von Swami Venkatesananda
15. SELBSTLOSIGKEIT
Wenn man alles, was bisher diskutiert wurde, praktiziert - etwas Dienen,
Nächstenliebe, Studium der Schriften, Japa, Kirtan und Meditation
- und man auf eigene Weise danach strebt, die tugendhaften Qualitäten,
die unter den Überschriften Yama und Niyama aufgezählt sind,
zu entwickeln, wird man dann Selbstverwirklichung erreichen? Wird man
Erleuchtung oder Moksha (Befreiung) erreichen? Wird man frei sein? Wenn
nicht, warum nicht?
Letztendlich wird alles, was man tut, vom Ego getan. Wie wird das Ego
eliminiert? Oder wie eliminiert das Ego sich selbst? Durch viel Handeln
wird man mit Sicherheit ein besserer Mensch, da gibt es keinen Zweifel,
aber es gibt das sehr angenehme Risiko, dass man eine sehr sattwige
(reine) Person mit einer sattwigen Verhaftung wird. Man wird mit goldenen
Ketten gebunden sein, nicht eisernen oder selbst kupfernen oder silbernen
aber man wird trotz allem gebunden sein.
Es gibt eine andere feine Gefahr darin. Wenn ein normaler Mensch sich
egoistisch verhält, wird er von dem einen oder anderen darauf hingewiesen.
Aber wenn man diese ockergelben Sachen anzieht und ein Swami wird und
egoistisch ist, werden die Leute einen verehren. „Oh, sieh, mit
welcher Autorität dieser Mann redet.“ Wenn man rüde
und unhöflich ist, sagen sie: „Das ist ein sehr strenger
Mensch. Er bildet uns mit solcher Disziplin aus.“ In dem Augenblick,
wo man diese Sachen anzieht, bekommt man eine brillante Zulassung!
Selbst wenn man sattwig (rein) lebt und all diese spirituellen Praktiken
macht, gibt es keine Garantie dafür, dass man dadurch Selbstverwirklichung
erreicht, weil Selbstverwirklichung kein Resultat oder eine Auswirkung
ist, die durch eine Ursache hervorgerufen werden kann. Es heißt
Nastyakritah kritena, „Das, was nicht die Wirkung einer Ursache
ist, kann durch keine erdenkliche Ursache oder Methode erreicht werden.“
Man kann sich beispielsweise nicht einschlafen lassen. Wenn der Schlaf
kommt, überwältigt er einen. Man kann ins Bett gehen, aber
der Schlaf muss aus seinem eigenen süßen Willen und Vergnügen
kommen. Deshalb erklärt die Kathopanishad (heilige Schrift) Nayamatma
pravachanena labhyo na medhaya na bahudha srutena—„Dieser
Atman (Selbstkenntnis) kann nicht durch vieles Reden darüber, durch
Intelligenz oder das Hören von vielen Vorträgen, erreicht
werden.“
Wie wird Atmajnana (Selbstkenntnis) erreicht, wenn man es überhaupt
erreichen kann? Yamavaisha vrunute tena labhyah tasyaisha atma vivrunute
tanum savm—„Nur wenn der Atman oder Gott es will, wirst
man Atmajnana erreichen, weil Gott Sich enthüllen muss.“
Es ist nicht der Mensch, der Gott erkennt, sondern Gott kann nur sich
selbst erkennen. Man nehme eine Mala und sage: „Nur Gott kann
sich selbst erkennen“ als Mantra eintausendundacht Mal, und eine
neue Wahrheit wird im Herzen entstehen—„Gott, ich kann gar
nichts tun.“ Diese Wahrheit muss hervortreten. Es hat keinen Nutzen,
das zu sagen, nur weil man faul ist und nichts tun will. Ich hoffe,
der Unterschied zwischen diesen beiden wird klar! Zum Beispiel weiß
man solange nicht, ob man den Tisch vor sich hochheben kann, bis man
es versucht. Bevor man also sicher sagen kann: „Ich kann nicht“,
muss man sein äußerstes versuchen. Was da sagt: „Oh,
ich kann das nicht tun. Gott, bitte tu es“, ist reine Faulheit.
