Die Chandogya Upanishad
von Swami Krishnananda
1. Kapitel Vaishvanara-Vidya
Panchagni-Vidya
Die Upanishads zielen hauptsächlich auf das Meditieren, um die
bindenden Effekte zu korrigieren, die durch natürliche Prozesse
entstehen. Diese natürlichen Prozesse folgen ihren eigenen Gesetzen,
die man mit Hilfe von Meditationstechniken überwinden kann. Die
Philosophie zeigt auf, wie das Universum funktioniert, das den Einzelnen
an Samsara bindet, d.h. an die ständigen Wiedergeburten. Unsere
Sorgen werden durch uns selbst erschaffen, weil wir nicht die Gesetze
des Universums befolgen. Die Behauptung einer scheinbar unabhängigen
Wirklichkeit, die sich von der eigentlichen Wirklichkeit abhebt, wird
als Ego bezeichnet. Diese individuelle Selbstbehauptung, Jivatva, das
Ego, ist Ursache der Sorgen und der Leiden, denen der Einzelne (Jiva)
unterworfen ist. Die Geburten und Tode sind die Bestrafung für
das Individuum, um es in seiner weltlichen Erfahrung zu reformieren,
damit er zum normalen Bewusstseinszustand zurückkehrt. Dieser normale
Bewusstseinszustand ist die Universalität des Seins, das dem Individuum
gegenwärtig, auf Grund der Unwissenheit über seine Beziehung
zum Universum und einer falschen Vorstellung bzgl. seines eigenen Selbst
unabhängig vom Universum, vorenthalten ist.
Der erste Abschnitt der Chhandogya Upanishad, den wir uns näher
anschauen wollen, ist ein schrittweises Anheben des Wissens, um uns
über die normale Erfahrung der Meditation zu erheben, d.h. über
Geburt und Tod und über Bindungen, welcher Art auch immer. Er zeigt
Methoden auf, um die Sorgen zu überwinden und das ursprüngliche
Sein wieder zu etablieren. Die darauf folgenden Abschnitte sind systematische
Lehren zu Adhyatma-Vidya oder Atma-Vidya, ein Wissen über das absolute
Selbst, das einzige Heilmittel für die Leiden unserer empirischen
Existenz.
Dieser Abschnitt über Panchagni-Vidya behandelt eine besondere
Meditationsmethode, d.h. das Wissen über die fünf Feuer, wobei
es sich um verschiedene Offenbarungen bzw. Evolutionsprozesse handelt,
der Weg einer Seelenwanderung, an den die Seele gebunden ist. Es ist
wie ein Kommen und Gehen, ein Auf- und ein Absteigen in diesem Samsara-Chakra
des sich ständig drehenden Rades der Bindungen. Wie dieses geschieht
und wie man sich davon befreien kann, welche Methoden es dazu gibt,
um sich von der Umklammerung dieser scheinbar willkürlichen Gesetze,
die auf uns einwirken und uns nach ihrem Gutdünken binden, wobei
wir nicht in der Lage scheinen, in die Geschehnisse von Geburt, Tod
und Erfahrungen, die wir durchlaufen müssen, zu befreien, sind
die Themen, die hier behandelt werden. Dieses Gesetz des Universums
ist derart weit reichend, dass es schwer auf uns lastet, wenn wir es
nicht befolgen. Die Bindungen der Seele, hervorgerufen durch ihre eigene
Unwissenheit und verschiedene Heilmethoden, werden in diesem Abschnitt
behandelt.
Während sich die Brihadaranyaka Upanishad in ihrem Ziel transzendenter
verhält und Meditationstechniken anbietet, die den normalen Verstand
übersteigen, führt uns die Chhandogya Upanishad auf den normalen
Pfad der Erfahrungen und hebt uns erst am Schluss in das Reich des Absoluten.
Von einigen Gelehrten wird die Auffassung vertreten, dass die Brihadaranyaka
in ihrer Betrachtung Aprapancha und die Chhandogya Saprapancha ist,
d.h. die Brihadaranyaka befasst sich nur mit dem Absoluten und alle
Lösungsansätze sind nur aus der Sicht des Absoluten. Auf diese
Weise hat die Brihadaranyaka die letzte Stufe erreicht und sieht alle
Heilmittel für die Probleme im Leben aus Sicht des Absoluten. In
der Chhandogya hingegen wurde der normale Mensch in die Betrachtung
einbezogen, auch wenn das Ziel letztendlich dasselbe ist. Auf diese
Weise ergänzen sich die Aspekte der beiden Upanishads zu einem
einzigen Studium.
Die Panchagni-Vidya bezieht sich auf eine besondere Art von Meditation,
um die innere Bedeutung des Phänomens von Geburt und Tod zu erklären.
Was wir im normalen Leben erfahren, ist nur die Folge von bestimmten
Ursachen, die uns verborgen sind. Wir sehen, wie Menschen geboren werden
und wie Menschen sterben, doch wir wissen nicht warum dieses geschieht.
Die Ursachen sind uns unbekannt. Worin liegt der Zwang, dass jemand
geboren wird, und warum muss er sterben? Wir haben keine Antwort auf
diese beiden Fragen. Wir wissen auch nicht, welche natürlichen
Prozesse dafür verantwortlich sind. Wir haben keine adäquate
Erklärung zu dem Geheimnis der eignen Erfahrungen. Geburt, Tod
und Erfahrungen im Leben sind offensichtlich Folgen, die durch etwas
verursacht werden, von denen wir keine Kenntnis haben. Die Upanishad
versucht uns über die Meditation eine neue Art von Wissen zu vermitteln,
die eine Lösung für unsere Sorgen darstellt, die unabdingbar
ein subjektiver Teil der Gesetze des natürlichen Phänomens
sind.
Dazu gibt uns die Upanishad folgendes Beispiel in Form einer Geschichte:
Svetaketu, ein Student und Sohn von Uddalaka war sehr belesen und gut
ausgebildet. Er war von seinem Wissen derart überzeugt, dass er
damit vor anderen Menschen prahlte und sich auf viele Diskussionen bei
Hofe und Audienzen von Königen usw. einließ. Er stand für
seine Bildung in einem guten Ruf. Dieser junge Mann kam eines Tages
zufällig zum Hof von König Pravahana Jaivali, einem ehrenwerten
Eroberer. Als Svetaketu dort eintraf wurde er vom König mit allem
Respekt eines Brahmin, der die Vedas bis in alle Tiefen beherrschte,
empfangen. Der König stellte dem jungen Mann folgende Fragen:
„Bist du gut ausgebildet? Hast du studiert? Ist deine Ausbildung
vollständig? Hat dich dein Vater gut unterrichtet?“ Der Junge
sagte: „Ja, meine Ausbildung ist abgeschlossen, und ich bin sehr
belesen.“
Dann stellte der König weitere Fragen: „Selbstverständlich
bist du gut informiert, sodass du zu allen Problemen Stellung nehmen
kannst. Du kennst dich in allen Themen gut aus.“ Dieses wurde
von dem jungen Svetaketu bejaht. Dann stellte der König fünf
Fragen.
Seine erste Frage lautete: „Weißt du wohin die Menschen
gehen, nachdem sie diese Welt verlassen? Kennst du die Antwort auf diese
Frage?“ Der junge Mann antwortete: „Ich weiß es nicht.
Ich kann die Frage nicht beantworten.“ Dann stellte der König
eine andere Frage: „Weißt du woher die Menschen kommen,
wenn sie in diese Welt wiedergeboren werden?“ Svetaketu sagte:
„Ich weiß auch dieses nicht.“ „Weißt du
denn, auf welchem Weg die Seele aufsteigt, d.h. die Pfade, die man Devayana
und Pitriyana nennt? Kennst du den Unterschied dieser beiden Pfade?
Warum unterscheiden sich die beiden Wege?“ Svetaketu sagte: „Ich
kenne auch die Antwort auf diese Fragen nicht.
Dann stellte der König die vierte Frage: „Warum ist die
andere Welt nicht von Menschen überfüllt? Sie kann immer wieder
Menschen aufnehmen und ist niemals übervoll. Woran liegt das?“
„Auch das weiß ich nicht“, kam die Antwort. Nun die
fünfte Frage: „Welches sind die fünf dargebotenen Opfer,
und wie wird das fünfte Opfer, in flüssiger Form, zum Menschen?“
Auch hierauf bekam er keine Antwort.
Dann sagte der König: „Wie kannst du behaupten, du bist
gut ausgebildet und sehr belesen, wenn du selbst diese Fragen nicht
beantworten kannst? Wie kommst du auf die Idee, gut ausgebildet zu sein?
Was hat dich dein Vater gelehrt, wenn er dir diese Dinge nicht beigebracht
hat?“ Der Junge fühlte sich gedemütigt, sein Stolz schwand
dahin, denn er erkannte, dass es etwas gab, was er nicht verstand. Seine
Ausbildung war nicht vollständig. Es war das erste Mal, dass er
erkennen musste, nicht alles zu wissen.
Obwohl ihn der König bat zu bleiben, rannte er mit dem Bewusstsein
zurück zu seinem Vater, eine schwere Niederlage erlitten zu haben.
Bei seinem Vater angekommen, schrie er ihm entgegen: „Wie konntest
du behaupten, ich sei gut ausgebildet und hätte alles Nötige
gelernt? Du hast mir erzählt, es gäbe für mich nichts
mehr zu lernen, meine Ausbildung sei vollkommen.“ Der Vater antwortete:
„Ja, was ist damit?“ „Nein“, entgegnete der
Junge. „Dieser König hat mir ein paar Fragen gestellt, von
denen ich keine einzige beantworten konnte. Obwohl ich offensichtlich
nicht vollständig ausgebildet bin, hast du immer behauptet, ich
gäbe nichts mehr für mich zu lernen.“ „Um welche
Fragen geht es denn?“ fragte der Vater beruhigend. Der Junge wiederholte
die Fragen. „Nun sag mir die Antworten!“ bat er seinen Vater.
„Wenn ich die Antworten auf diese Fragen gewusst hätte, hätte
ich sie dir beim Unterricht auch nicht vorenthalten. Ich kenne ihre
Bedeutung nicht. Ich habe dich in allem unterwiesen, was ich weiß.
Nie zuvor habe ich davon gehört. Wie sollte ich dir also eine Antwort
auf diese Fragen geben? Lass uns beide als Schüler zum König
gehen. Dieses ist der einzige Ausweg, der uns bleibt. Wir sollten als
demütige Schüler zu ihm gehen.“ Der Junge sagte: „Du
kannst gehen. Ich werde nicht mitkommen.“ Er fühlte sich
derart beschämt, dass er sich nicht noch einmal beim König
zeigen wollte. Darum ging sein Vater allein.
Der Vater ging also allein zum Hof des Königs. Der König
empfing den Brahmin mit allem Respekt, hieß ihn willkommen und
bot ihm seine Gastfreundschaft an. Gautama blieb über Nacht. Am
nächsten Morgen als der König seine Audienz abhielt, ging
auch er dorthin. Der König sagte: „Verehrter Gast, frage
nach allem, was von dieser Welt ist: irgendwelche materiellen Werte,
was auch immer du benötigst. Ich werde dir alles zum Geschenk machen.“
Der Brahmin antwortete: „Ich brauche nichts, denn ich bin zufrieden
mit dem, was ich besitze. Doch gib mir die Antwort auf die Fragen, die
du meinem Sohn vorgelegt hast. Ich bin zu dir gekommen, um zu lernen,
und nicht um Geschenke zu bitten, die du mir freundlicherweise angeboten
hast, denn ich benötige nichts. Doch ich möchte um die Antwort
auf die Fragen an meinen Sohn bitten, die ich selbst nicht beantworten
konnte.“
Der König war perplex und zugleich innerlich beunruhigt als er
den Brahmin so sprechen hörte. Es verschlug ihn die Sprache, denn
es ist schwierig, von einer Sekunde auf die andere tiefschürfende
Fragen zu beantworten. So ist das bei allen Lehrern. Kshatriyas suchen
nicht gerade nach Brahmins als Schüler. In alter Zeit war es eher
umgekehrt. Der König gehörte zum Stamm der Kshatriya und der
Schüler war ein Brahmin. Brahmins unterrichten Kshatriyas und nicht
umgekehrt. Aus diesem Grunde war er sich nicht so sicher, was er dem
Brahmin erzählen sollte.
