Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
20 Die Suche
nach dem Geist
Die Suche
nach dem Geist ist eher die Suche nach einer Bedeutung als die Suche nach
einer Substanz oder einem Objekt. Dies ist der wichtigste Punkt der gesamten
spirituellen Suche. Wir begehen oft den Irrtum zu glauben, daß wir
auf unserer Suche nach Gott eine Sache, eine Person, ein Objekt oder eine
Substanz suchen. Obwohl unsere Vorstellungen von Gott oder dem Geist auf
unserer Suche nach ihm eine gewisse Bedeutung haben, sind all diese Vorstellungen
äußerst unzureichend im Vergleich zur Wahrheit und Wirklichkeit,
da wir genaugenommen nach etwas suchen, das tiefer liegt als das, was an
die Oberfläche unseres Bewußtseins gelangt. Um den Unterschied
zwischen dem, was “Bedeutung”, und dem, was “Sache” oder “Substanz” ist,
klarzumachen, kann man folgende konkrete Beispiele anführen: Wenn
wir nach Nahrung verlangen, sieht es allem äußeren Anschein
nach danach aus, als benötigten wir irgendeine Substanz. Wenn wir
sagen: “Ich brauche etwas zu essen”, so denken wir dabei vielleicht an
etwas Reis, Weizen, Gemüse, Butter, Milch und dergleichen - Dinge,
die im allgemeinen als Nahrung verstanden werden. Hinter diesem Verlangen
nach Nahrung steckt jedoch eine Bedeutung, die uns nicht immer klar ist.
In Wahrheit sind es nämlich nicht die Nahrungsmittel, nach denen wir
verlangen, sondern die Bedeutung, die hinter diesen verborgen liegt. Nahrungsmittel
sind in unserem persönlichen Leben von Bedeutung in Hinsicht auf unser
physisches Wohl. Hätten diese Speisen nämlich keinerlei Bedeutung
für unsere körperliche Existenz, so würden wir sie auch
nicht benötigen.
Wann immer
wir ein Objekt betrachten, lesen wir eine Bedeutung in dieses hinein. Es
“bedeutet” uns etwas. Nun ist uns diese Gewohnheit, eine Bedeutung in die
Dinge hinein zu lesen, so vertraut, daß wir auf keine andere Art
mehr denken können. Wir denken nicht zuerst, um dann die Bedeutung
herauszulesen. Das Denken und das Lesen der Bedeutung gehen Hand in Hand.
Oder, um es anders auszudrücken: das Denken und das Empfinden arbeiten
in unserer Wahrnehmung simultan. Sobald wir über ein Objekt nachdenken,
empfinden wir ihm gegenüber auch etwas. Mit anderen Worten heißt
dies, daß wir ein Objekt im Sinne der Bedeutung erkennen, die es
unserem Leben vermittelt. Diese Bedeutung ist es, die unserer Aufmerksamkeit
auf unserer Suche nach Werten im Leben entgeht, denn in Wirklichkeit verlangen
wir zutiefst nach Werten und nicht nach Objekten oder Dingen.
Die Bedeutung
hinter den Nahrungsmitteln ist das Stillen des Hungers. Und genau das ist
es, was wir brauchen - nicht bloß Säcke voll Reis. Es ist nun
einmal so, daß ein Samenkorn namens Reis, wenn es in einer bestimmten
Menge und auf eine bestimmte Art und Weise mit unserem physischen Körper
in Berührung kommt, in der Lage ist, den Zustand einer biologischen
Reaktion zu befriedigen, den wir als Hunger bezeichnen. Und es ist nun
einmal so, daß dieses bestimmte Ding (Reis) diese besondere Wirkung
auf uns hat. Andernfalls bräuchten wir nämlich etwas anderes.
