Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
1 Einführung
Das Ideal
der Menschheit ist spirituell. Diese These kann von keinem wirklich wachen
Verstand geleugnet werden. Selbst dort, wo das Ideal offenbar das Gegenteil
des Spirituellen zu sein scheint, ja selbst in den krassesten materialistischen
Annäherungen an das Leben, kann hinter den äußeren Erscheinungen
die spirituelle Bedeutung erkannt werden, wenn man sich die motivierenden
Kräfte hinter den mannigfaltigen Lebenshaltungen und -äußerungen
mit psychoanalytisch geschultem Auge bewußt macht. Selbst im schlimmsten
Menschen schlummert ein spirituelles Element, auch wenn uns die bösartigen
Neigungen, die man in etlichen Kreisen der Menschheit beobachten kann,
manchmal daran zweifeln lassen wollen, daß die treibende Kraft hinter
all den Übeltaten wirklich der als allgegenwärtig zu erachtende
Geist ist. Doch er ist es tatsächlich. Selbst hinter dem unauffälligsten
Ereignis liegt ein verborgener Sinn, auch wenn wir ihn nicht erkennen können.
Er wirkt als Motivkraft, die sich auf rechte oder fehlgelenkte Art und
Weise, über die verschiedensten Pfade innerhalb der Wüste des
Lebens auf das Erwachen in das Bewußtsein dessen ausrichtet, was
man wirklich sucht. Die Fehler der Menschheit sind in Wirklichkeit die
Folgeerscheinungen einer tief verwurzelten Unwissenheit. Und die Unkenntnis
einer Tatsache besagt nicht, daß es diese Tatsache nicht gibt. Das
Fehlen eines eindeutigen Bewußtseins des Zieles des menschlichen
Lebens kann grundsätzlich nicht bedeuten, daß ein solches Ziel
überhaupt nicht existiert.
Die Bewegungen
des Menschen in der Welt von Raum und Zeit, innerhalb der Gesellschaft
und im Ablauf der Geschichte werden durch feine, tief liegende Impulse
hervorgerufen, deren Ziele im allgemeinen körperlicher, materieller,
finanzieller oder sozialer Natur sind, und somit ziemlich das Gegenteil
von dem, was man allgemein hin als geistig oder spirituell erachtet. Dieser
anscheinende Widerspruch widerlegt jedoch nicht den eigentlichen Zweck
dieser Impulse. In Wirklichkeit gibt es lediglich einen einzigen komplizierten
inneren Wachstumsprozeß der menschlichen Natur in ihrem Kampf darum,
sich der eigenen wahren Bedürfnisse bewußt zu werden, und dieser
Prozeß, der sich in verschiedenen Formen der Bemühung äußert,
stellt die Geschichte der Menschheit, angefangen bei der Schöpfung
bis hin zum heutigen Tag, dar. Was wir auch immer über die erstaunlichen
Bemühungen und Bewegungen der Menschheit gehört haben mögen
und was wir auch immer für erstrebenswert oder sonstwie für angenehm
oder unangenehm halten mögen - all dies kann ohne Ausnahme in dem
einen Beweggrund, dem alleinigen und einzigen universellen Impuls, zusammengefaßt
werden.
Dieser universelle
Impuls ist der eigentliche spirituelle Antrieb, und wenn wir wollen, brauchen
wir nicht das Wort “spirituell” zu verwenden, um ihn zu bezeichnen. Dennoch
kann man diesen alles-verzehrenden Impuls in Richtung eines allem gemeinsamen
Zieles durchaus als spirituelles Streben und als grundsätzlichstes
Bedürfnis der individuellen Natur bezeichnen. Dieser Impuls mag auf
bestimmten vorherrschenden Ebenen der Erfahrung zwar nicht in der geeigneten
Ausdruckskraft oder Verhältnismäßigkeit sichtbar sein,
doch kann man ihm seine Bedeutung nicht deshalb absprechen, weil man ihn
an der Oberfläche der Dinge nicht sehen kann. Wie wir alle sehr wohl
wissen, kommt nicht alles, was wir sind, an die Oberfläche unseres
bewußten Lebens. Und dennoch sind wir auch das, was in uns unsichtbar
darauf wartet, früher oder später als treibende Kraft in unseren
Leben an die Oberfläche unserer Persönlichkeit zu kommen, wenn
nicht bereits in diesem, dann in den noch bevorstehenden Leben. Die Drangsale
der menschlichen Natur sind ihrem Umfang nach universell und nicht individuell,
nicht einmal sozial im Sinne unserer geläufigen Gesellschaftsdefinition.
