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Raja Yoga

Kommentar von Sukadev Volker Bretz
zu den Raja Yoga Sutras von Patanjali

Einführung

Kommentar von Sukadev Volker Bretz zu den Raja Yoga Sutras von Patanjali (unbearbeitete, noch nicht korrigierte Version.)
Grundlage/Quellentexte: "Meditation und Mantras" von Swami Vishnu-devananda, herausgegeben vom Sivananda Yoga Vedanta Zentrum, München, ISBN 3-930716-003, und "Die Wissenschaft des Yoga" von I.K. Taimni, F. Hirthammer Verlag, ISBN 3-921288-80-0
 
 

Wichtige indische Schriften

Die Yoga Sutras von Patanjali gelten als wichtigste der Yogaschriften. Die vier bedeutendsten Yogaschriften sind

· die Upanishaden, die den Jnana Yoga betreffen,
· die Bhagavad Gita, die alle Yogawege umfaßt, sich aber vor allem auf Karma und Bhakti Yoga kon-zentriert;
· die Hatha Yoga Pradipika, die den Hatha und Kundalini Yoga behandelt, und
· die Yoga Sutras über den Raja Yoga, den Yoga der Geisteskontrolle.

 

Patanjali selbst spricht übrigens nicht von Raja Yoga, sondern von Yoga allgemein. Der Ausdruck Raja Yoga stammt eigentlich aus der Hatha Yoga Pradipika. Dort heißt es: „Wir üben Hatha Yoga, um Raja Yoga zu erlangen.“ Denn es ist sehr schwer, nur durch geistig-psychologische Techniken Kontrolle über den Geist zu bekommen. Asanas und Pranayama können uns dabei helfen. So haben eigentlich die Hatha Yoga-Schriften den Ausdruck Raja Yoga für die Sutras von Patanjali populär gemacht. Raja heißt wörtlich „Herrscher“; durch Raja Yoga werden wir zum Herrscher über unseren Geist und unser Leben.
Die Raja Yoga Sutras wurden von einem Weisen namens Patanjali geschrieben. Über seine Person und sein Leben ist fast nichts bekannt, nicht einmal mythologische Geschichten, was sehr außergewöhnlich ist, denn die Inder lieben es, Legenden zu erzählen. Möglicherweise hat er sich als Mensch bewußt im Hinter-grund gehalten in der Vorstellung, nicht er als Person sei wichtig, sondern das Yogasystem, das dahin-tersteht und das er weitergibt. Patanjali ist nicht der Erfinder dieses Systems, sondern er hat altes, längst vorhandenes Wissen zusammengefaßt und geordnet. Die Raja Yoga Sutras sind etwa zwischen 600 vor und 500 nach Christus anzusiedeln. Da Patanjalis System mit dem Buddhismus große Ähnlichkeiten auf-weist, nimmt man an, daß entweder Patanjali von der buddhistischen Tradition beeinflußt wurde oder umgekehrt Buddha von Patanjali. Die Meinungen, ob Patanjali vor oder nach Buddha gelebt hat, gehen auseinander.
 

Sutras

Es gibt verschiedene Formen indischer Schriften. Sutras sind die kürzeste und prägnanteste Weise, etwas zu sagen – nicht nur im Yoga, sondern auf allen Gebieten. Es gibt zum Beispiel die Nadya Sutras über indischen Tanz, es gibt Sutras über Politik u.s.w.. Für den Jnana Yoga sind zum Beispiel die Brahma Su-tras sehr bedeutend. Aber es gibt nur dann eine Sutra, wenn die Tradition schon einige hundert Jahre alt und reif dafür ist, in Sutraform komprimiert zu werden. Sutra bedeutet wörtlich „Schnur“ oder „Faden“, was durchaus auch in unserer Kultur als „Leitfaden“ zu finden ist.

