03-00 Kommentar 2 von Sukadev
Bhagavad Gita, 3. Kapitel: Der Yoga des Handelns
arjuna uvāca
jyāyasī cetkarmaṇaste
matā buddhirjanārdana
tatkiṃ karmaṇi ghore māṃ
niyojayasi keśava
arjunaḥ – Arjuna
uvāca – sprach
jyāyasī – besser
cet – wenn
karmaṇaḥ – als Handeln
te – dir
matā – erscheint
buddhiḥ – Einsicht, Vernunft
janārdana – oh Janārdana „Bedränger der Menschen“ (Kṛṣṇa)
tat – dann
kim – warum
karmaṇi – Handeln
ghore – zu furchtbarem
mām – mich
niyojayasi – drängst du
keśava – oh Keśava (Kṛṣṇa)
Arjuna sagt, dass das Wissen und die Wunschlosigkeit das Wichtigste sind und er fragt Krishna, warum er sich an einer solchen Handlung beteiligen soll.
vyāmiśreṇeva vākyena
buddhiṃ mohayasīva me
tadekaṃ vada niścitya
yena śreyo.ahamāpnuyām
vyāmiśreṇa – mit widersprüchlicher
iva – wie
vākyena – Rede
buddhim – den Verstand
mohayasi – du verwirrst
iva – gleichsam
me – mir
tat – das
ekam – eine
vada – sage
niścitya – mit Bestimmtheit
yena – womit
śreyaḥ – Seelenheil
aham – ich
āpnuyām – erlangen kann
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 2. Vers: Arjuna spricht zu Krishna
śrībhagavānuvāca
loke ’smindvi vidhā niṣṭhā
purā proktā mayānagha
jñānayogena sāṅkhyānāṃ
karmayogena yoginām
śrī-bhagavān – der Erhabene
uvāca – sprach
loke – Welt
asmin – in dieser
dvividhā – (gibt es) eine zweifache
niṣṭhā – Grundlage
purā – (bereits) früher
proktā – erwähnte
mayā – von mir
anagha – oh Unschuldiger (Arjuna)
jñāna-yogena – vermittels des Weges der Erkenntnis (jñāna)
sāṅkhyānāṃ – der empirischen Philosophen
karma-yogena – vermittels des Weges des Handelns (karma)
yoginām – der Yogis
Die Sankhyas folgen dem Jnana Yoga Weg. Die Yogis folgen dem Karma Yoga Weg. Nicht immer ist die Sache philosophisch ausreichend logisch stringent. Man kann sagen, dass es zwei Wege gibt: zum einen den Weg der Entsagung, welchen die Sankhyas beschreiten, sich zurückziehen vom Leben, wenig involviert sein und zum zweiten den Weg des Karma Yogis, dem Weg des Involviert seins.
Shri Krishna hat den Weg des Wissens der Sankhyas (Jñana Yoga) im 2. Kapitel beschrieben, in den Versen 11 bis 38; den Weg des Handelns (Karma Yoga) von 40 bis 53.
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 3. Vers: Zwei Wege zur Verwirklichung
na karmaṇāmanārambhān
naiṣkarmyaṃ puruṣo ’śnute
na ca saṃnyasanādeva
siddhiṃ samadhigacchati
na – nicht
karmaṇām – von Handlungen
anārambhāt – durch das Nichtbeginnen
naiṣkarmyam – Freiheit vom Handeln
puruṣaḥ – ein Mensch
aśnute – erreicht
na – nicht
ca – und
saṃnyasanāt – aufgrund von Entsagen
eva – bloßem
siddhim – zur Vollkommenheit
samadhigacchati – gelangt
Das Nichtausführen von Handlungen führt nicht zu Naiskarmya. In der deutschen Übersetzung dieses Verses wird das Wort Handlungslosigkeit gebraucht. Eine bessere Übersetzung wäre meines Erachtens „Freiheit von Karma“. Wir erreichen also nicht dadurch Freiheit von Karma, indem wir nicht handeln. Einfach nur durch Entsagung kommen wir ebenfalls nicht zur Vollkommenheit. Nehmen wir mal ein Beispiel, wo das Nichtausführen von Handlungen zu Karma führt. Angenommen wir gehen die Straße entlang und finden jemanden, der in seinem Blut liegt. Wenn wir einfach an ihm vorbeigehen und nichts tun, dann schaffen wir uns Karma.
