Der Aufstieg des Geistes
von Swami Krishnananda
13 Kloster
und Herd
Die Menschheitsgeschichte
ist seit Urzeiten von einer deutlichen Unvereinbarkeit zwischen den spirituellen
und den zeitlichen Werten durchzogen. Diese psychologische Kluft, die als
dauernder Störfaktor für das praktische Leben des Individuums
wirkt, hat viele Formen, die zum Teil persönlicher und zum Teil sozialer
Natur sind. Doch egal, welcher Natur dieses beständige Gefühl
auch immer sein mag, das unterbewußt in den Köpfen der Menschen
wirkt, es hat offensichtlich weitreichende Konsequenzen. Die Grenze, die
man üblicherweise zwischen dem religiösen Leben und dem weltlichen
Leben zieht, ist ein deutliches Beispiel für dieses Phänomen,
das sich nicht nur im Privatleben der Individuen manifestiert, sondern
auch auf den sozialen und politischen Ebenen des Lebens. Dieser in das
menschliche Denken festgebrannte Grundzug führt dazu, daß der
Mensch gelegentlich von einem inbrünstigen Drang zur Entsagung aller
irdischen Werte erfaßt wird, um den religiösen oder spirituellen
Werten nachgehen zu können, beziehungsweise dem, was er im Rahmen
seiner eigenen psychologischen Beschränkungen dafür hält.
Leider hat
dieses Phänomen jedoch auch seine negativen Seiten, die in den Schichten
des persönlichen Empfindens eine Spaltung geschaffen haben und ebenfalls
in der Lebensweise, die sich aus der Beziehung zur Sozialstruktur der äußeren
Umwelt ergibt. Das Ergebnis dieser historischen Trennung zwischen dem Religiösen
und dem Weltlichen, die jahrhundertelang von jedermann bestätigt worden
ist, kann letztlich nicht als gesund bezeichnet werden, da sie zur Unzufriedenheit
und einem Unglücksgefühl führt, das einer solchen Zwangsvorstellung
automatisch folgt. Betrachten wir an dieser Stelle eine der vielen Arten,
auf welche dieses psychologische Phänomen eine Spannung im Individuum
und in der Gesellschaft geschaffen hat; nämlich die Betonung auf einerseits
religiöse Bedürfnisse und andererseits weltliche Verlockungen.
Der Ruf zur
Entsagung und der Drang zur Arbeit können als die verschiedenen Gesichter
dieser, auf die menschliche Natur wirkende Kraft angesehen werden: der
Drang nach dem Kloster einerseits und nach der bequemen Wärme des
häuslichen Herdes andererseits. Einige der Zweifel, die sich unbemerkt
in die Herzen der Menschen einschleichen, können zu den folgenden
Fragen führen: Verlangt die Religion, den Freuden des Lebens zu entsagen,
und wenn ja, würde dies nicht auf einen sadistischen Auftrag zur Marterung
des ansonsten gesunden Lebens des Individuums hinauslaufen? Bedeutet Religion
das Aufgeben von Arbeit, insbesondere jener Arbeit, die als nicht zu verletzende
Pflicht angesehen werden sollte, wie etwa Dienst für die Familie,
für das Land, für die Menschheit, für die Armen und Unterdrückten?
Ist die religiöse Neigung nicht eine Hinwendung zur Selbstzentriertheit
und selbstsüchtigen Gefühllosigkeit gegenüber den Realitäten
des Lebens, ja gar eine Flucht vor den harten Tatsachen der Existenz und
eine krankhafte Abneigung gegenüber einer positiven Annäherung
an das Leben, ganz abgesehen davon, daß sie eine eindeutig egozentrische
Haltung zu sein scheint, die die eigene persönliche Befreiung von
den Leiden der Welt in einem transzendenten Gott zu finden sucht, während
die unwissenden, hungrigen und armen Brüder dieser Erde jene Qualen
erleiden müssen, die ihnen von einem grausamen Schicksal auferlegt
wurden?