Was der König dem Brahmin erzählte, war folgendes: „Bleib
für einige Zeit hier. Wir sollten über das Thema nachdenken.“
Es heißt, dass man ihn vielleicht für ein Jahr zu bleiben
bat, denn so war es Tradition. Der Brahmin blieb als vorbereitende Disziplin,
um das Wissen zu erfahren. Danach sagte der König eines Tages:
„Du bittest mich um das Wissen, das die Kshatriyas bis zum heutigen
Tage für sich behalten haben. Es wurde bis heute nicht an Brahmins
weitergegeben. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, wo ich dieses Wissen
ausplaudern muss, denn du bist zu mir als Schüler gekommen und
möchtest es erfahren. Bis heute waren die Könige, die dieses
Wissen für sich behalten haben, überall vorherrschend. Sie
konnten auf Grund dieser Macht über alle regieren, denn sie waren
durch diese Macht geschützt, und jetzt möchtest du dieses
Wissen von mir erfahren.“ Doch der König war irgendwie bereit
dazu, dieses Wissen mit dem Brahmin zu teilen, der als demütiger
und gehorsamer Schüler zu ihm gekommen war. An ihn wollte der König
die große Wahrheit weitergeben.
Jetzt kommt die Antwort, die jedem respektvollen Sucher zuteil wird.
Die Antworten, die der König gab, sind bestimmte Formen der Meditation.
Es sind Prozesse des im Einklang mit höheren Ebenen stehenden Geistes.
Man nennt sie ‚Vidyas’, denn es sind bestimmte Formen des
Wissens. ‚Vidya’ bedeutet auch Meditation oder Kontemplation.
Ein höheres Wissen wird Vidya genannt, etwas, das sich vom allgemeinen
Wissen unterscheidet, d.h. es ist wissenschaftlich oder künstlerisch
usw.
Absolutes Wissen erhebt sich, wenn im Gegensatz zu anderen Wissengebieten
alles einbezogen wird. Jede Lernform dieser Welt ist irgendwie isoliert
und sie hat keine Verbindung zu andern Formen des Lernens. Jemand, der
beispielsweise ein Gebiet hervorragend beherrscht, kann auf einem anderen
Sektor eine Niete sein, d.h. hier kommt es in der Regel zu Einschränkungen.
Unser Wissen ist endlich und nicht allumfassend. Welche Ausbildung auch
immer jemand genossen hat, er wird niemals allwissend sein. Es gibt
immer etwas, was er nicht weiß oder nicht beherrscht. Uns bindet
eine Art von Unwissenheit, die irgendwo existiert, von der wir allerdings
keine Kenntnis haben. Wo es Unwissenheit gibt, herrscht auch Bindung
bezogen auf Subjekte oder Begleitumstände. Wenn wir von einer Sache
Kenntnis haben, sind wir nicht daran gebunden, aber wir können
sie kontrollieren. Je größer unser Wissen über eine
Sache ist, desto mehr können wir uns dieses Wissen zunutze machen.
Doch, je weniger wir über eine Sache wissen, desto mehr sind wir
von ihren Gesetzen abhängig. Die Welt bindet uns. Die Gesetze der
Gravitation und der Natur schränken uns ein, denn wir sind nur
ungenügend über diese Gesetze informiert. Wir wissen nicht,
wie sie funktionieren, und warum wir diesen Gesetzmäßigkeiten
unterworfen sind. Was läuft bei uns falsch? Wir wissen es nicht,
obwohl uns klar ist, das mit uns etwas grundsätzlich falsch läuft,
und auf Grund dessen wir von der ganzen Welt abhängig sind. Wir
sind unter dem Daumen der Weltgesetze. Der Grund liegt darin, dass wir
uns scheinbar außerhalb dieser operierenden Gesetze bewegen. Wir
verhalten uns wie auf der Flucht, die Gesetze sitzen uns im Nacken,
und wir müssen uns ihrem Diktat beugen. Wir können uns nicht
dem Gravitationsgesetz entziehen, und wenn wir dieses, wie bei der Raumfahrt,
doch tun, dann benötigen wir irgendwie einen Ausgleich. Wir sind
Sklaven dieser Gesetze. Wir können hinfallen und unsere Beine brechen;
wir können ertrinken, verbrennen oder uns kann sonst irgendetwas
widerfahren. Unser Leben auf Erden basiert auf diesen Gesetzen und wird
durch sie entschieden. All dieses geschieht offenkundig auf Grund irgendwelcher
Schranken. Unser Körper, unsere ganze Persönlichkeit hat etwas
Endliches. Unser Schicksal bezieht sich auf Gesetzmäßigkeiten,
die irgendwo ablaufen. Wir können geistig nichts erfassen, was
nicht physisch ist und von den Sinnen nicht erfasst werden kann; wir
können nichts visualisieren, was „überphysisch“
ist; wir können keinen Aspekt der Wirklichkeit verstehen, der nicht
in Raum und Zeit ist und keine Ursache hat. Außerhalb unserer
organischen Persönlichkeit empfinden wir kein wirkliches Wissen.
Wir sind endlich, gebunden und in jeder Hinsicht beschränkt.
Die Prozesse müssen aus dieser Sicht betrachtet werden. Einige
Naturgesetze sind auf seltsame Weise für diese so genannte Seelenwanderung
verantwortlich. Ist irgendjemand auf das Sterben vorbereitet? Wir wissen
auf diese Frage keine Antwort. Früher oder später werden wir
sterben. Doch warum müssen wir sterben? Wer sagt denn, dass wir
sterben müssen? Niemand weiß es. Und wenn man nun geboren
wurde, so ist zu bezweifeln, ob dieses auf eigenem Wunsch geschieht.
Dahinter steht irgendeine Macht. So verhält es sich mit jeder Art
von Erfahrung, die der Einzelne durchmacht. Niemand weiß, was
morgen geschieht. Unsere Unwissenheit ist so groß, dass wir als
tiefdemütige Wesen dastehen, voller Scham, denn wir wissen nichts
über die Macht dieser Gesetze, denen wir unterworfen sind.
Die Panchagni-Vidya bietet mit ihrer Beschreibung über eine Meditation
eine Hilfestellung, die als ein großes Geheimnis der Lehrer der
Upanishads angesehen wird. Selbst wenn man einmal davon hört, ist
man nicht sofort in der Lage es zu verstehen. Das alleinige Hören,
wie von dem König in unserer Geschichte, oder das Lesen über
diese Naturgesetze bedeutet keine Befreiung, denn sie sind ein Geheimnis
und unmittelbar mit dem individuellen Leben verbunden. Für uns
hören sie sich wie ganz einfache Informationen an, wie z.B. die
Existenz der vierten Dimension in der Physik. Man kann diesen Informationen
viele Male lauschen, doch man kann sie nicht wirklich erfassen, weil
unser Vorstellungsvermögen unzureichend ist. Genauso verhält
es sich mit der Panchagni-Vidya oder der Vaishvanara-Vidya, die danach
folgt. Es erscheint uns lediglich wie eine Doktrin und eine Darstellung.
Für die Upanishads ist Wissen wie das SEIN. Es ist Praxis. Das
eigene Leben ist wahrhaftiges Wissen, und darum muss es Teil des eigenen
Seins sein, es ist auch universal. Dieses Sein darf nichts, keinen einzigen
Aspekt der Offenbarung, ausschließen. Diese beiden Bedingungen
müssen erfüllt werden. Wir können uns weder sicher sein,
dass nicht doch irgendein Aspekt der Wirklichkeit von unserem Geltungsbereich
ausgeschlossen ist, noch können wir sicher sein, dass dieses Wissen
Teil unseres Lebensinhalts wird. Auf diese Weise bleiben sie eine Theorie
aus den Büchern. Wir können jedoch einen Umriss dieses Wissens
erhalten, das der große König dem Kreis der Brahmins mit
dieser Initiierung gab, die man das Wissen Panchagni-Vidya nannte.
Wie bereits erwähnt, bedeutet Vidya Wissen, Meditation, eine
umfassende Innensicht der Natur der Wirklichkeit eines jeden Phänomens.
Doch was ist ein Phänomen? Diese Innensicht zu der uns die Upanishad
hier führt ist das Phänomen des Abstiegs der Seele aus einer
anderen Region in diese Welt und das Phänomen des Aufstiegs der
Seele von dieser Welt zu höheren Ebenen, - wie steigt die Seele
ab und wie steig sie auf? Wenn wir diese Prozesse nur als irgendein
Ereignis betrachten, dann haben sie auf uns einen bindenden Effekt.
Menschen werden geboren; Menschen sterben. Dieses ist uns bekannt. Vielleicht
ist uns auch bekannt, dass bestimmte Handlungen für unsere Geburten
und Tode sowie unsere Erfahrungen im Leben verantwortlich sind. Gutes
bringt gute Erfahrungen hervor und Schlechtes führt zu gegenteiligen
Ergebnissen. Diese Informationen haben wir durch Studien erfahren oder
schon einmal zuvor gehört. Doch dieses Wissen befreit uns nicht.
Die hier erwähnten fünf Feuer, Panchagnis genannt, sind
keine Feuer im physikalischen Sinne, sondern es handelt sich um Meditationstechniken.
Die Feuer sind Symbole für Opfer, die durch die Kontemplationen
gemacht werden. Wie übt man diese Opfer im traditionellen Sinne
der Riten aus? Es gibt Opferstätten, Altäre, wo die heiligen
Opfer durch ein Opferfeuer dargeboten werden. Es wird ein leuchtendes
Feuer auf einem Altar in einer heiligen Atmosphäre des „Opfers“
entzündet. Dabei wird das so genannte Sakrament, eine Art von Substanz
geopfert. Derjenige, der das Ritual zelebriert, bewegt in seinem Geist
bestimmte Gedanken, die durch das Rezitieren eines bestimmten Mantras
überbracht werden. Die bei dem Ritual gesungenen bzw. gesprochenen
Mantras beinhalten die heiligen Absichten des Zelebrierenden, die in
dieser Form zum Ausdruck kommen. Dieses ist der Hintergrund eines Opferrituals
im Allgemeinen. Diese Opferrituale sind bestimmten Gottheiten zugedacht.
Das Anrufen eines bestimmten Wesens, eines Gottes oder einer Gottheit
ist die Absicht des Opferrituals. In der Upanishad heißt es, dass
die gesamte universale Aktivität der Schöpfung als ein solches
Opferritual angesehen werden kann, - Yajna.
Wenn man nicht in der Lage ist, einen bestimmten Schöpfungsprozess,
die internen Verwicklungen, das Für und Wider und das Beziehungsgepflecht
wahrzunehmen, kann man auch nicht frei von diesen Gesetzen der subjektiven
Kräfte sein, die für diese Schöpfung verantwortlich sind.
