Chudula
und Shikidwaja
Es waren einmal ein König namens Shikidwaja und eine
Königin namens Chudala. Der König war ein rechtschaffener
König, ein guter König, ein gerechter König, aber doch
ein König, der es auch liebte, im Luxus zu leben und berühmt
zu sein: Als der Größte aller Könige wollte er in
die Geschichte eingehen.
Chudala, seine Frau, war eine große Yogini, also eine selbstverwirklichte
Yogameisterin. Sie wusste kraft ihrer yogischen Kräfte, dass
der König spirituelle Samskaras, Eindrücke aus früheren
Leben, hatte, die im Unterbewusstsein gespeichert waren. Es heißt,
wenn man in diesem Leben ernsthaft den spirituellen Weg geht, dann
ist das ein Zeichen dafür, dass man sich im früheren Leben
schon einmal etwas höher auf der spirituellen Leiter befunden
hat. Und es heißt auch, dass große Meister oder Meisterinnen
diese Vergangenheit in den Schülern erkennen können.
Von Ramakrishna, einem der größten Meister des 19. Jahrhunderts,
wird eine solche Geschichte erzählt. Zu ihm kam eines Tages ein
junger Student namens Naren, der spätere Swami Vivekananda. Als
der Student ankam, hielt Ramakrishna gerade einen Vortrag vor einer
großen Menge von Zuhörern. Er sah Naren von weitem und
rief ihm zu: „Endlich bist du gekommen! Warum hast du mich so
lange warten lassen?“ Der junge Naren war gar nicht erbaut davon,
dass ein Fremder ihn derart freudestrahlend begrüßte. Aber
auf dem Weg der Selbstverwirklichung schritt er dann schnell voran.
So wusste auch die Königin, der König wäre eigentlich
bereit für tiefe Yogapraxis und sagte: „O König, das
Königreich zu regieren ist nicht alles, du musst auch für
deine spirituelle Praxis etwas tun.“
Nun, Männer hören selten auf Frauen, insbesondere nicht
auf die eigene, und früher mag das noch weniger der Fall gewesen
sein als heute.
„Ach, lass mich mit diesem Unsinn in Ruhe“, erwiderte
der König. „Ich praktiziere, ein rechtschaffener König
zu sein, um berühmt zu werden, und das genügt. Du kannst
ja machen, was du willst.“
Was blieb der Königin anderes übrig, als eine kleine List
zu er-sinnen?
Einige Wochen später sagte sie zum König: „O König,
die edelsten Pferde hast du und die gelehrigsten Elefanten und neben
vielen anderen schönen Gebäuden in deinem Königreich
den herrlichsten Palast und die besten Krankenhäuser, eines aber
fehlt dir noch.“
„Und was soll das sein?“
„Die großartigste Debatte der berühmtesten Gelehrten.“
Im alten Indien, wo das Wissen hoch geschätzt wurde, war es üblich,
Meinungsverschiedenheiten durch Debatten auszutragen, die wochen-
und monatelang dauern konnten. Es galt, den oder die Gegner von den
eigenen Ansichten zu überzeugen. Ein neutraler Schiedsrichter
verkündete am Schluss den Sieger. Das war im Vergleich zu vielen
anderen Kulturen, wo Meinungsverschie-denheiten meist auf dem Schlachtfeld
ausgetragen wurden, durchaus eine Errungenschaft von Zivilisation
und Toleranz. In Europa galt damals vielleicht noch mehr als heute:
Wer das stärkere Heer und die spitzeren Waffen besaß, auf
dessen Seite war auch das Recht.