Welche Sehnsüchte die Menschheit auch immer haben mag, sie haben ein
universelles Ausmaß, da sie in jedem Wesen gegenwärtig sind:
in mir, in dir, bis hin zu den anorganischen Ebenen der Offenbarung, wobei
sie verschiedene Formen und Ausdrucksarten annehmen.
Jede individuelle
Struktur kämpft darum, mit anderen solchen Zentren in Kommunikation
zu treten. Und diese Tendenz, mit dem Wesen von anderen zu verschmelzen,
ist der Anfang alles spirituellen Strebens. Was ist Gravitation, wenn nicht
ein spiritueller Drang? Was ist die Kraft, die die Erde um die Sonne kreisen
läßt, wenn nicht eine spirituelle? Wir mögen uns verwundert
fragen, wieso die Gravitationskraft spirituell sein soll, da wir doch wissen,
daß sie ein physikalisches Phänomen ist - doch es ist alles
nur eine Frage der Nomenklatur. Wir können sie physikalisch, psychologisch,
sozial, ethisch, moralisch oder spirituell nennen - ganz wie es uns beliebt.
Die Frage lautet nämlich: Was ist sie ihrem Wesen nach? Warum gibt
es überhaupt eine Anziehung? Die Anziehung moralischer Kraft, die
Anziehung der psychischen Inhalte, der Liebe und Zuneigung? Was ist es,
das eine Sache zur anderen hinzieht? Warum sollten sich zwei Zentren überhaupt
anziehen? Welche Absicht, welches Ziel, welches Motiv und welches Geheimnis
befinden sich hinter diesem Drang? Wenn wir die Quellen der menschlichen
Natur und die Neigungen von allem und jedem in der Welt, selbst auf den
anorganischen Ebenen, nüchtern untersuchen, werden wir feststellen,
daß es da so etwas wie eine Art Sehnsucht danach gibt, mit Dingen
in Kontakt zu treten, die sich außerhalb der eigenen Persönlichkeit
befinden. Dieses “Gefühl” ist manchmal bewußt und manchmal unbewußt
gegenwärtig und drängt danach, die Gefühle und Standpunkte
der anderen abzuwägen und abzuschätzen, so daß man durchaus
von einem Verlangen nach Vermengung der verschiedenen Standpunkte sprechen
kann, wobei dieser Drang, dieses Bestreben oder Empfinden erst aufhört,
wenn der allgemeine universelle Standpunkt erreicht worden ist. Ob dies
jedermann bekannt ist oder nicht, ist eine andere Sache, denn nicht alle
Menschen befinden sich auf derselben Entwicklungsstufe. Demzufolge wäre
es unfair und unsinnig zu erwarten, daß sich ein jeder auf der gleichen
Verständnisebene befinden sollte. Wenn bestimmte Teile der Menschheit
nicht spirituell zu sein scheinen, heißt das noch lange nicht, daß
sie Spiritualität grundsätzlich ablehnen. Sie sind lediglich
noch nicht dazu fähig, die Bedeutung hinter den eigenen Bestrebungen,
Aktivitäten und Motiven in ihrem Leben vollständig zu begreifen.
Ihre Unfähigkeit, den Beweggrund hinter ihren Handlungen und Erwartungen
zu verstehen, ist ein Punkt, der nicht als das Gegenteil des spirituellen
Bedürfnisses angesehen werden muß. Letztlich kann es für
die Menschheit keine zwei Ideale geben. Ganz gleich, ob jemand in China
oder in Peru lebt, die Grundlagen der menschlichen Natur sind dieselben.
Das Ideal der Menschheit, das Ideal aller Wesen, selbst das der unter-
oder übermenschlichen, kann nicht anders als eins sein, so daß
die Ursache aller Unternehmungen des Lebens auf die Rastlosigkeit zurückzuführen
ist, die von der Gegenwart dieses ursprünglichen Bedürfnisses
ausgeht. Der Fabrikarbeiter, der Handwerker, der Beamte und so weiter -
all diese Menschen, die sich für anscheinend unterschiedliche Ziele
im Leben mühen und plagen -, sie alle arbeiten auf ein gemeinsames
Ziel hin, das ihnen im Moment nicht klar ist. Sobald wir auf einer angemessenen
Verständnisebene angelangt sind, werden wir in der Lage sein, die
Gemeinsamkeit zu erkennen, die sich hinter den Haltungen aller menschlichen
Wesen verbirgt, selbst wenn diese Haltungen anscheinend voneinander verschiedenen
Zwecken dienen.
