nonnen und Mönche geworden. Die Ehepartner mochten das nicht. Die Eltern waren nicht begeistert davon, dass ihre Kinder sie verlassen haben. Des Weiteren hat Buddha die Kastentrennung nicht eingehalten. Er hat die Tieropfer verboten und vieles mehr. Dies hatte zur Folge, dass viele Menschen Buddha nicht mochten. Eines Tages kam ein Mann auf Buddha zu und beschimpfte ihn. Er sprach: „Du Menschheitsverführer, du Verrückter, du Idiot.“ Er schrie Buddha fünf bis zehn Minuten lang an und Buddha hörte ihm völlig gleichmütig zu. Der Mann wies Buddha auch darauf hin, dass er noch nicht mal Selbstachtung besitzen würde, da er
sich nicht verteidigen würde. Nachdem er Buddha das vorgeworfen hatte, antwortete dieser: „Mein Freund, angenommen jemand gibt dir ein Geschenk und du nimmst es nicht an. Wem gehört es dann?“ Der Mann antwortete: „Natürlich dem Schenkenden. Aber was hat das jetzt hiermit zu tun?“ „Mein lieber Freund, du hast mir gerade einige Geschenke angeboten und ich habe sie nicht angenommen.“ Es hieß, dass der Mann später ein Schüler von Buddha wurde, weswegen die Geschichte auch überliefert worden ist.
Es gibt die Geschichte eines Heiligen namens Eknath, der im 16. Jahrhundert gelebt hat. Eknath hat, über die Ausführung der Buchhaltung, die Verwirklichung erreicht. Eknath war ein Ashrambuchhalter und der Ashramleiter bestand bei der Buchführung darauf, dass sie hundertprozentig auf die Paisa (Währungseinheit) genau korrekt ist. Eines Abends wollte Eknath, dann um 17.00 Uhr die Kasse abschließen und stellte fest, dass da genau ein Paisa fehlte. Daraufhin ging er noch einmal alle Bücher von Beginn an durch. Er zählte alles Geld mehrfach, überprüfte alle Quittungen und was es sonst noch so gab wieder und wieder. Nachts um 4.00 Uhr plötzlich fand er den Fehler. Und
in dem Moment, wo er den Fehler fand, erlangte er die Erleuchtung. Wahrscheinlich ist auch ein Grund dafür, warum Eknath, Eknath heißt, dass er Ekagratha (Zustand des Geistes) erreicht hat. Eknath war ein Krishnaverehrer. Er bekam viele Schüler, die auch Padapuja (Puja mit den Füßen des Gurus) machten. Im Westen kennt ihr Pujas mit Murtis (Statuen). In Indien macht man häufig Puja mit den Füßen eines großen Meisters. Man verneigt sich vor den Füßen und es wird die göttliche Kraft in den Füßen angerufen. Die Füße werden mit Milch und Wasser übergossen, manchmal auch mit Joghurt. Danach werden sie gewaschen und dekoriert. Es werden verschiedene Aschen aufgetragen und Blumen hingelegt. Der Meister bekommt Girlanden umgelegt und muss die ganze Zeit dort ruhig sitzen.
Es existieren einige Filme, wie eine solche Padapuja mit Swami Sivananda durchgeführt wird. Für einen Menschen aus dem Westen wirkt das allerdings ziemlich befremdlich. Es kann aber manchmal sein, dass das Bedürfnis entsteht, wenn man soviel Liebe vom Meister empfangen hat, sich vor ihm zu verneigen und ihm die eigene Ehrerbietung auszudrücken und sich besonders vor seinen Füßen zu verneigen.
Eines Tages, als Eknath schon älter geworden war, kam jemand zu ihm, der nicht sein Schüler war, sondern eher das Gegenteil. Dieser hat ihn beschimpft und angespuckt. 108 Mal hat er ihn beleidigt. 108 Mal hat er ihn bespuckt. Nach dem 108. Mal hob Eknath die Hand und der Beleidiger hatte plötzlich eine Erfahrung des Überbewussten und eine Vision Gottes.
Eknaths Schüler haben ihren Meister daraufhin gefragt: „Meister, wir dienen dir seid vielen Jahren. Uns hast du nicht die Vision Gottes geschenkt. Dieser Mensch hat dich beleidigt und angespuckt. Wir machen täglich mit dir Padapuja und geben dir Münzen und Reis und Blumen und uns hast du noch keine Vision Gottes geschenkt. Warum machst du das?“ Eknath erwiderte: „Dieser Mensch war 100% konzentriert auf mich und hat genau das gemeint, was er gesagt hat. Wenn ihr mit der gleichen Konzentration und Vertrauen mich verehrt, dann werdet ihr diese Vision auch haben.“
Es gibt tausende von Geschichten, die diese Wirklichkeit verdeutlichen.

Es gibt z.B. auch eine Geschichte von Swami Sivananda. Er hatte öfters große Kongresse einberufen, zu denen tausende von Menschen kamen. Dutzende von großen Meistern haben dort Reden gehalten. Eines Tages stand ein Mann während eines Kongresses auf und rief: „Ich muss es einfach mal ganz deutlich sagen: Swami Sivananda verrät die alte indische spirituelle Tradition. Er lässt Frauen in den Ashram. Er erlaubt dort keine Kastentrennung. Westler dürfen in den Ashram kommen. Schmach und Schande über ihn.“ Nach seinen Worten forderte Swami Sivananda ihn auf, auf die Bühne zu kommen und ins Mikrofon zu sprechen, so dass jeder ihn verstehen konnte. Seine Schüler, die die Kongresse organisiert hatten, meinten daraufhin zum Meister: „Wir haben keine Redezeit für ihn.“ Swami Sivananda entgegnete nur: „Ich glaube, ich soll gleich einen Vortrag halten. Zieht seine Zeit von meiner Redezeit ab.“ Seine Schüler waren bestürzt und auch der Beleidiger ging auf die Bühne und wusste erst einmal nicht, was er sagen sollte. Dann äußerte er sich aber dennoch. Swami Sivananda ist nachher nicht auf seine Worte eingegangen, sondern hielt nur seine gekürzte Rede. Diese Geschichte lehrt uns, was Sama - Gleichmut - bedeutet. Swami Sivananda war sogar dann noch gleichmütig, als ein paar Jahre vorher jemand versucht
hat, ihn zu ermorden.