Handlungslosigkeit (Naishkarmyam) und Vollkommenheit (Siddhi) sind Synonyma. Der Weise, der Vollkommenheit, den Zustand der Handlungslosigkeit, erlangt hat, ruht in seiner wahren eigentlichen Natur als absolutes Sein – absolutes Wissen – absolute Wonne (Satchidananda Svarupa). Für ihn gibt es weder die Notwendigkeit noch den Wunsch nach Handlung als Mittel zum Zweck. Er findet vollkommene Befriedigung im Selbst.
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 4. Vers: Freiheit von Karma
na hi kaścitkṣaṇamapi
jātu tiṣṭhatyakarmakṛt
kāryate hyavaśaḥ karma
sarvaḥ prakṛtijairguṇaiḥ
na – nicht
hi – denn
kaścit – irgend jemand
kṣaṇam – für einen Augenblick
api – auch
jātu – jemals
tiṣṭhati – bleibt
akarmakṛt – untätig
kāryate – wird veranlasst auszuführen
hi – denn
avaśaḥ – unwillkürlich
karma – Handlung
sarvaḥ – ein jeder
prakṛtijaiḥ – durch die aus der Natur (prakṛti) geborenen
guṇaiḥ – Eigenschaften
Als Menschen handeln wir ununterbrochen. Zum einen müssen wir essen. Zum anderen müssen wir auf die Toilette. In unseren Breiten brauchen wir Kleidung. Wir können nicht nachts auf der Straße leben. Zumindest bräuchten wir dafür einen Pappkarton und eine Decke darunter und darüber. Dafür müssen wir etwas tun. Die Natur treibt uns dazu. Aber die Natur treibt uns noch zu mehr an. Das entstammt dann aus unserer Prakriti. Wir wollen irgendetwas tun.
Es gibt drei Gunas (Eigenschaften der Natur), Sattva, Rajas und Tamas. Sattva ist Harmonie, Licht und Reinheit; Rajas ist Leidenschaft, Bewegung; Tamas ist Trägheit, Dunkelheit. Sattvige Handlungen helfen dem Menschen, Moksha zu erlangen. Rajasige und tamasige Handlungen binden den Menschen an Samsara.
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 5. Vers: In jedem Augenblick handeln wir
karmendriyāṇi saṃyamya
ya āste manasā smaran
indriyārthānvimūḍhātmā
mithyācāraḥ sa ucyate
karma-indriyāṇi – die Tatorgane
saṃyamya – beherrschend
yaḥ – wer
āste – dasitzt
manasā – mit dem Geist
smaran – denkend, sich erinnernd
indriya-arthān – an die Sinnesobjekte
vimūḍha-ātmā – verblendeter
mithyā-ācāraḥ – ein Heuchler
saḥ – der
ucyate – wird genannt
Diese Worte dürfen wir nicht wörtlich nehmen. Sonst müssten wir sagen, dass jeder, der meditiert, ein Heuchler ist, weil er ab und zu mal an Sinnesobjekte denkt. Wenn wir aber sehr viel meditieren und eigentlich nicht wirklich meditieren, sondern an alles mögliche denken, dann ist es besser, die Zeit der Meditation zu verkürzen und mehr selbstlosen Dienst zu machen. Und selbst wenn wir merken, dass wir durchaus stundenlang meditieren könnten, kann es immer noch sein, dass es mein Karma ist, das hervortritt. Swami Vishnu war jemand, der gerne viele Stunden meditiert hatte und in seinen späteren Lebensjahren hat er sich auch immer für ein paar Wochen oder Monate zurückgezogen. Allerdings hat er immer gemerkt, dass er dort nicht bleiben kann, sondern dass er wieder sein Karma erfüllen muss. Er hat uns auch erzählt, dass er in seinem vorherigen Leben vor seinen Pflichten davongelaufen wäre. Deshalb muss er in diesem Leben wieder zurückkommen und muss umso mehr und intensiver arbeiten und uns alles, was er uns in einem früheren Leben vorenthalten hätte, in diesem Leben geben. Erst wenn das alles abgearbeitet wäre, dann könnte er sich ganz zurückziehen.
