Die Yoga-Weisheit der BHAGAVAD GITA
für Menschen von heute – Kapitel 1

–– Band 1 - Text und Erläuterung: Sukadev Bretz ––

Kapitel 1 – Der Yoga der Mutlosigkeit Arjunas

Die Bhagavad Gita beginnt mit den Worten Dhritarashtras:

Kap. 1 Vers 1:
„Dhritarashtra sprach: Was taten mein Volk und die Söhne Pandus, nachdem sie sich zum Kampf bereit auf der heiligen Ebene von Kurukshetra versammelt hatten, oh Sanjaya?“

Sanjaya, der Dhritihastra immer ein guter Ratgeber gewesen war, und ihn immer wieder
aufgefordert hatte, seine Kinder zur Raison zu bringen, der auch ein Yogi war, der
meditierte und dem Narada das dritte Auge geöffnet hatte, so dass es alles in geistiger
Vision mitverfolgt hatte, antwortete ihm nun:

Kap. 1 Vers 2-6:
Nachdem König Duryodhana die in Schlachtreihe aufgestellte Armee der Pandavas
gesehen hatte, ging er zu seinem Lehrer Drona und sprach: „Sieh, Oh Lehrer!
Diese gewaltige Armee der Söhne der Pandus, die der Sohn Drupadas, dein weiser
Schüler in Schlachtordnung aufgestellt hat. Hier sind Helden, stake Bogenschützen,
die im Kampfe Bhima und Arjuna ebenbürtig sind, Yuyudhana (Satyaki),
Virata und Drupada auf großen Kriegswagen. Dhrishtaketu, Chekitana und der
mutige König von Kashi, Purjit und Kuntibhoja und Shaibya, die besten Männer.
Der starke Yudhamanyu und der tapfere Uttamaujash, der Sohn Subhadras
(Abhimayu, der Sohn von Subhadra und Arjuna) und die Söhne Draupadis, die alle
große Wagenlenker (große Helden) sind.“

Die Namen dieser heldenhaften Krieger werden in der Mahabharata immer wieder
erwähnt. Mit den folgenden Worten lobt Duryodhana seine Gegner.

Kap. 1 Vers 7:
„Erfahre auch, Oh Bester unter den Zweimalgeborenen! die Namen der Verdientesten
von uns, der Anführer meiner Armee; diese nenne ich dir, um dich in
Kenntnis zu setzen.“

Als Zweimalgeborene werden in Indien die höheren Kasten, also die Brahmanen, die
Kshatriyas und die Vaishyas bezeichnet. Es wird mit ihnen ein bestimmtes
Einweihungsritual durchgeführt, was so eine Art spirituelle Neugeburt (also Zweitgeburt)
darstellt. Jeder, der an diesem Ritual teilnimmt, wird als Zweimalgeborener
bezeichnet. In den letzten Jahren gab es in Indien viele Bestrebungen, das Kastenwesen aufzulösen. Dies ist inzwischen in den meisten Teilen Indiens auch
geglückt. Die Aufhebung des Kastenwesens ermöglicht es dann nämlich auch den
„Kastenlosen“ eine Einweihung zu bekommen.
Drona, dem Dhritarashtra dies alles erzählte, war der Lehrer der Pandavas und der
Kauravas. Er war eigentlich jemand, der Arjuna sehr schätzte und förderte. Doch weil er
Duryodhana das Treuegelöbnis geschworen hatte, musste er jetzt, entgegen seinem Herzen,
auf der Seite von Duryodhana kämpfen. Drona gilt als einer der mächtigsten Krieger.