Wenn es uns nicht gelingt Sama zu halten, weil wir noch nicht so ein Heiliger sind wie Swami Sivannada, dann sollten wir wenigstens Dama, die Sinneskontrolle, üben. Wenn uns jemand beleidigt und wir den intensiven Wunsch verspüren ihm etwas an den Kopf zu werfen, sollten wir dem Wunsch nicht folgen. Wenn uns jemand anbrüllt, dann sollten wir nicht unbedingt zurückbrüllen. Auch wenn unsere Emotionen innerlich sehr stark sind, sollten wir uns bemühen äußerlich eine gewisse Ruhe zu bewahren. Wenn uns das nicht gelingt, dann sollten wir Uparati, das Weggehen üben. Wir sollten dann noch schnell mit letzter Beherrschung eine Entschuldigung finden und sagen: „Danke. Da sprechen wir später darüber.“ Man kann dann ein Glas kaltes Wasser trinken, ein paar Mal tief durchatmen oder an die frische Luft gehen und hinterher versuchen wieder gelassener auf das Anliegen des anderen einzugehen. Es mag seltene Fälle geben, wo ein kurzer Ärgerausbruch mal Wunder bewirkt. Aber wenn die anderen nicht gewohnt sind, dass das Gegenüber ärgerlich wird, dann wird es sie sehr durcheinander bringen und tief treffen. Meistens nimmt das auch kein gutes Ende. Es ist besser, man bemüht sich um Gleichmut. Wenn man keinen Gleichmut bewahren kann, dann kann man wenigstens seine Worte beherrschen und wenn man merkt, dass einem das nicht gelingen würde, findet man einen Grund, um die Situation zu verlassen. Später kann man die Situation dann geschickter wieder angehen.
Das gleiche gilt, wenn wir eine schlechte Angewohnheit haben, die wir nicht sein lassen können. Am besten wäre, wir üben Gleichmut. Wenn wir das nicht können, sollten wir wenigstens die Sinne beherrschen. Wenn auch das nicht gelingt, sollten wir die Situation meiden, die uns in Versuchung führen kann. Wenn das zu schwierig ist, wie z.B. wenn wir einen Arbeitsplatz haben, bei dem uns so etwas tagtäglich passiert, dann können wir das als Herausforderung annehmen und sagen: „Es ist jetzt meine besondere spirituelle Aufgabe, Gleichmut zu üben und geschickt zu handeln.“ Tief mit dem Bauch atmen, aufgerichtet stehen, seinem Gegenüber Gutes wünschen oder sagen: „Ich muss mal kurz auf die Toilette gehen“, sind einige Möglichkeiten der Situation zu begegnen. Mit der Zeit kann es uns gelingen, gleichmütiger zu reagieren. Wir können auch erkennen, dass dieser Mensch, tief in seinem Inneren, göttlich ist. Eine weitere Möglichkeit ist, sich die Situation einmal geistig vorzustellen, und sich zuüberlegen: „Wie werde ich das nächste Mal reagieren? Was werde ich das nächste Mal sagen?“ Am Ende jeder Meditation können wir uns noch einmal vorstellen, dass das
oder das passiert und ich selbst so oder so reagieren werde. Man könnte auch überlegen:„Wie könnte ich geschickt reagieren?“ Andererseits können wir aber auch schauen, wo wir selbst uns verändern können. Vielleicht handele ich ja auch immer wieder in der gleichen Situation auf die gleiche Weise. Menschen sind ja nicht alle generell bösartig. Wenn ich immer wieder in die gleiche Situation gerate, kann ich auch überlegen:„Woran liegt es, dass ich immer in die gleiche Situation gerate? Was kann ich bei mir verändern, damit ich den anderen nicht dazu bringe, dass er sich so komisch verhält.“ Man kann auch ein Gespräch mit seinem Gegenüber führen und ihm sagen, dass man sich immer ungerecht behandelt fühlt und fragen, wie man sein müsste, um nicht solche
Kritik zu empfangen.

Die nächste Shat Sampat ist Titiksha, „Aushalten können“. Es gibt Situationen, die wir nicht einfach meiden können. Unsere Aufgabe ist es dann, die Situation und unsere eigene Unvollkommenheit, aushalten zu lernen. Man muss lernen, mit der Situation zu leben. Manchmal müssen wir auch damit leben lernen, dass es uns nicht immer gelingt die Beherrschung zu behalten.
Als nächstes müssen wir fest daran glauben, dass es uns eines Tages gelingen wird, diese Situation aushalten zu können. Wenn wir uns lange genug bemühen gehen wir den Weg rückwärts von Titiksha zu Uparati, Dama und dann kommen wir zu Sama und schließlich zu Samadhana.
Ähnlich spricht Krishna in der Bhagavad Gita. Er sagt, dass sich die Sinnesobjekte vom Enthaltsamen abwenden und das Verlangen zurückbleibt. Es gibt immer noch geistiges Verlangen. Aber auch sein Verlangen wendet sich ab, wenn er des Höchsten gewahr wird. Wenn wir dann die absolute Wahrheit erfahren, Krishna spricht von Param, „das Höchste, das Transzendente“, dann sind wir im Gleichgewicht.

