06. Kapitel
अनाश्रितः कर्मफलं कार्यं कर्म करोति यः |
06-01 sri-bhagavan uvaca anasritah karma-phalam karyam karma karoti yah sa sannyasi ca yogi ca na niragnir na cakriyah
śrībhagavānuvāca
anāśritaḥ karmaphalaṃ
kāryaṃ karma karoti yaḥ
sa saṃnyāsī ca yogī ca
na niragnirna cākriyaḥ
06-01 Wort-für-Wort Übersetzung
śrī-bhagavān – der Erhabene
uvāca – sprach
anāśritaḥ – ohne zu hängen
karma-phalam – an den Früchten (phala) seiner Handlungen (karma)
kāryam – die getan werden muss
karma – eine Handlung
karoti – ausführt
yaḥ – wer
saḥ – der
saṃnyāsī – (ist) ein Entsagender
ca – und
yogī – ein Yogi
ca – und
na – nicht
niragniḥ – einer ohne Opferfeuer (agni)
na – nicht
ca – und
akriyaḥ – einer ohne Opferhandlungen (kriyā)
06-01 Kommentar Sukadev
Ein indischer „Hausvater/Hausmutter“ (englisch „Householder“) hatte im alten Indien die Aufgabe Yajnas auszuführen und auch das Herdfeuer zu unterhalten, also zu kochen. Er ist also jemand „mit Feuer“. Ein Sannyasin, Entsagter, im wörtlichen Sinn, führt keine Rituale aus und kocht auch nicht selbst. Er ist also jemand, der „ohne Feuer“ ist.
06-01 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 1. Vers: Sei enthusiastisch im Alltag
06-02 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 2. Vers
यं संन्यासमिति प्राहुर्योगं तं विद्धि पाण्डव |
न ह्यसंन्यस्तसङ्कल्पो योगी भवति कश्चन || ६ २ ||
06-02 yam sannyasam iti prahur yogam tam viddhi pandava na hy asannyasta-sankalpo yogi bhavati kascana
yaṃ saṃnyāsamiti prāhuryogaṃ taṃ viddhi pāṇḍava
na hyasaṃnyastasaṅkalpo yogī bhavati kaścana
06-02 Wort-für-Wort Übersetzung
yam – was
saṃnyāsam – Entsagung
iti – so
prāhuḥ – man nennt
yogam – als Yoga
tam – das
viddhi – erkenne
pāṇḍava – oh Sohn Pāṇḍus (Arjuna)
na – nicht
hi – denn
asaṃnyasta-saṅkalpaḥ – der den Gedanken/Absichten (saṅkalpa) nicht entsagt hat (asaṃnyasta)
yogī – ein Yogi
bhavati – wird
kaścana – irgend jemand
06-02 Kommentar Sukadev
Yoga ist auch Entsagung. Vorallem die innere Entsagung ist dabei entscheidend.
06-02 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 2. Vers: Handeln und Entsagen hängen zusammen. Lass deine Gedanken los
06-03 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 3. Vers
आरुरुक्षोर्मुनेर्योगं कर्म कारणमुच्यते |
योगारूढस्य तस्यैव शमः कारणमुच्यते || ६ ३ ||
06-03 aruruksor muner yogam karma karanam ucyate yogarudhasya tasyaiva samah karanam ucyate
ārurukṣormuneryogaṃ karma kāraṇamucyate
yogārūḍhasya tasyaiva śamaḥ kāraṇamucyate
06-03 Wort-für-Wort Übersetzung
ārurukṣoḥ – der zu erreichen („zu erklimmen“) wünscht
muneḥ – für den Weisen
yogam – den Yoga
karma – Handeln
kāraṇam – als Weg („Mittel, Methode“)
ucyate – wird genannt
yoga-ārūḍhasya – der Yoga erreicht („erklommen“) hat
tasya eva – für eben diesen (Weisen)
śamaḥ – Nichthandeln („Ruhe“)
kāraṇam – als Weg
ucyate – wird genannt
06-03 Kommentar Sukadev
Zum spirituellen Leben gehören zwei Aspekte: (1) die spirituelle Praxis (Sadhana) im engeren Sinne (Meditation, Asanas, Pranayama, Studium der Schriften, Mantra-Singen etc.); dies kann man als „Nichthandeln“ bezeichnen. (2) die Spiritualisierung des Alltags, also die Handlungen des täglichen Lebens.