Kap. 1 Vers 8-10:
„Du selbst und Bhishma und Karna und auch Kripa, der im Krieg Siegreiche,
Ashvatthama, Vikarna und auch Jayadratha, der Sohn Somadatta. Und auch viele
andere Helden, die bereit sind, ihr Leben für mich zu geben, alle ausgestattet mit
verschiedenen Waffen und Wurfgeschoßen und im Kampfe sehr geschickt. Unsere
Armee, die von Bhishma befehligt wird, ist unzureichend, während die ihre, die
Bhima führt, groß genug ist.“

In diesem Vers wird ein großes Paradox beschrieben, nämlich Tyrannen, die Angst
haben. Die Armee der Kauravas war doppelt so groß wie die Armee der Pandavas. Aber
die Pandavas hatten das Recht auf ihrer Seite stehen. Ferner stand Krishna auf ihrer
Seite. Duryodhana wusste, dass Krishna nicht nur irgendjemand war, und so bekam er
Angst. Das ist sehr charakteristisch. Es gibt keinen Tyrannen, der nicht paranoid war
und letztlich auch Gründe dafür gehabt hat, paranoid zu sein. Alexander der Große z.B.
hat alles Mögliche unternommen, um zu verhindern, dass er vergiftet werden würde.
Er zählte zu den ganz großen Menschenschlächtern. Die Schlachten, die er angeführt
hatte, waren die größten Schlachten, die es bis zu dieser Zeit gegeben hat. Hunderttausende
von Menschen sind gestorben. Wenn irgendjemand ihm was Böses gesagt
hat, dann ließ er diesem Menschen mit dem Schwert den Kopf abschlagen. Es konnte
sowohl seinen besten Freund als auch seinen Geliebten treffen. Dieser hatte ihn
irgendwann mal beleidigt, worauf hin Alexander der Große ihn umbringen ließ. Im
Nachhinein hat er sich dafür Vorwürfe gemacht. Des Weiteren arbeiteten viele
Vorkoster für ihn und er unterhielt eine riesige Leibwache. Man weiß nicht, wie oder
woran er letztlich gestorben ist. Ob er doch irgendwie vergiftet worden ist - es gibt ja
einen Roman darüber, wo das so beschrieben wurde - oder ob er vielleicht an Malaria
gestorben ist oder sich zu Tode getrunken hat. Auf jeden Fall ging er als Begründer
eines riesigen Reichs in die Geschichte ein. Er war zu keinem Zeitpunkt zufrieden und
hatte immer Angst vor irgendwas gehabt. Neben ihm gab es auch viele andere
Menschen, die grässliche Sachen gemacht haben und nie glücklich darüber waren, weil
sie so etwas gemacht haben.
Es heißt immer „Ehrlich währt am längsten“ aber ehrlich währt auch am glücklichsten.
Das wird auch in der Mahabharata immer wieder beschrieben. Auch die Pandavas z.B.,
die in Kauf genommen hatten, dass sie 12 Jahre ins Exil gehen mussten, und dass sie eine kleinere Armee haben, hatten letztlich einen größeren Frieden im Herzen als die
Kauravas. Trotzdem hatten sie auch Gewissensbisse, wie wir später sehen werden.

Kap. 1 Vers 11:
„Deshalb schützt alle an euren jeweiligen Plätzen in den einzelnen Teilen der Armee alleine nur Bhishma.“

Duryodhana hat Angst, dass sein Heeresführer dort getötet wird.

Kap. 1 Verse 12-13:
„Sein glorreicher Ahnherr (Bhishma), der Älteste der Kauravas, brüllte nun wie ein Löwe und blies in sein Muschelhorn, um Duryodhana zu ermuntern. Darauf (nach dem Beispiel Bhishmas) erschallten plötzlich (von Seiten der Kauravas) Muschelhörner und Pauken, große und kleine Trommeln und Hörner, und der Klang war gewaltig.“

Das war dann eigentlich der Beginn der Schlacht. Jetzt sollte es eigentlich beginnen.

Kap. 1 Verse 14 und 15:
„Dann bliesen auch Madhava (Krishna) und der Sohn Pandus (Arjuna), die in ihrem mit weißen Rössern bespannten prächtigen Streitwagen saßen, in ihre göttlichen Muschelhörner. Hrishikesha (Beiname von Krishna) blies das Panchajanya und Arjuna blies das Devadatta und Bhima (mit dem Bauche eines Wolfes), der schreckliche Taten vollbringt, blies das großartige Paundra Muschelhorn.“

Devadatta und Paundra sind Muschelhörner. Es gibt viele Sagen des Altertums, in denen manche Kämpfer ihren Schwertern Namen gaben. In der Mahabharata wurde das ebenso gehandhabt. Hier hatten sowohl die Muschelhörner als auch die Streitwagen Namen.

