von Swami Venkatesananda
9. SEI EIN INSTRUMENT
Es gibt eine sehr schöne, kleine Geschichte in der Bhagavatam.
Krishna ging mit seinen Freunden, den Kuhhirten und deren Kühen,
in den Wald. Auf ihrem Weg sahen sie einen Baum, der mit Früchten
voll beladen war. Krishna führte seine Freunde zu dem Baum und
sagte zu ihnen: „Freunde, seht. Wann werden wir jemals wie dieser
Baum sein? Wenn der Baum mit Früchten beladen ist, beugt er sich,
wogegen ein mit Früchten beladener Mensch arroganter wird. Wenn
man ungebildet oder arm ist, ist man wahrscheinlich bescheiden, doch
im selben Moment, in dem man ein paar Diplome hat oder wohlhabend wird,
sieht man auf alle herab. Selbst wenn man glaubt, man hätte einige
tugendhafte Qualitäten (Früchte), wird man plötzlich
arrogant. Ein mit diesen Früchten beladener Baum wird bescheidener
und bescheidener und sagt: Los, nehmt doch bitte,’ ohne jegliches
Feilschen. Auf eine Weise sind es also nur die Bäume, die im absolut
wahrsten Sinne Karma Yoga praktizieren!“
Einige Bhavanas oder Einstellungen werden im Karma Yoga für äußerst
wichtig gehalten. Eine ist Nimittabhavana. Nimitta ist ein Werkzeug.
Zum Beispiel ist der Stift in der Hand ein Werkzeug. Obwohl es eigentlich
der Stift ist, der schreibt, ist er doch nicht der Schreiber sondern
jemand anderes.
Nimittamatram bhava savyasachin (XI. 33)
„Ich bin der Handelnde aller Handlungen“, sagt Krishna,
„seid mein Werkzeug.“ Obgleich es die Perfektion in dieser
Bhava ist, die Karma Yoga ausmacht, kann auch der Versuch, sie zu kultivieren,
Karma Yoga in Praxis genannt werden. Swami Sivananda empfahl dies.
Sich selbst als ein Werkzeug in der Hand Gottes zu sehen, ist sehr gut
als Ausgangspunkt, aber betrachte ab und an mal diesen Faktor. Entscheidet
dieser Stift, was er als Werkzeug in der Hand dieses Mannes machen soll
und was er nicht machen soll? Ist es möglich für einen, nicht
zu merken, dass man ein Werkzeug in der Hand Gottes ist, aber es doch
zu sein? Dies war eine außergewöhnliche Sache, die wir an
Swamijis Leben bemerkten. In all diesen Jahren habe ich ihn nur bei
zwei oder drei Gelegenheiten sagen hören: „Ich bin nur ein
Werkzeug in den Händen Gottes.“ Und das war, wenn er verherrlicht
wurde. Wenn man ein Werkzeug in den Händen Gottes ist, mag man
nicht einmal das sagen. Der Stift sagt das nicht! Der Mensch, der sagt:
„Ich bin ein Werkzeug in den Händen Gottes“, mag das
wirklich und wahrhaftig fühlen oder auch nicht, und es gibt hier
die Gefahr, dass man sich hervortut und sich so zu einer egoistischen
Person macht. Einer, der also erkannt hat, dass er ein Werkzeug in den
Händen Gottes ist, wird zum wirklichen Werkzeug in den Händen
Gottes, ohne überhaupt die Notwendigkeit zu verspüren, es
sagen oder denken zu müssen.