Eine Sutra ist kein Lehrbuch, das man liest und anschließend hat man alles verstanden. Es ist vielmehr als Leitfaden gedacht für den Lehrer, um dem Schüler den Raja Yoga beizubringen, indem er eben Sutra für Sutra durchgeht. Und es ist ein Leitfaden für den Schüler. In früheren Zeiten war es üblich, daß die Schüler die Sutras vollständig au.s.w.endig lernten, bevor der Lehrer irgendwelche Kommentare dazu abgegeben hat. Erst wenn der Schüler sie au.s.w.endig konnte, wurde er für fähig gehalten, im Raja Yoga unterwiesen zu werden. Sie sind übrigens nicht so schwer au.s.w.endig zu lernen, denn sie sind in Versen abgefaßt, die inhaltlich wie eine Schnur, eine Kette, aufeinander folgen. Man kann aus dem letzten Wort des vorhergehenden Verses jeweils fast schon den Anfang des folgenden Verses erraten.
Der Sinn des Auswendiglernens ist auch, daß der Text im Geist dann immer parat ist. Denn in früheren Zeiten gab es kaum Bücher. Die Inder haben auf Palmblätter geschrieben. Palmblätter sind schwierig zu präparieren und zu beschreiben und halten auch nur einige Generationen lang. Dann müssen sie neu ab-geschrieben werden. Einer der Gründe, warum man in Indien so große Schwierigkeiten hat zu bestimmen, von wann eine Schrift stammt, ist, daß man auf kein Original mehr zurückgreifen kann, sondern nur auf wiederholte Abschriften. Man kann also nicht beurteilen, ob eine Schrift nun schon Tausende oder „nur“ Hunderte von Jahren alt ist. Die Sutras wurden vorgelesen, vom Lehrer erklärt und von den Schülern gelernt. Dadurch lernten die Schüler auch ihren Geist und seine Arbeitsweise kennen.
Yoga Sutras lernt man nur wegen ihres Inhalts, man rezitiert sie nicht wie zum Beispiel die Bhagavad Gita oder die Upanishaden, die gleichzeitig Mantracharakter haben und durch ihre Klangschwingung wirken. Auch heute noch findet man es in Indien relativ häufig, daß die Bhagavad Gita rezitiert wird– nicht so die Yoga Sutras.
 

Aufbau der Raja Yoga Sutras

Die Raja Yoga Sutras bestehen aus vier Teilen, den sogenannten Padas. Pada bedeutet wörtlich „Fuß“ oder eben im übertragenen Sinn Kapitel. Jedes Kapitel ist in Verse unterteilt, die als Aphorismen oder Sutras bezeichnet werden. Das Wort Sutra bezieht sich sowohl auf das Gesamtwerk wie auch auf jeden einzelnen Aphorismus. Die vier Füße, Kapitel, auf denen die Sutras stehen sind:

· Samadhi Pada
· Sadhana Pada
· Vibhuti Pada
· Kaivalya Pada
Samadhi Pada wird oft auch als „Theorie des Geistes“ betitelt. Im ersten Kapitel beschreibt Patanjali, welche Stufen des Bewußtseins und welche Arten von Samadhi es gibt und wie der Geist funktioniert, bzw. was er ist. Er behandelt der Reihe nach, was Yoga ist, dann die verschiedenen Gedanken im Geist, die verschiedenen Weisen, wie man den Geist beherrschen kann, die verschiedenen Samadhi-Stufen (Savi-tarka, Nirvitarka, Savichara, Nirvichara, Sananda und Sasmita) als Formen von Sarvikalpa Samadhi, und schließlich Nirvikalpa Samadhi. Weiterhin schreibt er über die Hindernisse auf dem Weg, Hinweise zu deren Überwindung und schließlich nochmals über Samadhi und die Folgen von Samadhi.
Das zweite Kapitel hat als Hauptthema Sadhana, die spirituelle Praxis. Patanjali beschreibt dort zu-nächst den sogenannten Kriya Yoga, auf den wir noch zurückkommen werden, dann die Kleshas, die Ursa-chen des Leidens, was Karma ist und Teile der Raja Yoga-Philosophie, die letztlich aus dem Samkhya-System stammt. Dabei geht es um die Fragen: Was ist diese Welt, warum bin ich überhaupt in dieser I-dentifikation, was ist der Sinn des Ganzen, was ist Bindung und was ist Befreiung? Der bekannteste Teil der Raja Yoga Sutras, die acht Stufen des Yoga, findet sich ebenfalls im zweiten Kapitel. Speziell die ers-ten fünf Stufen – Yama, Nyama, Asana, Pranayama, Pratyahara – sowie ihre Wirkungen, wenn wir sie üben, sind hier beschrieben.
Die Kapitel sind nicht so systematisch, wie die Überschriften dies vermuten lassen, eben weil es Sutra–Stil ist und als Leitfaden zur Unterweisung und für die Praxis dient. Es würde unter diesem Gesichts-punkt keinen Sinn machen, das erste Viertel nur mit Theorie zu füllen, das zweite nur mit Praxis. Im ers-ten Teil überwiegt zwar die Theorie und im zweiten die Praxis, aber gleichzeitig findet sich im ersten Ka-pitel auch Praxis und im zweiten auch Theorie. Trotzdem ist das Hauptthema des ersten Kapitels Theorie des Geistes und des zweiten Kapitels spirituelle Übung. Letzteres umfaßt sowohl die eigentlichen Prakti-ken (Yama, Nyama, Asana, Pranayama, Pratyahara) als auch die Lebenseinstellung des Yogis, was dann wieder in die Philosophie und die Theorie des Karmas hineingeht.

Das dritte Kapitel beschreibt die höheren Stufen des Raja Yoga, nämlich Dharana, Dhyana und Samadhi, also Konzentration, Meditation und Überbewußtsein und deren Au.s.w.irkungen. Der größte Teil des 3. Kapitels behandelt die Auswirkungen, die es hat, wenn man in der Lage ist, den Geist ganz auf etwas zu konzentrieren. Wenn wir zu einer großen Konzentration fähig sind, entstehen außergewöhnliche Fähigkei-ten. Daher ist das 3. Kapitel ganz faszinierend. Es wird in den Kommentaren oft vernachläßigt in der Vor-stellung, das alles sei nur für sehr weit entwickelte Menschen oder die Siddhis (übernatürliche Fähigkei-ten), die dabei entstehen, seien doch nur Hindernisse auf dem spirituellen Weg, mit denen man sich als Aspirant gar nicht so sehr abgeben solle. Aber da Patanjali ein Viertel seines ganzen Werkes diesem The-ma widmet, kann es wohl doch nicht ganz so sein.

Swami Vishnu hat einige Aphorismen davon erläutert und gezeigt, daß sie nicht nur Siddhas (Meistern im Besitz übernatürlicher Kräfte) vorbehalten sind, sondern auf jeder Entwicklungsstufe ganz praktisch an-wendbar sind, um bestimmte Probleme zu lösen und Hindernisse im Geist wegzuräumen. Indem wir ler-nen, uns zu konzentrieren, kommen alle möglichen Fähigkeiten. Patanjali sagt im Grunde genommen, daß Konzentration alles ist. Und das gilt auf allen Stufen der Entwicklung. Konzentrationstechniken sind nicht nur für Menschen, die tatsächlich Samadhi erreichen, sondern auch für spirituelle Aspiranten, die ernsthaft auf dem Weg sind und Konzentration üben wollen. Swami Vishnu sagte immer: „Für einen Yogi mit Konzentration ist nichts unmöglich“ oder „Konzentration ist der erste Schritt der Meditation“, „Ein zerstreuter Geist ist unfähig zu meditieren“. Dazu gehört auch, im Alltag, im ganz Banalen, konzentriert zu sein. Diese Konzentration können wir im täglichen Leben mit Hilfe der anstehenden Aufgaben entwi-ckeln.Umgekehrt können wir auch die Schwierigkeiten des täglichen Lebens besser bewältigen, wenn wir konzentriert sind.

