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Yoga-Geschichten

von Sukadev Bretz

Die Brunnenfrösche

Einst lebten einige Frösche in einem kleinen Brunnen, am Rande eines alten Dorfes, das schon lange von den Menschen verlassen war. Tagaus, tagein lebten sie innerhalb dieser engen Mauern, doch beschwerten sie sich nicht weiter, weil sie ja gar nichts an-deres kannten. „Es ist einfach so“, sagten sie, „das hier ist unsere Welt.“
Sie lebten von den Würmern und den Bakterien die sie in der modrigen Umgebung fanden und wurden fett und träge. Tagaus, tagein ging die Sonne auf und unter, und zur Mittagszeit fielen ein paar warme Sonnenstrahlen in das stehende Wasser. Die Frösche nahmen es zur Kenntnis, dass die Sonne kam und dass sie wieder ging, und beachteten sie nicht weiter.
Eine junge Fröschin war jedoch unter ihnen, die sich schon lange wunderte, woher die Sonne kam, und wohin sie ging, wenn sie nicht mehr über dem Brunnen war. „Es muss doch noch etwas anderes geben, als dieses enge Gefängnis“, dachte sie. Sie sprach ihre Eltern an, aber die winkten ab, sie solle sich nicht solche Gedanken machen. Sie sprach auch mit ihren Freundinnen und Freunden darüber, aber auch die wollten lieber einfach nur in Ruhe gelassen werden. Schließlich fragte sie den Ältesten, und der wurde sogar richtig mürrisch, „Schlag Dir deine Träumereien aus dem Kopf, Kleine! Außer diesem Brunnen existiert nichts.“
Die Jungfröschin aber spürte in sich einen Ruf, den sie selbst nicht beschreiben konnte. Sie wusste nicht, was auf sie warten würde. Aber dass etwas auf sie wartete - darauf wartete, entdeckt zu werden - das spürte sie.
Heimlich machte sie sich in der Morgendämmerung, als alle noch schliefen, auf den Weg, um nach der Heimat der Sonne zu su-chen. Es war nicht leicht, den Brunnenrand zu überwinden – es kostet sie mehrere Froschhüpfer und Anläufe und viel Kraft, bis sie endlich oben war und verwundert um sich schaute. Im Osten sah sie es langsam heller werden. Hart und rau war der Sand, auf dem sie nun herumsprang, ganz anders als der bequeme Matsch im Brunnen. Hätte sie doch dort bleiben sollen? Sie be-gann zu zweifeln. Zudem wurde der Weg jetzt beschwerlich, weil es einen großen Hügel bergauf ging. Und das war sie nicht ge-wohnt, solche Anstrengung. Trotzdem fühlte sie in sich den Wunsch, ihrer inneren Stimme zu folgen, und so hüpfte sie weiter gen Osten. Trocken war es hier, und dornig. „Wäre ich doch im Brunnen geblieben“, dachte sie wieder einige Zeit lang. „Ob ich je wieder Wasser finde, um mich zu ernähren? Denn Wasser brau-che ich doch.“
Aber wie sie da stehen blieb, und in ihr Herz hineinhörte, was denn mit ihr geschehen würde, da spürte sie doch auf einmal wieder Zuversicht. Und plötzlich sah sie auch vor sich einige Blumen auf dem Weg wachsen, die sie lange bewunderte und die ihr Herz aufgehen ließen.
Die Blumen kündigten eine etwas lieblichere Landschaft an. Weiches Gras spürte sie plötzlich unter ihren Füßchen und da – tatsächlich, ein kleiner Teich mit strahlenden weißen Lotusblü-ten. Vor lauter Staunen über diese Schönheit und dieses Wunder vergaß sie sogar ihren Durst. Dann aber erfrischte sie sich und rastete etwas.
So ging es einige Tage, durch Ödland und dann wieder durch fruchtbare Felder. Und schließlich, eines Tages, kurz vor Mittag, als die Sonne schon ganz oben am Himmel stand, da sah sie es vor sich - das Meer. Wasser so weit sie sehen konnte und Palmen, und um sie herum summten die Fliegen, und unsere Jungfrö-schin hüpfte und freute sich. Und wie sie so ganz aufging in rei-ner Freude und Wonne, kam ihr plötzlich der Gedanke: „Das muss ich den anderen Fröschen sagen. Ich darf das nicht einfach für mich behalten. Sie alle können frei sein und diese Herrlich-keit und Schönheit und Grenzenlosigkeit des Ozeans erleben und erfahren.“ Und so hüpfte sie zurück zu dem alten Brunnen, um die gute Nachricht zu verbreiten.