2. Kap. Vers 60:
„Die ungezähmten Sinne, Oh Arjuna, ziehen den Geist des Weisen mit großer Macht weg, mag dieser sich auch größte Mühe geben (sie zu kontrollieren).“

Selbst einem Weisen, wenn er noch nicht selbstverwirklicht ist, passiert es immer wieder, dass er die Kontrolle verliert. Diese Beobachtung kann uns trösten. Selbst wenn wir schon weise sind, kann es immer wieder Objekte geben, die unsere Sinne unkontrolliert werden lassen.
Es gibt eine alte Geschichte, die sowohl als eine Rabbigeschichte, als auch als eine alte indische Weisheitsgeschichte bekannt geworden ist.
Es lebte einmal ein alter Weiser, zu dessen Geburtstag ganz viele Menschen kamen. Alle lobten und verehrten ihn, bis auf Einen. Dieser Mensch war ein Materialist, der von Spiritualität nicht viel hielt und nur sagte: „Was macht ihr nur für ein Tamtam um diesen Weisen? Sein Bart ist auch nicht mehr wert, als der eines Ziegenbocks.“ Der Meister überhörte die Worte, die Gäste waren sehr schockiert. Am Ende seines Lebens, als alle Schüler um den Meister versammelt waren, bat er diese, den Mann zu holen, der das damals gesagt hatte. Die Schüler brachten den Mann zu dem Weisen und der Weise sagte zu ihm: „Du hast mir etwas sehr Wichtiges gesagt, wofür ich dir danken möchte. Du hast gesagt, dass mein Bart nicht mehr wert ist, als der Bart eines Ziegenbocks. Das hat mir deutlich klar gemacht, dass es keinen großen Unterschied zwischen Mensch und Tier und zwischen Weisen und Nichtweisen gibt. In jedem Moment wusste ich, dass es jederzeit passieren kann, dass ich alten Gewohnheiten zum Opfer falle.“

Bis zum Zustand von Nirvikalpa Samadhi sind alle Samen noch in uns. Sagt deshalb niemals: „Darüber bin ich hinaus. Das brauche ich nicht. Das kann mir nicht passieren.“ Ich höre das immer wieder von Aspiranten und bete dann innerlich: „Möge dein Fall ein sanfter sein.“ Der Fall wird auf jeden Fall kommen. Wenn jemand denkt, er sei 100%über etwas hinausgewachsen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass diese Sache noch einmal wiederbelebt wird. Deshalb sollten wir demütig und vorsichtig sein. Swami Vishnu-devananda hat seinen Schülern auch immer wieder gesagt: „Es gibt keine Garantie dafür, dass ich in fünf Jahren noch auf dem spirituellen Weg bin.“

Es gibt eine Geschichte eines Sufi Heiligen, der ein großer Meister mit vielen Schülern war. Er hatte sich eines Tages in eine Frau verliebt. Sie war sehr viel jünger als er selbst. Er schenkte ihr Blumen und versuchte mit ihr zu sprechen. Er erklärte ihr seine Liebe und sie wollte mit ihm nichts zu tun haben. Nachts stand er vor ihrem Schlafzimmerfenster und sang Liebeslieder für sie. Sie warf Unrat auf seinen Kopf. Er sang einfach weiter. Sie erwirkte eine Verfügung gegen ihn wegen Belästigung, so dass er nicht näher als einen Kilometer an sie heran kommen durfte. Er beobachte sie täglich aus
genau einem Kilometer Entfernung. Er schrieb ihr Liebesbriefe und wunderschöne Gedichte. Er magerte ab, aß fast nichts mehr und ein Schüler nach dem nächsten verließ den Meister. Schließlich heiratete die Angebetete einen anderen Mann, zog in ein entferntes Dorf. Auch dorthin folgte ihr der Meister. Aber irgendwann, von einem Tag auf den nächsten, stand der Meister auf, ging weg und das Problem war beendet.
Ich habe schon verschiedenste Interpretationen über diese Geschichte gehört. Eine Interpretation besagt, der Meister hätte noch dieses Karma gehabt. Er hätte noch mal intensivstes Liebesschmerzkarma erfahren müssen.
Andere Interpreten sprechen davon, dass kein Meister vor solchen Versuchungen gefeit ist. Dennoch wird die Gnade Gottes einen beschützen. Man erlebt die Sache und danach ist sie beendet.

Wieder andere Interpreten glauben, dies sei nur ein Test für seine Schüler gewesen. Sehen sie des Meisters tiefe göttliche Natur, oder werden sie von seiner offensichtlich verrückten Handlungsweise in ihrem Glauben beirrt. Es gab auch nur einen einzigen Schüler, der dem Meister treu blieb. Er hat am nächsten Tag die Selbstverwirklichung erreicht.
Doch egal, wie wir die Geschichte interpretieren, sollten wir vorsichtig sein. Und noch vorsichtiger sollten wir sein, wenn jemand von sich behauptet, er sei gänzlich verwirklicht. Swami Vishnu hat oft erzählt, wenn jemand Swami Sivananda gefragt hatte, dass es von dem und demjenigen hieße es, er sei selbstverwirklicht, ob das stimme und woran man erkennen könnte, ob er selbstverwirklicht ist, antwortete der Meister nur: „Es gibt einen Test, der sich SB 40 nennt.“ S steht für „shoe“. B steht für „beating“. 40 steht für„40 Mal“. Wenn jemand sagt, er sei selbstverwirklicht und ein anderer kommt und ihn dann 40 Mal mit einem alten Schuh abklopft und er immer noch so ruhig und gleichmütig ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er tatsächlich selbstverwirklicht
ist. Swami Vishnu hat uns dann immer gesagt, weil er wusste, dass westliche Schüler so etwas wörtlich nehmen: „Ich bin nicht selbstverwirklicht. Also versucht es gar nicht erst bei mir.“

2. Kap. Vers 61:
„Nachdem er sie alle gezügelt hat, sitze er unverwandt und versenke sich in Mich; die Erkenntnis des Menschen ist stetig, der seine Sinne beherrscht.“