Noch einmal, solange wir keine bewusste Kenntnis von den verschiedenen
Faktoren haben, die in diesem Offenbarungsprozess oder in der Schöpfung
involviert sind, solange können wir auch nicht frei von diesen
Offenbarungsgesetzen sein. Geburt, Wiedergeburt und Tod sind ein Teil
des universalen Prozesses. Was man als den universalen Offenbarungsprozess
ansieht, schließt alle Ereignisse, die irgendwo auf der Welt stattfinden,
und alle Erfahrungen ein, die man im Leben durchläuft.
Die Upanishad will uns klarmachen, dass kein Ereignis, keine Erfahrung
isoliert betrachtet werden kann. So wie jede Bewegung, jede Sache oder
jedes Ritual in einem Opfer mit jeder anderen Sache verbunden ist, so
stellt ein Opfer (Yajna) in einer universalen Handlung, wobei jede einzelne
Handling mit allen anderen innerlich verbunden ist, die ganze universale
Offenbarung als einen einzigen Prozess dar. Er setzt sich von Anfang
bis Ende fort, und Geburt, Wiedergeburt und Tod sowie andere phänomenale
Erfahrungen dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind mit
der absoluten Ursache verbunden. Wenn wir die inneren vorherrschenden
Verbindungen betrachten würden, die sichtbar mit den unsichtbaren
Ursachen verbunden sind, würden wir uns von der Umklammerung dieser
Gesetze befreien können, die von außen auf uns einwirken.
Es gibt verschiedene Stufen der Offenbarung. In der Upanishad wird
zum Zweck der Meditation eine besondere Art ausgewählt. Wie kommt
es zu einer individuellen Geburt, wie wird ein Kind geboren, lautet
die Frage. Wir glauben, dass es einzig und allein von der Mutter geboren
wird. Wir wissen nur dieses, doch dieses ist nur das kleinste und letzte
Wissen, was man von einer Geburt haben kann. Das Kind wird nicht nur,
wie durch magische Kräfte, aus dem Mutterlaib ausgestoßen.
Es handelt sich dabei um einen umfangreichen Prozess, der im gesamten
Kosmos stattfindet. Alle offiziellen Stellen des Universums sind in
die Produktion der Entwicklung eines Kindes miteingebunden. Wenn ein
Kind geboren werden soll, gerät irgendwo und irgendwie der gesamte
Kosmos in Schwingung. Es ist keine Privatangelegenheit eines kleinen
Kindes, das irgendwo in einer Ecke des Universums das Licht der Welt
erblickt, wie viele Leute gerne glauben mögen. Das ganze Universum
ist aktiv in die Gegenwart und Geburt eines einzigen Kindes irgendwo
auf dieser Welt eingebunden. Nicht nur Mutter und Vater sind für
die Produktion eines Kindes verantwortlich, sondern es ist der ganze
Kosmos. Alle Teile des Universums sind Eltern des kleinen Kindes, mögen
sie menschlich, übermenschlich oder anders geartet sein. Welchen
Charakter dieses Kind auch immer haben mag, sei es wenig intelligent,
ein Atom, ein Elektron oder Molekül, - wie auch immer es gesehen
wird, - es ist die Geburt eines Kindes, die durch kosmische Faktoren
bestimmt wird. Das ganze Universum ist unser Vater, unsere Mutter, unsere
Eltern. Das ist die Ursache, und selbst, wenn etwas Schweiß aus
einer Hautpore austritt, so hat dieser Schweißtropfen in einer
Verkettung eine Verbindung mit allen universalen Ursachen.
Die Upanishad beschreibt das Geheimnis der Verbindungen und Abhängigkeiten
der kosmischen Faktoren, die unseren Sinnen unbekannt und für unseren
Verstand nicht erfassbar sind. Im Kosmos gibt es keine privaten unabhängigen
Handlungen. So etwas wie meine und deine Sache bzw. Kinder sind unmöglich.
Wenn dieses klar ist, wird niemand mehr behaupten: „Dieses ist
mein Sohn oder meine Tochter.“ Er oder sie sind weder dein noch
mein. Er oder sie gehören dahin, wo sie ursprünglich hergekommen
sind. Und woher sind sie gekommen? Sie stammen aus jeder Zelle des Universums.
Sie stammen ursprünglich nicht nur von der Samenzelle und Eizelle
von Vater und Mutter, wie man allgemein annimmt. So verhält es
sich mit allem in der Natur. Auf diese Weise wird der gesamte Kosmos
in jedem Körper reflektiert. Darum heißt es, der Makrokosmos
ist im Mikrokosmos. Der Kosmos wird in jedem kleinen Baby reflektiert.
Wie kann man also behaupten, dieses sei mein Kind? Es ist ein Kind des
Universums, für das man sorgen muss; es wird zurückgezogen,
wenn es gerufen wird; es wird projiziert, wenn es aus irgendwelchen
Gründen erforderlich ist, was nur dem universalen Gesetz allein
bekannt ist. Hier liegt der philosophische Hintergrund von Vidya, genannt
Panchagni-Vidya.
Bei den Ausführungen über Panchagni-Vidya nimmt die Upanishad
die Position eines allumfassenden Hintergrunds ein, der hinter jedem
Ereignis im Phänomen des natürlichen Prozesses agiert. Die
Dinge sind nicht das, was sie zu sein scheinen; hinter allem steckt
eine tiefere Bedeutung, die oberflächlich nicht sichtbar ist. Dieses
ist die esoterische Seite oder der unsichtbare Aspekt der sichtbaren
praktischen Existenz. Ereignisse werden nicht plötzlich wie durch
ein Wunder sichtbar. Nehmen wir beispielsweise den Donner bei einem
Gewitter. Wir wissen nicht, wie der Donner plötzlich aus den Wolken
kommt, auch wenn es dafür eine physikalische Erklärung gibt.
Plötzlich fängt es an zu regnen, Sturm kommt auf. Dann hört
der Regen wieder auf und es ist (in den Tropen) urplötzlich heiß.
Dieses sind aus unserer Sicht natürliche Phänomene, doch aus
Sicht der Upanishad sind es übernatürliche Mysterien. Außerordentliche
Ereignisse in der Welt sind eigentlich nichts Außergewöhnliches.
Ereignisse finden zunächst im Himmel statt, und dann fällt
ihre Gegenwart schrittweise an Dichte zunehmend bis auf die Ebene des
für uns Wahrnehmbaren und berührt uns, wie zum Beispiel Krankheiten.
Krankheiten treten in der Regel nicht urplötzlich auf. Im Inneren
geschieht zuvor etwas. Ihre Saat breitet sich aus. Es gibt Ereignisse,
die tief in unserem Inneren oder in irgendeiner Ecke dieser Welt stattfinden.
Sie lösen einen Impuls aus, der sich nach außen offenbart.
Ursachen für besondere Ereignisse, die als etwas Normales, Physikalisches,
Persönliches, Sichtbares, Berührendes usw. angesehen werden,
verbergen alle ein transzendentes Geheimnis. Dieses ist der eigentliche
Punkt, der mit Panchagni-Vidya gemeint ist.
Die Geburt eines Menschen in diese Welt findet nicht nur in dieser
Welt statt, sondern sie erfolgt zuvor in höheren Regionen. Man
wird zunächst auf einer höheren Ebene’ geboren. Und
dieses Ereignis kommt schrittweise in tiefere Regionen, bis schließlich,
für unser Auge sichtbar, die Geburt körperlich auf der sterblichen
Erde stattfindet. Erst dann wird das Kind geboren, etwas ist geboren
worden, eine Wiedergeburt usw. Doch dieses Etwas ist nicht plötzlich
vom Himmel gefallen. Zuvor hat in der Natur ein komplizierter Prozess
stattgefunden, der für uns nicht sichtbar ist. Dieses alles geschieht
nicht nur bei einer menschlichen Geburt, sondern findet bei jedem Ereignis
statt. Panchagni-Vidya gilt also nicht nur für ein bestimmtes Ereignis,
wie z.B. für die Geburt eines Menschen. Dieses soll nur ein Beispiel
sein, denn dieses Phänomen bezieht sich auf alle Ereignisse der
ganzen Natur. Alles ist überall in subtiler Form aktiv, Dinge finden
statt, bevor sie in Erscheinung treten oder wahrgenommen werden können.
Der König Pravahana Jaivali instruierte Gautama auf diese Weise
über das Geheimnis von Panchagni-Vidya.
„Jene Welt, oh Gautama, ist in Wirklichkeit das Feuer. Die Sonne
ist da Öl; die Lichtstrahlen der Sonne sind der Rauch; die Tage
sind die Flammen; der Mond ist die Kohle; die Sterne sind die Funken.
In dieses Feuer opfern die Götter ihr Vertrauen. Daraus erhob sich
König Soma.“
Die Aktivitäten der himmlischen Ebenen können mit einem Opfer
verglichen werden. Es mag ohne Zweifel für einen Novizen (Neuling)
überraschend erscheinen, dass die Upanishad alles als Opfer ansieht.
Wenn man die Absicht hinter dieser Parallele erkennt, wird man feststellen,
dass es keinen besseren Vergleich für das Leben gibt, denn das
Opferprinzip (Yajna) ist das Wesen des Schöpfungsprozesses. Dieses
Prinzip ist auf jede Schöpfung anwendbar, sei sie physisch, sozial,
ästhetisch oder betrifft er irgendeinen anderen Aspekt des Lebens.
Das Prinzip des Opfers beruht auf der Erkenntnis eines höheren
Wertes, der hinter den allgemeinen Aktivitäten der sichtbaren Welt
oder den Funktionen des menschlichen Daseins operiert. Es gibt ein allumfassendes
Ziel im Verstehen des Opferprinzips. Alle Teile sind gleichwichtig,
und jedes Teilopfer dient einem höheren Zweck, so wie es bei großen
Maschinen oder bei einzelnen Arbeitsschritten zur Erstellung eines Produktes
der Fall ist. Kein einzelnes Zahnrad in einer Maschine arbeitet für
sich allein, sondern es dient einem übergeordneten Zweck. Schau
auf die Gliedmaßen des menschlichen Körpers. Kein Körperorgan
arbeitet für sich selbst; es verbirgt sich etwas dahinter. Und
der Zweck, der sich hinter einer Maschine verbirgt, ist der Ausstoß
von Produkten; beim Menschen ist es der organische Körper als Ganzes.
Genauso verhält es sich mit allen Teilopfern, und ganz besonders
ist es so, wenn sich das Opfer auf den Schöpfungsprozess des Universums
bezieht. Alles ist mit allem organisch verbunden, sodass alles genauso
wichtig wie das andere ist.
Dieses Konzept des Allumfassenden ist das Geheimnis der Meditation,
das Panchagni-Vidya. Wenn diese Verbundenheit aller Aspekte verloren
geht, hört es auf eine Meditation zu sein. Jede Meditation ist
ein Versuch des Geistes, alle Aspekte der Psyche in einen Fokus zu bringen.
So wie es eine Verbindung aller Opferaspekte gibt, die in einem Ritual
ausgedrückt werden, so gibt es diese Harmonie auch in dem inneren
Opfer, das bei der Meditation stattfindet. Panchagni-Vidya ist eine
Meditation. Es ist kein nach außen gerichtetes Opfer. Es handelt
sich um die Kontemplation des Geistes, wobei alle auftretenden Aspekte
eingebunden werden, um der Wirklichkeit gewahr zu werden, die das Sichtbare
dieses inneren Opfers übersteigt.
