Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
19 Der Geist
der spirituellen Praxis
Die Selbstlosigkeit
einer Handlung sollte nach dem Ausmaß beurteilt werden, in dem diese
für die universelle Struktur der Dinge von Bedeutung ist. Sie hat
weder mit meinem Denken, noch mit deinem oder irgend jemandes Denken zu
tun. Das Wesen der Wahrheit hängt nicht vom menschlichen Denken oder
Empfinden ab. Sie besitzt eine eigenständige Existenz und bestimmt
in ihrer außerordentlichen Überlegenheit, in ihrer majestätischen
Universalität und in ihrem Fassungsvermögen selbst die Gedanken
und Gefühle der Menschen - und nicht andersherum. Es ist seltsam,
daß der Mensch die Angewohnheit hat zu glauben, daß Wahrheiten
vom menschlichen Denken bestimmt werden, oder noch schlimmer, vom eigenen
individuellen Denken. Das Menschliche kann nicht einfach zum Göttlichen
werden, nur weil die Menschheitsgeschichte bereits einen zeitlichen Prozeß
von mehreren Jahrtausenden durchschritten hat. Das Göttliche ist eine
qualitative Transformation der allgemeinen Bewußtseinshaltung und
keine quantitative Kalkulation logischer Schlußfolgerungen. Wenn
die Wahrheit von uns Besitz ergreift, denken und beurteilen wir sie nicht
mehr auf die uns eigene Art und Weise, sondern nehmen an ihrem Sein Teil,
was etwas völlig anderes ist als das, was wir als Wahrheit, Recht,
Gerechtigkeit, Güte, Tugend und Rechtschaffenheit definieren.
Es macht kaum
einen Unterschied, ob jemand dem Pfad der Hingabe oder dem Pfad der Erkenntnis
folgt. Spirituelle Sucher, sowohl die wirklichen als auch diejenigen, die
sich nur dafür halten, verschwenden ihre Zeit oft damit, sich über
Angelegenheiten zu streiten, die für die spirituelle Praxis belanglos
sind und den Sucher dabei dennoch in den trügerischen Glauben versetzen,
daß er seine Zeit äußerst gewinnbringend nutze. Dies soll
jedoch nicht heißen, daß es überhaupt irgend jemanden
geben kann, der gar keine Fehler begeht, da ein jeder Schwächen hat,
die sogar so schwerwiegend sein können, daß man sie unmöglich
in nur einem Leben ausmerzen kann. Da die eigenen Schwächen oft in
die eigene Wesensnatur verwoben sind, können sie nur dann erlöschen,
wenn die betreffende Person stirbt. Trotzdem sollte man sich angesichts
der Gegenwart einer solchen Schwäche nicht davon entmutigen lassen,
stets richtig zu handeln. Wollte man nämlich auf den Zeitpunkt warten,
an dem man sich von allen Mängeln befreit hat, um erst dann mit der
spirituellen Praxis zu beginnen, würde dies der Situation gleichkommen,
auf den Stillstand der Wellentätigkeit im Ozean zu warten, um erst
dann ein Bad zu nehmen. Das Leben ist ein fortwährender Kampf, ein
endloses Leiden, eine Abfolge von Ärgernissen, Qualen und Sorgen,
wobei ein Problem dem anderen folgt, noch bevor dieses gelöst ist.
Unter diesen Umständen können wir uns getrost mit der Tatsache
abfinden, daß ein jeder irgendwelche Schwächen hat und wir auch
nicht besser sind als die anderen. Nicht selten fühlen wir uns nämlich
nur schon deshalb erhaben und überlegen, weil wir einen kleinen Schritt
nach oben getan haben und nun andere sehen, die auf einer niedrigeren Stufe
stehen als wir. Die bloße Gegenwart des Kleineren läßt
uns groß erscheinen. Wir geben uns mit einem Bild der Welt zufrieden,
das von unseren Gedanken, die nirgends etwas Gutes sehen wollen, völlig
schwarz gefärbt ist. Dies sind die Fallstricke, in denen sich der
Geist eines spirituellen Suchers verfangen kann, was auch tatsächlich
oft genug geschieht. Sie scheiden im gleichen Zustand aus dieser Welt,
in dem sie geboren wurden, und das trotz aller Bemühungen, die sie
anfänglich auf sich nahmen, als ein Funke von Sattva in ihnen
wirkte, da dieser Funke von den Stürmen des Lebens sehr leicht ausgeblasen
werden kann.