06-03 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 3. Vers: Sehe die Dinge von einem neuen Standpunkt oder Handeln und Entsagung hängen zusammen
06-04 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 4. Vers
यदा हि नेन्द्रियार्थेषु न कर्मस्वनुषज्जते |
सर्वसङ्कल्पसंन्यासी योगारूढस्तदोच्यते || ६ ४ ||
06-04 yada hi nendriyarthesu na karmasv anusajjate sarva-sankalpa-sannyasi yogarudhas tadocyate
yadā hi nendriyārtheṣu
na karmasvanuṣajjate
sarvasaṅkalpasaṃnyāsī
yogārūḍhastadocyate
06-04 Wort-für-Wort Übersetzung
yadā – wenn
hi – denn
na – weder
indriya-artheṣu – an den Sinnesobjekten
na – noch
karmasu – an den Handlungen
anuṣajjate – (ein Mensch) hängt
sarva-saṅkalpa-saṃnyāsī – ein Entsager (saṃnyāsin) aller (sarva) Gedanken/Absichten (saṅkalpa)
yoga-ārūḍhaḥ – einer, der Yoga erreicht („erklommen“) hat
tadā – dann
ucyate – wird er genannt
06-04 Kommentar Sukadev
Wenn uns also der Alltag nicht mehr stört, wenn wir ein zufriedenes Leben führen können, dann ist es an der Zeit, die Praxis zu intensivieren. Wenn ein Mensch Yoga in diesem Sinne erreicht hat, dann ist es gut, mal eine längere Zeit zu schweigen und hauptsächlich zu meditieren. Solange ein Mensch aber noch an diversen Sinnesobjekten hängt und Gedanken hegt, ist es gut weiter zu handeln.
06-04 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 4. Vers: Vollkommenheit im Yoga
06-05 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 5. Vers
उद्धरेदात्मनात्मानं नात्मानमवसादयेत् |
आत्मैव ह्यात्मनो बन्धुरात्मैव रिपुरात्मनः || ६ ५ ||
06-05 uddhared atmanatmanam natmanam avasadayet atmaiva hy atmano bandhur atmaiva ripur atmanah
uddharedātmanātmānaṃ nātmānamavasādayet
ātmaiva hyātmano bandhurātmaiva ripurātmanaḥ
06-05 Wort-für-Wort Übersetzung
uddharet – man möge erheben
ātmanā – durch das Selbst
ātmānam – sich selbst
na – nicht
ātmānam – sich selbst
avasādayet – man möge erniedrigen
ātmā – das Selbst
eva – nur, allein
hi – denn
ātmanaḥ – (ist) der eigene
bandhuḥ – Freund
ātmā – das Selbst
eva – nur, allein
ripuḥ – Feind
ātmanaḥ – (ist) der eigene
06-05 Kommentar Sukadev
Krishna verwendet hier den Ausdruck „Atma“. Atma heißt „Selbst“. Im Philosophiesystem des Vedanta ist Atma „die universelle Seele“, Satchidananda, reines Bewusstsein, unberührt von Körper, Emotionen und Denken. Die meisten Leser sind mit dieser Bedeutung vertraut.
