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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Das glückliche und das unglückliche Ehepaar

So, wie es in Europa Tausende von Partnerschaftsratgebern und Paartherapeuten gibt, so gab es im alten Indien die Weisen, die man auch in ehelichen Angelegenheiten um Rat fragen konnte. Einmal geschah es, dass in einem Dorf zwei sehr unterschiedli-che, ältere Ehepaare lebten: Die einen waren unglücklich und stritten sich ständig, die beiden anderen aber lebten glücklich und harmonisch zusammen. Sie galten als weise. Eines Tages, als sich die streitsüchtige Frau und der streitsüchtige Mann einmal wieder furchtbar verzankt hatten und es beinahe zu Tätlichkei-ten zwischen ihnen gekommen war, ging die Frau weinend zu der glücklichen.
„Schwester“, sagte sie, „hilf mir, ich kann so nicht weiter leben. Warum ist mein Mann immer so feindselig, so dass wir ständig aneinander geraten? Du lebst mit deinem Mann so glücklich und friedvoll zusammen. Wie machst Du das?“
Die glückliche Frau überlegte einen Augenblick. Dann sagte sie: „Nun gut. Schau mir zu. Ich werde dir etwas vorführen.“
Sie rief ihren Mann, der auf dem Terrassenfeld neben dem Haus gerade die Kartoffelstauden anhäufelte. Er kam, wechselte an der Tür die Schuhe und betrat die Hütte. Sie sagte zu ihm: „Lieber, bitte, sei so gut und zünde ein Feuer an!“
Der Mann sah seine Frau kurz an, runzelte die Stirn und zündete das Feuer an.
„Und jetzt“, sagte die Frau, „setz’ bitte einen Topf auf das Feuer.“
Der Mann setzte einen Topf aufs Feuer.
„Nun gib etwas Ghee (reine, geschmolzene Butter) in den Topf.“
Auch das tat er.
„Gieß Honig hinzu.“
Er träufelte Honig hinzu.
„Und nun schütte das Ganze ins Feuer!“
Ohne ein Wort zu verlieren, nahm der Mann den Topf und schüt-tete den ganzen Inhalt ins Feuer, so dass es hoch aufloderte.
„Danke, Lieber“, sagte die Frau, „das war alles, nun brauche ich dich nicht mehr.“
Und der Mann ging wieder hinaus auf sein kleines Feld, um die Kartoffeln weiter anzuhäufeln. Die Hausherrin wandte sich an die unglückliche Besucherin und fragte: „Hast du verstanden?“ „Ja“, antwortete sie, „ja, ich habe verstanden.“
Und sie eilte nach Haus. Im Garten vor der Hütte jätete ihr Mann gerade das Unkraut zwischen den Okrapflanzen. Sie huschte in die Hütte. Nach einer Weile trat sie in die Tür und rief: „Du, Lieber, komm doch bitte mal zu mir ins Haus!“
„Siehst du nicht, dass ich arbeite?“, brummte der Mann.
„Das sehe ich, aber ich war gerade bei dem weisen Ehepaar, das so glücklich zusammen lebt. Die Frau hat mir eine magische Handlung gezeigt. Komm, auch wir werden bald glücklich zu-sammen leben!“
„Quatsch“, grummelte der Mann, „du mit deinem Blödsinn im-mer!“
„Ich werde nachher auch Milchreis für dich zubereiten, den du so gern isst.“
Immer noch grummelnd, schlurfte der Mann zur Hütte. Sie gin-gen hinein.
„Zuerst musst du, bitte, ein Feuer anzünden“, sagte die Frau.
„Ein Feuer, jetzt am Nachmittag, bei der Hitze?“
„Bitte, bitte!“
Widerwillig zündete der Mann in der Kochstelle ein Feuer an.
„Jetzt setz’ bitte einen Topf aufs Feuer.“
„Was, einen Topf? Das Kochen ist doch deine Arbeit!“
„Bitte, bitte. Ich bitte dich sehr, tu’ es.“
Unmutig nahm er einen Topf und setzte ihn aufs Feuer. „Du bist verrückt geworden“, sagte er.
„Und nun tu’ Butter hinein.“
„Butter? Die teure Butter einfach so hinein tun? Ich weiß ja gar nicht, was das werden soll!“
„Nun gieß’ Honig hinzu!“
„Honig? Du bist total verrückt! Du spinnst!“
„Und jetzt gieß’ das ganze ins Feuer!“
Der Mann fuhr auf. Er sah sie an, als hätte sie ernsthaft von ihm verlangt, er solle fliegen. Er zeigte ihr einen Vogel und ging schimpfend aus der Hütte an seine Arbeit. Die Frau schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Etwas später ging sie nieder-geschlagen zu ihrer Ratgeberin.
„Dein magisches Ritual“, jammerte sie, „hat bei uns nicht ge-klappt. Obwohl ich es, das schwöre ich, genau so wiederholt habe, wie du es mir vorgeführt hast. Wir haben uns sofort wieder ge-stritten.“
„Ein Ritual?“ Die weise Frau lächelte. „Was für ein Ritual? Ich habe dir kein Ritual vorgeführt. Ich habe dir doch nur gezeigt, dass die Grundlage einer jeden guten Partnerschaft Vertrauen ist. Sieh, mein Mann wusste nicht, was ich mit meinen eigenarti-gen Wünschen bezweckte, aber er hatte dich kommen sehen, und er hatte sich denken können, dass wir miteinander gesprochen hatten. Er wusste, wenn ich ihn nachmittags in der Gluthitze bitte, ein Feuer anzuzünden, einen Topf darauf zu stellen, Butter und Honig hineinzutun, beides zu erhitzen und es schließlich wegzuschütten, dann hat das seinen Grund. Er vertraute mir.“, erklärte sie. „Und sieh“, fügte sie hinzu, „hätte mein Mann mich gebeten, das Gleiche für ihn zu tun, dann hätte auch ich seinen Wünschen entsprochen. Das ist alles.“

 

 

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