Der Geist
der spirituellen Praxis, mit dem man dem “inneren Pfad” folgt, ist wichtiger
als die äußere Form, mit der sich die meisten Leute normalerweise
beschäftigen. Der eine verbringt den ganzen Tag damit, Rosenkranzperlen
zu zählen, und glaubt, damit seine spirituelle Praxis getan zu haben.
Ein anderer besucht den Tempel, läutet die Glocken, macht einige Übungen
und liest verschiedene Bücher, um die Stunden seines Tages auszufüllen,
was ihn glauben läßt, eifrig mit seiner spirituellen Praxis
beschäftigt zu sein. Nun, all dies ist die äußere Form
der spirituellen Praxis, die auch sehr notwendig und innerhalb ihres Rahmens
durchaus angebracht ist. Sie verliert jedoch ihre eigentliche Bedeutung,
wenn sie des Geistes beraubt ist, in dem sie ursprünglich ausgeübt
werden sollte. Man sollte sich vergegenwärtigen, daß die spirituelle
Praxis keine körperliche Aktivität ist, die man in der Welt äußerlich
ausführt, sondern ein Geisteszustand, ein Zustand des Denkens und
ein Bewußtsein, in dem man lebt. Angenommen, irgend jemand wiederholt
ein Mantra 10000 mal am Tag, wobei sein Herz mit Groll, Frustrationen,
Vorurteilen und Eifersucht erfüllt ist, dann wird ihm diese Rezitation
in keiner Weise helfen. Alle Handlungen sind Symbole einer inneren geistigen
Haltung, und wo diese innere Haltung fehlt, ist die Handlung als solche
bedeutungslos. Die Mehrheit der spirituellen Sucher verliert sich in der
Wildnis irregeleiteter Gedanken und Ideologien. Dies ist genau der Grund
dafür, warum man in seiner spirituellen Praxis sehr häufig keinen
Erfolg verzeichnen kann, obwohl man sich jahrelangen Übungen unterzogen
hat, die vielleicht sogar mit großartigem Enthusiasmus durchgeführt
wurden, jedoch nicht im notwendigen Geist.
Es ist schwer,
jemandem klarzumachen, daß der Geist der spirituellen Praxis von
der Intensität bestimmt wird, mit der man nach der Gotteserfahrung
strebt. Diese Tatsache ist dermaßen schwer zu begreifen, daß
für gewöhnlich selbst ein ständig wiederholter Hinweis auf
diesen Punkt keinerlei Wirkung auf den spirituellen Sucher hat. Wir haben
die Worte “Gott” und “Verwirklichung” schon so oft gehört und sie
im Alltag viel zu leichtfertig benutzt, so daß sie aller Wahrscheinlichkeit
nach ihre Bedeutung verloren haben. Gold wird jedoch nicht allein dadurch
billiger, daß man seinen Namen tausendmal täglich ausruft. Sein
Wert liegt in ihm selbst. Unsere spirituelle Routine wird sich letztendlich
als nutzlos erweisen und keinerlei substantielle Bedeutung haben, wenn
wir sie nicht mit dem Ideal der Gotteserfahrung aufladen. Maya arbeitet
auf verschiedene Arten. So verhindert sie bei dem einen, daß er auch
nur einen einzigen richtigen Schritt unternimmt. Schon zu Beginn der beabsichtigten
Bemühung wirft sie einem gewaltige Hindernisse in den Weg. Dies geschieht,
wenn es Widerstand seitens der Verwandtschaft gibt oder die eigene körperliche
Verfassung schlecht ist oder es an den lebensnotwendigsten Grundbedürfnisse
mangelt. Aber Maya kann dem Sucher auch dadurch entgegentreten, daß
sie ihn falsche Schritte unternehmen läßt und ihn dabei in der
Illusion festhält, er bewege sich in die richtige Richtung. Dies ist
noch weitaus schlimmer als die erstgenannten Probleme, da man in diesem
Fall nicht einmal erkennen kann, daß man getäuscht worden ist.
