Gleichnisse für Menschen in allen Lebenslagen
9. Kapitel
Die Natur des Jivanmukta
Gleichnis vom Traum des Jägers
Ein Jäger legte sich schlafen. Im Traum jagte ihn ein wilder
Löwe und war gerade im Begriff, ihn anzuspringen. Voller Angst
schrie er laut auf. Er träumte, daß er sich bückte,
um Pfeil und Bogen aufzuheben und seinem Kamerad zurief: „Gib mir
Pfeil und Bogen.“ Während er sich so um Pfeil und Bogen bemühte,
fiel er aus dem Bett. Er wachte auf. Sein Sohn, der im Nebenraum
schlief, hörte seinen Schrei und die Worte: „Gib mir Pfeil
und Bogen.“ Er wußte nicht, was los war und eilte mit Pfeil
und Bogen in den Raum. Der Vater lächelte und schüttelte
den Kopf: „Nein, Pfeil und Bogen brauche ich jetzt nicht. Es war
nur ein Traum. Obwohl ich nun wach bin und weiß, daß es
nur ein Traum war, erinnere ich mich lebhaft daran.“
Ebenso läßt sich Jiva, die individuelle Seele,
auf dem Bett eines Körpers nieder. Der Mensch träumt
oder glaubt, im Wald dieser Welt umherzuwandern. Bedrohungen in
Form von Krankheit, Armut, Alter usw. kommen auf ihn zu. Er weint
und schreit. In solchen Situationen greift er gewöhnlich nach
den Waffen der Sinnesbefriedigung, mit denen er vergeblich versucht,
das Leid zu töten. Durch die Gnade Gottes kann er sich von
seinem Körperbewußtsein lösen. Er erlangt Jnana,
direktes Wissen aus Erfahrung. Seine Familie und Freunde behandeln
ihn wie immer. Er jedoch lächelt und gibt den Sinnen nicht
mehr nach. Er ist erwacht. Er weiß nun, daß sein bisheriges
Leben in Unwissenheit ein langer Traum war, über den er jetzt
lachen kann. In seiner erwachten Seele gibt es kein Leid mehr.
Darum hat die Befriedigung der Sinne keine Bedeutung mehr für
ihn.
Gleichnis von der Fackel im Dunkeln
Ein Mann betrat im Dunkeln sein Zimmer. Er wollte ein Licht anzünden,
fand aber die Fackel nicht. Während er danach suchte, stolperte über
viele Dinge und schlug sich den Kopf hier und dort an. Dann hielt
er endlich die Fackel in der Hand. Kaum hat er sie angezündet,
verschwindet die Dunkelheit. Jetzt kann er sich frei und leicht
im Raum bewegen.
Ein spiritueller Sucher betritt die dunklen Höhlen
seines Inneren, wo das Licht des Selbst zu finden ist. Während
seiner Suche stolpert und fällt er und schlägt sich den
Kopf hier und dort an. Und schließlich kommt der Augenblick – der
größte aller Augenblicke – und das Licht befindet sich
in seinen Händen. Die Unwissenheit schwindet mit einem Schlag.
Das Licht des Selbst scheint auf seine Seele. Es gibt keine Kämpfe,
keine Probleme mehr. Er bewegt sich frei als ein Jivanmukta (lebendig
Befreiter).
Gleichnis vom Kind und vom Schatten
Der ältere Sohn des Hauses war in der Küche. Er
glaubte, sein kleiner Bruder, der noch ein Baby war, sei allein
im Zimmer nebenan. Plötzlich hörte er das Kind lachen,
spielen und sprechen. Vor seinem geistigen Auge entstand das Bild
eines Eindringlings, der dem Kind Süßigkeiten gibt und
dabei dessen goldenen Schmuck stiehlt. Bestürzt eilt er in
den Nebenraum. Dort sieht er das Kind mit seinem eigenen Schatten
spielen, der sich an der Wand abzeichnet. Er ist beruhigt und umarmt
das Brüderchen voller Liebe.
Ähnlich ist der weltliche Mensch mit der Befriedigung
seiner materiellen Bedürfnisse beschäftigt und glaubt,
der Sadhu (Mönch, Heiliger, Weiser) sei ein einsames Wesen
in einem anderen Teil des Wohnhauses Gottes. Plötzlich hört
er jede Menge Gelächter und „Leben“ im Lager des Sadhu. In
seiner Unwissenheit bildet er sich ein, der Dieb von Maya (Täuschung)
sei ins Lager des Sadhu eingedrungen und habe ihn der Schmuckstücke
seiner Tugenden wie Vairagya (Leidenschaftslosigkeit), Viveka (Unterscheidungskraft)
und spirituelle Erleuchtung beraubt, nachdem er ihm ein wenig Bequemlichkeit
und Komfort angeboten hat. Mit diesen Gedanken wirft der weltliche
Mensch einen genaueren Blick auf den Sadhu. Der Jivanmukta (lebendig
Befreite) spielt mit seinem eigenen Schatten und freut sich darüber.
In seinen Augen sind alle Jivas (Individuen) der Welt nichts anderes
als sein eigener Schatten. Weder hat er etwas bekommen noch etwas
verloren.
Gleichnis von der Verschmutzung des Feuers
Ein Mann, der an einer schweren Krankheit litt, hatte etwas
gegessen. Um zu vermeiden, daß andere sich ansteckten, warf
er die Unterlage, von der er gegessen hatte, in ein Feuer, das
in der Nähe brannte. Ein strenggläubiger Brahmane beobachtete
das und empörte sich darüber, da er glaubte, das Feuer
sei dadurch verunreinigt worden. Nun wußte der Brahmane nicht,
was er dagegen tun sollte. Was tut ein Mensch, wenn er schmutzig
ist? Er gießt sich Wasser über den Kopf. So schüttete
der Brahmane nun Wasser in das Feuer, um es zu reinigen. Das Feuer
ging prompt aus und der Abfall, den es verbrennen sollte, blieb übrig.
Ein anderer Brahmane wies ihn zurecht: „Was für einen Schaden
hast du angerichtet! Wie könnte Feuer, der Läuterer von
allem, je beschmutzt werden? Der Mann hatte vollkommen recht, denn
er wollte die Gemeinschaft vor Ansteckung schützen. Das Feuer
verbrennt die Krankheitskeime. Durch deine fixe Idee, das Feuer
sei verunreinigt, hast du die großartige Reinigungsarbeit,
die das Feuer vollbringt, zunichte gemacht.“ Der weise Brahmane
brachte das Feuer wieder in Gang und ließ den Abfallhaufen
zu Asche verbrennen.
Das Feuer ist mit einem Jivanmukta (lebendig Befreiter)
vergleichbar. Er verbrennt in allen Wesen das Sündhafte und
Böse. Sein Licht strahlt hell, verbrennt die Sünden der
Menschen und transformiert sie zur reinen Asche des Wissens (Jnana).
Ein für seine Bösartigkeit bekannter Mensch kommt zu
ihm. Um seinen Segen zu erlangen, bietet er dem Jivanmukta seinen
Reichtum oder sein Haus an. Wenn der weltliche, rechtgläubige
Mensch das sieht, zerbricht er sich den Kopf darüber. Er fürchtet,
der Jivanmukta könne von den Sünden des Schurken befleckt
werden. Er glaubt tatsächlich, der Jivanmukta selbst sei nun
zu einem bösen Menschen geworden! Infolge dieser Unterstellung
behandelt er den Jivanmukta nicht mehr ehrerbietig, so daß dieser
den Ort verläßt. Was ist die Folge? Der böse Mensch,
der gerade angefangen hat, sich durch die göttliche Präsenz
des Jivanmukta zu bessern, übernimmt wieder Vorherrschaft.
Die rechtschaffene Ordnung ist wieder gestört. Ein weiser
Mensch betritt diese Szenerie und tadelt den orthodoxen, törichten
Menschen. Er sagt: „Wie töricht von dir, zu glauben, daß der
Jivanmukta von der Schlechtigkeit des Schurken beschmutzt werden
könnte! Was weißt du von der alles läuternden Natur
des lebendig Befreiten? Nichts kann ihn beflecken. Er verweigert
niemandem seinen Segen. Er vernichtet glücklich und freudig
die Sünden aller. Der böse Mensch hatte recht, bei ihm
Zuflucht zu suchen, ihm sein Vermögen und sein Haus zu überlassen.
Der Jivanmukta läutert alles. Nun hast du ihn vertrieben und
damit unsagbares Leid über die gesamte Gemeinschaft gebracht.“ Er
holt den Jivanmukta zurück und dieser fährt fort in seiner Mission,
die Seelen der Menschen zu läutern.
Gleichnis von den Kühen und den Kratzpfeilern
Die Kühe eines Dorfes wurden jeden Tag auf die Weide
gebracht. Wenn sie dann stundenlang gegrast hatten, versammelten
sie sich um den Kuhhirten, um sich den Nacken kratzen zu lassen.
Der Kuhhirte schuf zu diesem Zweck einen Pfeiler mit einer leicht
angerauhten Oberfläche. Nun konnten die Kühe ihren Nacken
daran reiben und kratzen.
Ein Jivanmukta führt viele Jivas (Einzelseelen, Individuen)
zu den reichhaltigen Weidegründen des Sadhana (spirituelle
Praxis) mit dem Ziel der Gottverwirklichung. Sie können aber
nicht 24 Stunden lang in Meditation versunken sitzen. Das rajasige
(aktive) Temperament läßt sie rastlos werden und sie
suchen ein Betätigungsfeld für dieses „Nervenjucken“.
Darum gründet der Jivanmukta eine Institution, in der diese
Menschen beschäftigt sind. Der Jivanmukta beobachtet all dies
mit Freude und Befriedigung, ohne an die Einrichtung verhaftet
zu sein, die nur zum Nutzen der strebenden Seelen geschaffen worden
ist.