Kap. 1 Vers 16:
„König Yudhisthira, der Sohn Kuntis, blies das Anantavijaya; Nakula und Sahadeva bliesen das Sughosha und das Manipushpaka.“

Alle bliesen jetzt in ihre Muschelhörner.

Kap. 1 Vers 19:
„Dieser gewaltige Ton, der Himmel und Erde widerhallen ließ, zerriss die Herzen (der Männer) in Dhritarashtras Gefolge.“

Dies bedeutet, dass die Kauravas Angst hatten. Obgleich sie mehr Kämpfer waren wussten sie, dass das Recht nicht auf ihrer Seite war.

Kap. 1 Vers 20:
„Als nun Arjuna, der Sohn Pandus, dessen Zeichen der Affe war, die Leute aus der Partei Dhritarashtras so in Schlachtreihe aufgestellt sah und auch sah, wie die Waffen entsichert wurden, um zu beginnen, nahm er seinen Bogen und wandte sich mit den folgenden Worten an Krishna, Oh Herr der Erde.“

Mit „Herrn der Erde“ ist in diesem Fall „Drithahastra“ gemeint. Sanjaya erzählt ja Dhritarasta das Geschehen auf dem Schlachtfeld. Herr der Erde ist eine besondere Anrede für Könige. Diese fühlen sich dadurch besonders geehrt. Ajrunas Zeichen war der Affe. Nicht irgendein Affe, sondern Hanuman. Arjuna war Verehrer von Hanuman und Shiva. Und auf seinem Emblem, seinem Streitwagen konnte man Hanuman sehen, wie er gerade durch die Lüfte springt. Wenn man sich Darstellungen anschaut, ist der blaue Mensch, der den Wagen lenkt, Krishna und der, der den Bogen hält, Arjuna.

Kap. 1 Vers 21-23:
„Arjuna sprach: Stelle meinen Wagen in die Mitte zwischen die beiden Armeen, Oh Krishna, damit ich die sehe, die hier zum Kampfe bereit aufgestellt sind, und weiß, gegen wen ich zu kämpfen habe, wenn die Schlacht beginnen soll. Denn ich möchte sie genau sehen, die hier zum Kampfe versammelt sind, und dem übelgesinnten Duryodhana (dem Sohn Dhritarashtras) in der Schlacht zu gefallen wünschen.“

Arjuna weiß noch nicht genau, gegen wen er kämpfen soll, wer auf der anderen Seite steht. Duryodhana hat das bereits gesehen und es seinem stellvertretenden Heeresführer, dem Drona erzählt. Arjuna möchte es jetzt auch endlich sehen.

Kap. 1 Vers 24:
„Sanjaya sprach: Nachdem Arjuna so zu Krishna gesprochen hatte, stellte dieser, Oh
Dhritarashtra, den besten aller Kampfwagen in die Mitte zwischen die beiden Armeen.“

Einem anderen Vers der Mahabharata zufolge soll die „Mitte“ ein kleiner Hügel gewesen sein. Von dort konnte man beide Formationen erkennen. Der Sage zufolge sollen es mehrere hunderttausend Menschen gewesen sein. Gelehrte nehmen an, dass diese Zahl ein bisschen übertrieben wäre, wahrscheinlich eine Null zu viel hätte. In jedem Fall war es eine riesige Ansammlung von Menschen und Arjuna bricht aus der Schlachtreihe aus und stellt sich oben auf den Hügel. Dazu gehörte eine Menge Mut. Alle Beteiligten überlegten, was er damit bezwecken wollte.

Kap. 1 Vers 25:
„Angesichts von Bhishma und Drona und allen Beherrschern der Welt sagte er: Oh > Arjuna, (Sohn Prithas) sieh die versammelten Kurus.“

Krishna stellt den Schlachtwagen auf den Hügel zwischen beiden Armeen und fordert
Arjuna auf, es sich gut anzuschauen.

