Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
22 Das Gesetz,
das das Leben bestimmt
Die wichtigste
Frage, die uns fast jeden Tag beschäftigt, ist die, wie wir mit unserer
Situation als menschliche Wesen in der Welt fertig werden können.
Die Umstände des Menschen sind sehr eng mit dem verbunden, was wir
tun, und mit dem, was wir noch tun müssen. Und es fällt uns nicht
leicht herauszufinden, was für uns tatsächlich das beste ist.
Wir irren uns in dem, was wir für uns als das beste erachten und leiden
dann konsequenterweise unter unserem Fehler. Der Grund für diese Fehlentscheidungen
liegt darin, daß wir nicht kompetent genug sind, die verschiedenen
Faktoren zu beurteilen, die das Ergebnis einer Handlung bilden. Um es kurz
zu fassen: Der Mensch leidet darunter, daß er die Gesetze des Lebens
nicht kennt. Er muß lernen, wie er in jeder entsprechenden Situation
zu handeln hat.
Die meisten
Menschen leiden auf Grund der falschen Vorstellung, daß sie durch
“Eigendurchsetzung” Erfolg haben könnten. In Wahrheit ist es jedoch
genau umgekehrt. Die falsche Vorstellung, daß Eigendurchsetzung zum
Erfolg führen wird, beruht auf der Unwissenheit der Tatsache, daß
es auf dieser Welt auch noch andere Individuen gibt, die sich gleichermaßen
durchsetzen können, womit sie der Durchsetzung irgendeines anderen
Individuums oder Handlungszentrums entgegenstehen. Niemand hat jemals gesiegt,
indem er “andere” mit seinem Ego konfrontiert hat. Jedem Egoismus wird
von außen mit einem gleich starken Egoismus begegnet. Wenn man ständig
den eigenen Standpunkt vertritt, sei dies im Handeln, in der Beweisführung
oder gar im Empfinden, dann ruft man Opposition hervor. Doch das Gesetz
des Lebens heißt Kooperation. Die Selbstdurchsetzung widerspricht
den Gesetzen der Natur und wird letzten Endes als Verlierer dastehen. Jeder
Egoismus im Denken, Reden oder Handeln löst in anderen Kraftzentren
in der Welt eine ähnliche Handlung aus. In einem solchen Zustand zu
leben wird mit Recht Samsara genannt, wobei es sich hierbei um eine Erfahrung
handelt, in der unaufhörlich miteinander kämpfende Elemente aufeinander
reagieren und dabei Ratlosigkeit und Leiden verursachen. Das Heilmittel
gegen Samsara ist die Kunst der Anerkennung anderer, die im Gefüge
der Schöpfung die gleiche Anerkennung für ihre Existenz und ihre
Gefühle fordern wie wir. Wann immer man etwas sagt oder tut, sollte
man es vom Standpunkt des anderen aus beginnen, der vor einem sitzt, der
zuhört und sich mit dem auseinandersetzt, was man tut. Die Wahrscheinlichkeit,
damit im Leben Erfolg zu haben, wird weitaus größer sein, als
durch irgendein anderes Verhalten, das man für wirksamer erachten
mag.
Wie sollte
man sich beispielsweise verhalten, wenn man von einem Feind angegriffen
wird? Sollte man sich behaupten oder nicht? Auch hier sollte die zu treffende
Entscheidung von der Natur der Konsequenzen abhängen, die dem Schritt,
den man unternimmt, folgen würden. Die Selbstlosigkeit einer Handlung
wird anhand des Ausmaßes beurteilt, in dem diese der Verwirklichung
eines höheren Wertes im Leben dienlich ist. Um herauszufinden, ob
ein Wert höher ist oder nicht, muß er sowohl in seiner Quantität
als auch in seiner Qualität betrachtet werden. Nützt er quantitativ
der größtmöglichen Anzahl an Menschen? Und neigt er qualitativ
in Richtung Verwirklichung der höchsten Wirklichkeit, die man sich
als erreichbar vorstellen kann? Oder anders gesagt: Inwieweit ist er spiritueller
Natur? Die Annehmlichkeiten einer kleinen Gruppe mögen dem Wohl einer
größeren Gruppe geopfert werden. Dies ist jedoch nicht der einzige
Bezugsrahmen für einen wirklichen Test. Er muß auch dem Ausmaß
des in ihn verwickelten spirituellen Wertes gerecht werden. So können
etwa jene Werte, die mit der Existenz eines spirituellen Genies, eines
Weisen oder Heiligen verknüpft sind, nicht für eine große
Anzahl von Menschen geopfert werden, die gegen ihn stimmen. In diesem Fall
kann der quantitative Test nicht angewendet werden. Auch wenn es nur eine
Sonne gibt, so übertrifft doch ihr Licht und ihre Energie den Lichtwert
von tausend Glühwürmchen bei weitem. Der qualitative Test ist
stets ausschlaggebender als der quantitative. Der höchste Atman (das
Selbst) ist mehr als die quantitative Anhäufung des gesamten Universums.
