von Swami Venkatesananda
17. DER YOGA DER SYNTHESE
Swami Sivanandas Herangehensweise an spirituelles Leben im Allgemeinen
war ein Yoga der Synthese. Das ist kein besonderer Yoga, genannt Synthetischer
Yoga, Yoga der Synthese oder Integraler Yoga, sondern Yoga. Yoga bedeutet
Einheit, darum kann es keine Spezialisierung geben. Man kann kein Karmayogi
sein, wenn man nicht weiß, was man tut, warum man es tut, wer
es tut, für wen es getan wird und wenn die richtige Einstellung
nicht vorhanden ist. Man kann kein hingebungsvoller Verehrer Gottes
sein, wenn diese Hingabe oder Liebe sich nicht in der rechten Tat äußert.
Die eindeutigste Warnung findet man in der Bhagavatam (indische Schrift)
nämlich, dass jener, der Gott nur in Statuen, Bildern und Tempeln
sieht und die kleinsten, die gemeinsten Wesen Gottes nicht leiden kann,
kein hingebungsvoller Verehrer ist. Auf dieselbe Weise warnte Swami
Sivananda selbst uns, dass man Tugend nicht entwickeln kann, wenn man
sich von der Welt isoliert. Es gibt keine Tugend in der Isolation, es
kann nicht gefördert, werden, enthüllt, offenbart oder gesehen
werden in der Isolation. Also ist kein Yama, Niyama, keine Meditation
oder Japa möglich ohne Karma Yoga, ohne Bhakti.
Im Falle jener, die das Glück hatten, zu seinen Füssen zu
leben, schrieb Swami Sivananda ein außerordentlich schönes
Sadhana vor, welches gleichzeitig persönlichen und spirituellen
Fortschritt, Entwicklung und allgemein Gutes oder Dienst an der Menschheit
umfasste. Oft werden Worte und Sätze aus einem Zusammenhang zitiert.
Manchmal macht jemand darauf aufmerksam, „Hat Swami Sivananda
nicht gesagt, dass Arbeit Gottesanbetung ist, bringt sie Gott dar?“
Ja, natürlich. Arbeit ist Gottesanbetung, und man sollte alle Arbeit
Gott darbringen. Swami Sivananda selbst sagte, dass, was auch immer
man tut - es keine Rolle spielt, ob es eine Verwaltungsarbeit oder die
Arbeit eines Straßenfegers ist - sie sollte Gott dargebracht werden,
es sollte als Gottesverehrung angesehen werden. Richtig, aber was bedeutet
Gottverehrung’? Ist es einem möglich, diese Handlungen als
Gottverehrung zu sehen, wenn man Gott nie verehrt hat? Ist es möglich,
diese Handlung Gott darzubringen, wenn man der göttlichen Gegenwart
nicht in einer anderen Form verbunden war und ihr etwas dargebracht
hat? Denn während man etwas tut, ist der Geist eifrig mit der Handlung
selbst beschäftigt. Wo entwickelt man diese Bhava (innere Einstellung)
des Fühlens der göttlichen Gegenwart, so dass man dieses Handeln
als Gottverehrung ansehen kann? Wie nimmt man diese verehrende Einstellung
in seinen täglichen Arbeiten an, nicht nur Tätigkeiten hier
im Ashram, sondern draußen, was noch viel mehr Irrenhaus und Hetzjagd
ist?
„Arbeit ist Verehrung“, aber in der Sprache Swami Sivanandas
bedeutete es Arbeit und Verehrung, nicht eins auf Kosten des anderen.
Wenn man sagt, dass man persönliches Sadhana macht und seinen Dienst
an der Menschheit vernachlässigt, wird man egozentrisch, egoistisch,
eine Insel für sich selbst, ein Parasit für die Gesellschaft.