Teil 2
ANDERE GLEICHNISSE
Gleichnis von König Janaka und den Schriftgelehrten
Einige Pandits (Schriftgelehrte) kritisierten: „König
Janaka ist ein weltlicher Mensch. Wie kann er ein Weiser oder ein
Heiliger sein?“ König Janaka wollte ihnen eine Lehre erteilen.
Er rief alle Gelehrten zusammen und richtete ein großartiges
Fest für sie aus. Viele schmackhafte Gerichte wurden aufgetragen.
Doch zu ihrer Verwunderung schwebte über ihnen ein Schwert,
das nur an einem Haar hing. Zitternd griffen sie bei den Speisen
zu und verzehrten sie hastig.
Nach der Feier versammelten sich alle am Königshof
(Durbar). König Janaka fragte: „Nun, habt ihr gut gegessen?
Waren die Gerichte nach eurem Geschmack?“ Die Pandits antworteten: „Wir
können uns an nichts anderes erinnern als an das Haar. Wir
konnten immerfort nur daran denken.“ Janaka sagte: „Oh, ihr Gelehrten,
genauso ist es um meinen Geist bestellt. Er richtet sich nur auf
Brahman (das Absolute) und weiß nichts von dieser Welt.“ Beschämt
senkten die Gelehrten den Kopf. Sie verstanden, was es bedeutet,
ein Jivanmukta (lebendig Befreiter) zu sei. Dieser erfüllt
nur äußerlich seine täglichen Pflichten, denn sein
Geist ist nicht von dieser Welt, sondern mit dem Absoluten vereint.
Gleichnis von der alten Frau und der Nadel
Eine alte Frau suchte draußen im Mondschein nach etwas.
Ein Mann fragte sie: „Sag mir, was suchst du denn?“ Sie antwortete: „Ich
habe im Haus eine Nadel verloren. Da es drinnen jedoch dunkel ist,
suche ich sie hier.“
Weltliche Menschen sind wie diese alte Frau. Sie suchen
in der sichtbaren Welt ihr Glück, wo es aber nie existiert.
Schaue statt dessen in dich hinein, indem du deinen Geist kontrollierst
und du wirst das Glück in deinem eigenen Selbst finden.
Gleichnis von der Schwiegermutter und dem Bettler
Ein Bettler kam zu einem Haus, als die Hausherrin gerade
nicht da war. Die Schwiegertochter weigerte sich, ihm Almosen zu
geben. Also ging er wieder. Auf der Straße traf er die Schwiegermutter.
Er erzählte ihr, daß die Schwiegertochter ihm nichts
gegeben habe. „Dazu hat sie kein Recht,“ brauste die Schwiegermutter
auf, „komm mit mir.“ Voller Erwartungen kehrte der Bettler mit
ihr zum Haus zurück. Als sie nun dort ankamen, drehte sich
die Frau um und sagte: „Geh deines Weges. Ich möchte dir auch
keine Almosen geben. Aber in diesem Haus habe nur ich das Recht,
sie dir zu verweigern, und nicht meine Schwiegertochter.“
So ist es auch, wenn ein Mensch sich voll Überdruß von
den weltlichen Dingen abwendet. Der spirituelle Lehrer beauftragt
ihn, nicht untätig zu bleiben und der Welt nicht zu entsagen.
Im Gegenteil, der Meister predigt sogar Geschäftigkeit, als
sei die Welt Realität! Er weist den Sadhaka (spiritueller
Schüler) an, zu arbeiten, allen zu dienen und alle zu lieben,
so als existierten die „Vielen“ tatsächlich. Wenn die Zeit
reif ist, erlangt der Schüler die Selbstverwirklichung. Erst
dann kann er die weltlichen Dinge endgültig und wahrhaftig
aufgeben und geht im Bewußtsein des Einen völlig auf.
So entwickelt sich die Entsagung aus der Selbstverwirklichung heraus.
Dann erst steht es in seiner Macht, der Welt und ihrem Trubel zu
entsagen. Er hat das allem innewohnende eine Selbst erkannt. Das
Motiv des Aspiranten ist Ajnana-Vairagya – Wunschlosigkeit, die
durch die schmerzvolle Natur der Welt erzeugt wurde. Der Heilige
hat Jnana-Vairagya (Entsagung aus Erkenntnis und Wissen heraus)
erlangt, weil er die wesentliche Natur des einen Selbst erkannt
hat, welches das eine, unteilbare, alles durchdringende Bewußtsein
ist, die große, allem innewohnende Präsenz. Hat man
dies erreicht, so ist man am Ziel seiner Wünsche angelangt.
Gleichnis vom gewährten Wunsch
Einst lebte ein junger Mann in einem Dorf in der Nähe
des Tempels. Er entwickelte Liebe zu Gott um des Prasads und des
Läutens der Glocken willen. Seine Gottesliebe war unschuldig
und kindlich. Er hielt die in Stein gemeißelten Statuen für
Gott und betete zu ihnen: „Oh Gott! Gewähre mir, was immer
und wann immer ich etwas möchte. So werde ich immer glücklich
und dir für immer dankbar sein.“ Das war sein ständiges,
einziges Gebet.
Über diese Hingabe höchst gerührt, erschien
ihm eines Nachts Gott im Traum und fragte: „Du kannst zwischen
zwei Wünschen wählen: Jeder Wunsch, den du hast, um deine
Bedürfnisse zu befriedigen, wird dir dein Leben lang erfüllt
bis zu deinem Ruhestand. Im Alter wird es dann niemanden mehr geben,
der dir helfen kann. Oder möchtest du ein sorgenfreies, glückliches
Leben als Bettler, wo du jeden Tag eine Kleinigkeit zu essen sowie
die notwendige Kleidung und ein Obdach hast?“
In der natürlichen Verblendung der Jugend antwortete
er: „Oh Herr! Ich ziehe das erste vor.“ Gott gewährte es ihm.
Grenzenlos war daraufhin die Freude des jungen Mannes. Er dachte,
er würde glücklich sein, wenn er alles, was er wollte,
umgehend bekam.
So betete er beispielsweise: „Oh Gott! Gewähre mir eine gute
Ausbildung ohne Anstrengung“ und sogleich wurde diese ihm gewährt.
Dann bat er etwa: „Oh höchster Gott! Lasse mich jeden Tag
köstliche Speisen aus allen Teilen des Landes genießen,
wie Pak aus Mysore, Rasagulla aus Bengalen, Laddus aus Sandilla
usw.“ Gott sagte: „So sei es. Du sollst sie sofort haben.“ „Oh
Allmächtiger! Gestatte mir, mich an Frau und Kindern zu erfreuen.
Ich habe ein starkes Bedürfnis zu heiraten. Kümmere dich
um meine häusliche Bequemlichkeit.“ Auch dies gewährte
ihm Gott. Wieder nach einiger Zeit: „Oh süße Vorhersehung!
Ich möchte nach Badrinath (Pilgerort im Himalaya) gehen. Sei
so freundlich, sorge für meinen Körper und statte mich
mit allem Notwendigen aus.“ Und Gott antwortete: „In Ordnung. Nimm
deine Sachen mit, Kleidung, Geld, und was sonst du noch benötigst.“
Im Laufe der Zeit wurde der Verehrer richtig aufgeblasen
vor lauter Stolz und begann, Gott selbst Befehle zu erteilen: „Oh
Gott der Götter! Mache mich zum Herrn über Dich.“ Gott,
der seinen Wunsch schon vorher erraten hatte, zog sich zurück,
um keine Antwort geben zu müssen.
So vergingen die Jahre. Je mehr Wünsche erfüllt
wurden, um so mehr forderte er. Gott aber wollte, daß der
Mann sich ihm zuwende. Er ließ ihn die Bedingung vergessen,
die ursprünglich an die Wunscherfüllung gebunden gewesen
war. Als sich das Alter und der Ruhestand näherten, brachte
er den Mann dazu, ein letztes Mal zu fragen: „Oh Gott! Meine Jahre
schwinden. Meine Frau ist alt und verhärmt, gleichgültig
und unzugänglich geworden. Meine Kinder gehen ihre eigenen
Wege. Dennoch möchte ich mich weiter am Leben erfreuen, nun,
da mir nur noch wenige Jahre verbleiben. Ich möchte das Leben
genießen und meine Herzenswünsche befriedigen, bevor
ich diesen Körper verlasse.“ Da sagte Gott: „Dein Wunsch soll
sich erfüllen.“ Daraufhin führte er ein unbekümmertes,
ausschweifendes Leben aus Angst, etwas ungenutzt vorbeigehen zu
lassen. Schließlich wurde er unheilbar krank. Jeden Tag klagte,
weinte und schrie er nun. Es gab niemanden, der ihm hätte
helfen können. Die verfluchten Tage waren da.
Weinend und klagend beschloß er zuletzt, sein Leben
durch einen Sprung von der Brücke in der Nähe des Dorfes
zu beenden. Mitten in der Nacht tastete er sich dorthin. Er verfluchte
sich, daß er damals im Traum nicht den zweiten ihm angebotenen
Weg gewählt hatte. Er brachte sein Herz nochmals Gott dar
und machte sich daran, im nächsten Moment hinunterzuspringen.