Die Upanishad sagt uns, dass die erste Schwingung, die jede Art von
Aktivität in dieser Welt antreibt, und nicht nur allein in dieser
Welt, auch auf einer höheren Ebene stattfindet. Die Ursache muss
erzeugt werden, damit die Wirkung durch den Einfluss der Ursache gefühlt
werden kann. Diese Ursache beruht nicht nur auf einem einzelnen Faktor,
sondern auf einer Kette von Faktoren. Angenommen, A’ wird wahrgenommen
und wäre die Folge einer Ursache ‚B’, die sich auf
diese bestimmte Weise in der physischen Welt offenbaren will; B’
wiederum hat eine andere Ursache, nämlich C’; d.h., man könnte
jetzt sagen, C’ ist die Ursache von A’ usw. Man kann dieses
einfache Beispiel beliebig fortsetzen und anwenden. Auf jeden Fall ist
die erste Ursache die wirkliche Ursache, die sich selbst auf den niederen
Ebenen der Wirklichkeit in Raum und Zeit fortsetzt. Nur diese Form,
die sich in Raum und Zeit ausdrückt, ist uns bekannt und wird von
uns wahrgenommen bzw. erfahren.
Wir neigen dazu, die sichtbaren Folgen aller Dinge falsch zu betrachten.
Manchmal mögen wir diese Folgen und manchmal nicht. Manchmal sagen
wir: „Es regnet aus allen Kübeln; es ist furchtbar heiß;
welch ein Sturm usw.“ Was wir mögen oder nicht mögen
ist lediglich unsere individuelle Reaktion auf Phänomene, die eigentlich
nichts mit unseren persönlichen Eindrücken zu tun haben.
Die Upanishad nimmt uns zum Zweck der Erklärung eines kleinen
Ereignisses in dieser Welt mit zu den höchsten Ebenen des Himmels
und sagt, dass das Universum die Ursache jedes noch so winzigen Ereignisses
in den höheren unsichtbaren Ebenen ist, die mit dem Wort eines
Lehrers als Überwelt’ bezeichnet wird. Als Überwelt’
könnte man das himmlische Reich betrachten, ein Bereich, der überphysikalisch
ist, der sich sogar jenseits des Astral-Reiches befindet, und der die
Ursache dessen bildet, was man als atmosphärische Reich beobachten
kann. Uns ist bekannt, dass jedes Phänomen in dieser Welt der Erde
weitestgehend durch die scheinende Sonne am Himmel beeinflusst wird.
Dieses bedarf keiner besonderen Erklärungen. Manchmal sieht es
so aus, als ob jede Existenz durch die Gegenwart der Sonne reguliert
wird. Unser Leben und unsere Aktivitäten hier haben eine Ursache,
und man kann sagen, dass die Sonne die Ursache unseres Lebens hier auf
Erden ist. Doch was ist die Ursache für die Sonne? Die Sonne ist
auch eine Folge bestimmter Faktoren, - man kann sie als astronomisch
bezeichnen, - die der Bildung der Sonne vorausgehen. Astronomen sagen,
dass die Sonne wahrscheinlich durch die Kondensation von Staubnebeln
gebildet wurde, die auch für die Bildung der Milchstraße
verantwortlich sind, zu dem unser Sonnensystem gehört. Die Milchstraße,
so heißt es, ist ein rotierender leuchtender Sternenhaufen oder
Haufen von Staubnebeln. Doch die Ursache für diese Anhäufung
von Staubnebeln ist jenseits unseres Verstehens. Es muss jedoch auch
dafür Gründe geben. Dahinter müssen irgendwelche Schwingungen
stehen. Jene Schwingungen bilden die ursächliche Bedingung für
die Offenbarung dieser Welt in der wir leben. Doch auch diese Schwingungen
müssen wiederum durch irgendetwas ausgelöst worden sein usw.,
sodass man davon ausgehen kann, dass dieses ursächliche Etwas,
jenseits unseres Verstehens und jenseits unserer Vorstellungskraft,
unser Leben irgendwie kontrolliert. Alle Zwischenstationen in der Entwicklung
dieser Kette bis hin zum Leben in dieser Welt haben auf uns natürlich
ebenfalls irgendeinen Einfluss, denn sie haben in der Kette auch ihre
Spuren oder Eindrücke hinterlassen. Die eigentlich verantwortliche
Ursache kennen wir jedoch nicht. Sie ist für uns unsichtbar und
liegt jenseits unserer Vorstellungskraft. Dieser Punkt wurde von Pravahana
Jaivali mit Panchagni-Vidya Gautama dargelegt.
In diesem Abstieg des himmlischen Reiches, über das man aufopfernd
kontemplieren oder meditieren sollte, sind bestimmte Glieder bzw. Teile
enthalten. Die Welt, die als himmlisches Reich bezeichnet wird, ist
selbst das Opferfeuer, dem geopfert wird. Auf diese Weise muss meditiert
werden. Der Brennstoff, der das Feuer entfacht, und der die Ursache
der emporsteigenden Flammen ist, ist die Sonne. So wie Rauch beim Opfern
aus dem Feuer aufsteigt, so kontemplieren wir symbolisch auf die Strahlen
der Sonne. Das Leuchten der Flammen wird mit den Sonnenstrahlen verglichen,
die den Tag erhellen. Wir können die zurückbleibende Glut
eines Opferfeuers mit dem Mondschein vergleichen, der wie die restliche
Glut der flammenden Sonne wirkt, da das Mondlicht im Allgemeinen erst
sichtbar wird, wenn das Sonnenlicht bereits verloschen ist. Betrachte
die auseinanderstrebenden Sterne am Himmel wie die Funken, die aus dem
Feuer spritzen und sich im Raum verteilen. Dieses ist nun eine Kontemplation
auf die höheren Regionen des Kosmos in der Form des Opferfeuers.
In dieser Verbindung wird ein Mysterium erwähnt. Welche Verbindung
haben wir zu diesen höheren Regionen der Welt? Die höheren
Regionen sind tatsächlich mit uns verbunden. Der Sonnen- oder der
Mondschein, das Funkeln der Sterne oder das Wehen des Windes, - all
diese Phänomene wirken leibhaftig auf unser Leben ein. Diese Ereignisse
scheinen auf Grund irgendwelcher Launen der Natur stattzufinden, so
als hätten sie nichts mit uns zu tun. Doch unser Leben ist mit
allen äußeren Phänomenen verbunden, und umgekehrt. Es
existiert eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen der äußeren
Welt und dem individuellen inneren Leben. Unsere Gedanken beeinflussen
die Atmosphäre. Man hört häufig die Menschen sagen: „Zurzeit
sind die Menschen schlecht, denn es regnet fürchterlich.“
Worin besteht nun der Zusammenhang zwischen schlechtem Wetter, und ob
die Menschen gut oder schlecht sind? Diese Verbindung ist nur schwer
zu verstehen. Doch man könnte eine Verbindung herstellen, wenn
klar wird, dass Gedanken und Stimmungen Schwingungen sind, die wir an
die Umwelt abgeben. Wir können unsere inneren Gefühle und
Gedanken nicht isoliert betrachten. Wenn wir denken, so ist das nicht
nur unsere Privatangelegenheit, sondern wir erzeugen damit Schwingungen,
die wir in uns erschaffen. Und diese Schwingungen eines Menschen beziehen
sich nicht nur auf den eigenen physischen Körper, sondern sie werden
wie eine Aura bis zu einer bestimmten Entfernung ausgestrahlt. Die Entfernung
hängt von der Intensität der Aura, der Kraft der Schwingungen
oder der Gedankenintensität ab. Auf Grund des Austauschs dieser
Schwingungen wird geraten, die Gesellschaft guter Menschen zu suchen.
Wir können durch die atmosphärischen Schwingungen um uns herum
beeinflusst werden. Wann immer Gedanken oder Gefühle entstehen,
selbst wenn wir sprechen, werden in jedem Menschen Schwingungen erzeugt.
In jeder Handlung oder Gespräch sind anhängige Gedanken und
damit Schwingungen verborgen. Wenn wir den sich verstärkenden Effekt
der Schwingungen betrachten, die von allen Individuen erzeugt werden,
dann können wir auch auf den Effekt der erzeugten Schwingungen
kontemplieren. Sie zerstören die gesamte Atmosphäre. Sie erzeugen
ein magnetisches Feld in der Atmosphäre. Die psychischen Einflüsse,
die durch diese Schwingungen insgesamt in diese Welt getragen werden,
beeinflussen natürlich die Bedingungen der natürlichen Kräfte.
Sie können ihre Bewegungen blockieren, ihre Aktivitäten behindern,
auf ihre natürliche Arbeitsweise einwirken usw.
Auf Grund unserer inneren Beziehungen zu den Aktivitäten der äußeren
Natur, so heißt es in der Upanishad, sind unsere Handlungen wie
eine wundervolle Opfergabe für das Opferfeuer. Unsere Handlungen
sind keine kraftlosen Bewegungen unseres physischen Körpers oder
seiner Glieder, sondern sie wirken auf irgendeine Weise in die Natur.
Wenn wir Öl ins Feuer gießen, verändern wir den Verbrennungsprozess.
Es hängt sehr davon ab, was wir ins Feuer gießen. Wenn wir
Schlamm ins Feuer gießen, geschieht auch etwas mit dem Feuer.
Wenn wir reines Öl ins Feuer gießen, verändert sich
mit dem Feuer ebenfalls etwas. Genauso verhält es sich mit den
Aktivitäten des Menschen, die mehr oder weniger sein Umfeld beeinflussen.
Der Eingriff des Menschen in die Natur muss auch im Zusammenhang mit
dem Opfern gesehen werden. Wenn wir mit uns selbst und mit der Natur
im Einklang handeln, wird es zum reinen Opfer (Yajna), doch wenn wir
in den Prozess so eingreifen, sodass der natürliche Fortgang der
Dinge behindert wird, entsteht daraus eine entsprechende negative Reaktion,
über die wir uns nicht zu wundern brauchen. Dann sind wir die Verlierer.
Jede Handlung bzw. Handlungsweise verursacht eine Wirkung, Apurva genannt,
was an dem Gedankenprozess liegt, der sich hinter der Handlung verbirgt.
Handlungen sind nicht nur beziehungslose Bewegungen des Körpers,
sondern Schwingungen. Jede Schwingung beeinflusst die Atmosphäre.
Die Umgebung wird beeinflusst. Diese subtile Auswirkung der Handlungen
ist für uns unsichtbar; das nennt man Apurva. Es wird etwas Neues
erzeugt, was zuvor nicht vorhanden war. Darum ist diese neuerliche Wirkung
die Folge von Handlungen, Apurva. Apurva oder die Folge unserer Handlungsweisen
hat etwas mit uns selbst zu tun, denn wir sind die Ursache. Da wir die
Ursache von dieser Apurva bzw. Folge unserer Handlungsweisen sind, sind
wir auch für das Reifen der Früchte aus den Handlungen verantwortlich.
Auf diese Weise wird Apurva oder das Ergebnis unserer Handlungen der
für uns bestimmende Faktor für das was geschieht, selbst wenn
wir die Welt bereits verlassen haben. Manchmal wird die Wirkung noch
in diesem Leben gespürt. Wenn unsere Handlungsweisen sehr intensiv
sind, seien sie gut oder schlecht, dann werden die Ergebnisse noch in
diesem Leben erfahren. Wenn sie sanft sind, dann materialisieren sie
sich in einem späteren Leben. Wir bieten unsere Handlungen als
Opfer für das Opferfeuer an, dem natürlichen Phänomen.
Für dieses universale Opfer, wobei die himmlischen Regionen das
Feuer darstellen und die Sonne der Brennstoff usw. ist, haben wir auch
einen Beitrag zu leisten, d.h. wir spielen eine wichtige Rolle, d.h.
das Handeln. Dieses Handeln, unsere Handlungsweise, hat einen großen
Effekt. Yajna dient der Anrufung einer Gottheit oder des Göttlichen.