Swami Sivananda wollte nie, dass jemand völlig isoliert ist, nicht
einmal im Namen des Yogasadhana. Er wies darauf hin, dass große
Weise in vollständiger Zurückgezogenheit verbleiben mögen,
doch dass es in der Natur der Dinge liegt, dass es von ihnen nur sehr
wenige auf der Welt gibt. Für uns, welche die Mehrheit bilden,
verordnete er eine andere Art der Zurückgezogenheit. Unsere Sadhana,
oder spirituelle Praxis (was immer dir das bedeuten mag), nicht zu vernachlässigen
und gleichzeitig nicht den Dienst am Lehrer, an der Gesellschaft oder
der Nation zu vernachlässigen, und diese bei jedem Schritt miteinander
zu verbinden. Aktiven, dynamischen Dienst mit einer inneren Haltung
der Verehrung zu verbinden—Zurückgezogenheit und äußere
Kontakte gleichzeitig. Das war die Schönheit seiner Herangehensweise
an spirituelles Leben, und es war auch die Schwierigkeit. Wenn man inmitten
von Leuten ist, erkennt man, dass man völlig allein ist, und wenn
man allein im Wald ist, erkennt man, dass man eins mit der Menschheit
ist. Er demonstrierte dies in seinem eigenen Leben. Wer auch nur ein
paar Schritte mit ihm spazieren ging, konnte es in seinem Gesicht sehen,
an seinem Verhalten, dass er, während er von Menschen umgeben war,
ernstlich allein war, unberührt. Oftmals sagte er: „Ich hab
die ganze letzte Nacht nicht geschlafen. In diesem kleinen Zimmer war
ich in Verbindung mit der ganzen Welt.“ Und dann sagte er uns,
wir sollten So-und-so schreiben, So-und-so Bücher schicken und
So-und-so Prasad geben. Dort in seinem Kutir (was buchstäblich
eine Höhle ist) war er also in Kontakt mir der ganzen Welt, und
wenn er von der ganzen Menschheit umgeben war, war er vollständig
frei, unabhängig. Wie man all dies verband, war der Yoga, den er
uns lehrte.
Was passiert, wenn man dies nicht tut? Wenn man sagt: „Ich bin
ein Vairagi, ein Mann der Entsagung. Ich mag die Gemeinschaft nicht,
ich will allein bleiben ohne jeglichen Kontakt“, ist es möglich,
dass man sich voller Zielstrebigkeit, Vairagya und Viveka in eine Höhle
zurückzieht. Besonders, wenn man eine lange Zeit von Menschen umgeben
war können diese Qualitäten stark entwickelt sein. Man mag
spüren: „Nur in ein paar Tagen werde ich Gott zu fassen bekommen.“
Aber dieser Gott mag sich als Schwerfälligkeit, Faulheit, Untätigkeit
und Schlaf entpuppen—es sei denn man ist für solch ein Leben
ausersehen worden, es sei denn man ist ein Dattatreya, ein Ramana Maharshi
oder ein Sukadeva. Es ist möglich, dass es nicht so viele gibt,
die dafür qualifiziert sind. Der eigene Egoismus festigt sich sehr
gut, denn während der Geist denkt: „Ich strebe nach Moksha
(Befreiung)“, ist es das ich’, dass nach Selbstvergrößerung
strebt. Solange wie ich’ strebe, gibt es keine Moksha. Es ist
recht einfach. Da Moksha die Moksha vom ich’ ist, gibt es keine
Moksha solange ich’ strebe sondern nur totalen Egoismus. Swami
Sivananda hat oft darauf hingewiesen, dass es wenige Aspiranten oder
Yogis gibt, die allein fruchtbar ein Leben der Zurückgezogenheit
führen können und als spirituelle Sonnen erleuchten und ihre
Weisheit und ihren Segen in die ganze Welt ausstrahlen. Man erkennt,
dass solche Menschen existiert haben und existieren, aber leider gibt
es sehr wenige. Für die meisten ist ein Leben in Zurückgezogenheit
gefährlich. Sollte man sich dann unaufhörlich mit selbstlosem
Dienen beschäftigen und den berühmten Slogan anwenden: Manava-seva
ist Mahadava-seva (Dienst am Menschen ist Dienst an Gott)? Es ist poetisch,
inspirierend, und es verkauft sich gut, es wird leicht von jedermann
akzeptiert. Wenn man den Menschen sagt: „Ich widme mich dem Dienst
an der Menschheit“, sammeln sich alle um einen herum.