Der König sagte: „Ja, das stimmt, das fehlt noch. Du kennst
doch all diese Gelehrten und Intellektuellen, wähle du die aus,
die kommen sollen. Ich setze den höchsten Preis aus, der jemals
dem Gewinner einer Debatte gezahlt wurde: Fünftausend Goldmünzen
und hundert..., nein, was sage ich, tausend Kühe.“
Chudala sagte: „Gern richte ich die Debatte aus. Die weisesten
Leute aller Königreiche in weitem Umfeld werde ich einladen und
ich werde auch das Thema bestimmen.“
Sie wählte als Thema Vairagya. (Vairagya heißt Nicht-Anhaften,
Leidenschaftslosigkeit, Entsagung.) Als aufmerksamer Leser wirst du
sofort erkannt haben, dass eine derartige Debatte und ein solches
Thema ein Widerspruch in sich war, denn einerseits sollten sich die
Schriftgelehrten um Leidenschaftslosigkeit und Entsagung streiten,
andererseits würde der Sieger der Redeschlacht Tausende Goldmünzen
und Kühe erhalten und sich außerdem mit dem zweifelhaften
Ruhm schmücken, der weiseste Mensch aus mehreren Königreichen
zu sein.
Prunkvoll reisten die Pandits, die Schriftgelehrten, von weit her
an.
Chudala sagte zu ihrem Mann: „Du selbst musst während der
Veranstaltung anwesend sein, sonst ist das eine Beleidigung für
alle.“
Er jedoch fragte: „Reicht es nicht, wenn du dabei bist? Du bist
doch die Königin.“
„Nein“, sagte sie, „das reicht nicht. Die Leute
erwarten dich.“
„Gut“, seufzte er.
Ja, ja, was tut man nicht alles für den Ruhm des Königreiches
und vor allem für den eigenen!
Als Erster trat ein Pandit auf, der sprach: „O König, alles
Leben ist Leiden. Geboren zu werden, ist Leiden, denn kein Kind kommt
lachend auf die Welt, sondern ein jedes schreit mit den ersten Atemzügen.
Hilflos sind die Kinder danach für Jahre, die ihnen endlos erscheinen.
Als ältere Kinder sodann wollen sie schnellstens erwachsen werden.
Erinnere dich, o König, eine der schlimmsten Drohungen aus der
Kindheit ist: Wenn du jetzt nicht brav bist, wirst du nicht groß
und stark.’ Und auch die Jugendlichen wollen möglichst
schnell selbständig und erwachsen werden, aber zäh verrinnen
die Jahre. So voller Emotionen sind die Heranwachsenden, dass sie
nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Der Erwachsene verbringt dann
das ganze Leben in der Familie und im Beruf. Und der alte Mensch schließlich
bedauert, dass er in seinem Leben nicht das gemacht hat, was er eigentlich
hätte machen sollen oder wollen. Eine Krankheit nach der anderen
befällt ihn und zum Schluss ist er tot. Oh König, alles
Leben ist Leiden.“
Nach ihm ergriff der nächste Schriftgelehrte das Wort: „O
König“, sagte er, „alle Wünsche führen
zum Leiden. Es gibt nämlich drei Möglichkeiten: Entweder,
man will etwas und bekommt es nicht – die Konsequenz ist Leiden.
Oder man will etwas und bekommt es und dann verliert man es wieder
– die Konsequenz ist: noch mehr Leiden. Und das Dritte ist,
man will etwas und man bekommt es und es bleibt mit einem –
Konsequenz: Es mag ein paar Tage Freude bereiten, aber dann ist doch
wieder Leiden, denn man erkennt, man wird nicht so glücklich
damit, wie man es sich eigentlich vorgestellt hat.“
Dann trat ein nächster Gelehrter auf: „O König, alle
Menschen denken, dass andere glücklicher sind als sie selbst.
Die Menschen auf dem Lande denken, dass die Menschen in der Stadt
glückli-cher sind. Die Menschen in der Stadt denken, dass die
Reichen glücklicher sind. Die Reichen denken, dass die Mächtigen
glücklicher sind. Die Mächtigen denken, dass du, o König,
am glücklichsten bist. Aber ich glaube nicht, dass du glücklich
bist, o König; keiner ist glücklich auf dieser Welt.“
In dieser Art wurde die Debatte weitergeführt. Schließlich
aber betrat ein Weiser den Saal, stellte sich vor den König und
sagte: „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa
ma-nusuh.“
Alles klar?
„Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh.“
Jetzt klar?
„Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken,
nicht durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, sondern
allein durch Entsagung.“
Der König versank in Gedanken. Irgendwie hatte all dieses, was
gesagt worden war, einen Nerv in ihm getroffen. Er war zwar noch körperlich
anwesend, aber er hörte dem Gespräch gar nicht mehr zu.
Schließlich sagte er zu seiner Frau: „Sag schon, wer gewonnen
hat. Gib ihm den Preis.“
Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen. Er überlegte und dachte
nach und am nächsten Morgen war sein Entschluss gefasst: Er wollte
allem entsagen und das Königreich verlassen.
Das war nun nicht gerade das, was die Königin hatte bewirken
wollen. Sie rief aus: „Aber das ist nicht der Sinn des spirituellen
Lebens! Bleibe im Königreich, regiere, erfülle deine Pflichten
und erkenne, dass sich hinter allem noch etwas anderes verbirgt. Wer
wegläuft, erreicht nicht die Selbstverwirklichung.“
Hörte der König jetzt auf seine Frau?
Natürlich nicht. „Weißt du“, sagte er, „du
bist noch nicht so weit. Ich übergebe dir das Königreich,
regiere es, und wenn du auch so weit gekommen bist wie ich, dann entsage
ebenfalls.“
Hier eine kleine Bitte an den Leser. Sag’ niemals irgendeinem
Menschen: „Du bist noch nicht so weit!“, es sei denn,
du willst in deiner Partnerschaft eine große Krise erzeugen
oder jemand so vor den Kopf stoßen, dass er nie wieder mit dir
spricht. Dieser Ausspruch ist die höchste Form von Arroganz,
die es gibt. Nie-mand weiß, wie „weit“ jemand ist
oder nicht ist. Vieles kann Illusion sein.
Der König sagte also zu seiner Frau: „Du bist noch nicht
so weit, ich verlasse jetzt das Königreich.“
Und er tat, was er angekündigt hatte. An der Grenze der Stadt
ließ er seine Kleider fallen, und betrat nackt den Urwald. Viele,
viele Kilometer wanderte er, um sich schließlich mitten im Urwald
an einer Stelle, wo er wusste, dass dort Bananen, Mangos und andere
Früchte wuchsen, eine Hütte zu bauen. Damals gehörte
Überlebenstraining zur Ausbildung eines Kindes, deshalb kannte
er sich mit all diesen Dingen aus. Leicht ging ihm die Arbeit trotzdem
nicht von der Hand. Mühselig errichtete er sich aus umgestürzten
Bäumen mit Hilfe von Lianen und Bast eine notdürftige Hütte.
Aus Bast fertigte er sich auch Kleider. Jetzt war er angekommen, hatte
sich eingerichtet, und es war gar nicht so unangenehm, im Wald zu
leben: Keiner, der ihn ständig etwas fragte, keiner, den er beeindrucken
musste. Ab und zu hatte er vielleicht für ein paar Tage nichts
zu essen, weil keine Mango und keine Bananenstaude reif waren, aber
insgesamt war das Leben durchaus angenehm. Das unendliche Glück
jedoch, die Unsterblichkeit, ließ auf sich warten; in seinem
Bewusstseinszustand konnte er keine grundlegende Veränderung
erkennen. Irgendetwas, dachte er, muss ich jetzt tun und so begann
er zu meditieren.
Als Kind hatte er das ein wenig gelernt. Später, als Jugendlicher,
hatte er es aufgegeben und als Erwachsener kaum noch daran gedacht.
Nun meditierte er also wieder. Er erinnerte sich an ein Mantra und
notdürftig rief er sich ein paar Atemübungen und Asanas
(Yogaübungen) ins Gedächtnis. Zwar bekam er so einige schöne
Energieerfahrungen, die Unsterblichkeit aber ließ weiter auf
sich warten.
Schließlich begriff er, allein käme er nicht ans Ziel,
sondern er bräuchte einen Guru, einen spirituellen Lehrer. Tief
aus dem Innersten betete er: „O Gott, ich weiß nicht,
was ich machen soll, denn so komme ich auf meinem Weg nicht weiter.
