Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
17 Die Ziele
der menschlichen Existenz 3
Das Geheimnis
des Erfolges liegt im Konzept des Universellen, und dies ist der entscheidende
Punkt, auf den sich das menschliche Denken ausrichten muß. Da die
Wirklichkeit ein nicht veräußerlichter Organismus ohne äußere
Objekte ist und Erfolg offensichtlich das Ergebnis einer Harmonie mit dem
Wesen der Wirklichkeit ist, folgt daraus, daß man, um in irgendeiner
Richtung des Lebens erfolgreich sein zu können, notwendigerweise auch
das Bemühen um Erfolg in ständiger Übereinstimmung mit den
Erfordernissen einer nicht veräußerlichten Struktur des Denkens
halten sollte.
Wann immer
man zu denken beginnt, beschäftigen sich die Gedanken stets mit einem
körperlichen oder begrifflichen Objekt. Aber immer wird übersehen,
daß das Denkobjekt ein Teil der organischen Struktur des Universums
ist, von dem der Denkende unglücklicherweise selbst einen Teil
darstellt. In der Tat ein großes Wunder! Wie kann das Denken unter
solchen Umständen überhaupt funktionieren? Das ist sowohl das
Problem als auch das Geheimnis zum Erfolg. Denn Erfolg ist letztlich der
Name für die Offenbarung der Natur der Wirklichkeit in der eigenen
Erfahrung - welchen Grad, welches Ausmaß und welche Intensität
diese Offenbarung auch immer zeitigen mag. Sie kann sich in der Form einer
inneren Erleuchtung oder einer äußeren Errungenschaft ausdrücken,
sanft oder nachdrücklich, teilweise oder gänzlich.
Doch wie wird
dieser Erfolg nun tatsächlich erzielt? Die Antwort lautet: indem man
sein Denken mit dem Universum in Einklang bringt. Und was bedeutet das?
Es bedeutet ganz einfach eine Verschmelzung des Denkobjekts in seiner körperlichen
Struktur und vollständigen Zusammensetzung mit dem gesamten Sein des
Subjekts, so daß man entweder sagen kann, “das Objekt denkt das Objekt”,
oder aber “das Subjekt denkt das Subjekt”, doch keinesfalls “das Subjekt
denkt das Objekt”. Die ersten beiden Methoden führen zum Erfolg, die
letztere aber ist zum Scheitern verurteilt. Der Grund dafür ist einfach.
Wenn man sagt, “das Objekt denkt das Objekt”, so bedeutet dies dasselbe
wie “das Subjekt denkt das Subjekt”, da das Objekt von seinem eigenen Standpunkt
aus gesehen immer auch ein Subjekt ist. In dem Moment jedoch, wo das Objekt
vom Subjekt isoliert ist und zum außerhalb befindlichen Denkinhalt
des Subjekts wird, entflieht es dem Zugriff des Subjekts, da das Objekt
dann aus der organischen Natur des Universums entrissen wird, die ja ebenfalls
die Natur der Wirklichkeit darstellt.
Das gesamte
Leben ist eine Bemühung des innewohnenden Geistes, sich mit dem äußeren
Universum zu vereinen, und zwar deshalb, weil der innewohnende Geist seiner
Natur nach universell ist und somit auch nicht einen Moment lang friedvoll
in der Begrenzung eines persönlichen Körpers ruhen kann. Dies
ist auch der Grund dafür, warum sich alles überall in einem Zustand
der Rastlosigkeit befindet und das ganze Leben ein intensives Ringen um
etwas ist, dessen man sich nicht einmal immer bewußt sein mag. Dies
ist die Wahrheit, die den Verstand eines Laien überfordert, so daß
es eines speziellen Verstandestrainings bedarf, um zu einer erwähnenswerten
Erkenntnis dieser Tatsache zu gelangen.
