Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
9 Die Krise
des Bewußtseins (2)
Der Selbstbehauptungsdrang
des Individuums ist zu listig, um sich mit einer bloßen Bestätigung
seiner selbst zufriedenzugeben. Er ist wandlungsfähig und bahnt sich
seinen Weg sowohl durch den persönlichen Ausdruck als auch durch die
Haltung innerhalb sozialer Beziehungen. Der Selbstbestätigungsdrang,
gewöhnlich “Ego” genannt, kann sowohl innerhalb der eigenen Person
als auch über soziale Beziehungen dämonische Formen annehmen,
wenn er sich zur Erfüllung seiner Begierde, sich selbst so vehement
wie nur möglich durchzusetzen, bis an den Rand der Krankhaftigkeit
steigert. Menschen können sich selbst in aller Öffentlichkeit
zu außergewöhnlichen Unanständigkeiten hinreißen
lassen, wenn es um ihr Prestige oder ihren Status geht, wobei es sich ja
um nichts anderes als die Forderung nach Anerkennung handelt. Sollte eine
solche Anerkennung ausbleiben, so kann es zu heftigen Reaktionen kommen,
die sich entweder in der Form einer Verurteilung der Tugenden und des Ansehens
anderer ausdrücken oder zur lautstarken Darstellung der eigenen Errungenschaften
und Wichtigkeit führen. Kritik an anderen ist offensichtlich eine
Form der Selbstbestätigung und eine Art der Selbstbeweihräucherung
als ein unter den Mitmenschen herausragendes Individuum. Dieses Feuer wird
noch geschürt, indem man sich selbst lobpreist und die eigene Position
und Wichtigkeit über die von anderen Individuen herausstellt. Die
Vorliebe für Ruhm, Status, Prestige, Schmeichelei und Verehrung ist
eine teuflische Leidenschaft, die, wenn man ihr freien Lauf läßt,
sogar noch gefährlicher werden kann als der Geschlechtstrieb. Die
soziale Moral - eine Erfindung des Menschen, die ihm sehr gelegen kommt,
mit der man verdammt, was angenehm vermieden werden kann, und mit der man
billigt, was man nicht vermeiden kann, und die man mit einem Hauch von
Heiligkeit verziert - scheint diese gierigen Formen der Selbstverehrung
samt ihrer beiden Aspekte der Selbstrechtfertigung und der Abwertung anderer
jedoch zuzulassen. Selbstrechtfertigung und Abwertung anderer müssen
nicht immer in der offenkundigen Form einer äußeren Handlung
des Individuums erscheinen. Vielmehr sind sie weitaus wirksamer, wenn sie
in ihrer subtilen Verkleidung als sozial akzeptierte Haltung auftreten,
wie in der Form von Taktgefühl, Gesellschaftsetikette und kultiviertem
Benehmen. Der Teufel gewinnt sogar noch an Einfluß und Macht, wenn
er als Heiliger erscheint, da er in diesem Fall mit etwas verwechselt wird,
was er mit Sicherheit nicht ist. Auch wenn dies den Augen der leichtgläubigen
Massen nicht sichtbar sein mag, kann man sich das Ausmaß der Krankhaftigkeit
leicht vorstellen, die hinter jeder Art von Selbstbestätigung steht,
indem man sich nur einmal die Intensität vor Augen hält, mit
der man sich dadurch dem Unendlichen entfremdet.
