Gleichnisse für Menschen in allen Lebenslagen
4. Kapitel
Voraussetzungen eines spirituellen Schülers
Gleichnis vom trauernden Vogel
Ein Vogelpärchen hatte ein Nest auf einem Baum gebaut.
Sie hatten eine kleine Familie von Jungvögeln. Gewöhnlich
flog das Männchen hinaus und suchte Futter, während das
Weibchen die Jungen hütete. Eines Tages, als das Männchen
ausgeflogen war, kam ein Jäger und zielte auf das Weibchen.
Obwohl es dies sah, flog es nicht davon, um die Jungen zu schützen.
Der Jäger tötete das Weibchen mit einem Pfeil. In diesem
Augenblick kehrte das Männchen zurück, fand das tote
Weibchen in den Händen des Jägers und begann, zusammen
mit den Jungen zu weinen und zu wehklagen. Hätte er statt
dessen von seinen Flügeln Gebrauch gemacht, wäre er lebend
davongekommen. So aber saß er trauernd da und der Jäger
tötete auch ihn mit einem weiteren Pfeil. Nun brauchte der
Jäger nur noch auf den Baum zu klettern und die Jungen einzusammeln.
Die ganze Vogelfamilie kam um, ohne daß einer von ihnen einen
Versuch gemacht hätte, sich zu retten.
So ist es oft bei den Menschen. Die Eltern hängen sehr
an ihren Kindern und Enkelkindern und nehmen keine Notiz vom sich
nähernden Tod. Noch während sie dem Tod direkt gegenüberstehen
und er sie unweigerlich davonträgt, klammern sie sich an ihre
Kinder. Das heißt nicht, daß man seine Familie nicht
lieben soll. Aber wenn jemand Geliebtes stirbt, dann ist das ein
Signal für die hinterbliebene Person, Zuflucht zu nehmen zu
den Schwingen von Viveka (Unterscheidungskraft) und Vairagya (Leidenschaftslosigkeit)
und davonzufliegen ins Reich der Unsterblichkeit, indem man strikte
spirituelle Praktiken übt. Statt dessen wehklagen die Hinterbliebenen über
den Verlust und haften mehr und mehr am Rest der Familie. Der Jäger
Tod bekommt ganz leicht das nächste Opfer. So betreten die
Menschen einer nach dem anderen das Haus Yamas, des Totengottes,
ohne den geringsten Widerstand zu leisten. Obwohl sie wissen, daß der
Tod unausweichlich ist, sitzen sie müßig da und laden
ihn ein, statt Schritte zu unternehmen, um ihn zu überwinden.
Oh Mensch, du hast die Schwingen von Viveka und Vairagya; nutze
sie und fliege davon, bevor der Jäger dich mitnimmt.
Gleichnis vom aufdringlichen Kundenwerber
Ein Mann hatte sehr viel Grog getrunken. Zur Tarnung ging
er anschließend in eine Milchbar, wo er Süßigkeiten
aß und Pan (Betelblätter) kaute. Anschließend
pries er draußen in höchsten Tönen die Qualität
der Milch, die hier verkauft wurde: „Ich habe hier gerade eine
Tasse Milch getrunken. Schaut, wie sehr sie mich erfrischt hat
und mir Kraft und Energie gibt. Geht hinein und probiert die Milch!“
Trotz der Betelblätter roch der Mann nach Grog. Seine
Bewegungen waren fahrig und verrieten seinen betrunkenen Zustand.
Die Menschen vor dem Geschäft konnten leicht sehen, daß er
nicht Milch, sondern Alkohol getrunken hatte und daß seine
Lobrede auf die Milch kein selbstloser Rat war. Er versuchte im
Gegenteil, sie in das Geschäft zu locken, um für seine
Kundenwerbung Geld vom Ladenbesitzer zu bekommen und so seine Trinksucht
zu unterstützen.
Der Mann ist wie ein religiöser Heuchler, der Spiritualität
predigt, um Geld zur Befriedigung seiner Wünsche zu verdienen.
Solche Menschen handeln mit dem religiösen Glauben der Bevölkerung.