Es ist also
nicht das Objekt, nach dem wir suchen, sondern nur der Wert, der in dem
Objekt verborgen liegt. Dies gilt auch für Geld. Was wir brauchen,
ist nicht der materielle Gegenstand an sich, sondern dessen Fähigkeit,
uns mit Kaufkraft zu versorgen. Und das nennen wir dann Geld. Es geht nicht
um Gold und Silber oder um Banknoten, sondern um die Bedeutung, die sich
dahinter verbirgt. Und ebenso steht es auch mit allen anderen Dingen in
dieser Welt. Hinter unserem Verlangen nach Dingen, hinter unserer Beziehung
zu Dingen und hinter der Art und Weise, wie wir reden, wie wir uns in der
Gesellschaft verhalten, wie wir denken, fühlen und handeln, steckt
immer eine Bedeutung. Alle diese Dinge haben eine verborgene Bedeutsamkeit
und genau die ist es, die wir wirklich suchen. Unglücklicherweise
verwechseln wir diese Bedeutung mit der äußeren Form eines Objekts,
so daß es danach aussieht, als wären wir eher auf der Suche
nach Objekten als nach Werten. Doch dem ist nicht so. Selbst wenn wir in
unserer Alltagssprache die Frage stellen: “Worin besteht der Geist dieser
Lehre?”, machen wir zwischen den Buchstaben und dem Gehalt der Lehre einen
Unterschied. So gibt es den Buchstaben des Gesetzes und den Geist des Gesetzes.
Die Worte, die ich spreche und der Geist, in dem ich spreche, sind verschieden.
Selbst im Alltag benutzen wir den Begriff “Geist”, um damit eher eine Bedeutung,
als eine äußere Form zu bezeichnen, die ein bestimmtes Verhalten
annimmt.
Und wie im
gewöhnlichen Leben, so verhält es sich auch in unseren kosmischen
Beziehungen. Wie bei den oben angeführten Beispielen von Nahrungsmitteln
oder Banknoten, hinter denen eine Bedeutsamkeit steht, befindet sich auch
hinter unserer eigenen Existenz als Individuum ein Geist. Und es ist allein
dieser Geist, den wir benötigen, und nicht die Dinge als solche. Wenn
die Bedeutung fehlt, werden wir uns auch nicht darum bemühen.
Es gibt einen
Geist, den wir inmitten all der Aufmerksamkeit heischenden Einzelheiten
verloren haben. Obwohl wir das Wort “Geist” schon oft gehört haben,
halten wir es noch immer für ein Objekt. Wenn wir dem spirituellen
Pfad folgen, müssen wir lernen, ein wenig unpersönlicher zu denken.
Wir sind zu sehr mit Persönlichkeiten, Dingen und Gegenständen
verbunden gewesen, so daß wir uns daran gewöhnt haben, nur noch
in Begriffen körperlicher Einheiten zu denken. Wir können nicht
unpersönlich denken, und es ist auch ziemlich schwierig. Ob es sich
um meine, diese oder jene Person handelt, stets denken wir in persönlichen
Begriffen. Das Unpersönliche ist hinter allen persönlichen Einschätzungen
der Dinge verborgen, und es ist ausschließlich das Unpersönliche,
das wir suchen, selbst in den Personen. Das “Allgemeine” ist im “Einzelnen”
verborgen; das Unpersönliche befindet sich hinter allen Formen. Das
Ungeteilte ist in allen Individualitäten gegenwärtig. In unseren
Bestrebungen kann man einen allmählichen Aufstieg von den niederen
zu den höheren Einzelheiten verzeichnen, wobei die höheren Einzelheiten
für die niedrigeren vorübergehend das Allgemeine und Universelle
sind.
Auf der Suche
nach dem Geist des Lebens suchen wir nicht nach irgendeinem vorhandenen
Objekt, denn der Geist ist kein Objekt. Um noch einmal auf unser Beispiel
zurückzugreifen: Der Geist des Gesetzes ist nichts, was man mit den
Augen sehen kann, und trotzdem wissen wir, was es bedeutet. Der Geist hat
eine unfaßbare Bedeutsamkeit, die sich nicht unseren Sinnen mitteilt,
sondern einem unserem Sein verwandten Etwas. Der Geist der Dinge kann mit
den Sinnen nicht wahrgenommen werden und wird selbst vom Verstand nicht
richtig beurteilt, da dieser immer in Kooperation mit den Sinnen arbeitet.
In unserer eigenen Individualität gibt es etwas, das man durchaus
als die Bedeutung unserer eigenen Existenz bezeichnen könnte. Was
wir mit “uns” oder “ich” meinen, ist die verborgene Bedeutung hinter dem,
was wir selbst zu sein glauben. Dieser Vergleich kann auch auf unsere Persönlichkeit
angewendet werden. Der Geist meines Seins unterscheidet sich von meiner
körperlichen Existenz.