Ich brauche einen Guru, bitte schicke mir einen spirituellen Lehrer.“
Eine alte Aussage besagt: „Ist der Schüler bereit, ist
der Lehrer nicht weit.“
Chudala, mit ihrem geistigen Auge - es heißt, dass große
Meister und Meisterinnen große telepathische und sonstige Fähigkeiten
haben, und gleich werdet ihr von noch wunderbareren hören -,
Chudala hatte mit ihrem geistigen Auge den Fortschritt ihres Mannes
verfolgt. Sie wusste, jetzt ist er bereit. Aber da sie erfah-ren hatte,
von ihr würde er keine Ratschläge annehmen, ersann sie eine
weitere List. Zu ihren Ministern sagte sie: „Bitte stört
mich nicht während der nächsten Stunden, ich werde jetzt
meditieren. Unter keinen Umständen dürft ihr mich stören.“
Und sie verschloss ihre Kammer, ging in tiefe Meditation und verließ
mit ihrem Astralkörper ihren physischen Körper. So reiste
sie zu König Shikidwaja und manifestierte sich als Swami Kumbha
in orangenen Gewändern, mit einem langen, wallenden, weißen
Bart, einen Meter über dem Boden schwebend.
Der König betete gerade: „Bitte, lieber Gott, schick mir
einen Gu-ru, einen Meister, ich komme allein nicht weiter!“
Als er die Augen öffnete, sah er, wie aus fünfzig Meter
Entfer-nung ein Guru, in orangenen Gewändern, mit langem, weißem
Bart im vollen Lotussitz auf ihn zu schwebte. Zwei Meter vor ihm hielt
der Guru an, immer noch schwebend.
Der Guru schaute sehr ernst, hob den Zeigefinger und sagte: „Om
na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh!“
Weder gegrüßt hatte er, noch sich eingeführt. „Nicht
durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht
durch irgendwelche Rituale wird Unsterblichkeit erreicht, son-dern
allein durch Entsagung.“
Der König verneigte sich.
„Ehrwürdiger Swami (selbstverwirklichter Meister), ich
habe allem entsagt: Meinem Königreich habe ich entsagt, nackt
habe ich diesen Urwald betreten, trotzdem merke ich nichts von ir-gendeiner
Unsterblichkeit.“
Swami Kumba sprach: „D e i n e m, d e i n e m Königreich
hast du entsagt?“
„Ja, meinem Königreich!“
„Wieso deinem Königreich?“
„Ich habe es geerbt.“
„Du hattest das Königreich geerbt und nanntest es dann
dein! Hast du die Bäume in deinem Königreich gepflanzt?“
„Nein.“
„Hast du die Menschen in deinem Königreich geschaffen?“
„Nein.“
„Hast du die Häuser in deinem Königreich gebaut?“
„Nein.“
„Hast du die Felder in deinem Königreich angelegt und bestellt?“
„Nein.“
„Hat sich das Königreich aufgelöst, nachdem du ihm
entsagt hast?“
„Nein.“
„Geht es den Menschen in deinem Königreich sehr viel schlechter,
weil du ihm entsagt hast?“
„Vielleicht, aber meine Frau ist klug, vermutlich nicht.“
„O König, d e i n Reich hattest du als eine bestimmte Aufgabe
geerbt, nie hat es dir gehört, nie hattest du die Kontrolle über
ein einziges Blatt in ihm, und was dir nicht gehört hat, dem
konntest du auch nicht entsagen.“
„Ich habe meinem Palast entsagt.“
„D e i n e m Palast?“
„Ja, ich habe ihn gebaut.“
„Allein?“
„Nein, natürlich nicht, ich habe ihn bauen lassen.“
„Aha, bauen lassen!“
„Ja, aber ich habe gesagt, wie groß er sein, wie er aussehen
soll.“
„O König, woraus ist der Palast gebaut?“
„Aus Marmor, Gold, Diamanten, Edelsteinen...“
„Und woher stammt der Marmor, das Gold...?“
„Aus meinem Königreich.“
„Wir haben doch soeben festgestellt, dass das Königreich
nicht wirklich dir gehörte. Du hast also Marmor und Diamanten
aus der Natur geholt oder vielmehr holen lassen, die dir nicht gehört.