Kap. 1 Verse 26-27:
„Da sah Arjuna, (der Sohn Prithas), dass hier (in den Armeen) Väter und Großväter, Lehrer, Onkel, Brüder, Söhne, Enkel und auch Freunde aufgestellt waren. Er sah Schwiegerväter und auch Freunde in beiden Armeen. Als der Sohn Kuntis, Arjuna, alle seine Angehörigen so aufgestellt sah, sprach er von großer Sorge und tiefem Mitleid erfüllt.“

Bislang war Arjuna davon ausgegangen, dass es eine ganz normale Schlacht sein würde. Es war ihm nicht bewusst gewesen, dass es Duryodhana gelungen war, so viele seiner Verwandten und Freunde und selbst seine Lehrer auf seine Seite zu ziehen. Jetzt erkennt er, was es eigentlich ist, nämlich ein Bruderkrieg.

Kap. 1 Verse 28-33:
„Arjuna sprach: Wenn ich diese meine Verwandten kampfbereit in Schlachtreihe aufgestellt sehe, Oh Krishna, versagen meine Glieder, mein Mund wird trocken, mein Körper zittert, und mein Haar steht zu Berge. Der Bogen entgleitet meiner Hand, und auch brennt die Haut auf meinem ganzen Körper; meine Beine versagen mir den Dienst, und also wird mein Geist wankelmütig. Und ich sehe schlechte Vorzeichen, Oh Keshava. Nichts Gutes sehe ich darin meine Verwandten im Kampf zu töten. Ich wünsche nicht den Sieg, Oh Krishna, nicht das Königreich und auch nicht Freuden. Was nützt uns Herrschaft, Oh Krishna, oder Freuden, oder selbst das Leben? Die, für die wir Königreich, Freuden und Annehmlichkeiten wünschen, stehen hier, bereit zu kämpfen und Leben und Vermögen einzusetzen.“

Arjuna sagt in diesen Versen, dass sie eigentlich nur in den Krieg ziehen wollten, um wieder Recht und Ordnung herzustellen. Um Menschen zu helfen, wieder ein freudevolles Leben führen zu können, damit die Armut, die Hungersnöte und die Tyrannei wieder aufhören können.
Die gleichen Menschen, für die die Gerechtigkeit durch Kampf wieder hergestellt werden soll, stehen sich jetzt in den Armeen gegenüber und werden sich gegenseitig umbringen. Arjuna sagt auch: „Ich wünsche nicht den Sieg, ich wünsche nicht das Königreich und nicht die Freuden.“ Es ist ihm letztlich klar, er will nicht kämpfen, um irgendetwas für sich zu bekommen. Er war ja eigentlich in der Zeit des Exils ganz zufrieden und glücklich. Er will kein Königreich haben und überlegt sich: Warum sollen wir das dann überhaupt machen?

Kap. 1 Verse 34-36:
„Lehrer, Väter, Söhne und auch Großväter, Onkel, Schwiegerväter, Enkel, Schwager und andere Verwandte, ich möchte sie nicht töten, auch wenn sie mich töten, Oh Krishna, nicht einmal, um der Herrschaft über die drei Welten willen; geschweige denn sie der Erde willen zu töten. Wenn wir diese Söhne Dhritarashtras töten, welche Freude können wir dann haben, Oh Janardan? Nur Sünde erwächst uns aus dem Töten dieser Bösewichte.“

Arjuna reagiert sehr emotional und versucht gleichzeitig das Ganze noch intellektuell auf dem Hintergrund der Purva Mimamsa Philosophie zu begründen. In der Purva Mimamsa Philosophie haben die Angehörigen verschiedener Kasten verschiedene Pflichten. Es gibt Pflichten für die Shudras, die Bauern. Es gibt Pflichten für Vaishyas, die Kaufleute. Es gibt Pflichten für die Kshatriyas, die Krieger, Pflichten für die Herrscher und Verwaltungsbeamte. Auch die Brahmanen haben bestimmte Pflichten. Ursprünglich galten die Brahmanen als Priesterkaste. Doch schon zu Krishnas Zeiten waren nicht mehr alle Brahmanen gleichzeitig auch Priester. Oft waren es einfache Bauern die, um zu überleben, ein einfaches Leben geführt haben. Die Kshatriyas hatten folgende Aufgaben: das Land gerecht zu regieren, das Reich und die Menschen im Reich zu beschützen, und auch nach Ruhm und Ehre zu streben. Es war ihnen allerdings verboten gegen ihre eigenen Angehörigen und gegen ihre eigenen Lehrer zu kämpfen. Arjunas Herz blutete, weil er wusste, dass das nicht richtig war. Durch solche Taten entstehen Papas. Papas sind Sünden. Verwandte zu töten sind Papas.

