Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
6 Gib dem
Cäsar, was des Cäsars ist,
und Gott,
was Gottes ist
Es bedarf
keiner besonderen Erwähnung, daß das Streben nach Wissen durch
Erziehung eine doppelte Funktion zu erfüllen hat, nämlich einerseits
die empirischen Fakten und Erfahrungen des Lebens aufzuzeichnen und andererseits
mit den Forderungen der absoluten Werte in Einklang zu stehen. Da die zeitlichen
Werte untrennbar mit den zeitlosen Werten verbunden sind, muß man
den Gesetzen eines jeden Bereiches gerecht werden. “Gib dem Cäsar,
was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.” Obwohl die Erscheinung
nicht mit der Wirklichkeit gleichgesetzt werden kann, ist es klar, daß
die Erscheinungswelt mit der Wirklichkeit in einer gewissen Beziehung steht.
Obwohl all unsere Pläne und Unternehmungen im Leben in das Phänomen
der Vergänglichkeit verwickelt zu sein scheinen, kann man dennoch
nicht bestreiten, daß unsere Bemühungen um die Wahrheit, nach
der wir streben, eine Bedeutung haben. Empirische Erfahrung zu akzeptieren
verlangt gleichzeitig nach der Anerkennung der Tatsache, daß es so
etwas wie eine Wirklichkeit geben muß. Unsere Launen und Vorlieben,
Hoffnungen und Bestrebungen, Kämpfe und Errungenschaften müssen,
wenn auch entfernt, in Beziehung zur Wirklichkeit stehen. Die Widerspiegelung
ist nicht das Original, doch deutet sie darauf hin, wie das Original sein
könnte, so wie ein Schatten von etwas geworfen wird, das existiert.
Der menschliche Geist braucht nicht zu fürchten, daß seine Mühen
nur die Verfolgung eines Irrlichts darstellen. Unsere Erziehung und unser
Wissen sind ohne Zweifel völlig empirisch, doch können sie nicht
mit dem rein Empirischen enden. Sie haben nämlich eine Funktion zu
erfüllen, deren Wirkung über sie selbst hinaus reicht, so wie
die Medizin, die man einnimmt, um damit eine Krankheit zu heilen.
Die wichtigste
Regel der Erziehung sollte es sein, den Wirklichkeitsgrad, der in jedes
einzelne Erfahrungsstadium verwoben ist, nicht zu stören. Die Bhagavadgita
enthält die Mahnung, daß der Glaube des Unwissenden durch die
Wissensvermittlung nicht erschüttert werden darf. Der Standpunkt des
Studenten darf auf keiner Stufe der Erziehung ignoriert werden, auch wenn
er im Vergleich zu einem höheren Grad der Erkenntnis als unzulänglich
erachtet werden mag. Erziehung ähnelt dem kunstvollen Prozeß
der sich öffnenden Blumenknospe - allmählich und schön.
Die Knospe darf auf gar keinen Fall gewaltsam und abrupt geöffnet
werden, da sie durch diesen Eingriff nicht zur reifen Blüte werden,
sondern zerbricht würde, so daß sie ihrem eigentlichen Zweck
nicht mehr dienen kann. Der Lehrer muß hinter dem Studenten im Verborgenen
bleiben, obwohl er ihn ständig begleitet. Er darf weder als Vorgesetzter
noch als unangenehmer Bestandteil unter den Bausteinen in den Vordergrund
treten, die auf jeder einzelnen Stufe die Gefühle, Bestrebungen und
Bedürfnisse des Studenten bilden. Die Aufgabe des Lehrers ist in der
Tat sehr schwer auszuführen. Jemand, der in der Kunst, durch den Geist
des Studenten hindurch zu denken, nicht geschult ist, kann hier nicht erfolgreich
sein. Die unmittelbare Realität muß immer zuerst angegangen
werden, sei dies nun im sozialen, im erzieherischen oder im philosophischen
Bereich. Die sichtbaren Objekte sind stets die konkretesten Dinge und für
ein Kind die einzige Realität. Hieraus ergibt sich für die Kindergartenstufe
die Notwendigkeit, durch die Darbietung konkreter Beispiele Objekt-Lektionen
zu vermitteln. Wenn diese Beispiele für den Anblick und das Gehör
angenehm sind, trägt dies zum Erfolg des Erziehungsprozesses bei.