Der Selbstbestätigungsdrang
entspringt dem kausalen Körper des Individuums, er wirkt durch
den feinstofflichen Körper und manifestiert sich schließlich
als fertiges Produkt fachmännischer Intelligenz durch den materiellen
Körper. Dieses komplexe Phänomen der Selbstbehauptung ist nicht
einfach nur eine isolierte Einheit, die sich fröhlich in der Abgeschiedenheit
des geschlossenen Raums der Selbstgefälligkeit bestätigt. Vielmehr
ist Selbstbehauptung höchst vital mit dem sozialen Instinkt der Sehnsucht
nach Anerkennung von außen verbunden, so daß der Akt der Selbstbestätigung
ein unmittelbarer Effekt eines zweiseitigen Prozesses ist, der sowohl aus
der größtmöglichen Selbstverherrlichung des eigenen Geistes
und Körpers besteht, als auch aus dem zwingenden Verlangen danach,
von anderen Mitgliedern der Gesellschaft auch die Bestätigung für
diese angenommene Selbstherrlichkeit zu erhalten. Dieses Verlangen nimmt
ebenfalls verschiedene Formen an, nämlich: zu denken, daß
die eigenen Gedanken, Gefühle und Entscheidungen richtig sind und
niemals falsch sein können; daß diejenigen, die den eigenen
Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen widersprechen, im Unrecht sind;
daß die erhabenen Gefühle, die man sich selbst gegenüber
hegt, logisch gerechtfertigt und sozial notwendig sind; daß das eigene
Verlangen nach Anerkennung durch andere nur das Verlangen nach einer selbstverständlichen
Gerechtigkeit ist, die einem die Gesellschaft schuldet; daß die verschiedenartigen
Formen, die der eigene Selbstbestätigungsdrang annehmen mag, nicht
Akte der egoistischen Selbstbestätigung sind, sondern tugendhafte
Handlungen, die dem eigenen spirituellen Fortschritt und dem selbstlosen
Dienst an anderen zugute kommen; daß man von der Welt völlig
mißverstanden wird und in der Nichtanerkennung des eigenen Handelns
und Verhaltens falsch beurteilt wird. Wie mysteriös die menschliche
Persönlichkeit doch ist!
In den Upanishaden
heißt es, daß die unmittelbare Konsequenz eines Sturzes aus
dem Unendlichen die Empfindung der eigenen Begrenztheit und ein intensives
Hungergefühl sind, die einen sofort laut nach Nahrung rufen lassen.
Dieser Hunger ist nichts anderes, als der außerordentlich schwer
faßbare Instinkt der Selbsterhaltung. Dieser Selbsterhaltungstrieb
ist nicht nur einfach ein Verlangen des Magens nach physischer Nahrung
oder nach Wasser zum Stillen von Hungers oder Durst, sondern vielmehr das
Verlangen nach allen Dingen, die notwendig sind, um den psycho-physischen
Organismus zu erhalten, der den Körper, den Geist und das Ego umfaßt.
Einige der Eigenschaften des Ego beziehungsweise der Funktion des psychischen
Anteils des Organismus haben wir bereits ausführlich erörtert.
Der physische Anteil verlangt nach materieller Nahrung. Die dahinterstehende
Absicht ist jedoch offensichtlich eine Suche nach Faktoren, die zur Erhaltung
der Individualität als Ganzheit beisteuern, die sich in der traditionellen
Sprache der Veden aus dem Komplex der Panchakosas, den fünf Hüllen
der Individualität, zusammensetzt, nämlich der kausalen, intellektuellen,
mentalen, vitalen, und physischen Hülle. Dieser “totale Drang” zur
Selbsterhaltung ist der Schrei des Individuums nach Wiedergutmachung des
Verlustes, den es sich durch seine Trennung von der Lebensenergie der unendlichen
Substanz zugefügt hat. Es kämpft, weint und versucht, Mittel
und Wege zu finden, die ihm zur Befreiung aus diesem unerwarteten Todeskampf
verhelfen, der das Individuum quasi wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen
hat. Was aber kann es tun? Es kann nicht zum Unendlichen zurückkehren,
selbst wenn dies sein tiefstes und intensivstes Verlangen ist. Es kann
nicht zurückkehren, da dieser Sturz aus der Unendlichkeit beinhaltet,
daß man nicht weiß, was tatsächlich passiert ist. Daher
gibt es auch keine Möglichkeit, dorthin zurückzufinden, woher
man kam. Andernfalls hätte eine sofortige Umkehr vom Begrenzten zum
Unbegrenzten stattgefunden, was jedoch durch die Unwissenheit unmöglich
gemacht wurde, die allen bewußten Bemühungen auf geheimnisvolle
Weise vorausgeht. Folglich kann das Begrenzte nicht zum Unendlichen zurückkehren.