Krishna erzählt Arjuna, wie ein selbstverwirklichter Mensch sein sollte. Krishna identifiziert sich mit Gott. Wir sollen unsere Sinne zügeln, uns ruhig hinsetzen und uns dann in die göttliche Wirklichkeit versenken. Dies gilt auch als eine Meditationstechnik, die wir üben können. Wenn wir ein Mantra wiederholen, dann sind wir uns der göttlichen Gegenwart bewusst. Wenn wir unsere Sinne beherrschen, kann unsere Erkenntnis beständig wachsen und stetig sein. Wenn wir von unseren Sinnen immer wieder hin und her gerissen werden, verlieren wir das Wissen, da unser Buddhi in den Dienst der Sinne gebracht wird anstatt umgekehrt, die Sinne in den Dienst des Buddhi. Die meisten Menschen benutzen ihre Vernunft, um ihre Sinne zu befriedigen. Andere Menschen haben plötzlich den Wunsch nach einer Mango. Was könnten sie tun? Sie könnten sich überlegen, wo sie jetzt eine Mango herbekommen. Sie könnten eine andere Person fragen, wo es im Ort ein Lebensmittelgeschäft gibt. Sie könnten im Internet suchen, ob sie vielleicht die Telefonnummer von einem Geschäft herausbekommen und dann dort anrufen und fragen, ob sie Mangos haben. Falls ja überlegen sie sich weiter, wie sie dahin gelangen können. Sie benutzen ihren Intellekt um in den Genuss einer Mango zu gelangen. Wenn wir wirklich etwas wollen, dann nutzen wir unseren Intellekt, um genau das zu bekommen.
Umgekehrt könnten wir aber auch unsere Sinne beherrschen und uns fragen, ob es überhaupt angebracht ist soviel Aufwand zu betreiben. Wir können uns fragen, ob wir das wirklich brauchen. Wenn wir feststellen, das brauchen wir doch nicht, weil wir jaÄpfel, Apfelsinen, Bananen etc. haben und somit genügend Vitamine bekommen können, dann ist es gut. Dann sind unsere Sinne im Dienst des Intellekts und nicht der Intellekt im Dienst der Sinne. Wenn wir nach unseren Überlegungen aber zu dem Ergebnis kommen, dass wir die Mangos jetzt ganz dringend brauchen, dann müssen wir uns sie doch besorgen.

2. Kap. Verse 62-63:
„Durch den Gedanken an die Dinge entsteht Verhaftung an sie; aus Verhaftung werden Wünsche geboren; aus dem Wunsch entsteht Zorn. Aus Ärger entsteht Täuschung; aus Täuschung der Verlust der Erinnerung; aus dem Verlust der Erinnerung die Zerstörung der Unterscheidung; durch die Zerstörung der Unterscheidung geht er zugrunde.“

Krishna lehrt uns, wie wir schrittweise der Maya verfallen und in Dukha, dem Leiden, gefangen sind. Zuerst haben wir einen kleinen Gedanken, wie z.B. den Gedanken an eine Mango. Dann entwickeln wir Verhaftung und denken: „Wäre doch toll, wenn ich jetzt eine Mango hätte.“ Das zieht den tiefen Wunsch nach, dass man jetzt unbedingt eine Mango braucht. Dann setzt man sich ins Auto und fährt zum Supermarkt. Vorher hat man noch in dem Supermarkt angerufen und sie haben einem beteuert, dass sie reife Mangos haben. Als man aber im Supermarkt ankommt, liegen nur steinharte grüne Mangos im Regal. Wir werden ärgerlich, zornig. Wenn wir ärgerlich, zornig sind, dann sind wir getäuscht. Wir haben vergessen, dass es eigentlich nur ein kleiner Wunsch war und die Mango eigentlich gar nicht so wichtig ist. Wir haben vergessen, dass wir eigentlich mal gesagt haben, wir wollten die Selbstverwirklichung erreichen und, um sie zu erreichen, wollten wir eigentlich liebevoll Ahimsa üben. Aber anstatt Ahimsa zu üben, haben wir unsere Unterscheidungskraft verloren und beschimpfen jemand gänzlich Unschuldigen. Was kann die Verkäuferin dafür, dass ihre Vorgängerin
etwas gesagt hat, was gar nicht wahr ist oder wenn gerade vorher ein Kunde im Geschäft war, der die einzigen fünf reifen Mangos aufgekauft hat.
Ich werde oft gefragt, wie es kommt, dass, je mehr jemand sich bemüht, positive Eigenschaften zu entwickeln, es umso schlimmer mit den negativen Eigenschaften wird. Es gibt zwei Gründe dafür, warum das so erscheint.
Der erste Grund ist die eigene Wahrnehmung. Solange man nicht versucht die Gedanken zu beherrschen, solange wird es einem nicht bewusst, dass man die Gedanken nicht beherrschen kann. Solange man davon ausgeht, dass Ärger und Ungeduld etwas sind, was von außen beeinflusst wird, denken wir, wir hätten es weil die anderen Menschen so schlecht sind. Aber in dem Moment, wo wir erkennen, dassÄrger und Ungeduld eigentlich eine Charakterschwäche sind, sind wir nicht nur ärgerlichüber äußere Sachen, sondern zusätzlich auch noch ärgerlich über uns selbst. Wir
merken, dass wir diese Charakterschwäche haben. Swami Sivananda beschreibt es in seinen Büchern, als ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass man auf dem Weg und bereit ist, an sich zu arbeiten.

