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von Sukadev Bretz
König Parikshit
und der Sohn des Asketen
Ein Einsiedler lebte mit seiner Familie im Wald. Viele Weise
und Heilige hatten damals eine Familie, aber sie lebten abgeschieden,
waren mit einfachen Dingen zufrieden und meditierten viel. Dieser
Meister war eines Tages in tiefe Meditation versunken. Da kam König
Parikshit vorbeigeritten. Er hatte einen langen Ritt hinter sich und
wollte etwas zu essen und zu trinken.
In Indien gilt das Gesetz der Gastfreundschaft gegenüber jeder-mann,
und dem König gegenüber natürlich in besonderem Maße.
Der König klopfte also an und als keine Antwort kam, öffnete
er die Tür und sah dort jemanden in Meditation sitzen. Er rief:
„Bit-te, großer Weiser, ich brauche etwas zu essen und
zu trinken. Ich bin ganz schwach und muss heute noch weit reiten.“
Er bekam keine Antwort.
„Ich habe mit dir gesprochen, nun sag‘ doch etwas!“,
rief er dar-aufhin. Als immer noch keine Antwort kam, schüttelte
er ihn.
Der Asket blieb immer noch reglos sitzen. Nun wurde der König
wütend. „Das ist kein Heiliger“, dachte er, „sondern
er ist nur zu faul oder zu geizig, mir etwas zu geben und tut deshalb
so, als würde er meditieren. Denn so lange und vertieft kann
jemand unmöglich ruhig sitzen.“
In seinem Zorn nahm der König eine Schlange, legte sie dem Ein-siedler
um den Hals und ging weiter. In diesem Augenblick kam der Sohn des
Weisen von hinten her und sah das. Er war noch jung und daher zu schüchtern,
den König anzusprechen. Er war von seinem Vater dazu erzogen
worden, niemals auch nur eine einzige Lüge zu sagen und hatte
in seinem ganzen Leben bisher immer nur die Wahrheit gesagt. Und deshalb
waren seine Ge-danken unheimlich stark und jedes Wort, das er sagte,
musste zur Wahrheit werden. Er sagte: „Dieser König wird
in sieben Ta-gen an einem Schlangenbiss sterben“.
Nach ein paar Stunden kam der Weise aus seiner Meditation heraus,
sah die Schlange um seinen Hals und nahm sie vorsichtig ab. Es heißt,
einem Weisen in der Meditation tun Schlangen und wilde Tiere nichts
zu Leide. Das ist die Kraft von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit. Wenn
jemand fest in Ahimsa verankert ist, tun ihm Tiere nichts Böses.
Der Weise kam aus der Meditation, legte die Schlange ab und fragte
seinen Sohn: „Was ist denn passiert? Was ist mit der Schlange
los, und wie kommt sie hierher?“
Der Sohn antwortete: „Der König war da. Er hat dir diese
Schlange um den Hals gelegt und bewusst in Kauf genommen, dass du
daran stirbst. Dem habe ich’s aber gezeigt. Er wird jetzt in
sieben Tagen an einem Schlangenbiss sterben.“
„So?“
„Ja, ich habe gesagt, dass er es wird und du weißt selbst,
wenn ich etwas sage, wird es geschehen.“
„Aber der König ist doch insgesamt ein gerechter König
und mir ist ja auch nichts passiert. Wir hätten ihn ja auch bewirten
sollen und da ich es nicht gemacht habe, hättest du es tun sollen.
Ich habe leider nichts von seiner Anwesenheit gemerkt. Das tut mir
leid. Der König hat sich eben geärgert. Er ist kein Weiser,
des-halb hat er seine Emotionen nicht so unter Kontrolle. Aber wir,
die wir Asketen sind, wir sollten unsere Emotionen vollständig
unter Kontrolle haben.“
Darauf sagte der Sohn: „Ja, ich sehe es ein, es war nicht richtig
von mir. Aber du weißt, es wird geschehen. Ich kann es nicht
zu-rück nehmen.“
Schweren Herzens ging also der Weise zum König und sagte: „O
König, ich muss dir leider sagen, du wirst in sieben Tagen an
einem Schlangenbiss sterben.“
„Warum“, frage der König. Der Weise erklärte
es ihm und ent-schuldigte sich: „Es tut mir leid, aber es ist
leider nicht mehr zu ändern.“
Auch der König erkannte, dass er sich nicht richtig verhalten
hatte, aber auch er konnte es nicht rückgängig machen. Er
gab den Auftrag, ein neues Haus auf Pfählen aus ganz neuem Mate-rial
zu bauen. Alle Baumaterialen wurden genau überprüft, da-mit
ja keine Schlange irgendwo verborgen sein oder sich hoch schlängeln
konnte. An diesem Haus wurde sieben Tage lang ge-baut. Gleichzeitig
sorgte der König aber auch auf anderer Ebene vor und erkundigte
sich: „Was ist der schnellste Weg, innerhalb weniger Tage zur
Verwirklichung zu kommen, falls ich doch ster-be?“ Darauf hieß
es: „Der schnellste Weg zur Selbstverwirkli-chung ist es, Geschichten
von Gott zu hören und den Lobpreis Gottes zu singen.“ Daraufhin
lud der König Sukadev ein, den Sohn von Vyasa (Weiser, die viele
alte klassische Schriften aufge-schrieben hat), der ihm die Bhagavatam
erzählte, die von Geschichten der Inkarnationen Vishnus und insbesondere
Krishnas handelt. Kurz vor Ende der sieben Tage bezog der König
sein neues Haus. Oben setzte er sich hin. Als ihm Essen gereicht wurde,
war in einer Frucht eine Schlange, die ihn biss, und er starb daran.
Aber da er in der Zwischenzeit den Lobpreis Gottes gesungen und die
Geschichten von Krishna gehört hatte, kam er zu höheren
Bewusstseinsebenen und erreichte die Befreiung. So stellte sich die
ganze Begebenheit letztlich als ein Segen für ihn heraus, denn
in den sieben Tagen
konnte er sich auf den physischen Tod und seine Befreiung vorbereiten
und Abschied nehmen.
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