Feb 16 2016

Die Yoga Familie im Ashram Bad Meinberg


Yoga FamilieWo lebt man am besten als Familie, die Yoga praktiziert? Natürlich bei Yoga Vidya Bad Meinberg! Journalistin Zoë Aschenbach interviewte für das Magazin „Welt der Spiritualität“ (4/15) Mona, Jasmin und Ingrid – eine Dreigenerationenfamilie, die unter einem Dach lebt!  Hier kannst du nachlesen, wie eine Yoga Familie im Ashram lebt.

Mona, Jasmin und Ingrid leben gemeinsam unter einem Dach: Mutter, Tochter und Großmutter. Das allein ist heutzutage in Deutschland schon bemerkenswert geworden. Wirklich besonders wird es allerdings, wenn man sich das „Dach“ näher anschaut, unter dem die Familie hier Unterschlupf gefunden hat. Denn es ist ein Aschram. Genau genommen der größte Ashram außerhalb von Indien und Hauptsitz des gemeinnützigen Vereins Yoga Vidya e. V., angesiedelt im ostwestfälischen Kurort Bad Meinberg. Ich frage mich, wie das Leben in einem modernen Aschram wohl ist. Was motiviert einen Menschen in unserer Zeit und hiesigen Breitengraden dazu sich für diesen speziellen Lebensweg zu entscheiden? Und nicht nur einen Menschen, sondern in diesem Falle gleich eine ganze Familie.

So mache ich mich auf den Weg zu Yoga Vidya nach Bad Meinberg, um sie persönlich zu befragen. An Bielefeld und Detmold vorbei immer weiter hinaus aufs Land bis ich schließlich mein Ziel, Bad Meinberg, erreiche. Umgeben vom Teutoburger Wald und nahe den berühmtmagischen Externsteinen ist der 4.000-Einwohner-Ort pur in der Natur gelegen. Dass der Ashram nicht nur eine spirituelle Lebensgemeinschaft mit hinduistischer Ausrichtung ist, sondern auch Europas größtes Yoga-Seminarhaus, hatte ich bereits der Website (www.yoga-vidya.de) entnommen. Yogaweg Nr. 7, lautet die Adresse. Die Rezeption befindet sich im sogenannten Haus Shanti.

Auf der Suche nach meinem Zimmer bin ich zunächst etwas orientierungslos. So viele Gänge, Yogaräume und Zimmer. Zum Glück entdecke ich rasch die Gebäudepläne und Schilder an den Wänden, die mir den richtigen Weg weisen. Die anderen Gäste hier irren nicht mehr umher, sondern schlendern ungewohnt entspannt an mir vorbei. Das Odysseegefühl scheint also ein klassisches Neuankömmlings-Ding zu sein. Neugierig betrachte ich die Passanten: Sehen die irgendwie anders aus? Lässt sich bei den Menschen hier ein gemeinsamer Nenner finden? Bisher wirkt ihr äußeres Erscheinungsbild – abgesehen vom allgegenwärtigen Yoga-Outfit – auf mich allerdings ziemlich normal. Es sind überwiegend Frauen im mittleren Alter, einen bestimmten „Typ“ kann ich allerdings nicht ausmachen. Doch etwas ist schon anders…Irgendwie ist da mehr Offenheit, mehr Weichheit in den Gesichtern; mehr Transparenz und Leuchten in den Augen.

Auch besagte Familie begegnet mir am nächsten Morgen beim Interview mit wachem Blick. Alle drei sind gertenschlank und erstaunlich frisch für die frühe Stunde. Ob das an der gesunden Ernährung und spirituellen Praxis hier liegt? Schon um sechs Uhr morgens kann man sich im Ashram täglich mit einer Stunde Pranayama, den yogischen Atemübungen, für den Tag „fit“ atmen, erfahre ich von Mona. Um Sieben geht es unmittelbar weiter mit dem einstündigen „Satsang“. Dort gibt es gemeinsame Meditation, Mantrasingen, hinduistische Rituale und einen Kurz-Vortrag.

Mona Henss, die 55-jährige Mutter, war die erste in der Familie, die es in den Ashram zog. Tochter und schließlich Großmutter folgten. Jetzt sind sie alle drei fester Teil der spirituellen Gemeinschaft vor Ort, bestehend aus etwa 170 Vereinsmitgliedern, die dauerhaft im Ashram Yoga Vidya Bad Meinberg arbeiten und leben („Sevakas“ genannt). Eine überdimensionale WG, wenn man so will. Jeder Mitbewohner hat sein eigenes Zimmer inklusive Bad. So wohnen Mona, Jasmin und Ingrid eng beieinander und haben gleichzeitig jede Ihren Raum für sich.