Eine Disziplin oder eine Ausbildung muß nicht unbedingt bitter oder
unangenehm sein. Sie kann auch süß, liebevoll und erfreulich
sein. Die Lehrmethode ist demnach eine Frage der Psychologie. Sie verlangt
vom Lehrer nämlich nicht nur, daß er den Zweck der Erziehung
auf ihren verschiedenen Stufen kennt, sondern ebenso das Wissen um die
verschiedenen Methoden, die für das Lehren auf diesen unterschiedlichen
Stufen angewendet werden müssen. Man sollte sich darüber im Klaren
sein, daß keine Erfahrungsstufe als völlig falsch oder verkehrt
angesehen werden kann, da eine jede in sich einen bestimmten Wirklichkeitsgrad
birgt. Jedes Kind ist seiner eigenen Mutter lieb, ganz gleich, wer sie
auch immer sein mag und in welchen Bedingungen sie auch immer leben mag.
Aus dieser
Überlegung würde folgen, daß die Studien, die heutzutage
in den Lehrplänen der Lehrinstitutionen aufgelistet sind, nicht völlig
unbrauchbar sind, da sie zu irgendeiner Stufe der Wirklichkeit in Beziehung
stehen. Ihr Fehler ist jedoch, daß sich diese Stufen gänzlich
auf das Feld der Sinneserfahrung beschränken und nicht einmal ansatzweise
das berühren, was sich jenseits des empirischen Niveaus befindet.
Auch wenn eine geringere Wahrheit ebenfalls einen notwendigen Grundzug
der Wahrheit darstellt, sollte man sie niemals für die gesamte Wahrheit
halten. Die Themenfächer, die in den schulischen Institutionen heute
gelehrt werden, sind innerhalb ihres eigenen begrenzten Rahmens ohne Zweifel
Wahrheiten. Tatsächlich sind alle Erfahrungen, die auf Wahrnehmungen
beruhen, Phasen der Wahrheit, die zum Zeitpunkt der Erfahrung oder der
Wahrnehmung nicht geleugnet werden können. Da sie jedoch nicht die
gesamte Wahrheit darstellen, bringen sie langfristig unvorhergesehene Probleme
mit sich, die den Hintergrund für die Rastlosigkeit und das Unsicherheitsgefühl
darstellen, die sich in die Adern des modern erzogenen Individuums einschleichen.
Der Nachdruck, der auf die Notwendigkeit der niederen Wahrheit gelegt wird,
sollte weder zur Unwissenheit noch zur Vernachlässigung der höheren
Wahrheit führen.
Die Erforschung
der Lage des Menschen im Universum führt uns jedoch an einen Punkt,
an dem uns klar wird, wie die rechte Methodik der Erziehung aussehen könnte.
Und was ist das Leben anderes als ein fortwährender Lernprozeß?
Wollte man sich einer ehrlichen Selbsterforschung im Spiegel der Wahrhaftigkeit
unterziehen, würde man erkennen, daß man zeitlebens ein Lernender
ist! Das von der modernen schulischen Psychologie angewandte gegenwärtige
Lehrsystem ist innerhalb seiner Reichweite recht gut - aber eben nur, so
weit es reicht. Wie wir beobachtet haben, ist es notwendig, die solideren
Manifestationen der Wirklichkeit mit unmittelbarer Priorität zuerst
zu berücksichtigen. Die soziale und körperliche Struktur der
eigenen Umgebung ist offensichtlich die naheliegendste. Die Lebensbedingungen
zwingen zu der Annahme, daß da draußen eine Welt ist mit Bergen,
Flüssen, Sonne, Mond und Sternen, Sommer, Winter und Regenzeit als
periodisch wiederkehrende Jahreszeiten, wie auch Menschen und Tieren, von
denen manche durch Verwandtschaft mit uns verbunden zu sein scheinen und
andere wiederum nicht. Dies sei erwähnt, um einen groben Überblick
über all jene Vorstellungen zu geben, die wir über die astronomische
Welt, die geographischen Merkmale und die sozialen Beziehungen haben, mit
denen wir auf irgendeine Weise in Verbindung zu stehen scheinen, auch wenn
all diese Dinge im aktiven Bewußtsein des einzelnen nicht sehr ausgeprägt
gegenwärtig sein mögen. Da es sich hierbei um die unmittelbar
beobachtbaren Fakten handelt, ergäben deren Merkmale natürlicherweise
die ersten Themenbereiche, die in die eigenen Studien aufgenommen werden
müßten, wenn auch nur in sehr begrenztem Rahmen. Wir könnten
sie als das Grundwissen der Astronomie, Geographie, Soziologie und Staatsbürgerkunde
bezeichnen, wobei sie als notwendige Ergänzung die moralischen Verpflichtungen
gegenüber der Gesellschaft der menschlichen Wesen und der Tierwelt
mit einschließen. Und schon betreten wir das Feld der “Ethik”, ein
von den Studien untrennbarer Teil, da die ethischen Regeln nicht von den
sozialen Verpflichtungen isoliert werden können, in die das eigene
Leben verwickelt ist. So kommt es zur natürlichen Entwicklung dahin,
daß man sich sowohl der eigenen materiellen Bedürfnisse als
auch der Wege bewußt wird, wie man sich diese erfüllen kann,
wobei man stets darauf achten sollte, daß auch die anderen Menschen
derartige Bedürfnisse haben. Hier säen wir die Samen der “Ökonomie”
in ihren tatsächlichen Grundlage. Bis zu diesem Abschnitt des Studienverlaufs
kann man unsere Erziehung als “fundamental” und “elementar” ansehen.