Bevor wir
versuchen, eine Antwort auf all diese Zweifel und aufgeregten Einwände
zu finden, täten wir gut daran, die Argumente der Verteidigung in
ihren einleitenden Bemerkungen über die Natur des kritisierten Sachverhalts
zu beachten: Ist es wirklich wahr, daß der Einspruch der Soziallehre
auf frommen Motiven basiert? Wird eine gründliche Psychoanalyse nicht
sogar hinter der unwiderstehlichen Gesinnung, “anderen behilflich zu sein”,
einen versteckten Egoismus offenbaren? Es ist zweifelhaft, ob sich das
Individuum unter völlig ungünstigen Umständen, wie Verlust
des materiellen Besitzes, öffentlicher Schande und offener Kritik
verborgener Motive oder gar dem Erleiden von körperlichem Leid oder
Tod, immer noch auf dieses gefährliche Abenteuer einlassen würde,
anderen zu helfen. Es läßt sich sehr leicht erkennen, daß
hinter den Handlungen des Individuums nicht die gesamte menschliche Natur
steht, da jene Schichten der psychologischen Persönlichkeit, die tiefer
reichen als die bewußte und äußere Schicht, unsichtbar
vergraben liegen. Folglich ist es unmöglich zu schlußfolgern,
daß die Aktivitäten des menschlichen Individuums vom gesamten
Individuum ausgeführt werden, da die Gesamtheit des Individuums von
der bewußten Ebene nicht ausgefüllt wird. Das Unterbewußtsein
und die unbewußten Schichten üben eine eindrucksvolle Wirkung
auf die bewußten Aktivitäten aus. Da aber all das logische “für
und wider” und alle Argumente, die zur Rechtfertigung des eigenen Denkens,
Sprechens und Handelns angeführt werden, allein auf der bewußten
Ebene stattfinden, ist es schwer zu glauben, daß die Logik menschlichen
Verhaltens, die gewöhnlich zur Verteidigung herangezogen wird, letztendlich
haltbar ist. Die Freiheit des Individuums und die Möglichkeit, freie
Entscheidungen zu treffen, stehen somit auf unsicherem Boden.
Das Sozialbewußtsein
ist ein sehr interessantes Thema für eine genauere Untersuchung, da
es eine eigentümliche Wendung darstellt, die das individuelle Bewußtsein
in seiner Einschätzung von Werten vornimmt, indem es sich in ein Feld
ausdehnt, das nicht wirklich als sein eigener normaler Zuständigkeitsbereich
angesehen werden kann. Dies kann anhand einer Beobachtung des faszinierenden
Phänomens festgestellt werden, daß das Individuum immer dann,
wenn es durch soziale Umstände einer außergewöhnlichen
Belastung ausgesetzt ist, auf seinen Originalzustand zurückfällt
und sich in die Schutzhülle jener bewußten oder instinktiven
Handlungen zurückzieht, die sich unmittelbar mit der Erfüllung
der fundamentalen Triebe seiner psycho-physischen Struktur beschäftigen.
Wenn eine tiefgründige, auf die menschliche Natur angewandte, psychoanalytische
Untersuchung jedoch offenbart, daß das verbleibende Minimum der menschlichen
Natur eine Neigung zu individualistischer Handlung ist, worauf man zu guter
letzt als einzig erreichbaren und sogar vorstellbaren Zufluchtsort zurückgreifen
muß, stellt sich schließlich die Frage, warum es einen solch
beständigen Trend in jedermann gibt, soziale Formen wie Familie, Gemeinde,
Nation oder die Menschheit insgesamt so hoch zu preisen? Für den Psychoanalytiker
ist die Antwort leicht, indem er die Dinge einfach beim Namen nennt. Wie
der Spaten für ihn ein Spaten ist, so ist der Mensch für ihn
essentiell selbstsüchtig, so daß der Mensch seiner Natur nach
unmöglich selbstlos sein kann. Wenn man solch selbstlose Bewegungen
des menschlichen Geistes wie die des Dienstes am Nächsten und der
Nächstenliebe beobachten kann, dann nur deshalb, weil sich soziale
Beziehungen und Kooperation seit jeher als hilfreich dafür erwiesen
haben, die persönlichen Annehmlichkeiten zu mehren, die eigenen Sehnsüchte
zu befriedigen und sich vor möglichen Angriffen von außen zu
schützen. Die Psychoanalyse behauptet, daß die soziale Einstellung
nicht wirklich als selbstlos bezeichnet werden kann, da die Absichten der
sozialen Beziehung in Wahrheit selbstsüchtig sind, und ihr Motiv nicht
ganz so fromm ist, wie es nach außen hin den Anschein macht.