Wenn ich nach
dem Geist suche, wonach suche ich dann? Was ist Spiritualität? Spiritualität
ist jener Zustand des Bewußtseins, in dem man mehr nach dem Geist
der Dinge verlangt als nach deren Form oder Körper. Man interpretiert
die Dinge nicht mehr in objekt- und personenbezogenen Begriffen, so daß
die Bewertungen des Lebens nicht mehr von Personen und Dingen abhängen.
Man lernt eher vom Standpunkt des Allgemeinen und Universellen aus zu denken,
als vom Standpunkt der Einzelheiten und körperlichen Existenzen. Dies
also wäre Spiritualität, wobei es gleichgültig ist, in welchem
Grad sie sich äußert, sei es auch der niedrigste.
Spirituell
zu sein bedeutet, in zunehmendem Maße von einem allgemeineren Standpunkt
aus zu leben statt von einem speziellen, was bedeutet, daß man damit
beginnt, in der eigenen Existenz auch andere Werte einzuschließen,
wozu man bis dahin nicht in der Lage war. Im gegenwärtigen Stadium
unserer körperlichen Existenz ist unsere Wahrnehmung jedoch auf unsere
körperlichen Bedürfnisse beschränkt. “Mein Hunger”, “mein
Durst”, “meine Müdigkeit”, “meine Schwierigkeiten”, “meine Probleme”
- all dies beschäftigt unsere Aufmerksamkeit in einem solchen Ausmaß,
daß wir die Grenzen unserer körperlichen Bedürfnisse nicht
überschreiten können. Dies ist der niedrigste Aspekt des menschlichen
Lebens, in dem die eigenen Gedanken und Gefühle dermaßen auf
die körperliche Hülle beschränkt sind, daß es darüber
hinaus keinerlei Gedanken und Empfindungen mehr gibt. Sobald man jedoch
dazu fähig wird, die Bedeutung des Lebens anderer Menschen zu erkennen,
und zwar eher in bezug auf deren Geist, als auf ihre Form, und wenn man
gleichzeitig lernt, die eigenen persönlichen Werte mit den im Moment
als außerhalb befindlich erscheinenden Werten zu verbinden, dann
vergrößert sich das eigene Selbst. Was wir das Selbst nennen,
ist nichts anderes als der Geist, der in uns und in allen Dingen und Wesen
wohnt. Wenn wir vom Selbst sprechen oder wenn wir über das Selbst
nachdenken, halten wir es wahrscheinlich für eine Art Substanz. Philosophen
haben die Seele oft als eine Substanz definiert. Sie ist aber keine Substanz;
zumindest nicht im Sinne von irgend etwas, das wir begreifen könnten.
Sie ist kein greifbares Objekt. Sie ist jenseits der Sinne, wie unsere
heiligen Schriften unermüdlich wiederholen. Die Bedeutung unserer
Persönlichkeit und die Bedeutung der gesamten Schöpfung ist übersinnlich.
Daß sie übersinnlich ist, bedeutet, daß man sie nicht
sehen kann, sie nicht mit den Händen fühlen kann, sie auch nicht
riechen kann, hören oder schmecken, und daß man keinerlei verstandesmäßige
Beziehung zu ihr haben kann. Ebenso steht es mit dem Geist der Dinge.
Nun, wer will
den Geist eigentlich begreifen? Was verstehen wir überhaupt unter
einem spirituellen Leben? Sollte der Geist die Bedeutung des Lebens sein
und diese Bedeutung ihrerseits so abstrakt sein, dann kann sie für
die Sinne keinerlei Wert haben und müßte für diese also
bedeutungslos sein. Der Geist des Lebens ist in unseren eigenen Körpern
anwesend. Er ist nicht weit von uns entfernt und folglich ist es uns möglich,
den Geist des Universums in seiner Gesamtheit zu erreichen; allerdings
nicht über die Sinne oder über den Intellekt, sondern über
etwas, das wir sind. Das, was wir sind, ist die Bedeutung, die uns innewohnt.
Wir sind die Träger einer ewigen Bedeutung. Diese in uns verborgene
ewige Bedeutung ist es, was wir sind. Es ist nicht die vorübergehende,
in unserem Alltagsleben erworbene Bedeutung, die wir als unser eigenes
Selbst bezeichnen können. Diese ist nämlich nur eine örtlich
begrenzte Anpassung, aber nicht unsere wahre Bedeutung.