Sadhana (alles, was wir bisher erörtert haben) heißt, sein
äußerstes zu geben. Man hat es versucht. Man hat meditiert,
Japa gemacht, Asanas usw., mit dem Ziel, Selbstverwirklichung zu erreichen.
Was auch immer das Ego tut vermehrt nur noch die Anzahl der Schleier,
die das Selbst verhüllen. Darum steigert sich die Behinderung dieser
Vision. Am Ende all dessen erkennt man, dass das Ego stärker und
stärker und stärker wird, dass alles, was man tut, das Ego
füttert.
Selbstverwirklichung ist nichts als die komplette und absolute Abwesenheit
des Selbst oder der Selbstsucht. Man kann nicht wissen „Dies ist
das Selbst“, weil Selbst kein Objekt sondern ein Subjekt ist.
Aber man kann ganz sicher wissen, was Selbstsucht ist. Ich sage nur,
man kann wissen, nicht, dass man es auch wirklich weiß. Die meisten
selbstsüchtigen Leute denken, sie sind sehr selbstlos, sehr unegoistisch.
„Ich tue es nicht für mich selbst, ich tue es um Gottes willen.“
Oder: „Ich tue es um der Menschheit willen, der Nation willen,
meiner Gemeinschaft willen.“ Wenn man an der Oberfläche kratzt,
findet man dasselbe Ego, dieselbe Selbstsucht. Es gibt Ärzte und
Krankenschwestern in der ganzen Welt, die so tun, als täten sie
selbstlosen Dienst an den Kranken, aber würden sie all dies tun,
wenn sie weder Geld noch einen Namen dadurch erhielten? Yogis sind dafür
da, um von Yoga und Vedanta zu berichten und der Menschheit selbstlos
durch sich zu dienen. Würden sie all dies noch tun, wenn ihr Glück
oder ihre Ehre oder Sicherheit auf dem Spiel stünden?
Selbstlosigkeit ist keine einfache Angelegenheit, und es kann nicht
erkannt werden - aber Selbstsucht kann erkannt werden. Wenn man sich
selbst aufmerksam beobachtet und erkennt, dass so sehr man auch vorgeben
mag, dass das, was man tut, nicht selbstsüchtig ist, ist es doch
selbstsüchtig. Man wird nicht dafür bezahlt, das zu tun. Es
macht nichts. Nahrung, Kleidung, Wohnung und medizinische Einrichtungen
und was sonst noch benötigt wird steht zur Verfügung. Man
könnte also sagen, dass man keinen Lohn oder kein Gehalt für
das bekommt, was man tut, aber das ist nicht notwendig. Es mag trotzdem
noch Selbstsucht geben - man will beschützt sein, sicher, gewürdigt,
bewundert, man will eine Art Würdenträger werden. All das
könnte Selbstsucht sein! Wenn selbst das umgangen werden könnte,
dann suchte man vielleicht nach dem Himmel. (Man ist darauf vorbereitet,
hier ein paar Tage zu leiden und dann in den Himmel zu kommen.) Oder,
wenn selbst das verhindert werden kann, sucht man immer noch nach Erleuchtung.
Es ist das ‚ich’, das all das tut, es ist das Spiel des
ich, des Ego-Selbst. Kann man das sehen? Auf dieselbe Art kann man sehen,
dass selbst beim Gebet an Gott es wieder das Spiel des Selbst ist -
weil die Beziehung zu anderen, und die Handlungen, das Verhalten, die
Gedanken, Worte und Taten immer noch durch Lust, Wut, Gier, Neid, Eifersucht,
Egoismus und Hass gekennzeichnet sind. Ist es uns möglich zu sehen,
dass alle unsere Handlungen durch diese Übel, welche die Aktivitäten
des Selbst sind, behaftet sind?
Wenn es möglich ist, diese in uns zu erkennen, dann mag es möglich
sein, sie loszuwerden. Was ist es, das all diese Qualitäten loswird?