All dies macht
es dem gewöhnlichen Menschen in seinem Alltag nicht gerade leicht,
zu entscheiden, welche Handlung gerade die beste ist. Hierfür bedarf
es einer höheren Verständnisform, Viveka genannt. Wenn der qualitative
und der quantitative Test ergeben, daß ein Angriff gegenüber
dem Feind notwendig ist, muß dieser Schritt als richtig erachtet
werden. Man kann einen anderen jedoch nicht nur deshalb angreifen, weil
man ihn womöglich nicht leiden kann. Dies entspräche der gewöhnlichen
unspirituellen Einstellung, die dem persönlichen Verlangen und dem
Ego entspringt. Man muß den spirituellen Test anwenden, wobei der
quantitative Test eigentlich nur als ein Aspekt des spirituellen Entscheidungsrahmens
zu sehen ist. Der letztendlich entscheidende Faktor ist das Dharma, das
spirituelle Gesetz des Universums.
Jede Handlung
ist eine Bemühung, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der Mensch existiert
nicht nur einfach so, vielmehr neigt er ständig dazu, etwas anderes
zu werden. Der Impuls zur Handlung ist in die Beschaffenheit der eigenen
Individualität eingebettet. Handlung ist demnach ein Ausdruck der
Konstitution des Individuums. Und unser gesamtes Leben ist Handlung. Leben
und Handlung bedeuten heutzutage ein und dasselbe. Das Verlangen danach,
Beziehungen mit äußeren Erscheinungen herzustellen und zu pflegen,
ist die Lebensquelle aller Handlungen. Das begehrende Individuum ist sich
nicht immer über die Natur des begehrten Objekts im klaren. Diese
Verwirrung im menschlichen Geist endet im Vollzug unkluger Handlungen gegenüber
den äußeren Objekten. Handlungen sind in ihren Motiven einseitig,
da der Handelnde im allgemeinen eine eingeengte Sicht hat, die ihm nur
einen gewissen Handlungsspielraum erlaubt. Dieser Kurs wird in Unkenntnis
der Handlungsergebnisse eingeschlagen, die mit der Struktur des Universums
als Ganzem zusammenhängen. So wie ein guter Arzt bei der Verschreibung
eines Medikaments außer seiner heilenden Wirkung auch seine möglichen
Nebenwirkungen berücksichtigen muß, sollte ein Experte im Umgang
mit den Lebenssituationen in seinen Handlungen die verschiedenen Reaktionen
kennen, die über die Errungenschaft des augenblicklich anvisierten
Ziels hinaus noch hervorgerufen werden können. Sobald die Gedanken
auf das in Sichtweite befindliche empirische Ergebnis konzentriert sind,
ist man sich dieser Nebenwirkungen für gewöhnlich nicht mehr
bewußt. Wenn sich das Individuum nach der Befriedigung eines Wunsches
sehnt, hat es nur eine grobe Vorstellung von der Art des Aufwands, der
zur Erfüllung des Wunsches notwendig ist. Es weiß jedoch nicht,
daß die Quelle dieser Handlungen dabei verschiedene andere Lebensaspekte
stören kann und am Ende womöglich eine Reaktion in Form von Leid
und Schmerz heraufbeschwört, da es vorübergehend nämlich
so aussehen mag, als würde die gewählte Initiative zur Befriedigung
des eigenen Verlangens führen. Dies ist auch der Grund dafür,
warum die Welt sowohl mit Freuden als auch mit Leiden erfüllt ist;
mit den vorhersehbaren Wunschbefriedigungen und den unvorhergesehenen Ergebnissen.