Würde
man uns alle körperlichen und psychologischen Beziehungen entziehen,
als was würden wir verbleiben? Das wäre unsere wahre Bedeutung!
Hätten wir keinen Körper und keinen Verstand, mit dem wir denken
können, in was für einem Zustand würden wir uns dann befinden?
Welcherart wären die Beziehungen, die wir vielleicht mit anderen Existenzen
aufnehmen würden? Vermutlich sind wir außerstande, eine solche
Möglichkeit zu überdenken. Denn wie könnte man ohne Körper
und ohne Verstand existieren? Wie sollte so etwas möglich sein?
Doch genau
dieses Mysterium ist die Bedeutung des Lebens und somit das, was wir als
den “Geist der Dinge” bezeichnen. Wenn man über diesen “Geist der
Dinge” nachdenkt, kann man leicht zu der Schlußfolgerung gelangen,
daß er eher einer abstrakten Vorstellung gleicht, als irgend etwas
Substantiellem. Er scheint eher eine psychologische Interpretation
zu sein, als etwas körperlich Kontaktierbares, da wir ja daran gewöhnt
sind, mit Objekten in Kontakt zu kommen, über deren Existenz hinaus
wir nicht zu blicken gelernt haben. Der Geist ist jedoch keine Abstraktion;
vielmehr sind die sogenannten gegenständlichen Objekte eine Abstraktion
von ihm. Wenn man den Geist berührt, so berührt man keinen leeren
Raum oder ein nicht existierendes Etwas. Da man “ihn” nicht denken kann,
liest man jedoch eine Abstraktion in “ihn” hinein. Die “Existenz” aller
Dinge kann als der “Geist” aller Dinge angesehen werden. Nimm allen Dingen
ihre Existenz, was sind sie dann? Wenn dir dein Verstand sagt, daß
der Geist nur eine Abstraktion ist und daß die Objekte wesentlich
gegenständlicher sind, dann versuche ihm zu antworten: “Verstand,
mein lieber Freund, der Geist ist die ‚Existenz‘ von allem, was du als
gegenständlich erachtest.”
Was bleibt
von diesen gegenständlichen Substanzen minus ihrer Existenz übrig?
Befreie alle Dinge von ihrer Existenz und es bleibt nichts weiter übrig
als Nichtexistenz. Ihre Gegenständlichkeit verschwindet. Die sogenannte
Gegenständlichkeit, Greifbarkeit, Härte, Dinghaftigkeit, Festigkeit
und so weiter ist lediglich eine Art Gefühl, mit der die Sinne auf
den Geist reagieren. Und das bezeichnet man dann als “Greifbarkeit”. In
dieser Welt gibt es jedoch keine greifbaren Objekte. Wir unterliegen einer
Täuschung, denn wir berühren den Geist sogar dann, wenn wir feste
Objekte wie etwa einen soliden Tisch berühren, auch wenn es ganz anders
aussieht. Dieses sogenannte “Ding”, das uns anzieht und uns das Gefühl
vermittelt, ein greifbares Objekt zu berühren, ist der Geist selbst.
Die Dinghaftigkeit und Festigkeit des Objekts entstammt der wechselseitigen
Reaktion zwischen dem Geist im Inneren und dem Geist im Außen, was
in Raum und Zeit fälschlicherweise unterschieden wird.
Die Welt ist
ein von Raum, Zeit und Kausalität aufgeführtes Drama. Gäbe
es diese drei Faktoren nicht, dann gäbe es auch keine Welt. Ohne die
von Raum, Zeit und Kausalität vorgespielte Täuschung gäbe
es weder die Welt noch Objekte, Personen oder Dinge. Es ist dem Verstand
nicht möglich zu begreifen, warum die Welt mit diesen drei Faktoren
gleichgesetzt werden kann, da wir doch unentwegt die Festigkeit der Dinge
wahrnehmen. Außer Raum und Zeit sehen wir in den Objekten eine Festigkeit,
die jedoch vom Geist herrührt, der sich im Raum und in der Zeit maskiert.
Wenn es den Geist nicht gäbe, gäbe es auch keine Festigkeit.