06-05 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 5. Vers: Sei dein eigener Freund
06-06 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 6. Vers
बन्धुरात्मात्मनस्तस्य येनात्मैवात्मना जितः |
अनात्मनस्तु शत्रुत्वे वर्तेतात्मैव शत्रुवत् || ६ ६ ||
06-06 bandhur atmatmanas tasya yenatmaivatmana jitah anatmanas tu satrutve vartetatmaiva satru-vat
bandhurātmātmanastasya
yenātmaivātmanā jitaḥ
anātmanastu śatrutve
vartetātmaiva śatruvat
06-06 Wort-für-Wort Übersetzung
bandhuḥ – (ist) ein Freund
ātmā – das Selbst
ātmanaḥ – eigener („des Selbst, sich selbst“)
tasya – für denjenigen
yena – durch den
ātmā – das Selbst
eva – wahrlich
ātmanā – durch das Selbst
jitaḥ – bezwungen („besiegt“) wurde
anātmanaḥ – für denjenigen, der sich nicht selbst überwunden hat („der sein Selbst nicht besitzt“)
tu – aber
śatrutve – weil (zwischen ihm und dem Selbst) Feindschaft besteht
varteta – verhält sich
ātmā – das Selbst
eva – eben
śatruvat – wie ein Feind (śatru)
06-06 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 6. Vers: Selbstbeherrschung führt zu Liebe und Freude
06-07 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 7. Vers
जितात्मनः प्रशान्तस्य परमात्मा समाहितः |
शीतोष्णसुखदुःखेषु तथा मानापमानयोः || ६ ७ ||
06-07 jitatmanah prashantasya paramatma samahitah sitosna-sukha-duhkhesu tatha manapamanayoh
jitātmanaḥ praśāntasya
paramātmā samāhitaḥ
śītoṣṇasukhaduḥkheṣu
tathā mānāpamānayoḥ
06-07 Wort-für-Wort Übersetzung
jita-ātmanaḥ – der sich selbst (ātman) bezwungen (jita) hat
praśāntasya – des friedvollen (Menschen)
parama-ātmā – das höchste Selbst
samāhitaḥ – (bleibt) gesammelt, ruhig
śīta-uṣṇa-sukha-duḥkheṣu – bei Hitze (uṣṇa), Kälte (śīta), Freude (sukha) und Schmerz (duḥkha)
tathā – ebenso
māna-apamānayoḥ – bei Ehre und Schmach
06-07 Kommentar Sukadev
Das ist eines der grundlegenden Themen in der Bhagavad Gita, die Krishna immer wieder anspricht. Im vorigen Vers hat Krishna gesagt: “Der Mensch möge durch das Selbst nur erhoben werden, er erniedrige sich selbst nicht. Denn allein das Selbst ist sein Freund, und allein das Selbst ist sein Feind.” Wir selbst sind uns also Freund und Feind und wir sollten lernen, uns freundlich gegenüber zu stehen. Und natürlich sollten wir unsere Unterscheidungskraft nutzen, das zu tun, was für uns hilfreich und gut ist. Aber wie wir allewissen, ist das alles nicht so einfach. Ich vermute, der ein oder andere macht ab und zu mal eine Dummheit und weiß vielleicht vorher schon, dass das nicht gut ausgehen kann. Oft macht man es dann nicht, aber manchmal trotzdem. Dann sagt Krishna aber weiter, dass das höchste Selbst immer gleich bleibt. Auch wenn wir mal eine Dummheit gemacht haben, egal ob das Resultat der Dummheit Vergnügen oder Schmerz ist, egal ob das Resultat der Dummheit Ehre oder Schmach ist, ob wir durch Hitze oder Kälte gehen – das Selbst bleibt gleich. Damit empfiehlt uns Krishna, dass wir das Ganze ein bisschen gleichmütiger sehen sollten. Wir sollten zwar daran arbeiten, dass wir uns geschickt verhalten und dass wir gut lernen, mit unserer Psyche umzugehen. Aber bei allem, was wir auf der relativen Ebene tun, sollten wir immer im Hinterkopf behalten, dass das höchste Selbst immer gleich bleibt, egal was passiert. “Paramatma” ist das höchste Selbst. “Samahitah” heißt “stets im Gleichmut”. Und aus diesem Bewusstsein heraus, dass, was auch immer geschieht, wir das höchste Selbst bleiben, Sein, Wissen und Glückseeligkeit bleiben, können wir an die ganze Sache mit mehr Gleichmut und vielleicht auch mehr Humor heran gehen. Das höchste Selbst, Paramatman bleibt gleich, egal was wir tun. Aus Paramatman heraus sind wir selbstbeherrscht und friedvoll. Das kann uns einen gewissen Trost geben. Egal, was wir gemacht haben und egal, was wir erlebt haben, wir bleiben immer noch Paramatman, ewig unberührt – so wie es Krishna im 2. Kapitel schon mal in einigen wunderschönen Versen ausgedrückt hat.