Deshalb findet es einen Weg, sich mit einer falschen Unendlichkeit zu identifizieren,
die es sich aus seiner eigenen Fehleinschätzung der Dinge heraus erschafft.
Diese falsche Unendlichkeit entspricht dem Verlangen nach der größtmöglichen
Menge an materiellem Besitz und dem Verlangen nach Selbstverewigung, für
die man sich einer unendlichen Vielfalt von Bemühungen unterzieht.
Um die gesamte
Angelegenheit zusammenzufassen: Die Geschichte des menschlichen Sturzes
ist mikroskopisch verkleinert in den tief verwurzelten Trieben nach Nahrung,
Selbstbestätigung und Sexualität enthalten, wobei die ersten
beiden nur Aspekte einer einzelnen Haltung sind, die in bezug zur Selbsterhaltung
eingenommen wird. Die dritte dagegen ist eine unabhängige Abart der
Selbsterhaltung in Form der Zeugung von Nachkommenschaft, in der man die
eigene Gattung zu verewigen versucht. Wie wir an früherer Stelle bereits
festgestellt haben, ist der Geschlechtstrieb in Wirklichkeit nur ein Ventil
für einen wahrhaftig überindividuellen Drang, der von den aufgespaltenen
Teilen einer einzelnen Zelle in Richtung Vereinigung und Selbstverewigung
empfunden wird. Vielleicht verbirgt sich dahinter jedoch eine noch tiefer
liegende Ursache. Da das Individuum im allgemeinen das gesamte Universum
als sein Objekt betrachtet, ist es durchaus verständlich, daß
das Universum einen entsprechend gewaltigen Druck auf das Individuum ausübt,
der nach einer Vereinigung des Universums mit dem Individuum verlangt.
Dieser Druck wird jedoch mißverstanden und dahingehend fehlinterpretiert,
die psycho-physische Individualität räumlich-zeitlich fortzusetzen,
wodurch der Fortpflanzungstrieb leicht als die Errungenschaft einer objektiven
Unsterblichkeit und als das eigene Fortbestehen in alle Ewigkeit mißverstanden
wird. Das Ewige und Unsterbliche ist dasselbe wie “Bewußtsein”, da
nur Bewußtsein diese Eigenschaften haben kann. Irgendwie verirrt
es sich jedoch immer wieder einmal in das irregeleitete Gefühl der
Notwendigkeit, im eigenen Leben Ewigkeit zu manifestieren. Dieser blinde
Drang ist allgemein als Geschlechtstrieb bekannt. Das Ewige, das die Unendlichkeit
aller Existenz beziehungsweise die Unendlichkeit des Bewußtseins
ist, wird vom Individuum verzerrt, indem dieses im Akt der Kinderzeugung
und der daraus resultierenden falschen Selbstverewigung in Raum und Zeit
die Unendlichkeit der eigenen Form sucht. Der Nahrungstrieb, der Selbstbestätigungstrieb
und der Geschlechtstrieb sind die drei heftigen Formen einer hartnäckigen
Verhaftung am empirischen Leben, für welches das in die Erscheinungswelt
verwickelte Individuum keine Lösung finden kann. Die Liebe der Geschlechter
ist nicht wirklich eine Liebe zwischen Mann und Frau, wie für gewöhnlich
angenommen wird, sondern eine Tarnung des Dranges nach Elternschaft, der
sich notwendigerweise in der Vereinigung der Geschlechter seinen Ausdruck
sucht.
Die Schönheit,
die die Geschlechter ineinander sehen, ist der Glanz, den dieser überindividuelle
Trieb in die Form der Geschlechter hinein projiziert, so daß man
mit Sicherheit sagen kann, daß die geschlechtliche Schönheit,
die der Mann in der Frau und die Frau im Mann erblickt, ein Ausdruck jener
verlorengegangenen Identität der Unisexualität ist, die den nachfolgenden
Stufen bisexueller Individuen vorausging. Aber was bedeutet dies für
die geschlechtliche Schönheit? Existiert sie wirklich? Ja und nein.