Diese Analyse
ist für den sozial gesinnten Menschen jedoch ohne Zweifel empörend,
lästerlich und frevelhaft, da sie anzweifelt, daß Güte
die motivierende Kraft hinter sozialen Beziehungen und menschenfreundlichen
Aktivitäten in Frage ist. Hierauf würde die Psychoanalyse erwidern,
daß dieser Unmut über die wissenschaftliche Analyse einer offensichtlichen
Tatsache nur ein weiterer Beweis für den Egoismus der menschlichen
Natur ist.
Wollen wir
nun die Zweifel und Fragen wieder aufgreifen, die der soziale Geist geneigt
ist, gegen seinen älteren Bruder namens “Religion” zu erheben, kann
zuerst einmal zugegeben werden, daß die formalistischen Religionen
der Welt schon immer ein enthaltsames Leben, eine Unterwerfung der Sinne
und eine Entsagung von irdischen Freuden befürwortet haben. Der Grund
dafür scheint zu sein, daß das Ewige als vom Zeitlichen verschieden
angesehen wird und daß die Werte des irdischen Lebens gegenüber
jenen, die dem ewigen Leben zugesprochen werden, für bedeutungslos
gehalten werden. Was die Frage betrifft, ob die Religion zu der Forderung
berechtigt ist, alle Arbeiten und Aktivitäten zugunsten eines Lebens
der inneren Versenkung oder der Meditation auf Gott aufzugeben, so lautet
die Antwort, daß diese Forderung oder zumindest dieser Vorschlag
der Religion ein logisches Ergebnis der traditionellen Unterscheidung zwischen
dem Zeitlichen und dem Ewigen ist. Wenn alles Sichtbare vergänglich
und das Ewige unsichtbar ist, führt das automatisch zu der Schlußfolgerung,
daß jeder Wert, der im Reich der Vergänglichkeit als lohnend
erachtet wird, unter Mühen ausgemerzt werden muß, damit sich
der Geist auf das konzentrieren kann, was andauernd und wahr ist. Ein Beispiel
hierfür kann zum Beispiel in der Mahabharata gefunden werden:
“Für das Wohl einer Familie mag ein Individuum geopfert werden; für
das Wohl eines Dorfes mag eine Familie geopfert werden; für das Wohl
eines Landes mag ein Dorf geopfert werden; und für das universelle
Selbst mag die ganze Welt hingegeben werden.”
Während
diese erste Betrachtungsweise als Standardantwort der traditionellen Religionen
auf den weltlichen oben geschilderten Einwand gegen die gesamte religiöse
Einstellung angesehen werden kann, ist es notwendig, die Gültigkeit
dieser üblichen Antworten näher zu untersuchen, die die organisierte
Religion zu ihrer Hauptverteidigung vorlegt. Der Fehler der traditionellen
Religion, die vermutlich die einzige Religion ist, die wir heutzutage noch
aktiv in der Welt vorfinden, ist es, daß sie anfällig dafür
ist, einen ungerechtfertigten Unterschied zwischen den weltlichen und den
ewigen Werten des Lebens zu machen. Was für gewöhnlich als Haltung
der Entsagung, der Enthaltsamkeit, der Sinneskontrolle, des Einsiedlerlebens
oder des Rückzugs in die Klosteratmosphäre bekannt ist, zeigt
bereits an seiner Oberfläche die Anfälligkeit dafür, eine
unangemessene Betonung auf Vergänglichkeit und Leiden des Lebens auf
Erden zu legen und eine verschwommene Hoffnung auf eine zukünftige
Freude im ewigen Leben zu hegen, wobei man zu verstehen gibt, daß
das Ewige außerhalb des Weltlichen liegt und zum weltlichen Leben
in keiner lebendigen Beziehung steht. Wenn ein großer Teil der Menschheit
heutzutage dazu neigt, mit Vorbehalt auf Kirchgänger, religiöse
und entsagende Menschen oder Mönche zu blicken, so ist der Grund dafür
der natürlichen Reaktion zuzuschreiben, mit der die vernachlässigten
weltlichen Werte auf das Zerrbild der ewigen Werte antworten, die sich
in der Maske einer veralteten und eingemotteten religiösen Gesinnung
im Namen der sogenannten Weltreligionen stolze Prunkbauten errichtet haben.