Die fünf Handlungsorgane, Karma Indriyas, sind Vak (Sprechorgan), Pani (Hände), Padam (Füße), Upastha (Genitalien) und Guda (Anus). Sie stammen aus dem rajasigen Teil der fünf Tanmatras, der subtilen Elemente; Vak aus Akasha Tanmatra (Äther), Pani aus Vayu Tanmatra (Luft), Padam aus Agni Tanmatra (Feuer), Upastha aus Apas Tanmatra (Wasser) und Guda aus Prithvi Tanmatra (Erde). Der Mensch, der Handlungsorgane beherrscht, doch in seinem Geist Gedanken an Sinnesobjekte wälzt, während er sitzt, ist ein sündiger Mensch. Er täuscht sich selbst. Er ist ein wahrer Heuchler.
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 6. Vers: Täusche dich nicht selbst
yastvindriyāṇi manasā
niyamyārabhate.arjuna
karmendriyaiḥ karmayogam
asaktaḥ sa viśiṣyate
yaḥ – wer
tu – aber
indriyāṇi – die Sinne
manasā – mit dem Geist
niyamya – beherrschend
ārabhate – in Angriff nimmt
arjuna – oh Arjuna
karma-indriyaiḥ – mit den Tatorganen
karma-yogam – den Yoga der Handlung
asaktaḥ – ohne Anhaftung
saḥ – der
viśiṣyate – zeichnet sich aus
Es gibt einen Unterschied zwischen Karma und Karma Yoga. Karma sind Handlungen. Es ist auch das Gesetz von Ursache und Wirkung. Karma kann aber auch ein Ritual sein, das wir ausführen, um etwas Bestimmtes zu erreichen. Wir können aber auch Handlungen tun, um etwas Gutes zu bekommen. All das, ist verschieden vom Karma Yoga.
Wer mit den Handlungsorganen tätig ist (d.h. mit Händen, Füßen, Sprechorgan, usw.), die Wahrnehmungsorgane durch den Geist beherrscht, und wer für sein Tun keine Früchte erwartet und ohne Ichgedanken ist, ist sicherlich würdiger als der Heuchler, der sich falsch verhält. (Vgl. IV.21, II.64,68)
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 7. Vers: Spiritualität im Handeln
niyataṃ kuru karma tvaṃ
karma jyāyo hyakarmaṇaḥ
śarīrayātrāpi ca te
na prasiddhyedakarmaṇaḥ
niyatam – vorgeschriebenes
kuru – führe aus
karma – Handeln
tvam – du
karma – Handeln
jyāyaḥ – (ist) besser
hi – denn
akarmaṇaḥ – als Nichthandeln
śarīra-yātrā – die Erhaltung des Körpers (śarīra)
api – sogar
ca – und
te – dir
na – nicht
prasidhyet – würde gelingen
akarmaṇaḥ – durch Nichthandeln
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 8. Vers: Tue deine Pflicht
yajñārthātkarmaṇo ’nyatra
loko ’yaṃ karmabandhanaḥ
tadarthaṃ karma kaunteya
muktasaṅgaḥ samācara
yajña-arthāt – zum Zwecke des Opfers (yajña)
karmaṇaḥ – als bei Handeln
anyatra – in anderem Zusammenhang
lokaḥ – Welt
ayam – diese
karma-bandhanaḥ – hat aus Handeln (karma) bestehende Fesseln (bandhana)
tad-artham – zu diesem Zwecke
karma – Handlung
kaunteya – oh Sohn Kuntīs (Arjuna)
mukta-saṅgaḥ – frei von Anhaftung (saṅga)
samācara – führe aus
Im Sanskritvers steht das Wort Yajna. Yajna bedeutet übersetzt „Feuerzeremonie“. Es ist ein kleines Feuerritual. Ein Feuer, in das Opfergaben gegeben werden, wird entzündet. Meistens wird Ghee (geklärte Butter) hinein gegeben. Manchmal aber auch Reis oder Sesamkörner oder andere Dinge. Das Opfern steht symbolisch dafür, dass wir Gott etwas darbringen. Zur Zeit von Krishna und Arjuna waren diese Homas/Yajnas sehr weit verbreitetet. Arjuna selbst führte Homas und Pujas sehr enthusiastisch aus.