Der zweite Grund, der dieses Phänomen beschreiben kann, ist die Reinigung. Swami Sivananda schreibt in seinen Werken, dass durch den Druck von Yoga die Unreinheiten zum Vorschein kommen. Wenn wir das erst einmal nur lesen, dann klingt das ganz gut. Was heißt aber emotionale Unreinheiten? Ärger, Enttäuschung, Neid, Gier, Depression, Niedergeschlagenheit usw. kommen an die Oberfläche. Es gibt dann mehrere Dinge, die Swami Sivananda uns rät. Eine Möglichkeit wäre, die Unreinheiten einfach zur Kenntnis zu nehmen. Uns bewusst zu machen, dass das ein positives Zeichen ist. Eine weitere Möglichkeit wäre die Emotionen loszulassen und sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Auf jeden Fall ist es gut und ein Zeichen dafür, dass wir auf dem spirituellen Weg voranschreiten.
Wichtig ist, dass wir uns selbst dafür nicht böse sind, dass es so ist. Erinnert euch daran, was Krishna am Anfang lehrt, als Arjuna vor diesem Problem steht. Je mehr ihr versucht euren Geist zu beherrschen, desto unbeherrschter wird er. Was können wir machen? Krishnas erste Reaktion darauf ist ein Lächeln. So ähnlich können auch wir das Spiel unseres Geistes erst einmal lächelnd anschauen und uns danach bewusst machen, dass wir all diese Emotionen nicht sind. „Ich bin das unsterbliche Selbst. Ich bin unberührt davon.“ Wenn wir all das wissen und als ein göttliches Spiel ansehen und uns mit all unseren Emotionen liebevoll selbst betrachten, dann können wir daran
arbeiten, diese zu verändern.

2. Kap. Verse 64-66:
„Der selbstbeherrschte Mensch jedoch, der sich mit beherrschten Sinnen zwischen den Dingen bewegt und frei ist von Anziehung und Ablehnung, erlangt Frieden. In diesem Frieden werden alle Schmerzen zerstört; denn der Verstand des Gleichmütigen wird bald stetig. Der Unstete kann das Selbst nicht erkennen, und Meditation ist für ihn unmöglich; und wer nicht meditiert, kann keinen Frieden finden, und wie kann es Glück geben für den Menschen, der keinen Frieden hat?“

Im Sanskrittext stehen „raga“ und „dvesha“. Raga heißt übersetzt „Anziehung“, Dvesha heißt übersetzt „Ablehnung“.
Wir lernen uns selbst zu beherrschen. Wir können alles tun, was wir wollen, beherrschen aber unsere Sinne und sind frei von Raga und Dvesha. Dadurch bekommen wir Frieden. So wird Dukha zerstört. Dukha wird oft mit „Schmerz“ oder „Leid“ übersetzt. Der Verstand des Gleichmütigen wird stetig. Wenn wir stetig sind, dann können wir unser Selbst erkennen. Wir können meditieren und Frieden finden und wir haben Glück.

2. Kap. Vers 67:
„Denn der Geist, der den Spuren der wandernden Sinne folgt, trägt seine Unterscheidungsfähigkeit fort, so wie der Wind ein Boot am Wasser (fortträgt)“

Wenn ihr das so hört, klingt es zunächst ganz vernünftig. Wenn ihr aber am Montag wieder nach Hause geht, dann könnt ihr überprüfen, ob es wirklich so ist. Es ist heutzutage nicht so einfach diese Weltanschauung zu haben, da sie allen Weltanschauungen entgegenläuft, wie die Philosophie des Alltags auszusehen hat. Wer allerdings eine Weile nach dieser Philosophie lebt, lebt ein friedvolles, glückliches Leben. Es macht einen eben nicht glücklich, seine Wünsche zu befriedigen. Es macht uns nicht glücklich, einfach das zu tun, was uns in den Sinn kommt. Es macht uns auch nicht glücklich
für unser Recht zu kämpfen. Es macht uns glücklich, wenn wir Dinge akzeptieren. Wenn wir erkennen, was unsere Aufgabe ist und uns für diese einzusetzen. Wir setzen uns für unsere Aufgabe ein, nicht in dem Gefühl, mein Einsatz ist nur dann etwas wert, wenn hinterher etwas dabei herauskommt. Wir tun, was getan werden muss und was hinterher dabei herauskommt, liegt nicht an uns. Ob uns Menschen dafür mögen oder nicht mögen ist eine andere Sache. Wir handeln mit Geschick und unter Beachtung von Ahimsa. Es gibt auch Menschen, die sagen: „Ich mache alles für das Wohl der Menschheit, ob die anderen wollen oder nicht.“ Dafür wird dann erst einmal ein
Viertel der Bevölkerung getötet und dann schauen wir, wie es weitergeht. Es gibt immer ethische übergeordnete Prinzipien, die bei jeder Handlung zu beachten sind. Dazu zählt u.a. Ahimsa, was manchmal auch als „Prinzip des geringsten Mittels“ dargestellt wird.

2. Kap. Verse 68-69:
„Deshalb, Oh mächtig bewaffneter Arjuna, besitzt der Mensch fortdauernde Kenntnis, dessen Sinne völlig von den Sinnesobjekten abgezogen sind. In dem Zustand, der für alle Wesen Nacht bedeutet, ist der Selbstbeherrschte wach; wenn alle Wesen wach sind, ist das Nacht für den Muni (Weisen), der sieht.“