Und wer hat den Palast errichtet?“
„Alle möglichen Arbeiter.“
„Die dir gehörten?“
„Ja, es waren meine Untertanen.“
„D e i n e Untertanen? Du hast sie geschaffen? Könntest
du auch nur einen Finger mehr an ihnen wachsen lassen, wenn du wolltest?
O König, kein Mensch war jemals dein Untertan. Du hattest eine
bestimmte Aufgabe zu erfüllen, von der du letztlich davonge-laufen
bist und das ist keine Entsagung. Nichts hast du entsagt!“
„Ich habe meiner Frau entsagt.“
„D e i n e r Frau?“
„Ja, wessen denn sonst?“
„O König, d e i n e r Frau? Hat sie dir jemals gehört?
War sie dein Besitz?“
Wenn zwei Menschen in Indien heiraten, dann heißt es, dass jeder
eine Ardha, eine Hälfte ist; der Eine ist die Hälfte des
Anderen.
„O König, deine Frau hat dir niemals gehört. Deine
Frau hat sehr wohl vor dir gelebt und sie lebt sehr gut auch jetzt,
nachdem du sie verlassen hast; sie hat ihre eigene Persönlichkeit.
Nur dadurch, dass ihr einen Bund der Ehe eingegangen seid, war sie
noch lange nicht deine Frau. O König, da deine Frau dir nie ge-hört
hatte, konntest du ihr auch niemals entsagen. Was oder wem hast du
also entsagt?“
„Ich habe meinen Kindern entsagt.“
„D e i n e n Kindern?“
„Ja, ich habe sie gezeugt.“
„Allein?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Woher stammen die Seelen dieser Kinder?“
Keine Antwort.
„O König, uralt sind ihre Seelen und durch dich haben sie
sich nur neu manifestiert, inkarniert; nicht einmal zur Hälfte
hast du ihre Seelen geschaffen. Und ihr Körper, wie ist ihr Körper
gewachsen?“
„Ja, zuerst im Mutterleib.“
„In deinem?“
„Nein, nein, natürlich in dem von meiner Frau.“
„Und wie hat deine Frau die Embryos ernährt?“
„Sie hat gegessen und die Embryos so mit ernährt und später
hat sie die Kinder gestillt.“
„Und wodurch sind die Kinder danach gewachsen?“
„Ja, indem sie gegessen haben.“
„Was haben sie gegessen?“
„Reis und Dal, also Hülsenfrüchte, Gemüse und
Chapati und manchmal auch gute Nachspeisen.“
„Und woher stammten die?“
„Aus meinem König..., Entschuldigung, von den Äckern
in dem Königreich, das ich früher als mein bezeichnet habe.“
„Oh König, du siehst, die Seelen deiner Kinder haben sich
nur neu manifestiert, ihre Körper sind gewachsen dank der Nahrung
aus der Natur, sie haben sich nicht in Nichts aufgelöst dadurch,
dass du ihnen entsagt hast; oh König, deine wunderbaren Kinder
haben dir niemals gehört. Als Vater hattest du bestimmte Aufgaben
zu erledigen, nichts weiter.“
Swami Kumbha schaute wieder ganz streng und wiederholte: „Om
na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh! In einer
Woche komme ich wieder. Ich will, dass du dann etwas entsagt hast.“
Über dieses Gespräch dachte der König während
der nächsten Woche nach und plötzlich sah er die Natur mit
ganz anderen Augen. Er sah die Schönheit des Waldes, er sah das
Wunder eines einzelnen Blattes, und wenn er auf dem Boden Blätter
beiseite schob, dann sah er die vielen unterschiedlichen Insekten,
die dort lebten. „Ach, wie überheblich war ich“,
rief er, „und ich hatte gedacht, das alles gehört mir!“
Seine Meditation wurde ruhiger, tiefer, sie bekam eine ganz neue Qualität.
