16-00 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 16. Kapitel Anfangsvers: Unterscheidung zwischen der Göttlichkeit
Bhagavad Gita, 16. Kapitel Anfangsvers: Unterscheidung zwischen der Göttlichkeit
śrībhagavānuvāca
abhayaṃ sattvasaṃśuddhir
jñānayogavyavasthitiḥ
dānaṃ damaśca yajñaśca
svādhyāyastapa ārjavam
śrī-bhagavān – der Erhabene
uvāca – sprach
abhayam – Furchtlosigkeit
sattva-saṃśuddhiḥ – Reinheit (saṃśuddhi) des Geistes (sattva)
jñāna-yoga-vyavasthitiḥ – Beständigkeit (vyavasthiti) in der Erkenntnis (jñāna) und im Yoga
dānam – Almosengeben
damaḥ – Selbstbeherrschung
ca – und
yajñaḥ – Opfer
ca – und
sva-adhyāyaḥ – Selbststudium (d.h. der heiligen Schriften)
tapaḥ – Askese
ārjavam – Aufrichtigkeit
Abhaya – Furchtlosigkeit. Mut zu entwickeln ist eine der ersten wichtigen Eigenschaften. Auf dem spirituellen Weg brauchen wir Mut in verschiedener Hinsicht.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 1. Vers: Das, was Göttlichkeit entwickelt
ahiṃsā satyamakrodhas
tyāgaḥ śāntirapaiśunam
dayā bhūteṣvaloluptvaṃ
mārdavaṃ hrīracāpalam
ahiṃsā – Gewaltlosigkeit
satyam – Wahrhaftigkeit
akrodhaḥ – Fehlen von Zorn („Nicht-Zorn“)
tyāgaḥ – Entsagung
śāntiḥ – Friedfertigkeit
apaiśunam – Nicht-Verleumdung
dayā – Mitgefühl
bhūteṣu – in Bezug auf (alle) Wesen
aloluptvam – Begierdelosigkeit
mārdavam – Milde
hrīḥ – Bescheidenheit
acāpalam – Fehlen von Wankelmut
Ahimsa – Nichtverletzen, niemand Harm zufügen
Satyam – Wahrhaftigkeit
Akrodha – „Zornlosigkeit“, Überwindung von Zorn
Tyagah- Entsagung
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 2. Vers: Jahresübung der göttlichen Eigenschaften
tejaḥ kṣamā dhṛtiḥ śaucam
adroho nātimānitā
bhavanti saṃpadaṃ daivīm
abhijātasya bhārata
tejaḥ – Kraft
kṣamā – Versöhnlichkeit
dhṛtiḥ – Standhaftigkeit
śaucam – Reinheit
adrohaḥ – Fehlen von Feindseligkeit
na-atimānitā – Fehlen von Stolz
bhavanti – (diese Eigenschaften) gehören
saṃpadam – Geschick
daivīm – zu göttlichem
abhijātasya – einem, der geboren ist
bhārata – oh Nachkomme des Bharata (Arjuna)
Tejas – hier übersetzt als Stärke, umfasst mehr als nur Stärke: Strahlen, Feuer, Enthusiasmus
Kshama – Versöhnlichkeit
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 3. Vers: Jeder ist für den göttlichen Zustand geboren
dambho darpo ’bhimānaśca
krodhaḥ pāruṣyameva ca
ajñānaṁ cābhijātasya
pārtha saṃpadamāsurīm
dambhaḥ – Heuchelei
darpaḥ – Überheblichkeit
abhimānaḥ – Eigendünkel
ca – und
krodhaḥ – Zorn
pāruṣyam – Grobheit
eva – wahrlich
ca – und
ajñānam – Unwissenheit
ca – und
abhijātasya – (gehören) einem, der geboren ist
pārtha – oh Sohn Pṛthās (Arjuna)
saṃpadam – Geschick
āsurīm – zu dämonischem
Die Übersetzung „für einen dämonischen Zustand geboren“ ist etwas irreführend. Das klingt, als sei jemand so geboren und würde auf ewig so bleiben.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 4. Vers: Unreine Tendenzen des Menschen
daivī saṃpadvimokṣāya
nibandhāyāsurī matā
mā śucaḥ saṃpadaṃ daivīm
abhijāto ’si pāṇḍava
daivī – göttliches
saṃpat – Geschick
vimokṣāya – als der Erlösung (förderlich)
nibandhāya – als der Bindung (förderlich)
āsurī – dämonisches
matā – wird betrachtet
mā – nicht