Ein Individuum wird aus zwei Gründen in eine bestimmte Umwelt hinein
geboren: (1) entweder auf Grund eines vergangenen Wunsches danach, unter
diesen Umständen zu leben, oder aber (2) auf Grund der unbekannten
Konsequenz von Begierden. Die Leiden der Welt sind die Reaktionsformen
fehlgeleiteter Handlungen, die von ihren Bewohnern früher einmal ausgeführt
wurden. Die Welt ist eine Bezeichnung für den Ort, der die Situation
widerspiegelt, in der die Individuen die Früchte ihrer eigenen Wünsche
und Handlungen erfahren. Sie ist der Schatten, der von den Wünschen
ihrer Inhalte geworfen wird, und entspricht diesen Wünschen somit
in gewisser Weise. Wir sind dazu aufgefordert, Handlungen in Nichterwartung
ihrer Früchte auszuführen, da sich die Früchte nicht in
unserer Hand befinden, sondern von dem allgemeinen Gesetz des Universums
bestimmt werden, das wir als individuelle Handlungsquellen weder richtig
verstehen noch befolgen können.
Die angesammelten
Wirkungen aus den Handlungen, die die Individuen in all ihren vergangenen
Leben ausgeführt haben, sind in ihrer subtilsten und innersten Schicht
in einen konzentrierten Rückstand von Potentialen verpackt, die die
kausale Welt bilden. Die Anhäufung aller vergangenen Handlungen, die
somit in latenter Form je nach individuellem Fassungsvermögen abgespeichert
sind, wird als Sanchita Karma (angehäufte Handlung) bezeichnet. Dieses
potentielle Bündel wird von jedem Jiva in all seinen Inkarnationen
ausgetragen und bis zur Errungenschaft von Moksha Befreiung niemals zerstört.
Der bestimmende Faktor in jeder Inkarnation des Jiva ist die Charakteristik
jenes Anteils des Sanchita Karma, der als spezifische Mitgift abgegeben
wird, um in einer geeigneten Umgebung ausgelebt werden zu können.
Dieser abgesonderte Teil des Sanchita Karma wird Prarabdha Karma (das,
was begonnen hat, Wirkung zu erzeugen) genannt. Nachdem der Jiva durch
die Kraft des Prarabdha in eine Inkarnation hinein geboren wird, führt
er in seinem neuen Leben weitere Handlungen aus, Agami Karma genannt, deren
Ergebnisse dem noch nicht verbrauchten Anteil des Sanchita Karma hinzugefügt
werden. Dies weist darauf hin, daß das Sanchita Karma solange nicht
verbraucht werden kann und die Serie der Wiedergeburten demzufolge solange
nicht beendet werden kann, bis der Jiva damit aufhört, dem alten Sanchita
neues Karma hinzuzufügen. Die Technik, Handlungen auszuführen,
ohne dabei Rückwirkungen auszulösen, wird Karma-Yoga genannt.
Die Lehre des Karma-Yoga, und besonders jene, die in der Bhagavadgita verkündet
wird, ist ein Kommentar zum Prinzip der universellen Aktion und Reaktion,
und somit der Weg zur Erlösung aus deren Fesseln.
Die aus Handlungen
resultierenden Kräfte bestimmen die eigene Zukunft. Patanjali sagt
in seinen Yoga-Sutras, daß die Gesellschaftsschicht, in die man hinein
geboren wird, sowie die Lebensspanne, die einem zur Verfügung steht,
und die Art der Erfahrungen, die man durchschreiten muß, allesamt
vom Restpotential vergangener Handlungen bestimmt werden. Dieses Potential
wird in diesem oder einem späteren Leben aktiv. Ein berühmter
Vers verkündet: “Das Schicksal, die Handlungen, der Wohlstand, die
Erziehung und der Tod eines Menschen sind allesamt bereits im Mutterleib
festgelegt.” Menschliches Bemühen spielt dabei eine relative Rolle
und bildet einen Teil dieses universellen Gesetzes der Selbstvollständigkeit.
Die unpersönliche Wahrheit äußert sich dabei in Form der
menschlichen Bemühungen, wenn sie in die Formen der Persönlichkeit
und der Individualität gegossen wird. Die Lehre des Karma ist somit
kein Glaube an den Fatalismus, wie oftmals fälschlicherweise vermutet
wird, sondern die Verkündigung eines wissenschaftlichen Gesetzes,
das ebenso wie das Prinzip der Schwerkraft überall im Universum unerbittlich
und unparteiisch wirkt.