„Ich war gerade auf der Suche nach einer passenden Gemeinschaft, als ich über meine damalige Nachbarin Bettina Shakti von Yoga Vidya erfuhr“, erklärt Mona mir. Tochter Jasmin war damals 14, der Sohn gerade drei. Seit ihrer zweiten Schwangerschaft hatte Mona starke Rückenschmerzen. Die Yogaübungen, die ihr Yogalehrerin Bettina zuhause zeigte, halfen prompt und Mona wollte mehr davon. So kam sie kurz darauf das erste Mal als Gast zum Yoga Vidya Ashram im Westerwald. „Und ich fand’s klasse! Hier will ich leben, dachte ich.“ Doch der Schritt ins Aschramleben musste vorerst warten. Nach diversen Umzügen war es Jasmin leid und sagte: „Mama, jetzt ziehen wir aber nicht mehr um bis ich groß bin und weggehe von dir!“ So wurde es 2004, bis Jasmin „groß“ und Mona „frei“ für Yoga Vidya Bad Meinberg war. Seitdem lebt Mona hier und fühlt sich offenkundig wohl: „Die Gemeinschaft ist wie eine große Familie. Ich muss nicht mit jedem einzelnen engen Kontakt haben. Aber ich freue mich jedes Mal, wenn wir in den Gängen Gruß und Lächeln austauschen. Dass diese herzlichen Menschen da sind, macht mich froh.“

Die gelernte Bürokauffrau arbeitete bei Yoga Vidya zunächst an der Rezeption. Eigentlich ein ganz normaler Vollzeitjob mit Dienstplan, Sozialversicherung und Lohn. Unterkunft, Car-Sharing und biologische Vollverpflegung sind inklusive. Der monatlich ausgezahlte Lohn von ca. 300 – 500 Euro entspricht allerdings eher einem Taschengeld und wird auch offen als solches bezeichnet. Reich an irdischen Gütern wird man hier also nicht. Es geht stattdessen um das Erlangen von innerem Reichtum. Ganz dem Leitspruch des indischen Yogameisters Swami Sivananda folgend, auf dessen Lehren der gemeinnützige Verein basiert: Serve, love, give, purify, meditate and realize. „Karma-Yoga“ heißt das Arbeiten deshalb hier. Aus dem Sanskrit übersetzt bedeutet das „selbstloser Dienst“. Man widmet seine Arbeit einem übergeordneten Ideal. Durch die Verbreitung von Yoga möchte der gemeinnützige Verein Lichtpunkte auf der Erde setzen und mehr Bewusstheit in die Welt bringen. Stellt man seine tägliche Arbeit hingebungsvoll in den Dienst von etwas Höherem (Gott), kann jegliche Arbeit alle negativen Ego-Assoziationen verlieren und zu einer tief erfüllenden Tätigkeit werden.

alle unter einem dach

Für diese Familie scheint das Konzept zu funktionieren. Jede von ihnen hat im Aschram ihre Nische gefunden, in der sie ihrer als sinnvoll erlebten Arbeit mit Hingabe nachgeht: Mona als Bereichsleiterin, Jasmin als Teamleiterin und Ingrid als sogenannte Shanti Vasi: „Ich lebe bei Yoga Vidya als Shanti Vasi, was übersetzt Bewohnerin des Friedenshauses bedeutet. Das gefällt mir,“ so Ingrid Henss. Die 74-jährige Rentnerin ist dankbar seit kurzem im Ashram und bei ihrer Familie leben zu können. Im Rahmen des Shanti Vasi Modells hat sie für ein Apartment (mit eigener Küche) ein lebenslanges Wohnrecht erworben. Und das möchte sie auch in Anspruch nehmen, also gerne bis an ihr Lebensende bleiben. Für Essen am täglichen Vollwert-Buffet und ihre Nebenkosten arbeitet sie einige Stunden die Woche als Karma Yogi an der Rezeption. Dort lernt Mona sie derzeit noch ein, da jene die Rezeption einige Jahre selbst geleitet hat.