Sie existiert, denn man kann sie wahrnehmen; sie existiert nicht, denn
das, was man wahrnehmen kann, ist nicht Schönheit an sich, sondern
etwas anderes, was fälschlicherweise für die sogenannte Schönheit
gehalten wird. Die sichtbare Schönheit der Geschlechter ist die Folgeerscheinung
einer Ähnlichkeit der Schwingungen, die sich in den vitalen- und physischen
Organismen der Persönlichkeiten ausbreiten, so daß man vom anderen
Geschlecht magnetisch angezogen wird. Man sieht im anderen Geschlecht nämlich
nicht nur eine Person wie sich selbst, sondern eine seltsame “Bedeutung”,
die in den Körper der Person hinein gelesen wird, wobei eher diese
“Bedeutung” als die Person selbst die Ursache für die Wahrnehmung
von Schönheit ist. Dies zeigt sich sehr deutlich in der Beobachtung,
daß sich ein Jüngling sexuell weder zu einem neugeborenen Mädchen
hingezogen fühlt noch zu einer Hundertjährigen. Ein junger Mensch
sucht nur andere junge Menschen und nichts anderes, da “Jugend” die Bedeutung
ist, die von jungen Menschen gesucht wird und Schönheit als nicht
von Jugend trennbar empfunden wird. Anhand dieser Diagnose der Ursache
entdecken wir, daß der Geschlechtstrieb ein Druck der Gattung ist,
der als verdecktes Motiv hinter der offensichtlichen Anziehung der Geschlechter
wirkt; so wie man es in den Machenschaften gerissener Politiker sehen kann,
die Studenten zu Werkzeugen revolutionärer Handlungen machen, um damit
ihre eigenen verdeckten Absichten durchzusetzen, indem sie die Studenten
wie Marionetten für ihre Zwecke benutzen. Das Wissen um diese Wahrheit
über den Geschlechtstrieb verringert die Heftigkeit seines Ausdrucks
im persönlichen Leben jedoch nicht, denn während die Analyse
mit rationalen Mitteln erfolgt, äußert sich der Trieb als Ausdruck
der Gefühle, die ja für gewöhnlich nicht mit dem logischen
Verstand Hand in Hand gehen. Es gibt zweierlei Geschlechtsmerkmale: primäre
und sekundäre. Die primären werden hauptsächlich im primitiven
Stammesleben in den Vordergrund gestellt; wohingegen die moderne Zivilisation
den sekundären Geschlechtsmerkmalen die Hauptaufmerksamkeit schenkt.
Die primären Geschlechtsmerkmale sind jene, die direkt mit dem Fortpflanzungsakt
zusammenhängen, der ja die Hauptabsicht des Triebes ist, dem in primitiven
Zivilisationen auf natürlich-naive Weise die primäre Bedeutung
zugemessen wurde. Der moderne Mensch ist dagegen “kultivierter”, mit dem
Ergebnis, daß er absichtlich versucht, den primären Zweck seines
Sexuallebens zu verbergen, so daß er die Hauptbedeutung auf die sekundären
Geschlechtsmerkmale der physischen Persönlichkeit legt, obwohl diese
Merkmale lediglich Anzeichen der reproduktiven Fähigkeit des Individuums
sind. Dieses Verhalten hat das moderne Leben weiter von der Wirklichkeit
entfernt und zunehmend künstlicher und demzufolge auch unglücklicher
gemacht. Denn wie kann man die Tatsachen leugnen und dabei Frieden finden?