06-07 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 7. Vers: Gehe jenseits der Dualitäten
06-08 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 8. Vers
ज्ञानविज्ञानतृप्तात्मा कूटस्थो विजितेन्द्रियः |
युक्त इत्युच्यते योगी समलोष्टाश्मकांचनः || ६ ८ ||
06-08 jnana-vijnana-trptatma kuta-stho vijitendriyah yukta ity ucyate yogi sama-lostrasma-kancanah
jñānavijñānatṛptātmā
kūṭastho vijitendriyaḥ
yukta ityucyate yogī
samaloṣṭāśmakāṃcanaḥ
06-08 Wort-für-Wort Übersetzung
jñāna-vijñāna-tṛpta-ātmā – dessen Selbst (ātman) durch intuitive Weisheit (jñāna) und unterscheidendes Wissen (vijñāna)
zufrieden (tṛpta) ist
kūṭa-sthaḥ – der unveränderlich ist („sich auf dem Gipfel (kūṭa) befindet)“
vijita-indriyaḥ – der die Sinne (indriya) bezwungen (vijita) hat
yuktaḥ – einer, der (mit Yoga) verbunden ist („der den Yoga erklommen hat“)
iti – so
ucyate – wird genannt
yogī – ein Yogi
sama-loṣṭa-aśma-kāṃcanaḥ – für den ein Erdklumpen (loṣṭa), ein Stein (aśman) oder Gold (kāñcana) gleich (sama) sind
06-08 Kommentar Sukadev
Swami Sivananda kommentiert diese Aussage, indem er sagt, dass man sagen kann, dieser Yogi hätte Nirvikalpa Samadhi erreicht. Er hat in der Erkenntnis und der Weisheit Zufriedenheit gefunden. Nicht die Zufriedenheit, die entsteht, wenn die äußeren Umstände gut und die Menschen zu uns freundlich sind. Sondern die Zufriedenheit, die aus unserem eigenen Selbst heraus kommt. Dann ist es uns egal, ob wir Gold bekommen oder ein Stück Stein oder einen Klumpen Erde. Es spielt keine Rolle. Gleichzeitig meint Krishna aber damit nicht, dass wir uns nicht bemühen sollten, in der Außenwelt zu helfen und zu dienen. Er selbst hat im 4. Kapitel gesagt: „Wann immer Adharma auf der Welt überhand nimmt, muss ich mich inkarnieren, um Dharma wieder herzustellen.“ Er hatte dann auch seine karmischen Aufgaben in der Welt zu erfüllen. Unsere Aufgabe ist es, uns immer wieder zu bemühen, unsere Sinne zu beherrschen.