Der Tag nahte, an dem Swami Kumbha zurückkehren würde. Der
König zermarterte sich den Kopf, denn endlich wollte er etwas
entsagen, was wirklich ihm gehörte. Meiner Hütte, meiner
Kleidung und meinem Essgeschirr werde ich entsagen, beschloss er,
und dies gehört nun wirklich mir, denn ich habe es mit mei-nen
eigenen Händen angefertigt. Gedacht, getan: Er verbrannte die
genannten Dinge.
Indessen sagte Chudala wieder zu ihren Ministern: „Bitte stört
mich während der nächsten Stunden nicht, denn ich werde
mich wiederum in eine tiefe Meditation begeben.“ Sie betrat
ihr Zimmer, schloss sich ein, ging in die Meditation, verließ
mit ihrem Astralkörper den physischen Körper, manifestierte
sich als Shi-kidwaja.
Streng schaute er dem König in die Augen und sagte: „Om
na karmana na prajaya dhanena...! Was hast du entsagt?“
Stolz erwiderte der König: „Ich habe meiner Hütte
entsagt.“
„D e i n e r Hütte?“
„Ja, mit meinen eigenen Händen hatte ich sie gebaut und
nun habe ich sie verbrannt; ich habe ihr entsagt.“
„Woraus hattest du die Hütte gebaut?“
„Aus Bäumen, die umgestürzt auf dem Boden lagen.“
„Und woher stammten diese Bäume?“
„Ja, hier aus dem Wald.“
„Und dieser Wald hat dir gehört?“
„Nein, erstens habe ich ihm schon entsagt und zweitens hat er
mir nie gehört.“
Der König hatte also bereits etwas gelernt.
„O König, aus einem Wald, der dir nie gehörte, hattest
du also, ohne jemanden zu fragen, Stämme herbeigeholt. Hattest
aus ihnen eine Hütte gebaut, die Hütte dann verbrannt, Kleintiere
getötet und die Umwelt verräuchert, und das nennst du Entsagung?
O König, du hast noch immer nicht verstanden.“
„Ich habe meinem Essgeschirr entsagt.“
“D e i n e m, deinem Essgeschirr? “
„Ja, ja, ich weiß ja schon. Und mit meinem Bastrock wird
es das gleiche sein.“
Shikidwaja war niedergeschlagen. Wieder schaute ihn Swami Kumbha streng
an.
„Om na karmana..!“, rezitierte er seinen Vers. „In
einer Woche kehre ich zurück, dann will ich, dass du etwas entsagt
hast.“
Obwohl der König ratlos war, schätzte er nun die Natur,
in der er lebte, noch höher. Und wenn er sich eine Banane pflückte
oder Kräuter sammelte, dann spürte er eine neue Beziehung
zu all den Pflanzen und Dingen um sich herum. Dankbar bereitete er
sich abends ein Lager aus trockenen Blättern. Zum Glück
war gerade keine Monsunzeit und es regnete kaum. Doch die Frage blieb,
wem oder was konnte er entsagen? Was war sein? Was war wirklich ganz
allein sein? Als Swami Kumbha eine Woche später erneut herbeischwebte,
fand er Shikidwaja nicht an der gewohnten Stelle. Er musste eine zweite
geistige Vision einschalten, und da sah er, dass Shikidwaja auf einem
hohen Felsen stand.
Eilends glitt er zu diesem Felsen, hielt über dem Abgrund inne
und rief: „König, König, was willst du entsagen?“
„Ich will meinem Körper entsagen!“ Und schon lief
Shikidwaja los, um sich hinunter in die Schlucht zu stürzen.