Selbsterhaltung
und Selbstreproduktion sind die räumlich-zeitlichen Formen, die der
absolute Ewigkeitscharakter des Bewußtseins annimmt. Der “Sturz”
des Menschen ist ein einziges Ereignis, das den dreifachen, nach unten
führenden Druck der (1) psychischen und (2) physischen Selbstbestätigung,
sowie (3) den Drang zur Selbstverewigung in sich trägt. Dieser dreifache
Instinkt wirkt simultan, manifestiert jedoch jeweils nur einen einzelnen
Aspekt, wenn ein Zeitpunkt mit den für ihn günstigen Bedingungen
gegeben ist, so daß die psycho-physische Selbstbehauptung und der
Geschlechtstrieb nur unter bestimmten Umständen eine spezielle Betonung
erfahren, obwohl alle die ganze Zeit im Individuum versteckt oder sichtbar
vorhanden sind. Die Situation entspricht hier der eines in die Erde gelegten
Samens, der nur dann zu keimen beginnt, wenn sich die zu seinem Sprießen
geeigneten Bedingungen im Ablauf der Zeit einstellen. Hierin liegt der
entscheidende Punkt, der vor allem von all jenen zur Kenntnis genommen
werden sollte, die ihr Leben dem Beschreiten des “Pfades der Heimkehr”
hin zum Absoluten gewidmet haben, wofür einige weitere Überlegungen
von Nutzen sind:
Das Bewußtsein,
das sich selbst in das erkennende Subjekt und das erkannte Objekt aufgespalten
hat, wird in seinen Teilen von einem vermittelnden Aspekt verbunden, der
als Aufsichtführende Gottheit (Devata) bekannt ist. Diese Gottheit
überwacht die Funktionen des Individuums in bezug zu seinen entsprechenden
Objekten in der äußeren Welt. Wahrheitssucher oder Yoga-Schüler
haben ihre eigenen menschlichen Schwächen, aufgrund derer sie leicht
in Versuchung geraten, den subjektiven Aspekten ihrer Persönlichkeit
eine ungerechtfertigte Wichtigkeit zuzusprechen, ohne dabei jedoch in der
Lage zu sein, die Tatsache zu berücksichtigen, daß ihre eigenen
subjektiven Persönlichkeiten sowohl untrennbar mit ihren Objekten,
als auch mit den Aufsichtführenden Prinzipien verwoben sind, die sie
mit ihren Objekten verbinden. Diese natürliche Schwäche der menschlichen
Natur, die sogar in fortgeschrittenen Suchern und Yogis oft deutlich wahrgenommen
werden kann, führt dazu, daß sie das Ziel aus den Augen verlieren,
das sie ursprünglich zweifellos in frommer Absicht anvisiert
haben. Doch Frömmigkeit allein wird in einer Welt der unpersönlichen
Kräfte nicht zum Erfolg führen. Gute Absichten sind freilich
gut, doch die Welt ist aus solchem Stoff, daß man mit noblen Absichten
allein nicht sehr weit kommt. Die Welt ist niemandes Freund - zumindest
nicht so, wie ein Vater oder eine Mutter, von denen man erwarten würde,
daß sie ihren Kindern selbst schwere Fehler verzeihen. Auch wenn
es manchmal so aussieht, als sei die Welt in bezug auf das Verhalten ihrer
Bewohner viel zu nachsichtig, heißt das noch lange nicht, daß
die Welt ihren Bewohnern gegenüber Zuneigung empfindet. Dies käme
einer Verwechslung von “mütterlicher Zuneigung” und “Gerechtigkeit”
gleich, wobei “Gerechtigkeit” oder “Fair Play” Güte und Freundlichkeit
nicht ausschließen. Um dies zu veranschaulichen, kann man den Richter
des obersten Gerichtshofes als Beispiel anführen. Doch was ist ehrbarer?
Die Liebe einer Mutter für ihr Kind oder die Liebe des Richters für
seine Mandanten? Hat die Welt die sentimentalen Zuneigungen des öffentlichen
Publikums nicht ungezählte Male rücksichtslos frustriert, das
sich danach sehnte, den großen Helden der Menschheitsgeschichte die
Leiden des Abtretens aus ihren großartigen Rollen zu ersparen, die
sie in dem schönen Drama der menschlichen Geschichte spielten? Wer
kann auch nur ein einziges Beispiel dafür nennen, daß die Kräfte
der Geschichte selbst dem größten Genie und der edelsten Seele
gegenüber sentimentales Mitleid gezeigt hätten, die die Menschen
in ihren Herzen so sehr bewundern? Warum müssen selbst die großartigsten
Auftritte der Heroen aller Zeiten ein solch lächerliches Ende finden?