„Frösche!“, rief sie. „Ich war da draußen, und dort gibt es ein rie-siges Wasser. Es ist wunderschön und unendlich, ohne Mauern, ohne Anfang und Ende“.
Und wie bei den Menschen, wenn ein Weiser oder Lehrer etwas verkündet, das den normalen Horizont übersteigt, gab es drei Arten von Fröschen: Die einen, die nichts davon hören wollten und es mit Logik und ins Lächerliche ziehen versuchten. Andere, die zwar gerne vielleicht wollten, sich aber nicht trauten, denn es war ja doch alles so ungewiss und anstrengend. Und die dritten, die sich wagemutig auf den Weg machten. Und auch bei den Frö-schen war die letzte Kategorie weit in der Minderzahl.
„Was redest Du da?“, fragte der Brunnenälteste. „Was soll es denn da draußen geben, außer Stein, aus dem unser Brunnen gemacht ist? Das ist doch Unsinn.“
„Aber, ich war doch draußen, und ich habe Wasser gefunden.“
„Und? War das Wasserloch so groß wie unser schöner Brunnen?“
„Größer. Noch viel größer. Viel, viel größer, als dieser Brunnen.“
„Was soll es denn größeres geben, als unsere Welt hier? Du hast vielleicht nur einen Hitzschlag bekommen und bist einer Fata Morgana erlegen, da wo Du warst. Außer unserem riesigen Was-ser hier, gibt es nur Mauerstein.“
„Es gibt nur Stein“, blieb der Alte stur. „Nichts weiter, und nichts größeres als unser Wasser.“
Ein paar andere Frösche näherten sich ihr später, als sie allein war und fragten sie weiter aus. „Ja, ich würde schon gern, aber das ist schrecklich weit...“, sagte der eine. „Und dann hätte ich auch Angst, wenn ich dieses riesige Wasser sehen würde – da könnten wir ja gar nicht drin herumhopsen...“, meinte ein ande-rer.
Unsere Jungfröschin aber wusste ja, was sie erfahren hatte. „Kommt doch mit mir, ich zeige Euch den Weg, wie ihr auch diese großartige Erfahrung machen und frei sein könnt“, rief sie fröh-lich den anderen zu, und machte sich wieder auf den Weg.
Und da rief ihr ein einziger wagemutiger und wissensdurstiger Frosch nach: „Halt, so warte doch. Ich komme mit. Ich will es auch sehen und erfahren.“ „Gut,“ sagte die Fröschin, „dann folge mir.“
Oben angekommen, blieb der Frosch erst mal atemlos sitzen und sah sich um. „Wie wunderschön“, sagte er und starrte in völliger Verzückung die Blumen an, genoss den Gesang der Vögel und das Zirpen der Grillen, das Summen der Bienen, den Duft der Blüten, den warmen Hauch des Windes... „Komm, wir müssen weiter, wenn wir unser Ziel erreichen wollen,“ ermahnte ihn die erfahre-ne Fröschin. Oder willst Du hier auf halbem Weg bleiben?“ „Nein, nein, ich komme ja schon“, erwiderte der Frosch und folgte ihr, wenn auch widerstrebend.
Als sie wieder viele Stunden durch trockenes Ödland mit Dornen und Steinen gehüpft waren, klagte der Frosch: „Es ist so trocken hier und steil und beschwerlich. Ich schaffe es nicht. Ich wäre doch wohl besser, im Brunnen geblieben.“ „Gib nicht auf. Das, was du für all diese Anstrengung bekommst, ist so unvorstellbar großartig, du kannst es dir nicht vorstellen. Du musst es selbst sehen, man kann es nicht wirklich beschreiben.“
„Viele Dornen haben wir schon durchquert“, rief die Fröschin ihm schließlich zu. „Hinter diesem Hügel, da ist das Meer.“ Und nun konnten sie schon das laute Rauschen des Ozeans hören. Und wenig später, da sahen sie es am Horizont: das weite, weite Meer. Der kleine Frosch fürchtete sich zunächst vor dem lauten Getöse der Wellen und schloss vor Angst vor dem Unbekannten die Au-gen. Die Fröschin musste ihm nochmals gut zureden, bis er end-lich näher kam und wagte, die Augen zu öffnen. Und dann starrte er fassungslos auf dieses unendliche blaue Wasser und wusste: er war frei und am Ende seiner Wünsche. Und er rührte sich nicht mehr von der Stelle, bis er selbstverwirklicht war.....
So ist unsere Welt wie der Brunnen. Wenn wir erst einmal wa-gen, über den Brunnenrand hinauszuschauen, entdecken wir wunderbare neue ungeahnte Welten und Schönheit.

 

 

 

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