Doch plötzlich spürte er, wie er von hinten unwiderstehlich
zurückgezogen wurde. Es war jedoch niemand zu sehen. Als er
sich wütend und widerwillig, voll Kummer und Enttäuschung,
umdrehte, sah er etwas entfernt ein loderndes Feuer. Dieses zog
ihn magisch an. Es war, als riefe jemand von dort ihn. Er ging
auf das Feuer zu. Auf dem Weg trat er auf eine kriechende, sich
windende Schlange. Er zündete ein Streichholz an – und siehe
da, es war gar keine Schlange, sondern ein Seil. Er verfluchte
sich und Gott, weil damit eine weitere Chance, sein Leben loszuwerden,
vertan war. Er schritt weiter auf das Feuer zu, das mit jedem Schritt
an Intensität zunahm. Die Morgendämmerung war bereits
nahe. Noch einmal faßte er den Entschluß, sich in einem
nahe gelegenen Brunnen zu ertränken. Als er die Feuerstelle
erreichte, verschwand diese. Ein Sadhu (Mönch, Heiliger, Einsiedler)
mit einem leuchtenden, strahlenden Gesicht kam aus einer kleinen
Hütte und sagte: „Das Leben ist nicht dazu da, vorsätzlich
zu sterben. Wie unwissend, zu versuchen, dir selbst ein Ende zu
machen! Gib diese Idee auf. Bat ich dich nicht in jener Nacht,
zwischen der lebenslangen Erfüllung deiner Wünsche bis
ins Alter und einem glücklichen, wunschlosen, asketischen
Leben zu wählen! Ändere dich wenigstens jetzt noch. Kein
Mensch voller Wünsche ist jemals glücklich. Wünsche
vervielfältigen sich ständig. Das Geheimnis der Erfüllung
von Wünschen liegt darin, keine Wünsche zu haben. Ich
habe Mitleid mit dir. Gehe zu dem Bach dort und nimm ein Bad. Es
ist jetzt Brahmamuhurta (frühe Morgenstunden zwischen ca.
3-6 Uhr morgens. Diese Zeit gilt als besonders geeignet zum Meditieren).
Beeile dich. Ich werde dich in das Wissen um Brahman, das Absolute,
einweihen, das dich wunschlos und frei von Krankheit macht und
durch das du eins wirst mit mir. Setze dich zu mir und bete. So
wirst du in vollkommener Glückseligkeit erstrahlen.“
Mit diesen Worten schickte ihn der Sadhu zum Bach. Als er
zurückkehrte, fand der alte Mann weder die Hütte noch
den Einsiedler vor. Statt dessen lagen neben der Feuerstelle ein
Bettelstab (Hamsa Danda = Stab eines Wandermönchs), eine Bettelschale
(Kamandalu), ein Lendenschurz (Kaupeen) und ein Hirschfell, in
Form eines „Om“ angeordnet. Vergeblich suchte er den Sadhu. Niedergeschlagen
und verwirrt, mit seiner Weisheit am Ende, wußte der Mann
nicht mehr, was tun. Da vernahm er eine Stimme von oben: „Geliebtes
Selbst! Ich helfe allen, die in Not sind, wo immer sie sich befinden,
durch mein Leuchten und meine Ausstrahlung. Das Feuer, das du von
der Brücke aus gesehen hast, war ich selbst. Ich bin du. Aber
du bist nicht ich. Ich bin in dir, Ich bin mit dir und Ich bin
um dich herum. Fürchte dich nicht. Erinnere dich immer an
Mich. Ich werde dich zu Mir führen. Es gibt nichts, wovor
du dich fürchten müßtest. Ich weiß, was in
dir vorgeht. Ich werde dich Eins mit Mir machen, so daß du
das Feuer und der Glanz wirst, die du gesehen hast.“
Nun erkannte der Mann den Willen Gottes in den dort liegenden
Gegenständen, den typischen Kennzeichen eines Entsagten (Sannyasin).
Er nahm ein Leben als Sannyasin auf, um Om zu wiederholen und eins
mit Om zu werden.
Gleichnis vom Sadhu und dem Schwert
Ein König durchquerte den Dschungel. Unterwegs wurde
er außerordentlich durstig und hatte auch das Bedürfnis
nach einem erfrischenden Bad. Er kam zur Einsiedelei eines alten
Asketen, den er fragte: „Gibt es hier in der Nähe einen Fluß oder
einen See, wo ich ein Bad nehmen und mich erfrischen kann?“ „Ja,
etwa einen Kilometer von hier gibt es einen Fluß mit kühlem,
erfrischendem Wasser. Das Wasser ist auch läuternd und heilig.“ „Kann
ich mein Gepäck so lange hier lassen? Es wäre sinnlos,
das alles mitzunehmen.“ „Ja natürlich, lasse es hier. Oh,
was ist das für ein glänzendes Ding?“, fragte der Asket,
als der König ihm die goldene Scheide seines Schwertes gab.
Der König zog das funkelnde Schwert aus der Scheide, und der
Einsiedler bewunderte es in kindlicher Einfalt. Der König
sah, daß der Einsiedler in seinem ganzen Leben noch kein
Schwert gesehen hatte. Bevor er ging, warnte er ihn: „Bitte sei
vorsichtig damit.“
Das Schwert interessierte den Einsiedler. Er versuchte,
seine Eigenschaften herauszufinden. Er nahm es aus der Scheide,
und legte es auf den Boden. Dabei schnitt es sofort tief in das
weiche kusha-Gras, auf dem er saß. Der Asket wurde neugieriger.
Er nahm das Schwert in die Hand und schlug auf eine Wassermelone,
die dadurch zweigeteilt wurde. Zwei Rehe rannten an der Hütte
vorbei. Der Einsiedler warf das Schwert nach ihnen. Eines wurde
getroffen und war sofort tot. In diesem Augenblick kam der König
zurück. Ungehalten darüber, daß der Asket die Waffe
auf diese Art mißbraucht hatte, ließ sich seine Kshatriya
(Krieger)-Natur zu einigen scharfen Worten hinreißen. Daraufhin
stürmte der Einsiedler mit dem Schwert auf den König
zu. Aber der weise König schoß einen Pfeil auf ihn ab
und verletzte die Hand, die das Schwert hielt. In diesem Augenblick
erkannte der Einsiedler den schrecklichen Fehler, den er beinahe
begangen hätte.
So praktiziert auch ein Yogi (jemand, der Yoga übt)
tiefe Meditation. Er macht Fortschritte im Raja Yoga (Yoga der
Geistesbeherrschung) und nach einiger Zeit der Praxis bringt ihm
das einige wunderbare Siddhis (übernatürliche Kräfte)
ein. Der Yogi setzt sie zunächst für einfache und harmlose
Zwecke ein. Er findet heraus, daß diese Kräfte ihn von
einfachen Leiden befreien können. Er kann wilde Tiere unter
seine Kontrolle bringen, so daß sie ihn nicht verletzen.
Er ist auch in der Lage, manche Menschen zu beeinflussen und sie
dazu zu bringen, ihm zu dienen. Von einem Experiment zum anderen
macht er Fortschritte im Gebrauch seiner psychischen Kräfte.
Nun stellt er fest, daß diese seine Kräfte enorm sind
und hört mit seinem Sadhana (spirituelle Praxis) und seinem
Tapasya (Askesepraktiken) auf, und stürzt sich kopfüber
in den Abgrund der Täuschung. Er durchschneidet die Lebensader
des Yoga selbst und zerstört das Sadhana, dem er seine Kräfte
verdankt. Aber zur rechten Zeit steigt die göttliche Gnade
herab und entfernt die Ursache in ihm, die ihn von seinen Kräften
Gebrauch machen ließ. Der yogi erkennt seinen ernsten Fehler
und hat von nun an kein Verlangen mehr nach Siddhis. Er gelangt
zu höchstem Frieden.
Gleichnis vom Jungen, der die Uhrzeit nicht lesen konnte
Ein Mann fragte einen Jungen: „Mein Kleiner, sage mir, wie
spät ist es?“ „Onkel, ich kann die Uhr nicht lesen.“ „Ich
verstehe. Seit wann kannst du sie schon nicht lesen?“ Der Junge
schwieg, denn er konnte diese Frage nicht beantworten. „Gott weiß es,
Onkel,“ erwiderte er schließlich.
Manche Menschen, die stolz auf ihren Intellekt sind, fragen
die einfachen Heiligen: „Seit wann verschleiert Avidya (Unwissenheit)
die Wahrheit, oder wann ist Avidya entstanden?“ Das sind transzendentale
Fragen, die nicht zu beantworten sind. Schweigen ist die einzige
Antwort. „Nur Gott weiß es.“
Gleichnis vom Vogel und der Baumwollkapsel
Ein Vogel hatte sein Nest auf dem Zweig eines Baumwollbaumes
gebaut. In der Nähe des Nests hing eine unreife Frucht. Jeden
Tag schaute der Vogel nach ihr und dachte: „Sobald sie reif ist,
werde ich sie essen.“ Er wartete und wartete. Eines Tages, als
der Vogel wieder einmal verlangend danach schaute, sprang die Kapsel
plötzlich auf und die Samenbällchen flogen davon! Der
Vogel war sehr enttäuscht.
Ein junger Mensch denkt, er wird im Alter Yoga praktizieren.
Aber die Tage vergehen. Schließlich verläßt das
Leben seinen Körper. Er hat umsonst gelebt. Darum nimm dein
Leben jetzt in die Hand und verschiebe nichts.
Gleichnis vom Mann im Maul der Pythonschlange
Zwei Männer waren hintereinander auf einem Dschungelpfad
unterwegs. Der Vordere wurde plötzlich von einer riesigen
Pythonschlange angegriffen, die sich um ihn wand und ihn verschlang.
Der zweite Mann blieb zögernd stehen. Der erste Mann, der
bereits zur Hälfte von der Python verschlungen war, rief ihm
zu: „Du Narr, warum stehst du da und zögerst? Komm, ich bin
da, um dich zu führen und zu beschützen!“
Der Mensch wird von der riesigen Python namens Maya (Illusion,
Täuschung) ergriffen. Obwohl sie ihn verschlingt, ist seine
Verblendung so groß, daß er damit prahlt, andere beschützen
und ihnen zum Glück verhelfen zu können!
Gleichnis vom Studenten und dem Engel
Es war einmal ein Student, der gewöhnlich bis spät
in die Nacht hinein über seinen Büchern saß und
arbeitete. Da er sehr arm war, hatte er große Mühe,
Geld für Bücher und Öl für seine nächtlichen
Studien aufzubringen. Eines Nachts schlief er während seiner
Studien vor Müdigkeit ein. Da hatte er im Traum eine Vision
eines himmlisches Wesen, das ihm sagte: “Öffne den Mund, und
ich werde eine Pille mit dem gesamten Wissen des Universums hineinlegen.
