von Swami Venkatesananda
6. SICH AUF DEN LEHRER EINSTIMMEN
Der Lehrer vermittelt dem Schüler die Theorie, bildet ihn aus
und hilft ihm in seiner Praxis. Swami Sivananda erwartete nicht, dass
der Schüler sich vorbereitete, bevor er zu ihm kam, also war er
sowohl Acharya (der Lehrer) als auch Guru. Vielen war er vielleicht
nur ein Acharya, der sie lehrte oder (was noch interessanter ist) einfach
ein guter Mann, der sich um sie kümmerte. Vielen kamen arm hierher,
er kümmerte sich um sie. Viele kamen verzweifelt hierher, er gab
ihnen Hoffnung. Viele wussten nichts mit sich anzufangen, er gab ihnen
Arbeit. Er repräsentierte für verschiedene Menschen etwas
anderes.
Der Guru führt eine ganz besondere Beziehung zu den Menschen- nicht
im Sinne von über- oder untergeordnet, sondern anders. Ein Beispiel:
Jemand war vom Leben enttäuscht, hatte seine Arbeit verloren, sein
Geld, seine Familie, Frau oder Kinder, und kam verzweifelt hierher und
traf Swami Sivananda. Als dieser Mann Swamiji anschaute, sah er, ohne
ein Wort gewechselt zu haben, dass er all die für das Glück
so wichtigen Dinge - Geld, Besitz, Frau und Kinder - nicht hatte und
doch glückselig war. Dieser Mann dachte: "Entweder stimmt
etwas mit ihm nicht oder mit mir." Also begann er sich zu allererst
zu fragen, ob es ihm auch möglich wäre, unabhängig von
all jenen Dingen glücklich zu leben und keine Enttäuschung
zu erleiden.
Orthodoxer Tradition zufolge konnte man nicht einmal aus dem Elterhaus
ziehen, ohne diese
ganze Untersuchung des Lebens beendet zu haben, doch Swamiji sagte:
"Komm her, wir werden herausfinden, was zu dir passt." Wenn
man erst einmal zu den Füßen des Acharya gelangt ist, will
man lernen. Solches Lernen ist unmöglich, wenn man nicht auch dazu
fähig ist, sich auf den Lehrer einzustellen. Es ist nicht immer
seine Aufgabe, das zu tun. Der Acharya mag, besonders wenn er auch ein
erleuchteter Mensch (ein Jivanmukta) ist, in seinem höchsten Erbarmen
auf deine Ebene herunterkommen, um dich zu lehren. Doch wenn man darauf
beharrt, auf dieser Ebene zu verbleiben, mag er einen dort zurücklassen.
Also muss man hier und da einen Versuch starten, sich auf die Wellenlänge
des Acharya zu erheben, so dass man ihn verstehen kann.
Wie weiß man aber, dass man sich nicht auf der Wellenlänge
des Lehrers befindet? Der Test ist ganz einfach. Sicherlich habt ihr
alle mal mit einem kleinen Transistorradio gespielt. Man weiß,
dass man nicht auf der exakten Frequenz eines bestimmten Senders ist,
wenn es rauscht. Dasselbe passiert in einem. Der Meister sagt etwas,
und es entsteht ein Rauschen innen, ein seltsame Art inneren Widerstandes.
Es ist nicht totale Ablehnung, sondern so etwas wie Knirschen in einem.
Das bedeutet, dass man wahrscheinlich dem Lehrer gegenüber keine
Ablehnung empfindet, doch ein wenig Anpassung ist angebracht, du bist
nicht auf der gleichen Wellenlänge. Man kann weder ja noch nein
sagen. Wenn der Lehrer einen also bittet, etwas zu tun, und da dieser
innere Widerstand ist, bedeutet das, ihr seid nicht auf derselben Wellenlänge,
und es ist ihm nicht möglich, mit dir zu kommunizieren. Es ist
nicht sein Fehler, und es ist auch nicht dein Fehler, aber irgendwo
ist da irgendein Fehler.
Der Student, der also (orthodoxer Tradition zufolge) zu frühzeitig
zum Meister geht, muss an sich arbeiten, um auf dieselbe Wellenlänge
zu kommen. Wird das nicht getan, ist Kommunikation schwierig und Ausbildung
unmöglich, wie großartig auch immer der Meister sein mag.
Erinnert euch bitte daran, dass Krishna (den wir als Inkarnation Gottes
verehren), Jesus Christus und Buddha nicht immer fähig waren, Erleuchtung
seitens ihrer Schüler oder Menschen mit denen sie in Kontakt kamen,
zu bewirken. Krishna musste sogar so genannte Dämonen töten,
weil sie niemals auf dieselbe Wellenlänge mit Krishna hätten
kommen können. Auf dieselbe Weise konnte Jesus Christus Wind und
Wellen anhalten, aber er konnte nicht jene ihn verfolgenden Rüpel
aufhalten. Sind sie nicht auf derselben Wellenlänge, so ist es
nicht möglich, sich mit ihnen zu befassen.