Ist das Leben letztendlich doch nur eine Tragödie? Gibt es überhaupt
so etwas wie Liebe, Freundschaft und fortwährende Kooperation von
Personen? Kann die Geschichte auch nur eine dieser begehrten Ziele des
menschlichen Fühlens bezeugen?
Auf diese
Frage scheint es eine einfache Antwort zu geben: Das Universum ist eine
riesenhafte Arena voll wirkender Kräfte, deren einziges Ziel es ist,
die Struktur der gesamten Schöpfung in die letztendliche Unteilbarkeit
des Absoluten zu integrieren. Wer das Absolute sucht, würde trotz
seiner ansonsten noblen und lobenswerten Bemühungen einen furchtbaren
Fehlschlag erleiden, sollte er sich damit zufrieden geben, allein auf dem
menschlichen Niveau der Werteeinschätzung zu verbleiben. Das Universum
ist weder aus Persönlichkeiten wie Männern, Frauen und Kindern
zusammengesetzt, noch aus Dingen im Sinne von Objekten, die wir gerne besitzen
oder vermeiden würden. Es ist völlig anders gestaltet. Das Universum
besteht nicht aus Objekten oder Dingen sondern aus dem Drang oder der Tendenz
zur Selbstvereinigung in der allumfassenden Unendlichkeit der Existenz.
Genaugenommen müßte man sagen, daß das Universum eher
ein wirkendes Gesetz ist, als ein existierendes Etwas. Dieses Gesetz könnte
man mit dem Gesetz eines Staates vergleichen, das seine Bewohner nicht
als Brüder und Schwestern, Mütter und Väter betrachtet,
sondern als Subjekte, die seiner unpersönlichen Ausübung gleichermaßen
unterworfen sind. Sucher, die sich darum bemühen, ihr Bewußtsein
auf das Absolute hin auszurichten, könnten diesen Punkt übersehen
und selbst in sehr fortgeschrittenen Stufen ihrer Praxis den subjektiven
Aspekt ihres Seins die Oberhand gewinnen lassen, womit der Wagen vor das
Pferd gespannt und der eigentliche Zweck verfehlt würde. Es ist menschlich
nahezu unmöglich, die eigene Verbundenheit mit der äußeren
Atmosphäre der sogenannten Personen und Dinge um einen herum immerzu
vor Augen zu haben. Man glaubt instinktiv, sich mit den Objekten in Form
von Personen oder Dingen auf irgendeine Art und Weise “beschäftigen”
zu müssen, das heißt, man hält sich beständig für
ein völlig isoliertes Subjekt, so daß alle Bemühungen im
Beschreiten des eigenen Lebensweges zum Scheitern verurteilt sind. Es scheint
überall nur Versagen zu geben, ohne jegliche Hoffnung auf Erfolg.
Und dies nur deshalb, weil man die eigene Beziehung zur objektiven Welt
vollkommen falsch interpretiert.
Die subjektive
Selbsteinschätzung bildet die Wurzel aller Schwierigkeiten. Man betrachtet
sich selbst stets als das “Ich” und handelt in allen Lebenslagen als solches.
Unglücklicherweise existiert dieses “Ich” jedoch nicht wirklich. Es
ist lediglich ein Emporkömmling, der ungerechtfertigterweise aus der
um Subjekt und Objekt entstandenen Verwirrung hervorgegangen ist. Die Lage
ist hier so ähnlich, als würde ein “Niemand” in einem der Anarchie
verfallenen Land plötzlich zum Anführer der Massen werden. Dieses
“Ich” ist jedoch nur eine Vorstellung und kein wirklich existierendes Etwas.
Es ist die Einbildung, daß es so etwas wie ein aufgeteiltes oder
gespaltenes Bewußtsein gäbe, was aber, wie bereits früher
erklärt, unmöglich ist. Diese falsche Vorstellung ist äußerst
trickreich und verschafft sich sogar in die Herzen von Yogis, Heiligen
und Weisen Einlaß, so daß man selbst von einem himmlischen
Wesen nicht sagen kann, es wäre frei von der Idee des “Ich”, dem großen
Verursacher aller nachfolgenden Verirrungen und Probleme des Lebens.