Die Substantialität des Geistes ist fester (falls man eine solche
Bezeichnung überhaupt verwenden kann) als die festeste Substanz. Der
Grund dafür, daß diese Substanz hinter allen Substanzen, diese
Bedeutung hinter allen Bedeutungen, als ein äußeres Objekt erscheint,
obwohl es dies in Wirklichkeit nicht ist, liegt darin, daß Raum,
Zeit und Kausalität ihr übles Spiel treiben.
Der Geist
ist in zwei Teile gespalten; in den Sehenden und das Gesehene. Der Sehende
ist der Geist, und das Gesehene ist ebenfalls der Geist. Der Geist sieht
sich in allen Wahrnehmungen selbst. Aufgrund der Einmischung von Raum und
Zeit sieht es wie die Wahrnehmung eines Objekts aus. Nimm dem Raum-Zeit-Komplex
seine trügerische Bedeutung und du wirst die Wirklichkeit des Universums
vor dir erblicken. Der hartgesottenste Denker wird davor zurückschrecken,
sich entlang dieser Linien zu bewegen, da sich der Verstand nicht von den
Raum-Zeit-Beziehungen befreien kann. Anhänger der Vedanta-Philosophie
und anderer Philosophen haben uns erklärt, daß nur Gott allein
existiert. Es gibt keine Welt! Die Welt ist nichts anderes als das Angesicht
Gottes. Wie ist das möglich? Es kann nur dann möglich sein, wenn
Objekte, die sich vor uns befinden, den Geist Gottes in sich beherbergen,
und zwar selbst jetzt, in all ihrer sinnlich wahrnehmbaren Äußerlichkeit.
Und wäre uns Gott nicht so nah, wäre Er nicht so wirklich, dann
wäre es uns unmöglich, an Ihn zu denken, nach Ihm zu suchen oder
nach Ihm zu streben.
Da Gott unserem
eigenen Sein so nah ist, ist es uns unmöglich, auszuruhen und in Frieden
zu verweilen. Unser Verlangen nach ihm ist unwiderstehlich. Wäre Gott
ein fernes Objekt, dann würden wir uns Zeit damit lassen können,
an Ihn zu denken. Wir würden sagen: “Laßt uns morgen weiter
sehen.” Er ist jedoch eine solch dringende Notwendigkeit, daß wir
sie nicht bis morgen aufschieben können! Gott ist uns näher als
unsere eigene Kehle, und wir können ihn nicht auf morgen verschieben.
Er ist von so unmittelbarer und dringender Notwendigkeit, daß wir
uns zu allererst Ihm widmen müssen und uns erst dann mit anderen Dingen
beschäftigen können.
In unserem
Bedürfnis nach Gott verwechseln wir den Geist aller Dinge jedoch mit
Objektivität und rennen deshalb mehr den Objekten hinterher als dem
dahinterstehenden Geist. Während unser Verlangen aufrichtig sein mag,
ist unsere Gier nach den Dingen töricht. Die Absicht ist gut, doch
die Handlung ist verblendet. Dies ist Samsara, und der spirituelle Sucher
muß unter Aufwendung all seiner Willenskraft seine Viveka-Sakti
anwenden, um zwischen dem Geist und den Formen des Lebens unterscheiden
zu können. Da wir einer sinnlichen Denkweise anhängen, führen
uns die Formen in Versuchung. Unglücklicherweise sind wir in eine
Sinnenwelt hinein geboren, in der wir nur lernen, wie man sich nach außen
wendet, aber nicht, wie man nach innen schauen kann. Die Sinne können
nur das wahrnehmen, was sich außerhalb ihrer selbst in Raum und Zeit
befindet, nicht aber ihren eigenen Ursprung.
Wenn sich
das Denken in seinen eigenen Grund zurückzieht, seine Jagd durch Raum
und Zeit beendet und schließlich in sich selbst Ruhe findet, so wie
das aufgewühlte Wasser, das man in Ruhe abstehen läßt,
dann wird sich auch der Schmutz absetzen, der einen Teil seiner Handlungen
bildet, und es wird in der Lage sein, das zu reflektieren, was sich hinter
ihm befindet. Wir sind anscheinend so sehr mit den Dingen beschäftigt,
daß wir nicht mehr wissen, daß wir Augen besitzen. Was ist
dieses Sehen, mit dem wir so beschäftigt sind? Hätten wir keine
Augen, wie könnten wir dann sehen? Aber gibt es irgend jemanden, der
seine Augen sehen kann, oder jemanden, der daran denkt, daß er Augen
hat? Denken wir jemals daran, daß wir zwei Augen besitzen, außer
vielleicht wenn sie schmerzen? Wir sind so sehr damit beschäftigt,
durch diese Augen zu blicken, daß wir keine Zeit mehr dafür
aufbringen, überhaupt daran zu denken, daß wir Augen haben.