Sie bereiten alles gut vor: Sie begeben sich eine Weile lang an
einen spirituellen Zufluchtsort, so wie der Trinker in das Milchgeschäft
ging. Sie geben sich äußerlich den Anschein der Spiritualität,
um ihre niedere Natur zu verbergen, so wie der Trinker Pan kaute.
Dann fangen sie an zu lehren und zu predigen, stellen sich selbst
als vollständig verwirklichte Heilige dar und sprechen über
die himmlische Wonne, die sie genießen. Sie sprechen eindrücklich,
aber ihre Haltung und ihre Taten lassen die Menschen ihre niedere
Natur und ihre Süchte erkennen. Diese falschen Prediger werden überall
verurteilt und gemieden.
Deine Handlungen verraten deine Gedanken. Du kannst dich
nicht als etwas ausgeben, was du nicht bist. Arbeite an dir. Werde
zu einem wirklichen spirituellen Helden und nicht zu einem Heuchler.
Gleichnis vom Gärtner und dem Schäfer
Ein Gärtner trug einen Blumentopf mit einer wunderschönen
grünen Pflanze, mit der er sich große Mühe gegeben
hatte, auf dem Kopf. Er ging damit zum Haus seines Meisters. Unterwegs
traf er seinen Freund, einen Schäfer, der ein Schaf auf den
Schultern trug. Die beiden hatten sich schon längere Zeit
nicht mehr gesehen. Sie begrüßten sich lächelnd
und unterhielten sich eine Weile. Als sie ihre Neuigkeiten ausgetauscht
hatten, ging jeder wieder seiner Wege. Der Gärtner wollte
noch einen Blick auf die Pflanze werfen, bevor er das Haus seines
Meisters betrat. Er setzte den Topf ab. Zu seinem Entsetzen stellte
er fest, daß kein einziges Blatt mehr da war, sondern nur
noch der nackte Stamm. Das Schaf, das der Freund auf den Schultern
getragen hatte, hatte während ihrer Unterhaltung alle Blätter
aufgefressen. Wie konnte er nun noch zu seinem Meister kommen?
Ein spiritueller Aspirant kultiviert göttliche Tugenden
im Garten seines Herzens. Schon für eine einzige Tugend muß er
hart kämpfen und sich sehr anstrengen. Die Tugend ist für
ihn der Passierschein, um das Haus seines Meisters, das Königreich
Gottes, zu betreten. Er trägt den Topf seiner Tugenden, während
er sich zum Königreich Gottes aufmacht. Aber im Verlauf der
Reise trifft er einen „Freund“, der den Vernichter guter Eigenschaften,
nämlich das Laster, mit sich trägt. Der Kontakt mit diesem
Freund scheint zunächst unterhaltsam zu sein. Aber dies ist
eine kostspielige Freundschaft. Sehr bald entdeckt er, daß die
Gesellschaft mit diesem „Freund“ ihn seiner positiven Eigenschaften
beraubt. Er hat seinen Passierschein zum Königreich Gottes
verloren. Er muß in die Welt des Leidens und des Todes zurückkehren,
traurig und enttäuscht.
Hüte dich vor falscher Gesellschaft. Suche die Gesellschaft
von Weisen und Heiligen (Satsang). Du wirst spirituell erhöht
werden.
Gleichnis von der Opfergabe
Ein Mann hatte davon gehört, wie wirksam die Verehrung
einer aus Rohzucker (Jaggery) bestehenden Statue von Vinayaka (Name
für Ganesha) sei. Er kaufte sich eine entsprechende Statue
und begann, täglich eine Puja (Verehrungsritual) auszuführen.
Da er sehr geizig war, wollte er nicht viel Geld für die Puja
ausgeben. Als es nun um die rituelle Darbringung von Nahrung (Naivedya)
ging, wußte der Geizhals nicht, was er tun sollte. Er hatte
keine Opfergaben mitgebracht und wollte auch keine kaufen. Er stellte
fest, daß der Bauch des Idols gut ausgeprägt war (Vinayaka
wird immer mit einem dicken Bauch dargestellt). „Das wird für
das Naivedya ausreichen,“ dachte er. Mit einem Messer schnitt er
ein kleines Stück von Vinayakas Bauch heraus, legte es auf
einen Teller und brachte es dem Abbild als Opfergabe dar. In der
Folge verarmte er so sehr, daß er sich von seinem eigenen
Fleisch ernähren mußte und eines elenden Todes starb.
