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von Sukadev Bretz
Die
Geschichte vom Fleischer
Es war einmal ein junger Aspirant, der unbedingt die Gotteser-fahrung
haben wollte. Er zog sich in den Wald zurück und prak-tizierte
intensiv Pranayama (Atemübungen). Eines Tages, wäh-rend
er Pranayama übte, saß ein Vogel auf einem Zweig oberhalb
von ihm und ließ etwas fallen, was auf den Kopf des Yogis fiel.
Der Yogi ärgerte sich über diesen Vogel und schaute ihn
an. Durch die Kraft seiner Praxis war sein drittes Auge geöffnet,
ein Feuerstrahl trat hinaus und verbrannte den Vogel.
Zufrieden mit seinen erreichten Kräften ging der Aspirant in
das nächste Dorf, um Nahrung zu erbetteln. Bei einem Haus öffnete
eine Frau die Tür. Sie versprach ihm, ihm gleich etwas zu essen
zu bringen und bat ihn, etwas zu warten. Nach einigen Minuten ärgerte
der Aspirant sich, dass er solange warten musste, und dachte: "Diese
Frau hat keinen Respekt, ich sollte meinen Feuer-strahl auch auf sie
richten, um ihr Respekt beizubringen". Im nächsten Moment
hörte er die Frau sprechen: "O großer Yogi, ich komme
gleich, ich muss mich erst noch etwas um meinen pflege-bedürftigen
Mann kümmern. Ich bin nicht wie dieser Vogel. Dein Feuer kann
mir nichts anhaben". Schockiert und doch neugierig wartete der
Yogi.
Nach ein paar Minuten kam die Frau mit etwas Nahrung. Nach dem Essen
fragte der Yogi: "Bitte sage mir, woher kanntest Du meine Gedanken?
Welche Yogaübungen praktizierst Du, um solch hohe Kräfte
erreicht zu haben?“ Die Frau antwortete: "Ich habe nicht
viel Zeit für Pranayama und Meditation. Ich übe jeden Tag
ein paar Minuten Meditation. Ich diene meinem pflegebe-dürftigen
Mann, opfere alle Handlungen Gott und versuche in jedem Menschen Gott
zu sehen. So hat mich Gott mit vielerlei Erkenntnissen gesegnet. Aber
gehe in das Nachbardorf. Da wirst Du einen Fleischer auf dem Marktplatz
sehen. Der wird Dir er-klären, was wirkliche Spiritualität
ist."
Der Aspirant brach sofort auf. Auf dem Marktplatz fand er den Fleischer.
Als der ihn sah, sagte er: "Bist Du derjenige, den die Frau aus
dem Nachbardorf geschickt hat? Bitte warte bis heute Abend, wenn ich
mit meiner Arbeit fertig bin". Der Aspirant, be-eindruckt von
den telepathischen Fähigkeiten des Fleischers, wartete geduldig
und beobachtete, was der Fleischer so machte. Er sah, dass der Fleischer
stets gleichmütig, liebevoll und freude-voll war. Am Abend folgte
er dem Fleischer nach Hause, sah, wie er sich liebevoll um Frau, Kinder
und die kranken pflegebedürf-tigen Eltern kümmerte. Schließlich
fragte er ihn: "Welche Prak-tiken hast du gemacht, um soviel
Gleichmut und telepathische Kräfte zu bekommen? Noch dazu wo
Du einen solchen Beruf hast?" Der Fleischer antwortete: "Ich
mache nicht viele Prakti-ken. Ich meditiere jeden Tag etwas und mache
ein paar Runden Pranayama und Asanas, so wie es mein Tagesablauf zulässt.
An-sonsten denke ich stets an Gott und opfere jede Handlung Gott.
Ich diene Gott in meinen Eltern, meiner Familie und überall.
Meinen Beruf konnte ich mir nicht aussuchen. Ich wurde in die Fleischerkaste
hereingeboren. So versuche ich sogar zu den Tie-ren freundlich zu
sein, auch wenn ich meine Pflicht tun muss. Und Gott hat mir in seiner
Gnade wahres Wissen und bestimmte Fähigkeiten gegeben. So solltest
auch Du das tun, was zu tun ist. Du solltest mittels Dienen und Liebe
Dein Herz öffnen, all Deine selbstsüchtigen Ideen überwinden
und so die Einheit mit Gott verwirklichen.“
Man kann Gott in allen Lebensumständen erreichen. Das Erfül-len
der Pflichten im rechten Geist besser sein kann als stunden-lange
spirituelle Praktiken. Natürlich muss man verstehen, dass im
alten Indien keine freie Berufswahl bestand, dass also ein Sohn eines
Fleischers nur Fleischer werden konnte.
Wenn man die Wahl hat, ist es sicher besser, auf solche Tätigkei-ten
zu verzichten, die man als unethisch empfindet. Aber ansons-ten kann
man alles, was man macht, Gott widmen und so Gott näher kommen. |
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