Wenn man nach Indraya Svaha ruft, so möchte man damit Indra anrufen.
Das Gleiche geschieht bei anderen Anrufungen von Gottheiten durch ihre
göttlichen Namen. Mit solchen Opferhandlungen finden in diesem
Leben, das dem großen Feuer der Welt dient, Anrufungen statt.
Damit erzeugen wir bestimmte Wirkungen, Reaktionen und wir beziehen
bestimmte Erfahrungen in unsere Handlungen ein. Auf diese Weise sind
unsere Handlungen in dieser Welt mit dem Opfer in einem Opferfeuer vergleichbar,
wobei Gott bzw. Gottheiten in das Opfern mit einbezogen werden. Wir
beziehen etwas mit ein, bitten um die Aufmerksamkeit von etwas, um Es
während unseres Handelns zu erfahren. Wenn die Handlung korrekt
ausgeführt wird, entsteht eine Harmonie, so als würde das
natürliche Opfer aktiviert; dann wird das Göttliche gesehen
und wir werden mit einer neuen Art von Körper gesegnet, der hier
als Soma-raja identifiziert wird, der wie Nektar gefühlt wird und
nicht von körperlichem Charakter ist, und der in der Lage ist,
sich der höheren Welt zu erfreuen, die in die Handlung einbezogen
wurde. Auf diese Weise werden virtuose, heilige Handlungen und Wohltaten
ausgeführt. Die handelnden Menschen werden nach ihrem Tod in höhere
Sphären erhoben und erfahren dann die Folgen ihrer Handlungen bis
zu dem Zeitpunkt, wo sich die Handlung erschöpft hat, so als würde
es uns solange gut gehen, wie es unser Bankkonto erlaubt. Dann müssen
wir wieder hart arbeiten, um das Konto wieder auszugleichen und danach
können wir uns des Lebens wieder erfreuen.
Ähnlich verhält es sich mit unseren Handlungen. Jede Handlung
nimmt ihren Anfang und ihr Ende; sie ist vergänglich; sie hat einen
zerbrechlichen Körper; sie ist nicht ewig. Da sie einen Anfang
hat, muss sie auch ein Ende haben. Das ist der Charakter von Handlungen;
es ist ihre Natur. Die Intensität einer Handlung bestimmt die daraus
entstehenden Folgen. Wenn wir auf diese Weise in eine höhere Welt
aufsteigen und wieder zurückkommen, entsteht die so genannte Wiedergeburt.
Panchagni-Vidya beschreibt wie die Wiedergeburt stattfindet, und welche
Stufen die Seele bei ihrem Abstieg in die physische Körperwelt
durchläuft. Die Beschreibung hat einen symbolischen Charakter,
der nur schwer zu verstehen ist. Die Lehren darf man nicht wörtlich
nehmen. Sie sind nur esoterisch zu verstehen. Der wesentliche Punkt
liegt darin, dass die höheren Regionen nur als Folge unsere Handlungen
aktiviert und erreicht werden können. Diese Folgen unserer Handlungen
selbst sind wiederum die Ursache für den späterhin erneuten
Abstieg unserer Seele.
„Parjanya ist das tatsächliche Feuer, oh Gautama. Der Wind
ist das Feuer, die Wolken sind der Rauch, das Licht ist die Flamme,
der Blitzschlag ist die Glut und der Donner sind die Funken. In dieses
Feuer bieten die Götter das Opfer von König Soma an. Aus diesem
Opfer entsteht der Regen.“
Diese nächste Stufe des Abstiegs repräsentiert die Welt des
Parjanya oder den Gott des Regens. Diese Stufe ist grober als die höheren
Regionen des Himmels oder der Überwelt’. Über diese
Region, die wir jetzt ansteuern muss ebenfalls, wie ein Opfer, kontempliert
werden. Wenn Regen fällt, handelt es sich nicht um ein isoliertes
Ereignis. Der Regen ist eine Aktivität, die mit anderen Aktivitäten
verbunden ist. Es handelt sich dabei auch um ein universales Phänomen.
Viele Faktoren sind beim Regen mit einbezogen. Zuerst gerät eine
höhere Region in Schwingungen, und diese Schwingungen werden bis
zu einem gewissen Grad durch unsere Handlungen mit beeinflusst. Ob es
sich um einen guten Regen oder um einen Wolkenbruch handelt, der die
Ernte vernichtet, hat auch damit zu tun, wie wir leben. Dieses ist ein
interessanter Punkt, den es zu verstehen gilt. Regen ist nicht irgendein
plötzliches Ereignis, das von unserer Handlung losgelöst ist.
Auf die niederen Regionen, die mit dem Regen in Zusammenhang stehen,
muss wie bei einem Opfer kontempliert werden. Jede Entwicklungsstufe
ist ein Opfer, auf die meditiert werden muss. Jeder Abstiegs- und Aufstiegsprozess
bedeutet für die Upanishad eine Meditation.
Der Regen, - man kann ihn als Regengott (Parjanya) bezeichnen, - ist
das Feuer’ des Opferfeuers. Das Feuer’ steuert die Aktivitäten
des Windes (Vayu). Wir betrachten den Wind als Brennstoff, der das Opferfeuer
entzündet. Wenn eine derartige Anregung in der Atmosphäre
stattfindet, bilden sich Wolken. So wie Rauch als Folge eines Feuers
aufsteigt, formen sich daraus Wolken (Abhram), die vom Wind in eine
bestimmte Richtung getrieben werden. Das Leuchten der Flammen des Opferfeuers
wird durch Blitze, die aus den Wolken schießen, symbolisiert.
Wir kennen den Lichtschein der Flammen, die den Altar erhellen. In Verbindung
mit dem Regen müssen wir auf die Lichtblitze der Flammen des Opferfeuers
kontemplieren. Das aufkommende Donnergrollen kann mit der Glut verglichen
werden, die als Rest des Opferfeuers übrig bleibt. Das Grummeln
nach einem schweren Regenguss, das sich in alle Richtungen fortsetzt,
ist wie die Funkenglut, die in alle Richtungen aus dem Feuer davon spritzt.
Wir hören ein sanftes Geräusch von überall her, wenn
der Regen aufhört und die Wolken davon jagen. Letzteres können
wir auch in unserem Geist beobachten. Dieses ist eine Meditation, -
der Regen, der durch Schwingungen in höheren Ebenen, hervorgerufen
wird. Der Regen ist die Ursache für die Nahrung. Dieser Punkt wird
jetzt absichtlich erwähnt.
In diesem Feuer, dem kontemplativen Opfer des Regens, bieten die Gottheiten
ihre Handlung als Opfer an. Bhuta-Sukshma, wie es genannt wird, oder
die subtilen elementaren Kräfte, ist das Soma-Raja oder König
Soma. Dieses sind alles schwer zu übersetzende schwierige Begriffe,
die noch schwerer zu verstehen sind (Originalwortlaut von Swami Krishnananda).
Sie sind von höchster esoterischer Bedeutung; man darf sie nicht
wortwörtlich nehmen. Diese subtilen Kräfte werden mit den
elementaren Kräften vermischt, d.h. mit den Tanmatras, - Shabda
(Klang), Sparsa (Berührung), Rupa (Farbe), Rasa (Geschmack), Ganda
(Geruch). Dann werden wir in die höheren Regionen eingebunden.
Wir werden aus irgendwelchen Gründen mit unseren Handlungen verbunden,
und unsere Handlungen sind mit ihren Folgen verbunden, die sie erzeugen,
- Apurva. Apurva wird auf diese Weise mit den subtilen Elementarkräften,
den Tanmatras, verknüpft. Dann geschieht es, dass wir durch irgendwelche
Kräfte, die aus unseren Handlungen entstehen, in höhere Regionen
aufsteigen, wenn wir die Welt verlassen. Diese Handlungen, diese Folgen
unserer Handlungen, diese Schwingungen, die diese dramatischen Folgen
erzeugen, finden im Himmel statt. Es ist ein rotierendes Rad, ein Geben
und Nehmen, zwischen den Gottheiten im Himmel und den Menschen hier
auf Erden. Wir geben etwas und bekommen dafür etwas zurück.
Die Natur gibt uns, was wir in Form unserer Taten der Welt geben. Wir
bekommen nichts, was wir nicht auch verdienen, und wir können auch
nicht erhalten, was wir selbst nicht gegeben haben. Was wir gegeben
haben, das haben wir verdient, und was wir in Form eines Opfers geteilt
haben, das erhalten wir mit Zinseszins entsprechend der Naturgesetze
gegeben zurück. Auf Grund dieser zyklischen Aktivitäten der
Natur, wo wir alle durch unsere Handlungen eingebunden sind, regnet
es. Auf diese Weise können wir ein wenig verstehen, warum es regnet.
Dieses Ereignis (Regen) des Himmels geschieht nicht unabhängig.
Wir sind auch in dieses Naturereignis des Regnens irgendwie involviert,
auch dann, wenn der Regen ausbleibt. Wenn kein harmonischer Austausch
zwischen uns und der Natur stattfindet, gibt uns die Natur nichts. Wenn
wir zu gierig, selbstsüchtig usw. sind, wird uns alles verweigert.
Die Erde zieht ihre Kräfte zurück. In den Puranas steht geschrieben,
dass die Erde, die mit einer heiligen Kuh vergleichbar ist, ihre Milch
zurückzieht, und dem Menschen, wenn er selbstsüchtig und ichbezogen
ist und mit niemandem teilt, keinen Tropfen Mich mehr zugesteht. Dann
erfahren wir die ablehnende Haltung der Natur. Dürre, Unwetter
und Katastrophen kommen über das Land.
„Die Erde ist das Feuer, oh Gautama. Jedes Jahr (die Zeiteinheit
als Jahr) ist der Brennstoff, der Himmel ist der Rauch, die Nacht ist
die Flamme, die vier Himmelsrichtungen (der Horizont) sind die Glut,
die vermittelnden Aspekte des Himmels stellen die Funken dar. In dieses
Feuer machen die Gottheiten ihr Regenopfer. Daraus entsteht Nahrung.“
Regen fällt auf die Erde. Die Erde, ebenso wie das Feuer, sind
Objekte der Meditation. Wir kontemplieren in einer anderen Stufe des
kosmischen Opfers auf die Erde als Feuer. Die Erde gilt als ein Opferfeuer.