Manche Menschen nähern sich Heiligen und Weisen mit
unlauteren Absichten. Sie haben gehört, daß die Verehrung
von Heiligen ihnen Wohlstand und Ruhm schenkt. Sie nähern
sich den Heiligen mit süßen Worten. Sie sind Geizhälse
und würden nicht einmal einen Pfennig für wohltätige
Zwecke geben. Sie gehen vielmehr so weit, daß sie Blumen
und Früchte aus dem Garten der Heiligen selbst pflücken
und sie ihnen dann als Geschenk überreichen! Sie werden letztlich
ihr bißchen Wohlstand und Intelligenz einbüßen
und in Unwissenheit und Verblendung versinken.
Gleichnis vom geduldigen armen Mann
Ein reicher alter Adliger lebte in einem großen Palast.
In der Nähe hauste ein Armer in einer verfallenen Hütte.
Er ernährte sich von den Essensresten, die andere wegwarfen.
Dabei war er jedoch immer heiter und beklagte sich nie über
sein Schicksal.
Dann geschah es, daß der arme Mann eine ganze Weile
nichts zu essen hatte. Darum ging er zu dem reichen Adligen, um
ihn um Hilfe zu bitten. Dieser empfing ihn freundlich und fragte
nach dem Grund seines Kommens. Der arme Mann antwortete, er habe
seit Tagen nichts mehr zu essen und wäre froh, wenn er etwas
zu essen bekommen könnte. „Ist das alles,“ sagte der Adlige. „Komm,
setz‘ dich!“ Dann rief er: „Diener! Ein sehr wichtiger Gast ist
gekommen, um mit mir zu speisen. Sagt dem Küchenchef, er soll
sofort das Abendessen zubereiten, und bringt Wasser, damit wir
die Hände waschen können.“
Der arme Mann war überrascht. Er hatte davon gehört,
daß der Adlige sehr freundlich war, jedoch hatte er nicht
mit einem so herzlichen Empfang gerechnet. Er war voll des Lobes
für seinen Gastgeber. Dieser unterbrach ihn jedoch sofort: „Bitte
sage nichts, mein Freund. Komm, setzen wir uns zum Essen.“ Und
der alte Adlige begann, seine Hände zu reiben, so als ob Wasser über
sie gegossen würde, und er fragte den armen Mann, ob er nicht
auch seine Hände waschen wolle.
Der Gast sah weder einen Diener oder Wasser, beschloß aber,
zu tun, wie ihm gesagt wurde. Und so tat er ebenfalls so, als wüsche
er sich die Hände. „Nun wollen wir essen,“ sagte der Adlige
und begann, verschiedene köstliche Gerichte zu bestellen.
Obwohl keine einzige Speise zu sehen war und auch kein Diener,
um sie aufzutragen, fuhr er fort: „Genieße dieses köstliche
Festmahl, mein Freund. Du mußt all diese leckeren Gerichte
aufessen.“ Und er gab vor, von irgendwelchen imaginären Tellern
zu essen.
Der Arme war vor lauter Hunger geschwächt, doch verlor
er nicht seinen Humor. Er ließ sich nicht von der Verzweiflung überwältigen
und gab ebenfalls vor, von dem leeren Tisch zu essen. Der Adlige
sagte daraufhin: „Was für eine köstliche Suppe! Das Curry
ist wunderbar, nicht wahr, mein Freund?“ Der arme Mann antwortete
zustimmend: „Sicher, gewiß!“ „Warum nimmst du nicht noch
etwas mehr davon?“ Daraufhin begann der Adlige, ihm imaginäres
Curry aufzutischen. So ging es eine ganze Weile mit unterschiedlichen
Fantasiegerichten weiter.
Obwohl er verzweifelt hungrig war, dankte der arme Mann
seinem Gastgeber über-schwenglich und sagte, er habe noch
nie im Leben solch ein herrliches Festmahl genossen. Er behielt
sein heiteres Gesicht bei, ohne das geringste Befremden oder Bedauern
zu zeigen.