Das ist auch das Ego-Selbst. „Ich möchte all diese üblen
Qualitäten in mir loswerden, so dass ich Gottesverwirklichung erreichen
mag.“ Das Bewusstsein also, dass alle diese rajasigen und tamasigen
Eigenschaften der Lust, Wut, Gier, Furcht und dem ganzen Rest loswird,
bleibt verwirrt zurück! „Ich kann all dies tun - ich kann
rein werden in Gedanke, Wort und Tat, in meinem Verhalten, in allem.
Mit anderen Worten, ich kann sozusagen vollständig sattwig werden.
Es ist nicht unmöglich. Ich kann vollständig sattwig werden…das
ist alles. Wohin gehe ich von hier?“
Das Bewusstsein, das all diese Umwandlung wahrgenommen hat, bemerkt
plötzlich die zerschmetternde Wahrheit, dass das ich’, das
Ego-Selbst, noch da ist. Dasselbe Ego-Selbst, das vor einigen Jahren
dachte: „Ich bin ein schlimmer Mensch“, denkt jetzt: „Ich
bin ein frommer Mensch.“ Vor ein paar Jahren dachte man: „Ich
bin Herr Soundso“, jetzt denkt man „Ich bin ein Swami Soundso.“
Das ist sehr, sehr einfach. Wenn man ein Objekt in deiner Hand hält
und man diese Seite nicht mag, dreh man es zur anderen Seite, welche
sauberer, hübscher, gut anzusehen ist. Man hat es umgedreht, aber
erinnert sich, dass die andere (erste) Seite noch immer da ist! Sie
ist nicht weg. Man war einmal ein schlimmer Mensch, und man hat es nicht
gemocht, also hat man Kehrt gemacht und ist ein guter Mensch geworden.
Es dauert nicht einmal so lange, wieder ein schlimmer Mensch zu werden,
weil die andere Seite immer noch da hängt. Es gibt unzählige
Geschichten in den Puranas, die das illustrieren. Swami Sivananda machte
einmal sehr schön auf diese Wahrheit aufmerksam. Er schrieb gerade
ein Buch mit dem Titel „Ashrams und Heilige in Indien“,
und darin hatte er mit fantastischem Erinnerungsvermögen eine Liste
aller prominenten Heiligen, Swamis, Yogis und Frommen in Indien herausgearbeitet.
Er widmete jedem von ihnen eine Seite - mit einer kurzen Biographie
und ihrer Arbeit. Er hatte selbst eine Liste und hakte einen nach dem
anderen ab. Dann kam der Name eines Swamis, der lange Zeit ein Yogi
und Heiliger war, aber dann plötzlich heiratete und so alles, was
er getan hatte, verließ und etwas anderes anfing.
Ich stand neben Swamiji, als er sagte: „Was ist mit diesem Mann?
Er war ein großartiger Yogi. Dann heiratete er und…egal,
ich werde seinen Namen mit aufnehmen. Ein guter Mensch wird schlecht.
Ein schlechter wird gut. Das wechselt sich dauernd ab. Es sollte uns
nicht beeinflussen oder berühren.“ Dasselbe, als ein Swami,
der sein eigener Schüler gewesen war und mit ihm im Streit auseinander
gegangen war und etwas sehr niederträchtiges getan hatte, vom Ashram
weggegangen war und 1948 zurückkam. Swami Sivananda saß in
der Nähe seines Zimmers, und als ich heraufkam, sagte er: „Soundso
ist gekommen.“ Ich sah ihn nur an. „Er ist ein großer
Mann. Hat dir jemand erzählt, was er getan hat?“ Ich sagte,
„Ja, Swamiji, ich habe davon gehört.“ „Hm, der
Mann mag niederträchtig gehandelt haben, aber die Menschen verändern
sich. Er mag sich verändert haben. Lass uns ihm eine neue Chance
geben.“ Aber später stellte sich heraus, dass er wieder niederträchtig
war und ging. Man denkt, dass man von einem rajasigen oder tamasigen
Zustand in einen sattwigen Zustand wechselt, aber der andere Zustand
existiert noch. Das Bewusstsein wird sich dessen bewusst.