śucaḥ – sorge dich
saṃpadam – Geschick
daivīm – zu göttlichem
abhijātaḥ – geboren
asi – (du) bist
pāṇḍava – oh Sohn des Pāṇḍu (Arjuna)
Wenn man die obige Aufzählung der Daiva- und Asura-Sampati hört, wird man leicht demotiviert. Spirituelle Aspiranten sind ja meist eher selbstkritisch und so stellt man vielleicht fest: „Ärger liegt mir eher als Gleichmut in allen Lebenssituationen. Unwissenheit habe ich mehr als ständiges Wissen. Heucheln tue ich ab und zu auch und reine Wahrhaftigkeit gelingt mir auch nicht immer.“
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 5. Vers: Du bist mit göttlichen Eigenschaften geboren
dvau bhūtasargau loke ’smin
daiva āsura eva ca
daivo vistaraśaḥ prokta
āsuraṃ pārtha me śṛṇu
dvau – (es gibt) zwei
bhūta-sargau – Arten (sarga „Natur“) von Lebewesen (bhūta)
loke – Welt
asmin – in dieser
daivaḥ – die göttliche
āsuraḥ – die dämonische
eva – wahrlich
ca – und
daivaḥ – die dämonische (Art)
vistaraśaḥ – ausführlich
proktaḥ – wurde beschrieben
āsuram – über die dämonische (Art)
pārtha – oh Sohn Pṛthās (Arjuna)
me – von mir
śṛṇu – höre
“Es gibt zwei Arten von Wesen“ möchte ich statt wörtlich lieber im übertragenen Sinne verstehen: Menschliche Wesen haben zwei Seiten in sich. Die eine Seite kann einen erheben, die andere nach unten führen, und die nach unten ziehenden Tendenzen gilt es zu transformieren.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 6. Vers: Kenntnis von Ungutem hilft, uns davor zu schützen
pravṛttiṃ ca nivṛttiṃ ca
janā na vidurāsurāḥ
na śaucaṃ nāpi cācāro
na satyaṃ teṣu vidyate
pravṛttim – (aktive) Hinwendung (zur Welt)
ca – und
nivṛttim – Abkehr (von der Welt)
ca – und
janāḥ – Geschöpfe
na – nicht
viduḥ – kennen
āsurāḥ – die dämonischen
na – nicht
śaucam – Reinheit
na – nicht
api – auch
ca – und
ācāraḥ – rechter Wandel
na – nicht
satyam – Wahrheit
teṣu – bei ihnen
vidyate – findet sich
Krishna bezeichnet in diesem Vers eine gewisse ethische Beliebigkeit als „dämonisch“.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 7. Vers: Es gibt keine Wahrheit ohne Ethik
asatyamapratiṣṭhaṃ te
jagadāhuranīśvaram
aparasparasaṃbhūtaṃ
kimanyatkāmahaitukam
asatyam – ohne Wahrheit
apratiṣṭham – ohne Grundlage
te – sie
jagat – die Welt (sei)
āhuḥ – sagen
anīśvaram – ohne (göttlichen) Herrn
aparas-para-saṃbhūtam – aus (geschlechtlicher) Vereinigung (aparas-para „einer aus dem anderen“) entstanden (saṃbhūta)
kim – was
anyat – anders
kāma-haitukam – als Lust (kāma) sei (ihre) Ursache (haituka)
Hier bezeichnet Krishna eine rein materialistische Lebenseinstellung – wie sie in unserer Zeit und Kultur vorherrschend ist – als „dämonisch“. Die rein hedonistische Lebenseinstellung, alles sei nur aus Biologie und Evolution entstanden und es gebe keine höhere Wirklichkeit hilft einem nicht zur Befreiung.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 8. Vers: Wahrheit ist die Grundlage des Universums
etāṃ dṛṣṭimavaṣṭabhya
naṣṭātmāno ’lpabuddhayaḥ
prabhavantyugrakarmāṇaḥ
kṣayāya jagato ’hitāḥ
etām – an dieser
dṛṣṭim – Sichtweise
avaṣṭabhya – indem sie festhalten
naṣṭa-ātmānaḥ – deren Seelen (ātman) verloren (naṣṭa) sind