Der Adlige war ein großzügiger, wohltätiger
Mensch. Er wollte prüfen, ob der arme Mann seiner Verzweiflung
nachgeben würde. Er hatte von dessen Ruf gehört, niemals
die Geduld zu verlieren. Er dachte, ein so zufriedener, heiterer
Mensch sollte weder Hunger noch Armut erleiden. Aber er hatte seine
Zweifel. Deshalb wollte er ihn zuerst prüfen.
Nun klatschte der Adlige in die Hände und ein Gefolge
von Dienern kam herein, die all die köstlichen Gerichte brachten,
die er vorhin aufgezählt hatte. Ein kunstvoll angerichtetes
Festmahl wurde aufgetischt. Der arme Mann mußte nun nichts
mehr vortäuschen, sondern genoß das Essen von ganzem
Herzen.
Nachdem sie ihr Mahl beendet hatten, sagte der Adlige: „Mein
Freund, du bist ein Mensch mit unendlicher Geduld. Du weißt
aus allem das Beste zu machen und trägst Unglück mit
Heiterkeit. Du bist der Richtige, um eines meiner Gehöfte
zu verwalten. Du sollst künftig bei mir leben.“
Diese Geschichte birgt zwei Lektionen in sich:
Erstens, der Arme bat den Reichen nicht um großzügige
Wohltätigkeit, um so einige Tage vom Betteln befreit zu sein.
Er war nicht gierig und lebte in der Gegenwart. Er brauchte ein
wenig Nahrung und bat auch nur darum. Hätte er um Geld gebeten,
so hätte er welches bekommen und es in wenigen Tagen ausgegeben.
Er fragte jedoch nur nach dem, was er tatsächlich dringend
benötigte. Das bereitete den Weg für sein Glück.
Zweitens, als der arme Mann von seinem Gastgeber mit imaginären
Gerichten bewirtet wurde, verlor er nicht die Geduld, obwohl er
sehr hungrig war. Er klagte nicht über sein Unglück.
Daher ist die Moral der Geschichte, daß man geduldig
sein und das Beste aus allem machen sollte. Man muß lernen,
Unglück heiter zu tragen, sein Bestes zu geben, zu Gott zu
beten und seiner Gnade zu vertrauen. Geduld ist Gold wert. Ohne
Geduld wird das Leben ein vollständiger Fehlschlag. Man sollte
niemals über sein Unglück klagen. Wie man in den Wald
hineinruft, so schallt es zurück. Wehklagen nützt nichts.
Man muß lernen, mutig zu sein und sein Schicksal durch eigenes
Bemühen zu gestalten.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß man sich auf die Stimmung
des Menschen einstellen muß, den man um einen Gefallen bittet
und von dem man etwas erwartet.
Gier und die Gnade Gottes schließen sich aus. Wo Gier
ist, kann es schwerlich Glück geben. Man sollte lernen, in
der Gegenwart zu leben und nur um das zu bitten, was man wirklich
braucht.
Mit Geduld, Heiterkeit, Zufriedenheit und Liebenswürdigkeit
sollte man lernen, das Beste aus den Umständen zu machen,
in denen man sich befindet.
Gleichnis vom König und seinem Falken
Ein König hatte einen Falken zum Jagen und Auskundschaften
dressiert. Er nahm den Falken immer auf seine Ausflüge mit.
Eines Tages ritten der König und seine Jagdgefährten
auf dem Nachhauseweg durch ein Tal zwischen Wüstendünen.
Der König war sehr durstig. Wie er so durch das Tal ritt,
sah er zu seiner großen Freude etwas Wasser an einem Felsen
herunter tropfen. Er sprang aus dem Sattel und hielt seinen silbernen
Becher unter das Rinnsal, um etwas Wasser aufzufangen. In der Zwischenzeit
schwang sich der Falke in die Lüfte und kreiste über
den Dünen.
Als der Becher voll war, wollte der König das kristallklare
Wasser trinken. Doch ehe er so weit war, stieß der Falke
plötzlich von oben herab und schlug mit seinen Flügeln
heftig gegen den Becher, so daß das Wasser verschüttet
wurde.
Der König blickte nach oben und sah seinen Falken auf
der Spitze des Felsens landen, von wo das Wasser hinunter tropfte.