Kap. 1 Verse 38-39:
„Daher dürfen wir die Söhne Dhritarashtras, unsere Verwandten, nicht töten; denn wie können wir glücklich sein, wenn wir unsere Angehörigen töten, Oh Madhava? Wenn diese auch weder etwas Böses darin sehen, Familien zu zerstören, noch eine Sünde in der Feindseligkeit gegenüber Freunden, da ihr Verstand von Gier überwältigt ist, warum sollten dann nicht wir, die wir das Böse in der Zerstörung von Familien deutlich sehen, lernen, uns von dieser Sünde abzuwenden, Oh Janardana?“

Gemäß der Purva Mimamsa Philosophie hat man die Aufgabe, sich um die eigene Familie zu kümmern. Und jeder hat die Aufgabe dafür zu sorgen, dass die Familie sich fortsetzt, dass die Sippe sich fortsetzt. Es gibt die Großkasten, die so genannten „Varnas“, und es gibt die Kleinkasten, die so genannten „Jatis“. Beide gelten als Sippen mit eigenen Gesetzen, eigener Ethik und eigenen religiösen Riten.
Einer Theorie zufolge ist eine Jati eine Kaste, die aus verschiedenen Gesellschaften heraus entstanden ist. Ansässige Volkstämme und Einwanderer haben sich zusammengruppiert und ihre eigenen religiösen Riten geschaffen. Alle Mitglieder der betreffenden Jati mussten sich an die Riten halten. Sie mussten die Riten ausführen und dafür sorgen, dass sie an die eigenen Nachkommen, die natürlich dann Mitglieder dieser Jati wurden, weitergegeben werden. Dies brachte ihnen erneut bestimmte Punyas ein.
Krishna wird an späterer Stelle (ab Kapitel 2) gegen diese Argumentation von Arjuna, und damit gegen die Aussagen der Purva Mimamsa Philosophie und das Glaubenssystem Arjunas recht klar Stellung beziehen. In der Bhagavad Gita fährt Arjuna aber mit seiner eigenartigen Argumentation fort:

Kap. 1 Verse 40 und 41:
„Wenn eine Familie zerstört wird, verlöschen die uralten religiösen Riten dieser Familie; in Folge der Zerstörung der Spiritualität sucht in der Tat Gottlosigkeit die ganze Familie heim. Wenn Gottlosigkeit regiert, Oh Krishna, verlieren die Frauen der Familien ihre Ehre. Und durch die Ehrlosigkeit der Frauen, Oh Varshneya kommt es zur Vermischung der Kasten.“

Durch die religiösen Traditionen jeder Sippen wurden im Besonderen auch die Frauen beschützt, die ansonsten Vergewaltigungen, Entführungen usw. zum Opfer gefallen wären. Als eine der größten Papa (Sünden) galt es dort, eine Frau zu vergewaltigen. Wenn jemand nicht mehr daran glaubte, dann wurden auch die Frauen nicht mehr beschützt. Die Vermischung der Kasten war gemäß der Purva Mimamsa Philosophie etwas Schreckliches. Wenn eine Frau vergewaltigt, die nächste Frau entführt wurde, konnte es schnell zu der Vermischung der Kasten kommen.