Yajña bedeutet Opfer, religiöses Ritual, selbstloses Handeln aus einem reinen Motiv. Es bedeutet auch Ishvara. Die Taittiriya Samhita (der Veden) sagt: »Yajña ist wahrlich Vishnu« (1-7-4). Wenn ein Mensch um Gottes willen handelt, wird er nicht gebunden. Sein Herz wird gereinigt, da er um Gottes willen handelt. Wo nicht der Geist der Selbstlosigkeit die Handlung lenkt, bindet sie an Samsara, gleich wie gut oder glorreich sie auch sein mag. (Vgl. II.48)
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 9. Vers: Tue das, was du tust, als Opfergabe
sahayajñāḥ prajāḥ sṛṣṭvā
purovāca prajāpatiḥ
anena prasaviṣyadhvam
eṣa vo.astviṣṭakāmadhuk
saha-yajñāḥ – samt Opfern (yajña)
prajāḥ – die Menschheit, die Lebewesen
sṛṣṭvā – als geschaffen hatte
purā – einst
uvāca – sprach
prajā-patiḥ – Prajāpati, der Herr (pati) der Geschöpfe (prajā)
anena – damit
prasaviṣyadhvam – möget ihr euch vermehren
eṣaḥ – diese
vaḥ – eure
astu – möge sein
iṣṭa-kāma-dhuk – Wunschkuh, „die die ersehnten (iṣṭa) Wünsche (kāma) melkt (duh) bzw. gewährt“
In der Mythologie gibt es die so genannte Kamadhenu, die dem Vashistha gehörte. Sie war eine wunscherfüllende Kuh. Kama heißt „Wunsch“ und dhenu heißt, „sie gibt“. Wenn Vashistha irgendetwas brauchte, dann sagte er das seiner Kuh gesagt und sie hat es ihm gegeben. Eines Tages kam der König Vishwamitra mit einem riesigen Gefolge in die Einsiedelei des Vashistha. Vashistha lud ihn zu einer Mahlzeit ein. Vishwamitra antwortete ihm: „Ich habe ein paar hundert Menschen hier in meinem Gefolge. Wie willst du die alle verpflegen? Lass mich weiterziehen.“ Vashistha lehnte ab und meinte: „Nein, nein, ich bewirte euch gerne.“ Vashistha ging zu Kamadhenu, flüsterte ihr etwas ins Ohr und im nächsten Moment manifestierte sich das großartigste Mahl, was der König je gesehen und gegessen hatte. Der König und seine Gefolgsleute schlemmten. Nachdem sie satt waren, wurde der König allerdings sehr gierig. Er sagte zu Vashistha: „Du, Vashistha, du brauchst so eine Kuh doch überhaupt nicht. Ich gebe dir alles, was du brauchst. Gib mir diese Kuh, ich habe eine bessere Verwendung für sie.“ Vashistha lehnte ab und daraufhin nahm Vishmamitra die Kuh mit Gewalt. Mithilfe von Mantras holte Vashistha seine Kuh zurück. Diese Mantras waren stärker als alle Macht der Soldaten. Vishwamitra wurde ärgerlich und meinte: „Okay, wenn spirituelle Kräfte stärker als weltliche Kräfte sind, dann will ich auch spirituelle Kräfte bekommen.“ Daraufhin ruhte er nicht bis er alle seine Wünsche und alle seine Gedanken bezwungen und die Selbstverwirklichung erreicht hatte.
devānbhāvayatānena
te devā bhāvayantu vaḥ
parasparaṃ bhāvayantaḥ
śreyaḥ paramavāpsyatha
devān – Götter
bhāvayata – möget ihr ernähren
anena – damit (mit der „Wunschkuh“, dem Opfer)
te – die
devāḥ – die Götter
bhāvayantu – mögen ernähren
vaḥ – euch
parasparam – gegenseitig
bhāvayantaḥ – in dem ihr euch ernährt
śreyaḥ – Gut, Glück
param – das höchste
avāpsyatha – werdet ihr erlangen
Deva bedeutet wörtlich »Der Strahlende«. Durch dieses Opfer speist du die Götter wie zum Beispiel Indra. Die Götter werden dich mit Regen und dergleichen speisen. Das höchste Gut ist die Erlangung von Selbsterkenntnis, die aus dem Rad von Geburt und Tod befreit. Das höchste Gut kann genauso das Erlangen des Himmels bedeuten. Der Ertrag hängt vom Motiv des Strebenden ab.