Man wusste, dass Swamiji in diesem Bewusstsein lebte, wenn man beobachtete,
was er tat und wie er es tat. In all seinen Handlungen war Motivation
vollständig abwesend. Man weiß, dass man im Bewusstsein eines
Werkzeuges lebt, wenn es nicht die geringste egoistische Motivation
in den eigenen Handlungen gibt. Jener Stift wird die Worte g-u-t’
s-c-h-l-e-c-h-t’ und b-ö-s-e’ mit derselben Leichtigkeit
schreiben, ohne einen zu fragen. Er wird von links nach rechts oder
von rechts nach links schreiben ohne jegliche Motivation, ohne an die
Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken. Ähnlicherweise tut
der Karma Yogi völlig spontan das, was dem Höchsten Wesen
zufolge zu tun ist. Dies sahen wir in Swamiji die ganze Zeit. Was auch
immer er tat, tat er mit einer solchen Spontaneität und Reinheit,
ohne jede Berechnung oder Motivation, dass man wohl sehen konnte, dass
er es nicht tat, weil er etwas bauen oder zerstören wollte. Wenn
der Ashram gelegentlich ökonomischem Bankrott gegenüber stand,
sagte er, „Aha, da ist kein Geld mehr. Na gut, wir gehen nach
Rishikesh und erbetteln unser Essen.“ Und das sagte er so einfach,
ohne jede Enttäuschung. Jeder andere hätte gute Miene zum
bösen Spiel gemacht, doch er war froh und glücklich. Das passierte,
als er über sechzig war. Er sagte: „Ich bin wohl nicht fähig,
nach Rishikesh zu laufen, um um Essen zu betteln, mietet also eine Tonga
für mich.“ Wenn wir Geld für die Miete einer Tonga gehabt
hätten, könnten wir ihm sein Essen genauso gut hier gegeben
haben. Das Essen, was er aß, war so billig, dass es durch die
Miete einer Tonga allemal abgedeckt wäre. Trotzdem sagte er, er
würde mit uns zur Kshetra gehen und um Essen betteln, aber nur
in einer Tonga. Das war die höchste Geisteshaltung. Wenn man das
beobachtete, sah man, was es bedeutet, ein Werkzeug in den Händen
Gottes zu sein.
Ein anderes Bhava ist Narayana oder Atma-bhava, was bedeutet, in allem
Gott zu sehen, in allem Gott zu dienen. Bitte merkt euch, dass es nicht
heißt „Ich diene Gott in allem", nur „Gott in
allem dienen“. Das „ich“ ist bereits zum Werkzeug
transformiert worden. Während das Dienen weitergeht, ist es an
dasselbe allgegenwärtige Wesen, denselben allgegenwärtigen
Gott gerichtet. Es steht in der Bhagavad-Gita im 18. Kapitel.
Yatah pravrittir-bhutanam yena sarvamidam tatam
svakarmana tam-abhyarchya siddhim vindati manavah (XVIII.46)
„Der Mensch erreicht Perfektion dadurch, dass er jede seiner
Handlungen als eine zu den Füßen des allgegenwärtigen
Gottes dargebrachten Blume betrachtet.“ Jeder, der zu einem kommt,
bietet einem eine Möglichkeit, Gott in ihm und durch ihn zu dienen.
Es ist, als käme Gott selbst in dieser Form zu einem, um einem
eine Möglichkeit zu geben, ihn zu verehren. Wir haben das bereits
eine Million Mal gehört, doch es muss gesehen werden. Ich habe
andere erzählen gehört, die mit ihm im Swargashram und in
Malaysia gewesen sind. Sein Gesicht bot fast einen übersinnlichen
Anblick, wenn er jemandem diente, z.B. die Füße massierte,
weil sie wehtaten und jemandem einen anderen kleinen Dienst erwies.
Wenn er einem etwas geben konnte, erstrahlte sein Gesicht. Er war entzückt,
Dankbarkeit war in seinem Gesicht und in seinen Augen. Die Erscheinung
seines Gesichts war etwas Außergewöhnliches. Es hatte diesen
Blick von „Ich diene Gott.“ Er mag es gesagt haben oder
nicht, aber sein Gesicht verstrahlte diese Botschaft. Gott in allem
zu dienen, ist die höchste Form der Verehrung.
Diese zwei Bhavas sind grundlegend für Karma Yoga. Obwohl es möglich
ist, an sie zu denken, sie zu betrachten, über sie zu meditieren,
denke ich doch, dass man mit jemandem leben muss, der in einem solchen
Sinne lebt, um fähig zu sein, diese Einstellung in sich aufzusaugen.
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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