Ich nehme an, ihr habt die Gefahr bereits erkannt. Man soll selbstlosen,
motivlosen, wunschlosen Dienst leisten. Selbstloser Dienst ist selbst
auslöschender Dienst, wobei man fast unerkannt bleibt, doch von
dem Moment, wo man diesen Weg des Dienstes an der Menschheit oder selbstlosen
Dienstes beschreitet, ist man verhindert, es selbstlos zu machen. Selbst
wenn man versucht, werden sich ein paar Leute um einen versammeln und
sagen „Oh, Maharaj, was für einen großen Dienst du
tust.“ Zehn oder fünfzehn Tage lang sagt man, „Oh nein,
nein, ich bin nur ein Werkzeug in den Händen Gottes, Gott allein
tut dies“ —dann beginnt man langsam zu spüren, „ja,
all dieser Ruhm gehört Gott. Dieser Gott ist in mir. All dieser
Ruhm gehört Gott.“ Es ist selbstlos, aber das Selbst wächst
mehr und mehr, weil man die anderen Aspekte des Yoga vernachlässigt
hat. Ein Glied entwickelt sich auf Kosten der anderen. Während
ungeheures soziales Wohl durch jemanden erzielt wird, ist das persönliche
Sadhana verschwunden.
Vielleicht finden einige Menschen, dass diese Gefahr Guru-seva nicht
innewohnt, weil es unwahrscheinlich ist, dass der Lehrer das Ego aufbläht.
Also denkt man, dass man, was Guru-seva angeht, alles andere völlig
vernachlässigen und Guru-seva als das höchste Sadhana behandeln
könnte. Das ist möglich. Vielleicht gibt es eine Gültigkeit
darin, obgleich ich mich an mindestens eine Gelegenheit erinnere, zu
der ich empfand, dass Swami Sivananda überhaupt nicht mit dieser
Einstellung zufrieden war. Es geschah 1946, als es sehr viel Arbeit
zu tun gab und nur wenige im Ashram, sie zu verrichten. Swamiji arbeitete
damals, wo jetzt die Post liegt, und einige der kleinen Zimmer entlang
des Gebäudes wurden von uns auch als Büroräume genutzt.
Ich saß in einem der Zimmer und schrieb gegen fünf oder sechs
Uhr nachmittags Schreibmaschine. Plötzlich sah ich Swamiji vor
dem Zimmer auf der Veranda stehen. Er sah mich recht ernst an und sagte:
„Was tust du?“ Ich sagte ihm, was ich tat. „Hast du
schon Japa gemacht heute, hast du schon meditiert?“ Ich stand
auf, sah ihn an und sagte: „Ich mache dies hier.“ Ich habe
nicht dagegen gesprochen. Auf dem Plakat an meiner Wand stand Arbeit
ist Verehrung’! Er sagte: „Nimm die Schreibmaschine und
wirf sie in den Ganges, geh dich hinsetzen und meditiere eine Weile.“
Er zeigte uns dies selbst in seinem eigenen Leben. Der Ashram war vergleichsweise
ruhiger in jenen Zeiten, aber dennoch hatte er alle Verantwortung für
die Leitung des Ashrams und all die Kopfschmerzen, die damit einhergingen.
Aber er hatte bestimmte Zeiten für bestimmte Handlungen: so viel
Zeit für den Briefwechsel, so viel für das Studium und Schreiben,
so viel für Büroarbeit, so viele Stunden für Satsang,
so viele Stunden für den Morgendarshan im Büro, so viele Stunden
für sein eigenes, persönliches Sadhana. Trotz seines Alters,
trotz aller dieser Faktoren hatte er immer noch Zeit für seine
eigene Puja. Als er sich nicht mehr bücken konnte und nicht mehr
auf dem Boden sitzen konnte, wurde der Altar erhöht, und dort machte
er seine Puja jeden Tag. Die Puja bedeutete den Schriftgelehrten zufolge
wahrscheinlich nichts, aber Gott zufolge war es wahrscheinlich die beste
Puja auf der Welt. Vielleicht benötigte er all dies gar nicht zu
seiner eigenen Befreiung, aber wir hatten da ein Beispiel.