Leider kann
der innewohnende Geist mit dem äußeren Universum nicht eins
werden, auch wenn dies seine Absicht zu sein scheint. Jeder Versuch, eine
solche Vereinigung herbeizuführen, muß zwangsläufig scheitern,
da der Geist kein “außen” hat, und es auch sinnlos wäre, nach
einer Vereinigung mit irgend etwas zu suchen, das wirklich “außen”
ist, auch wenn dieses außen existierende Etwas das gesamte Universum
sein sollte. Diejenigen, die mit der Kunst des Yoga vertraut sind, können
den Haken am Versuch des innewohnenden Geistes leicht erkennen, sich mit
irgend etwas außen Befindlichem zu vereinigen - durch Annäherung,
Inbesitznahme oder Genuß desselben -, da all dies aus den bereits
erwähnten Gründen eine letztendlich bedeutungslose und unerfüllbare
Hoffnung des innewohnenden Geistes bleiben muß. Dies erkennend, bemühen
sich Adepten des Yoga intensiv darum, den innewohnenden Geist in einer
Universalität zu verankern, die weder “außen” noch ausschließlich
“innen” liegt, sondern die in wesenhaftem Sinne ist. Dies bedeutet, daß
der Geist damit aufhört, nur im Inneren zu verweilen. Vielmehr wird
er selbst zum Universellen, das er fälschlicherweise als ein außen
befindliches Etwas gesucht hat und mit dem er sich mittels der Handlungsinstrumente
- dem Körper, den Sinnen und dem Ego - zu vereinigen versuchte. Dieser
Yoga ist nach menschlichem Ermessen praktisch unmöglich, doch leider
gibt es dafür keine Alternative. Die Lage läßt sich mit
dem Ausspruch eines Dichters beschreiben, der in einem anderen Kontext
sagte: “Frage nicht, warum! Du bist nur hier, um zu handeln und zu sterben.”
An dieser
Stelle muß noch hinzugefügt werden, daß es dem Menschen
offensichtlich nicht bestimmt ist, diese Art des Yoga zu praktizieren,
da die Schwächen des Körpers und des Ego selbst schon den ersten
Schritt verhindern, den man in diese edle und erhabene Richtung zu gehen
versuchen mag. Doch was bleibt dem innewohnenden Geist dann übrig?
Er kann den Pfad des wahren Yoga, wie er oben beschrieben wurde, aus oben
genannten Gründen nicht beschreiten, doch ebenso wenig kann er ohne
Kontakt mit dem Universellen in einem begrenzten Körper Frieden finden.
So sucht er in seinem Bemühen, sich mit dem äußeren Universum
zu vereinigen, nach Alternativen in Form von gangbaren Kompromissen. Er
sucht einen sogenannten “goldenen” Mittelweg, durch die er die unmögliche
Vereinigung mit den äußeren Dingen zu erreichen versucht, und
zwar durch das, was man als “soziale Organisation” bezeichnet. Diese Errungenschaft
liegt irgendwo in der Mitte zwischen wahrer Spiritualität und äußerster
Isolierung in einer körperlichen Individualität, in der niemand
auf Dauer in Frieden verweilen kann.
Die kleinste
Einheit einer sozialen Organisation ist die Familie und die Gruppe der
nahen Blutsverwandten. Der individuelle Geist empfindet durch die künstliche
Ausdehnung seiner selbst, die er durch seine äußere Verbindung
mit den Mitgliedern der Familie erschafft, eine relative Zufriedenheit.
Dies ist eine angenehme, wenn auch unbefriedigende Lösung für
Probleme, die bereits tief in der Natur des Geistes verwurzelt liegen.
Da jedermann sehr wohl weiß, daß die Familie nicht überleben
kann, wenn die Gemeinde sie bedroht, wird man zum Mitglied der Gemeinde,
die größer als die Familie ist. Die Nation jedoch könnte
die Gemeinde, und die internationale Atmosphäre sogar die Nation bedrohen,
so daß dem Individuum nichts weiter übrig bleibt, als auch an
nationalen oder sogar internationalen Vereinigungen teilzunehmen, wie man
sie etwa in Form der UNO bereitstellt. Es läßt sich jedoch unschwer
erkennen, daß diese Versuche letztlich erfolglos sein werden, da
sich die Mitglieder einer sozialen Gruppe, wie groß diese auch immer
sein mag, nicht miteinander vereinigen können, da Körper lediglich
das Medium des Ego sind und der innewohnende Charakter des Ego die Abstoßung
anderer Egos bewirkt, auch wenn es vorübergehend so aussehen mag,
als herrsche zwischen den Egos eine Art von Übereinstimmung. Diese
Übereinstimmung kommt jedoch nur dadurch zustande, daß die Individuen
einen Teil ihrer eigenen Natur zurückhalten, wobei diese Zurückhaltung
hauptsächlich auf dem Gefühl beruht, daß die eigenen Wünsche
ohne ein gewisses Maß an Ergebenheit und Fügsamkeit in die Wünsche
anderer Egos nicht so leicht erfüllt werden können. All dies
ist in der Tat ein übles Spiel, das die egoistische Individualität
aus Gründen der Selbstbehauptung aufführt. Und obwohl dieses
Drama für den Zuschauer interessant erscheint, verbirgt sich in ihm
viel Unheil, das sich früher oder später in Form von menschlicher
Selbstsucht seinen Weg an die Oberfläche bahnen wird, sobald die Umstände
dafür günstig sind. Aber so ist das Leben.