Er hob den Becher auf und hielt ihn wieder unter den tröpfelnden
Wasserstrahl. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Becher wieder
voll war. Gerade, als der König trinken wollte, stürzte
der Falke wieder von oben herab und schlug ihm den Becher aus der
Hand.
Der König wurde sehr ärgerlich. Noch einmal sammelte
er mit großer Geduld das Wasser und zum dritten Mal hinderte
ihn der Falke daran, zu trinken. Wütend zog der König
sein Schwert und drohte dem Falken: „Das ist das letzte Mal. Wenn
du mich noch einmal vom Trinken abhältst, bezahlst du mit
deinem Leben!“ Er sammelte geduldig nochmals das Wasser, und diesmal
wachte er mit seinem Schwert, als er den Becher anhob, um das Wasser
zu trinken. Der Falke stürzte wieder nach unten und verschüttete
das Wasser. Gleichzeitig schlug ihm der König mit einem schnellen
Schwerthieb den Kopf ab.
„Nun hast du deine Lektion!“ brummte er. Als er nach seinem
Becher sah, entdeckte er, daß dieser in eine Spalte gefallen
war, wo er nicht mehr zu erreichen war. Darum kletterte er auf
den Felsen, um an der Quelle des tropfenden Wassers zu trinken.
Oben fand er einen Teich, in dem eine tote Giftschlange lag. Der
König war wie betäubt. Vergessen war sein Durst. Er dachte
nur noch an seine voreilige Tat, mit der er den treuen Falken,
der ihm das Leben gerettet hatte, getötet hatte. Der König
lernte als bittere Lektion, niemals mehr etwas voreilig zu tun.
Voreiligkeit ist die Mutter des Kummers. Entwickle Unterscheidungskraft.
Denke gut nach und handle erst dann. Schau, bevor du springst.
Gleichnis vom König und dem Astrologen
Ein König zeigte einem Astrologen sein Horoskop und
fragte ihn nach seiner Zukunft. Der Astrologe studierte die Planetenkonstellationen
und die Schriften (Shastras). Dann verkündete er seine Schlußfolgerung: „Oh
König, all deine Verwandten werden vor dir sterben und du
wirst ihre Begräbnisse eigenhändig ausführen.“ Der
König fühlte sich mit seinen Verwandten sehr verbunden
und wollte ein solches Urteil nicht tolerieren. Umgehend befahl
er, den armen Astrologe lebenslänglich einzusperren.
Dann sandte der König nach einem anderen Astrologen.
Dieser fand die Ausführungen seines Kollegen absolut korrekt,
vermittelte die gleiche Aussage jedoch taktvoll auf eine andere
Weise: „Oh großer König, du wirst ein langes Leben genießen.
Du wirst länger leben als all deine Verwandten.“ Dies beinhaltete
auch, daß alle seine Verwandten vor ihm sterben würden.
Dennoch war der König hocherfreut und beschenkte den Astrologen
reich.
Darum heißt es, auch wenn man die Wahrheit sagt, soll
man dies auf eine angenehme Art und Weise tun. Selbst die Wahrheit
sollte nicht so vermittelt werden, daß sie die Gefühle
anderer verletzt. Wenn man etwas auf eine verletzende Art und Weise
sagt, ist es, als hätte man die Unwahrheit gesagt. Deine Sprache
sollte wahrheitsgemäß, angenehm und wohltuend sein.
Gleichnis vom bärtigen Mann und dem Haferschleim
Eines Tages wurde einem Mann mit einem langen Bart und einem
Schnurrbart ein Glas Haferschleim angeboten. Als der Mann den Haferschleim
essen wollte, blieb er im Bart und im Schnurrbart hängen.
Nun mochte der Mann sowohl den Haferschleim als auch seinen Bart
und Schnurrbart, die er sorgfältig und liebevoll pflegte.
Um nun den Haferschleim zu trinken, ohne ihn in den Bart zu verschütten,
hielt er das Glas in einiger Entfernung vom Mund, mit dem Resultat,
daß der gesamte Haferschleim auf dem Boden landete.