Es gibt einen äußerst feinen Sprung vom Objektbewusstsein
zum Subjektbewusstsein. Das heißt, man sieht die ganze Zeit etwas
an, man sieht sich als Objekt an. „Ich war ein rajasiger Mensch,
ein tamasiger Mensch, jetzt bin ich ein sattwiger Mensch.“ Es
ist immer noch Objekt. Die Aufmerksamkeit muss plötzlich in das
Selbst zurückspringen, das Selbst bleiben. Das Bewusstsein muss
plötzlich erstarren und sich seiner selbst bewusst werden oder
nur Bewusstsein sein.
Das ist durch eigenes Bemühen nicht möglich sondern muss durch
Gnade geschehen. Alles was wir bisher erörtert haben, ist für
jeden möglich, aber dieser letzte Sprung von der Objektivierung
zum ‚Sein’ als Subjekt ist durch menschliches Bemühen
nicht zu tun. Allein Gnade hilft weiter. Darum ist dieser Zustand nicht
beschrieben. Selbst Swami Sivananda weigerte sich, ihn zu beschreiben.
Das muss erfahren werden, oder die Erfahrung muss entstehen. Im Shrimad
Bhagavatam gibt die äußerst inspirierende Geschichte von
Jada Bharata, der, während er seinen Lieblingsschüler Rahugana
lehrt, sagt: „Dieses Wissen, das ich dir beschreibe, entsteht
nicht durch das Studium oder dadurch, dies oder jenes zu tun oder selbst,
dem Haushälterleben zu entsagen und ein Mönch zu werden oder
ein Asket.“ All dies sind Hilfen, aber „das einzige, das
dich wirklich befähigen wird, es zu erfahren, ist, den Heiligen
zu dienen, dem Lehrer zu dienen, dem Meister zu dienen, dich im Staub
der heiligen Füße der Grossen zu baden.“ Dann geschieht
dieser feine und vielleicht sehr einfache Sprung vom Objekt zum Subjekt.
Es gibt Erleuchtung, Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung—was
bedeutet, daß das Egoselbst (an das man so lange verhaftet war,
es als Wahrheit betrachtend) plötzlich weg ist, und an seiner statt
sieht man den Atman.
Die objektive Welt hat plötzlich aufgehört, die objektive
Welt zu sein, aber sie verschwindet nicht. An ihrer statt erscheint
Gott. Das ist Schönheit. Es ist nicht als wenn all diese weltlichen
Dinge verschwinden und man etwas anderes sieht, das man Gott nennt.
Dann würde bloß ein anderes Objekt erscheinen! Alles bleibt,
wie es ist, und nichts bleibt, wie es ist. Der Baum ist immer noch der
Baum, ein Mann immer noch ein Mann, eine Frau immer noch eine Frau,
ein Gebäude ist immer noch ein Gebäude - alles ist noch da,
und nichts ist da. Plötzlich wird es erkannt - nicht dass man erkennt,
dass dies ein Seil und keine Schlange ist. Was man sieht, verschwindet
nicht. Was immer es in Wahrheit war, verschwindet nicht. Es ist immer
noch da. Aber während man eine Schlange gesehen hat, ist es jetzt
ein Seil. Man hat die Welt mit weltlichen Augen gesehen, jetzt sieht
man Brahman mit Brahmanaugen. Wenn die innere Vision Jnana wird, dann
wird das ganze Universum zu Brahman. |
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Inhaltsverzeichnis des Buches "Sivananda Yoga"
- Theorie und Praxis
- Wer ist ein Guru
- Kommunikation
- Das Säen des Samens
- Selbstreinigung
- Sich auf den Lehrer einstimmen
- Hingabe
- Karma Yoga
- Sei ein Instrument
- Bhakti Yoga
- Swami Sivananda Yoga
- Integraler Yoga
- Erinnerung an Gott
- Der Weg des Ego
- Selbstlosigkeit
- Entdeckung des Egos
- Der Yoga der Synthese
- Liebe, die Gott ist
- Glossar

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