Eine weitreichendere
Betrachtung des Lebens und seiner Verwicklungen führt uns dann zum
Studium dessen, was als die “politische Struktur” des Landes bezeichnet
wird. Man wird sich der ausführenden Organe des Gesetzes bewußt,
die von bestimmten Personen repräsentiert werden, die als Oberhaupt
der unmittelbaren Gemeinschaft des Dorfes, des Bezirkes oder noch größerer
Zuständigkeitsbereiche fungieren. Dieses Wissen und die Bedeutung
dieses Wissens für das eigene persönliche und soziale Leben beinhalten
die elementaren Prinzipien der bürgerlichen und politischen Atmosphäre,
in der man lebt. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob es wirklich
notwendig ist, genau über die Gesetze und Regulierungen informiert
zu sein, die die tägliche Existenz regieren, da diese im Alltagsleben
nicht unmittelbar sichtbar sind. Nichtsdestotrotz kann ihr Einfluß
auf das eigene Leben ebenso gewaltig sein, wie der des täglichen Sonnenaufgangs,
auch wenn sich die Menschen nicht immer dessen bewußt sein mögen,
daß die Sonne täglich auf- und untergeht. Darüber hinaus
erwächst ein Bedürfnis danach, herauszufinden, wie sich Traditionen
über die Jahrhunderte hin entwickelten, die auf historischen Ereignissen
basieren, die in Beziehung zum Leben unserer Vorväter standen, was
dem Studium der Geschichte entspricht. All diese Aspekte der Allgemeinbildung
formen die “Kultur” der Menschen, wobei sich diese über ihre verschiedenen
Manifestationen in Form des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns
offenbart. Hiermit erreichen wir die zweite Stufe der Erziehung, die wie
alles bisher Genannte mag noch als “elementar” betrachtet werden mag, wobei
unter “elementar” nicht “unangemessen”, sondern “fundamental” im Sinne
der wesentlichsten Grundlagen des großartigen Erziehungsgebäudes
zu verstehen ist.
Nun wollen
wir aber die dritte Stufe betreten, in der wir auch das Bedürfnis
nach bestimmten anderen Studienaspekten zu empfinden beginnen, die sich
auf ihre Weise als wesentlich erweisen, auch wenn sie nicht so wesentlich
wie die oben beschriebenen unvermeidbaren Bildungsbereiche sind, die mit
der eigenen körperlichen Existenz organisch verbunden waren. Die Bedürfnisse
der dritten Stufe werden manchmal als “Zerstreuungen” oder “Vergnügungen”
bezeichnet, da sie von den Emotionen der menschlichen Natur angestrebt
werden. Hier finden wir die “Künste”, die dazu beitragen, der eigenen
Persönlichkeit anhand der Vermittlung von Schönheit eine neue
Art der Freude zu bescheren. “Schönheit” ist ein sehr schwer zu erklärendes
Phänomen, das jeder aufgrund seiner eigenen Erfahrungen im körperlichen
und geistigen Leben kennt und fühlt. Schöne Objekte ziehen die
eigene Aufmerksamkeit an und geben einem sogar schon durch ihre bloße
Nähe eine Befriedigung, ganz zu schweigen von ihrem tatsächlichen
Besitz und Genuß. Für gewöhnlich wird Schönheit als
eine Art der Wahrnehmung angesehen, die von bestimmten Anordnungsmustern
innerhalb der Form eines Objekts hervorgerufen wird, das man als schön
bezeichnet. Obwohl dasselbe Objekt nicht allen Personen unter den gleichen
Bedingungen als schön erscheint, was darauf hindeutet, daß “Schönheit”
subjektiv auf wahrgenommene Objekte projiziert wird, gibt es nichtsdestotrotz
eine allgemeine Form der Schönheit, die für jedes menschliche
Wesen akzeptabel und wahrnehmbar ist. Diese allgemeinen Formen der Schönheit
können besonders in die Kategorien Architektur, Bildhauerei, Malerei,
Musik, Tanz, Schauspiel und Literatur unterteilt werden. Eine nähere
Bekanntschaft mit diesen Quellen der Schönheit bedürfte eines
eigenen Studiums dieser Themenbereiche, einem Wissenszweig, der als “Ästhetik”
bekannt ist.