Auch mit Tochter Jasmin Iranpour besteht beruflich eine große Schnittmenge. Als Bereichsleiterin der ashrameigenen Küche, Ayurveda Oase und Yogatherapie ist Mona auch die Vorgesetzte von Jasmin, der Küchenleitung. Ursprünglich hatte die 29-jährige Jasmin geplant nur für ein Jahr im Ashram zu leben und dann wieder auf Reisen zu gehen. Doch wie so oft im Leben kam es anders als geplant. Jetzt ist sie bereits im 2. Jahr, Leiterin der Großküche bei Yoga Vidya und hat beim Schnibbeln am Arbeitsplatz ihren neuen Lebensgefährten Kai kennen gelernt. Zu Stoßzeiten zaubert die Küche stolze 700 Essen für die Gäste aus dem Topf, verwendet ausschließlich biologische Produkte und kocht vegetarisch, alle Hauptmahlzeiten sogar vegan.

Das deckt sich perfekt mit Jasmins Werten. Nur der regionale Aspekt bei der Nahrungsmittelbestellung kommt der gelernten Fachfrau für Systemgastronomie noch zu kurz. Daher stellt sie jetzt nach und nach weitgehend auf Bauern aus der Umgebung um. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen in einem Job zu arbeiten, hinter dem ich nicht komplett stehe,“ ist Jasmin überzeugt. Ihre Professorin im BWL Studium hätte immer zu ihr gesagt, dass es ganz schwierig für sie werden würde mit ihren Ansprüchen überhaupt etwas zu finden. Doch jetzt ist sie mit ihrem Arbeitsplatz sehr zufrieden. „Denn mit der ethischen Ausrichtung von Yoga Vidyas Küche kann ich mich erstmals voll identifizieren.“

Kann es nicht auch schwierig werden, wenn man als Familie so eng zusammen arbeitet und lebt, will ich wissen. Hat man da überhaupt noch Freizeit und genug Raum für sich? Jasmin: „Ich kann und will Berufs- und Privatleben gar nicht trennen. Daher ist das Lebens- und Arbeits-Modell im Yoga Vidya Ashram genau das richtige für mich. Hier ist alles Eins. Was mich wirklich interessiert im Leben, das muss sich in meiner Arbeit widerspiegeln, finde ich. So stört es mich nicht, wenn wir drei auch in unserer Freizeit mal über die Arbeit sprechen.“

Und zu oft sehen würden sie sich sowieso nicht. Im Gegenteil: Auf dem weitläufigen Gelände und vielbeschäftigt, wie sie oft sind, könne man sich auch mal ein paar Tage lang gar nicht treffen. Da bedarf es schon geplanter Verabredungen. „Jeden Mittwoch treffen wir uns in meiner Shanti Vasi Wohnung zum Familienfrühstück. Zudem haben wir feste Wochentage, an denen wir gemeinsam zum Satsang gehen,“ freut sich Ingrid.

Dass man sich auf dem weitläufigen Ashramgelände und zwischen all den Gästen aus den Augen verlieren kann, ist gut nachvollziehbar. Denn es handelt sich um eine gigantische Anlage, bestehend aus drei einzelnen Gebäude-Komplexen mit Garten. Der mittlere Bau steht derzeit leer, in den beiden anderen Gebäuden tummelt sich das Leben dafür umso dichter. Bis zu 1.000 Menschen (Gäste plus Sevakas, Shanti Vasis und temporäre Mithelfer) können hier gleichzeitig unterkommen und Yoga praktizieren. Das entspricht ganz der Vision von Yoga Vidyas Vereinsgründer Sukadev Volker Bretz.

Dieser konnte mit Vereinsmitteln vor etwa 12 Jahren günstig die gesamte Anlage kaufen, die in der Blütezeit des Kurortes als Kurklinikum errichtet worden war. Die perfekte Lokation für sein Ashram, fand Sukadev. Dass das Haupthaus „zufällig“ aus ebenso vielen pyramidenartig angeordneten Stockwerken besteht wie es Haupt-Chakren im menschlichen Körper gibt, war für ihn damals I-Tüpfelchen. Seitdem heißt das Haus mit den sieben Stufen „Chakrapyramide“.