06-08 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 8. Vers: Erkenntnis und Weisheit des Selbst
06-09 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 9. Vers
सुहृन्मित्रार्युदासीनमध्यस्थद्वेष्यबन्धुषु |
साधुष्वपि च पापेषु समबुद्धिर्विशिष्यते || ६ ९ ||
06-09 suhrn-mitrary-udasina- madhyastha-dvesya-bandhusu sadhusv api ca papesu sama-buddhir visisyate
suhṛnmitrāryudāsīnamadhyasthadveṣyabandhuṣu
sādhuṣvapi ca pāpeṣu samabuddhirviśiṣyate
06-09 Wort-für-Wort Übersetzung
suhṛt-mitra-ari-udāsīna-madhyastha-dveṣya-bandhuṣu – bei Freunden (suhṛt), Gefährten (mitra), Feinden (ari),
Gleichgültigen (udāsīna), Unparteiischen (madhyastha), Verhassten (dveṣya) und Verwandten (bandhu)
sādhuṣu – bei Rechtschaffenen
api – auch
ca – und
pāpeṣu – bei Sündern
sama-buddhiḥ – wer gleichen (sama) Sinnes (buddhi) ist
viśiṣyate – der zeichnet sich aus
06-09 Kommentar Sukadev
Krishna sagt nicht, dass man allegleich behandeln soll. Vielmehr sagt er: „Wer allen im gleichen Geiste begegnet, ist vortrefflich.“ In welchem Geist sollen wir ihnen begegnen? Im Geist der Liebe. Krishna gebraucht den Ausdruck „Liebe“ selten in der Bhagavad Gita. Doch verstehen können wir Krishnas Aussagen nur, wenn wir sie im Geist der Liebe sehen, wenn wir den Geist der Liebe in uns tragen. Krishna handelt in der gesamten Bhagavatam[1] aus Liebe heraus. Wann immer wir anderen begegnen, sollten wir das im Geist der Liebe und des Verständnisses tun. Aus Liebe heraus tun wir anderen Gutes und nehmen Wohltaten anderer an. Manchmal fällt Aspiranten letzteres schwerer: Sie haben Schwierigkeiten zuzulassen, dass andere ihnen gegenüber wohltätig sein, ihnen helfen möchten. Liebe heißt auch, dass wir anderen erlauben, uns gegenüber Wohltäter zu sein, Hilfe zu geben. Liebe heißt auch um Hilfe zu bitten. Ein Sprichwort besagt: „Geben ist seliger als Nehmen“. Also sollten wir dem anderen auch die Gelegenheit geben, etwas zu tun, was seliger ist. Für zufriedenstellende zwischenmenschliche Beziehungen ist es notwendig, anderen zu erlauben, uns etwas Gutes zu tun.
06-09 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 9. Vers: Begegne allen im Geist der Liebe
06-10 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 10. Vers
योगी युञ्जीत सततमात्मानं रहसि स्थितः |
एकाकी यतचित्तात्मा निराशीरपरिग्रहः || ६ १० ||
06-10 yogi yunjita satatam atmanam rahasi sthitah ekaki yata-cittatma nirasir aparigrahah
yogī yuñjīta satatamātmānaṃ rahasi sthitaḥ
ekākī yatacittātmā nirāśīraparigrahaḥ
06-10 Wort-für-Wort Übersetzung
yogī – ein Yogi
yuñjīta – möge ruhig halten, sammeln
satatam – stets
ātmānam – den Geist
rahasi – in der Einsamkeit
sthitaḥ – befindlich
ekākī – allein
yata-citta-ātmā – Geist (citta) und Körper (ātman) zügelnd (yata)
nirāśīḥ – ohne Hoffnung, Erwartung
aparigrahaḥ – ohne Besitzanspruch
06-10 Kommentar Sukadev
Ab dem zehnten Vers der Bhagavad Gita spricht Krishna über die Meditation. Er rät uns durch seine Worte jetzt nicht, in die Einsamkeit zu gehen. Er rät uns, wenn wir uns zur Meditation hinsetzen, zu sagen: „Jetzt bin ich alleine. Da mögen zehn Kinder um mich herum sein; da mögen 100 Arbeiten auf mich warten; ich werde mir bewusst machen, jetzt, während ich meditiere, bin ich allein. Ich habe in dem Moment, wo ich meditiere, keine Pflichten gegenüber meinen Kindern, meinem Hund, Ehepartner oder anderen. Ich bin allein mit Gott, verbunden mitallen Wesen.“
06-10 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 10. Vers: Meditiere regelmäßig
06-11 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 11. Vers
शुचौ देशे प्रतिष्ठाप्य स्थिरमासनमात्मनः |
नात्युच्छ्रितं नातिनीचं चैलाजिनकुशोत्तरम् || ६ ११ ||
06-11 sucau dese pratishthapya sthiram asanam atmanah naty-ucchritam nati-nicam cailajina-kusottaram
śucau deśe pratiṣṭhāpya
sthiramāsanamātmanaḥ
nātyucchritaṃ nātinīcaṃ
