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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Der Sohn des reichen Mannes
Es war einmal ein reicher, gütiger und hilfsbereiter Mann, dem wurde ein wunderschöner Sohn geboren, den er sehr liebte. Da überfiel eines Tages eine Räuberbande sein Haus und raubte das Baby. Die Räuber flohen mit dem Kind und verlangten ein Lösegeld. Der reiche Mann zahlte die verlangte Summe, aber dem Räuberhauptmann gefiel der Knabe gut, und deshalb behielt er ihn, um ihn wie seinen eigenen Sohn aufzuziehen. So wuchs der Junge in dem Glauben heran, der Sohn des Räuberhauptmannes zu sein. Als das Ziehkind fünfundzwanzig war, beschloss der alte Hauptmann, seine mühselige und gefährliche Tätigkeit aufzugeben und sich zur Ruhe zu setzen. Er rief die Bande zusammen und verkündete ihr seinen Entschluss.
„Mein Sohn soll euer Anführer sein“, sagte er, „aber vorher muss er sich als fähig und würdig erweisen. Er muss die Bewohner eines bestimmten Hauses in einer bestimmten Ortschaft töten und ihr werdet ihm dabei helfen.“
Die Räuber, selbst die älteren, waren einverstanden mit dem Führungswechsel, denn der Sohn war mutig, immer freundlich und klug. Reichtum und sehr bald ein angenehmes Leben ver-sprachen sie sich unter seiner Führung. Außerdem waren sie froh, dass der alte, knorrige Hauptmann abtreten wollte. Auch der junge Mann freute sich über sein höheres Ansehen und die neue Aufgabe. Er ließ das Haus, das sie überfallen sollten, aus-kundschaften, postierte bei anbrechender Dunkelheit seine Leute um den Ort und wartete darauf, dass dort Ruhe einkehrte.
Da trat ein alter Räuber zu ihm und sagte: „Ich habe lange über-legt, ob ich es dir sagen soll, aber das Herz lässt mir keine Ruhe. Du bist nicht der Sohn unseres Hauptmannes, sondern dein rich-tiger Vater ist der Mann, den du heute Nacht umbringen sollst.“
Dem angehenden Hauptmann stürzten die Sterne vom Himmel, er wollte das nicht glauben.
„Doch“, fuhr der Räuber fort, „es ist so, wie ich es sage. Ich soll es beweisen? Nun, was ist das für ein Medaillon, was du da an dei-ner Halskette trägst?“
„Das trage ich schon immer.“
„So? Gut, dann rate ich dir, sieh dich einmal in dem Haus um, das wir überfallen wollen. Wenn du dort das gleiche Siegel fin-dest, wirst du erkennen, dass ich die Wahrheit sage.“
Nach diesen Worten ging der Räuber an seinen Platz zurück. Der junge Anführer war total durcheinander. Aber nach kurzer Zeit besann er sich und sagte dem Unteranführer, er wolle vor dem Überfall das betreffende Haus noch einmal allein auskundschaf-ten, und die Kameraden sollten ihm erst dann folgen, wenn er ihnen ein Zeichen gebe. Er schlich sich in das Dorf.
Währenddessen dachte er: „Geraubt bin ich also worden? Der Sohn des reichsten Mannes aus der ganzen Umgebung soll ich sein? Der reiche Mann, höchstwahrscheinlich mein Vater, ist - so heißt es - ein guter Mensch, und den soll ich nun töten oder töten lassen?“
Unbemerkt drang er in das Haus ein. Und dort fand er schon bald das gleiche Siegel, wie es auch auf seinem Medaillon aufge-zeichnet war. Der junge Mann kämpfte noch einmal mit sich, dann weckte er das Ehepaar. Er erzählte den beiden kurz seine Geschichte und zeigte ihnen das Medaillon. Die Gedanken der alten Leute verwirrten sich, sie wollten ihm nicht glauben, denn zu lange hatten sie vergeblich gehofft, ihren Sohn lebendig wie-derzusehen. Aber das Medaillon und die Ähnlichkeit des Jungen mit dem Vater überzeugten sie schließlich. So lautlos wie möglich riefen sie viele Nachbarn herbei. Dann gab der junge Mann das vereinbarte Zeichen und die ganze Räuberbande wurde gefangen genommen. Während seines verbleibenden Lebens war der reiche Mann noch gütiger und hilfsbereiter. Da er außerdem weise war, wurde er von den meisten Menschen aus der Umgebung schon bald wie eine göttliche Inkarnation angesehen. Sein Sohn folgte ihm auf diesem Weg.

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