Der bärtige Mann ist wie ein unreifer Aspirant, der
sein Äußeres unter großem Zeitaufwand ordentlich
und schön hält. Der Haferschleim ist der Nektar der Weisheit,
den ihm sein spiritueller Lehrer anbietet. In seinem Bemühen,
Unbequemlichkeit und Härte fernzuhalten, versucht er, sich
der regelmäßigen spirituellen Praxis (Sadhana) zu entziehen.
Er meint, auch ohne eigenes Bemühen dauerhaftes Glück
im Leben erreichen zu können.
Andererseits will er auch die Anweisungen des Lehrers befolgen,
da sie ihm höchstes Glück versprechen. Sie bringen ihm
aber keinen Nutzen, da er sie aufgrund seiner Torheit verschwendet.
So bringt ihn auch das Zusammensein mit dem Guru nicht weiter.
Er muß viel aus der Erfahrung lernen und dann seine Einstellung ändern.
Er muß seine Liebe zum Körper und zu körperlicher
Bequemlichkeit aufgeben und versuchen, aus der Nähe zum Guru
und den Instruktionen, die er von ihm erhält, Nutzen zu ziehen.
Unsterblichkeit ist für den Geist und nicht für
das Fleisch. Du kannst ersteres nur erreichen, wenn du letzteres
transzendierst.
Gleichnis von der Erbin, die einen häßlichen
Mann heiratet
Einst lebte eine wunderschöne junge Erbin mit einem
sehr großen Vermögen. Viele junge Männer hielten
um ihre Hand an. Aber sie zog einen häßlichen, armen
Jüngling vor, der aufgrund seiner Liebe zu ihr bereits völlig
durcheinander war. Wenn andere Bewerber sie fragten, warum sie
gerade einen Mann gewählt habe, der weder gut aussah noch
Wohlstand oder Verstand besaß im Vergleich zu ihnen, antwortete
sie:
„Ihr könnt euch in keinster Weise mit diesem Mann vergleichen.
Ihr besitzt nicht seine Augen, die fähig sind, alle Welten
zu sehen.“ In der Liebe nur nach Äußerem zu urteilen,
ist keine wahre Liebe sondern Heuchelei.
Die junge Erbin entspricht in diesem Beispiel Gott, der
allen Reichtum besitzt. Der arme häßliche Jüngling
ist wie ein frommer Aspirant, für den nichts außer Gott
existiert, der alle drei Welten in diesem einen Ziel findet, denn
für ihn gibt es nichts anderes. Die anderen Bewerber sind
wie Gläubige, die Gott um Geschenke bitten, aber nicht um
die Erfahrung Gottes selbst.
In der Liebe nur im Normalbewußtsein zu sein, ist
Heuchelei, denn dann liebt man den anderen nicht um seiner selbst
willen, unabhängig von äußerer Schönheit und
Besitz. Nur in der materiellen Welt bewußt zu sein, bedeutet,
das Gemüt, die Psyche, zu vernachlässigen.
Alle Yogawege, sei es Vedanta (Philosophie, Yoga des Wissens),
Bhakti (Hingabe an Gott) oder Raja Yoga (Yoga der Gedankenbeherrschung)
laufen letztlich auf dasselbe hinaus und haben ein Hauptziel: Du
sollst die äußere Welt vergessen, ihr gegenüber
blind sein und erkennen, daß alles in Raum und Zeit in der
inneren Wirklichkeit in dir zu finden ist. Dann wird das Selbst
dir seine Natur offenbaren. Dann wird dich Gott lieben und dich
als Seinen größten Anhänger erwählen.
Gleichnis von der Schlange und der Ratte
Eine Kobra war in einem Korb ohne Nahrung gefangen. Um sie
vollständig zu bändigen, hatte der Schlangenbeschwörer
ihr mehrere Tage nichts zu fressen gegeben. Der Schlangenbeschwörer
war gerade ausgegangen. Über dem Korb spielte eine Ratte.
Die Kobra sprach die Ratte an: „Oh Ratte, du große Herrscherin!