Diese beiden Verse können auf verschiedenste Art und Weise interpretiert werden. Vor der Erfindung des elektrischen Lichts galt der Tag als ewas besonders Schönes, die Nacht hingegen galt als weniger schön. Am Tag kann man besonders aktiv sein. Man kann sich bemühen, reich zu werden, Geld anzuhäufen, Ruhm zu bekommen. Das ist für den weltlichen Menschen Tag. Für den Yogi ist das Nacht. Da kommt das, was kommen soll und wofür wir uns nicht besonders bemühen sollen. Man macht das, was zu tun ist. Es ist auch nicht yogisch von der Gemeinschaft zu leben und Sozialhilfe zu kassieren oder Arbeitslosengeld, wenn man arbeiten könnte. Wenn keine andere Möglichkeit da ist, dann muss man auch seinen Stolz überwinden und von der Sozialhilfe leben. Aber wenn man arbeiten könnte, dann gehört es auch dazu, dass man sich bemüht Arbeit zu finden und seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Man sollte nicht auf Kosten von anderen leben. Wir bemühen uns darum und gehen gleichzeitig davon aus, dass wir all das bekommen, was für uns kommen soll. Es ist nicht einfach der Tag, um jetzt reich zu werden usw.
Für den Yogi ist Tag, wenn er sich bemüht, sich selbst zu beherrschen. Er soll sich aktiv darum bemühen, den Geist zu beherrschen und Zufriedenheit zu erlangen. Für den anderen Menschen ist das Nacht. Sie bemühen sich Geld anzuhäufen und glauben Frieden und Glück kommen dann von alleine. Im Gegensatz dazu kämpft der Yogi nicht um Geld, Haus, Auto usw., sondern er bemüht sich um geistigen Frieden und hofft, der Rest kommt von alleine und in dem Maße, wie er kommen soll. Eine schöne Weise, den Geist zur Ruhe zu bringen, ist das Singen von Mantras. Wir haben im Haus Yoga Vidya auch öfters ein 24-stündiges Mantra-Singen, wo man auch gut nachts singen kann.
Zwar erscheint das einigen Menschen schwierig, neben einem Seminar nachts noch aufzubleiben, aber nehmen wir mal an, eure beste Freundin würde heiraten. Da hätte wahrscheinlich niemand Schwierigkeiten, die ganze Nacht durchzufeiern. Für eine Feier machen wir die Nacht zum Tag, für ein Singen machen wir das nicht.

Ich erzähle euch mal eine kleine Geschichte:
Es war einmal eine Dorfgemeinschaft, die einen großen Bhakta eingeladen hatte. Der Bhakta sollte Geschichten erzählen und Mantra-Singen und alle Menschen der Gemeinde wollten mitsingen. Abends um 20.00 Uhr ging es los. Alle waren enthusiastisch dabei. Der Weise erzählte eine Geschichte. Um 21.00 Uhr gingen die ersten. Um 22.00 Uhr war der Weise in völliger Ekstase. Ein Viertel der Dorfbewohner hatten den Platz verlassen. Um 23.00 Uhr sang der Weise immer ekstatischer. Er hatte schon gar nicht mehr mitbekommen, was um ihn herum vor sich ging. Es waren nur noch 10 Leute anwesend. Schließlich um 3.00 Uhr morgens, als der Meister aus seiner Ekstase herauskam, sah er nur noch einen einzigen Menschen. Der Weise schaute den Menschen an und sagte zu ihm: „Du bist ein großartiger Bhakta, dass du bis jetzt wach geblieben bist.“ Der Mann antwortete: „Nein, ich bin kein großartiger Bhakta. Ich bin hier geblieben, weil du auf meiner Decke sitzt.“

Oder ein anderes Beispiel, was ich euch erzählen möchte, ist das Folgende:
In den Sivananda Zentren gibt es kein so ausgefeiltes Weiterbildungsangebot wie in den Häusern Yoga Vidya. Da gibt es nur die TTC, das ist die Yogalehrerausbildung. Und es gibt die ATTC, das ist eine 4-wöchige Weiterbildung. Wenn ihr drei 9-Tage Weiterbildungen richtig kombiniert, dann habt ihr den Inhalt dieser Weiterbildung. Wo ich die Yogalehrerausbildung gemacht habe, hat sie der Swami Vishnu noch selbst gegeben. In der Zeit war auch Swami Sivanandas Geburtstag und es gab ein besonderes Programm. Es gab Pujas und wir haben ein Schauspiel aufgeführt aus dem Leben von Swami Sivananda. Swami Vishnu hat sich das Schauspiel angeschaut und ist währenddessen
in Samadhi gefallen. Normalerweise hat er sich immer in unserer Gegenwart bemüht, nicht in Samadhi zu fallen, da es immer länger dauerte, bis er wieder zurückkam. Swami Vishnus Assistenten haben erzählt, dass er von 4-6 Uhr meditierte und wenn er um 6.00 Uhr zur Meditation mit uns kam, saß also Swami Vishnu in diesem Zustand auf der Bühne um uns Energie und Segen zu schicken. Seine eigene Meditation war früher. Nun saß Swami Vishnu kerzengerade, ganz ruhig und wir wussten gar nicht, was wir jetzt tun sollten. Seine Assistentin meinte nur zu uns, dass wir einfach weitermachen sollten. Es wurde 22.00 Uhr. Wir sangen das Om Tryambakam und machten das Arati. Da von Swami Vishnu eine besonders starke Schwingung ausging, setzten wir uns alle zu ihm und meditierten mit ihm gemeinsam. Gegen 22.45 Uhr gingen die ersten und dann ging einer nach dem anderen. Um 23.00 Uhr bin ich dann auch gegangen. Der Tag begann für uns ja schon um 5.00 Uhr morgens wieder. 4.15 Uhr mussten wir aufstehen, wenn wir die Kryas noch vorher machen wollten. Wenn an diesem Abend eine Abschlussparty mit buntem Abend stattgefunden hätte, dann wären wir wahrscheinlich alle bis Mitternacht geblieben. Ein Yogi hat andere Präferenzen und die sind manchmal den Präferenzen von anderen Menschen entgegengesetzt. Damit müssen wir auch umgehen lernen. Wir können nicht erwarten, dass immer nur die anderen lernen, ihre Erwartungen umzustellen, wenn wir unsere Erwartungen ändern. Bis zu einem gewissen Grad müssen wir auch Kompromisse schließen, wenn wir mit anderen zusammen leben.