cailājinakuśottaram
06-11 Wort-für-Wort Übersetzung
śucau – an einem sauberen
deśe – Ort
pratiṣṭhāpya – bereitend
sthiram – einen festen
āsanam – Sitz
ātmanaḥ – für sich
na – weder
ati-ucchritam – zu hoch
na – noch
ati-nīcam – zu niedrig
caila-ajina-kuśa-uttaram – mit Kuśa-Gras, einem Fell (ajina) und einem Tuch (caila) obendrauf (uttara)
06-11 Kommentar Sukadev
Kusha-Gras soll eine angenehme Schwingung haben und dabei helfen, Insekten fernzuhalten. Die Kuhhaut, die darüber gelegt werden soll, stammt nicht von einer extra für die Meditation geschlachteten Kuh, sondern von einer Kuh, die natürlich verendet ist. Nach ihrem Tod wurden alle Teile verwendet. Diese Art des Meditationssitzes ist in Indien weit verbreitet, auf den Westen allerdings weniger gut anwendbar. Wir sollten heutzutage keine Kuhhaut für die Meditation nehmen, da die Tiere typischerweise nicht natürlich verenden, sondern geschlachtet werden und wir somit nur die Fleischindustrie unterstützen würden. Wir können im Westenallerdings auch darauf achten, dass unser Sitz weder zu hoch noch zu niedrig ist. Wenn wir ein Kissen haben, welches zu dick oder zu dünn ist, können wir nicht gut meditieren.
06-12 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 12. Vers
तत्रैकाग्रं मनः कृत्वा यतचित्तेन्द्रियक्रियाः |
उपविश्यासने युञ्ज्याद्योगमात्मविशुद्धये || ६ १२ ||
06-12 tatraikagram manah kritva yata-cittendriya-kriyah upavisyasane yunjyad yogam atma-vishuddhaye
tatraikāgraṃ manaḥ kṛtvā yatacittendriyakriyāḥ
upaviśyāsane yuñjyādyogamātmaviśuddhaye
06-12 Wort-für-Wort Übersetzung
tatra – dort
eka-agram – auf einen Punkt konzentriert („einspitzig“)
manaḥ – den Geist
kṛtvā – haltend („machend“)
yata-citta-indriya-kriyāḥ – die Aktivitäten (kriyā) von Geist (citta) und Sinnen (indriya) beherrschend (yata)
upaviśya – sich niedersetzend
āsane – auf den Sitz
yuñjyāt – möge er üben
yogam – Yoga
ātma-viśuddhaye – für die Reinigung (viśuddhi) seiner selbst (ātman)
06-12 Kommentar Sukadev
06-12 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 12. Vers: „Übe Yoga, um dich selbst zu reinigen.“
06-13 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 13. Vers
समं कायशिरोग्रीवं धारयन्नचलं स्थिरः |
संप्रेक्ष्य नासिकाग्रं स्वं दिशश्चानवलोकयन् || ६ १३ ||
06-13 samam kaya-siro-grivam dharayann acalam sthirah sampreksya nasikagram svam disas canavalokayan
samaṃ kāyaśirogrīvaṃ
dhārayannacalaṃ sthiraḥ
saṃprekṣya nāsikāgraṃ svaṃ
diśaścānavalokayan
06-13 Wort-für-Wort Übersetzung
samam – gerade, aufrecht
kāya-śiraḥ-grīvam – Körper (kāya), Kopf (śiras) und Hals (grīva)
dhārayan – haltend
acalam – unbewegt
sthiraḥ – ruhig, fest
saṃprekṣya – blickend
nāsikā-agram – auf die Nasenspitze
svam – eigene
diśaḥ – in der Gegend („in die Himmelsrichtungen“)
ca – und
anavalokayan – nicht herumschauend
06-13 Kommentar Sukadev
Wenn du dich für die Meditation hingesetzt hast, bewege dich nicht mehr. Normalerweise meditiert man mit geschlossenen Augen. Krishna empfiehlt hier, die Augen offen zu halten und zur Nasenspitze zu schauen. Diese Art des Blicks (Nasagrai Drishti) hilft, den Geist zu beruhigen. Blicken auf den Punkt zwischen den Augenbrauen (Brumadya Drishti) energetisiert, erhebt und öffnet das dritte Auge. Beide Blickrichtungen aktivieren die Mondenergie (Chandra Prana) und fördern innere Harmonie. Überfordere deine Augen nicht, wenn du mit offenen Augen zur Nasenspitze blicken willst. Wenn du so üben willst, dann steigere die Dauer schrittweise: Während der ersten Woche schaue 30 Sekunden lang auf die Nasenspitze, dann entspanne den Blick 1-2 Minuten lang. Wiederhole das 3 Mal. Während der zweiten Woche kannst du dann 1 Minute lang zur Nasenspitze hin schauen, während der dritten Woche 2 Minuten etc. Zum Ausgleich von Nasagrai Drishti übe andere Augenübungen, die du bei guten Yogalehrern lernen kannst.