Oft sieht
es danach aus, als bedürften wir eines permanenten Ansporns von außen,
der unseren dahinwelkenden Geist aufrüttelt und die Flamme mit Öl
nährt. Statt dessen sollten unsere Bemühungen jedoch vom wahren
Geist des Karma-Yoga angetrieben werden. Dies bedeutet, daß wir,
sobald wir einen bestimmten Standpunkt einnehmen, auch alle anderen möglichen
Blickwinkel berücksichtigen sollten und uns nicht nur auf die eine
oder andere Seite beschränken, die dem Auge gerade sichtbar ist. Die
Ursachen für die Unzulänglichkeiten einer Person, einer Familie,
einer Institution oder einer Nation entziehen sich weitgehend unserem Sehvermögen,
da wir die Wahrheit meist nicht ans Tageslicht des Bewußtseins kommen
lassen wollen, obwohl sie vielleicht sehr einfach zu verstehen sein mag.
Auch hierfür kann es verschiedene Gründe geben, wie etwa die
Unfähigkeit zu genauer Untersuchung, blindes Vertrauen, persönliche
Vorurteile oder eine Mischung aus verschiedenen Faktoren, die von der mangelnden
Objektivität des Durchschnittsmenschen nicht aus dem komplexen Netzwerk
extrahiert werden können, aus dem das Leben besteht. In dieser Struktur
der Schöpfung ist es schwer, das eigene Gleichgewicht und den eigenen
Geistesfrieden aufrechtzuerhalten. Ein Teil unserer Sorgen, Leiden, Absichten
und Enttäuschungen kann wohl auf diese offenkundigen Tatsachen zurückgeführt
werden. Das Hauptproblem jedoch, mit dem man in allen Gesellschaftsschichten
gleichermaßen konfrontiert wird, ist die Verwechslung von Prinzipien
mit Persönlichkeiten. Hier begegnen wir einem soziologischen Ableger
der berühmten metaphysischen Lehre des Adhyasa , und unsere Glückseligkeit
hängt von dem Ausmaß ab, in dem es uns gelingt, das Prinzip
aus der Persönlichkeit zu befreien, wobei es egal ist, wo und auf
welchem Lebensweg wir uns auch immer befinden mögen.
Swami Sivanandas
Ansichten zur Eigenbemühung können folgendermaßen zusammengefaßt
werden:
Ein Tier,
das mit einem Seil an einen Pfahl gebunden ist, hat die Freiheit, sich
innerhalb des Kreises zu bewegen, der vom Radius dieses Seiles festgelegt
ist. Über diese Grenze hinaus hat es jedoch keine Freiheit; es kann
sich nur innerhalb dieses festgelegten Raumes bewegen. Die Lage des Menschen
ist diesem Beispiel sehr ähnlich. Sein Verstand und seine Unterscheidungskraft
erlauben ihm innerhalb ihres Spielraums einen bestimmten Grad an Freiheit.
Das logische Denkvermögen entspricht jedoch dem Seil, mit dem das
Tier gebunden ist. Unser Verstand ist nicht unbegrenzt, sondern von der
Natur der Kräfte umschrieben, die den Körper regieren, durch
den er funktioniert. Solange der Mensch im Bewußtsein der Persönlichkeit
und Individualität lebt, ist er für seine eigenen Taten auch
verantwortlich. Da diese Handlungen mit dem Gefühl der Urheberschaft
verbunden sind, bezeichnet man diese als sogenannte “frische Taten” oder
Kriyamana-Karmas. Sollten jedoch Situationen eintreten, in denen der Mensch
seine Verstandeskräfte nicht mehr einsetzen kann, wie etwa, wenn er
nicht im Körperbewußtsein weilt oder sich irgend etwas ohne
seine bewußte Einmischung ereignet, dann ist er nicht dafür
verantwortlich, da es sich in diesem Fall nicht um “frische Taten”, sondern
um die Früchte einer oder mehrerer vergangener Handlungen handelt.