Dann bist du alle deine Probleme los und kannst dich in Frieden
ausruhen.“ Aber der Student erwiderte: „Ich möchte nicht das
gesamte Wissen des Universums in meinem Mund. Sei nur so großzügig,
mich mit Öl für meine Studien zu versorgen.“ So endete
die Vision, und der Junge wurde durch seine eigenen Bemühungen
zu einer der größten Persönlichkeiten seines Zeitalters.
Ein Sadhaka (spiritueller Aspirant) sollte dieselbe Gesinnung
haben. Nur dann wird er rasch den Gipfel des Wissens erlangen.
Eine Mutter kann ihrem Sohn Nahrung geben, aber sie kann nicht
für ihn verdauen. Ein Lehrer oder Führer kann den richtigen
Weg zeigen, aber gehen muß man ihn selbst.
Erwarte nicht, Wissen ohne jegliche eigene Anstrengung zu
erlangen. Das ist nur ein Traum. Allein die aufrichtige Bemühung
vermag die Gnade des Guru oder Gottes anzuziehen. Wer vor Schwierigkeiten
flieht, wird niemals frei von ihnen. Doch wer sich ihnen mutig
stellt, wird sie überwinden können und noch in diesem
Leben höchsten Frieden und Glückseligkeit erlangen.
Gleichnis vom Wasser und vom Feuer
Einst trafen sich Feuer und Wasser an den Ufern des Ganges,
um den Jahrtausende alten Zwist, wer von ihnen mächtiger sei,
auszutragen. Das Wasser machte seine Tapferkeit geltend, und führte
zahlreiche Situationen an, die seine Fähigkeit unter Beweis
stellten, selbst große Feuer zu löschen. Das Wasser
argumentierte, das Feuer könne ihm gar nichts anhaben, außer
wenn es, das Wasser, sich in kleinen Gefäßen befinde.
Diese Andeutung nahm das Feuer auf, wohl wissend, daß es
keinen direkten Sieg über das Wasser gewinnen könne.
Es begann zunächst über die Großartigkeit des Wassers
zu sprechen und sagte anschließend: „Mein liebes Wasser,
schau, wie schmutzig es um dich herum ist. Warum gehst du nicht
in dieses wunderschöne goldene Gefäß, so daß du
für immer rein und sauber bleibst?“ Das Wasser ließ sich
verlocken. Sobald es in den goldenen Kessel gesprungen war, brachte
das Feuer es mit aller Kraft zum Kochen. Zunächst empfand
das Wasser die Wärme noch als behaglich. Als jedoch der Siedepunkt
erreicht war, fühlte das Wasser die Qual und begann, über
seine Torheit zu brüten.
Deine reinen Gedanken, dein unterscheidender Intellekt,
deine Vernunft, dein Streben nach Befreiung (Mumukshutwa) und deine
Liebe zur Seele, zum Spirituellen, sind wie das Wasser. Nichts
kann es beflecken, solange es seines eigenen Weges geht. Es ist
immer rein und sauber. Es hat die Kraft, alles zu reinigen.
Dein Anhaften an den Körper und weltliche Dinge ist
wie das Feuer. Feuer ist wild. Es ist genauso machtvoll wie Wasser.
Wenn eines von beiden das andere übertrumpft, rächt sich
das Unterlegene, denn es hat die Macht, ersteres zu foltern.
Oh Mensch, schütze und sichere deinen Wunsch nach Befreiung
(Mumukshutwa), deine Vernunft, deine Unterscheidungskraft. Sie
sind mächtig.
Die Liebe zum Körper verlockt dich, ein wenig Bequemlichkeit
zu suchen. Du fühlst dich behaglich und glaubst, du seist
nicht an die Annehmlichkeiten gebunden. Die äußeren
Annehmlichkeiten werden allmählich größer und größer,
und sie werden wärmer und wärmer wie das Wasser. Du fühlst
dich gut. Aber wenn es zum Siedepunkt kommt, dann spürst du
es. Du wirst zu einem Sklaven des Komforts. Du verlierst deine
Kraft und Fähigkeit, das Feuer der Lust, der Gier usw. zu
löschen. Kurz gesagt, du bist verloren.
Höre nie, niemals, auf die Stimme der Sinne. Sei vorsichtig.
Lasse die höchste Kraft deiner Bestrebung sich behaupten,
deine Liebe zur Seele. Dann wirst du unberührt bleiben vom
Feuer, der niederen Natur in dir, den alten, negativen Vasanas
(Neigungen).
Gleichnis vom Opiumraucher und dem Spiegelbild des Mondes
In einer mondhellen Nacht waren drei Opiumraucher auf der
Suche nach Feuer, um ihre Zigarren anzuzünden. Sie kamen an
einen Fluß. Das Mondlicht spiegelte sich in den kleinen Wellen
und erschien ihnen wie Feuer. Sie schickten einen von ihnen hinunter,
um ein Holzkohlenstück anzuzünden. Dieser ging ans Flußufer
und hielt die Holzkohle an die kleinen Wellen. Aber die Kohle blieb
kalt. Er kehrte unverrichteter Dinge zurück. Die anderen machten
ihm Vorwürfe. Er hätte halt näher herangehen sollen,
das Feuer sei nur ein bißchen weiter weg gewesen. Nun machte
sich der zweite auf, um die Holzkohle zu entzünden. Er ging
ein Stück weit in den Fluß hinein, mußte jedoch
ebenfalls erfolglos zurückkehren. Der Dritte, der sich für
den Klügsten hielt, ging bis zur Mitte des Flusses, aber es
gab dort kein Feuer. Er mußte ebenfalls erfolglos aufgeben.
Die Natur von Samsara (Kreislauf von Geburt und Tod) ist
wie die des täuschenden Feuers. In der Nacht der Unwissenheit
suchen die Menschen, die durch das Opium der Wünsche berauscht
sind, nach momentanen Vergnügungen. Die Wünsche erschaffen
wirkliche Karmas (Ursachen und Wirkungen), welche die individuelle
Seele an die Erdebene binden. Das sinnliche Vergnügen ist
nur eine Widerspiegelung von Satchitananda, reinem Sein, Wissen
und Glückseligkeit. Solange sie diese mystische Erfahrung
nicht selbst gemacht haben, laufen die Menschen, die Jivas, den
täuschenden Dingen der Welt hinterher und halten sie für
real. Man mag vielleicht mehr wissenschaftliche Fakten über
das Universum der Erscheinungen kennen und damit prahlen, mehr
zu wissen als die Vorfahren. Aber das ist sinnlos. Jemand, der
bis zur Mitte des Flusses geht, um die Holzkohle anzuzünden,
ist genauso unwissend wie derjenige, der am Ufer bleibt und es
dort versucht.
Nur der besitzt wirkliches Wissen, der nicht das Spiegelbild,
sondern den Mond selbst kennt. Allein derjenige hat Wissen, der
die Nutzlosigkeit der Sinnesvergnügen kennt und auch die trügerische
Natur des Universums. Alles ist reines Sein, Wissen und Glückseligkeit;
scheinbare Unterschiede entstehen nur aus Avidya, Unwissenheit.
Ein Kenner Brahmans, des Absoluten, der die Unwissenheit überwindet,
wird selbst zu Brahman.
Gleichnis vom armen Ehepaar
In einem Dorf lebte ein sehr glückliches, aber armes
Ehepaar. Manchmal drängte die Frau den Mann, mehr für
den Lebensunterhalt zu beschaffen, damit sie ein annehmbares Leben
führen könnten wie die anderen Dorfbewohner auch. Der
Mann antwortete jedes Mal, daß Gott sie am meisten von allen
liebe und ihnen deshalb diese Armut geschickt habe. Mit Schmeichelei,
Koketterie und Tränen machte die Frau den Mann mit der Zeit
zu einem Sklaven. Eines Tages schickte sie ihn zu einem seiner
wohlhabenden Freunde und sagte ihm, er solle dem Freund eine Handvoll
Wasser als Gastgeschenk anbieten. Da der Mann keine Alternative
sah, tat er genau das. Sein großzügiger Freund, der
sehr wohl wußte, wie arm er war, belohnte die Hände
reichlich, die ihm ein bißchen Wasser mit Liebe und Hingabe
gegeben hatten. Der arme Mann jedoch verlor seine Hingabe und überlegte: „Wenn
ein wenig Wasser so viel einbringt, wieviel mehr hätte ich
wohl erhalten, wenn ich einen ganzen Eimer Wasser dargebracht hätte!“
Die Buddhi (Intellekt, Unterscheidungskraft) ist in diesem Beispiel
wie der Ehemann, der physische Körper wie die Ehefrau. Es
ist ihnen bestimmt, glücklich zusammenzuleben als Mann und
Frau. Jeder von ihnen hat gewisse Pflichten und Verantwortlichkeiten.
Wenn aber die Frau klagt und Tränen vergißt, das heißt,
der Körper seine Bequemlichkeit wünscht, verliert der
Mann (der Intellekt) den Verstand. Er versucht, es ihr so angenehm
wie möglich zu machen, gehorcht ihr willig und vergißt
dabei seine Pflicht und Redlichkeit.
Auch dein Körper sehnt sich nach ein bißchen Bequemlichkeit.
Deine Viveka, die Unterscheidungskraft, versucht, ihn zu überzeugen,
daß dies nicht wichtig und nicht von Dauer ist. Aber schließlich
gibst du nach und erlaubst ihm ein wenig Freiheit und Wahl. Statt
die Wünsche zu kontrollieren, beruhigst du sie. So wirst du
selbst ein Opfer der Ansprüche des Körpers.