Kap. 1 Vers 42:
„Die Vermischung der Kasten bringt die Mörder der Familien in die Hölle, denn ihre Ahnen fallen, da sie keinen Reis und kein Wasser (Trankopfer) erhalten haben.“

Wenn man, als Angehöriger einer Jati, die religiösen Riten nicht mehr durchführt, und zusätzlich noch die Ahnen nicht mehr ehrt oder Opferzeremonien durchführt, landet man laut Purva Mimamsa Philosophie nicht nur selbst in der Hölle, sondern alle eigenen Verwandten ebenfalls. Die Verehrung der Ahnen galt als ein besonders hohes Gut.

Kap. 1 Verse 43-47:
„Durch die bösen Taten derer, die Familien zerstören und somit die Vermischung der Kasten verursachen, werden die ewigen religiösen Riten der Kaste und der Familie zerstört. Wir haben gehört, Oh Janardana, dass es Angehörigen von Familien, in denen die religiösen Praktiken zerstört worden sind, in jedem Fall bestimmt ist, für eine Zeit unbekannter Dauer in der Hölle zu verweilen. Ach! Wir verstricken uns in große Sünde, wenn wir uns dazu bereit finden, aus Gier nach den Freuden eines Königreiches unsere Angehörigen zu töten. Es wäre für mich besser, die bewaffneten Söhne Dhritarashtras erschlügen mich im Kampfe, während ich unbewaffnet bleibe und keinen Widerstand leiste. Sanjaya sprach: nachdem Arjuna so in der Mitte des Schlachtfeldes gesprochen hatte, warf er Pfeil und Bogen von sich und setzt sich mit von Sorge überwältigtem Geist im Streitwagen hin.“

Wenn ihr euch jetzt mal das ganze Bild vergegenwärtigt:
Da gibt es zwei sich gegenüberstehende Armeen, die schon zum Angriff die Muschelhörner geblasen haben. Arjuna verlässt einfach die eigene Armee und begibt sich in die Mitte beider Armeen. Dort unterhält er sich mit Krishna und wirft danach einfach seine Waffen nieder.
Und dann dauert es noch 17 Kapitel, also mehrere Stunden, bevor die Schlacht überhaupt beginnt! Warum warten beide Armeen eigentlich so lange?
Nun, die Pandavas wissen, dass sie ohne Arjuna keine Chance haben. Ihre Armee besteht nur aus halb so vielen Kriegern wie die Armee der Kauravas. Arjuna ist ihr stärkster Krieger und er wird von Krishna unterstützt. Die Kauravas teilen dieses Wissen, hoffen aber, dass Arjuna zu feige ist, dass er es mit der Angst zu tun bekommt und flieht. Dann würden sie leicht einen Sieg über die Pandavas erlangen. Wenn sie allerdings jetzt angreifen würden, dann könnte es sein, dass Arjuna gezwungenermaßen zu seiner Waffe greift und es eine große Schlacht mit vielen Toten auf Seiten der Kauravas geben wird. Aus diesem Grund warten beide Armeen ab.

Oft wird die Frage gestellt, warum Krishna Arjuna die Weisheit der Bhagavad Gita auf dem Schlachtfeld erzählt. Er hätte es auch vorher bei einer Tasse Getreidekaffee im warmen Zimmer oder in einem Ashram tun können. Die meisten Dinge, die in der Bhagavad Gita erzählt werden, haben mit dem Schlachtfeld nichts zu tun, sondern sind Grundlagen des spirituellen Lebens, die auf jede Lebenssituation anwendbar sind. Und jeder Mensch, egal in welcher Lebenssituation er ist, wird in der Bhagavad Gita Anleitungen finden, wie er sein Leben spirituell ausrichten kann. Wie er von Egoismus und Getrenntheit wegkommen und zu einem Gefühl der Einheit kommen kann. Der Grund, warum Krishna das Arjuna auf dem Schlachtfeld erzählt hat, ist, dass wir keine Ausrede haben sollen für Tamas. Ich bekomme oft in Seminaren zu hören: „Was du dort erzählst ist ganz schön für diejenigen, die im Ashram leben, ein gemütliches, schönes, angenehmes konfliktfreies Leben haben, in dem das alles sehr einfach ist.“