2. Kap. Vers 70:
„Der Mensch erlangt Frieden, in den alle Wünsche einfließen wie das Wasser in den Ozean, der unbewegt bleibt, obgleich er von allen Seiten her gespeist wird; nicht aber der Mensch, der voller Wünsche ist.“

Hier wird ein ähnliches Prinzip beschrieben, wie die Buddhisten es aus der Vipassana Meditation kennen. Angenommen man hat einen Wunsch: Was macht man im Vipassana Buddhismus? Man nimmt ihn zur Kenntnis, atmet ein und atmet aus, stellt fest, dass da ein Wunsch ist nach dem man nicht handeln muss. Dann kommt der zweite Wunsch. Man beobachtet ihn wieder, ohne ihn zu erfüllen und denkt nur: Der Wunsch erweitert mein geistiges Potential. Und so kommt ein Wunsch nach dem nächsten. Ein ähnliches Beispiel ist: Alle Flüsse münden in den Ozean, deshalb bewegt er sich nicht unbedingt.
Auch die Wünsche gelangen in meinen Geist und zuerst gibt es ein paar Wellen und dann klärt sich mein Geist wieder. Ich brauche die Wellen nicht unbedingt zu verfolgen. Ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich muss dem Wunsch nicht nachgeben. Er vergeht mit der Zeit. Vielleicht kommt er noch einmal wieder und vergeht dann erneut.Wir brauchen deshalb nicht zu unruhig zu sein.

2. Kap. Vers 71:
„Der Mensch erlangt Frieden, der alle Wünsche aufgegeben hat und ohne Verlangen, ohne den Gedanken von "Meine" und ohne Ichbewusstsein lebt.“

Dieser Vers beinhaltet einen wichtigen Gedanken. Wenn wir sagen, das ist „Mein“, mein Yogacenter, meine Yogaschüler, mein Kooperationscenter und mein Gebiet, dann müssen wir in irgendeiner Weise damit umgehen lernen. Wir haben Verpflichtung für etwas. Ich z.B. bin der Leiter von Yoga Vidya, was bestimmte Verpflichtungen beinhaltet. Doch es ist nicht „mein“ Yoga Vidya. Es kann sein, dass wir Pleite gehen. Es kann sein, dass eines Tages ein großartiger Meister kommt und er die Leitung des Hauses übernimmt. Vieles ist möglich. Wir identifizieren uns mit etwas. Und diese Identifikation und das Sagen: „Das ist meins“ schafft uns Probleme. Verschiedenste Beispiele, die ich öfters gebrauche, verdeutlichen das. Nehmen wir einmal an, ich identifiziere mich besonders mit dieser Uhr, die ich am Handgelenk trage. Ich sage: „Das ist meine Uhr.“ Während der Meditation lege ich die Uhr ab und vergesse manchmal hinterher sie wieder an mich zu nehmen oder es tritt jemand auf sie. Angenommen ich sage: „Das ist meine Uhr“ und es tritt jemand auf sie, dann bin ich sehr ärgerlich. Wenn ich aber nicht denke, dass das meine Uhr ist, und jemand tritt auf sie, dann ist es zwar immer noch ein finanzieller Verlust und ich muss mir eine andere Uhr anschaffen, aber ich bin nicht so ärgerlich. Bei manchen ist es aber mehr als nur ein finanzieller Verlust. Sie sagen: „Das ist meine Uhr. So eine Uhr finde ich nie wieder. Sie ist ein Erbstück. Was wird der Schenker von mir denken.“
Swami Vishnu hat gerne Wortspiele gemacht. Er sagte z.B. einmal „Mine is a mine“, was man mit „Mein ist eine Miene“ übersetzen kann. Entschärfen können wir diese Miene indem wir sagen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Oh Gott, du hast mich als deinen Verwalter eingesetzt und deshalb habe ich bestimmte Aufgaben dort.“

Es gibt auch noch eine interessante Geschichte aus der Ramayana. Janaka, der König von Videha, ist zu Ashtavacra in die Lehre gegangen, um die Weisheit des Selbst zu erfahren. In Indien ist es üblich, wenn man zu einem Lehrer geht, dass man ihm am Ende des Gesprächs oder der Unterweisung ein Dakshina, eine „Gabe“, gibt. Man bezahlt nicht im Voraus, sondern erst hinterher. Oft sind diese Gaben nennenswerte Summen, da man das Wertvollste bekommen hat. Janaka war König, er konnte also viel geben. Allerdings sah er, dass sein Meister viele reiche Schüler hatte, die ihm wertvolle Geschenke gaben. Er lebte in einer Hütte, hatte eine zweite, in der alle Geschenke untergebracht waren. Wenn ein Bedürftiger kam, dann schenkte der Meister diesem etwas von den Geschenken. Eigentlich brauchte der Meister nichts. Deshalb entschloss sich Janaka den Meister zu fragen, was er ihm geben könnte. Er sagte: „Meister, ich weiß nicht, was ich dir als Dakshina geben soll. Bitte wünsche dir etwas. Egal, was es sein wird, ich werde es dir geben, wenn ich es dir geben kann.“ Ashtavacra schaute Janaka verschmitzt an und fragte nach: „Egal was?“ „Das Wort eines Königs gilt.“
Darauf hin lächelte Ashtavacra Janaka an und sagte: „Okay, dann möchte ich dein Königreich haben.“ Ashtavacra beobachte Janakas Gesichtsausausdruck und Janaka antwortete nur: „Okay, mein Wort gilt. Du sollst mein Königreich haben.“ Ashtavacra reichte Janaka ein Blatt Papier und forderte ihn auf, seine Abtretungserklärung zu unterschreiben. Janaka unterschrieb und setzte das königliche Siegel auf den Briefbogen. Mehrere Menschen bezeugten dieses Treffen mit ihren Siegeln auf dem Papier. Am Ende teilte Ashtavacra Janaka mit, dass er jetzt gehen könnte. Janaka eilte davon und überlegte, was er denn jetzt machen sollte. Er hatte als Beruf nur König gelernt. In die Hauptstadt wollte er nicht gehen. Kurz bevor er ganz außer Sichtweite war hörte er Ashtavacra aus der Ferne rufen: „Janaka, komm noch mal zurück.“ Und weiter fragte er ihn: „Weißt du Janaka, was soll ich mit einem Königreich. Ich bin hier in der Hütte viel zufriedener. Ich gebe dir eine neue Aufgabe. Du wirst der Verwalter meines Königreichs. Für mich regierst du dieses Königreich und zwar so, als ob du der König wärst. Du erzählst niemandem, dass das Königreich mir gehört, sondern du regierst es und tust so, als ob du der König wärst. Ich habe hier in meinen Händen die
Abtretungserklärung und es kann jederzeit passieren, dass ich zu dir komme und mein Recht dort behaupte.“ Nach diesen Worten ging Janaka zurück ins Königreich und regierte es als Verwalter von Ashtavacra. Die Untertanen wussten es nicht. Nur Janaka und die eingeweihten Schüler wussten es. Janaka lebte, als würde ihm das Königreich gehören. Aber es machte einen Unterschied aus, da er es für seinen Guru verwaltet hat. Im Grunde genommen ist es auch so. Gibt es irgendetwas, was wirklich uns gehört? Jeden Moment kann Gott uns sagen, dass gehört nicht dir, sondern mir und mir gefällt es jetzt, dir das wegzunehmen. Wir besitzen nichts, mit dem uns das nicht passieren
könnte. Alles, was wir haben, haben wir als Verwalter bekommen. Ob wir Vermögen vererbt bekommen haben, ob wir geistige Fähigkeiten besitzen, ob wir Menschen in unserer Nähe haben, die liebevoll und freundlich mit uns umgehen, all das gehört uns nicht. Wir sind nur Verwalter, mit anderen Menschen haben wir für einen beschränkten Zeitraum gemeinsames Karma, bestimmte Aufgaben und können uns gegenseitig unterstützen. Wir können uns gegenseitig helfen, gegenseitig Freude schenken. Die anderen Menschen gehören uns aber nicht. Yama, der Totengott, kann sie uns jederzeit wegnehmen.