Oh Mensch, wache auf. Erlaube deiner Unterscheidungskraft nicht,
ein Sklave deiner Liebe zum Körper zu werden. Lasse die Forderungen
deines Körpers nach äußeren Annehmlichkeiten nicht
die Oberhand gewinnen. Gibst du erst einmal nach und gewöhnst
dich daran, ist es sehr schwierig, dich gegenüber deiner niederen
Natur zu behaupten.
Du kannst dich nicht von deinem Körper scheiden lassen.
Viveka (Unterscheidungskraft) und Vichara (Fragen nach dem Sinn
des Lebens) sind nur in einem menschlichen Körper möglich.
Der Körper ist nicht nur dazu da, dir sinnliche Vergnügen
zu bereiten. Er ist ein Ausdruck der Herrlichkeit der Schöpfung
Gottes und ist dir behilflich, Gott zu erkennen. Nutze diesen Körper,
um Gott zu verwirklichen, ohne ein Sklave des Körpers zu werden.
Gleichnis vom Lieblingskind
Eine Mutter stellte einen Privatlehrer für ihren ungezogenen
Lieblingssohn an. Da sie es nicht ertragen konnte, wenn der Lehrer
mit dem Jungen schimpfte, stellte sie nach einer Weile einen anderen
Lehrer ein. Der neue Lehrer schlug den Jungen, um ihn zurechtzuweisen
und zu erziehen. Die Mutter wünschte sich zwar ein besseres
Betragen ihres Sohnes, konnte jedoch den Anblick nicht ertragen,
wenn er unter schwierigen Aufgaben und Strafen litt. Sie wollte
ihn auch nicht in die Schule schicken, da dies bedeutet hätte,
sich stundenlang von ihm zu trennen. All ihre Bemühungen waren
darauf ausgerichtet, den Jungen äußerlich anziehend
und nett zu machen.
Ein Lehrer nach dem anderen kam und ging, aber der Junge
blieb wie er war. Er entwickelte sich zu einem gutaussehenden jungen
Mann. Aber er konnte nicht mithalten, da er weder Intelligenz noch
Geld besaß, noch Fähigkeiten hatte, etwas zu arbeiten,
noch gute Manieren, die ihm gestattet hätten, mit den Familienmitgliedern
gut auszukommen und in der Gesellschaft einen Platz einzunehmen.
Die Menschen urteilten abfällig über ihn und nahmen ihn
nicht ernst. Er war weder für sich selbst noch für die
Welt als Ganzes von Nutzen.
Deine spirituellen Bestrebungen sind wie die Mutter. Dein
Körper und deine Gewohnheiten sind wie der ungezogene Sohn.
Du wünschst dir, ein großer spiritueller Held zu sein.
Du wechselt von einem Lehrer zum anderen, weil du nicht die Disziplin
aufbringst, die Anweisungen des Lehrers geduldig zu befolgen. Du
möchtest deinen Körper nicht anstrengen. Du glaubst,
wenn du nach außen eine gute Figur machst – zum Beispiel
mit einem schönen Körper, mit Bart und Locken –, wird
man dich für einen guten Menschen halten. Deine Bindung an
den Körper ist so groß, daß du ihn keine Minute
lang vergessen kannst, um zu meditieren. Während du von einem
Lehrer zum nächsten gewechselt hast, hast du überhaupt
nichts aufgenommen! Ein rollender Stein setzt kein Moos an!
Deshalb übe spirituelle Praktiken, solange du noch
jung bist. Höre auf, dich mit diesem Körper zu identifizieren.
Sei am Anfang ein bißchen hart zu dir selbst. Es ist keine
wirkliche Härte im Vergleich zu der Glückseligkeit, die
du ernten wirst.
Gleichnis vom Lehmpferd
Ein intelligenter junger Mann hatte sein Fahrrad in ein
wunderschönes Pferd aus ungebranntem Lehm verwandelt. Wenn
er mit dem Fahrrad fuhr, sah es so aus, als reite er auf dem Lehmpferd.
Er tat auch so, als sei dieses Lehmpferd mit besonderen Kräften
ausgestattet und könne alles, was echte Pferde auch tun. Des öfteren
ritt er so mit seinen Kameraden und deren echten Pferden aus. Eines
Tages mußten sie einen Fluß durchqueren. Der Mann mit
dem Lehmpferd dachte: „Wenn Töpfe ins Wasser gestellt werden,
macht ihnen das nichts aus. Daher wird das Wasser auch meinem Pferd
nichts ausmachen. Ich kann also den Fluß ohne weiteres überqueren.“ Er
ging in die Strömung hinein. Als er etwa in der Mitte war,
fiel das Lehmpferd in sich zusammen und der Reiter ertrank.
Mit ein wenig Intelligenz kann ein spiritueller Aspirant
einige Texte und Kommentare auswendiglernen. Er gibt vor, geheimnisvolle
Kräfte und noch geheimnisvolleres Wissen zu besitzen. Er ist
immer mit Brahma-Jnanis (Weise, die Brahman, das Absolute, kennen)
zusammen und benutzt die gleichen Fachausdrücken wie sie.
Der Weg aber ist voller Gefahren und Prüfungen. Wer etwas
vortäuscht, besteht keine einzige Prüfung. Im entscheidenden
Moment nützen ihm seine Intelligenz und sein Wissen nichts.
Sein Verzicht auf weltliche Vergnügen (Vairagya) ist nicht
gebrannt worden im Feuer von Viveka (Unterscheidungskraft) und
Mumukshutwa (Wunsch nach Befreiung). Er geht unter, während
die wahren Weisen und Yogis furchtlos und freudig alle Hindernisse
und Gefahren überwinden.
Gleichnis vom Philosophen und dem zerbrochenen Spiegel
Einst lebten zwei Freunde, Ram und Gopal, die beide Philosophen
waren. Durch ständiges Hinterfragen (Vichara) und andauernde
Unterscheidung (Anvaya-Vyatireka) lernte Ram, in allem Seienden
eine Widerspiegelung Gottes zu sehen. Gopal blieb ein rein theoretischer
Philosoph. Für ihn war das Universum nichts als eine Illusion,
ein Traum, in dem es nur Schlechtes gibt.
Eines Tages trafen sie sich nach einer langen Zeit wieder.
Gopal ließ sich, wie immer, stundenlang über das Böse
in der Welt aus. Zum Schluß fragte er Ram, was für ein
Geschenk er ihm, seinem Freund, denn mitgebracht habe. Ram dachte
eine Weile nach, dann zog er einen Splitter eines zerbrochenen
Spiegels aus der Tasche und gab es seinem Freund. „Dies ist mein
Geschenk. Es wird dir helfen, deine eigene Schönheit und deine
Ausstrahlung zu erkennen, die du sonst nicht sehen kannst.“
Von da an begann Gopal, die Herrlichkeit des höchsten
Selbst, die sich im ganzen Universum widerspiegelt, zu erkennen
und zu verstehen.
Nichts ist nutzlos auf dieser Welt. Das Nicht-Selbst existiert,
um das Selbst zu reflektieren und zu verherrlichen. Wie sonst könntest
du von der Existenz des Selbst erfahren? Das Nicht-Selbst ist der
Spiegel, der das Selbst reflektiert. So ist auch das Böse
der Spiegel für das Gute. Unter lauter Unwissenden fallen
Weise und Heilige sofort auf.
Lerne, das Gute zu sehen, das durch das Schlechte sichtbar
wird. Halte dir vor Augen: „Das Böse existiert, um mich an
das Gute zu erinnern. Das Vergängliche existiert, um mich
an das Unvergängliche zu erinnern.“ Ebenso ist dieses Universum
dazu da, uns an Gott zu erinnern. Lerne, die Gegenwart Gottes in
allem zu sehen.
Gleichnis vom Brahmanen, der dem Regen entkam
Ein alter Brahmane ging eine Straße entlang, als es
plötzlich stark zu regnen begann. Er hatte keinen Regenschirm
dabei und fürchtete, sich zu erkälten. Es gab auch nirgends
eine Möglichkeit, sich unterzustellen oder Schutz zu suchen.
Etwas entfernt sah er zwei Lastenträger, die ein hölzernes
Kinderbett trugen. Er lief zu ihnen hin und da sie größer
waren als er, konnte er sich zwischen sie stellen, so daß das
breite Bett sich wie ein Dach über seinem Kopf befand. Nicht
ein Tropfen Regen fiel auf seinen Kopf. Gelegentlich half er den
beiden Kulis auch ein bißchen, aber der Nutzen war sehr viel
größer als seine Mühe.
Viele spirituelle Aspiranten setzen sich dem heftigen Regen
weltlicher Versuchungen aus. Die Klugen unter ihnen suchen Schutz
in Ashrams (Ort, wo Yoga gelebt und gelehrt wird) oder anderen
Institutionen, die von spirituell weiter entwickelten, „größeren“ Seelen
geleitet werden, von fortgeschritteneren Aspiranten und Weisen.
Sie tragen ein Schutzschild, unter dem die noch nicht so
fortgeschrittenen Seelen Zuflucht nehmen können. Die Aspiranten
helfen auch in den jeweiligen Einrichtungen mit, aber ihr innerer
Gewinn ist größer als die geleistete Arbeit.
Gleichnis vom Schaffner, der aus dem Bus fiel
Der Bus war bereits losgefahren, als der Schaffner einen
Mann hinterherlaufen sah. Helfend streckte er die Hand aus. Der
Mann hielt sich am Schaffner fest. Da er jedoch mehr wog als der
Schaffner, riß er den Schaffner mit, so daß beide auf
die Straße fielen. Nun liefen beide hinter dem Bus her. Ein
gewichtiger Fahrgast, der sicher im Bus saß, streckte seine
Hände aus dem Fenster. Beide hielten sich daran fest und sprangen
auf den Bus.
So etwas geschieht häufig auf der Reise des Aspiranten
zu seinem Ziel. Wenn er auf dem Trittbrett des Sadhana (spirituelle
Praxis) steht, auf das er gerade gestiegen ist, überschätzt
er seine Stärke und macht sich daran, andere Menschen zu „retten“.