Die menschliche
Natur durchläuft einen Entwicklungsprozeß, und nicht alle Männer
und Frauen sind wirklich voll entwickelte menschliche Wesen. Häufig
sind noch Elemente der Tiernatur in die menschliche Natur verwoben, die
jedoch langsam im aufsteigenden Evolutionsprozeß verschwinden. So
kann man mit Sicherheit behaupten, daß es selbst unter den menschlichen
Wesen noch Tiermenschen gibt, wie man auch selbstsüchtige Menschen,
gewöhnliche Menschen, gute Menschen, heilige Menschen und Gottmenschen
finden kann. Wir können nicht sagen, daß sich alle Menschen
auf derselben Stufe befinden, was es den Individuen auch nicht gestattet,
dem Leben gegenüber die gleiche Haltung einzunehmen oder dieselbe
Art von Bemühungen zu unternehmen. Was ist das Lebensideal einer Katze,
einer Maus oder eines Büffels? Man mag denken, daß sie als Tiere
keine Ziele haben, da sie ja lediglich essen und kauen und ihren Instinkten
folgen. Und dennoch ist der Geist in ihnen gegenwärtig, wenn auch
in einem schlafenden Zustand. Wir alle kennen den Ausspruch, daß
der Geist in der Materie schläft, in den Pflanzen träumt, in
den Tieren denkt und im Menschen versteht. Er ist jedoch selbst in der
menschlichen Natur noch nicht vollständig zu einem umfassenden Selbst-Bewußtsein
erwacht. Über die menschliche Ebene hinaus erstreckt sich noch ein
beträchtlicher Aufstieg, über den wir in Schriften wie den Upanishaden
ausgiebig nachlesen können. Die Bemühungen eines menschlichen
Wesens sind endlos, und niemand kann in Frieden ruhen, solange der universelle
Standpunkt nicht zum festen Bestandteil des eigenen praktischen Lebens
wird, ganz gleich wie reich oder mächtig man in dieser Welt sein mag.
Dieser universelle Standpunkt wird als spirituelle Lebensanschauung bezeichnet.
Nun, der universelle
Standpunkt, von dem hier die Rede ist, muß nicht unbedingt der Standpunkt
Gottes sein, da sich der höchste kosmische Geist im Leben eines Individuums
vielleicht nicht unmittelbar offenbart. Dennoch kann das Ideal als solches
nicht verworfen werden. Das Wesen des spirituellen Lebens oder der Spiritualität
ist die Fähigkeit einer Person, sich das Ideal der universellen Harmonie
und der universellen Existenz vor Augen zu halten, auch wenn dieses noch
nicht vollständig zu einem integralen Teil des eigenen Lebens geworden
sein mag. Wir mögen keine Gottmenschen sein und die Gottes-Erfahrung
mag noch nicht über uns gekommen sein, und doch kann dieses Ideal
nicht verfehlt werden. Die richtige Einschätzung von weltlichen Werten
und der Bedeutung der praktischen Existenz aus dem Blickwinkel der Notwendigkeiten
des höheren spirituellen Ideals heraus kann bereits als ein Schritt
zum spirituellen Leben hin angesehen werden.
Spirituelles
Leben entspricht jener Lebens- und Verhaltensweise, jenem Denken und Verstehen,
das jemanden dazu befähigt, jede Situation des Lebens, egal ob körperlicher,
sozialer, ethischer, politischer oder psychologischer Natur, vom Standpunkt
des Ideals aus zu interpretieren, das es zu erreichen gilt, auch wenn es
noch in weiter Ferne liegen mag. Die Unfähigkeit, die praktischen
Angelegenheiten des Lebens und die gegenwärtige Lage der eigenen Existenz
vom Standpunkt des unmittelbar über uns befindlichen Ideals aus zu
betrachten, würde uns im Zustand unvollständiger und unglücklicher
menschlicher Wesen belassen. Zum Glück ist eine derartige Unfähigkeit
jedoch nur der Tiernatur vorbehalten. Tiere und Menschen, in denen die
Tiernatur überwiegt, können gegenwärtige Situationen nicht
vom Standpunkt des spirituellen Ideals aus deuten, das den gegenwärtigen
Zustand übersteigt. Sobald wir jedoch dazu fähig werden, das
Niedere im Lichte des Höheren zu verstehen und zu erklären, können
wir als wahre Menschen bezeichnet werden, da es genau diese eigentümliche
Fähigkeit ist, die den Menschen über die Tiere erhebt. Daß
jemand auf zwei Beinen läuft, muß nicht unbedingt bedeuten,
daß er auch wirklich menschlich ist. Solange in einer Person nicht
die menschliche Natur und ein typisch menschlicher Charakter manifestiert
sind, ist es bedeutungslos zu behaupten, daß diese Person menschlich
sei. Solche Personen mögen die körperlichen Merkmale der Menschheit
vorweisen und man mag sie aus diesem Grund auch zur Gattung der Menschen
zählen, psychologisch jedoch befinden sie sich noch immer auf einer
niedrigeren Ebene, wofür zum Beispiel Ausbrüche von Ärger,
Eifersucht und Gewalttätigkeit ausreichende Beweise sind. Alle Reibungen,
Spannungen, Schlachten und Kriege in der Menschenwelt werden genau von
diesem Personenkreis verursacht. Das psychologische Erwachen des Individuums
in die sogenannte Menschlichkeit oder in die wahre menschliche Natur ist
der tatsächliche Beginn des spirituellen Strebens.