Jedenfalls
würden wir in einem Zustand der Unwissenheit verbleiben, wenn wir
nicht dazu in der Lage wären, tiefer in die ursächlichen Faktoren
vorzudringen, die uns überhaupt erst zur Untersuchung solcher Themenbereiche
wie “Ästhetik” antreiben und uns solche Studien als Bedürfnis
empfinden lassen. Die Liebe zum Schönen, ob nun sichtbar wie in der
Architektur, der Bildhauerei und der Malerei, hörbar wie in der Musik
oder durch den Intellekt erfahrbar wie in der Literatur, ist grundsätzlich
Ausdruck einer Reaktion, die vom menschlichen Geist in bezug auf die Umstände
der äußeren Welt ausgelöst wird, und zwar aufgrund der
eigentümlichen Beziehung, die ihn mit diesen Umständen verbindet.
Der menschliche Geist als das Subjekt und die äußere Welt als
sein Objekt formen einander entsprechende, sich gegenseitig ergänzende
Gegenstücke, so daß man in gewisser Weise sagen kann, daß
die Wahrnehmung von “Schönheit” in der gleichen Weise entsteht, wie
ein runder Stab ein rundes Loch findet, das seiner Größe und
Form genau entspricht. “Schönheit” ist demnach die Erfahrung eines
Gefühls der Vollständigkeit, das im Erfahrenden erweckt wird,
wenn dieser das exakte Gegenstück in der äußeren Welt entdeckt,
sei diese Wahrnehmung nun sinnlich oder intellektuell. Die Wahrnehmung
von “Schönheit” erweist sich somit als psycho-physischer Zustand,
der auf subtile Weise von Faktoren herbeigeführt wird, die der Wechselbeziehung
zwischen menschliche (dem Subjekt) und der äußeren Welt (dem
Objekt) zugrunde liegen. Diese interessante psychologische Wahrheit kann
sogar als die Grundlage von solch anscheinend selbstlosen Aktivitäten
der menschlichen Natur angesehen werden, wie Beschäftigung mit der
menschlichen Kultur, Interesse in den Bereichen der Geschichte, Bedürfnis
nach Recht und Ordnung innerhalb der Gesellschaft und dergleichen. Der
Mensch selbst ist die Grundlage und Ursache all dessen, was er macht, was
er braucht und was er als die notwendigen Werte des Lebens erachtet. Mit
einem Wort: Der Mensch sieht sich außerhalb seiner selbst und studiert
sich selbst, wobei er sich wie in einem Spiegel unter der falschen Vorstellung
betrachtet, etwas gänzlich Externes und mit ihm selbst nicht in Verbindung
Stehendes zu untersuchen. Und dieses Mißverständnis ist die
Ursache für das Versagen des modernen Erziehungssystems im Streben
um die Verwirklichung der letztendlichen Ziele des Lebens.
Schließlich
erkennt der Mensch, daß ein Studium der Prinzipien der “Psychoanalyse”
den Lehrplan eines wahren Erziehungssystems sinnvoll ergänzen würde.