Obwohl jede Erfahrung in einem gewissen Ausmaß mit unbekannten Kräften
zusammenhängt, bildet ihre Verbindung mit dem eigenen Bewußtsein
die Bedeutung einer “frischen Tat”. Bemühung ist nichts anderes als
das Bewußtsein einer Eigeninitiative, wobei es egal ist, wer oder
was einen letztlich zur Ausführung dieser Handlung angetrieben hat.
Es ist nicht die Handlung an sich, die darüber entscheidet, ob sie
ein Kriyamana-Karma ist oder nicht, sondern die Art und Weise, in der sie
ausgeführt wird. Die Handlungen eines Jivanmukta sind kein Kriyamana-Karma,
da sie in keiner Weise mit irgendeinem persönlichen Bewußtsein
verbunden sind. Vielmehr handelt es sich dabei um spontane Funktionen der
verbliebenen Schwungkraft von vergangenen bewußten Bemühungen,
die nun nicht mehr mit dem Bewußtsein einer Urheberschaft gekoppelt
sind. Erfahrungen, die sich einem aufdrängen oder von selbst kommen,
ohne daß sie der Erfahrende willentlich herbeigeführt hat, sind
nicht als wirkliche Handlungen zu betrachten. Eine Erfahrung, die nur vom
Prarabdha verursacht wurde, ruft keine neuen Ergebnisse hervor, sondern
erschöpft sich durch die Erfahrung. Ein Kriyamana-Karma hingegen neigt
dazu, eine erneute Erfahrung in der Zukunft zu erzeugen, da es mit dem
Gefühl der Urheberschaft verbunden ist.
Manchmal können
sich die ursächlichen Faktoren von Handlungen auch auf andere Weise
manifestieren als durch das Bewußtsein des Erfahrenden, nämlich
durch einen äußeren Auslöser oder durch Ereignisse, die
ihre Ursachen jenseits des menschlichen Verständnisses haben. Selbst
wenn man von einer anderen Person dazu getrieben wird, eine bestimmte Handlung
auszuführen, ist dies nur die Auswirkung eines Aspekts der eigenen
Verdienste in bezug zu den Verdiensten des anderen. Im Zustand der spirituellen
Verwirklichung verebben derartige Anregungen von außen. Alle Bemühungen
enden erst mit der Selbsterkenntnis, die ja das Ziel aller Bemühungen
ist, und nicht eher. Solange sich der Mensch jedoch des Körpers und
der Welt bewußt ist, wird er sich auch zwangsläufig weiterhin
darum bemühen, sein angestrebtes Ziel zu erreichen. Das Bewußtsein
der Mühe ist die natürliche Begleiterscheinung des Bewußtseins
der Unvollkommenheit. Der Mensch, wie er ist, kann nicht anders, als sich
so lange weiter zu bemühen, bis er sein Ziel erreicht hat. Die Frage
des freien Willens und der Notwendigkeit ist dabei relativ und verliert
ihre Bedeutung im Morgendämmerung der aufgehenden Weisheit des Selbst.
Das Gesetz
des Karma belästigt uns nicht mehr, wenn es uns gelingt, das Bewußtsein
der Individualität zu überwinden und aus dem Blickwinkel der
Struktur des Universums als einer Gesamtheit heraus zu denken, zu empfinden
und zu handeln. Es kann nur dort zu Auswirkungen von Reaktionen kommen,
wo ein lokalisiertes Zentrum existiert, das die Reaktion empfangen kann.
Da das unpersönliche Bewußtsein kein solches Zentrum ist, können
die Reaktionen des Karma auch kein Ziel finden, in dem sie sich in Form
einer Erfahrung verwirklichen können. Dies ist ein guter Hinweis,
der uns lehrt, daß wir auch in unseren Alltagsaktivitäten unbeeinflußt
von den rückwirkenden Kräften der äußeren Umwelt verbleiben
können, da es dort, wo es keinen selbstzentrierten Gedanken gibt,
auch die Erfahrung von Rückwirkung nicht geben kann. Diese Regel gilt
nicht nur für den Siddha (den Vollkommenen), sondern auch für
den Sadhaka (den Strebenden), da das Gesetz des Karma zugleich das Gesetz
der Natur ist, das niemanden von seinen Begrenzungen befreit und auch niemanden
aus seinen Begünstigungsklauseln ausschließt. Karma ist demnach
nicht nur das Gesetz der individualistischen Handlung, sondern auch das
Gesetz der Wirkungsweise des Universums in seiner ewigen Vollständigkeit. |
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