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von Sukadev Bretz
Die Geschichte
vom Ring
Es war einmal ein Ehepaar, das schon längere Zeit verheiratet
war. Beide waren berufstätig - wir machen daraus ein modernes
Ehepaar -, haben sich gemeinsam um die Kindererziehung ge-kümmert,
sich die Hausarbeit geteilt, sich beim Kochen abge-wechselt –
das ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein.
Eines Tages erhielt der Mann bei der Arbeit eine freudige Nach-richt:
Er war der beste Verkäufer im letzten Jahr gewesen und hatte
eine hohe Geldprämie bekommen. Er überlegte, was er mit
dem Geld machen sollte. Irgendwie hatte er das Gefühl, seiner
Frau ginge es zur Zeit gerade nicht so gut und außerdem war
sie gerade an dem Tag an der Reihe, zu kochen. Deshalb wollte er ihr
gern eine Freude machen. Er erinnerte sich, dass seine Frau beim Schaufensterbummel
öfter bei einem Juweliergeschäft ste-hen geblieben war und
einen Ring angeschaut hatte. Sie hatte ihn sogar schon mal anprobiert.
Aber sie waren nicht so reich und hatten für die Kinder gesorgt
und für alles Mögliche gespart, deshalb hatte sie nie wirklich
den Wunsch nach dem Ring geäu-ßert. Aber der Mann wusste,
sie mochte diesen Ring über alles.
Also dachte er: „Jetzt kaufe ich diesen Diamantring, um sie
rich-tig glücklich zu machen.“
Als er nach Hause kam, war die Frau schon da. Sie hatte einen anstrengenden
Tag gehabt, Ärger mit dem Chef und jemand hat-te eine Delle in
ihr geparktes Auto gefahren, eines der Kinder brauchte Hilfe bei einer
wichtigen Schularbeit und das Essen war angebrannt. Ihre Stimmung
kann man sich also vorstellen.
Der Mann kam freudestrahlend nach Hause, überreichte ihr das
Päckchen und sagte: „Sei glücklich, Liebling.“
Die Frau öffnete es und sah den Diamantring. Sie schaute ihn
fragend an. Er sagte: „Ja, ich habe eine Prämie bekommen
und die soll nur für dich sein.“
Nehmen wir an, die Frau hat sich diesen Ring wirklich sehr ge-wünscht,
sie hat davon geträumt und nichts mehr ersehnt als diesen Ring.
Ist sie jetzt, gerade in diesem Moment glücklich? – Ja.
In dem Moment, wo ein großer Herzenswunsch in Erfüllung
gegangen ist, ist sie glücklich. Und warum ist sie in dem Moment
glücklich? Denkt sie in dem Moment an den Chef, an das Auto,
an die Schularbeit des Sohnes oder der Tochter oder die ver-brannte
Suppe? – Nein. In dem Moment denkt sie eigentlich an fast nichts.
Ihr Geist ist ruhig und konzentriert auf den Ring. Natürlich
spielt auch eine Rolle, dass sie aus dieser Geste sieht, dass ihr
Mann sie liebt. Auf jeden Fall ist der Geist ruhig und nicht von anderen
Wünschen oder Gedanken abgelenkt. Und wenn der Geist sehr ruhig
ist, dann strahlt die Freude des Selbst durch. Es ist nicht wirklich
der Diamantring und es ist auch nicht die Beziehung zu ihrem Mann,
die das Glück auslöst. Wenn es so wäre, bräuchte
sie in Zukunft nur noch ständig den Ring zu tragen und wäre
immer glücklich. Oder sie bräuchte nur die gan-ze Zeit mit
dem Mann Händchen zu halten, um immer glücklich zu sein.
Wir wissen alle, dass dem nicht so ist. Zärtlichkeit und Liebe
ist natürlich dem Glücklichsein zuträglich, aber es
ist nicht etwas, was einen dauerhaft glücklich macht. Nur in
dem Maße, wie sie unseren Geist ruhig und damit durchlässig
machen für das Glück des Selbst, können äußere
Handlungen und Dinge uns Glück schenken.
Wenn wir dieses Spiel durchschauen, gibt uns das eine unglaub-liche
Freiheit. Wir sind dann immer noch nicht so weit, dass wir gleich
auf Anhieb das innere Glück spüren können. Leider kann
man das nicht willkürlich erzeugen: Augen zu, Gedanken still,
Glückseligkeit. Aber wir erkennen wenigstens: Was ich für
mein Glück brauche, ist nur eine Methode, eine Weise, meinen
Geist zu konzentrieren und entspannt konzentriert zu halten. Dann
kann das Glück des Selbst zum Vorschein kommen. Und das kann
sich schrittweise in der Meditation, bei regelmäßiger Praxis,
entfal-ten, auch wenn ich das Glück nicht gleich beim ersten
Mal und auch nicht jedes Mal auf Knopfdruck erfahre. Mein Glück
hängt nicht davon ab, dass ich dieses oder jenes Haus besitze.
Mein Glück hängt nicht davon ab, dass ich diesen oder jenen
Beruf ergreife. Mein Glück hängt auch nicht von etwas anderem
ab. Was nicht heißt, dass es nicht hilfreich sein kann, sich
Ziele zu setzen. Ziele setzen hilft, den Geist zu konzentrieren. Aber
wir wissen: Mein Glück hängt nicht von irgendetwas ab, sondern
ich selbst bin Glück. Und ich kann das Glück dann erfahren,
wenn ich irgendwie meinen Geist dazu bringe, konzentriert zu sein.
Wenn mein Herz bei einer Sache oder bei einem Menschen dabei ist,
dann kann das Glück aus mir selbst heraus strahlen. |
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