Die Vorstellung
eines “Ich” läßt nicht nur ein zu kontemplierendes Objekt entstehen,
sondern hat auch andere Konsequenzen, die aus dieser Sicht der Dinge resultieren.
Die Triebe nach Nahrung, Ruhm und Sex können sich leichten Zutritt
in den neu erbauten Wohnsitz verschaffen, in dem sich selbst die suchende
Seele irgendwie mit den Dingen versöhnt, die sie ursprünglich
vermeiden und transzendieren wollte. Das Bewußtsein, das sich weigert,
in irgendwelche Teile aufgespalten zu werden, sucht sich von den Folgen
dieser Aufspaltung zu befreien, unter der es leidet, indem es in der Yoga-Praxis
und der Meditation über die höchste Wirklichkeit Zuflucht nimmt.
Leider läßt sich das aufgespaltene Bewußtsein jedoch nicht
so einfach von seinen Vorstellungen befreien, die aus der akzeptierten
Tatsache hervorgehen, daß es so etwas wie die Aufspaltung von Bewußtsein
überhaupt gibt. An diesem interessanten Aspekt scheitern meist sogar
die ansonsten frommen Bemühungen von selbst aufrichtigen und hingebungsvollen
Wahrheitssuchern, da sich dieses Problem mit eben dieser Aufrichtigkeit
identifiziert. So kann es passieren, daß die Sehnsucht nach Ruhm
und sozialer Anerkennung zum organischen Bestandteil des ehrlichen Glaubens
wird, tatsächlich mit Yoga und der Meditation auf die großartige
spirituelle Wirklichkeit beschäftigt zu sein. In diesem Fall hat sich
genau das, was man zu vermeiden suchte, äußerst intelligent
in die Zielscheibe eingeschlichen, die man zu treffen versucht. Auf die
gleiche Art und Weise gelingt es auch allen anderen Impulsen, sich in das
Bewußtsein des Strebens nach der letztendlichen Freiheit von all
den Schmerzen und Leiden einzuschleichen, die durch eine Teilung innerhalb
des unteilbaren Bewußtseins verursacht worden sind. Es gibt viele
Impulse, doch sie lassen sich, wie wir oben bereits festgestellt haben,
in den körperlichen Hunger nach Nahrung, das psychische Verlangen
nach Ruhm und den vitalen Trieb nach Sex zusammenfassen. Im allgemeinen
wird behauptet, daß das Streben nach Reichtum ebenfalls ein primärer
Impuls sei. Nach einer sorgfältigen Untersuchung dieser Aussage läßt
sich jedoch erkennen, daß Reichtum nicht um des Reichtums willen
gesucht wird. Vielmehr begehrt man ihn als nutzbringendes Werkzeug zur
Erfüllung der Haupttriebe, die nach Nahrung, sozialer Anerkennung
und Sex verlangen. Man mag darüber erstaunt sein, daß ein solch
enormer Wert wie “Wohlstand” plötzlich auf den Status eines simplen
Handlangers der drei genannten Primärinstinkte reduziert werden kann.
Ja; man wird feststellen, daß sehr viel von der Bedeutung, die wir
den sogenannten wertvollen Dingen in dieser Welt zusprechen, nichts weiter
ist als ein Kind ohne Eltern, das behauptet, der Thronfolger zu sein. So
können wir die spezielle Bedeutung des materiellen Wohlstands im Licht
der Tatsache getrost beiseite stellen, daß er dort keinerlei Bedeutung
hat, wo die Gesellschaft nicht besteht, wo es also nicht zu dem Mechanismus
des “Gib und Nimm” kommt. Selbst wenn wir annehmen, daß die Gesellschaft
ein vom Individuum unabhängiges und selbst existierendes Etwas ist,
fließt ihre Existenz in die des Individuums ein, da soziale Werte
nicht verschieden von jenen sein können, die mit den Bedürfnissen
des menschlichen Individuums verknüpft sind. Und worin bestehen diese
Bedürfnisse? In den Instinkten und Trieben.
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