iṣṭānbhogānhi vo devā
dāsyante yajñabhāvitāḥ
tairdattānapradāyaibhyo
yo bhuṅkte stena eva saḥ
iṣṭān – die ersehnten
bhogān – Genüsse
hi – denn
vaḥ – euch
devāḥ – die Götter
dāsyante – werden geben
yajña-bhāvitāḥ – wenn sie durch Opfer (yajña) ernährt (bhāvita) wurden
taiḥ – (die) durch sie
dattān – gegebenen (Genüsse)
apradāya – ohne gegeben (geopfert) zu haben
ebhyaḥ – ihnen
yaḥ – wer
bhuṅkte – genießt
stenaḥ – ein Dieb
eva – gewiss
saḥ – der (ist)
Dies ist eine ähnliche Analogie wie die, die ich mit dem Körper und der Zelle beschrieben habe. Arjuna hat folgendes Weltbild verinnerlicht: Es gibt Ishwara. Ishwara ist als Gott die Intelligenz des Universums. Es gibt Devas, die so genannten „Engelswesen“, die das Universum im Dienst von Iswhara steuern. Die Menschen geben den Devas etwas und die Devas geben den Menschen etwas. Wir haben durchaus das Recht zu genießen, was uns gegeben wird. Allerdings sollten wir auch etwas zurückgeben, so dass ein richtiger Kreislauf entsteht. Heutzutage würden wir das als ökologischen Kreislauf bezeichnen. Die Natur ist ein Ökosystem. Wir bekommen etwas von der Natur und geben ihr etwas zurück. Allerdings geben wir im Vergleich zu allem, was wir von der Natur bekommen ihr recht wenig zurück. Das schafft Probleme. Wenn wir Menschen da unser Verhalten nicht ändern, dann wird die Erde eines Tages versuchen uns loszuwerden. Der Mensch ist das einzige Wesen, welches Abfall in der Natur produziert. Ein Tier produziert als Abfallprodukte nur Urin und Kot. Vom Standpunkt der Pflanzen aus betrachtet sind diese Abfallprodukte Dünger.
Wenn die Götter an deinen Opfern Gefallen finden, werden sie dir alles gewähren, was du wünscht, Kinder, Vieh, Besitz, usw. Wer das genießt, was die Götter ihm gegeben haben, d.h. wer die Bedürfnisse des Körpers und der Sinne befriedigt, ohne den Göttern dafür zu opfern, ist ein wahrer Dieb. Er raubt wahrhaft den Besitz der Götter.
yajñaśiṣṭāśinaḥ santo
mucyante sarvakilbiṣaiḥ
bhuñjate te tvaghaṃ pāpā
ye pacantyātmakāraṇāt
yajña-śiṣṭa-aśinaḥ – welche die Reste (śiṣṭa) der Opfer (yajña) verzehren (āśin)
santaḥ – die Rechtschaffenen
mucyante – werden befreit
sarva-kilbiṣaiḥ – von allen (sarva) Sünden (kilbiṣa)
bhuñjate – essen
te – diejenigen
tu – aber
agham – Sünde, Unreinheit
pāpāḥ – Sündigen
ye – die
pacanti – kochen
ātma-kāraṇāt – für sich, aus eigener (ātma) Veranlassung (kāraṇa)
Im engeren Sinne war es zu Krishnas Zeit tatsächlich üblich, dass man nie nur für sich selbst kochte. Man kochte für sich und andere gleichzeitig. Es galt als ein Grundsatz. Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Gemeinsames Essen beugte auch vor, dass Menschen vereinsamen. Des Weiteren wurde sichergestellt, dass Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, eingeladen wurden. Es gehört einfach zur Kultur dazu. Wenn jemand allein gelebt hat dann musste er von Bettelgaben leben oder er musste Bettler zur Mahlzeit einladen. Das war damals sehr üblich. So eine Art Privatsphäre, wie wir sie in Deutschland haben, war relativ unüblich und ist es bis heute in Indien. Wer mal eine zeitlang durch Indien reist, der kann sich bald gar nicht mehr wehren vor Einladungen der Inder zu sich nach Hause. Wenn man Deutsche fragt, wie oft sie fremde Touristen zu sich nach Hause eingeladen haben, dann folgt oft ein betretenes Schweigen. Wenn man dagegen in einem indischen Bus fährt, erlebt man viele gastfreundliche Inder, die einen direkt ansprechen, und im nächsten Moment ist man schon eingeladen. Sie erwarten dann aber auch eine Gegeneinladung. Und die Gegeneinladung in den Westen ist etwas Attraktives. Für die Inder ist es ganz natürlich das, was sie haben, mit anderen zu teilen. Wenn man eine Familie hat, dann reicht es auch schon, wenn die Mutter für die Familienangehörigen kocht. Auch indische Männer kochen. Die meisten Inder, die in den Westen kommen, können kochen. Sie führen zwar nicht den Haushalt, so emanzipiert sind sie noch nicht, aber das Kochen übernehmen sie doch hin und wieder. Das gleiche gilt für die deutschen Männer.