Aber Swami Kumbha war bereits neben ihm, hielt ihn an der Schulter
zurück und sagte: „Moment, deinem Körper willst du
entsagen?“
„Ja.“
„Wieso d e i n e m Körper?“
„Ja, wessen denn nun sonst?“
„Woher stammt dieser Körper?“
„Nun, Mutter und Vater hatten etwas damit zu tun...“
Und wie ist der Körper dann gewachsen?“
„Ja, das hatten wir schon einmal besprochen, als es um meine
Kinder ging. Durch alles mögliche: Getränke, Nahrung...“
„Gut, und wenn du nun dem Körper entsagst, was geschieht
dann mit ihm?“
„Die Geier und die Tiger werden ihn fressen.“
„Könntest du deinen Körper auf ewig erhalten?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Wenn du wolltest, könntest du dir eine zweite Nase wachsen
lassen?“
„Natürlich nicht.“
„Könntest du dir deine Haare plötzlich grün wachsen
lassen?“
Shikidwaja blieb stumm.
„O König, dieser Körper ist ein großartiges
Geschenk von Mutter Natur, er ist ein großartiges Wunder: jeder
Atemzug, jeder Blick, jede Wahrnehmung eines Geräusches. Nicht
einmal erklären könntest du, wie ein Fingernagel wächst!
Du kennst nichts und beherrschst nichts, du sammelst Früchte
und Kräuter aus der Natur, stärkst auf diese Weise deinen
Körper, nennst diesen Körper dann dein und jetzt willst
du dieses großartige Geschenk zerstören? Das nennst du
Entsagung? O König, nichts hast du verstanden. In einer Woche
kehre ich zurück.“
Den Zustand des Königs kann sich sicher jeder vorstellen. Und
doch hatte Shikidwaja auch wieder etwas gelernt: tatsächlich,
jeder Atemzug, jeder Schritt, jede Pore seiner Haut, jedes Haar war
ein Wunder. Nur das Entsagen bereitete ihm Kopfzerbrechen. Denke ich
falsch? Vielleicht sollte ich meinen Wünschen entsagen?
Und dann dachte er: „Ich werde meinen Gedanken entsagen.“
Gut. Wie gewohnt erschien Swami Kumbha eine Woche später.
„Was, König, willst du entsagen?“
„Ich will meinen Gedanken entsagen.“
„D e i n e n Gedanken? Ah, deinen Gedanken! Du hast also deine
Gedanken im Zaum? Du kannst sie vollständig steuern, beherrschen?“
Nun, wer kann seine Gedanken schon vollständig beherrschen? Es
heißt zwar, Yogis könnten das, aber wenn, dann höchstens
während der Meditation. Niemand kann seine Gedanken ständig
steuern. Man stelle sich vor, jeden einzelnen Gedanken müsste
man hervorrufen oder nicht hervorrufen ...
Swami Kumbha sagte: „O König, zeitweise wirst du deine
Gedan-ken vielleicht zur Ruhe bringen, doch nicht für längere
Zeit. Deine Gedanken kommen und gehen, du kannst ihnen nicht entsagen.
Überlege aber: Was ist die Ursache der Gedanken? In einer Woche
werde ich wieder erscheinen.“
Während der König in der folgenden Woche meditierte, beobachtete
er das Spiel seiner Gedanken und musste zuweilen lächeln. Was
für eigenartige Bilder, Erinnerungen, Pläne, Wünsche
tauchten da auf! Er erkannte, dass seine Wünsche die Ursache
seiner Gedanken waren.
Und so sagte er zu Swami Kumbha, als dieser nach einer weite-ren Woche
erschien: „Vielleicht, o Herr, sollte ich meinen Wünschen
entsagen.“
Swami Kumbha erwiderte: „O König, auch deine Wünsche
sind nicht wirklich dein. Weder hast du sie willkürlich geschaffen,
noch kannst du sie willkürlich ändern. O König, auch
diese Wün-sche sind einfach nur da. In einer Woche werde ich
dich erneut besuchen.“
Der König meditierte während der nächsten Woche darüber
und erkannte, wie die Wünsche in seine Gedanken hineingelangten.