Es ist seltsam, daß die traditionellen Religionen versäumt haben,
die Lektion zu lernen, daß das Ewige im selben Moment aufhört,
ewig zu sein, in dem es von irgendeinem anderen existierenden Wert getrennt
wird, auch wenn dieser Wert weltlich oder lediglich empirisch sein sollte.
Zumindest in der spirituellen Kultur Indiens wird unmißverständlich
darauf hingewiesen, daß Gott auch innerhalb des Universums existiert
und nicht nur weit entfernt im Transzendenten. Die unnötige und falsche
Besessenheit vom Transzendenten allein, die dem Universum der weltlichen
Ereignisse konsequenterweise jegliche Wirklichkeit und jeden Wert abspricht,
ist die unhaltbare und irregeleitete Einstellung der populären Religion
der Massen, die unglücklicherweise selbst von der Elite oder den Intellektuellen
der modernen menschlichen Gesellschaft als die einzige Bedeutung der Religion
angesehen wird. Der wahre religiöse Geist erachtet Moksha oder die
Erlösung von den relativen Fesseln ohne Zweifel als das letztendliche
Ziel des Lebens, doch ist er zugleich auch klug genug, sowohl Artha oder
den materiellen und ökonomischen Werten als auch Kama oder den vitalen
und ästhetischen Werten, die in das weltliche Leben verwickelt sind,
Berücksichtigung zu schenken und die entsprechende Anerkennung zukommen
zu lassen. Und zwar nicht als ein krankhaftes Zugeständnis an das
Leben oder als eine für dieses Dasein charakteristische Erkrankung,
sondern als eine vorübergehende Notwendigkeit, die für das Wachstum
des Individuums hin zur universellen Wirklichkeit durch die schrittweise
umfassendere Transzendierung des Niederen zum Höheren von Bedeutung
ist. Das verbindende Glied zwischen Moksha einerseits und Artha und Kama
andererseits, oder die Kraft, die diese drei Aspekte in eine organische
Ganzheit verbindet, ist als Dharma oder das Gesetz des Lebens bekannt.
Wenn man sich
die organische Beziehung stets vor Augen hält, die zwischen dem Weltlichen
und dem Ewigen existiert, dann wird man erkennen, daß es keine Kluft
zwischen dem Kloster und dem Herd, zwischen dem Mönch im Tempel und
dem Publikum auf den Straßen, zwischen dem Sannyasin und dem
Grihasta geben kann. Es ist falsch zu glauben, daß wahre Religion
“jenseitsorientiert” ist und die Bedeutsamkeiten und angedeuteten Zusammenhänge
eines Lebens in der Welt völlig unbeachtet läßt. Die anscheinende
“Jenseitige-Welt-Mentalität” vieler populärer Religionen dagegen
ist wahrlich unglückselig, und es sind wohl auch diese falschen Vorstellungen
und einseitigen Haltungen, die als verantwortlich für die verschiedenen
reaktionären Bewegungen in der menschlichen Gesellschaft anzusehen
sind, die heutzutage so bedrohlich wuchern. Man muß in jedem gegebenen
Stadium der Evolution zwischen den notwendigen und den unnötigen Werten
des Lebens unterscheiden, und kein Wert kann als so falsch angesehen werden,
daß man ihn zurückweisen oder aufgeben müßte, solange
dieser auf einer bestimmten Ebene der individuellen Evolution als eine
unvermeidliche Notwendigkeit empfunden wird. Daß ein bestimmter Wert
in einem höheren Stadium der Evolution höchstwahrscheinlich der
Transzendenz unterworfen sein wird, rechtfertigt seine Aufhebung in dem
jeweiligen Stadium nicht, mit dem er im Moment untrennbar verbunden ist.
Die Vedanta-Philosophie erkennt den Wert der Vyavaharika-Satta, der empirischen
Realität, auf der Stufe, auf der sie erfahren wird, als unangreifbare
Realität und als richtig an, obwohl es sein kann, daß sie später
der Paramarthika-Satta oder der absoluten Wirklichkeit untergeordnet, darin
absorbiert oder transzendiert wird. Die Philosophie jener besonderen religiösen
Praxis, die als Tantra-Sadhana bekannt ist, pocht unermüdlich auf
die Notwendigkeit, die sichtbaren Werte des Lebens in einer alchimistischen
Umwandlung der gesamten organischen Lebensstruktur zum Zweck der Verwirklichung
des Absoluten eher zuzulassen und einzuschließen, als sie abzuleugnen
und auszuschließen.