Swami Nidyananda pflegte zu sagen: „Concentrate, just concentrate“ – nicht auf etwas konzentrieren, sondern einfach nur konzentrieren, immer ganz konzentriert sein, dann kommt alles andere von selbst.
Wenn wir eine so starke Konzentration entwickeln, entsteht Macht, und Macht korrumpiert. Patanjali beschreibt hier ganz großartige Dinge, wie wir zum Beispiel den Geist anderer Menschen kennenlernen und beeinflussen, Vergangenheit und Zukunft sehen, unsere früheren Leben erfahren, größer, kleiner, unsichtbar, schwer, leicht u.s.w.. werden können – was sowohl wörtlich zu verstehen ist als auch im über-tragenen Sinn. Wir werden es hier mehr im übertragenen Sinn interpretieren: Wie diese Techniken uns schwergewichtig machen, so daß wir wahrgenommen werden, wenn wir etwas zu sagen haben, oder wie sie uns unsichtbar machen, so daß wir von anderen Menschen in einer bestimmten Situation nicht wahr-genommen werden. Es ist aber auch durchaus wörtlich zu nehmen. Ich selbst habe mehrmals erlebt, wie Swami Vishnu in die Zukunft sehen konnte, daß er hellseherische Fähigkeiten hatte und Ereignisse, die eigentlich unmöglich waren, möglich gemacht hat. Wenn er eine Vision hatte, spielte es keine Rolle, ob es äußerlich möglich war oder nicht – es hat sich einfach manifestiert.

Die Gefahr dabei ist, daß das Ego sich aufbläst. Daher sagt auch Patanjali, die Siddhis, die sich dabei entwickeln, sind Hindernisse, denn sie verstärken das Ego. Je fortgeschrittener wir sind, desto weniger werden wir unsere geistigen Kräfte benutzen. Allerdings für den, der fortgeschritten, aber noch nicht so sehr fortgeschritten ist, ist es gut, diese Techniken zu üben, um die Konzentration weiterzuentwickeln und seinen Geist zum Instrument Gottes werden zu lassen.

Bei all dem müssen wir Hingabe zu Gott üben, uns bewußt sein, auch wenn wir unsere Konzentrationsfä-higkeit benutzen, sind wir Diener Gottes und stellen all unsere Fähigkeiten, unser Prana, als Instrument Gottes zur Verfügung. Vor diesem Hintergrund spricht nichts dagegen. Wir entwickeln dann diese Fähig-keiten, um ein besserer Diener Gottes zu werden und nicht, um ein dickes Ego zu bekommen. Nicht „Das habe ich toll gemacht“, sondern: „Gott wirkt durch mich hindurch“. Man muß sich immer als Kanal Gottes sehen und alles, was man an Fähigkeiten bekommt und erreicht, als Gnade Gottes empfinden.

Das vierte Kapitel ist Kaivalya, die Befreiung. Es enthält zwar tatsächlich einiges über Befreiung, aber relativ unzusammenhängend auch über alle möglichen anderen Themen. Es gab auch eine Theorie, nach der das vierte Kapitel nicht von Patanjali sein könne, weil hier ein Aphorismus auf den anderen folgt, ohne daß sie miteinander etwas zu tun hätten. Laut der modernen Kommentatoren soll es aber trotzdem von Patanjali sein. Er hat eben in dieses vierte Kapitel alles hineingebracht, was nicht in die Logik und Aufeinanderfolge von Versen der ersten drei Kapiteln hineingepaßt hat, aber trotzdem wichtig ist. Er spricht zum Beispiel nochmals über Siddhis, die übernatürlichen Kräfte und deren mögliche Ursachen. Er geht erneut auf Karma ein, auf den Unterschied zwischen Chitta und Atman (Geist und Selbst), auf das Wesen des Gedankens, die Philosophie der Wahrnehmung und er endet natürlich mit Kaivalya, der Be-freiung.
 

 

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