Tatsächlich stiegen oft die verschiedensten Wünsche in ihm
auf: mal nach einer guten Mango, mal nach einer reife Banane, und
dann dachte er an seine Frau, an seinen Schimmelhengst, auf dem er
früher so gern geritten war, oder an seine Elefanten. Er stellte
fest, die Wünsche tauchten zwar auf, aber sie gehörten ihm
nicht. Er konnte ihnen auch nicht einfach so entsagen. Er-freut beobachtete
er allerdings, dass sie, wenn er sich nicht mit ihnen identifizierte,
schwächer wurden. Und dann entdeckte er, dass es etwas gab, was
die Wünsche zusammenhielt: das Ego. Das Ego hielt die Wünsche
zusammen.
Demütig sagte er zu Swami Kumbha, als dieser wieder herbei-schwebte:
„Vielleicht sollte ich meinem Ego entsagen“.
Der Heilige lächelte. „Was ist das Ego ohne Wünsche,
ohne Ver-haftung und ohne Identifikation?“, fragte er und verschwand.
In tiefer Meditation kam der König während der nächsten
Woche zu dem Schluss, das Ego sei so etwas wie eine Zwiebel, denn
wenn man von einer Zwiebel alle Schalen entfernt, was bleibt dann
übrig? Nichts! Und wenn man vom Ego alle Wünsche und Identifikationen
entfernt, dann bleibt ebenfalls nichts übrig, nichts, was man
als Ego bezeichnen könnte. Das erzählte der König dem
Swami Kumbha, als dieser nach einer Woche wieder schwebend im Lotussitz
vor ihm saß.
Swami Kumbha sagte: „Nun, dann versuche noch zu erfahren, was
jenseits ist von den Wünschen und Gedanken, jenseits vom Ego.“
Der König meditierte über diese Frage. Er hatte sich inzwischen
lösen können vom Körper, von Gedanken, Wünschen,
Emotionen und äußeren Besitzidentifikationen. Er erfuhr,
dass es jenseits von all dem viel Licht und Wonne, Weisheit und Intuition
gab. Am Ende der Woche erzählte er das dem Swami Kumbha.
Dieser schaute ihn nur kurz an und sagte: „Tat twam asi - das
bist du.“
Der König fiel in tiefe Meditation. Swama Kumbha verschwand.
Chudala rief nach einer weiteren Woche ihre Minister zusammen und
diesmal befahl sie, dass alle Minister und der gesamte Hofstaat mit
allen Pferden und Elefanten sich bereit machen sollten zu einem Ausflug.
Auch der Schimmelhengst des Königs sollte gesattelt mitgeführt
werden. Und so zogen sie dann hinaus in den Urwald, Chudala auf einem
weißen Elefanten. Der König befand sich noch immer im überbewussten
Zustand, in Samadhi.
Er hatte verwirklicht: „Aham brahma asmi, ich bin Brahman, ich
bin das unendliche Bewusstsein, ich bin eins mit dem Unendlichen.“
Alle Verhaftungen, Identifikationen und Wünsche hatte er trans-zendiert
und seine wahre Natur erkannt. Chudala trat vor den König. Mit
dem Mantra „Ooooooommm“ holte sie ihn aus der tiefen Meditation
in das Normalbewusstsein zurück. Er erkannte, dass er selbstverwirklicht
war und dass Chudala vorher als Swami Kumbha sein Meister gewesen
war.
Er verneigte sich vor ihr und sagte: „O Liebling, danke, dass
du mich auf meinem Weg begleitet und mich belehrt hast; du bist mein
Guru. Nun habe ich die Unsterblichkeit erreicht, nichts mehr gibt
es zu tun.“
Lächelnd erwiderte Chudala: „Lieber, wieder irrst du, dein
Karma ist noch nicht zu Ende. Kehre zurück, zusammen wollen wir
das Königreich regieren und uns um unsere Kinder kümmern.
Dieser Aufgabe können wir uns nun in dem vollen Bewusstsein stellen,
dass unsere wahre Natur Brahman (das Absolute) ist, dass die Natur
hinter allem Brahman ist, dass die ganze Welt eine Manifestation Brahmans,
des Göttlichen, ist.“
Der König nickte. Dann fragte er: „Was eigentlich war zu
entsagen?“
Die Königin lächelte nur.
zum
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