Die soziale
Organisation weist auch noch einen anderen eigentümlichen Grundzug
auf, der sich selbst als Notwendigkeit für soziale Wohlfahrt, sozialen
Fortschritt und sogar persönlichen Vorteil darstellt. Denn man sollte
nicht übersehen, daß eine Organisation nur dann irgendeinen
Sinn haben kann, wenn sie auch die Charakteristika einer Organisation aufweist.
Viele zusammensitzende Menschen bilden noch keinen sozialen Körper.
Ein sozialer Körper ist jene Versammlung von Individuen, wo zumindest
ein gewisses Maß an “Universalität” repräsentiert wird,
die die Natur des Geistes und somit des unteilbaren Seins ist. Die Fähigkeit,
den Charakter dieser Universalität zu reflektieren, durch Symmetrie
in der Struktur und perfekte Koordination im Handeln, ist genau diejenige
Fähigkeit, sich im anderen zu finden, und nur dann kann man für
andere arbeiten. Sich selbst im anderen zu finden bedeutet nicht, an die
“Andersartigkeit” in anderen gebunden zu werden oder anderen den eigenen
Willen aufzuzwingen, sondern erfordert einen freiwillig kooperativen Geist,
der sich stufenweise und harmonisch auf den verschiedenen Ebenen der Organisation
manifestiert, da eine Organisation nicht nur eine horizontale Ausdehnung
aufweist, sondern auch eine vertikal ansteigende Natur, die die Stufen
der letztendlichen Wirklichkeit reflektiert. Wird das Wesen des Geistes
auf diese Weise nicht angemessen in einer äußeren sozialen Organisation
reflektiert, dann kommt der innere Geist mit ihr in Konflikt und umgekehrt.
Dies ist es, was man gemeinhin soziale und persönliche Spannung nennt.
Wenden wir
uns nun jedoch der Bedeutung der Organisation zu, oder dem, was sie bedeuten
sollte, um mit dem universellen Geist in Einklang zu stehen. In der Organisation
sollte es weder Bestandteile noch Grundzüge geben, die das Ziel des
Geistes zu vereiteln suchen oder ihm entgegenwirken. Darüber hinaus
sollte es in ihr keine Faktoren geben, die die Wirklichkeit von “Äußerem”
bestätigen, da all dies mit der Natur des Geistes unvereinbar wäre.
Als Beispiel hierfür könnte man all jene Umstände nennen,
die den Instinkten nach Reichtum, Sex und Ruhm allzu freie Zügel lassen,
da dies die Hauptursachen der Persönlichkeitsdurchsetzung und der
Auflösung von Organisationen sind, und dabei zusätzlich in Opposition
zur spirituellen Universalität stehen, die ja das große Lebensziel
ist.
Alles zu jeder
Zeit und auf jede Weise zu erlauben würde den suchenden Geist dazu
zwingen, in einer Atmosphäre der Unsicherheit und der Ungewißheit
zu leben, in der er nicht in Frieden verweilen kann. Der Geist ist nämlich
vollkommene Sicherheit und Zuverlässigkeit, und so wäre die Absicht
des sozialen Körpers unter diesen Umständen ihres eigentlichen
Zweckes beraubt. Der Zweck würde vom Egoismus der Persönlichkeiten
vereitelt werden, aus denen sich der soziale Körper zusammensetzt.