Wir beuten sie vollständig aus. Genauso steht es mit Gott und mit
dem Geist. Es ist der Geist, durch den wir alles tun, was wir tun; es geschieht
ausschließlich durch ihn, daß wir alles sehen, hören und
tun können, mit einer Ausnahme: Er selbst kann nicht gesehen oder
gehört werden.
Es ist schwierig,
ein Beispiel dafür zu geben, was der Geist ist. So wie wir ohne Augen
nichts sehen können, können wir ohne den Geist, der hinter allem
steht, nichts sehen, geschweige denn überhaupt existieren. So wie
wir unseren eigenen Rücken nicht sehen können, können wir
auch die Existenz Gottes nicht sehen. Es gibt keine Augen, die auf den
Rücken blicken können. Die Augen, die nur in eine Richtung blicken
können, sehen nicht, was sich hinter ihnen befindet. Der Geist oder
Gott des Universums ist so nahe, daß man nicht einmal den Bruchteil
einer Sekunde dafür benötigen würde, ihn zu schauen. Doch
das erfordert offene Augen für ihn und man darf nicht an ihm vorbei
oder von ihm weg blicken. Man muß die Augen, die in eine Richtung
blicken, lehren, nicht in eine besondere Richtung des Raumes zu schauen,
sondern das zu sehen, was sich hinter allem befindet, und das ist der Ursprung,
der alles übersteigt. Es gibt ein Licht, das durch die Augen scheint,
doch die Augen beschäftigen sich so sehr mit den Lichtstrahlen, daß
sie die Lichtquelle, die sich hinter diesen Strahlen befindet, nicht erkennen
können. Ähnlich verhält es sich mit einem Spiegel, der die
Objekte vor ihm reflektiert, sobald Sonnenlicht auf ihn fällt. Der
Verstand und die Sinne empfangen das Licht des Selbst, beziehungsweise
den Geist, und mit Hilfe dieses Lichtes erblicken sie die Objekte dieser
Welt. Dabei wissen sie jedoch nicht, daß es dieses Licht gibt. Wenn
man bei Tageslicht auf ein Objekt blickt, weiß man, daß sich
das Objekt vom Tageslicht unterscheidet. Man sieht das Objekt aufgrund
des Lichtes, das auf das Objekt fällt. Man sieht das Objekt aufgrund
des Lichtes und kann dennoch keine Unterscheidung zwischen dem Licht und
dem Objekt vornehmen. Das Licht, das auf das Objekt scheint, wird mit ihm
derartig identifiziert, daß es zu einer Verwechslung zwischen dem
Objekt und dem Licht kommt und niemand spricht je davon, daß der
Lichtaspekt vom Objekt verschieden ist.
Ebenso verhält
es sich mit unserer Wahrnehmung der Dinge. Das Licht des Atman, des einen
Geistes, wirkt auf die Objekte der Welt ein und läßt uns deren
Gegenwart wahrnehmen. Die Verständlichkeit einer Sache rührt
von dem Licht des Selbst her, das durch den Verstand und die Sinne strahlt.
Wir vermischen dieses Licht jedoch mit der Objektivität dessen, was
wir sehen; und ebenso wie wir keine Unterscheidung zwischen dem Sonnenlicht
und dem Objekt vornehmen, auf das das Licht scheint, machen wir auch keinen
Unterschied zwischen der Welt und dem Licht, das uns die Wahrnehmung der
Welt überhaupt erst ermöglicht. Dieses Licht von der Objektivität
zu extrahieren und den Geist von der äußerlichen Wahrnehmung
zu unterscheiden, würde bedeuten, die Essenz zu verstehen.
Wenn man versucht,
die Dinge vom Standpunkt des Geistes aus zu verstehen, wird man erkennen,
daß alle Dinge eine einheitliche Bedeutung annehmen, so wie das Sonnenlicht
allen Objekten gegenüber gleich ist. Das Sonnenlicht macht keinen
Unterschied: “Ich scheine auf einen Tempel” oder “Ich scheine auf eine
Toilette.” Die Sonne scheint auf alles. Und ebenso verhält es sich
mit dem Geist hinter den Dingen. Der Unterschied, den wir machen, beruht
auf unserer Unfähigkeit, zwischen Licht und Schatten zu unterscheiden.