Die Kraft der Erde hängt von einem Faktor ab, d.h. die zyklischen
Veränderungen werden durch die Zeit geprägt. Der Zeitfaktor
spielt hier eine große Rolle. Der Zeitfaktor für die Erde
wird einerseits durch die Eigenrotation und andererseits durch ihre
Reise um die Sonne bestimmt, wobei der Einfluss der Sonne auf die Erde
nicht unbeachtet bleiben darf. Dieses bildet für uns den Zeitfaktor,
d.h. das Jahr, das Samvatsara genannt wird. Das Jahr ist der Zeitfaktor,
der für die Erde und die Nahrungserzeugung wichtig ist. Es ist
der Auslöser für die Produktion der Nahrung, Samit oder Brennstoff
genannt, und die Ursache für das Leuchten des Opferfeuers. Wie
kontemplieren wir darauf? So wie sich Rauch aus dem Feuer entwickelt,
so kontemplieren wir auf den ganzen Himmel, als wäre er der Dom,
der sich über der Erde erhebt. Wenn wir nach oben schauen, scheint
sich der Himmel wie ein Dom über der Erde zu erheben, und wir können
darauf kontemplieren, als wäre es Rauch, der vom Feuer der Erde
aufsteigt. Und, so wie sich die Flammen vom Opferfeuer erheben, so ist
das Feuer die Ursache für die Flammen. Das Phänomen der Nacht
können wir in Bezug auf den Tag wie die Ober- und Unterseite derselben
Münze einbeziehen, da sich beide, d.h. Tag und Nacht, auf Grund
der besonderen Aktivität der Erde ergeben. Wir kennen den Grund
für Tag und Nacht. Insoweit wie die Drehung Erde um die eigene
Achse für den Tag und die Nacht verantwortlich ist, so ist das
Feuer die Ursache für die Flammen. Auf diese Weise betrachten wir
das Phänomen von Tag und Nacht in unserer Kontemplation auf das
Opferfeuer und die Flamme. Die vier Himmelrichtungen bilden die Glut,
denn sie bleiben durch die Bewegungen in der Welt scheinbar ruhig, unberührt
und unverändert. Wenn wir auf den Horizont schauen, empfinden wir
Ruhe, so als wäre die Erde unberührt. Es ist wie ein Absinken
der Aktivitäten, so wie die Flammen des Feuers letztendlich in
die Glut versinken. Die Funken des Feuers, die in alle Richtungen stoben,
haben wir in den vermittelnden Aspekten des Himmels, die wir in die
Kontemplation einbeziehen, als wären sie Funken des Feuers. Diese
Aspekte sind an dieser Stelle von geringerer Bedeutung und werden darum
als Funken bezeichnet.
Durch die Aktivitäten der Gottheiten fällt Regen auf die
Erde. Die Gottheiten haben die leitende Funktion bei unseren Sinnen.
Es gibt eine Verbindung zwischen unseren Sinnesaktivitäten und
den Aktivitäten der Gottheiten im Himmel. Bei diesem großen
Opfer werden die Gottheiten durch den Regen kontemplativ einbezogen,
denn es drückt die Schöpferkraft bei der Nahrungsproduktion
aus. Ich gehe später noch darauf ein.
Die himmlische Region, die Atmosphäre, die Erde, Mann und Frau,
- dieses sind die fünf Ebenen des Feuers, die zum Meditationsobjekt
werden, das als Panchagni-Vidya bekannt ist. Durch übergreifende
Verbindungen, Kombinationen und eine harmonisierende Ordnung der Strukturen
dieser fünf Ebenen der Offenbarung finden Geburten statt. Dieser
symbolische Charakter der Geburt eines Individuums durch die fünf
Feuer ist auf den Ursprung aller Ereignisse und auf alle Ausdrucksformen
in dieser Welt anwendbar, egal ob es sich um lebende Wesen oder die
Offenbarung anderer Ebenen handelt, wie z.B. unorganische Substanzen
von physischer, überphysischer Natur oder anderes. Die Betonung
liegt auf der Situation einer Offenbarung von irgendetwas irgendwo.
Es gibt eine universale Verkettung von Ursachen und Folgen, die von
allen Seiten zusammenkommen, wie die Gewässer von Ozeanen, die
von überall her zusammenströmen, um Wellenberge auf ihrer
Oberfläche entstehen zu lassen. Dafür ist eine Zusammenarbeit
der unterschiedlichen Gewässer in einem Ozean erforderlich, obgleich
es sich dabei nur um lokale Folgen handelt, deren ursprüngliche
Quelle für uns unsichtbar ist. Es gibt letztendlich kein lokales
Ereignis in dieser Welt. Jedes Ereignis ist universal zu betrachten.
So muss man es auch bei der Geburt eines Menschen sehen. Jede Geburt
geschieht auf Grund eines universalen Drucks.
Die Philosophie von Panchagni-Vidya ist wie ein Meditationsprozess
zu betrachten. Nichts darf wie ein lokales Ereignis, eine lokale Struktur,
ein individueller „Körper“ usw. angesehen werden. Es
existiert nichts Individuelles; und jeglicher Gedanke in diese Richtung
ist eine Quelle für Bindungen. Wir sind nur durch unsere falsche
Vorstellung gebunden, nicht durch die Dinge selbst, sondern durch die
Vorstellung, dass es ausschließlich eine Bindung auf Gegenseitigkeit
zwischen den Dingen gäbe. Unsere Vorstellungen über die Dinge
beruhen lediglich auf unsere Sinneseindrücke, nicht auf die intuitionelle
Innensicht des Hintergrundes der Ereignisse. Was teilen uns unsere Sinnesorgane
mit? Sie berichten genau das, was sie aus dem großen Topf’
von Informationen in Form von „Körpern“ wahrnehmen.
Das Reservoir des Backgrounds ist für unser Auge nicht sichtbar
und nicht mal für den normalen Verstand erkennbar. Doch der Meditationsprozess
bietet uns eine Möglichkeit, das ganze Universum als verantwortliche
Offenbarung für alles einzubeziehen; so ist alles gleich alles,
und alles ist überall. Es gibt weder abgeschottete Individuen noch
besondere „Körper“. Dieses ist die Meditation, die
uns von allen Bindungen des Individualismus befreit. Wenn uns diese
Form der Meditation das ganze Leben lang begleitet, gibt uns das eine
universale Wahrnehmung von allem. Wenn man sich dann etwas Bestimmtes
anschaut, nimmt man darin das ganze Universum wahr. Es existieren keine
Individuen bzw. Einzelpersonen. Die Beschreibung über die Ursachen
und ihre Folgen in dieser Upanishad dient dazu, um uns über die
allgemeine Sinneswahrnehmung zu erheben und das Tor zu einem vollkommen
neuen Wissen zu öffnen, das hinter den sichtbaren Folgen in Form
von Objekten der Wahrnehmung und den allgemeinen Erkenntnissen liegt.
Bindungen geschehen in Verbindung unseres Bewusstseins oder der Seele
zusammen mit den Sinneseindrücken, was durch die Aktivitäten
des Geistes und des Intellekts bestätigt wird. Der Geist, der Intellekt
und die Sinne arbeiten zusammen und geben uns damit falsche Vorstellungen
über die Dinge. Den ersten Fehler begehen bereits die Sinne bei
ihrer Wahrnehmung. Der Geist und der Intellekt bestätigen lediglich
einen mehr synthesehaften Bericht der Sinne. Der Bericht ist falsch,
denn er schließt die unsichtbaren Faktoren aus, die zwangsläufig
zwischen Ursache und Wirkung (den Folgen) entstehen. Wolken kommen nicht
urplötzlich über uns. Zuvor muss sehr viel mehr stattgefunden
haben, was außerhalb unserer Betrachtung liegt, und was diese
Wolken hat entstehen lassen, aus denen es schließlich regnet.
So verhält es sich mit allen Dingen überall auf der Welt,
denn alles, was wir sehen, fühlen usw. sind nur die Folgen von
Ursachen, die im Zusammenhang mit allen Faktoren gesehen werden müssen.
Dieses sind die symbolischen Opfergaben, die bei Panchagni-Vidya als
Meditationsopfer angeboten werden. Dieses ist das Geheimnis, das die
Kshatriyas kannten und wovon die Brahmanas nichts wussten. König
Pravahana Jaivali wollte dieses Wissen nicht teilen, denn es war für
ihn ein wohlbehütetes Geheimnis seiner Volksgruppe. Und jetzt gab
er dieses Wissen an den Brahmanen Gautama weiter, der zu ihm als Schüler
kam, und dem er von dieser mystischen Doktrin der Meditation, d.h. Panchagni-Vidya,
erzählte. Er schloss bei seinem Vortrag mit der Nahrung als Opfergabe
für das Feuer des Menschen, das in ihm zu Saatgut transformiert
wird und dann als Kind geboren wird. Dieses war eines der Fragen des
Königs an den jungen Mann, der zu seinem Hof kam, und dessen Vater
nun als Schüler vor ihm stand.
Die erste Opfergabe ist die universale Schwingung in den himmlischen
Regionen; dieses ist das erste Opfer und die erste Opfergabe. Die zweite
Opfergabe bei dem Opfer ist der Widerhall der Schwingungen in den himmlischen
Regionen, die in den niederen Regionen der Atmosphäre als Regen
wahrgenommen wird. Die gröberen Offenbarungen sind die Ereignisse,
die in der Welt stattfinden; dieses ist die dritte Opfergabe. Das vierte
Opfer ist der Mensch selbst, der in dem Aktivitätenkomplex eingebunden
ist, der die Nahrung der Welt konsumiert, diese in Energie umsetzt und
damit die Männlichkeit in Schwung bringt. Das fünfte Opfer
ist die Frau, die sich mit dem Mann vereint und Kinder gebärt.
Dieses sind die fünf Feuer. Diese Feuer können nicht als voneinander
losgelöste Ereignisse betrachtet werden. Dieses ist der Zweck für
dieses Vidya in der Upanishad. Die Feuer sind so genannte göttliche
Offenbarungen komischer Natur, die weder von lokaler, physischer, irdischer
noch von sonstiger Bindung in irgendeiner dieser Opfer sind. Es sind
alles Prozesse einer weit umfassenden Natur, in die der Einzelne eingebunden
ist. Das Konzept des Gesamtprozesses ist universal.
Die fünfte Opfergabe hat sofort zur Folge, dass ein Baby zur Geburt
ansteht. Dabei muss es sich nicht unbedingt um ein menschliches Wesen
handeln, doch bei dieser Beschreibung hier wurde das Beispiel eines
menschlichen Wesens gewählt. Das heranwachsende Kind befindet sich
9 – 10 Monate lang im Mutterleib. Es wird geboren, erblickt das
Tageslicht und nimmt Dinge über seine Sinnesorgane wahr. Es beginnt
in dieser Welt wie ein so genanntes Individuum zu leben. Dann lebt es
in dieser Welt solange, wie es ihm auf Grund von Handlungen in früheren
Leben vergönnt ist.
Die Lebenserwartung auf Erden wird bereits im Mutterleib bestimmt.
Sie kann weder verkürzt noch verlängert werden; die Lebensdauer
wird durch eine bestimmte Kraft bestimmt, genannt Apurva, die für
die Geburt eines Individuums verantwortlich ist. Das hat viele Ursachen.
Alle Ursachen werden zu einem Ergebnis (zur Lebensdauer) zusammengefasst.
Die Zusammenfassung ergibt sich aus der Kraft der Offenbarungen, die
bereits als Erfahrungen umgesetzt wurden (Prarabdha-Karma). Prarabdha
ist die Ursache von allem, was wir im Leben erfahren, die Lebensdauer,
die Art der Erfahrungen, die wir durchmachen, die Umstände, unter
denen wir geboren werden usw. All unser Vergnügen und Schmerz und
die Lebenslänge für dieses Leben werden durch die Handlungen
bestimmt, die wir teilweise früher schon einmal durchgemacht haben,
und durch Erfahrungen, die uns teilweise auch noch in diesem Leben zugemutet
werden; das wird als Prarabdha-Karma bezeichnet.
Wenn jemand geboren wurde, so heißt das nicht, dass er endgültig
von der absoluten Ursache getrennt wurde. Die absolute Ursache bleibt
mit allen nachfolgenden Ebenen verbunden. Nichts kann von seiner ursprünglichen
Ursache getrennt werden. Selbst wenn der Abstieg bis zur niedrigsten
Ebene erfolgt, kann die Verbindung zu den höheren Ebenen nicht
gekappt werden. Sie bleibt immer bestehen. Im gewissen Sinne mögen
wir vom göttlichen Bereich abweichen; wir können uns als individuelle
Seelen in gewisser Weise vom Universalen entfernt haben, doch das heißt
nicht, dass wir unsere Verbindung zum Universalen abgebrochen haben
oder abbrechen können. Unsere Verbindung mit allem, mit der Natur,
mit Gott und allen anderen Dingen in dieser Welt bleibt bestehen. Wir
sind uns dieser Verbindung(en) nicht bewusst; diese Verbindung kann
nicht abreißen. Es bleibt eine ständige Verbindung. Wäre
es nur eine vorübergehende Verbindung, würde sie nicht mehr
wieder hergestellt werden können. Sie bleibt für immer bestehen!