Derart unerwünschte Charaktereigenschaften in den Mitgliedern eines
sozialen Körpers müssen nicht unbedingt sichtbar und offensichtlich
sein, sondern können zu einer unsichtbar ärgerlichen und irritierenden
Atmosphäre für den Geist werden, dessen Sehnsüchte und Bedürfnisse
offensichtlich etwas völlig anderes sind als die Bildung eines
sozialen Körpers oder das Wirken durch solch einen Körper.
Darüber
hinaus sollten die Gründer sozialer Organisation die Weisheit besitzen,
darüber zu wachen, daß die oben genannten unerwünschten
Grundzüge nicht bereits in die frühen Anfangsstadien der Strukturbildung
einsickern können, da selbst kleine, am Anfang begangene Fehler nach
einiger Zeit riesige Ausmaße annehmen und zu furchtbaren Konflikten
führen können. Achtet man nicht mit entsprechender Sorgfalt auf
diese Aspekte des sozialen Lebens, das ja schließlich nur als provisorische
Notwendigkeit akzeptiert wurde, dann hieße dies, ein Leben im Narrenparadies
zu führen und dem Zorn der Natur und damit dem Zorn Gottes freien
Lauf zu lassen, wenn gutes Zureden und Zwang als vorbeugende Maßnahmen
versagen. Wir sollten uns auch daran erinnern, daß die Natur keine
Moral im Sinne irgendwelcher menschlicher Empfindungen kennt. Dies ist
eine Tatsache, die im Alltag leicht festgestellt werden kann, wenn etwa
ein Gerichtshof die Todesstrafe über eine Person verhängt, die
man aufgrund sozialer Gefühle durchaus als netten Menschen oder gar
als Genie in einem bestimmten Lebensbereich ansehen mag, und dieses Urteil
dabei als vollkommen gerecht und in Ordnung gilt. Gerechtigkeit ist unpersönlich
und dasselbe gilt für das Gesetz der Natur und das Gesetz Gottes.
Fehlt einem Individuum oder einem sozialen Körper der nötige
Grad an Unpersönlichkeit, kann sich daraus eine Gefahr, ein Monster
à la Frankenstein entwickeln, eine Schöpfung, die, anstatt
sich zur Universalität des Geistes hin zu bewegen, zu einem ernsthaften
Hindernis und zu einer Quelle großer Besorgnis werden kann, so daß
man sich in einer schlimmeren Situation wiederfindet, als es der Fall gewesen
wäre, wenn man keine soziale Gemeinschaft eingegangen wäre.
Um nun zusammenzufassen:
Erstens ist das soziale Leben nicht das letztendliche Ziel des Lebens,
da der Geist, der dieses letztendliche Ziel darstellt, keine soziale Struktur
ist, sondern unteilbares Sein. In der künstlichen Atmosphäre
einer solchen sozialen Struktur kann niemand wahre Glückseligkeit
finden, da es sich hierbei nicht um die Lösung des wahren Problems
handelt, sondern lediglich um ein Ausweichmanöver davor. Zweitens
wäre selbst die geringe Bedeutung, die man dem sozialen Leben vielleicht
zusprechen mag, nichtig, wenn dieses die Natur des Geistes nicht in sich
reflektiert, nämlich Universalität, Freiheit, Spontanität
und Abwesenheit von Zwang. Drittens ist das soziale Leben nicht nur ein
Mittel zur Herstellung von äußerer Sicherheit, sondern auch
ein Mittel für inneres Wachstum und Ausdehnung. Ließe man im
sozialen Leben Elemente und Grundzüge vorherrschen, die die Bedingungen
für ein weiteres Voranschreiten hin zur wahren Universalität
und Göttlichkeit unmöglich machen, würde dies für den
Geist einen derartigen Schmerz bedeuten, daß er keine Ruhe mehr finden
könnte, bis er die richtigen Mittel und Wege für ein bewußtes
Leben auf dem Pfad hin zu dem einzig möglichen Lebensziel gefunden
hat.
Wir könnten
dies als “die Geschichte von der Qual des Geistes” bezeichnen oder als
“das Epos des Kampfes der Seele, das Absolute zu erreichen”.
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