Zum Abschluß
möchte ich darauf hinweisen, daß es nirgendwo irgend etwas völlig
Unspirituelles geben kann. Es gibt keine durch und durch unspirituellen
Wesen in der Welt, und selbst jene, die offenbar am Gegenteil des spirituellen
Ideals festhalten und diesem womöglich entgegenarbeiten, wirken trotzdem
nur für dieses eine spirituelle Ideal, wenn auch auf fehlgeleitete
Art und Weise. Sie sind wie Blinde, die im grellen Sonnenschein nach Licht
suchen. Grundsätzlich müht sich ein jeder auf das selbe Ziel
hin, das man heutzutage das “spirituelle Ideal” nennt, auch wenn noch nicht
alle in den Zustand einer wahrhaft strebenden Menschheit erwacht sein mögen
und sich ihr Verstand noch nicht so weit erhoben haben mag, daß sie
die Bedeutung der inneren Verwandtschaft und der Verbundenheit von allen
Dingen miteinander innerhalb der Schöpfung begreifen könnten,
einer Tatsache, die heutzutage zu unserem Glück selbst von der Physik
wissenschaftlich zu veranschaulichen versucht wird. Wissenschaftler scheinen
durch die bloße Kraft der Logik und der Beobachtung auf die weiterführenden
philosophischen und spirituellen Ebenen zu stoßen, was in der Tat
als ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft der Menschheit anzusehen
ist. Es ist durchaus möglich, daß im Zuge der Fortentwicklung
irgendwann einmal eine Zeit kommen wird, in der die Menschen in der Lage
sein werden, sowohl die wahre Bedeutung hinter ihren Irrtümern, Anhänglichkeiten
und Abneigungen, als auch die Ursache hinter der Rastlosigkeit und dem
Unglücklichsein zu erkennen, das ihnen im Laufe ihres Lebens früher
oder später die Kräfte raubt, ein Phänomen, das dem Lebensprozeß
innewohnt und dem niemand entkommen kann.
Demzufolge
sollte die Errungenschaft sogenannter Internationalität, vereinter
Menschheit oder globaler Brüderlichkeit, von der überall gesprochen
wird und die über verschiedene Wege angestrebt wird, sei es durch
soziale Wohlfahrtsverbände, durch menschenfreundliche Aktivitäten,
interkulturelle Konferenzen und ähnliches mehr, ohne Zweifel möglich
sein. Ich bin mir sicher, daß Gott nicht tot ist. Und wenn Er lebt,
bleibt es der Menschheit gewiß erspart, in alle Ewigkeit immer nur
den falschen Weg zu beschreiten, auch wenn es im Moment noch so aussehen
mag, als gäbe es für die Menschheit aufgrund des unzulänglichen
Erwachens des Geistigen keine Hoffnung mehr. Dieses hat sich jedoch in
einigen Wesen bereits vollständig manifestiert und versucht, sich
auf vielerlei Wegen als Heilmittel in jedermanns Leben Zugang zu verschaffen.
Was wir gemeinhin spirituelles Erwachen nennen, ist jener innere Drang
beziehungsweise jene Fähigkeit der psychischen Struktur der Individuen,
in ihrem Rahmen die universelle Bedeutung zu erfassen, die zwingenderweise
selbst in den scheinbar unbedeutendsten Motiven und niedersten Handlungen
immer gegenwärtig ist. Erfolg liegt vor uns allen! |
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