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von Sukadev Bretz
Der
Papageienjäger und der Einsiedler
Es war einmal ein Papageienjäger, der spannte eines
Tages sein Netz in der Nähe einer Einsiedelei aus. Der Einsiedler,
der dort lebte, sah, wie der Jäger über zwanzig Papageien
fing.
Vorwurfsvoll sagte er: „Hörst du nicht, wie gequält
die armen Tiere schreien? Wie kannst du die Vögel, die Freiheit
gewöhnt sind, in solche Not bringen?“
Der Jäger antwortete: „Ich fange sie, um sie zu verkaufen,
das ist mein Broterwerb. So sorge ich für mich und meine Familie.“
„Kannst du dein Brot nicht auf andere Weise verdienen?“
„Ich habe nichts anderes gelernt.“
„Und wie viel Geld bekommst du für die armen Tiere?“
Der Jäger nannte die Summe.
„Das passt gut“, sagte der Einsiedler, „denn bis
vor kurzem lebten einige Schüler bei mir. Sie sind jetzt nach
Hause zurückgekehrt, und sie haben mir genau die Summe Geldes
überlassen, die du nennst. Ich möchte dir das Geld geben,
wenn du dafür die Vögel frei lässt. Für wie lange
kannst du mit dem Geld deine Familie ernähren?“
„Für einen Monat.“
„Gut. Ich gebe Dir das Geld und du versprichst mir, während
eines Monats keine Papageien zu jagen.“
„Ja, wenn du mir die genannte Summe gibst, dann tue ich das
gern.“
Der Einsiedler sagte: „Aber zwei dieser Papageien möchte
ich mit in meine Hütte nehmen.“
„Einverstanden.“
Der Einsiedler gab dem Jäger das Geld und der Vogelfänger
ließ alle Tiere bis auf zwei frei.
In seiner Hütte lehrte der Einsiedler die Papageien immer wieder
den Satz: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt
nicht hin-ein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz,
fliegt nicht hinein, fliegt weg!“
Nach zwei Wochen sprachen die Vögel den Satz fehlerfrei und er
gefiel ihnen so gut, dass sie ihn von morgens bis abends krächz-ten:
„Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein,
fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht
hinein, fliegt weg!“
„Ausgezeichnet“, dachte der Einsiedler, „die habe
ich gut unter-richtet. Ich werde ihnen jetzt die Freiheit zurückgeben
und im Wald können sie die Gurus der anderen Papageien sein.“
Also ließ er die beiden gelehrigen Schüler frei.
Froh flogen sie zu ihren Schwestern und Brüdern, Tanten und Onkeln,
Cousinen und Cousins und erzählten ihnen: „Jäger wird
kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger
wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg!“
Nach zwei weiteren Wochen hallte es im ganzen Wald:
„Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt nicht hinein,
fliegt weg! Jäger wird kommen...!“
Der vereinbarte jagdfreie Monat war vorüber und der Jäger
kehr-te mit seinem Netz zurück! Er hörte das Geschrei und
es klang ihm entsetzlich in den Ohren.
„Auweia“, dachte er, „jetzt hat mich der Einsiedler
aber hereinge-legt. Nun werde ich hier wohl niemals mehr einen Papagei
fan-gen.“ Aber dann dachte er: „Nun, wenn den Menschen
etwas bei-gebracht wird, dann gibt es immer einige, die nicht lernen
wollen, oder die das Gelehrte nicht begreifen, oder die es vergessen.
Ich bin jetzt den weiten Weg bis hierher gegangen, darum spanne ich
einfach einmal mein Netz aus, und warte was geschieht.“
Er breitete also das Netz aus. Und weil er die Situation so ein-schätzte,
dass er lange ausharren müsste, um vielleicht zwei, drei Papageien
zu fangen, legte er sich seitwärts zu einem Mittag-schläfchen
nieder.
Bereits nach einer halben Stunde erwachte er durch lautes Ge-schrei
und Gezeter: „Jäger wird kommen, spannt sein Netz, fliegt
nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird kommen, spannt sein Netz...!“
„Ja, ja“, dachte er, „nun haben also die klugen
Vögel das Netz bemerkt und darum schreien sie jetzt noch lauter
und aufgereg-ter. Ich werde schnell meine Sachen packen und verschwinden,
denn das Jagen in diesem Wald hier ist sinnlos und wird es auch in
Zukunft sein.“
Er ging zu dem Netz und was sah er? Hunderte von Papageien hatten
sich in dem Netz verfangen, schreiend: „Jäger wird kom-men,
spannt sein Netz, fliegt nicht hinein, fliegt weg! Jäger wird
kommen...!“
Yoga-Geschichten
aus klassischen indischen
Schriften
Inhaltsverzeichnis
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