06-13 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 13. Vers: Sitze ruhig in der Meditation
06-14 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 14. Vers
प्रशान्तात्मा विगतभीर्ब्रह्मचारिव्रते स्थितः |
मनः संयम्य मच्चित्तो युक्त आसीत मत्परः || ६ १४ ||
06-14 prashantatma vigata-bhir brahmacari-vrate sthitah manah samyamya mac-citto yukta asita mat-parah
praśāntātmā vigatabhīrbrahmacārivrate sthitaḥ
manaḥ saṃyamya maccitto yukta āsīta matparaḥ
06-14 Wort-für-Wort Übersetzung
praśānta-ātmā – ruhig, friedlich
vigata-bhīḥ – ohne Furcht (bhī)
brahma-cāri-vrate – im Gelübde (vrata) des Brahmacārin
sthitaḥ – fest gegründet
manaḥ – den Geist
saṃyamya – beherrschend
mat-cittaḥ – das Denken (citta) auf mich (mat) gerichtet
yuktaḥ – (so Yoga) übend
āsīta – möge er sitzen
mat-paraḥ – mich (mat) als höchstes (para) Ziel habend
06-14 Kommentar Sukadev
Wenn du ruhig sitzt, mache dir bewusst: Meditation ist die wertvollste Zeit des Tages. Freue dich, dass du diese Zeit hast. Sei furchtlos: In der Meditation mögen Reinigungserfahrungen, Bewusstseinserweiterungserfahrungen, Energieerfahrungen kommen. Bleibe ruhig und vertrauensvoll. „Gelübde des Brahmachari“: Ein Brahmachari ist ein Schüler auf dem Weg zu Brahman. „Gelübde des Brahmachari“ heißt, dass man sich vorgenommen hat: „Ich will alles tun, um zu Brahman zu kommen. Ich bin auch bereit, auf einiges zu verzichten, um da hin zu kommen.[1]
06-14 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 14. Vers: Habe ein hohes Ziel
06-15 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 15. Vers
युञ्जन्नेवं सदात्मानं योगी नियतमानसः |
शान्तिं निर्वाणपरमां मत्संस्थामधिगच्छति || ६ १५ ||
06-15 yunjann evam sadatmanam yogi niyata-manasah shantim nirvana-paramam mat-samstham adhigacchati
yuñjannevaṃ sadātmānaṃ
yogī niyatamānasaḥ
śāntiṃ nirvāṇaparamāṃ
matsaṃsthāmadhigacchati
06-15 Wort-für-Wort Übersetzung
yuñjan – sammelnd
evam – auf diese Weise
sadā – stets
ātmānam – den Geist
yogī – der Yogi
niyata-mānasaḥ – dessen Denken (mānasa) beherrscht (niyata) ist
śāntim – den Frieden
nirvāṇa-paramām – der in Befreiung (nirvāṇa) besteht (parama)
mat-saṃsthām – der sich in mir (mat) befindet (saṃstha)
adhigacchati – erreicht
06-15 Kommentar Sukadev
Krishna verspricht dir: Wenn du so regelmäßig Meditation in Verbindung mit Karma Yoga im Alltag übst, wirst du das höchste Ziel des Lebens, nämlich die Befreiung, die Einheit mit Gott, den höchsten Frieden, erfahren.