Die meisten Leute können es nicht verhindern, in diese Grube zu fallen,
die Maya für jeden gegraben hat. Die schlimmste Form der Täuschung
nimmt Maya jedoch dann an, wenn die Menschen in ihrer Annäherung an
das Absolute ein ethisches Dogma oder eine traditionelle Routine der sozialisierten
Religion für die spirituelle Bedeutung schlechthin halten.
An dieser
Stelle muß noch einmal darauf aufmerksam gemacht werden, daß
es dem Menschen unmöglich ist, das Ideal der Gotteserfahrung, das
den geistigen Hintergrund der spirituellen Praxis bildet, Zeit seines Lebens
gleichmäßig aufrechtzuerhalten. Selbst von großen Heiligen
wird berichtet, daß sie trotz ihrer Bemühungen, diesen Geist
ununterbrochen aufrechtzuerhalten, irgendwann einmal ihre Geduld und ihr
Gleichgewicht verloren haben. Es gibt niemanden, der den Klauen des Irrtums
völlig entkommen ist, die einem jeden in Form von Gier, Ärger,
Lust, Eifersucht, Verwirrung, Melancholie, Lethargie oder subtiler Sehnsucht
nach Ruhm und Macht wie eine Schlange auflauert. Der schlimmste Irrtum
zeigt sich jedoch in dem Gefühl, das ersehnte Ziel bereits erreicht
zu haben und zu glauben, die einzige Aufgabe bestehe nun darin, die eigene
Erfahrung mit anderen zu teilen. Viele Sucher, die sich anfangs aufrichtig
dem spirituellen Pfad widmeten, haben sich später in den Schlingen
des Wunsches nach übernatürlichen Kräften verfangen, die
man durch Mantras und Rituale erlangen kann, oder in dem heftigen Verlangen
danach, sich in Grammatik, Literatur, Astrologie oder Handlesen zu vertiefen.
Dabei ist es nicht einmal so, daß an diesen Strebenden irgend etwas
grundsätzlich verkehrt gewesen wäre, denn ihr Kummer liegt nur
darin, daß sie keinen geeigneten Lehrer gefunden haben, der sie in
den Verwirrungszuständen hätte führen können, die sie
in den Zeiten der Hoffnungslosigkeit befallen haben.
Kommen wir
nun jedoch noch einmal auf das Ideal der Gotteserfahrung zurück, jenes
mysteriöse Etwas, das für den Verstand so schwer zu begreifen
ist, da es ihm keinen Anreiz bietet. Normalerweise wird niemand von der
wahren Bedeutung des Begriffs “Gotteserfahrung” angezogen. Für viele
ist “Gotteserfahrung” nur eine verschwommene Phrase, die keinen nennenswerten
praktischen Sinn vermittelt, und für andere wiederum ist sie eine
Wahrheit mit zweifelhaftem Wert, da ihnen nicht klar ist, was sie ihnen
wirklich bescheren wird. Unglücklicherweise glauben viele Sucher,
daß ihnen die Gotteserfahrung nichts von all den Dingen verschaffen
wird, die man sich in der Welt normalerweise wünscht, da man als Voraussetzung
für diese Erfahrung dazu aufgefordert wird, alle Wünsche aufzugeben
und nichts außer Gott zu wollen. Wie jedoch sollte man nur noch nach
Gott verlangen können und nichts mehr von dem begehren, was in der
Welt glanzvoll, schön, herrlich und erfreulich ist? Was bringt es
einem ein, Gott zu erreichen, wenn man dabei alles andere verliert, an
dem man sich erfreuen möchte? Obwohl man vielleicht theoretisch zu
dem Schluß kommen mag, daß Gott das einzig erstrebenswerte
Ziel sein muß, kann sich das Herz, das daran gewöhnt ist, die
Freuden dieser Schöpfung zu sehen und von ihnen zu hören, nicht
mit der trockenen Logik anfreunden, die in all den leckeren Dingen nichts
Gutes sieht, die das Universum samt seiner Himmelreiche anzubieten bereit
ist. Dies sind die Tatsachen, denen ein jeder auf seinem Weg zur Gotteserfahrung
gegenüberstehen muß, und es ist nicht leicht, diesen Versuchungen
zu widerstehen, solange sich das Herz nicht mit dem Verstand vereint. In
den meisten Fällen sind der Kopf und das Herz wie ein streitendes
Pärchen, das die Familie zur Hölle werden läßt. Solange
die beiden nicht gemeinsame Ziele haben und zusammenarbeiten, um ein höheres
Ideal zu verfolgen, kann es keinen Frieden geben.