Das Studium der Psychoanalyse ist im wesentlichen ein Studium der “instinktiven
Triebe” der menschlichen Natur, die in einem großen Ausmaß
sogar die Funktion der rationalen Kräfte des Menschen bedingen. Die
westlichen Psychoanalytiker dachten, daß die wesentlichen Triebe
der menschlichen Natur die Instinkte der Nahrungssuche, der Fortpflanzung
und der Machtausübung wären. Werden diese Triebe nun von entgegen
wirkenden Kräften zurückgedrängt oder frustriert, entweder
weil es an geeigneten Mitteln mangelt, um sie zu erfüllen, oder aufgrund
der Wirkung von Gesetzen oder Regulierungen, die von der äußeren
Gesellschaft erstellt worden sind, dann erheben sich im menschlichen Geist
Schutzreaktionen, die als “Abwehrmechanismen” bekannt sind. Mit diesen
Mechanismen versucht er, seine Neigungen entweder direkt zu erfüllen,
indem er sich die dafür notwendigen Mittel verschafft (und sei dies
auch auf rechtswidrige Art, oder indem er den von außen wirkenden
Regulierungen und Gesetzen durch subtile Pläne und Tricks trotzt),
oder indirekt, indem er sich auf ein niedrigeres Niveau der Befriedigung
zurückzieht und sich die nächstbeste, unmittelbar unter der Ebene
des begehrten Objektes gelegene und verfügbare Sache sucht. Wenn allerdings
auch das Nächstbeste nicht erreichbar ist, kann die Psyche noch weitere
Stufen hinabsteigen, bis die Triebe schließlich, falls alle Annäherungs-
und Befriedigungsversuche vergeblich sein sollten, auf sich selbst reagieren,
indem sie die Befriedigung in sich selbst suchen. Dies wird als Wahnsinn
oder psychopathischer Zustand bezeichnet; ein Zustand geistiger Erkrankung,
in dem jemand rein in der Vorstellung Genuß empfindet. Das Studium
der Psychoanalyse ist sehr wichtig, da es meist die Unwissenheit um die
Arbeitsweise der menschlichen Psyche ist, die für die Sorgen, Ängste
und Spannungen verantwortlich ist, von denen die Menschen überall
gequält werden. Es ist diese Unwissenheit, die den Menschen oftmals
aus dem Hinterhalt heraus dazu treibt, seine Gefühle auf andere Personen
und Dinge zu projizieren und sich umgekehrt die Eigenschaften anderer Personen
und Dinge anzueignen, was nicht gerade als gesunder Geisteszustand betrachtet
werden kann. Die Upanishaden erwähnen sogenannte Eshanas oder instinktive
Begierden, nämlich jene nach Wohlstand, Sex und Ruhm, die den Trieben
der Selbsterhaltung des physischen Organismus, der Fortpflanzung und der
Erhaltung des Ego entsprechen. Im Westen haben sich Jung, Freud und Adler
ausschließlich dem Studium dieser primären Triebe der menschlichen
Natur gewidmet. Es ist unbedingt erforderlich, daß sich Studenten
der Psychologie und Sucher auf dem spirituellen Pfad gut mit diesen natürlichen
Trieben
der menschlichen Natur auskennen, nicht nur, um sich vor den Möglichkeiten,
von ihnen besiegt zu werden, zu schützen, sondern auch, um sie für
einen höheren und konstruktiveren Zweck zu kanalisieren, wie dies
etwa bei strömenden Gewässern der Fall ist, die unkontrolliert
ganze Dörfer und Städte überfluten und zerstören können
oder aber für die Bewässerung in der Landwirtschaft oder ähnlich
nützliche Ziele umgeleitet werden können. Die menschlichen Handlungen
sind bei weitem nicht so unpersönlich und selbstlos, wie man sie gerne
erscheinen läßt, da ein sorgfältiges Studium des Menschen
offenbart, daß alles, was er tut, eine äußerliche Manifestation
all jener Bedürfnisse ist, die er aufgrund der Beschaffenheit seines
Geistes und Körpers als komplexer lebender Organismus in sich verspürt.
Auch wenn ein Mensch in dem Glauben lebt, einen “freien Willen” und freie
Wahlmöglichkeiten zu haben, weiß er nicht, warum er überhaupt
auf diese besondere Art und Weise “will”. Dies würde der menschlichen
Freiheit den Boden unter den Füßen wegziehen und der Existenz
einer unbekannten Macht die Pforte öffnen, die selbst den Willen des
Individuums zu steuern in der Lage zu sein scheint.