Es sei dahingestellt, ob das Leben im Ashram immer ein angenehmes und konfliktfreies Leben ist. Aber die Bhagavad Gita ist eben nicht an Ashrambewohner adressiert geschrieben worden. Krishna verkündet das in einem Moment, vielleicht in einem der extremsten menschlichen Momente überhaupt, nämlich im Kriegszustand.
Als Kinder haben viele von uns wahrscheinlich unseren Eltern oder Großeltern immer wieder gesagt: „Hör auf über den Krieg zu erzählen, wir wollen es nicht mehr hören.“ Und manche Eltern wollten oft auch gar nichts erzählen. Sie standen unter einem posttraumatischen Syndrom, was bedeutet, dass sie zeit ihres Lebens von einer traumatischen Erfahrung berührt sind. Viele unsere Eltern und Großeltern hatten solche traumatischen Erkrankungen.

Arjuna befindet sich also in der extremsten menschlichen Situation, in der er überhaupt sein kann. Und wenn das, was Krishna Arjuna erzählt, in dieser Situation anwendbar ist, dann haben wir keine Ausrede mehr zu sagen: „Krishna kann das Arjuna ruhig erzählen. Dem geht es ja gut. Er lebt geschützt in einem Ashram, wo es keine menschlichen Probleme gibt.“ Nein, Arjuna befindet sich in einem schlimmen ethischen Konflikt. Er hat die Verantwortung für das Leben von Tausenden oder Hunderttausenden von Menschen. In dieser Situation hört er die Lehren Krishnas.

An dieser Stelle muss man sich mal vergegenwärtigen, warum Arjuna überhaupt Bedenken hat zu kämpfen. Wenn das Leute gewesen wären, die er nicht gekannt hätte, dann wäre es kein Problem für ihn gewesen zu kämpfen. Er hat ja schon in vielen Schlachten gekämpft. Er hat des Öfteren die Bösen vernichtet, die Tyrannen, die Gesetzesbrecher. Doch nun erkennt Arjuna, dass diesmal die Bösen und die Guten seine eigene Familie sind. Dies ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis überhaupt. Jeder Mensch gehört zu unserer Familie.

Wissenschaftler der modernen Biologie behaupten, dass wir alle von einem Menschen, gerne als „Luzie“ bezeichnet, abstammen. Wir haben alle die DNA von Luzie in unserem Körper. Wir könnten auch durchaus sagen, dass wir die DNA von Adam oder Eva in uns hätten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir alle einen gemeinsamen Urahnen haben.

Ferner führen manche Wissenschaftler aus, dass nur ein paar hundert Menschen die Eiszeit überlebt haben. Mit denen seien wir ebenfalls verwandt. Irgendjemand hat mal ein Gedankenexperiment gemacht und gesagt: „Über sechs Menschen kennen wir jeden Menschen auf diesem Planeten. Jeder kennt jemand anderen, der wieder jemand anders kennt, der jemand anderes kennt, der nochmals jemand anderes kennt. Über sechs Stufen müsste man jeden Menschen auf dieser Welt kennen.“

Dies hat er auch zu beweisen versucht. Natürlich, im streng mathematischen Sinne, ist es nicht beweisbar. Trotzdem sind wir alle irgendwie über sechs Ecken miteinander befreundet. Vom yogischen Standpunkt aus haben wir alle das gleiche Selbst und wir haben alle die gleichen Gefühle und Emotionen. Letztlich sind wir alle Teile einer Familie.