Das Resultat ist offensichtlich. Er wird selbst auf die Straße
des weltlichen Lebens gezogen. Es ist nicht Aufgabe eines Anfängers,
anderen zu helfen, sich zu transformieren. Er sollte sich auf seine
eigene Praxis konzentrieren. Wenn er sich in die Angelegenheiten
anderer Menschen einmischt, wendet er sich gedanklich wieder der
Welt zu, und muß anschließend dem Bus der spirituellen
Praxis nachlaufen. Ein fortgeschrittener Schüler oder Heiliger,
der fest verankert ist, kommt zu seiner Rettung. Und selbst er
verläßt die Festung des Sadhana (spirituelle Praxis)
nicht, sondern streckt seine Hand durch das Fenster des selbstlosen
Dienens hinaus.
Gleichnis vom Direktor, der die Uhrzeiger entfernte
In einem Büro war das Hauptaugenmerk der Angestellten
darauf gerichtet, daß es 17.00 Uhr wurde und sie ihr Gehalt
bekamen, ohne sich übermäßig dafür anzustrengen.
Nach 16.00 Uhr schauten sie alle paar Minuten auf die Uhr, um zu
sehen, ob nicht schon Feierabend sei. Eines Tages montierte der
Direktor beide Zeiger von der Uhr ab. Von da an arbeiteten die
Angestellten ruhig und konzentriert und zählten nun nicht
mehr die Stunden und Minuten, sondern widmeten sich der Arbeit,
die sie erledigen sollten.
Ein selbstsüchtiger Mensch erwartet immer, belohnt
zu werden, unabhängig davon, ob er etwas Gutes getan hat oder
nicht. Wenn er ein Glas Wasser gibt, erwartet er einen Lohn oder
zumindest Dankbarkeit dafür. Der Lehrer sieht dies und tritt
in das Leben des Menschen, um die beiden Uhrzeiger der Selbstsucht
sowie des Anhaftens an Handlungen und ihre Früchte zu entfernen.
Danach arbeitet der Mensch pflichtbewußt, um die nötige
Arbeit zu erledigen, ohne ständig eine Belohnung dafür
zu erwarten.
Gleichnis vom Jungen und seinen Schuhen
Ein Hund bellte einen Jungen an, der erschrocken davonrannte.
Der Hund jagte hinter ihm her. Der Junge merkte, daß seine
Schuhe ihn beim Laufen behinderten. Schnell schlüpfte er aus
den Schuhen und ließ sie liegen. Der Hund schnappte einen
Schuh und lief in die entgegengesetzte Richtung zurück.
Die Welt bereitet dem Menschen Probleme unterschiedlicher
Art, solange er von zwei Dingen beherrscht wird: Ich- und Mein-Denken.
Solange er egoistisch und besitzergreifend ist, jagt ihn pausenlos
Samsara (Kreislauf von Geburt und Tod), wohin er auch geht. Da
er an tausend Dingen hängt, kann er seinem Ziel nicht zügig
entgegenlaufen. Er entsagt dem Ich- und Mein-Denken, um das Ziel
schneller zu erreichen. Sobald er diese Besessenheit aufgibt, gibt
die Welt die Jagd nach ihm auf und er ist ein für allemal
frei von den Leiden des Kreislaufs der Wiedergeburten. Entsagung
hat einen doppelten Vorteil: Einmal befreit sie dich von allen
Bürden, erhellt dein Herz und hilft dir, zu spirituellen Höhen
zu gelangen. Zum anderen befreit sie dich von allen weltlichen
Bindungen. Darum entsage der Welt und erfreue dich höchster
Glückseligkeit.
Gleichnis vom maskierten Jungen und der Maus
Ein Junge zog sich die Maske eines furchterregenden Riesen über
und ging damit zu dem Platz, wo die anderen Jungen spielten. Er
stieß schreckliche Schreie aus. Die anderen Kinder fürchteten
sich vor diesem Dämon und flüchteten. Plötzlich
begann der Junge selbst laut zu jammern. Er liess sich auf den
Boden fallen und kroch aus der Maske heraus. In der Maske war eine
Maus, vor der er riesige Angst hatte!
Ein Aspirant schlüpft in die Maske eines selbstverwirklichten
Heiligen, hält donnernde Reden und versucht, alle Menschen
zu bekehren. Die Menschen verehren und bewundern ihn. Aber bald
stürzt er, und die Maske des Pseudo-Jnani (Weisen) zerbricht,
denn die Maus der Lust, des Zorns, der Gier und Heuchelei hat sich
darin versteckt und stellt seine Schwäche bloß.
Hüte dich vor falschen Vorspiegelungen! Sei aufrichtig,
und erreiche das Ziel!
Gleichnis vom Streit der Kinder über Lehmhäuser
Ein paar Kinder spielten auf der Dorfstraße. Sie bauten
Häuser aus Lehm und spielten die Rollen von Familienmitgliedern.
Ein Kind, das von einem anderen geärgert wurde, zerstörte
in einem Anfall von Zorn dessen Haus. Darüber entzündete
sich ein heftiger Streit: „Du hast mein Haus kaputt gemacht! Wie
kannst du es wagen?“ usw. Ein junger Mann, der ihnen zuschaute,
lachte über die Torheit der Kinder, sich über Spielhäuser
aus einer Handvoll Lehm zu streiten. Ein älterer Mann sagte
zu ihm: „Freund, als du ein kleiner Junge warst, hast du dich genauso
aufgeführt. Jetzt, als Erwachsener, hast du an diesen Dingen
kein Interesse mehr. Du kannst die Realität richtig einschätzen.
Statt über sie zu lachen, sollten wir versuchen, die Kinder
zu beruhigen.“
So streiten sich auch die Menschen über Nichtigkeiten.
Sie bauen Häuser aus Ziegeln und Lehm, und streiten über
ihre Besitztümer. Diese Erde selbst ist nur ein Haufen Lehm,
der im unendlichen Universum herumwirbelt. Sie ist für begrenzte
Zeit erschaffen worden, damit die Individuen das Spiel Gottes fortsetzen
können. Wenn das Spiel vorbei ist, wird sich die Welt auflösen.
Dann werden weise Menschen über andere lachen, die sich wegen
irgendwelcher Sinnesobjekte miteinander streiten. Der Heilige jedoch
erinnert sie daran, daß sie sich früher genau so benommen
haben, bevor sie sich der Unbeständigkeit äußerer
Objekte bewußt wurden. Mit aufrichtiger Liebe und Sympathie
bringt er die Menschen dazu, in Frieden miteinander zu leben, und
klärt sie stufenweise über die wirkliche Natur der weltlichen
Dinge auf, sowie über den Frieden und die Glückseligkeit,
die man im Selbst finden kann.
Gleichnis vom Mann, der vorgab, eine Frau zu sein
Ein Mann kam zum Bahnhof. Am Schalter wartete eine lange
Menschenschlange. Er sah sich um. In der Nähe war ein Schalter,
vor dem es völlig leer war. Er stellte fest, daß dieser
Schalter „Nur für Frauen“ war. Er dachte nach. Ein gutmütiger
Mann neben ihm erriet seine Gedanken und sagte: „Bedecke deinen
Kopf mit einem Schleier und tue so, als seist du eine Frau. Dann
wirst du deine Fahrkarte schnell bekommen.“ Ohne auch nur einen
Moment zu zögern, tat er dies und bekam sein Ticket. Ein Fahrkartenkontrolleur,
der das beobachtet hatte, postierte sich am Eingang zum Bahnsteig,
und als der Mann dort vorbei wollte sagte er: „Aber dies ist eine
Fahrkarte für einen Mann!“ Der Mann mit dem verschleierten
Gesicht zog das Frauengewand aus und antwortete: „Ja, natürlich,
ich bin ja auch ein Mann.“
Alle individuellen Seelen (Jivas) werden letztlich Moksha,
die Befreiung, erlangen. Aber ein kluger Mensch, sucht nach Mitteln
und Wegen, die Entwicklung zu beschleunigen und Moksha hier und
jetzt zu erlangen. Er möchte nicht mit der Herde laufen. Nur
einer unter Millionen fühlt diese Dringlichkeit. Er schaut
sich um. Er sieht, daß es auf dem Pravritti Marga, dem Weg
des aktiven, weltlichen Lebens, von Menschen nur so wimmelt. Dieser
Weg ist überfüllt von guten und schlechten Handlungen,
die die Entwicklung verzögern. Und er sieht, daß es
daneben noch einen anderen Weg gibt, Nivritti Marga (der Weg nach
innen, spirituelle Selbstbesinnung), den wenige betreten. Er wendet
sich dorthin, stellt jedoch fest, daß dieser Weg nur für
Menschen mit bestimmten Qualifikationen ist. Aus Mitgefühl
kommt ein Heiliger zur Rettung und sagt: „Du kannst über alle
hergebrachten Vorstellungen hinausgehen, wenn du vergißt,
daß du ein Mann bist. Du kannst den tief verwurzelten Feind
der Selbstsucht und Identifikation mit dem Körper besiegen,
wenn du vorgibst, ein Narr oder Verrückter zu sein. Das ist
das Geheimnis dieses Weges.“ Der Suchende gehorcht dem Weisen blind.
Er erlangt Weisheit über das Selbst. Der weltliche Mensch
ist stolz auf seinen Intellekt und spottet über den Weisen,
der sich wie ein Verrückter benimmt. Da nimmt der Heilige
den Schleier der Torheit ab, den er vorsätzlich angelegt hatte,
und erscheint als ein göttliches Wesen unter Menschen, als
Höchster, als Gottmensch. Er hat sein Ziel erreicht. Er erhält
leicht Zutritt zum Königreich der unendlichen Glückseligkeit.