Gemeinsam haben Mona, Jasmin und Ingrid ihre grundlegenden Interessen für Ernährung, Spiritualität, den Gastbetrieb und die Natur. „Essen hat einen enormen Einfluss auf alles, auch auf die Spiritualität. Im Prinzip sind wir drei alle über die Achtsamkeit im Umgang mit dem Essen zur Spiritualität gekommen. Es war quasi unsere Eingangstür“, erklärt Jasmin. Mona ergänzt: „ Stimmt. Zu einem Wendepunkt in der Einstellung unserer Familie zur Spiritualität hat die Ausbildung zur ganzheitlichen Gesundheitsberaterin (GGB) geführt, die erst Ingrid und dann ich, in den 90ern absolvierten.“

Geprägt durch das Bewusstsein in ihrer Familie war für Jasmin schon früh klar, dass die Natur beseelt ist. „Ich habe immer schon geglaubt, dass es da irgendwie mehr gibt. Der Film Avatar zeigt für mich auf besonders schöne Art das Kollektivbewusstsein in der Natur.“ Das Einheitsgefühl, dass sie empfand, als sie auf einer Reise im südamerikanischen Dschungel Blätter streichelte, spürt sie auch beim Yoga-Üben oder Meditieren. Neben ihrem „Hauptjob“ gibt Jasmin, ebenso wie ihre Mutter, Yogastunden im Ashram. Ingrid überlegt derweil noch, ob sie sich die Intensivausbildung zur Yogalehrerin bei Yoga Vidya zutraut.

Bevor Mona oder Jasmin eine Yogastunde geben, gehen sie innerlich in dieses Einheitsgefühl, verbinden sich bewusst mit Swami Sivananda, Gott, ihrem Höheren Selbst, oder wie auch immer man es nennen mag. Jasmin macht dafür gern selbst etwas Yoga, am liebsten ein paar Runden Sonnengrüße. Mona verbindet sich in einer kurzen Meditation ganz bewusst mit den Meistern Swami Sivananda und Swami Vishnu-devananda mit der Bitte, dass ihre Energie während des Unterrichtens frei durch sie fließen möge. Ihrer Erfahrung zufolge seien ihre Yogastunden, wenn sie das Einstimmungsritual vorher mal nicht mehr geschafft hätte, deutlich zäher gewesen.

Jasmin ist froh darüber, dass Spiritualität in ihrer Familie schon immer ein Fakt war: „Wir haben früher nie viel darüber geredet, die Spiritualität war in unserer Familie wie selbstverständlich, ganz natürlich, einfach da.“ Auch das Leben in einer Gemeinschaft mit Gästen fühlt sich für die Familie nicht neu an. Schon in Monas Elternhaus in Rüsselsheim wohnten mehrere Generationen plus Gastarbeiter aus verschiedenen Ländern unter einem Dach. Ingrid und ihr verstorbener Mann wiederum betrieben viele Jahre ein Tanzcafé mit schillerndem Programm und bis zu 500 Gästen des Nachts.

Für die Drei schließen sich im Ashram von Yoga Vidya nun die Kreise. Es geht um Bewusstsein und Ernährung, um Yoga und Natur, um ein Leben in der Gemeinschaft und die spirituelle Entwicklung des Einzelnen. Bei meiner Vorrecherche im Internet fand ich zu dem Begriff „Ashram“ bei Wikipedia folgende Erklärung: Ashram (āśrama) bezeichnet (…) ein klosterähnliches Meditationszentrum (religiöse Herberge). Yogawiki erläutert detaillierter: Ein Ashram ist ein Ort, an dem Menschen dauerhaft oder vorübergehend wohnen, um sich spirituell weiterzuentwickeln. Ein Ashram kann der Wohnsitz eines Guru oder Heiligen sein, eine spirituelle Zuflucht für Aspiranten, eine spirituelle Gemeinschaft.“

„Ja, hier habe ich einen Raum gefunden, in dem ich leicht spirituell wachsen kann“, stimmt Mona zu. „Für die Lebensgrundlage ist gut gesorgt. Ich muss mich zum Beispiel nicht mit Einkaufen oder Kochen beschäftigen und habe dadurch mehr Zeit für intensives spirituelles Praktizieren.“ Was Jasmin besonders an Yoga Vidya schätzt: „Es ist, wie es ist: bunt, menschlich und authentisch.“ Mona resümiert: „Hier gibt es für mich alles: Alle(s) unter einem Dach“.

 


Den Artikel kannst du auch in der Print-Version gerne hier nachlesen: Welt der Spiritualität

Mehr von der Autorin Zoë Aschenbach auf ihrer Homepage: Himmlisch leben

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