alpa-buddhayaḥ – deren Verstand (buddhi) gering (alpa) ist
prabhavanti – dienen sie
ugra-karmāṇaḥ – deren Taten (karman) grausam (ugra) sind
kṣayāya – der Zerstörung
jagataḥ – der Welt
ahitāḥ – (als) Feinde
Glücklicherweise hat sich diese Befürchtung von Krishna nicht ganz bewahrheitet. Ethik scheint tiefer im Menschen verankert zu sein, als Krishna es hier annimmt.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 9. Vers: Verdrehter Verstand zerstört das Gute in der Welt
kāmamāśritya duṣpūraṃ
dambhamānamadānvitāḥ
mohādgṛhītvāsadgrāhān
pravartante ’śucivratāḥ
kāmam – Begierde
āśritya – indem sie Zuflucht genommen haben
duṣpūram – zu unstillbarer
dambha-māna-mada-anvitāḥ – begleitet (anvita) von Heuchelei (dambha), Stolz (māna) und Überheblichkeit (mada)
mohāt – aus Verblendung
gṛhītvā – indem sie angenommen haben
asat-grāhān – schlechte (asat „ungute“) Vorstellungen (grāha)
pravartante – handeln sie
aśuci-vratāḥ – deren Gelübde (vrata) unrein (aśuci) sind
„Dämonische“ Eigenschaften, die wir in uns wiederfinden können, sind alle möglichen Wünsche: Ich will dies, ich will jenes, und das auch noch. Dafür nehmen manche Menschen Lügen in Kauf und wenn sie erreicht haben, egal mit welchen Mitteln, sind sie stolz darauf und werden überheblich.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 10. Vers: Verblendung führt zu Täuschung
cintāmaparimeyāṃ ca
pralayāntāmupāśritāḥ
kāmopabhogaparamā
etāvaditi niścitāḥ
cintām – Sorge
aparimeyām – unermessliche
ca – und
pralaya-antām – die erst im Tod (pralaya) endet (anta)
upāśritāḥ – sie ertragen („überlassen sich“)
kāma-upabhoga-paramāḥ – ihr Höchstes (parama) ist der Genuss (upabhoga) von Lust (kāma)
etāvat – soviel (gibt es und nichts weiter)
iti – so
niścitāḥ – sind sie überzeugt
Menschen nehmen so viel auf sich, um reicher zu werden, ein größeres Haus zu haben, berühmt zu werden, schön auszusehen, usw. Letztlich endet alles mit dem Tod.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 11. Vers: Dumme Menschen sehen Lust als ihr höchstes Ziel
āśāpāśaśatairbaddhāḥ
kāmakrodhaparāyaṇāḥ
īhante kāmabhogārtham
anyāyenārthasaṃcayān
āśā-pāśa-śataiḥ – von Hunderten (śata) Fesseln (pāśa) der Erwartungen (āśā)
baddhāḥ – gebunden
kāma-krodha-para-ayaṇāḥ – hingegeben (para-ayaṇa „als Hauptbeschäftigung habend“) an Lust (kāma) und Zorn (krodha)
īhante – erstreben sie
kāma-bhoga-artham – mit dem Ziel (artha) des Lustgenusses (kāma-bhoga)
anyāyena – unrechtsmäßig
artha-saṃcayān – die Anhäufung (saṃcaya) von Reichtum (artha)
Hier spricht er von Menschen, die um jeden Preis reich werden, Macht und alle möglichen Vergnügungen haben wollen und für die Erfüllung ihrer Wünsche unethisch und rücksichtslos vorgehen.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 12. Vers: Ungute sind durch Habgier und Zorn gefesselt
idamadya mayā labdham
imaṃ prāpsye manoratham
idamastīdamapi me
bhaviṣyati punardhanam
idam – dies
adya – heute
mayā – von mir
labdham – wurde erlangt
imam – diesen
prāpsye – werde ich mir erfüllen („erreichen“)
manaḥ-ratham – Wunsch („Geist-Wagen“)
idam – dies
asti – gehört („ist“)
idam – dieser
api – auch
me – mir
bhaviṣyati – wird gehören („sein“)
punaḥ – noch