Sobald man jedoch damit beginnt, vom Standpunkt dieser Allgemeinheit hinter
den Objekten aus zu denken, wird man feststellen, daß die Objekte
eine einheitliche Struktur und Bedeutung annehmen; und die eigenen Zu-
und Abneigungen gegenüber bestimmten Dingen werden an Intensität
verlieren. Man beginnt, in den Geist der Dinge einzudringen. Erst hier
versteht man die Bedeutung von Objekten und Leben als Ganzem. In dieser
Erkenntnis der Verwandtschaft des eigenen Geistes mit den äußeren
Objekten erweitert sich das Bewußtsein so sehr, daß der einzige
Beweis dafür in einer inneren Erfahrung von äußerstem Frieden
besteht.
Woran erkennt
man, daß sich das eigene Bewußtsein erweitert hat? Wenn sich
das Bewußtsein erweitert, vergrößert sich auch das Gefühl
der Freiheit, womit zur gleichen Zeit auch die eigene Freude zunimmt. Je
umfangreicher die Aktivität des Geistes ist, desto größer
ist auch das Freiheitsempfinden sowie die Freude, die man erfährt.
Woran erkennt man, daß man auf dem spirituellen Pfad voranschreitet?
Der einzige Test ist die Freiheit, die man in sich empfindet; und zwar
die Freiheit von den Fesseln anderer objektiver Existenzen, sowie eine
im Herzen empfundene einsame Freude. Dies allein kann als Beweis für
den eigenen Fortschritt im spirituellen Leben herangezogen werden. Wenn
man absolut allein ist und keine Dinge da sind, mit denen man sich beschäftigen
kann, wenn keine Personen in der Nähe sind, die einen sehen wollen;
wenn man sich in der Abgeschiedenheit seines eigenen Zimmers befindet und
das empfundene Glücksgefühl dabei am stärksten ist, könnte
dies unter Umständen auf den eigenen Fortschritt auf dem spirituellen
Pfad und auf inneres Wachstum hindeuten. Sollte die eigene Freude dagegen
nur durch Kontakte und durch die Begegnung mit anderen Menschen zunehmen
oder in dem selben Ausmaß wachsen, indem wir herumlaufen, um immer
andere Dinge zu sehen, dann wäre dies kein Hinweis auf das eigene
Wachstum im spirituellen Bereich.
Je intensiver
man allein ist, desto näher ist man seinem Geist. Dieses Alleinsein
verspricht eine größere Befriedigung als alle Kontakte, die
man
in seinem sozialen Leben knüpfen kann. Der Geist kommt mit nichts
in Berührung als mit sich selbst, und seine Freude kann durch Kontakte
nach außen nicht erhöht werden. Vielmehr schränken alle
Kontakte seinen Ausdruck ein. Die Freuden des Geistes werden durch Sinneskontakte
vermindert. Dies ist der Grund dafür, warum wir in dieser Welt unglücklich
sind. Wir denken, daß wir durch Sinneskontakte glücklicher werden;
nein; wir werden nur noch unglücklicher, da wir den Ausdruck des Geistes
durch den Kontakt mit Dingen einschränken. Der Geist ist universell.
Wollen wir ihn an Einzelheiten binden? All unsere Bemühungen, mit
Personen und Dingen in Kontakt zu kommen, sind jedoch nichts anderes als
ein Versuch, das Universelle an das Einzelne zu binden, was uns der Geist
sehr verübelt.
Da die Menschen
den universellen Geist in die kleinen Objekte der Welt abzufüllen
versuchen, sind sie natürlich auch unglücklich. Der Rückzug
in den Geist ist der Rückzug in das alles durchdringende Universelle,
das als Geist des Lebens in allen Objekten der Welt gegenwärtig ist
und Gott genannt wird. Gott ist das höchste Absolute hinter allen
Dingen, und wenn man den Pfad des Geistes beschreiten will, muß man
darauf achten, nicht den Pfad der Sinne zu beschreiten, während es
dem äußeren Anschein nach so aussehen mag, als bewegte man sich
tatsächlich in die Richtung des Geistes. Öffentliche Anerkennung
ist kein Beweis für den eigenen Fortschritt. Selbst wenn einen die
ganze Welt als Retter der Menschheit preist, wäre dies noch lange
kein Beweis für den eigenen Fortschritt, da einen die Menschen womöglich
nicht wirklich verstehen oder als Projektionsfläche für ihre
falschen Vorstellungen benutzen. In jedem Fall würde es sich dabei
jedoch nur um einen weiteren Kontakt handeln, den man als Beweis für
die eigenen Errungenschaften heranzieht.