Dieses alles geschieht während der Geburt eines Individuums, das
sich über die Geschehnisse nicht bewusst ist. Tausende Ursachen
verschiedenster Ebenen der Offenbarung kommen für die Geburt eines
kleinen Babys zusammen, was dem kleinen neuen Erdenbürger natürlich
nicht bekannt ist. Es lernt nur den Ort seiner Geburt kennen. Alle anderen
Aspekte in dieser besonderen Welt werden auf Grund der intensiven Verbindung
von Körper und Geist mit einem Schlag vergessen. Die Verbindung
von Körper und Bewusstsein ist derart intensiv, sodass die Erinnerung
an vergangene Leben komplett ausgelöscht wurde und eine völlige
Bindung nur an den gegenwärtigen Körper möglich ist,
so als wäre nur er eine Realität, nichts hätte zuvor
stattgefunden und nichts wäre in Zukunft möglich. Dieses ist
wirklich eine unglückliche Situation, denn die gesamte Kette wurde
vergessen. Nur ein einziger Link blieb erhalten, d.h. das Bewusstsein
in dem irdischen, körperlichen Leben als Individuum.
Wenn unser Leben beendet ist, verlässt Prana, die Lebensenergie,
den Verstorbenen. Und die Feuer übergeben das Individuum seiner
Bestimmung, an die es nach dem Tode gebunden ist. Diese Feuer sind wiederum
in Aktion; sie sind niemals fern. Wo auch immer man hingeht, wirken
die Landesgesetze; man kann sich dem Arm des Gesetzes nicht entziehen.
Auch wenn man sich einige hundert Kilometer entfernt, so heißt
das nicht, dass man sich den Gesetzen entziehen kann. Genauso verhält
es sich mit den fünf Feuern. Wo auch immer man hingeht sind sie
vorhanden, denn ohne sie kann nichts stattfinden. Die fünf Feuer
sind nichts weiter als die fünf Abstufungen der Offenbarung des
universalen Gesetzes. Wie könnte man sich dem entziehen? Wo immer
man sich auch befinden mag, in welcher Geburtsform man sich gerade aufhält,
die Gesetze bleiben aktiv, sie halten uns fest und geben uns eine bestimmte
Form des Lebens.
Auf dieselbe Weise, wie man in die Offenbarung dieses besonderen Lebens
gestoßen wurde, so wird man aus dieser Existenz hier durch denselben
Prozess der Offenbarung auf eine andere Ebene gebracht. Der Prozess
bleibt der Gleiche, denn die fünf Feuer wirken überall in
allen Ebenen des Seins.
Jene, die das Geheimnis dieses Panchagni-Vidya kennen, die die Doktrin
der fünf Feuer kennen und die ein Leben durch diese Art der Meditation
führen, sind von der Bindung des Karmas befreit. Sie steigen zur
endgültigen Befreiung in höhere Regionen des Lebens auf und
kommen ins Brahma-Loka, dem Reich des Schöpfers; ansonsten kehren
sie zu immer neuen Wiedergeburten zurück. Wenn man nicht mehr in
diese Welt des Leidens wiedergeboren wird, muss man weder wie ein Tier
denken noch sehen oder unter den Bedingungen eines Tieres leben. Das
Gesetz der Unwissenheit ist keine Entschuldigung. Man muss auch für
die Unwissenheit und den damit verbundenen Bedürfnissen leiden.
Unwissenheit ist nichts weiter als die Unfähigkeit, die Verbindungen
zwischen uns und den verschiedenen Ursachen unserer Offenbarung mit
dem gesamten Universum zu erkennen. Da sich niemand dieses Wissen anzueignen
scheint, ist jeder irgendwie an Wiedergeburten gebunden. Dieses ist
die bedauerliche Folge der Unwissenheit des Einzelnen, auf die ich am
Ende dieses Abschnittes noch eingehen werde. Doch jene, die glücklicherweise
aufwachen, diese göttliche Verbindung des menschlichen Lebens erkennen
und in dieser Form des Panchagni-Vidya meditieren, steigen durch göttliche
Kräfte über den nördlichen Weg oder den Weg des Lichts
in höhere Regionen auf.
Der Archiradi-Marga oder Devayana bzw. nördliche Pfad der Gottheiten
der Himmelwesen, der Pfad der Befreiung des Geistes von der Bindung
an Samsara wurde wie folgt beschrieben. Jene, die darauf meditieren,
die ein spirituelles Leben des Wissens führen, die eine Innensicht
des Geheimnisses dieser Upanishad haben, die Disziplin (Tapas) praktizieren
und die Gnade dieses Wissens spüren, werden in das Reich des göttlichen
Feuers erhoben, wenn sie diese Welt verlassen. Sie werden durch die
göttliche Flamme noch höher emporgehoben. Doch hier endet
der Aufstieg nicht; sie steigen noch höher zu den Gottheiten, die
über die helle Seite des Mondmonats regieren. Von hier steigen
sie noch weiter hinauf, wo sich die Sonne während der ersten sechs
Monate eines Jahres gen Norden bewegt. Dann steigen sie zu dem Gott
auf, der über das ganze Jahr herrscht. Dann gehen sie zur Sonne,
wobei es heißt, dieses sei ein wichtiger Haltepunkt auf dem Weg
zur Befreiung. Dann wandert die Seele weiter zu den feineren Regionen
der Erfahrungen und Freuden einer göttlichen Natur, die mit den
kühlen Mondstrahlen vergleichbar sind. Dann kommt das Reich, das
die Upanishad als den Lichtblitz bezeichnet, der durch seine Götter
offenbart wird. Dieses hat nichts mit dem Himmelsleuchten zu tun, sondern
mit dem Lichtblitz der Erkenntnis der Wirklichkeit. Wir befinden uns
im Grenzland des Schöpfers. Daher kommen die Lichtblitze, und die
Individualität wird aufgegeben. Das Bemühen endet hier; andere
Gesetze nehmen jetzt die Seele an die Hand. Eine übermenschliche
Kraft beginnt jetzt zu wirken; ein Amanva-Purusha, ein übermenschliches
Dasein beginnt. Jemand kommt und erkennt dich: „siehe, der Verbannte
kommt, der Verschwender ist zurückgekehrt“. Derart ist die
Freude der Götter, wenn dieser Verbannte nach unendlich vielen
Jahren des Leidens zurückkehrt. Der Übermensch nimmt ihn bei
der Hand und führt ihn entlang des Pfades des Lichts zu immer höheren
Regionen, bis das Reich des Schöpfers erreicht wird, Brahma-Loka.
Dieses ist der Pfad des Lichts, der Pfad der Freiheit, der Pfad der
Befreiung.
Doch die meisten Menschen sind nicht in der Lage, solch ein spirituelles
Leben der Meditation zu führen. Sie haben keine Kenntnis von den
höheren Wahrheiten des Lebens, obwohl sie gute Taten in dieser
Welt vollbracht haben, denn es sind gute Menschen, sehr wohltätig,
sehr philanthropisch, die der Allgemeinheit dienen, sie haben Tugenden,
die in den Schriften aufs Höchste gepriesen werden, und sie haben
sich damit Verdienste erworben, Opfer gebracht, doch sie wandeln nicht
auf dem Pfad des Lichts. Sie gehen vielmehr den südlichen Weg der
Rückkehr. Dieses wird der Weg des Rauchs genannt, d.h. Dhuma-Marga,
Dakshina-Patha, der wiederum von den Göttern geleitet wird. Von
der Gottheit des Rauches steigt die Seele zur Gottheit der Nacht auf;
dann zur Gottheit der dunklen Seite des Mondes; dann zur Gottheit der
Sonne, die sich sechs Monate lang nach Süden bewegt. Was geschieht
dann? Die Seele geht nicht zur Gottheit, die über das Jahr regiert.
Dieses wird hier besonders erwähnt und scheint mystisch und sonderbar.
Warum geht die Seele nicht dorthin? Etwas fehlt hier. Es fehlt die Absprungmöglichkeit.
Die Wege laufen für eine gewisse Zeit parallel; danach verzweigen
sie entweder nach Süden bzw. nach Norden. Den Abzweig bildet die
Gottheit des Jahres, die vom südlich führenden Weg nicht berührt
wird.
Auf dem südlichen Weg wird die Seele zur Welt der Väter geleitet.
Von dort geht sie zur Region des Raumes, Akasa; dann geht sie zum Mond,
Chandra-Loka. Im Chandra-Loka, so nimmt man an, erfreut sie sich den
Privilegien der Götter, jedoch nur mit einer befristeten Aufenthaltserlaubnis,
und nicht wie ein ständiger Bewohner dieser Region, und so muss
sie irgendwann wieder ausreisen. Sie ist ein Diener der Götter
der Geburt. Diese Gottheiten, die es bereits seit der Schöpfung
gab, stehen über den Göttern, die auf Grund ihrer Taten in
diesem Leben vorübergehend zu Gottheiten wurden. Wenn die Verdienste
aus den guten Taten erschöpft sind, müssen diese Seelen zurückkehren.
Sie können nicht für immer dort bleiben. Sie sind Diener des
Himmels von minderer Kategorie. Die Seele hat in der Region kein Dauerwohnrecht,
obwohl sie sich dort aller Privilegien des Lebens erfreut. Sie kann
dort wohnen, die gleiche Unterbringung und alles haben, doch besitzt
sie keinerlei Rechte. Dieses liegt an der Tatsache, dass die Seele auf
Grund ihrer Taten vorübergehend auf die Ebene mit dem Status eines
Himmelswesens erhoben wird. Doch wenn die Verdienste ausgekostet wurden,
was geschieht dann? Sie ist arm wie zuvor und kehrt auf die gleiche
Weise zurück. Wenn sie also dorthin kommt, ist sie nicht wie die
Himmelsbewohner, die dort seit der Schöpfung leben. Auf Grund dieser
Tatsache, so heißt es, ist die Seele wie Nahrung für die
angestammten Gottheiten; sie wird von ihnen gefressen, sie dient denen,
die über ihr stehen. So lange wie die Seele auf Grund der guten
Taten in der himmlischen Region leben darf, so lange bleibt sie dort.
Dann muss sie wieder zurückkehren. Sie wird schließlich wieder
zurückgetrieben. Sie kommt zurück zum Raum, - der Luft, -
von wo sie zuvor aufgestiegen ist. Sie kommt zur Ebene des Rauchs, den
Wolken und dem Regen, usw.
Diese Seelen, die in die vergängliche Welt zurückkehren,
kann man an ihrer Feinfühligkeit erkennen, die sich aus den Erfahrungen
von Raum, Luft, Wolken, Regen und subtiler Nahrung ergeben. Es ist nur
schwer zu verstehen, wie sie damit in Verbindung kommen. Sie gehen in
neue Körper ein, mit denen sie sich identifizieren können.
Dann findet die Wiedergeburt statt und derselbe Prozess beginnt von
neuem. Die individuelle Seele kommt von oben, nachdem die Freuden beendet
sind, die sie auf Grund von guten Taten erfahren durften. Jede Seele
wird in ihrem gesamten Charakter, mit all ihren Besonderheiten erfasst,
damit sie die neu zu erfahrende Ebene durchlaufen kann. Es ist nur schwer,
diese Existenz zu überwinden, so heißt es in der Upanishad.