dhanam – Reichtum
Stolz zu sein auf das, was man erreicht hat und noch mehr zu wollen – diese Einstellung haben vermutlich recht viele Menschen. Besonders tragisch ist es, wenn jemand sein ganzes Lebensziel und seinen ganzen Lebensinhalt auf die Anhäufung äußerer Dinge ausrichtet.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 13. Vers: Abwege durch Überheblichkeit
asau mayā hataḥ śatrur
haniṣye cāparānapi
īśvaro ’hamahaṃ bhogī
siddho ’haṃ balavānsukhī
asau – dieser
mayā – von mir
hataḥ – wurde erschlagen
śatruḥ – Feind
haniṣye – ich werde erschlagen
ca – und
aparān – die anderen
api – auch
īśvaraḥ – der Herr
aham – ich (bin)
aham – ich (bin)
bhogī – der Genießer
siddhaḥ – vollkommen
aham – ich (bin)
balavān – mächtig
sukhī – glücklich
Hier ist ein gewisses Konkurrenzdenken angesprochen, das Bestreben oder die Vorstellung, besser zu sein als andere.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 14. Vers: Menschen von eitlen Vorstellungen
āḍhyo ’bhijanavānasmi
ko ’nyo ’sti sadṛśo mayā
yakṣye dāsyāmi modiṣya
ityajñānavimohitāḥ
āḍhyaḥ – reich
abhijanavān – von edler Geburt
asmi – (ich) bin
kaḥ – welcher
anyaḥ – andere
asti – ist
sadṛśaḥ – gleich
mayā – mir („mit mir“)
yakṣye – ich werde opfern
dāsyāmi – ich werde (Almosen) geben
modiṣye – ich werde Freude haben
iti – so (sprechen)
ajñāna-vimohitāḥ – die durch Unwissenheit (ajñāna) Verblendeten (vimohita)
Hier geht es um den Dünkel von Familie, sozialer Schicht, gesellschaftlicher Stellung usw. und die Vorstellung, deshalb besser zu sein als andere. Oder die Einstellung, sich nicht mit dem „gemeinen Volk“ abgeben zu wollen. Vermutlich ist das heute etwas weniger geworden, in Deutschland aber durchaus noch verbreiteter als man denkt. Deutschland ist eine relativ undurchlässige Gesellschaft. In den Chefetagen großer Firmen sind fast nur Leute, die aus der höheren Gesellschaftsschicht kommen.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 15. Vers: Ergötze dich nicht an deiner Güte
anekacittavibhrāntā
mohajālasamāvṛtāḥ
prasaktāḥ kāmabhogeṣu
patanti narake.aśucau
aneka-citta-vibhrāntāḥ – von vielerlei (aneka) Absichten (citta) verwirrt (vibhrānta)
moha-jāla-samāvṛtāḥ – umhüllt (samāvṛta) vom Netz (jāla) der Täuschung (moha)
prasaktāḥ – versessen
kāma-bhogeṣu – auf die Lustgenüsse
patanti – stürzen sie
narake – Hölle
aśucau – in eine schmutzige („unreine“)
Sinnesbefriedigung allein macht nicht glücklich, Geld allein macht nicht glücklich, Macht allein macht nicht glücklich. Alles auf dieser materiellen Ebene macht auf Dauer nicht glücklich, wird man irgendwann feststellen – und das ist dann die „Hölle“.
Bhagavad Gita, 16. Kapitel 16. Vers: Fallstricke der Täuschung
ātmasaṃbhāvitāḥ stabdhā
dhanamānamadānvitāḥ
yajante nāmayajñaiste
dambhenāvidhipūrvakam
ātma-saṃbhāvitāḥ – dünkelhaft („sich selbst ehrend“)
stabdhāḥ – stur
dhana-māna-mada-anvitāḥ – begleitet (anvita) vom Rausch (mada) des Reichtums (dhana) und des Stolzes (māna)
yajante – opfern
nāma-yajñaiḥ – mit nominellen (nāma „dem Namen nach“) Opfern (yajña)
te – sie
dambhena – mit Heuchelei
avidhi-pūrvakam – ohne die Vorschriften zu beachten („Nichtregeln voraussetzend“)