Frei von Mein und auch ohne Ichbewusstsein bedeutet, dass wir nicht denken: „Ich bin dieses oder ich bin jenes.“ Wir sagen oft: „Ich bin der und der. Ich bin klug. Ich bin klein. Ich bin dünn. Ich bin ein Handwerker. Ich bin eine liebevolle Mutter. Ich bin ein Mensch, der immer wieder Abwechslung braucht. Ich bin jemand, der sehr beständig ist. Ich bin Wassermann, Aszendent Schütze. Ich bin 70% Vata, 20% Kapha und 10% Pita.“ Wir identifizieren uns auf vielfältigste Weisen. Dennoch sind wir weder dies noch das. Wir sind das unsterbliche Selbst. Alles, womit wir uns identifizieren, vergeht irgendwann. Identifikation ist immer ein Grund für Leiden. Angenommen, wir identifizieren uns damit, dass wir sehr musikalisch sind. Wir bekommen einen Hörsturz und was passiert dann?
Ich kannte mal einen Menschen, der ein sehr guter Hornspieler war. Er hatte alle Wettbewerbe, an denen er teilgenommen hat, gewonnen. Er selbst bezeichnete sich als den weltbesten Hornspieler. Außerdem hat er sich für eine Millionen Euro versichern lassen. Wenn ihm irgendetwas passieren würde und er nicht mehr Horn würde spielen können, dann würde er eine Million Euro bekommen. Er war auch ein Yogi. Er hat in einem Yogazentrum gewohnt. Dort hat er ein bisschen mitgeholfen. Er war auch ein sehr guter Yogalehrer. Eines Tages musste er zum Zahnarzt. Dort hat er eine Wurzelbehandlung bekommen und etwas ist schief gegangen. Er musste operiert werden und das Ergebnis war, dass die Hälfte des Gesichts gefühllos wurde. Er konnte keinen einzigen Ton mehr auf dem Horn hervorbringen. Er bekam also eine Million Euro und eigentlich könnte er als Yogi doch froh sein. Er bräuchte nichts mehr zu tun und könnte von den Zinsen leben. Er könnte sich ein gutes, bequemes Leben machen. Er selbst aber war am Boden zerstört, denn seine wichtigste Identifikation war Hornspieler. Er hat dann überlegt, ob er vielleicht singen könnte, da er ja eine fantastische Stimme hatte. Der Mensch hat auch sofort Gesangsunterricht genommen, um zu schauen, ob er eine Sängerkarriere starten könnte. Außerdem hat er Swami Vishnu gefragt, was er tun sollte. Swami Vishnu hat ihm geraten einfach weiter Horn zu spielen und Gerstensaft zu trinken. Der Mann ist Swami Vishnus Rat gefolgt und nach einem Monat kam das Gefühl in seine Lippen wieder zurück. Obwohl der Nerv zertrennt worden ist, hat er es geschafft, neue Verbindungen herzustellen und so konnte er bis heute Hornist bleiben. Diese Geschichte hatte ein Happy end. Sie zeigt uns aber auch, wie wir uns identifizieren und Dinge uns verloren gehen können. Wenn wir kein „Mein“ und kein Ich-Bewusstsein haben, dann erlangen wir Frieden. Dann können wir unsere
Wünsche und unser Verlangen aufgeben.

2. Kap. Vers 72:
„Das ist der Sitz Brahmans (der ewige Zustand), Oh Sohn Prithas. Keiner, der diesen erreicht hat, unterliegt der Täuschung. Wer darin auch am Ende des Lebens fest verwurzelt ist, erreicht Einheit mit Brahman.“

Im Sanskrittext steht brahma-nirvanam. Man erreicht den Zustand von Nirvana, der Zustand der Einheit, der gleich Brahman ist.

2. Kap. Vers 73:
„So endet in den Upanishaden der glorreichen Bhagavad Gita, der Wissenschaft von Brahman, der Schrift über Yoga, des Dialoges zwischen Shri Krishna und Arjuna, das zweite Kapitel mit dem Namen: Sankhya Yoga.“

Yogasastre = der Schrift von Yoga.
Sri krsnarjunasamvade = der Dialog von Krishna und Arjuna
Sankhyayogo = der genannt wird: Sankhya Yoga.
Dvitiyo`dhyayah = 2. Kapitel.

 

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