Auf dieselbe Wellenlänge zu kommen ist die erste Pflicht eines
jeden Studenten, der ein Schüler/Aspirant werden möchte. Schüler
(engl. disciple) bedeutet Disziplin, und Disziplin bedeutet Studium,
sich selbst fortwährend studieren. Man kam hierher aus eigenem
Entschluss, man sah etwas Außergewöhnliches im Meister, das
man in sich selbst nicht finden konnte, doch dieser Faktor wird schnell
vergessen. Man kam hoffnungslos, verzweifelt, hilflos, in innerer Qual,
weil man gespürt hat, dass man die Antworten auf die Fragen um
das Leben, die in einem entstanden sind, nicht hatte, und man hat gespürt,
dass er sie haben würde. Das wird schnell vergessen, und das innere
Rauschen beginnt?wenn er etwas sagt, traut man sich nicht, nein zu sagen,
und man kann nicht ja sagen.
Man muss es selbst studieren. Der Guru wird es nicht tun. Die Funkstation
wird sich nicht selbst auf den Empfänger einstellen, obwohl Swami
Sivananda das in seinem höchsten Erbarmen oft getan hat. Das war
ein Wunder, ein außergewöhnliches Phänomen. Er ist oft
auf unsere Ebene herunter gekommen, um uns allen zu helfen. Der Guru
kommt nicht herunter, weil er Gesellschaft liebt, sondern um einen zu
erheben, und wenn man sich weigert, erhoben zu werden, wird er einen
spirituell dort hinterlassen. Dann behandelte er einen als Armen, indem
er ihn mit Lebensnotwendigkeiten versah?das, was man wollte!
Dieser Prozess des Erhebens ist in der Bhagavad Gita wunderbar beschrieben.
tad-viddhi pranipatena pariprasnena sevaya
upadekshyanti te jnanam jnaninas-tattvadarsinah (IV.34)
"Wisse die Wahrheit von den Kennern der Wahrheit durch Demütigung
vor ihnen, durch ihre Befragung und durch Dienen für sie.“
Drei Faktoren werden uns hier gegeben: Hingabe, Fragen und Dienen. Wenn
der Student diese drei Faktoren in seinem Leben verkörpert, ist
er befähigt, sich selbst wirksam zu studieren, sonst nicht.
Dem Guru zu dienen ist äußerst wichtig. Durch das Dienen
lernt man, wie man sich auf die Wellenlänge des Gurus erhebt. Während
man ihm dient, entdeckt man die Wellenlänge. Alles, was man tut,
tut man auf bestimmte Weise, in einer gewissen Stimmung?der Acharya
tut es anders. Es mag sogar seine persönliche Eigenart sein. Aber
trotzdem wird man sich nicht auf seine Wellenlänge erheben können,
wenn man nicht lernt, die Dinge, die man tut, auf seine Weise zu tun.
Daher ist dieses Dienen wirksam. Es ist nicht so, dass der Acharya deinen
Dienst benötigt. Swami Sivananda bemerkte oft: "Wenn ein Mann
den Ashram und seinen Dienst verlässt, warten zwei weitere darauf
zu kommen." Selbst wenn Swamiji uns spüren ließ, dass
unser Dienst ein wichtiger Beitrag für die Mission war, schuf er
uns damit eigentlich Möglichkeiten zu dienen und uns auf den Meister
einzustellen, uns ihm anzupassen. Das war wieder ein einzigartiges Merkmal
Swami Sivanandas. Er arbeitete sehr hart daran, ein Übungsfeld
für dein Talent zu schaffen und einem so dabei zu helfen, innerlich
zu wachsen, so dass Kommunikation stattfinden konnte. Ich will Euch
nur zwei Beispiele nennen. Ein junger Mann kam in den Ashram und sagte,
dass das einzige, was er konnte, Papierproduktion war. Sofort veranlasste
Swamiji, dass die erforderliche Grube gegraben und das Rohmaterial beschafft
wurde. Er erhoffte von dieser Hüttenindustrie nicht, dass dadurch
der Ashram mit dem notwendigen Papier versorgt werden würde! Doch
das war, was der junge Mann brauchte.
Und der Meister diente dem Schüler und half ihm zu wachsen. Die
ersten Jahre hat Swami Sivananda während des Satsang viel Musik
nicht besonders gefördert. Dann schlossen sich dem Ashram aber
ein paar Musiker an, und ihretwegen organisierte er Musikstunden, kaufte
die notwendigen Instrumente, gab ihnen einen Raum und so weiter. So
hat sich das Sendegerät auf den Empfänger eingestellt! Ohne
dies realisiert zu haben wäre der Suchende noch immer nicht in
der Lage, spirituelle Kommunikation zu genießen. Hat man dies
realisiert, dann wird man dem Meister hingebungsvoll dienen und die
Wellenlänge finden. In seinen Schriften, seinen Gesprächen
und seinem eigenen Leben pries Swami Sivananda Guru Bhakti (Hingabe
an den Lehrer) und Guru Seva (Dienst am Lehrer). Er diente der Menschheit
unaufhörlich, weil er seinen Guru-Gott in allem sah. Er verehrte
sogar seine Acharyas, von denen er alles gelernt hatte. Und vergötterte
buchstäblich den Unberührbaren, von dem er die Kunst des Fechtens
gelernt hatte.