Gleichnis vom Ochsenkarrenlenker
Ein Ochsenkarrenlenker erkannte: Bei meiner Geburt war es
der Wille Brahmas (Brahma = Schöpfergott), daß ich meinen
Lebensunterhalt mit Hilfe eines Ochsenkarren verdienen soll. Dieser
Wille Brahmas führte dazu, daß ich zwei Ochsen und einen
Karren habe.
Als dieses Wissen in ihm dämmerte, schmiedete er einen wunderbaren
Plan. Er verkaufte auf der Stelle die Ochsen und den Karren und
erwarb vom Erlös alles Notwendige für sich und seine
Familie. Er behielt nichts von dem Geld zurück. Er kehrte
nach Hause zurück und hatte nichts mehr für den nächsten
Tag. Brahma erschuf ein Ochsenpaar und einen Karren, und stellte
sie in den leeren Stall. Nach einigen Tagen verkaufte der Ochsenkarrenlenker
wieder alles, und verteilte den Verkaufserlös an die Armen.
Und wieder erschuf Gott zwei Ochsen und einen Karren, und stellte
sie in den Stall.
So macht es auch der selbstverwirklichte Weise. Er hat erkannt,
daß sein Körper das Ergebnis seines Prarabdha Karmas
(das aktivierte Karma, Wirkung von Handlungen aus früheren
Leben) ist, und daß Freude und Leid durch seine Handlungen
in früheren Leben determiniert sind. Er erkennt klar die Wirkungsweise
des Karma (Gesetz von Ursache und Wirkung). Deswegen macht er sich
keine Sorgen darüber, was morgen sein wird. Was er an weltlichen
Besitztümern erhält, verteilt er sofort an andere weiter.
Er behält nichts für sich selbst. Um den göttlichen
Willen zu erfüllen und das Karma gemäß seinen natürlichen
Gesetzen ablaufen zu lassen, schenkt Gott ihm ständig alles,
was er braucht. Da er das weiß, ist er frei von Angst und
Sorge, und erfreut er sich an höchstem Frieden und vollkommener
Zufriedenheit.
Gleichnis von König Puranjana
Ein König namens Puranjana hatte einen Freund mit Namen
Avijnata („der Unbekannte“). Der König trennte sich von seinem
Freund und ging auf Wanderschaft auf der Suche nach einem neuen
Aufenthaltsort. Er wies mehrere Königreiche ab und gelangte
schließlich zu einer Stadt mit neun Toren, die durch fünf
Mauern streng gesichert war. In der Stadt traf er eine wunderschöne
Prinzessin, die von zehn Wächtern und einer fünfköpfigen
Schlange bewacht wurde. Puranjana näherte sich ihr und bat
um ihre Hand. Sie war über alle Maßen glücklich
darüber, heiratete ihn und machte ihn zum Herrscher ihres
Königreichs. Puranjana regierte hundert Jahre.
Jeden Tag verließ Puranjana die Stadt durch eines der neun
Tore, und brachte verschiedene Dinge und Erfahrungen zurück.
Er ging vollkommen in Sinnesvergnügen auf. Er hatte sich so
sehr mit der Königin identifiziert, daß er keine eigene
Individualität mehr zu haben schien.
Oft fuhr Puranjana auf einem zweirädrigen Wagen hinaus,
der von fünf Pferden gezogen wurde. Aus reiner Lust tötete
er viele Tiere. Seine Frau war zwar ärgerlich auf ihn, weil
er sie allein ließ, war aber bald nach seiner Rückkehr
wieder versöhnt und umarmte ihn wieder voller Liebe. So lebte
Puranjana, ohne zu merken, wie die Zeit verging. Als er alt war,
griff ihn Chandavega, der Herr der 365 Gandharvas (Himmelswesen,
himmlische Musikanten) mehrfach an. Die große fünfköpfige
Schlange Prajagara bewacht die Stadt gut. Der Kampf dauerte hundert
Jahre und jedes Mal wehrte die Schlange den Angriff Chandavegas
erfolgreich ab.
Die Tochter von Kala, der Zeit, suchte vergeblich einen
Mann. Zuletzt wandte sie sich an Bhaya („Furcht“, „Angst“), und
warb um ihn. Bhaya bot ihr seine Armee sowie seinen Bruder Prajwara
an und überredete sie, alle Wesen zu vernichten. Diese Armee
griff nun in Begleitung der Tochter der Zeit Puranjanas Stadt an.
Umzingelt von der Tochter der Zeit erduldete der König unsägliche
Qualen. Selbst die Schlange konnte der Belagerung nicht mehr standhalten.
Nach einem kurzen Kampf floh sie. In der Zwischenzeit ließ Prajwara
die Stadt in Flammen aufgehen. Obwohl er der Stadt sehr zugetan
war, mußte der König sie verlassen. Als er aus der Stadt
kam, umringten ihn die Tiere, die er im Wald getötet hatte
und marterten ihn zu Tode. Selbst in dieser Situation erinnerte
er sich nicht an seinen alten Freund Avijnata.
Er wurde wiedergeboren als die wunderschöne Tochter
des Königs Vidarbha und heiratete als Prinzessin den König
Malayadhwaja. Sie bekamen eine Tochter und sieben Söhne. Nachdem
die Kinder erwachsen waren, zog sich der König zurück, übergab
sein Königreich seinen Söhnen und ging er in den Wald,
um über Gott zu meditieren. Die Königin folgte ihm. Nach
intensiven Askeseübungen erlangte der König die Vision
Gottes und ging in Samadhi (überbewußter Zustand) ein..
Er wurde eins mit allem und verschmolz mit dem höchsten Brahman
(das Absolute). Die Königin erkannte, daß nur noch sein
Körper auf der Erde verblieben war, während seine Seele
die Vereinigung mit der höchsten Seele erreicht hatte. Daraufhin
traf sie die nötigen Vorbereitungen für die Bestattung
des Leichnams und bereitete sich selbst darauf vor, den Scheiterhaufen
zu besteigen, um ihrem Mann zu folgen. In diesem Augenblick erschien
ihr alter Freund Avijnata und erinnerte sie daran, daß er
in jeder ihrer früheren Geburten ihr Freund gewesen war. Er
erinnerte sie auch daran, wie sie ihn in der letzten Geburt verlassen
hatte und zur Stadt mit den neun Toren gegangen war und dort viel
Leid erduldet hatte. Er enthüllte ihr, daß er und sie
Eins seien. Daraufhin erwachte ihre Seele und erreichte die Vereinigung
mit dem höchsten Brahman.
Dieses Gleichnis erläutert das Leben des Individuums
(Jiva) auf der Erde. Puranjana ist die individuelle Seele, Avijnata,
der Unbekannte, ist die höchste Seele (Gott, das Absolute).
Nachdem sie viele Leben als Stein, Pflanze, Tier verbracht hat,
inkarniert sich die Seele (Jiva) als Mensch. Sie ist umgeben von
den fünf Koshas (Hüllen). Die Prinzessin in der Stadt
ist niemand anders als der Intellekt. Die Seele heiratet den kleinen
menschlichen Intellekt. Während sie im menschlichen Körper
wohnt, genießt sie die Freuden dieser Welt mittels der zehn
Sinnes- und Handlungsorgane (Indriyas). Der Wagen des Körpers
hat die beiden Räder von Gut und Böse. Während es
mit diesem Wagen fährt, führt das Individuum zahlreiche
Handlungen aus. Diese Handlungen helfen, den Intellekt zufriedenzustellen.
So verbringen die verkörperte Seele und der Intellekt ihre
Zeit.
Chandavega repräsentiert das Jahr mit seinen dreihundertfünfundsechzig
Tagen. Die Jahre machen dem Körper zu schaffen, aber die fünfköpfige
Schlange Prajagara, die die fünf Lebensenergien symbolisiert,
wehrt erfolgreich alle Angriffe ab und beschützt die Stadt.
Doch mit der Zeit überwältigt das Alter den Menschen.
Zu diesem Zeitpunkt greift ihn eine mächtige Armee
an. Es ist die Armee, die von Kala (Zeit oder Tod), Bhaya (Furcht)
und Prajwara (tödliches Fieber) angeführt wird. Der an
reine Sinnesbefriedigung gewöhnte Mensch muß nun dem
Tod ins Auge schauen. Das Prana (Lebensenergie) kann diesem Feind
nicht mehr standhalten. Es weicht. Tödliches Feuer setzt den
Körper in Brand. Widerwillig muß die Seele den Körper
verlassen. Aufgrund von Moha (Täuschung, Verblendung) erkennt
der Jiva (individuelle Seele) seine Verwandtschaft mit dem großen
Unbekannten, mit Gott, nicht. Wenn er die Welt verläßt,
wird er von all den Wesen, denen er im Laufe seines Lebens Schaden
zugefügt hat, verfolgt und gemartert.
Puranjanas Wiedergeburt als Prinzessin soll zeigen, daß die
individuelle Seele nicht an ein Geschlecht gebunden ist und sich
je nach ihrem Karma als Mann oder Frau wieder inkarnieren kann.
In diesem Leben entsagt nun das Individuum den Sinnesvergnügen,
meditiert über Gott und trifft den großen unbekannten
Freund wieder, Gott, der die Seele zu ihrer ursprünglichen
Herrlichkeit zurückführt. Das Individuum verwirklicht
seine Einheit mit dem Höchsten.
Gleichnis vom unachtsamen Reh
Ein Reh spielte mit einem anderen in einem Blumengarten.
Es knabberte am Gras und lauschte dem Summen der Bienen. Deshalb
bemerkte es weder die hungrigen Wölfe, die sich näherten,
noch den Jäger, der mit einem Pfeil auf es zielte. Der Jäger
schoß den Pfeil ab und tötete es, bevor es sich seines
Verhängnisses gewahr wurde.