06-15 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 15. Vers: Meditation führt zu Frieden und Befreiung
06-16 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 16. Vers
नात्यश्नतस्तु योगोऽस्ति न चैकान्तमनश्नतः |
न चातिस्वप्नशीलस्य जाग्रतो नैव चार्जुन || ६ १६ ||
06-16 naty-asnatas ’tu yogo ’sti na caikantam anasnatah na cati-svapna-silasya jagrato naiva carjuna
nātyaśnatastu yogo ’sti
na caikāntamanaśnataḥ
na cātisvapnaśīlasya
jāgrato naiva cārjuna
06-16 Wort-für-Wort Übersetzung
na – nicht
ati-aśnataḥ – für den, der zuviel isst
tu – doch
yogaḥ – Yoga
asti – ist
na – nicht
ca – auch
ekāntam – absolut
anaśnataḥ – für den, der nicht isst
na – nicht
ca – auch
ati-svapna-śīlasya – für den, der die Gewohnheit (śīlā) von zuviel (ati) Schlaf (svapna) hat
jāgrataḥ – für den, der (immer) wacht
na – nicht
eva – gewiss
ca – auch
arjuna – oh Arjuna
06-16 Kommentar Sukadev
Krishna empfiehlt den Mittelweg. Es ist leicht, in Extreme zu verfallen. Finde heraus, was du brauchst, wie du die Grundbedürfnisse sattvig (rein) befriedigen kannst, hänge aber nicht daran. Das gilt beim Essen, beim Schlafen, bei verschiedenen Formen der Regeneration etc. Jemand, der zuviel isst, lebt ungesund. Jemand, der zu wenig isst, wird entweder träge oder nervös. Die meisten Menschen brauchen 6-7 Stunden Schlaf, manche auch nur 5, wenige 8. Wenn du zu wenig schläfst, wirst du reizbar oder träge werden und schläfrig in der Meditation. Wenn du zu viel schläfst, versäumst du wertvolle Zeit, die du besser für Sadhana und Seva (Dienen) verwenden könntest. Außerdem senkt auch ein Übermaß an Schlaf die Lebensdauer und kann zu einer depressiven Stimmung führen.
06-16 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 6. Kapitel, 16. Vers: Gehe den Mittelweg
06-17 Devanagari Bhagavad Gita 6. Kapitel 17. Vers
युक्ताहारविहारस्य युक्तचेष्टस्य कर्मसु |
युक्तस्वप्नावबोधस्य योगो भवति दुःखहा || ६ १७ ||
06-17 yuktahara-viharasya yukta-cestasya karmasu yukta-svapnavabodhasya yogo bhavati duhkha-ha
yuktāhāravihārasya
yuktaceṣṭasya karmasu
yuktasvapnāvabodhasya
yogo bhavati duḥkhahā
06-17 Wort-für-Wort Übersetzung
yukta-āhāra-vihārasya – für den, dessen Nahrung (āhāra) und Erholung (vihāra „Spazierengehen“) mäßig (yukta) ist
yukta-ceṣṭasya – für den, dessen Bewegungen (ceṣṭā) mäßig sind
karmasu – bei (seinen) Verrichtungen
yukta-svapna-avabodhasya – für den, dessen Schlafen (svapna) und Wachen (avabodha) mäßig ist
yogaḥ – Yoga
bhavati – wird
duḥkha-hā – zum Zerstörer des Leidens (duḥkha)
06-17 Kommentar Sukadev
Interessanterweise spricht Krishna beim Mittelweg hauptsächlich die körperlichen Bedürfnisse an. Manche Kommentatoren der Bhagavad Gita beziehen das auch auf Sadhana und Seva und meinen, man müsse eine sehr gleichmäßige spirituelle Praxis haben, ohne zu übertreiben.