Wenn sie sich einmal in dieser niederen Ebene mit seiner Nahrung befindet,
weiß man nicht, was sich daraus entwickeln wird. Möglicherweise
weiß Gott, was geschehen wird; normalerweise kann dieses Geheimnis
nicht gelüftet werden. Es ist sehr kompliziert. In welche Richtung
wird die Seele getrieben, von welcher Mutter wird sie geboren werden,
welche Erfahrungen muss die Seele durchmachen. Niemand weiß es.
Die Wege seiner Handlungen und seiner Reaktionen sind nur schwer zu
verstehen. Der Abstieg der Seele(n) wird durch diese Ebenen gekennzeichnet.
Sie werden eins mit Vater und Mutter, mit dem sozialen Umfeld, in die
(das) sie geboren werden. Und dann beginnt jede von sich zu sagen: „Dieses
ist meine Mutter; dieses ist mein Vater; das ist mein Zuhause; das ist
mein Besitz.“ Es wird alles vergessen, was zuvor geschah. Eine
Seele gehört in Wahrheit zu einem viel größeren Bereich.
Sie hat viele Freunde in den anderen Regionen des Seins. Sie ist Bürger
der weiten Welt, doch hat sie all das wie ein dummer Mensch vergessen.
Die Seele mit ihrem neuen Körper identifiziert sich mit ihrem Umfeld,
ihrer Behausung, der Stadt, wo sie lebt, und sagt: „Dieses ist
mein Besitz.“ Und sie hat mit dem neuen Körper keine Verbindung
zu irgendetwas anderem. Dieses ist ein bemitleidenswerter Zustand, sagt
die Upanishad. Doch was geschieht dann?
Menschen, die in ihrem vorherigen Leben Gutes getan haben, werden in
ein angenehmes Umfeld wiedergeboren. Dieses ist karmisches Gesetz. Das
Glück, die Freiheit und die Zufriedenheit, die man im Leben erfährt,
entsprechen den früheren guten Handlungen, d.h. besonders selbstlose
Handlungen und Handlungen zu wohltätigen Zwecken. Je mehr gegeben
wird, desto mehr bekommt man. Man kann kein Glück erwarten, wenn
man anderen in früheren Leben kein Glück bereitet hat. Wenn
man gierig und mies war, andere Menschen um ihr Glück gebracht
hat und alles nur für sich selbst beanspruchte, dann ist dies auch
das Schicksal, was man in diesem Leben selbst erfährt. Wenn man
in Armut leben muss, nichts besitzt, so ist das ein Ergebnis der Selbstsucht
in früheren Leben. Man hatte andere Menschen um ihren Besitz gebracht,
und so geschieht mit uns, was wir anderen zugefügt haben. Doch
wenn man großzügig, gutherzig und dienlich war, dann erfährt
man dieses auch in diesem Leben. Man bekommt mit gleicher Münze
heimgezahlt, was man anderen zugefügt hat, positiv wie negativ.
Im negativen Fall kann man sogar als Tier geboren werden, so heißt
es in der Upanishad, wenn die Seele in eine besondere Welt geboren wird.
Es gibt nur einen Weg, auf dem man nicht mehr zurückkehren muss.
Das ist Devayana-Marga, wie zuvor erwähnt. Der andere Weg bringt
die Seele wieder zurück.
Es gibt eine andere Form der Geburt, sagt die Upanishad, die weder
mit dem nördlichen noch mit dem südlichen Weg verbunden ist.
Dieses ist die Geburt kleiner Geschöpfe, wie Insekten. Sie leben
nur für wenige Stunden. Währende der Regenzeit sieht man Motten
und andere kleine Insekten, die sich aus der feuchten Erde erheben und
innerhalb weniger Stunden wieder verenden. Dieses ist eine andere Form
der Geburt. Das Leben ist hart! Ihr Leben ist so kurz und von solch
unbedeutender Dauer, sodass man sagen kann, sie wurden geboren, um sogleich
wieder zu sterben. Wenn man zuschaut, wie sie geboren werden, kann man
beobachten, wie sie fast schon wieder verenden. Dieses ist der dritte
Weg von Geburt und Leben; er ist anders als das Leben, das wir durch
den nördlichen bzw. südlichen Weg erfahren. Warum ist diese
Welt nicht voller Menschen, und warum ist diese andere Welt nicht voller
Menschen? Die Antwort lautet: es gibt einen Zyklus bzw. ein Rotieren
der Menschen. Sie gehen von diesem Reich zu jenem Reich, von jenem Reich
zu diesem Reich, sodass keine Welt überfüllt ist.
„Man müsste dieses Lebens überdrüssig sein“,
heißt es in der Upanishad. Man müsste genug von diesem Leben
haben. Wer möchte in dieser Weise leben, wo man an Gesetze gebunden
ist, die man weder kontrollieren noch wo man mitbestimmen kann, wo man
immer drunter leidet, wo man sich ständig in einem Zustand der
Verpflichtung befindet und man nicht weiß, was im nächsten
Augenblick geschieht. Ist das lebenswert? Dieses ist kein Leben, sondern
eine Form unglaublich verräterischer Sterblichkeit. Oh, was für
ein Leben ist das in dieser Welt!
Unwissenheit erzeugt weitere Probleme in Form von Mögen und Nichtmögen,
egoistisches Handeln mit all seinen Konsequenzen, wie z.B. mögliche
Sorgen usw., was immer neue Geburten dieser Art nach sich zieht. Letztendlich,
so heißt es, dass jene, die ein Leben spiritueller Meditation
führen, nicht durch diese Gesetze berührt werden. Man wird
nur dann durch diese Gesetze berührt, wenn man sie nicht versteht.
Jemand, der weiß, was dieses Gesetz bedeutet, kann dadurch nicht
verletzt werden. So verhält es sich mit allen Gesetzen dieser Art,
seien es die Gesetze einer Regierung, der Naturwissenschaft, der Gesellschaft
oder der Spiritualität. Es ist die Unwissenheit über die Auswirkungen,
was uns an seine Funktionen bindet. Wenn wir mit den Feinheiten der
Wirkungsweise vertraut sind, werden wir es hinnehmen. Und warum sollten
wir uns daran halten oder warum sollte es uns nicht zur Ruhe kommen
lassen? Die ganze Schwierigkeit liegt darin, dass wir nicht einmal seine
Regeln befolgen können. Wie können wir etwas befolgen, was
wir nicht kennen? Darum ist Unwissenheit ein wirkliches Problem; alle
anderen Probleme sind gegenstandslos und nicht erwähnenswert. Derjenige,
der die Wahrheit des Universums kennt, ist frei von allen Sünden
und Schwierigkeiten.
Wir müssen noch einmal darauf hinweisen, dass mit jemand, der
dieses weiß’, nicht jemand gemeint ist, der diese Upanishad
nur gelesen hat, oder gelesen und verstanden hat, was es bedeutet. Hier
heißt es vielmehr: Wissen bedeutet Es zu leben’. Es ist
wirkliches Leben, wohin dieses Wissen führen soll. Es muss Teil
unseres Lebens werden und sein. Von diesem Wissen ist hier die Rede.
Wissen heißt sein; dieses ist die zentrale Philosophie der Upanishad.
Dieses dürfen wir nicht vergessen, wenn wir die Upanishad wirklich
studieren. Wissen ist Leben; Wissen ist sein; Wissen ist Existenz; du
bist das Wissen. - Das was du jetzt bist, bestimmt deine Zukunft. -
Wenn unser Leben des Wissens, wie es heißt, wenn wir diese Weisheit
verkörpern, wenn dieses Wissen Teil unserer Existenz bzw. die Substanz
unseres Lebens ist, und nicht nur eine intellektuelle Information, dann
sind wir frei von allen Bindungen. Dann werden sich diese Gesetze nicht
negativ auf uns auswirken, denn diese Gesetze sind nichts anderes, als
der Ausdruck des Wissens, das die Natur der letztendlichen Wirklichkeit
darstellt. Soweit wie wir uns mit dem Charakter der Wirklichkeit identifizieren,
sind wir in unseren Handlungen vom karmischen Gesetz befreit. Der Begriff
Karma steht für das Gesetz der Wirklichkeit, das sich als Reaktion
auf alles und alle auswirkt, wenn man sich im Zustand von Unwissenheit
befindet. Soweit wie wir unwissend sind, soweit sind wir auch gebunden.
Soweit, wie wir uns dessen bewusst sind, damit leben und in der Lage
sind, dieses Gesetz zu befolgen, soweit sind wir auch frei.
Wer diese fünf Feuer kennt, ist frei. Es ist schwierig, diese
fünf Feuer zu kennen, solange man kein Leben in Meditation lebt.
Unser ganzes Leben sollte ein Leben der Meditation sein. Wir müssen
uns dieses ständig vor Augen führen. Unsere Meditation sollte
sich nicht nur auf die tägliche halbe Stunde beschränken,
wobei lediglich die Augen geschlossen gehalten werden und vielleicht
an etwas Himmlisches gedacht wird. Das ganze Leben sollte Meditation
sein. Wenn man etwas anschaut, schaut man nur auf meditative Weise;
wenn man spricht, spricht man nur aus dieser Sicht; wenn man über
etwas nachdenkt, hat man nur diesen meditativen Gedanken im Hinterkopf.
Wenn man ein Leben im Sinne dieser Upanishad lebt, hört man auf,
ein normaler Mensch zu sein. Das große Wissen ist in allen Belangen
wie ein Filter und wird so zum Befreier unserer Seele. Selbst wenn man
sich zwischen allen Atmosphären’ befindet, was nicht wünschenswert
ist, ist man frei von allen Verunreinigungen, so heißt es in der
Upanishad, denn es gibt nichts, was wünschenswert wäre. Der
Wissende ist der Natur gegenüber, die in alle Richtungen wirkt,
aufgeschlossen. Alles ist irgendwie Natur, sei sie wünschenswert
oder nicht, wie es heißt. Wir vertrauen der Natur in jeder Hinsicht,
weil uns die Meditation führt. Auf diese Weise können wir
auch durch nichts und niemanden verletzt werden. Andererseits kann es
sein, dass wir die Atmosphäre, in der wir leben, positiv beeinflussen.
„Jemand, der dieses weiß“, erreicht die höheren
Regionen, die sonst nur durch gute Handlungen erreicht werden.
Dieser Abschnitt, der Panchagni-Vidya beschreibt, ist von erhebendem
meditativem Inhalt. Auf diese Weise können wir in dieser Welt ohne
Bindung an die Gesetze der Welt leben und nach dem Tod zur letztendlichen
Befreiung des Geistes in höhere Regionen aufsteigen. Es wird auch
die Misere des Lebens beschrieben. Daneben wird der eher komische Teil
der wirkenden Natur mit einbezogen. Das Leben bedeutet Sorgen; es ist
voller Miseren; es ist voller Kummer und Schmerz, wenn man in einem
Zustand der Unwissenheit lebt. Die Upanishad preist einerseits die Größe
und die Schönheit des Wissens, das zur Befreiung der Seele führt,
und sie beschreibt andererseits die Härte des Gesetzes, die uns
treffen wird, wenn wir die Gesetze nicht befolgen. Sie weist uns auf
die Wünsche der Gesetze hin, die Sorgen, die uns unglücklich
machen, wenn dieses Wissen der Seele vorenthalten wird und wir ein Leben
in tiefer Unwissenheit führen.
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