Man konnte mit Swami Sivananda über alle möglichen Probleme,
die man hatte, frei sprechen. Dieser Dialog konnte dann sehr viele Formen
annehmen. Durch sein Wohlwollen stellte oft ein Besucher 'deine' Frage,
und man hörte Swamijis Antwort. Manchmal fand man sie in seinen
Schriften, die er einem gebeten hat abzuschreiben, herauszugeben oder
nur zu lesen. Oft wurde eine unausgesprochene Frage nonverbal beantwortet.
Während all dessen entsteht eine aufrichtige Demut in einem. Man
beobachtet, was der Meister sagt und tut. Man sieht, dass er in seiner
Weisheit, seiner Tüchtigkeit und seiner Lebenseinstellung überragend
ist. Probleme, die jeden verwirren, löst er ohne Anstrengung. Er
triumphiert in Situationen, in denen man zusammengebrochen wäre.
Ereignisse, die jeden überwältigen, bewegen ihn nicht. Das
liegt in der Natur Swami Sivanandas. Wenn man all dies beobachtet, entsteht
eine aufrichtige Demut. Diese Demut kann nicht gebildet oder erworben
werden. Sie muss entstehen. Wünscht man sich, dieses Licht anzumachen,
dann bläst oder fächelt man nicht. Der Schalter ist woanders,
und man muss jenen Schalter drücken. Im Falle aufrichtiger Demut
liegt der Schalter auch woanders?nicht im Durchgehen der externen Bewegungen
von Demut, sondern im Beobachten des Wunders, welches der Meister darstellt.
Sonst wird einen der Demutsanspruch nur noch egoistischer machen.
Genau diese Demut wird zur Selbstaufgabe. Das innere Rauschen hört
auf. Es entstehen Freude und Eifer im Dienst des Meisters. Man stellt
fest, dass der Meister alles weiß und alles unendlich besser tut
als man es könnte. Mit dieser Erkenntnis leert sich das Ego. Hingabe
entsteht. Diese Hingabe kann nicht einmal beschrieben werden. Sie kann
nicht gebildet werden. Man kann diese Hingabe nicht spielen. Obwohl
man all diese Ausdrücke benutzen mag, ist es gut zu verstehen,
dass der wahre Charakter von Selbstaufgabe jenseits jeglicher Beschreibung
liegt. Man kann nicht heute verkünden: "Von jetzt an gebe
ich mich dir hin." Das ist oftmals ein heuchlerisches Bekenntnis.
Es läuft hinaus auf: "Ich will mich dir hingeben. Ich will
jetzt all das tun, was du willst, so dass du für mich später
alles tust, was ich von dir möchte." Wenn der Geist still
ist, weil er weiß, dass der Meister alles weiß, wenn das
Herz still ist, weil es sich nach nichts mehr sehnt, und wenn diese
wirksam umgekehrt und auf den Meister eingestellt werden, dann geschieht
Hingabe. Es ist die wunderbarste Sache.
Swamiji betonte immer und immer wieder, dass der Schüler sich dem
Lehrer hingeben sollte. Aber er erkannte, dass diese Hingabe weder vom
Lehrer noch vom Schüler selbst erzwungen werden konnte. Es musste
geschehen. Aber sogar hier ließ er es geschehen. Er schuf das
notwendige Umfeld für die Ausführung der Hingabe. Zum Beispiel
konnte er etwas erwähnen, was mit seinem Wunsch, eine Arbeit verrichtet
zu sehen, zu tun hatte, und dann eine Menge Alternativen zu verbreiten.
Man wählte natürlicherweise, und an der Wahl konnte er sehen,
wo genau man stand?ob man arrogant oder nur eingebildet war, ob gleichgültig
oder heuchlerisch demütig, oder wahrhaftig demütig im Sinne
von Selbstaufgabe. Gleichzeitig befähigte er jeden dazu, zu sehen,
wo man stand, gab jedem eine Möglichkeit, sich selbst in dieser
Situation zu studieren. Auf diese Weise war man fähig, das Ego
und dessen Spiel zu entdecken. Wenn man die Hässlichkeit dieser
Aktivität des Selbst entdeckte, entstand Hingabe in einem.
Wenn der Student sich dem Acharya gegenüber aufgibt, wird der Acharya
zum Guru. Atmajnana oder Selbsterkenntnis geschieht gleichzeitig mit
Selbstaufgabe. Hingabe ist eine der höchsten Erfahrungen. Jener
Geist der Hingabe selbst wird zum Guru. Man ist befreit. Gnade fließt
und überschwemmt das innere Wesen mit Licht. Alle Lasten fallen
ab. Dies ist vielleicht das, was Weise meinen, wenn sie behaupten, dass
der Guru Karma wegnimmt. Das Karma fällt ab, und innen ist Freude
und Frieden.
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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