Aus den obigen
Betrachtungen kann man folgern, daß jeder Versuch, Religion mit Sadismus,
Masochismus oder Kasteiung des Fleisches zu assoziieren, ungerechtfertigt
ist und auf der traurigen Unkenntnis von Ziel und Bedeutung der Religion
beruht. Religion ist die höchste Wissenschaft und Kunst von der Integration
der sozialen, individuellen, natürlichen und spirituellen Werte und
somit die Bewegung des gesamten Universums zum Absoluten, welches das wahre
Selbst ist. Das Absolute ist in einer derart gewaltigen Einschließlichkeit
das Selbst aller Wesen zugleich, daß es dem durchschnittlichen menschlichen
Verstand unmöglich sein dürfte, die Ausmaße dieser Wahrheit
auch nur ansatzweise zu begreifen. Religion verwirft den Wert der weltlichen
Aktivitäten und der Arbeit keinesfalls; wozu gäbe es sonst das
Hohelied der göttlichen Aktivität, bekannt als Karma-Yoga, das
das zentrale Thema jener ewigen Lehren ist, die in der Bhagavadgita verkörpert
sind? Wenn es gelegentlich zu einer Überbetonung des klösterlichen
Aspektes in der Religion und dabei zu der fehlerhaften Auslegung gekommen
ist, diese Lebensweise verachte den Wert der Arbeit, so muß dies
als das unglückselige Ergebnis eines falschen Verständnisses
von Religion angesehen werden. Kein großer Heiliger oder Weiser hat
jemals einen derartigen Fehler begangen und würde ihn auch niemals
begehen.
An dieser
Stelle muß aber auch unbedingt klargestellt werden, daß die
gänzliche Mißachtung von Religion durch den weltlichen Menschen
unbegründet und ungerechtfertigt ist, da die religiöse Aufforderung
zur Selbsttranszendenz in einer fortschreitenden Evolution des Individuums
hin zum Absoluten - auch wenn dieses durch Sublimation und Absorption die
niederen Werte beinhaltet - ihre Rechtfertigung in der unbegreiflichen
Natur der letztendlichen Wirklichkeit hat, in der sowohl “Beziehungen”
als auch “Widersprüche”, die ja für alle Arten des empirischen
Bewußtseins charakteristisch sind, überwunden werden. Auch dies
ist eine Tatsache, die niemand begreifen kann, der im Netz der empirischen
Relativität gefangen ist. Die Forderung der Religion, die Freuden
des Lebens aufzugeben, entspricht in etwa dem wissenschaftlichen Ratschlag
der Hygiene und Medizin, sich im Streben nach Gesundheit darum zu bemühen,
die im Körper bereits gegenwärtige Krankheit auszumerzen. Denn
was sind die Vergnügungen des Lebens letztlich anderes als eine Linderung
für die Irritation der Sinne und ein Hätscheln des Egos, aber
in keiner Weise eine Heilkur für deren krankhafte Rastlosigkeit. Die
Rastlosigkeit wird nämlich von Faktoren verursacht, die weit von jenen
entfernt sind, die üblicherweise als nützlich für die Befriedigung
der Sinnesbegierden und das lärmende Ego betrachtet werden. Die spirituelle
Praxis als eine Synthese aus dem “Dienst am Nächsten”, der “Hingabe
an Gott” und der “Meditation auf das Absolute” ist ein rundum wirksames
Allheilmittel gegen jede Krankheitsform des Lebens und ein gesundes erzieherisches
Verfahren, nicht nur sich selbst davor zu schützen, unvorsichtig in
die Störfelder und schmerzhaften Fehler verwickelt zu werden, die
so untrennbar mit dem relativen Leben verbunden sind, sondern ebenso die
harmonisierende Macht in das eigene Leben mit einzubeziehen, die kraftvoll
zu wirken beginnt, sobald man die wahre und letztendliche Bedeutung aller
Existenz versteht und lebt. |
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