Die Studien
der Psychoanalyse sind in sich selbst jedoch nicht vollständig, obwohl
sie einen Hinweis darauf geben, wie subtile Persönlichkeitsfaktoren
hinter der Kulisse der Tätigkeiten des Menschen wirken. Der Grund
für diesen Umstand, der den Menschen sowohl zur Aktivität anzutreiben
scheint als auch dazu, die Dinge aus seinem eigenen Blickwinkel zu betrachten
und in der von seinen Instinkten auferlegten Färbung zu beurteilen,
ist nämlich subtiler und verzweigter als das Wirken der Instinkte
selbst. Unglücklicherweise sind die psychologischen Studien des Westens
nicht über die sogenannte “Tiefenpsychologie” hinausgegangen, womit
die von Freud, Adler und Jung verkündeten psychoanalytischen Forschungen
gemeint sind, die von deren Schülern und Bewunderern verbreitet wurden.
Es sind die Upanishaden und die Yoga-Sutras von Patanjali, in denen wir
eine tiefgründige Analyse der logischen Grundlage hinter der Wirkungsweise
der menschlichen Instinkte und Triebe in Personen oder in der äußeren
Welt entdecken können. Hinter der “Psychoanalyse” steht die “Psychologie”,
die ein umfangreicheres Feld abdeckt als jenes, das von der Psychoanalyse
anvisiert wird.
Im 1. Kapitel
der Yoga-Sutras gibt Patanjali eine kurze und bündige Zusammenfassung
der “allgemeinen Psychologie”, indem er erklärt, daß wahres
Wissen, falsches Wissen, Zweifel , Schlaf und Erinnerung, die “nicht schmerzhaften
Psychosen” des Geistes sind, womit er ausdrücken will, daß
diese Prozesse des psychischen Organs im Grunde genommen unnatürlich
sind. “Die Natur der menschlichen Wahrnehmung ist die Ursache der Art und
Weise, auf die die menschlichen Instinkte arbeiten”, und was menschliche
Wahrnehmung ist, wird in dem oben zitierten Aphorismus angedeutet. Der
entscheidende Punkt ist der, daß Zuneigungen, Emotionen, Liebeleien,
Haß und alle Bewertungen des Lebens “relativ” zu den Umständen
des eigenen Bewußtseins von den Objekten sind. Um nur einmal den
ersten Teil der aphoristischen Verkündigung Patanjalis aufzugreifen,
so ist der Prozeß der menschlichen Wahrnehmung samt der daraus resultierenden
Schlußfolgerungen über die Objekte die Konsequenz einer Wechselwirkung
zwischen dem Subjekt und dem Objekt des Wissens. Die Instinkte und Triebe
haben somit, auch wenn sie als die subtilen inneren und ursächlichen
Faktoren hinter den meisten menschlichen Handlungen und Neigungen angesehen
werden können, selbst eine noch tiefere Ursache. Und diese tiefere
Ursache ist die Struktur des Erkenntnisprozesses selbst. Da dieser Erkenntnisprozeß
das Folgeprodukt einer zwischen dem Subjekt und dem Objekt vorliegenden
wechselseitigen Beziehung ist, kann man sagen, daß hinter dem Wirken
der Triebe und der Instinkte der menschlichen Natur die Kraft des gesamten
Universums steht, was vielleicht der Grund dafür ist, warum die Triebe
so unfreiwillig, unkontrollierbar und ungestüm in ihren Funktionen
erscheinen, denn das Objekt der Erkenntnis ist nichts anderes als das Universum
selbst. Die Auswirkungen all dessen, was in Patanjalis Aphorismen nur angedeutet
wird, können in detaillierter Ausführung in den umfangreichen
Forschungen der Vedanta-Philosophie nachgelesen werden. Patanjali faßt
sich sehr kurz und erklärt nicht, was er anzudeuten versucht. Die
Idee ist, daß der gesamte geistige Prozeß in seinen bewußten,
unterbewußten und unbewußten Ebenen eine komplexe Verwicklung
in die Eigenschaften sowohl des Subjekts als auch des Objekts der Erkenntnis
darstellt, so daß sich die Studien einer umfassenden Psychologie
über die bewußten Wirkungsweisen des Geistes hinaus erstrecken.
Zustände des Bewußtseinsverlustes wie etwa der Tiefschlaf sind
in diesen psychologischen Studien ebenfalls enthalten. Und tatsächlich
befinden sich selbst die Psychopathologie und die Parapsychologie nicht
außerhalb des Rahmens einer umfassenden Psychologie.
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