Diejenigen, die die Reste der Speisen verzehren, die nach den fünf großen Opfern verblieben sind, werden von allen Sünden befreit, die durch die fünf Instrumente entstehen, die den Tod von Insekten verursachen, nämlich 1) Stößel und Mörtel, 2) Schleifstein, 3) Feuerstelle, 4) Aufbewahrungsort für das Wassergefäß und 5) Besen. Das sind die fünf Stellen, an denen täglich dem Leben Schaden zugefügt wird. Die Sünden werden weggewaschen durch die fünf Maha-Yajñas, die großen Opfer, die jeder Dvija (Zweimalgeborene, Angehörige der ersten drei Kasten der Hindu Gesellschaft, besonders Brahmanen) ausführen muß:
Bhagavad Gita, 3. Kapitel, 13. Vers: Die Rechtschaffenen
annādbhavanti bhūtāni
parjanyādannasaṃbhavaḥ
yajñādbhavati parjanyo
yajñaḥ karmasamudbhavaḥ
annāt – aus Nahrung
bhavanti – entstehen
bhūtāni – die Wesen
parjanyāt – aufgrund von Regen
anna-saṃbhavaḥ – (erfolgt) das Entstehen (saṃbhava) von Nahrung
yajñāt – aus dem Opfer
bhavati – entsteht
parjanyaḥ – Regen
yajñaḥ – das Opfer
karma-samudbhavaḥ – hat seinen Ursprung (samudbhava) im Handeln (karma)
In diesem Vers wird auf Mythen Bezug genommen. In Indien ist der Regen sehr wichtig. Bei uns ist der Regen nicht ganz so wichtig, weil wir meistens sehr viel davon haben. Im Jahr 2003 regnete es weniger, was aber nicht zur Folge hatte, dass wir verhungert sind. In Indien dagegen, wenn der Monsun ausbleibt, verhungert regelmäßig ein Drittel der Bevölkerung.
Hier bedeutet Yajña »Apurva«, das subtile Prinzip, die unsichtbare Form des Opfers vom Zeitpunkt seiner Ausführung bis zum Zeitpunkt, da Früchte sichtbar werden. Karma: Handlung, Brahmodbhavam: entstanden aus den vedischen Anweisungen.
karma brahmodbhavaṃ viddhi
brahmākṣarasamudbhavam
tasmātsarvagataṃ brahma
nityaṃ yajñe pratiṣṭhitam
karma – Handlung
brahma-udbhavam – (hat ihren) Ursprung (udbhava) im Brahma
viddhi – wisse
brahma – das Brahma (auch: Vedawort, Opferspruch)
akṣara-samudbhavam – (hat seinen) Ursprung im Unvergänglichen (akṣara)
tasmāt – deshalb
sarva-gatam – (ist) das alldurchdringende
brahma – Brahma
nityam – stets
yajñe – im Opfer
pratiṣṭhitam – zugegen, beinhaltet
Krishna lehrt hier den Weg zum Ziel. Alle Handlungen, die wir tun, kommen irgendwie von Brahma. Brahma ist der Schöpfer. Dieser Schöpfer, diese Schöpfungsenergie, stammt letztlich von etwas Unvergänglichem. Und so ist alles, was wir tun, letztlich in Brahma aufgehoben. Und dessen sollten wir uns auch immer wieder bewusst sein.