Sowohl die
Sucher auf dem Pfad der Hingabe als auch jene auf dem Pfad der Erkenntnis
sollten sich an einen sehr wichtigen Punkt erinnern, der darüber entscheidet,
ob ihre spirituelle Praxis Erfolg haben wird oder nicht. Für den Bhakta
oder Gottesverehrer ist Gott alles, und er sieht die Welt als Offenbarung
Gottes. Dies bedeutet jedoch nicht, daß sich der Ergebene von Anfang
an im Zustand des Para-Bhakti befindet, in dem er die ganze Welt als Gott
schaut, der in den verschiedenen Formen erstrahlt. Selbst in den anfänglichen
Stufen des Bhakti, in denen eine derartige Gottesschau noch in weiter Ferne
liegt und man sich im Tempel oder zu Hause mit der Verehrung eines Abbildes
beschäftigt oder sich in die Rezitation eines heiligen Mantras oder
in das Studium der heiligen Schriften vertieft, ist die ausschließliche
Hingabe an die eigene spirituelle Praxis - ganz gleich, in welcher Form
die Verehrung stattfindet, sei es auch auf sehr einfache Weise - die wichtigste
Voraussetzung für wahren Fortschritt, wobei man sich nur mit seinen
Übungen beschäftigt und nicht mit den Angelegenheiten der Außenwelt.
Diese Ausschließlichkeit der Hingabe beschützt den Strebenden
davor, in die Geisteszustände von Lust, Ärger, Gier, Eifersucht,
Ehrgeiz und dergleichen zu verfallen, da ihm in diesem Fall überhaupt
keine Zeit mehr dafür bleibt, an solche Dinge zu denken. Dies trifft
selbst dann zu, wenn sich die spirituelle Praxis noch in den Anfangsstadien
befindet. Welches Glück wird dann wohl erst demjenigen zuteil, der
in seiner zerschmelzenden Hingabe Gott überall schaut, gleichermaßen
im Hohen wie im Niedrigen?
Für den
Studenten auf dem Pfad der Erkenntnis existieren Objekte als solche nicht,
da für ihn alle Objekte und Dinge in den Status des universellen Sehenden
oder in eine totale Subjektheit transformiert sind, in der die “Weltheit”
der Welt verschwindet, so daß ihm kein Spielraum mehr dafür
bleibt, von den Leidenschaften und ehrgeizigen Absichten gefangen zu werden,
die das Phänomen namens Welt durchfluten. Es gibt nur einen “Sehenden”,
der überall ist, und folglich nichts, was gesehen werden kann, da
alles “Gesehene” ebenfalls eine Erscheinung des “Sehenden” selbst ist.
Dies ist mit Traumobjekten vergleichbar, die nichts anderes sind als gedachte
Inhalte des menschlichen Geistes und im Wachzustand in einer einzigen Ganzheit
versammelt und vereint sind. Wo bleibt in solch einem Fall noch eine Möglichkeit
für Vorurteile, Ärger, Sehnsucht und egoistische Ausdrucksweisen?
Dies ist der
Geist der spirituellen Praxis, der die tägliche Routine des Suchers
beleben muß und ihr erst eine Bedeutung gibt. Und dies ist es auch,
was über Erfolg oder Mißerfolg der eigenen Übungen entscheidet
- in welchem Ausmaß und in welchem Verhältnis das Gott-Element
in der spirituellen Praxis gegenüber anderen Zielen und Absichten
überwiegt. |
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