Arjuna erkennt nun, dass die anderen seine Familie sind. Jetzt hat er Bedenken sie umzubringen. Obwohl die anderen ihn hassen, hat er das sehr große menschliche Gefühl von Liebe. Selbst Duryodhana und seinen anderen Cousins gegenüber empfindet er Liebe. Und gerade weil Arjuna diese Liebe spüren kann und seinen Gegner vergibt, sagt er, dass sie nur aus Verblendung heraus handeln und eigentlich gar nicht so schlimm sind. Er liebt sie weiterhin. Einzig und allein aus diesem Grund ist Krishna auch bereit, Arjuna die Bhagavad Gita zu erzählen. Arjuna besitzt Vairagya (Verhaftungslosigkeit, Abwesenheit von Gier). Er will kein Königreich. Er will keinen Ruhm, er will keine Freude. Eigentlich geht es ihm nur darum, das Rechte zu tun. Aber er hätte kaum Bedenken zu kämpfen, wenn es Leute wären, die er nicht kennt. Beide Armeen stammen jedoch aus einer Jati, aus einer Sippe. Sie haben sich getrennt, was normalerweise gar nicht geht und Unrecht ist. Arjuna weiß, dass der Gegner doppelt so stark ist wie seine Armee. Allerdings verfügt Arjuna auch über ein gutes Selbstvertrauen. Er geht davon aus, dass er viel ausrichten kann und es zu vielen Toten
auf beiden Seiten kommen wird.
Wenig Tote würde es dann geben, wenn eine Armee erheblich größer als die andere wäre. Wenn die beiden Armeen in etwa gleich stark sind, gibt es erheblich mehr Gemetzel. Und dabei wäre nicht klar, wie viele davon überleben würden. Würden ausreichendÜberlebende übrig bleiben, um die religiösen Riten weiterzuführen? Krishna wird sich an dieser Stelle nicht auf Arjunas Argumentation aus der Purva Mimamsa Philosophie heraus einlassen. Im Gegenteil sogar. Krishna teilt ihm in den nächsten Kapiteln mit, dass Arjuna sich nicht um das kümmern soll, was die Purva Mimamsa Philosophie sagt, und, dass diese Philosophie nicht auf ethische Fragen anwendbar ist.
Krishna geht zwar an einigen Stellen kurz auf die Philosophie ein, will aber von einer höheren Ethik ausgehen. Er möchte Arjuna nicht darin unterstützen die Familienethik, die „In-den-Himmel- kommen- Ethik“ oder die „Andere-in-den- Himmel-heben-Ethik“ zu praktizieren. Ihm geht es letztlich um die Befreiung des Menschen.

Kap. 1 Abschlussvers:
„So endet in den Upanishaden der glorreichen Bhagavad Gita, der Wissenschaft vom Ewigen, der Schrift über Yoga des Dialogs zwischen Shri Krishna und Arjuna, das erste Kapitel mit dem Namen: Der Yoga der Mutlosigkeit Arjunas.“

Dieses erste Kapitel endet mit einem bestimmten Vers, der sehr wahrscheinlich ursprünglich nicht aus der Mahabharata stammt, sondern von späteren Übersetzern eingefügt worden ist. Dieser Vers ist die Beschreibung der Bhagavad Gita. Es könnte sein, dass dieser Zusatz zum Schluss von Shankara geschrieben worden ist und er jedem Kapitel einen Titel gegeben hat.

Brahma Vidya = Wissenschaft vom Ewigen, also die Weisheit von Brahma
Yogashastra = Schrift über Yoga
Shri Krishna Yoga samvade = Samvade heißt Dialog zwischen Krishna und Arjuna
dhyayah heißt Kapitel
prathamo heißt erstes.

So endet das erste Kapitel der Mutlosigkeit Ajrunas. Mutlosigkeit ist einer der 18 Wege, die in der Bhagavad Gita beschrieben werden. Visada, was Mutlosigkeit bedeutet, wird sogar als Yoga bezeichnet. Oft ist es so, dass wir einen großen Schritt auf dem spirituellen Weg tun, wenn wir verzweifelt sind. In der englischen Übersetzung der Bhagavad Gita wird visada mit desperation, also Verzweiflung übersetzt.
Und diese Tatsache kann uns Mut geben; sie kann uns trösten. Wenn wir mal verzweifelt sind und uns der Verzweiflung auch stellen, dann können wir sagen, dass wir Yoga praktizieren. Und gerade dadurch, dass wir uns ab und zu in einer solchen Verzweiflung befinden und mutlos sind, können wir uns öffnen für eine tiefere Weisheit, eine tiefere Wahrheit.
Wir stehen öfters vor Konflikten, inneren und äußeren Konflikten. Gandhi und Yogananda interpretierten die ganze Bhagavad Gita als einen Kampf im Inneren.


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