Ähnlich ist es mit den meisten Menschen. Ihr Leben
auf Erden dreht sich nur ums Essen und um Zeugung. So wie es in
dem Garten wunderschöne Blumen gibt, so gibt es ihm Leben
eines Menschen schöne Frauen bzw. Männer und alle möglichen
Sinnesgenüsse. Die Schönheit und der Genuß dauern
jedoch nicht lange, bald welken sie wie eine Blume am Abend. Der
Mensch ist ganz von Familie und Beruf in Anspruch genommen und
vergißt die Wölfe der Jahre, die ihn verschlingen wollen.
Der Jäger Tod schickt ihn in die andere Welt, bevor er seine
wirkliche Natur erkunden konnte.
Wache auf und meditiere über Gott! Vergeude nicht einen
einzigen Augenblick mit rein weltlichen Genüssen!
Gleichnis vom wortkargen Spartaner
Im antiken Griechenland lebte unter anderem der Stamm der
Spartaner. Die Spartaner waren sehr tapfere Menschen, einfach und
bescheiden. Die Tapferkeit der Spartaner war sprichwörtlich
im ganzen Land. Wenn ein Spartaner sich etwas vornahm, wußte
man, er würde eher sterben als einen Mißerfolg hinnehmen.
Ihr Gebiet hieß Lakonien, weshalb sie als Lakonier
bezeichnet wurden. Eine der Anordnungen ihrer Führer war: „Sei
kurz und bündig, klar und genau in allem, was du sagst. Sei
nicht vage, und vergeude nicht unnötige Worte, wenn du etwas
nicht weißt. Wenn du etwas nicht weißt, dann sage es.
Wenn du etwas tun willst, dann prahle nicht damit, bevor du es
nicht ausgeführt hast.“ Daher war die Antwort eines Lakoniers
auf eine Frage immer so kurz und bündig und auf den Punkt
gebracht, daß selbst heute noch eine kurze, prägnante Äußerung
als „lakonisch“ bezeichnet wird.
Dazu gibt es eine Geschichte. Im Norden Griechenlands regierte
König Philipp, der Vater Alexanders des Großen, über
ein Territorium, das Makedonien hieß. Philipp wollte ganz
Griechenland erobern. Deshalb fiel er mit einer großen Armee
in viele Nachbarstaaten ein. Dann sandte er eine Nachricht an den
Führer der Spartaner, in der er verlangte, daß dieser
seine Herrschaft über Lakonien akzeptieren solle. Ansonsten
werde seine Armee sie vernichten.
Die Antwort der Spartaner an König Philipp bestand
aus einem einzigen Wort, und dieses Wort hiess „wenn“. Damit war
gemeint, daß die Spartaner keine Angst vor dieser Armee hätten
und daß König Philipp seine Drohung nur wahr machen
könne, „wenn“ seiner Armee von Seiten der tapferen Lakonier
erlaubt würde, Lakonien zu betreten.
Die Welt ist voller prahlerischer Menschen. An Schwätzern
herrscht kein Mangel. Praktische Menschen prahlen nie. Sie sprechen
wenig und arbeiten dafür mehr. Sie versprechen oder schwören
nie etwas, sondern tun, was von ihnen erwartet wird. Sie setzen
keine falschen Gerüchte und erdachte Tatsachen in Umlauf.
Sie erfinden nicht irgendwelche Geschichten. Eitelkeit umwölkt
niemals ihre Vernunft. Sie vermeiden Verwirrung, indem sie wenig
sprechen und nicht auf Schwätzer hören. Daher sind ihre
Entscheidungen aufrichtig und unerschütterlich.
Gleichnis von Mahmud und Ayaz
Mahmud Gazni war ein mächtiger Herrscher, vor dem die
ganze Welt zitterte. Er selbst jedoch stand ganz im Bann der faszinierenden
Sklavin Ayaz. Er war so verliebt in sie, daß er machtlos
war, wenn sie in der Nähe war. Selbst wenn er am kaiserlichen
Hof repräsentierte, mußte sein Premierminister ihn ständig
daran erinnern, daß er der mächtige Kaiser Mahmud Gazni,
der große Eroberer, sei. Nur dann verhielt er sich auch wie
ein solcher.
Ebenso hält sich die individuelle Seele (Jiva), die
in Wahrheit unendliches Bewußtsein ist, unter dem Einfluß von
Maya (Täuschung) für vergänglich, machtlos, schwach
und begrenzt, Geburt und Tod, Schmerz und Freude unterworfen. Der
Premierminister, der reine Intellekt, versucht, nachzudenken und
die latent vorhandenen Eindrücke von Unendlichkeit (Akhanda),
Einheit (Ekarasa), reinem Sein, Wissen und Glückseligkeit
(Satchitananda), Zeitlosigkeit (Nitya), Freiheit (Mukta) usw. an
die Oberfläche zu bringen. Der spirituelle Aspirant beginnt
zu meditieren. In der Meditation fühlt die Seele, daß sie
eins ist mit dem Unendlichen, unberührt von Maya (Illusion)
und Avidya (Nichtwissen). So festigt sie sich allmählich in
diesem erhabenen Zustand.
Gleichnis vom Theaterstück
Der Direktor einer Akademie wollte ein Theaterstück
mit dem Titel „Wiedervereinigung“ aufführen lassen. Er kündigte
an, daß verschiedene Schauspieler drei Stunden lang auf der
Bühne spielen würden. Nach dem Stück würde
er zusammen mit den Honoratioren der Stadt Preise und Pokale an
die guten Schauspieler vergeben. Allein schon der Name des Theaterstücks
reizte mich, und ich ging hin, um es mir anzusehen. Die Schauspieler
kamen auf die Bühne, spielten ihren Part, traten wieder ab,
die nächsten traten auf und so weiter.
Schau dir diesen schlechten Schauspieler an! Er spielt seine
Rolle nicht! Im Gegenteil, er hält andere davon ab, ihre Rolle
zu spielen. Er ordnet sein Kostüm und kümmert sich nicht
um seine Rolle. Er tut so, als gebe es keinen Regisseur, als werde
das Drama niemals enden und als könne er für immer genießen
und tun und lassen, was er will. Er ist ein Narr, auch wenn er
sich für besonders klug hält. Er verdirbt die ganze Aufführung.
Der Direktor ist sehr nachsichtig, daher entfernt er ihn nicht
sofort von der Bühne, sondern wartet, bis sein Part vorbei
ist und zieht ihn später zur Rechenschaft.
Hier kommt ein guter Schauspieler. Er hat akute Rückenschmerzen,
geht aber in seiner Rolle so auf, daß er die Schmerzen vollkommen
vergißt. Er weiß, die Aufführung wird nach drei
Stunden enden und alle Akteure werden beurteilt werden. Sein einziges
Interesse ist es, seine Rolle jetzt so gut zu spielen, wie es in
seiner Macht steht. Damit gewinnt er die Herzen aller Zuschauer.
Nach der Vorführung wurden die Akteure, die für
Preise ausgewählt worden waren, aufgerufen und erhielten ihre
Preise, Pokale und diverse Ehrenbezeugungen. Alle freuten sich
darüber. Auf dem Nachhauseweg liess ich das Stück noch
einmal gedanklich Revue passieren.
Gott hat auf dieser Welt ein ähnliches Theaterstück
mit dem Titel „Gottesverwirklichung“ inszeniert. Durch Propheten
und Heilige hat er angekündigt, daß individuelle Seelen
in verschiedenen Körpern ein paar Jahre aktiv sein werden.
Ihre Atemzüge sind gezählt. Dann wird er alle beurteilen,
und Pokale und Preise der Ewigkeit an die guten Akteure verteilen,
in Gegenwart der Heiligen des göttlichen Hofs. Gott gab den
Seelen Körper und wies ihnen verschiedene Rollen zu. Das Weltendrama
begann, als er die Welt erschuf. Eine Gruppe von Individuen spielte
ihre Rolle und verschwand wieder. Dieser Vorgang wiederholt sich
kontinuierlich.
Ein schlechter Schauspieler spielt seine Rolle nicht und hält
andere von ihrem Bhakti (Gottesverehrung) ab. Er ist an seinen
Körper verhaftet, und ständig damit beschäftigt,
ihn zu pflegen und sich an weltlichen Vergnügungen zu erfreuen.
Er meint, es gibt keinen Gott, er wird seinen Körper niemals
verlassen, sondern sich für immer an materiellen Dingen erfreuen,
so wie es ihm gerade gefällt. Er ist ein Narr, obwohl er denkt,
er sei klug. Gott und seine Höflinge beobachten ihn die ganze
Zeit. Er ist ein winziger Fleck im Weltendrama. Gott ist nachsichtig.
Er wartet, bis er seinen Part beendet hat und straft ihn dann mit
einem Schicksal, das ihn bittere Tränen weinen läßt.
Ein guter Schauspieler lebt in göttlichem Sinn. Er
mag einen kränklichen Körper haben, aber er läßt
sich davon nicht beeinflussen. Er setzt seine ganze Kraft ein,
Gott zu verehren. Er weiß, eines Tages wird er sterben und
Gott wird ihn beurteilen. Seine einzige Sorge besteht darin, soviel
spirituelle Praxis wie möglich auszuüben. Wenn er seinen
Körper verläßt, wird er an den Hof Gottes geleitet.
Gott und seine Höflinge sind erfreut darüber, Bhaktas
(Gottesverehrer) zu sehen. Gott ruft sie einen nach dem anderen
auf, und verleiht die Preise und Pokale der Ewigkeit. Alle sind
voller Freude und Glück.
Laßt uns zu guten Schauspielern in diesem Weltendrama
werden. Höre auf, dich über Krankheit und Tod zu sorgen.
Es ist sicher, daß sie kommen. Passe dich an die Umstände
an und vertraue dich Gott an. Ein gewisses Maß an Nahrung,
Kleidung und Handeln in der Welt ist notwendig. Aber über
allem steht die Hingabe an Gott. Für diese Rolle hat Gott
uns diesen Körper gegeben. |
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