Du bist so freundlich und großartig. Du bist wirklich die
Krone der Schöpfung im ganzen Tierreich. Ergieße deine
Gnade über mich!“ Die Ratte hörte zu und fragte: „Wer
spricht da aus dem Korb? Bist du nicht die Kobra, mein größter
Feind? Warum schmeichelst du mir so?“ „Ich schmeichle dir nicht,
du Kaiser aller Kaiser,“ antwortete die Kobra. „Ich schwöre
hiermit, daß ich niemals mehr in meinem Leben eine Ratte
auch nur anrühren werde. Darum sei gnädig mit mir.“ Erfreut über
die Demut der Kobra und ihre Lobreden, sagte die Ratte: „Oh Kobra,
du hast recht. Nun, da ich außer deiner Reichweite bin, bin
ich der Kaiser aller Kaiser. Du bist hübsch gefangen im Korb.
Ich bin von deinen Worten angetan. Nun sage mir, was kann ich für
dich tun?“ Die Kobra antwortete: „Mag meine gespaltene Zunge immer
von deiner Herrlichkeit singen, oh große Herrscherin! Ich
bitte dich, mache ein kleines Loch oben in den Korb. Das ist ganz
einfach für dich. Das ist der einzige Gefallen, um den ich
bitte.“ „Pah!“ sagte die stolze Ratte. „Und um so einen kleinen
Gefallen bittest du mich so inständig? Das werde ich gleich
haben!“ Die Ratte machte sich sofort an die Arbeit. Noch bevor
das Loch fertig war, sprang die Kobra aus dem Korb und verschlang
als erstes die Ratte. Auf dem Weg begegnete sie dem Schlangenbeschwörer.
Sie biß ihn so heftig, daß er an ihrem Gift starb.
Der Schlangenbeschwörer ist der spirituelle Schüler.
Die Schlange ist der niedere Geist voll unguter Eindrücke
(Samskaras) und Neigungen (Vasanas). Der Korb ist das kleine bißchen
Selbstdisziplin Ttapasya = Askese) und spirituelle Praxis (Sadhana),
die der Aspirant (Sadhaka) ausübt, um die schlechten Gewohnheiten
und Geisteseindrücke in Schach zu halten. Die Ratte repräsentiert
die paar guten Denk- und Verhaltensgewohnheiten, die im Geist gebildet
worden sind. Aber der Geist hängt immer noch an Bequemlichkeit
und Sinnesvergnügen. Die Ratte spielt somit eine Doppelrolle.
Mit großer Anstrengung gelingt es dem Schüler,
den Geist einzufangen und in den Korb der Selbstdisziplin und spirituellen Übung
zu stecken. Die negativen Eindrücke werden ausgehungert, indem
man ihnen die Nahrung in Form von Sinnesbefriedigung (Vishaya-bhoga)
verweigert. Bald glaubt der Schüler, den Geist völlig
zu beherrschen und ihn nach seinem Willen arbeiten lassen zu können.
Aber sowie er sich entfernt, d.h., wenn seine Wachsamkeit auch
nur ein klein wenig nachläßt, nähert sich ihm ein
Objekt des weltlichen Vergnügens. Der träge Geist freut
sich bereits innerlich. Er versucht, die Freundschaft des Objekts
zu gewinnen. Der bereits etwas erhellte Intellekt sagt: „Du böser
Geist, du bist mein eingeschworener Feind. Wieso meinst du, daß ich
dich aus den Einschränkungen der Selbstkontrolle befreien
soll? Soll ich dir etwa wieder erlauben, dich an den Sinnen zu
erfreuen?“ Doch der Geist ist ebenfalls listig. Er besingt die
Vorzüge des Objekts des Genusses, malt sie in göttlichen
Farben aus. „Du bist trotz allem keine Versuchung für mich!
Wohlstand ist ein Werkzeug, um zu dienen und wohltätig zu
sein. Das andere Geschlecht ist lediglich meine göttliche
Mutter oder mein göttlicher Vater. Luxus ist nur der Lohn
für meinen Körper, der unaufhörlich für das
Wohlbefinden der Menschheit arbeitet. Ich habe geschworen, niemals
den Sinnen nachzugeben.“ Doch all dies sind nur heuchlerische Worte!
Der niedere Intellekt schwört, niemals den Sinnen nachzugeben,
auch wenn er von den Einschränkungen der Selbstkontrolle befreit
wird. Daraufhin gibt man etwas nach und höhlt die Selbstkontrolle
etwas aus. Über diesen Weg kann der teilweise kontrollierte
Geist nun hinausfließen zu den Sinnesobjekten. Der niedere
Geist verzehrt als erstes genüßlich das kleine bißchen
Viveka (Unterscheidungskraft), welches im Schüler heraufzudämmern
begann. Anschließend stürzt er sich auf die Sinnesobjekte.