Kontakte können
körperlicher oder psychologischer Natur sein. Sie alle sollten auf
der Suche nach dem Geist vermieden werden, wobei die psychologischen Kontakte
weitaus gefährlicher sind als die körperlichen. Es ist das Denken,
das die Verheerung anrichtet. Der Geist, der an Sinnesobjekte denkt, ist
heimtückischer als der Körperkontakt. Wenn das Denken zum Stillstand
kommt, verliert der körperliche Kontakt seine Bedeutung. Folglich
sollten alle psychologischen Kontakte zu Objekten zurückgezogen werden.
Wenn man in diesem Rückzug der Sinne und der Gedanken eine Auflösung
aller inneren Spannungen verspürt und durch das Hinabsteigen auf den
Grund des eigenen Seins in der Einsamkeit des eigenen Lebens eine Freiheit
und Glückseligkeit empfindet, von der die Welt nur träumen kann,
dann lebt man wirklich ein spirituelles Leben. Wenn man keine Kontakte
pflegt, von niemandem gesehen wird und dennoch glücklich ist, wäre
dies tatsächlich ein Beweis für die eigene Spiritualität.
Fühlt man sich dagegen wie ein Fisch auf dem Trockenen, nur weil man
keine Gesellschaft hat, dann wäre dies das Gegenteil davon.
Da der Geist
stets allein ist, braucht er niemanden und niemandes Hilfe in dieser Welt.
Er ist so vollkommen und vollständig, daß man seiner Größe
und Erhabenheit auch nicht einen Millimeter hinzufügen kann,
selbst wenn man die Existenz der vor ihm stehenden Objekte vervielfacht.
Das gesamte Universum ist vor ihm nicht mehr als eine Null. In der Arithmetik
stellt man vor eine Reihe von Nullen eine Zahl, um ihnen damit überhaupt
erst eine Bedeutung zu geben; und die dem Universum voranstehende und dadurch
Bedeutung gebende Zahl ist der Geist selbst. Er mag eine Eins sein; doch
ohne diese Eins gäbe es nichts als lauter Nullen!
Das wäre
die Welt ohne den Geist. Und was für die Welt gilt, hat auch Gültigkeit
für die eigene Bedeutung, nachdem man in den Geist eingetreten ist.
Deshalb sollte kein spiritueller Sucher an der falschen Vorstellung verzweifeln,
er würde in seiner einsamen Annäherung an den Geist vielleicht
die Freuden der Welt verlieren. Denn dem ist nicht so! Die Freuden der
Welt sind nämlich die in einer verzerrten Form verteilten Freuden
des Geistes. Es genügt bereits ein wenig von dem Nektar, den der Geist
über die Sinnesobjekte ausgegossen hat, um uns in Versuchung zu führen,
die Objekte der Anziehung zu kosten. Die Objekte sehen nur deshalb so anziehend
aus, da sich der Geist über sie ergossen hat. Ohne seine Anwesenheit
wären sie absolut wertlos - nichts weiter als Leichen. Wenn man allein
vor dem Geist steht, steht man vor dem Absoluten, dem, was in allen Dingen
universell gegenwärtig ist, dem, was die Bedeutung hinter allen Objekten
ist, nach denen man irrtümlich strebt. Man kann sich vorstellen, was
Gott ist, was der Geist ist und wie logisch es eigentlich ist, daß
man glücklich sein sollte, wenn man wirklich allein ist! Dieses Alleinsein
ist nicht das körperliche Alleinsein wie etwa bei einem Aufenthalt
in der Antarktis. Es ist die Einsamkeit des Bewußtseins, wo es sich
in sich selbst versenken kann. Dies wäre die wahre spirituelle Unabhängigkeit
und somit das Ziel, auf das der Sucher all sein Denken ausrichten und all
seine Bemühungen im Yoga lenken sollte.
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