Wenn man meint, eine Praxis reicht aus und man braucht nichts anderes,
ist wieder das Ego mit im Spiel. Man ist nicht frei. Nur wenn alle gleichmäßig
miteinander verbunden sind, ist es möglich, die Existenz des Selbst
auch nur wahrzunehmen. Erst wenn das Selbst als nicht existent entdeckt
worden ist, gibt es selbstlosen Dienst. Solange das Selbst nicht als
nicht existent entdeckt worden ist, gibt es keinen selbstlosen Dienst.
Tatsache ist, dass jeder Dienst selbstloser Dienst ist, weil es kein
Selbst gibt, welches irgendetwas tut! Es ist immer Gott, der es tut.
Also selbst, wenn ich hier sitze und stolz und froh bin, zu sprechen,
ist es tatsächlich Gott, der all dies tut, aber diese Wahrheit
muss entdeckt werden, nicht vorgestellt oder nur gedacht. Es reicht
nicht aus, bloß zu denken, dass man selbstlos, unegoistisch ist.
Wenn Gott mysteriös ist, ist das Ego noch mysteriöser, weil
es ein Nicht-Wesen ist. Und dieses falsche Nicht-Wesen (wie ein Schatten
an der Wand) kann nicht herausgelöst, zerstört oder entfernt
werden, außer man wirft ein Licht darauf. Wenn man versucht, diesen
Schatten mit allen Mitteln, ausgenommen Beleuchtung, zu entfernen, hat
es keine Wirkung. Wenn man gegen das Ego mit allen Mitteln außer
der Erleuchtung (Atmajnana) ankämpft, mag man sogar ein Ego erschaffen.
Dagegen anzukämpfen und sich vorzustellen, es wäre verschwunden,
macht es nur stärker und stärker und stärker. Darum wird
an einer Stelle berichtet, dass Ramana Maharshi gesagt haben soll, dass
selbst Dhyana (Meditation) egoistisch sei—das Werk des Ego—und
darum kein Lösung. Vichara ist ihm zufolge die einzige Lösung.
Wenn man Yoga lebt, Sadhana (Japa, Puja, Meditation und den ganzen Rest
davon) macht und gleichzeitig Dienst am Lehrer, an der Gemeinschaft
und an Gott auf die verschiedensten Weisen nicht vernachlässigt,
entsteht kein Ego. Durch Morgenmeditation, Japa, Puja und so weiter
erhebt man das Bewusstsein und wird so achtsam, dass es wie eine schattenlose
Lampe wird, eine Art Lampe, die auf eine Weise leuchtet, dass kein Schatten
entstehen kann, mit Strahlen von allen Seiten. Morgenmeditation, Puja,
Studium der Schriften und so weiter, alles zusammen wird zu einer schattenlosen
Lampe, die das Wachsen des Egos verhindert. Was auch immer man den restlichen
Tag über macht, man ist unaufhörlich aufmerksam, unaufhörlich
achtsam. Man spürt die Gegenwart Gottes in sich, während man
meditiert, man spürt die Gegenwart Gottes in sich, wenn man in
den Tempel zum Opfern geht. Man ist beseelt von dem Geist der Hingabe,
selbst wenn man Gott nur ein einziges Blatt zu Füßen legt.
In diesem Sinne ist alles, was zu tun ist, zu tun. Diese Einstellung
wird durch das persönliche Sadhana erzeugt. Aber wenn man sein
Leben nur auf dieses persönliche Sadhana beschränkt –
obwohl es eigentlich nicht möglich ist- kann man seine Einstellung
im Leben nicht ausdrücken, man kann nicht überprüfen,
ob man wirklich diese Einstellung hat. Man geht also hinaus, mischt
sich unter Menschen, tut seine Pflicht oder seinen Seva, und beobachtet
während all dessen, wie wirkungsvoll das Sadhana gewesen ist. War
es effektiv oder ist der Geist immer noch Subjekt derselben alten Gedanken
und Gefühle von Hass, Eifersucht, Neigungen und Abneigungen, Sehnsüchten,
Eitelkeit, Gier?
Dann könnte man wirklich und wahrhaftig das göttliche Leben
führen. Dann und nur dann könnte man den Zustand des Yogis
erahnen, der sagen kann: „Ich tue nichts, Gott tut es. Gott macht
sogar das Sadhana, das mein persönliches Sadhana’ heißt,
Japa, Meditation und Puja. Gott allein tut all dies. Er dient sich selbst
durch sich selbst.“
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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