Die überwundenen Sinne und Wünsche kommen mit doppelter
Kraft zurück. Der niedere Geist geht ungestüm voran und
tötet den Aspiranten. Der spirituelle Sucher geht unter aufgrund
seiner mangelnden Wachsamkeit und der kleinen Lücke, die in
seiner spirituellen Praxis und seiner Selbstdisziplin durch den
Kontakt des niederen Geistes mit den Sinnesobjekten entstanden
ist. Deshalb hüte dich und lasse in deinen Bemühungen
nicht eine Sekunde lang nach. Halte dich an deine Entschlüsse.
Marschiere auf dein Ziel zu.
Gleichnis von der Frau, die ihre Eheerlebnisse anpreist
Zurückhaltende Menschen sprechen niemals zu Dritten
von den süßen Liebesworten ihres Partners oder ihren
ehelichen Erlebnissen. Eine törichte Frau war einmal sehr
stolz auf die Liebe ihres Mannes. Sie glaubte nun, wenn sie anderen
erzählte, wie liebevoll ihr Ehemann war und welche Liebesworte
er ihr ins Ohr flüsterte, würden die Menschen sie bewundern
und ihr zu ihrem großen Glück gratulieren. So begann
sie, öffentlich über ihr Eheleben zu sprechen. Die Leute
verlachten und verspotteten sie und ihre Verwandtschaft begann,
sie zu meiden. Zuletzt begann selbst ihr Mann sie wegen ihres Verhaltens
zu hassen. So verlor sie alles und verbrachte den Rest ihres Lebens
sehr unglücklich.
Auch gute spirituelle Schüler (Sadhaka) sprechen nie über
die Unterweisung (Upadesha) ihres Gurus oder ihre spirituellen
Erlebnisse. Ein törichter Aspirant jedoch, der stolz ist auf
seine anfänglichen spirituellen Erfahrungen, fängt an,
damit Reklame zu machen, um die öffentliche Aufmerksamkeit
und Bewunderung auf sich zu lenken. Die Menschen durchschauen jedoch
seine Eitelkeit und er wird zum Gegenstand öffentlichen Spotts.
Andere Sadhakas meiden seine Gesellschaft. Einbildung und Stolz
führen dazu, daß er den anfänglichen Kontakt mit
dem Göttlichen verliert und seine bisherigen spirituellen
Erfahrungen einbüßt.
Deshalb behalte die Unterweisungen deines Gurus und deine
spirituellen Erfahrungen für dich. Dann wirst du spirituell
wachsen und das Ziel schnell erreichen.
Gleichnis von der frömmlerischen Anhängerin
Eine spirituelle Aspirantin hatte ein goldenes Abbild von
Buddha, welches sie immer bei sich trug. Im Laufe ihrer Wanderschaft
kam sie in ein Kloster, in dem es Hunderte von Buddhabildern gab.
Sie mochte aber die anderen Buddhas nicht, sondern nur ihren eigenen.
Wenn sie Räucherstäbchen für ihren Buddha anzündete,
störte es sie, wenn der Rauch auch zu den anderen Bildnissen
hinüberwehte. Um das zu verhindern, brachte sie um ihren Buddha
einen Vorhang an. Innerhalb weniger Monate wurde ihr Bildnis dunkel
vom Rauch, während die anderen Buddhas weiter golden strahlten.
So sind engherzige Menschen. Sie achten den Glauben anderer
nicht. Wie ein Fluß ohne Nebenflüsse nicht existieren
kann, so fehlt ihrem Glauben die Festigkeit und er stirbt eines
frühen Todes. Man muß großherzig sein und auch
den Glauben anderer akzeptieren. Die Religion, die alles einschließt
und niemanden bekämpft, ist wahre Religion. Nur sie wird überdauern,
während andere wie Luftblasen verschwinden werden. Eine solche
Religion ist die Religion der Wahrheit, der Reinheit, Gewaltlosigkeit
und Liebe. |
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